Gewiß, auch Lessing hatte sich, wie wir wissen, auf das klassische

Altertum, auf das Testament Johannis und auf Spinoza berufen, aber

auf ganz anderem Untergrund als dem des bloßen Gefühls. Für Herder

dagegen sind sogar Charakter und _Genie_ dasselbe. »Genie oder (!)

Charakter« heißt ihm jede lebendige, eigenartige Menschenart. Kurz,

er hat, zusammen mit Hamann, in diesen Schriften eigentlich das

theoretische Programm der Genieperiode jener siebziger Jahre, in der

sie entstanden ist, entwickelt. Sie tragen, wie Kühnemann richtig

bemerkt, einen durchaus »faustischen« Charakter, erinnern an den Faust

der ersten Monologe, die ja wohl auch in ihrer Urgestalt ungefähr

zur selben Zeit entstanden sind, mit seinem Überdruß gegenüber

der bloßen Wortgelehrsamkeit, mit seinem Drängen nach urwüchsiger

Natur und Schöpferkraft, zum Schauen und Gefühl. Ja, man kann sogar

deutliche Parallelen im Ausdruck zwischen jenen ersten Faustszenen

und den Herderschen Schriften dieser Jahre feststellen. Trotzdem ist

von solchen Ähnlichkeiten in Gedanken und Ausdruck immer noch ein

weiter Weg bis zu der merkwürdigen These Günther Jacobys, der in einem

beinahe 500 Seiten zählenden Buche »Herder als Faust« (Leipzig 1911, F.

Meiner), übrigens mit viel Geist und Belesenheit zu begründen versucht

hat: nicht etwa bloß (was auch wir vielleicht zu unterschreiben geneigt

wären) Herdersche Gedanken seien in weitem Maße in jenen Teilen des

Urfaust enthalten, sondern geradezu _Herder_ sei _Faust_, d. h. _seine_

inneren und äußeren Erlebnisse seien in dem Faust des ersten Teils,

wenigstens bis zur Szene in Auerbachs Keller, enthalten. Ich empfehle,

obschon ich die These selbst ablehne, doch den Lesern, die sich für das

Problem interessieren, das wenig bekannt gewordene Buch zum Studium.

Beide letztbesprochenen Schriften Herders aber, »Auch eine Philosophie«

und »Vom Erkennen und Empfinden«, sind trotz ihres rein philosophischen

Titels im letzten Grunde religiöser Art: nur daß in der ersten die

allem Erdgeschehen zugrunde liegende Gottheit in der geschichtlichen

Entwicklung, in der zweiten im menschlichen Einzelwesen und seinem

Denken und Fühlen sich offenbart. Beide sind sie jünglinghafte

Vorläufer der beiden Hauptwerke aus Herders Reifezeit, die ihn

philosophisch auf der Höhe seiner Entwicklung zeigen: der »Ideen zur

Philosophie der Geschichte der Menschheit« (1784 ff.) und der Gespräche

über »Gott« (1786).

~B.~ Die Höhezeit

Am 1. Oktober 1776 waren Herders in die Stadt an der Ilm eingezogen.

Aber er fühlte sich in der neuen Umgebung in den nächsten Jahren noch

wenig wohl: vielmehr mannigfach eingeengt durch die zeitraubenden

Geschäfte seines Generalsuperintendentenamtes wie durch die Rücksichten

auf den Hof. Auch zu dem jungen Herzog, der ihn gerufen, ergab sich

keine erquickliche Stellung, vor allem aber nicht zu Goethe, der doch

diesen Ruf bewirkt, und der ihm jetzt in seinem kraftgenialischen

Treiben allem Lebensernste abgewandt schien, während Goethe in Herder

den ewig krittelnden Theologen erblickte.

In die ersten Weimarer Jahre fallen nur literarische Aufsätze, die wir

hier übergehen müssen. 1780/81 erscheinen seine bedeutsamen »_Briefe,

das Studium der Theologie betreffend_«, ein Erziehungsbuch für künftige

Geistliche. Sie wollen keinen Wissensstoff vermitteln, sondern zur

religiösen Persönlichkeit heranbilden. Die beiden ersten der vier Teile

des Buches handeln vom Alten und Neuen Testament, aber in durchaus

undogmatischem Sinne. Man soll die Bibel »menschlich« lesen, d. h. so

einfach und natürlich wie irgend ein anderes Buch. Zugleich nähert

er sich wieder der Wissenschaft: die jungen Theologen sollen die

Hilfsmittel der Sprachwissenschaft und der historischen Kritik nicht

verachten; freilich wird auch ihr Einklang mit dem wahren Glauben

hervorgekehrt. Dessen Kern ist die Persönlichkeit Jesu, der die volle

Offenbarung von Gottes Erziehungsplan mit der Menschheit und zugleich

das unendliche, vor jedem vor uns liegende Ziel darstellt. So ist denn

auch der dritte Teil, die »Dogmatik«, ganz undogmatisch, der Geist des

Christentums steht über allem Streit und Hader, erweist sich in Taten

der Liebe.

In den beiden nächsten Jahren (1782 und 1783) folgt dann das glänzende

Buch »_Vom Geist der hebräischen Poesie_«, das man nicht ohne Grund

als ein Seitenstück zu Winckelmanns Würdigung des Griechentums,

nämlich als erste tiefere Würdigung des morgenländischen Geistes

bezeichnet hat. Die Rückwendung zur Philosophie aber und zugleich

sein bedeutendstes philosophisches Werk wird veranlaßt durch das an

Goethes vierunddreißigstem Geburtstag (28. August 1783) neu beginnende

Freundschaftsverhältnis zu diesem. _Goethe_ steckte damals tief in

naturwissenschaftlichen Studien, von dem Streben getragen, die gesamte

Natur in ihrer lebendigen Einheit zu erfassen, bis sie zuletzt im

Menschen zum Bewußtsein ihrer selbst und ihres Schaffens gelangt.

Das paßte so recht zu Herders Grundgedanken. Und so kann man wohl

verstehen, wie beide sich in jener Zeit durch gegenseitiges geistiges

Geben und Nehmen täglich gefördert fühlten; wie denn Goethe von ihren

damaligen Unterhaltungen noch nach Jahren mit Wohlgefallen berichtet:

»Unser tägliches Gespräch beschäftigte sich mit den Uranfängen der

Wassererde und der darauf von alters her sich entwickelnden organischen

Geschöpfe. Der Uranfang und dessen unablässiges Fortbilden ward immer

besprochen und unser wissenschaftlicher Besitz durch wechselseitiges

Mitteilen und Bekämpfen geläutert und bereichert.« Aus solchen

Gesprächen entstand dann Herders größtes und reifstes Werk, dessen

erster Teil bereits im folgenden Jahre (1784) herauskam, die

1. Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit

Es liegt in der Natur der Dinge, daß jemand, der eine

Entwicklungsgeschichte der gesamten Menschheit in großem Stile zu

entwerfen versucht, weiter ausholt und der Menschheitsgeschichte eine

solche der belebten und unbelebten Natur vorausschickt. So hat Kant

seine Philosophie der Entwicklung -- denn eine solche verbirgt sich

trotz alledem hinter seiner kritischen Philosophie -- mit seiner

bekannten großartigen Weltentstehungslehre begonnen, um von da zu

geologischen und geographischen Studien fortzuschreiten, von ihnen

zur Anthropologie und zuletzt erst zu geschichtsphilosophischen

Abhandlungen überzugehen. Ähnlich beginnt ein Jahrhundert später

Herbert Spencer seine großgedachte Entwicklungslehre mit der

Philosophie des Unorganischen, um daran nacheinander die Prinzipien der

Biologie, Psychologie, Soziologie und Ethik zu schließen.

So setzt denn auch Herder mit astronomischen Betrachtungen ein;

sein erster Satz lautet: »Unsere Erde ist ein Stern unter Sternen«.

Immerhin ist es doch etwas stark, daß der ganze erste Teil mit

seinen fünf Büchern noch nichts vom eigentlichen Thema enthält, ja

selbst die weiteren fünf Bücher des zweiten Teils nur eben bis zur

wirklichen Menschheitsgeschichte heranführen. Vielmehr behandelt Buch

1 astronomische, geologische und physisch-geographische Fragen, Buch

2 und 3 solche der Biologie des Pflanzen- und Tierreichs, wie man

damals auch in der Sprache der Wissenschaft noch sagte. Allerdings

von vornherein im Vorausblick auf die »Krone der Schöpfung«, den

Menschen. Wie die Erde ein Mittelgeschöpf unter den Planeten, so

stellt der Mensch ein Mittelgeschöpf unter den Tieren der Erde dar.

Keine Frage, daß dieser das Ganze durchziehende Grundgedanke der

_Entwicklung_ äußerst fruchtbar ist, daß auch im einzelnen reiche

gedankliche Anregungen gegeben, daß insbesondere der zu seiner Zeit

im Grunde ja noch gar nicht bestehenden geographischen Wissenschaft

neue, fruchtbare Aufgaben gestellt werden. Auch der modernen

Abstammungslehre, dem _Darwinismus_, steht Herder bis zu einem gewissen

Grade nahe. Er betont immer wieder, daß die Pflanzen und die Tiere

nach einem Urtypus gebildet seien, somit ein Exemplar das andere

erkläre, daß eine Stufenleiter der auftretenden Unterschiede bestehe

-- man erinnere sich der gleichzeitigen »Metamorphose der Pflanzen«

und Entdeckung des Zwischenkieferknochens durch Goethe --, und daß

die verschiedenen Lebewesen _nach_einander aufgetreten seien. Er

nimmt auch, wie übrigens schon der alte Grieche Heraklit und unser

Walter von der Vogelweide, einen Kampf ums Dasein an: »alles ist im

Streit gegeneinander, weil alles selbst bedrängt ist«. Und er teilt

auch den Gedanken der Anpassung: daß nämlich die Formen des Lebenden

den gegebenen Bedingungen sich umwandeln. Indessen halten sich nach

seiner Meinung doch die durch äußere Einflüsse bewirkten Abänderungen

in verhältnismäßig engen Grenzen. Vor allem wird, trotz gelegentlicher

poetischer Sätze, wie: »der Menschen ältere Brüder sind die Tiere«, der

Mensch vom Tiere scharf abgegrenzt. Als der grundlegende Unterschied

wird übrigens nicht etwa, mit der heutigen Naturwissenschaft, das

verschiedene Gehirngewicht (das auch Herder schon kannte), angegeben,

sondern die aufrechte Stellung, die ihm die Hände frei machte und somit

zu aller Kultur führte.

Denn auf den Menschen und seine Kultur ist doch durch die »Vorsehung«

von Anfang an alles abgezielt. Der Mensch ist, wie die sieben Kapitel

des vierten Buches nacheinander ausführen, zur Vernunfttätigkeit, zur

Kunst und Sprache, zu feineren Trieben und zur Freiheit, zu längerer

Lebensdauer und stärkster Verbreitung über die Erde organisiert, zur

Humanität, Religion und Hoffnung auf Unsterblichkeit gebildet. Ja, der

heutige Mensch bildet höchstwahrscheinlich keinen Abschluß, sondern

bloß einen Anfang. Denn, wie auf unserer Erde eine Reihe aufsteigender

Formen und Kräfte herrscht, die auf einen zusammenhängenden

Fortschritt hinzielen, so ist selbst unsere Humanität nur die »Knospe

zu einer zukünftigen Blume«, und der jetzige Zustand der Menschheit

»wahrscheinlich das verbindende Mittelglied zweier Welten«.

Was den modern denkenden Naturwissenschafter von heute außer dem

poetischen Stile an diesen Gedanken stört, ist das beständige

vorzeitige Hineintragen von teleologischen, d. h. Zweckgedanken, des

Wozu? in die naturwissenschaftliche Forschung, die doch zunächst nach

Ursache und Wirkung der Dinge zu fragen hat. Aber diese teleologischen

Gedankengänge lagen in der Zeit; von ihnen, von dem beständigen

Einmischen der »Vorsehung« in den Natur- und Geschichtsverlauf, sind

auch Lessing, Schiller und Goethe nicht frei. Mehr noch stört, mich

wenigstens, die allzu gefühlsmäßige Art, die Herders ganzes Werk

durchzieht und, wie wir es freilich nach allem Bisherigen von ihm

erwarten mußten, Empfindungen allzuoft an Stelle von Gedanken setzt.

Das hielt doch auch schon ein zeitgenössischer Denker dem »geistreichen

Verfasser« entgegen. Es war kein Geringerer als Immanuel Kant, der

(zunächst anonym) am 4. Januar 1785 in der »Jenaischen Allgemeinen

Literaturzeitung« eine ausführliche Besprechung des ersten Teils von

Herders Werk veröffentlichte.[12] Er gab dem Leser -- wie es Pflicht

jedes wahrheitsliebenden Rezensenten ist -- ein objektives Bild des

Herderschen Gedankenganges. Er ließ auch den schriftstellerischen

Vorzügen seines einstigen Schülers alle Gerechtigkeit widerfahren,

rühmte den »vielumfassenden Blick«, ja das »Genie« des »sinnreichen

und beredten« Verfassers, seinen Scharfsinn in Auffindung von

Ähnlichkeiten, die Kühnheit seiner Phantasie, den »großen

Gedankengehalt«, die bei einem Theologen seltene Vorurteilslosigkeit

des Denkens und im einzelnen »manche ebenso schön gesagte als edel und

wahr gedachte Reflexionen«. Allein er vermißt, wie uns dünkt mit Recht,

die von einem Philosophen zu erwartende »logische Pünktlichkeit in

Bestimmung der Begriffe« und »sorgfältige Unterscheidung und Bewährung

der Grundsätze«. Er kennzeichnet die Hauptzüge von Herders Wesen: das

warme Gefühl, die durchaus persönliche Art, den dichterischen Stil,

das Schwelgen in Bildern und Gleichnissen als ebensoviel Schwächen des

_Philosophen_.

Herder aber empfand die Kritik Kants als hämisch und platt, als

»schief« und »umkehrend«. Und diese Empfindung wurde durch die

lehrhafte Schlußermahnung, er möge »seinem lebhaften Genie« künftig

»einigen Zwang auferlegen«, da die Aufgabe der Philosophie »mehr

im Beschneiden als im Treiben üppiger Schößlinge« bestehe, er

solle daher weniger durch Winke, Mutmaßungen und Gefühle als durch

wissenschaftliche Beobachtung und behutsame Vernunft zu wirken suchen,

keineswegs in ihm abgeschwächt. Wütend schrieb er einem Freunde: »Ich

bin vierzig Jahre alt und sitze nicht mehr auf seinen metaphysischen

Schulbänken.« Und die begeisterte Zustimmung seiner Freunde bestärkte

ihn darin. Nur Hamann nahm den ihm persönlich bekannten Königsberger

Denker dem Freunde gegenüber in Schutz, während Knebel in dem

Rezensenten einen »gelehrten Esel« und eine »lichtscheue Fledermaus«

erblicken wollte! Mit einer »Widerlegung« Kants in Wielands Teutschem

Merkur sprang auch ein Anonymus ihm bei, der sich dann als Wielands

Schwiegersohn K. L. Reinhold entpuppte und bald darauf in einen

begeisterten Anhänger Kants verwandelte.

Im Herbst 1785 erschien dann der _zweite_ Teil der »Ideen«. Auch er

beschäftigt sich, mit Ausnahme des einleitenden sechsten Buches,

das eine Art »Physiognomik«, also äußere Charakterisierung der

verschiedenen Menschenzweige (von Rassen will er nichts wissen)

entwirft, durchaus noch mit allgemeinen Problemen: insbesondere mit

der Wechselwirkung der inneren (Herder: »genetischen«) Kräfte der

Völker und ihrer äußeren, namentlich klimatischen Lebensbedingungen.

Jedes Volk besitzt einen einheitlichen Charakter, der eine besondere

Offenbarung der überall wirkenden göttlichen Kraft darstellt. Je

nach Klima und Bedürfnissen verändern sich auch der Gebrauch der

Sinne, die Phantasie, der praktische Verstand, die Empfindungen und

Triebe, die Begriffe von der Glückseligkeit, dazu tritt überall der

überwiegende Einfluß von Überlieferung und Gewohnheit. Das alles

wird mit zahlreichen anschaulichen Beispielen vom Naturzustand an

bis zur geschichtlichen Entwicklung belegt. Die Philosophie der

Menschheitsgeschichte besteht nicht in der Betrachtung der äußeren

Weltbegebenheiten, sondern in der Philosophie der Kultur und der

bildenden Kräfte der Menschheit, so wie sie sich geschichtlich

entfaltet haben. So setzt Herder hier seine sprachphilosophischen

Erörterungen (S. 71 f.) fort und untersucht die Entstehung der Künste

und Wissenschaften.

Besondere Mühe hat ihm -- wir kommen damit zu Herders

politischen Anschauungen

-- das Kapitel vom Staate (den »Regierungen«, wie er es nennt)

gemacht; er hat es unter Goethes Einfluß nicht weniger als dreimal

umgearbeitet, auch in seinen übrigen Schriften sich am seltensten

darüber geäußert. Die Politik lag seinem gefühlsmäßigen Denken

offenbar nicht. Auf diesem Gebiet ist er auch in den extremsten, ja

wir dürfen sagen: rückständigsten individualistischen Vorstellungen

befangen. Die Natur, und sie ist für ihn das Bestimmende, erschafft

bloß Familien und Völker, keine Staaten. Alle Regierungen verdanken

der Not und dem Krieg ihren Ursprung und sind lediglich um dieser Not

willen da. Es wird unseren Lesern vielleicht nicht unsympathisch sein,

wenn er bei dieser Gelegenheit gegen die einseitige, aber bis in die

jüngste Zeit auch bei uns noch vorherrschend gewesene Bewunderung der

Kriegshelden zu Felde zieht; so sagt er in starker Übertreibung einmal:

die berühmtesten Namen der Welt sind Würger des Menschengeschlechts,

gekrönte oder nach Kronen ringende Henker gewesen! Ebenso werden wir

seinen Kampf gegen jede Art von Despotismus, sein wahrhaft christliches

Eintreten für die Idee des ewigen Friedens, seine Auslegung des

»Gottesgnadentums«, wonach die Fürsten sich der ihnen von der Vorsehung

verliehenen Herrscherstellung durch eigene Mühe erst würdig machen

müssen, voll anerkennen. Auch sein, des Theologen, Eintreten für die

völlige Freiheit der wissenschaftlichen, künstlerischen und religiösen

Betätigung, gegen jede Art von Knebelung der Wissenschaft durch

»Inquisition« oder Zensur. Manche Theologen von heute könnten sich ein

Muster daran nehmen!

Um so mehr zu bedauern und höchstens durch die damaligen politischen

Zustände erklärlich ist es, daß er den Wert des _Staates_ noch so wenig

erkennt, daß er ihm bloß als eine künstliche Maschine erscheint. Wenn

Herder in der Glückseligkeit der einzelnen den Endzweck der Menschheit

sah, so fragte ihn Kant in seiner Besprechung des zweiten Teils der

»Ideen« mit Grund: ob er denn etwa das Wohlbehagen der im bloßen

Genusse, wie glückliche Rinder oder Schafe, dahinlebenden Bewohner

der schönen Südseeinsel Tahiti als höchstes Ziel der Menschheit

betrachte? Ein Ziel, dem Kant sein eigenes Ideal einer »nach Begriffen

des Menschenrechts geordneten Staatsverfassung« gegenüberstellte.

Von einer Antwort Herders auf diese Frage ist uns nichts bekannt.

Dieser hatte seinerseits, ohne Kants Namen, dessen in seiner ersten

geschichtsphilosophischen Schrift »Idee zu einer allgemeinen Geschichte

in weltbürgerlicher Absicht« (1784) aufgestellten Satz angegriffen,

daß die Naturanlagen des Menschen nicht im Individuum, sondern in

der Gattung zu vollständiger Entwicklung zu kommen bestimmt seien.

Auch dies weist der kritische Philosoph in seiner Besprechung mit

überlegener Ruhe zurück.

Wir werden auf Herders politische Ansichten bei seiner Stellung zur

Französischen Revolution noch einmal kurz zu sprechen kommen. Hier sei

nur um der Vollständigkeit willen noch erwähnt, daß das letzte (zehnte)

Buch des zweiten Teiles die mehr geographische Frage der Urheimat des

Menschengeschlechts erörtert, die er in Asien findet. Auch kommt er

bei dieser Gelegenheit auf seine »Älteste Urkunde« (S. 73) und deren

Zuverlässigkeit zurück. Er geht sogar so weit, mit der mosaischen

Überlieferung als Tatsache anzunehmen, höhere Geister (die Elohim)

hätten den ersten Menschen die Sprache gelehrt!

Erst der dritte, Ostern 1787 erschienene Teil des Werkes geht dann

zur eigentlichen Geschichte über. Er beschäftigt sich zunächst mit

den Völkern Ost- und Südasiens, sodann mit Vorderasien und Ägypten,

darauf mit der griechischen Kultur und zum Schluß mit der ihm weniger

liegenden römischen Geschichte. Mit jener genialen Nachempfindung,

die von jeher seine Stärke war, die Lücken der damaligen

Geschichtsforschung und Völkerkunde ersetzend, weiß er von jedem dieser

Völker ein charakteristisches Bild zu entwerfen. Die Hebräer treten in

diesen Jahren des Geistesbundes mit Goethe gegenüber ihrer früheren

Vorzugsstellung zurück. Im vollen Glanze seiner Schönheit erscheint

dagegen das Griechentum. Das farbenreiche Gemälde der altgriechischen

Sprache, Religion, Kunst, Sitte und Politik gehört zu den glänzenden

Partien des Werks.

Seinen Abschluß erhält der dritte Band wieder durch eine Reihe

allgemeiner Ausführungen (Buch 15), welche die Ergebnisse des

Bisherigen und so eigentlich die Summe seiner Geschichtsphilosophie

ziehen. Die gesamte Menschheitsgeschichte erscheint hier als »eine

reine _Natur_geschichte menschlicher Kräfte, Handlungen und Triebe nach

Ort und Zeit«. Die Philosophie der Endzwecke, die Frage des _Wozu_?

statt des _Woher_? wird jetzt ausdrücklich abgewiesen. Trotz alledem

waltet in der Geschichte ein tiefer Sinn und Zweck. Dieser Zweck ist,

wir wissen es schon und hören es hier aufs neue, die _Humanität_. Wie

in der äußeren Natur, so dienen auch in der Geschichte die zerstörenden

Kräfte letzten Endes den erhaltenden. Der Gang der Geschichte ist

zwar voll abgerissener Ecken, voll aus- und einspringender Winkel,

aber er führt im ganzen doch vorwärts. »Es ist«, so schließen diese

Betrachtungen, »keine Schwärmerei, zu hoffen, daß, wo irgend Menschen

wohnen, einst auch vernünftige, billige und glückliche Menschen wohnen

werden; glücklich nicht nur durch ihre eigene, sondern durch die

gemeinschaftliche Vernunft ihres ganzen Brudergeschlechts.«

Damit wird freilich, wie Herders Biograph Rudolf Haym (II, 236) richtig

bemerkt, die Geschichtsphilosophie zum frommen Glauben, das Naturgesetz

zum moralischen Gebot, das Herder denn auch etwas verschwommen also

formuliert: »Der Mensch sei Mensch, er bilde sich seinen Zustand nach

dem, was er für das Beste erkennt.« So wird der letzte Zweck der

Geschichte, den Herder ja freilich nur in der Glückseligkeit der

einzelnen erblickt, _sittliche Aufgabe_ des Menschen: eine an sich

richtige Erkenntnis, die nur nicht, wie es in den »Ideen« geschieht,

mit der naturwissenschaftlichen Darstellung dieser Geschichte vermischt

werden darf.

Über den erst 1791 veröffentlichten _vierten_ und letzten Teil der

»Ideen« können wir uns kurz fassen. Er leitet zu der Geschichte

des Mittelalters über, die er dann in knapper Übersicht schildert.

Das Bedeutendste darin ist die außerordentlich scharfe _Kritik_

des _Christentums_ und seiner Hierarchie im 17. bezw. 19. und die

Schilderung des Endes dieser Zeit im 20. Buche. Das Christentum

erscheint, offenbar wieder unter Goethes Einfluß, in wesentlich

anderer, ungünstigerer Beleuchtung als in der Bückeburger Periode.

Es ist fast, als ob ein Aufklärer diesen Abschnitt geschrieben

hätte. Vorangestellt wird die Person Jesu in ihrer rein menschlichen

Größe. Dann aber in den stärksten Gegensatz zu der Religion Jesu die

»Religion _an_ dich« (Lessing und Kant: die Religion _über_ Christus)

gestellt, die an die Stelle »deines lebendigen Entwurfs zum Wohl der

Menschen« die »gedankenlose Anbetung deiner Person und deines Kreuzes«

setzte: der »trübe Abfluß deiner reinen Quelle«. Die berühmte dunkle

Schilderung der _mittelalterlichen Kirche_, die ein Jahr später Kant

zu einem anderthalb Seiten langen Satze seiner »Religion innerhalb der

Grenzen der bloßen Vernunft« formte, wird in dem ausführlichen Kapitel

des Generalsuperintendenten der evangelischen Kirche Sachsen-Weimars

noch überboten. Schon in der ersten christlichen Zeit die »jüdische

Dialektik« des Apostels Paulus, die Auffassung der Welt als eines

großen Hospitals und der Kirche als Almosenkasse. Dann die Folgsamkeit

der unmündigen Laienschaft, die endlosen elenden Lehrstreitigkeiten,

die Konzile und Synoden, vielfach »eine Schande des Christentums und

des gesunden Verstandes«, der »fromme Betrug« zum Prinzip erhoben, die

Ausartung der Taufe in eine Teufelsbeschwörung, des Abendmahls zum

»sündenvergebenden Mirakel«, zum »Reisegeld in die andere Welt«. Später

das dem Geist Christi ganz fremde widersinnige Mönchs- und Nonnentum;

schließlich das »zweiköpfige Ungeheuer« des Staatschristentums (das ja

erst zu unseren Zeiten allmählich aus Europa zu weichen beginnt. K.

V.).

Sodann wird die Vermischung des Christentums mit einem Meer

andersartiger Anschauungen: der morgenländischen, griechischen,

lateinischen und zuletzt dem Geiste der germanischen Barbaren verfolgt,

wodurch es in der Tat jedesmal eine andere Form angenommen hat (was

man bis zur Gegenwart fortsetzen könnte. Wo bleibt da das »Wesen« des

Christentums? K. V.). Gewiß, er _bedauert_ es, sein früheres Lob des

Mittelalters -- man denke an die Bückeburger Zeit! -- einschränken

zu müssen. Er erkennt auch den relativen Wert mancher hierarchischen

Einrichtungen an; er weilt gern in der »schauerlichen« Dämmerung

der ehrwürdigen mittelalterlichen Dome. Allein er schätzt sie im

besten Falle doch nur als eine »grobe Hülse der Überlieferung«,

die von der Kraft und dem überlegenden Verstand derer (die großen

Päpste des Mittelalters!) zeugen, die »das Gute in sie legten«. Aber

einen bleibenden Wert besitzt sie nicht: »wenn die Frucht reif ist,

zerspringt die Schale«.

Die Philosophie unserer Klassiker: Lessing, Herder, Schiller, Goethe · 第 7 / 17 段