Dieser selbe _Kant_, jetzt achtunddreißigjähriger Magister an der

Akademie, also noch nicht Mitglied der Fakultät, aber »für sich allein

eine ganze Fakultät«, wie Rudolf Haym sagt, ist der erste große Geist

gewesen, der einen nachhaltigen Einfluß auf das begeisterungsfähige

Gemüt des jugendlichen Herder geübt hat. Wie gerade begabtere Jünglinge

auf der Universität oft von einem einzigen hervorragenden Lehrer mehr

Anregung empfangen als von allen anderen zusammen, so war es auch hier.

Elf Tage nach seiner Immatrikulation, am 21. August 1762, sitzt er

zum erstenmal zu den Füßen des schon damals beliebten Magisters, der

gerade über den Zusammenhang von Geist und Körper spricht, sich über

den Gespensterglauben in behaglicher Ironie ergeht und schließlich

das Problem vom Dasein Gottes behandelt. Von Stund' an hörte er alle

Vorlesungen des geliebten, auch poetisch von ihm gefeierten Weltweisen:

Logik, Metaphysik, Moral, Mathematik, physische Geographie. Kant

gewährte dem talentvollen, aber armen Studenten, der einmal auch des

Philosophen Ideen über Zeit und Ewigkeit in Verse setzt, die dieser

dann am nächsten Morgen mit Anerkennung seinen Zuhörern vorlas, den

unentgeltlichen Besuch aller seiner Vorlesungen. Noch nach mehr als

einem Menschenalter, in seinen Humanitätsbriefen (1795), hat der

Dichter dankbar dieser Lehrstunden Magister Kants gedacht: »Ich habe«,

sagt er dort, »das Glück genossen, einen Philosophen zu kennen, der

mein Lehrer war. Er, in seinen blühendsten Jahren, hatte die fröhliche

Munterkeit eines Jünglings, die, wie ich glaube, ihn auch in sein

greisestes Alter begleitet. Seine offene, zum Denken gebaute Stirn war

ein Sitz unzerstörbarer Heiterkeit und Freude. Die gedankenreichste

Rede floß von seinen Lippen; Scherz und Witz und Laune standen ihm

zu Gebot, und sein lehrender Vortrag war der unterhaltendste Umgang.

Mit eben dem Geist, mit dem er Leibniz, Wolff, Baumgarten, Crusius,

Hume« -- die angesehensten Philosophen der Zeit -- »prüfte und die

Naturgesetze Keplers, Newtons, der Physiker verfolgte, nahm er auch

die damals erscheinenden Schriften Rousseaus, seinen Emil und seine

Heloise, sowie jede ihm bekannt gewordene Naturentdeckung auf, würdigte

sie und kam immer zurück auf die unbefangene Kenntnis der Natur und auf

moralischen Wert des Menschen. Menschen-, Völker-, Naturgeschichte,

Naturlehre, Mathematik und Erfahrung waren die Quellen, aus denen

er seinen Vortrag und Umgang belebte. Nichts Wissenswürdiges war

ihm gleichgültig; keine Kabale, keine Sekte, kein Vorteil, kein

Namensehrgeiz hatte je für ihn den mindesten Reiz gegen die Erweiterung

und Aufhellung der Wahrheit. Er munterte auf und zwang angenehm zum

Selbstdenken; Despotismus war seinem Gemüt fremde. Dieser Mann, den ich

mit größter Dankbarkeit und Hochachtung nenne, ist _Immanuel Kant_;

sein Bild steht angenehm vor mir.«

Diese Charakteristik des einstigen Lehrers ist für unseren Zweck

auch deshalb von besonderem Wert, weil sie uns schon hier einen

hervorstechenden Zug von Herders eigenem Philosophieren zeigt. Weniger

die systematische Philosophie zieht ihn an, als die geistreiche, über

alle Gegenstände des geistigen Lebens der Menschheit und die Natur in

freier Rede sich ergehende Art des Lehrers, wie er denn schon damals

sich selbst das Philosophische ins Dichterische übersetzte. So waren

und blieben ihm denn auch von Kants Schriften diejenigen am liebsten,

die am wenigsten philosophische Systematik enthielten: wie die populär

geschriebenen »Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen«

(1764) und die von ihm in einer Königsberger Zeitung besprochenen

»Träume eines Geistersehers« (1766). Daneben ließ er sich durch Kant zu

Hume und Rousseau leiten, von denen ihn der letztere in seiner Natur-

und Gefühlsbegeisterung, der schottische Skeptiker in seiner Abneigung

gegen metaphysische Spekulation bestärkte. Indessen schon in zwei 1767

zwischen beiden gewechselten Briefen macht sich, bei aller Wärme in

der Form, für ein feineres Auge doch bereits die allmählich zwischen

Lehrer und Schüler sich öffnende Kluft -- dort Vernunft, hier Gefühl --

bemerkbar.

So sollte denn auch schon in der ostpreußischen Hauptstadt eine ihm

kongenialere Persönlichkeit von völlig entgegengesetzter Natur einen

noch stärkeren Einfluß auf des jungen Herder rasch aufloderndes

Gemüt gewinnen. Es war der damals noch ohne festen Beruf in seinem

Elternhause lebende sogenannte »Magus des Nordens« Johann Georg

_Hamann_ (1730 bis 1788). In geradem Gegensatz zu seinem Landsmann

Kant, stellt Hamann die Leidenschaft über die Vernunft, das persönliche

Gefühl über den besonnenen Willen, Tradition und Geschichte über

philosophische Abstraktion und den vieldeutigen Begriff des »vollen,

strömenden _Lebens_« über den »leeren Wortkram«, die trockene

»Schulfuchserei« und das »scholastische Geschwätz« der Philosophen.

Dieser Herder rasch ans Herz gewachsene wunderliche Mensch sucht nicht,

sondern _flieht_, wie Kühnemann treffend sagt, den Zusammenhang der

Gedanken, bewegt sich grundsätzlich in Gedanken_sprüngen_. »Wahrheiten,

Grundsätzen, Systemen«, so schreibt er selbst 1759 an seinen Freund

Lindner, »bin ich nicht gewachsen.« Seine Sache sind vielmehr nach

seinem eigenen Geständnis »Brocken, Fragmente, Grillen, Einfälle«. Gott

verlangt von uns »keine Kopfschmerzen, sondern Pulsschläge«. So lebt

und webt er in den oft willkürlichsten Einfällen, Ahnungen, Gefühlen.

Demgemäß ist auch sein zwar geistvoller, aber durchaus sprunghafter,

absichtlich in Dunkelheiten sich ergehender Stil.

Im Mittelpunkt des Hamannschen Denkens steht, nicht ohne daß eine auf

ein ziemlich übles Weltleben in London erfolgte plötzliche Bekehrung

dazu beigetragen hätte, die rein gefühlsmäßig aufgefaßte Bibel. Daneben

die Offenbarung Gottes in _Natur_ und _Geschichte_. Beide sind ihm

nichts anderes als »verborgene« Chiffern, deren »Schlüssel« wir in

der Heiligen Schrift finden, und schließlich auch in der _Sprache_.

Voll seherischen Tiefblicks zeigt sich Hamanns Genie, wenn er in

die Ursprünge des geistigen Lebens bei dem einzelnen wie bei ganzen

Völkern, in die Anfänge und das Wachstum der Sprache, insbesondere

der Poesie, dieser »Muttersprache des menschlichen Geschlechts«,

hineinleuchtet. Er will, wie ein Jahrhundert später sein religiöser

Gegenfüßler Friedrich Nietzsche, seine Leser nicht überzeugen, sondern

erregen, unter sich zwingen.

Und dieser Mann ist mehr als irgendein anderer fortan -- mit Ausnahme

einer kurzen Zeit, von der wir noch sprechen werden -- von Einfluß auf

den leicht erreg- und entzündbaren Herder geworden. In ihm fand er,

wie seine Gattin in den »Lebenserinnerungen« bezeugt, »was er suchte

und bedurfte: ein mitempfindendes, liebevolles, glühendes Herz, ...

einen an Gemüt und Geist hohen, geweihten Genius. So trug er seinen

Hamann im Herzen, die innigste Sympathie verknüpfte sie beide für Zeit

und Ewigkeit.« Noch später in Weimar war es für ihn stets ein Festtag,

so oft er einen Brief seines geliebten Hamann aus Königsberg, zuletzt

aus Münster erhielt; »seine ganze Seele war bewegt, Freudentränen

standen in seinen Augen.«

2. Die literarisch-ästhetische Epoche

1765 bis 1772 (Riga, Reiseleben, Straßburg)

Zu Ende des Jahres 1764 begleitete der »Magus« den scheidenden

jungen Freund bis zum Tore. Denn dieser hatte sich entschieden, eine

Lehrstelle an der Domschule zu _Riga_ anzunehmen, wurde später dort

auch ein gern gehörter Prediger, der echtes Deutschtum und echtes

Menschentum -- auch heute noch keine Gegensätze! -- zu vereinen

wußte und, in diesem Falle doch mit Hamann nicht identisch, ein

Christentum von durchaus freier, humaner Form vertrat. Daneben

aber begann jetzt seine, bisher nur in einzelnen Gedichten und

Selbstniederschriften geübte, Schriftstellerei. Im Jahre 1767

(kleinere Aufsätze müssen wir übergehen) erschienen, noch ohne seinen

Namen, seine »Fragmente über die neuere deutsche Literatur«, 1769

seine »Kritischen Wälder«. Diese beiden Schriften, die Herders Namen

zuerst in den literarischen Kreisen bekannt machten, haben zwar große

Bedeutung für die Literaturgeschichte, nicht in gleichem Maße aber

für die Philosophie. Erinnert die erste schon in ihrem Titel an die

Literaturbriefe Lessings, mit dem überhaupt Herder fast sein ganzes

Leben hindurch in Zustimmung und Widerspruch sich beschäftigt hat, so

sind die »Kritischen Wälder« in ihrem wichtigsten Teile eine Kritik und

Weiterbildung des »Laokoon«. Gegenüber dem Allgemeingültigen, das für

Lessing wie später für Kant die Hauptsache ist, betont Herder schon

hier mit Vorliebe die Berechtigung des _Individuellen_ und historisch

Gewordenen. Lessings Zweiteilung in Malerei und Poesie stellt er die

Dreiteilung in bildende Künste, Tonkunst und Dichtkunst entgegen, die

den drei Grundbegriffen: Raum, Zeit und _Kraft_ entsprechen. Von der

Malerei wird bestimmter die Plastik abgegrenzt, der er auch eine

besondere, freilich erst ein Jahrzehnt später veröffentlichte, Schrift

gewidmet hat. Die Malerei ist die Kunst des Gesichts-, die Musik die

des Gehör-, die Plastik die des Tastsinns, die Dichtkunst die der

Phantasie.

Schon aus diesen kurzen Andeutungen sehen wir, daß Herder reich an

anregenden, zum Teil auch neuen Gedanken ist, ohne doch im eigentlichen

Sinne selbstschöpferisch zu sein. Übrigens hält es seine unruhige,

bewegliche und auch -- selbstbewußte Natur auf die Dauer nicht in

der immerhin doch abgelegenen Baltenstadt. Er tritt im Mai 1769

eine große Seereise nach dem Westen mit zunächst noch unbestimmtem

Ziele an. Auf dieser Fahrt gibt er sich nun aber nicht etwa bloß,

wie man denken könnte, dem Naturgenuß des freien Meeres hin, sondern

schreibt in seinem noch erhaltenen _Reisetagebuch_ -- der »Meister«

der gegenwärtigen »Schule der Weisheit« in Darmstadt Graf Keyserling

hat also einen berühmten Vorgänger -- allerlei Bekenntnisse,

Selbstschilderungen, Rückblicke in die Vergangenheit und Vorblicke

in die Zukunft nieder, die nicht nur eine noch heute anziehende

Lektüre bilden, sondern auch für das Verständnis seines innersten

Wesens von Bedeutung sind. Einen besonders breiten Raum nimmt darin,

seiner bisherigen praktischen Wirksamkeit entsprechend, das Problem

der _Erziehung_ ein. Er entwirft mancherlei, für seine Zeit sehr

fortgeschrittene Volksbildungspläne und Zukunftsschulentwürfe, die zum

Teil heute noch unsere Gedanken beschäftigen: wie die stärkere Betonung

der damals noch ganz zurücktretenden Realien, insbesondere Geschichte,

Geographie und Naturkunde, Beginn mit französischem Unterricht an

Stelle des alten scholastischen Lateinbetriebs. Er fordert lebendigen

Lektüre- und anregenden Philosophieunterricht, dessen Methode, wie bei

Rousseau und Kant, eine natürliche sein soll. Er träumt davon, der

Bildungsreformator der Ostseeprovinzen, ja Rußlands zu werden, denkt

auch an eine gründliche Reform der philosophischen Wissenschaften

und »einen lebendigen Unterricht darin im Geiste Kants«. Und daneben

an das, was dann auch wirklich seine philosophische Haupttat werden

sollte: an eine zusammenfassende, auf völkerpsychologischer Unterlage

ruhende _Philosophie_ der Menschheits_geschichte_; Montesquieu soll

dabei sein Vorbild sein. In Paris lernt er den ihm in mancher Beziehung

geistesverwandten Diderot kennen, studiert er bildende Kunst und

Theater. Dann reist er über Holland und Hamburg, wo er vierzehn

anregende Tage im Umgang mit Lessing verlebt und mit Matthias Claudius

Freundschaft schließt, nach Eutin, um für drei Jahre Reisebegleiter

eines dortigen sechzehnjährigen Prinzen zu werden. Mit ihm reist er

über Darmstadt, wo er seine spätere Frau, die zwanzigjährige Karoline

Flachsland, kennenlernt, nach Straßburg.

Sein _Straßburger_ Aufenthalt, der ihn bald von der lästigen

Reisebegleiterstellung löst, aber durch eine nötig gewordene Augenkur

sich noch über ein halbes Jahr in die Länge zog, ist, seitdem Goethe

ihn zum erstenmal in »Dichtung und Wahrheit« erzählt, mehr als

hundertmal in seiner Wichtigkeit für unsere literarische Entwicklung,

vor allem für die des jugendlichen Goethe, geschildert worden. Er

ist in der Tat in dieser Hinsicht kaum zu überschätzen. War in der

Schätzung Homers und Shakespeares Lessing schon vorangegangen, so

hat doch erst Herder ihr freie Bahn gebrochen, vor allem aber im

_Volkslied_ und der Volksdichtung überhaupt den Keim aller echten

Poesie enthüllt. Der »Auszug aus einem Briefwechsel über Ossian und

der Lieder alter Völker«, denen dann später die epochemachenden

»Stimmen der Völker in Liedern« folgten, sowie die »Abhandlung über

Shakespeare«, die beide 1773 in dem berühmten Hefte »Von deutscher

Art und Kunst« veröffentlicht wurden, sind in jener Straßburger Zeit

entstanden.

Ins philosophische Gebiet gehört aus jener Zeit nur die aus Anlaß

eines Preisausschreibens der Berliner Akademie Ende 1771 in wenigen

Wochen niedergeschriebene Abhandlung »_Über den Ursprung der

Sprache_«. Bis dahin gab es über diesen Gegenstand drei Theorien:

1. die orthodox-kirchliche, daß die Sprache dem Menschen von Gott

unmittelbar anerschaffen sei; 2. die seit Aristoteles bei den meisten

Philosophen übliche, daß sie von den Menschen durch willkürliche

Übereinkunft (»Konvention«) behufs gegenseitiger Verständigung

eingeführt worden sei; dazu war neuerdings 3. die von dem französischen

Sensualisten Condillac aufgestellte gekommen, wonach sie aus der

tierischen sich allmählich entwickelt habe. Demgegenüber vertritt

nun Herder einen neuen, vermittelnden Standpunkt. Der Ursprung der

Sprache ist auch ihm kein willkürlich künstlicher, sondern ein

natürlicher. Rein menschlich aber auch darin, daß die Sprache im

engeren Sinne des Worts sich doch grundsätzlich von den uns mit den

Tieren gemeinsamen bloßen Empfindungslauten unterscheidet. Sie ist

erst mit der »Besinnung« des Menschen auf sich selbst, also mit dem

Denken entstanden, wenn auch in allen ursprünglichen Sprachen noch

Reste reiner Naturlaute sich finden. Ferner: je näher der Mensch noch

dem Naturzustande steht, desto sinnlicher, aber auch poetischer ist

seine Sprache; je stärker das bewußte Denken sich in ihm entwickelt,

desto abstrakter (begriffsmäßiger) wird sie. Unter dem Einfluß des

verschiedenen Klimas und der verschiedenen Lebensweise bildeten sich

dann verschiedene Sprachen auf der Erde aus. Und so findet denn die

Sprachenentwicklung und damit die gesamte Bildung der Menschheit

im Zusammenhang mit der nach einem höheren Plane fortschreitenden

Entwicklung des Menschengeschlechts überhaupt statt. Damit geht die

_Sprach_philosophie in die später von uns besonders zu behandelnde

Herdersche _Geschichts_philosophie über. Seine Abhandlung von 1772 aber

hat in Deutschland den ersten Grund zu einer brauchbaren Sprachtheorie

gelegt, auf der dann, mit Wilhelm von Humboldts Forschungen beginnend,

allmählich die moderne Sprach_wissenschaft_ sich aufbauen konnte.

Unterdessen hatte ihres Verfassers wechselvoller äußerer Lebensgang

eine neue Wendung erfahren. Der Siebenundzwanzigjährige war im April

1771 als Oberpfarrer und Konsistorialrat nach Bückeburg übergesiedelt.

Damit beginnt eine neue Epoche seiner geistig-seelischen Entwicklung,

eine

3. Vorherrschend religiöse Periode

1772 bis 1776

In der kleinen Residenzstadt Bückeburg, zwischen einem aufgeklärten,

aber donquichotteartigen Grafen, der sich durch seine Soldatenspielerei

bekannt gemacht hat, und seiner gemütstiefen, pietistischen Gemahlin,

seinen Amtspflichten noch fremd gegenüberstehend, ohne Freund, bis er

im Mai 1773 seine Karoline als Gattin heimführt, fühlt sich Herder in

den zwei ersten Jahren äußerlich wie innerlich vereinsamt. So macht

er denn jetzt eine neue innere Wandlung durch. Der Aufsatz Ȇber den

Ursprung der Sprache« hatte ihn der Aufklärung nahe gezeigt und

deshalb auch das Mißfallen Hamanns erregt, mit dem daher ein beinahe

dreijähriges Stocken des Briefwechsels eingetreten war. Jetzt wendet er

sich zu ihm zurück und dem gleichgearteten Lavater in Zürich zu. Von

nun an gründet er seine Weltanschauung ganz auf _religiöse_ Gedanken,

die ihn von der strengen Wissenschaft abführen, seinen Schriften

einen rein persönlichen Charakter geben, ihn oft in sich selbst sich

zurückziehen lassen. Er entscheidet sich endgültig für den geistlichen

Beruf, stellt gegenüber der »herzensarmen« und »gedankenlosen« Zeit

sein Leben auf Gott, schreibt eine Reihe -- bezeichnenderweise sämtlich

unvollendet gebliebener -- _theologischer_ Schriften.

Wir lassen die rein theologischen, wie die fünfzehn »Blätter an

Prediger« (1774), die »Erläuterungen zum Neuen Testament« durch

Vergleichung mit der Lehre des altpersischen Zendavesta (1775) und

»Maran Atha, das Buch der Zukunft des Herrn« (1779), eine Arbeit

über die Offenbarung Johannis, beiseite und beschränken uns auf die

merkwürdige »_Älteste Urkunde des Menschengeschlechts_« (1774 bis

1776), womit die ersten Kapitel des ersten Buches Mose gemeint sind.

Herder deutet sie nicht etwa rationalistisch, wie ein Jahrzehnt später

Kant in seinem »Mutmaßlichen Anfang der Menschengeschichte« und Kant

nachfolgend Schiller es getan haben, sieht sie aber auch nicht als

absolute göttliche Heilswahrheit an, sondern -- als ein wundervolles

Beispiel morgenländischer _Natur_empfindung und zugleich urältester

Offenbarung Gottes in der Natur. In Wahrheit liegt ihm zufolge dieser

Moses zugeschriebenen, aber einer orientalischen Gesamtanschauung

entstammenden Schöpfungsgeschichte das Bild eines -- werdenden Tages

zugrunde und ist in den Anordnungen des uralten »Schöpfungslieds«

eine geheime Bilderschrift, geteilt nach der heiligen Siebenzahl,

versteckt! Wir gehen nicht weiter auf diese und andere Phantasien

ein, die natürlich auch damals nur bei Hamann und seinem Kreise

Bewunderung fanden, darunter auch bei dem jungen Goethe, der begeistert

über den Verfasser schrieb: »Er ist in die Tiefen seiner Empfindung

hinabgestiegen, hat darin alle die hohe, heilige Kraft der simpeln

Natur aufgewühlt und führt sie nun in dämmerndem, wetterleuchtendem,

hier und da morgenfreundlich lächelndem orphischem Gesang vom Aufgang

herauf über die weite Welt, nachdem er vorher die Lasterbrut (!) der

neueren Geister, De- und Atheisten, Philologen, Textverbesserer,

Orientalisten usw. mit Feuer und Schwefel und Flutsturm ausgetilgt!«

Übrigens sind auch Herders übrige theologische Schriften dieser Epoche

gegen die liberale Zeittheologie gerichtet.

Ja, selbst seine ihrem Titel nach ins philosophische Feld schlagenden

Schriften der siebziger Jahre sind tief in diesen Geist getaucht.

So die 1774 anonym erschienene Abhandlung »_Auch eine Philosophie

der Geschichte zur Bildung der Menschheit_«, nur daß sie in der Form

der Denkweise »ungläubiger« Leser angepaßt ist. Im Gegensatz zu

der sonstigen Geschichtsphilosophie des Jahrhunderts faßt sie den

Gesamtgang der geschichtlichen Entwicklung als einen »Gang Gottes durch

die Nationen«, als einen göttlichen Erziehungsplan auf; in letzterem

Bilde mithin Lessings »Erziehung des Menschengeschlechts« verwandt,

aber viel gefühlsmäßiger als dieser. Ein fruchtbarer Gedanke aber ist

jedenfalls darin enthalten. Gegenüber einem Skeptizismus, der überhaupt

jeden tieferen Sinn in der historischen Entwicklung vermißte, und der

Ansicht der Aufklärer andererseits, die sozusagen prinzipiell einen

Fortschritt in ihr erblicken wollte, vertritt Herder, obwohl auch er

einen Fortschritt durchaus nicht leugnet, den wahrhaft geschichtlichen

Gedanken: Jedes Volk und jede Zeit hat seinen (ihren) Mittelpunkt in

sich selbst und ist nur um ihrer selbst willen da. Die verschiedenen

Epochen werden, wobei es freilich ohne Künstlichkeiten nicht abgeht,

mit den Lebensaltern des Einzelmenschen: Kindheit, Knaben-, Jünglings-,

und Mannesalter, verglichen. Auch das von der Aufklärung, ja selbst

Kant, durchweg als »finster« betrachtete Mittelalter wird zum erstenmal

nach seinen wertvollen Seiten (»Andacht und Ritterehre, Liebeskühnheit

und Bürgerstärke«) gewürdigt; während gegen die Gegenwart der Vorwurf

der Mechanisierung des gesamten Daseins, der Erstickung alles wahrhaft

Menschlichen erhoben wird. Gebt uns statt der bloßen Ausbildung

des Verstandes, der Papierkultur: »Herz! Wärme! Blut! Menschheit!

Leben!« Dabei alles im echten Sturm- und Drangstil, in abgerissenen

Sätzen, mit dunklen Andeutungen, ahnenden Ausblicken und vielen

Ausrufungszeichen geschrieben. Ein Vorläufer des späteren großen

geschichtsphilosophischen Werks, aber noch in durchaus schwärmerischem

Gewande.

Endlich entwirft Herder in diesem Jahr auch eine allerdings erst 1778

abgeschlossene _Psychologie_: »Vom _Erkennen_ und _Empfinden_ der

menschlichen Seele«, mit dem bezeichnenden Untertitel: »Bemerkungen

und Träume«. Äußerlich ist sie wieder, wie so manche bedeutsame

Abhandlung der Zeit (von Rousseau, Kant, Lessing, Mendelssohn), durch

eine akademische Preisfrage veranlaßt. Natürlich wird das Empfinden

als das allein ursprüngliche, daher innige und tiefe Element über die

daraus nur abgeleitete Erkenntnis gestellt. Zwischen Körper und Seele

existiert keine Scheidewand; beide stellen eine nur immer feinere

»Hinaufläuterung« der Gotteskraft dar. Auf diese ganz Hamannsche

Weise wird -- für uns auf den ersten Blick sehr auffallend -- eine

fast mystisch begründete Seelenlehre dennoch mit der _Physiologie_

verbunden, wie damals der berühmte, zugleich fromme und poetische

Albrecht von Haller sie lehrte. Von den einfachsten Elementen, den

Reizen, aufsteigend, verfolgt dann Herder den gesamten Aufbau des

seelischen Lebens, freilich nach seiner uns nun schon bekannten Art

ohne jede Schärfe der Grundbegriffe. Vielmehr sind ihm Sinnlichkeit,

Anschauung, Glaube, Gefühl die eigentlichen Grundkräfte der

menschlichen Seele; Biographien, vor allem Selbstbiographien, und

Dichter die besten Fundgruben psychologischer Erkenntnis. Denken,

Wollen und Fühlen -- welche eine kritische, wissenschaftliche

Psychologie auseinanderzuhalten sich bemüht --, ihm sind sie alles

dasselbe, alle drei bloß Stufen einer einzigen Kraft: der Energie

unserer Seele. Von »reinen Grundsätzen«, wie kurz darauf Kant sie

aufstellte, hält Herder nichts. Die höchste Vernunft und, was damit

gleichgesetzt wird, das »reinste göttliche Wollen« stellt die »Liebe«

dar. Und dann folgt, am Schluß des ersten Teiles, der ihn plötzlich als

-- Spinozisten enthüllende Satz: »Wollen wir dieses nicht dem heiligen

Johannes, so mögen wir's dem ohne Zweifel noch göttlicheren (!) Spinoza

glauben, dessen Philosophie und Moral sich ganz um diese Achse beweget.«

Der zweite Teil bringt verhältnismäßig wenig Neues hinzu.

Bloßes Spekulieren, heißt es dort, stumpft die Seele, bloßes

Sentimentalisieren das Herz ab; beide gehören vielmehr zusammen und

müssen sich unterstützen, wie es im klassischen Altertum gewesen sei.

Die Philosophie unserer Klassiker: Lessing, Herder, Schiller, Goethe · 第 6 / 17 段