_individualistisch_, ja sein Staatsideal -- wir streiften den Gedanken
schon beim Al-Hafi des »Nathan« -- beinahe anarchistisch. Die Ameisen
werden als Vorbild hingestellt, weil sie die größte Geschäftigkeit und
doch Ordnung zeigen und einander sogar helfen, obschon doch niemand
sie zusammenhält und regiert. Und nun folgen in der bei Lessing so
erfreuenden epigrammatischen Kürze Schlag auf Schlag die weiteren
Fragen und Antworten: »Ordnung muß also doch auch _ohne Regierung_
bestehen können.« -- »Wenn jedes einzelne sich selbst zu regieren weiß,
warum nicht?« -- »Ob es wohl auch einmal mit den Menschen dahin kommen
wird?« -- »Wohl schwerlich!« -- »Schade!« -- »Jawohl!«
Des weiteren wirft Falk die Frage auf, ob die _Menschen_ für die
_Staaten_ oder die Staaten für die _Menschen_ da sind? Die Antwort
wird dann in letzterem Sinne gegeben. Die Vereinigung der Menschen zu
Staaten findet statt, damit durch diese und in ihnen jeder einzelne
seinen Anteil von Glückseligkeit desto besser und sicherer genießen
kann. Die Glückseligkeit des Staates besteht in der Summe der
Einzelglückseligkeiten aller seiner Glieder. »Außer dieser gibt es
gar keine.« Und nun folgt ein Satz, aus dem man allerdings auch eine
sozialistische Folgerung ziehen könnte. »Jede andere Glückseligkeit des
Staates, bei welcher auch noch so wenig einzelne Glieder leiden und
leiden _müssen_, ist Bemäntelung der Tyrannei. Anders nichts!«
Und zwar ist das alles von der _Natur_ so eingerichtet. Trotzdem
entspringen auch aus der denkbar besten Staatsverfassung notwendig
allerlei Übel. Vor allem ist ein _Welt_staat, schon wegen seiner
ungeheuren Größe, nicht möglich, sondern nur _National_staaten. Und
innerhalb derselben entstehen notgedrungen wiederum verschiedene
_Stände_. Selbst die anfänglich _gleiche_ Verteilung des Besitzes
vorausgesetzt, würde doch diese gleiche Verteilung keine zwei
Menschenalter hindurch bestehen bleiben. Einer wird sein Eigentum
besser zu nutzen wissen als der andere, der es womöglich dennoch unter
mehr Nachkommen zu verteilen haben wird. Es wird also reichere und
ärmere Glieder geben, aus dem wohltätigen Feuer der unvermeidlich
unangenehme Rauch entstehen. Aber sollte man deshalb keinen Rauchfang
erfinden? Lessing denkt dabei nicht etwa an Sozialisierung, auf die
ihn Plato oder Morus an sich gebracht haben könnten, sondern an -- die
Freimaurer! Es ist »recht sehr zu wünschen«, daß es in jedem Staate
Männer geben möchte, die erstens »über die Vorurteile der Völkerschaft
(also in unserer heutigen Sprache über einseitigen Nationalismus)
hinweg wären und genau wüßten, wo Patriotismus Tugend zu sein aufhört«;
die zweitens »den Vorurteilen ihrer angeborenen Religion nicht
unterlägen, nicht glaubten, daß alles notwendig gut und wahr sein
müsse, was _sie_ für gut und wahr erkennen«; die endlich »bürgerliche
Hoheit nicht blendet und bürgerliche Geringfügigkeit nicht ekelt, in
deren Gesellschaft der Hohe sich gern herabläßt und der Geringe sich
dreist erhebt«.
Solche Männer, die es »freiwillig über sich genommen haben,
den unvermeidlichen Übeln des Staates entgegenzuarbeiten«, die
jene vielleicht unentrinnbaren Trennungen in Nationen, Stände,
Religionsbekenntnisse nicht noch stärker einreißen lassen wollen, als
es die Notwendigkeit erfordert, und ihre Folgen so unschädlich als
möglich zu machen sich bestreben, sind die Freimaurer, oder _sollten_
es wenigstens sein. Die Mitglieder einer »unsichtbaren Kirche«,
deren »wahre Taten dahin zielen, alles, was man gemeiniglich gute
Taten nennt, größtenteils entbehrlich zu machen«, eine wahrhafte
_Internationale_, die freilich -- ebensowenig wie zurzeit die modernere
Internationale der Arbeiter -- ihrer Idee entspricht. Mit Schärfe
tadelt der Freimaurer Lessing namentlich die unsozialen Inkonsequenzen
der Logen schon seiner Zeit. Wenn ein aufgeklärter Jude, wenn ein
ehrlicher Schuster, wenn ein erfahrener und treuer Dienstbote es sich
einfallen läßt, sich zur Aufnahme zu melden, so weist man sie ab: »Wir
sind unter uns so gute Gesellschaft ... Prinzen, Grafen, Herren von,
Offiziere, Räte von allerlei Beschlag, Kaufleute, Künstler.« Dazu das
»Kapitale haben, diese Kapitale belegen, sie auf den letzten Pfennig
zu nutzen suchen, sich ankaufen wollen, von Königen und Fürsten sich
Privilegien geben lassen« usw. Sie scheinen ihm auf dem besten Wege,
von ihren ursprünglichen Zielen ganz abzukommen. Ob die heutigen Logen
nicht auch manchen dieser Tadel verdienen? Etwas demokratischer mag ein
Teil von ihnen ja geworden sein; aber grundsätzlich herrscht doch wohl
noch immer bei ihnen das Prinzip der »guten« Gesellschaft; abgesehen
davon, daß Atheisten und daß von der Vollmitgliedschaft auch Frauen
heute noch ausgeschlossen sind.[9]
Aber das Bestehende verhält sich zum wahren Freimaurertum wie die
bestehende, sehr mangelhafte Kirche, ja, man könnte erweiternd sagen:
alle religiösen und politischen Parteien der Wirklichkeit, zu ihrer
_Idee_. Und umgekehrt: man kann »die höchsten Pflichten der Maurerei
erfüllen, ohne Freimaurer zu _heißen_«. Wahre Freimaurerei ist von
jeher gewesen; sie ist so alt wie die bürgerliche Gesellschaft (hier
natürlich im weitesten Sinne gemeint). Und ihr jetziges Schema, fügen
wir hinzu: ihre Zeremonien und alles damit Zusammenhängende ist nur
»Hülle« und »Einkleidung«. Die Hauptsache aber, die der Verfasser
mit voller Deutlichkeit allerdings noch nicht ausspricht, liegt in
dem aus seiner Gedankenreihe zu ziehenden Schlusse: Man soll das
wahre Freimaurertum _unter alle Welt verbreiten_. Wie es zu Anfang
in der kurzen Widmung an Ferdinand von Braunschweig heißt: »Das Volk
lechzet schon lange und vergehet vor Durst!« Damit wäre freilich dem
Freimaurer-Orden als _Geheim_bund das Urteil gesprochen.
5. Lessings letzter philosophischer Standpunkt: Determinismus,
Pantheismus, Spinozismus
Schon in der »Emilia Galotti« hatte die Gräfin Orsina ausgerufen:
»Das Wort Zufall ist Gotteslästerung; nichts unter der Sonne ist
Zufall.« Die in diesen Sätzen sich ausprägende Anschauung von der
notwendigen und ausnahmlosen Naturbedingtheit alles schon Geschehenen,
jetzt Geschehenden, noch Geschehenwerdenden, welche die Philosophie
»Determinismus«, das heißt Bestimmtheit zu nennen pflegt, und die
sich in religiöser Gestalt besonders im Islam und im Kalvinismus
wiederfindet, scheint Lessing von jeher geteilt zu haben. Bereits eine
Rezension aus dem März 1753 meint, daß die Leugner der Willensfreiheit
wenigstens keine Feinde der Religion zu sein brauchen; auch in
seiner Lehre von dem Wesen des tragischen Charakters sehen wir diese
Lehre aufleuchten. Deutlicher spricht sich seine Vorrede zu des
braunschweigischen Abtes Jerusalem »Philosophischen Aufsätzen« (1776),
also aus seinen letzten Jahren über dies Problem aus. »Was verlieren
wir denn,« fragt Lessing hier, »wenn man uns die Freiheit abspricht?«
Und er antwortet: »Etwas, wenn es etwas ist, was wir nicht brauchen
... Etwas, dessen Besitz uns weit unruhiger machen müßte, als das
Bewußtsein seines Gegenteils ...« Fühlt sich doch auch der Religiöse,
wie wir hinzusetzen möchten, im Schoße seines alles lenkenden und
bestimmenden Gottes ruhig und befriedigt. Ebenso muß auch der Philosoph
sich nach Lessing sagen: »Zwang und Notwendigkeit, nach welchem die
Vorstellung des Besten wirket, wieviel willkommener sind sie mir
als kahle Vermögenheit, unter den nämlichen Umständen bald so, bald
anders handeln zu können!« Und er fährt fort: »Ich danke dem Schöpfer,
daß ich _muß_, das _Beste_ muß. Wenn ich in diesen Schranken selbst
so viel Fehltritte noch tue, was würde geschehen, wenn ich mir ganz
allein überlassen wäre? einer blinden Kraft überlassen wäre, die sich
nach keinen Gesetzen richtet und mich darum nicht minder dem Zufall
unterwirft, weil dieser Zufall sein Spiel in mir selbst hat?« Zufall
bedeutet also Gesetzlosigkeit, Naturgesetzlichkeit Ausschließung jedes
Zufalls, allgemeine Geltung des Kausalgesetzes (Gesetzes von Ursache
und Wirkung), ohne das keine Naturwissenschaft, ja Wissenschaft
überhaupt denkbar ist.
Gerade starke Naturen haben das von jeher anerkannt und gleichwohl
aus dem unversiegbaren Quell ihrer Persönlichkeit heraus zu diesem
Naturmechanismus ihr trotziges: »Und _dennoch_!« gesprochen. Auf
solche Weise löst sich auch der anscheinende Widerspruch zwischen jener
Orsinaschen Verurteilung des Zufalls und dem bekannten: »_Kein Mensch
muß müssen_« Nathans, dem dann das Wort Al-Hafis auf dem Fuße folgt:
»Was er für _gut_ erkennt, das muß ein Derwisch.«
Von der Seite der Ethik also oder der Moral, wie Lessing sagt, ist das
System des Determinismus »geborgen«. Aber, fährt er fort: ob nicht
die Spekulation Einwände dagegen erheben könnte, die sich nur durch
ein zweites philosophisches System heben ließen? Mit diesem zweiten,
»gemeine Augen ebenso befremdenden« System ist der _Spinozismus_
gemeint.
Wir haben im Laufe unserer bisherigen Darstellung das Wirken Spinozas,
der bis dahin in Deutschland nach Lessings eigenem Ausdruck wie ein
»toter Hund« angesehen worden war, auf unseren Dichter nur angedeutet.
Wir wollen zunächst einen merkwürdigen undatierten, aber wahrscheinlich
aus der Breslauer Zeit stammenden kleinen Aufsatz von ihm nachträglich
noch erwähnen: »Über die Wirklichkeit der Dinge außer Gott.« Dort wird
geradezu gesagt: »Es gibt kein Dasein außer Gott«, »alle Dinge sind in
ihm wirklich«. »Die Begriffe, die Gott von den wirklichen Dingen hat,
sind diese wirklichen Dinge selbst.« Auch der § 73 der »Erziehung des
Menschengeschlechts«, der von der göttlichen Dreieinigkeit handelt,
führt den nämlichen Gedanken aus. Das ist völliger _Pan_theismus
(All-Gott-Lehre) oder, vielleicht noch genauer ausgedrückt,
Pan_en_theismus (All-_in_-Gott-Lehre). Ganz zu Spinoza durchgedrungen
aber ist Lessing, wie wir jetzt bestimmt wissen, spätestens in seinem
letzten Lebensjahr.
Am 5. Juli 1780 war Goethes und Hamanns Freund, der also philosophisch
von ganz anderer Seite herkommende Düsseldorfer Friedrich Heinrich
_Jacobi_, zum Besuch in Lessings einsamer Bibliothek eingetroffen.[10]
Da erklärte dieser, dem Jacobi Goethes berühmtes philosophisches
Gedicht »Prometheus« zu lesen gegeben, dem Gaste zu dessen Erstaunen:
Er nehme durchaus kein Ärgernis an der Anschauung Goethes; er habe
im Gegenteil den Gesichtspunkt, von dem aus das Gedicht verfaßt sei,
»schon lange aus der ersten Hand«, nämlich aus _Spinoza_. Und nun die
Hauptäußerung: »Die orthodoxen Begriffe von der Gottheit sind nicht
mehr für mich Ἓν καὶ πᾶν (d. h. es gibt nur _ein_ All). Ich weiß nichts
anderes.« Sie werden durch einen Besuch gestört. Am folgenden Morgen
kommt Lessing zur Fortsetzung des Gesprächs auf Jacobis Zimmer. Er
bekennt sich von neuem als Anhänger des Pantheisten: »Es gibt keine
andere Philosophie als die des Spinoza.« Und weiter als entschiedenen
Deterministen: »Ich begehre keinen freien Willen«, worein »der helle
Kopf Ihres Spinoza sich doch auch zu finden wußte«.
Auffallenderweise bekennt er sich bei dieser Gelegenheit auch,
ganz im Gegensatz zu der Philosophie seiner Zeit, als _Gegner des
erkenntnistheoretischen Idealismus_, wie er von Parmenides und
Plato begründet, von Descartes über Leibniz bis zu Kant und seinen
Nachfolgern verkündet worden und unseres Erachtens unabweislich ist.
Er erklärt es für ein menschliches Vorurteil, daß »wir den _Gedanken_
als das Erste und Vornehmste betrachten und aus ihm alles herleiten
wollen«: während doch »alles, die Vorstellungen mit inbegriffen«, also
»Ausdehnung, Bewegung, Gedanke« offenbar von »höheren« Prinzipien
abhänge, in einer »höheren Kraft gegründet« sei, die »noch lange nicht
damit erschöpft ist«. Er bedenkt dabei nicht, daß dies Ausgehen von
einer »alle Begriffe übersteigenden«, gänzlich unbestimmten »höheren«
Kraft uns in alle Dunkelheiten der Metaphysik und Theologie, ja
unter Umständen Theosophie (oder, wie Rudolf Steiner es moderner
umtauft: »Anthroposophie«) hineinführt. Zur weiteren Begründung dieser
pantheistischen Metaphysik bezieht er sich auf einen merkwürdigen
Gedanken von Leibniz, wonach die Gottheit sich in einem Zustand
beständiger Expansion (Ausdehnung) und Kontraktion (Zusammenziehung)
befände, womit zugleich Leben und Tod der Individuen in der Welt
zusammenhängen soll; muß aber selbst zugeben, daß diese Stelle mit der
sonstigen Überzeugung des Leibniz von einem _persönlichen_, außerhalb
der Welt existierenden Gott in Widerspruch stehe. Lessing selbst,
setzt Jacobi hinzu, konnte sich mit dem Gedanken eines unendlichen
persönlichen Wesens, das unaufhörlich im Genuß seiner eigenen
»Vollkommenheit« schwelge, nicht vertragen. »Er verknüpft mit demselben
eine solche Vorstellung von unendlicher -- Langeweile, daß ihm angst
und weh dabei werde.«
Von Lessings Freunden wollte, als Jacobi vier Jahre nach dessen Tode
in seiner Schrift Ȇber die Lehre des Spinoza, in Briefen an Moses
Mendelssohn« dies Gespräch veröffentlichte, niemand an eine solche
Änderung seiner Ansichten, die in der Tat ein völliges Abweichen von
den Grundsätzen der »Aufklärung« darstellt, glauben. Und es entspann
sich darüber 1785/86 ein äußerst heftiger Philosophenstreit, der bei
Mendelssohns ohnehin kränklichem Körper dessen Tod beschleunigt hat.
Wir werden bei Herder und Goethe darauf zurückzukommen haben.
Ob Lessing im ganzen mehr Leibniz oder Spinoza zugeneigt habe,
läßt sich schwer entscheiden. Zu Leibniz zogen ihn sicherlich
dessen Hauptgedanken von der Entwicklung alles Lebendigen, von der
ununterbrochenen Stetigkeit des Weltzusammenhanges, von der Verknüpfung
kleinster vorstellender mit kleinsten körperlichen Einheiten in
den »Monaden«; zu Spinoza -- _zuletzt_ doch, wie es nach Jacobis
bestimmtem Zeugnis scheint, entscheidend -- die streng monistische
Folgerichtigkeit von dessen Lehre. Schulmäßiger Anhänger eines
bestimmten Systems, also Spinozist oder Leibnizianer zu werden, lag
seiner unabhängigen Natur überhaupt nicht. Auch Jacobi gegenüber
hatte er eigentlich bloß erklärt: »_Wenn_ ich mich nach jemand nennen
soll, so weiß ich keinen anderen.« Völlig einem, und sei es auch der
scharfsinnigste, Denker sich zuzuschwören, hinderte ihn sein lebhaftes
Selbständigkeitsgefühl.
Damit kommen wir zum Schlusse noch einmal zu Lessings philosophischer
und menschlicher
Persönlichkeit
zurück. Mögen seine Einzeltheorien auf den verschiedenen Gebieten,
auf denen er gearbeitet hat, in Religions-, Kunst-, Geschichts- und
Staatsphilosophie, heute in mancherlei Hinsicht überholt sein: was uns
immer wieder zu ihm und seinen Werken hinzieht, ist seine einzigartige
Persönlichkeit. Schon seine Sprache, insbesondere seine Prosa, ist von
großartiger Eigenartigkeit. »Solange Deutsch geschrieben ist, hat,
dünkt mich, niemand wie Lessing Deutsch geschrieben«, hat schon einer,
der doch auch etwas davon verstand, J. G. Herder, dem eben Verstorbenen
nachgerühmt; und sein Hauptbiograph (Erich Schmidt) hat ihr im zweiten
Bande seines Werkes über ein halbes Hundert Lexikonseiten gewidmet;
auch ich habe Ihnen mit Absicht durch zahlreiche Zitate seine Stilart
nahe zu bringen gesucht. Aber wenn ein Franzose gesagt hat: Der Stil
ist der Mann, so kann man ebensogut sagen: _Der Mann macht den Stil._
Und so ist es bei Lessing: sein Stil geht aus seiner kraftvollen
Persönlichkeit hervor. Diese Ehrlichkeit, diese Mannhaftigkeit, diese
unbezähmbare Wahrheitsliebe, diese stete Kampfbereitschaft gegen
alles Unrecht, der Haß gegen alle Unterdrücker, die Liebe zu den
Unterdrückten, die Gleichgültigkeit gegen die eigene Leistung, sobald
sie vollbracht ist, sein mit ungescheuter Selbstkritik verbundener
echter Stolz, der Mut und die Selbstbeherrschung im Unglück: alle diese
Charaktereigenschaften -- von seinen intellektuellen Vorzügen ganz zu
schweigen -- haben sich selten in einem Menschen so vereinigt wie in
Gotthold Ephraim Lessing.
Gewiß, alle menschlichen Handlungen sind naturbedingt. Jeder von uns
wird unter bestimmten Verhältnissen auch notwendig so handeln, wie er
es tut. Aber zu den Beweggründen, und zwar den allerstärksten, eben
dieses Handelns gehört auch sein freilich wieder durch Tausende von
Umständen so oder so gewordener innerer Mensch, sein »Dämon«, wie
schon der alte Heraklit gesagt hat. So berichtet denn auch derselbe
Jacobi, der Lessings Determinismus bezeugt, einen scheinbar ganz
entgegengesetzten Ausspruch von ihm: »Wo keine Selbstbestimmung
ist, keine Freiheit, da ist keine Menschheit.« Ja, Lessing, der
»Determinist« ist zugleich ein radikaler Prediger der _Freiheit_ auf
allen Gebieten gewesen: in Religion und Staat, Ethik und Erziehung. Und
er hat sie, hat seinen vollendeten Unabhängigkeitssinn vor allem auch
in sein eigenes Leben hineingetragen. Er war gegen alles Sektenmachen,
gegen alle Engigkeit und Beschränktheit. Er hat auch keine »Schule«
gegründet, ja er _wollte_ keine gründen. Er hat sich nicht in das
Universitäts-, das Hof-, das Beamtenleben hineinbegeben. Er trat auch
nie mit sogenannter »Würde« auf. Im Gegenteil, »er warf die persönliche
Würde gern weg, weil er sich zutraute, sie jeden Augenblick wieder
aufnehmen zu können« (Goethe). Nur ein Pedant und Philister von Kopf
und Herz wird sich »nie gehen lassen«.
Freilich solche Menschen stehen dann in ihrer Stärke -- »der Starke ist
am mächtigsten allein« -- und Höhe oft auch vereinsamt da, wie Lessing
es einmal in seinen »Antiquarischen Briefen« in einem wundervollen
Selbstvergleich mit einer einsam ihr Tagewerk vollziehenden Windmühle
ausgeführt hat: »Da stehe ich auf meinem Platze ganz außer dem Dorf
auf einem Sandhügel allein und komme zu niemandem und helfe niemandem
und lasse mir von niemandem helfen. Wenn ich meinen Steinen etwas
aufzuschütten habe, so mache ich es ab, es mag sein mit welchem Winde
es will. Alle zweiunddreißig Winde sind meine Freunde. Von der ganzen
weiten Atmosphäre verlange ich nicht einen Finger breit mehr, als
gerade meine Flügel zu ihrem Umlauf brauchen. Nur diesen Umlauf lasse
man ihnen frei ... Wen meine Flügel in die Luft schleudern, der hat es
sich selbst zuzuschreiben.«
Nun, Lessing hat sein Tagewerk wahrlich in reichlichem Maße getan.
Und er hat stets zu seinen Taten gestanden: »Was ich tat, das tat
ich!«, wie er seinen Tempelherrn sagen läßt. Und dabei, welch frischer
_Lebensmut_ in ihm: »Wer gesund ist und arbeiten will,« schreibt er
einmal an seine Eltern, »der hat nichts zu fürchten; Krankheiten aber
und dergleichen Umstände zu befürchten, die außerstand setzen könnten
zu arbeiten, zeigt ein schlechtes Vertrauen auf die Vorsehung. Ich
habe ein besseres und habe Freunde.« Aber er will sich nur an Stellen
festsetzen, für die er sich der geeignete Mann fühlt: »Wenn wir nicht
versuchen, welche Sphäre uns eigentlich zukommt, wagen wir uns öfters
in eine falsche, wo wir uns kaum über das Mittelmäßige erheben,
während wir uns in einer anderen zu einer bewundernswerten Höhe hätten
schwingen können.« Indessen wo er seiner Meinung nach etwas Edles und
Großes zu fördern vermag, geht er, wie oft auch enttäuscht, stets
wieder darauf ein. Und wenn er dann wiederum scheitert, so merken wir
an der Art seines Rückzugs, daß auch »in ihm dieselbe Überlegung wie
in uns« vorhanden gewesen, daß jedoch in ihm »eine größere Wärme des
Herzens war als in uns« (Gervinus).
Und er bewährte diesen Mut, diese wahrhaft philosophische Gesinnung
auch im schwersten Unglück und bis ans Ende. Als ihm, der nach langer
Wartezeit zum späten Glück einer vortrefflichen Frau gelangt ist, diese
Frau samt dem Neugeborenen nach kurzer Krankheit wieder entrissen
wird, da schreibt er nur das freilich bittere Wort: »Ich wollte es
auch einmal so gut haben wie andere Menschen, aber es ist mir schlecht
bekommen.« Und weiter an einen Freund: »Meine Frau ist tot, und diese
Erfahrung habe ich nun auch gemacht. Ich freue mich, daß mir viele
dergleichen Erfahrungen nicht mehr übrig sein können zu machen, und bin
ganz leicht.« Einige Tage darauf: »Wenn ich noch mit der einen Hälfte
meiner übrigen Tage das Glück erkaufen könnte, die andere Hälfte in
Gesellschaft dieser Frau zu verleben, wie gern wollt' ich es tun! Aber
das geht nicht, und ich muß nur wieder anfangen, meinen Weg allein so
fort zu duseln.« Und ein halbes Jahr später, nach allerlei anderem
Mißgeschick, an die Freundin Elise Reimarus: »Doch ich bin zu stolz,
mich unglücklich zu denken, knirsche eins mit den Zähnen und lasse
den Kahn gehen, wie Wind und Wellen wollen. Genug, daß ich ihn nicht
selbst umstürzen will.« Er sollte ihn noch zweiundeinhalb Jahre treiben
sehen, mannhaft und unerschrocken wie immer, bis ihm der Tod das stets
kampfbereite Schwert des Geistes aus der Hand schlug.
Man hat uns zu verschiedenen Zeiten Rembrandt, Goethe, Nietzsche,
Fichte, Schopenhauer als _Erzieher_ gepriesen. Wir finden: gerade
_Lessing_, von dem wir nun Abschied nehmen, kann uns, dem einzelnen
und dem ganzen Volke, gerade in heutiger Zeit ein Vorbild, ein
Erzieher sein. Denn er vereinigte mit der Klarheit des Kopfes, die
uns heute auch in der Philosophie gegenüber allen Schwärmereien und
Rückwärtsereien so not tut, die Wärme des Gefühls, da wo sie am Platze
ist, und die Fähigkeit des Willens zu festem, entschlossenem Handeln.
Herder
~A.~ Der junge Herder
1. Die Jugend
1744 bis 1764 (Mohrungen, Königsberg)
_Herders_ Persönlichkeit steht zu derjenigen Lessings im schärfsten
Gegensatz. Lessing erscheint uns heute noch beinahe wie ein Mitstreiter
unserer Geisteskämpfe, wenigstens der religiös-philosophischen.
Und auch in denjenigen von ihm behandelten Gegenständen, die uns
Modernen ferner liegen, bleibt er, allein durch seine unübertreffliche
Fragestellung, immer fesselnd, frisch und lebendig. Dem Namen Herders
gegenüber regt sich dagegen bei den meisten Heutigen nicht viel
mehr als eine mehr oder weniger verschwommene Erinnerung, daß man
einmal im Schulunterricht von ihm gehört, daß er unter anderem Goethe
beeinflußt hat. Und doch hat auch Herder mächtig auf Zeitgenossen und
Nachwelt gewirkt, war er vor allem in seiner Jugend ein Schriftsteller
von geradezu erstaunlicher Schaffenskraft, auch im Mannesalter noch
bedeutend, um dann freilich rasch zu einem verbitterten und grämlichen
Alter herabzusinken.
Gleich Lessing ist auch der anderthalb Jahrzehnte nach ihm, am
25. August 1744 in dem zwischen Sumpf, Wald und See gelegenen
ostpreußischen Städtchen Mohrungen geborene Johann Gottfried Herder
ein großer, ja ein unbändiger Leser gewesen: schon daheim im
elterlichen Lehrer- und Küsterhaus oder noch lieber auf einem Baume
des Gartens oder am See und im Wald der Heimat. Und dann, während
und nachdem er die höhere Stadtschule des rauhen, pedantischen
Rektors Grim durchlaufen, in der dürftigen Schlafkammer im Hause
des harten Diakonus Trescho, der die Arbeitskraft des stillen und
träumerischen angehenden Jünglings in geisttötendem Abschreiberdienst
ausbeutet, bis der bald Achtzehnjährige durch die Freundlichkeit
eines russischen Regimentswundarztes namens Schwartz-Erler[11] aus
dieser Fron erlöst und mit nach Königsberg genommen wurde. Hier erst
atmet er geistig auf, läßt sich auf eigene Faust als Studiosus der
Theologie einschreiben und lernt in dem Buchladen des Verlegers Kanter
die Gelehrtenwelt der Hauptstadt kennen, während er sich sein Brot
als junger, anregender Lehrer an demselben, heute noch bestehenden,
»Friedrichskolleg« verdient, in dem ein Menschenalter zuvor Immanuel
Kant acht unfruchtbare Schuljahre verbracht hatte.