waren bereits zusammen mit den fünf Fragmenten des »Ungenannten«, also
1777 herausgegeben worden: auch sie angeblich unter den Bücherschätzen
seiner Bibliothek gefunden. Selbst dem Sohne von Reimarus stellt er sie
noch in einem Briefe vom 6. April 1778 dar als herrührend »von einem
guten Freunde, der sich gern allerlei Hypothesen und Systeme macht,
um das Vergnügen zu haben, sie wieder einzureißen«, mit dem für sein
innerstes Wesen bezeichnenden Schlußsatz: »Jeder sage, was ihm Wahrheit
dünkt, und die Wahrheit selbst sei Gott empfohlen!«
Als Ganzes trägt die Schrift gleichwohl, wie mir scheint, einen etwas
konservativeren Charakter als »Nathan der Weise« oder auch die ja
nur zur Selbstverständigung niedergeschriebene »Religion Christi«.
Der Verfasser sieht hier die _Offenbarung_ als in einem göttlichen
Erziehungsplan der Menschheit gelegen an. Wie die Erziehung, so gibt
auch die Offenbarung ihm zufolge »nichts, worauf die menschliche
Vernunft, sich selbst überlassen, nicht auch kommen würde«, sie gibt
ihm das Wichtigste davon nur leichter und früher (§ 4); und zwar,
gleich der Erziehung, nach einer bestimmten Ordnung. Nach dieser
Einleitung, enthalten in § 1 bis 7, folgt dann von § 8 bis 52 die
Erziehung des israelitischen Volkes durch das »Elementarbuch« des
_Alten Testaments_. Für ein noch so rohes, auf noch so kindlicher
Entwicklungsstufe stehendes Volk bedurfte es noch einer Erziehung
durch unmittelbare, sinnliche Strafen und Belohnungen (§ 16). Es wußte
noch nichts von einem zukünftigen Leben, von einer Unsterblichkeit
der Seele (§ 17). Die meisten anderen Völker waren noch weit hinter
ihm zurückgeblieben, einige glücklichere (Griechen, Römer) allerdings
durch das bloße Licht ihrer natürlichen Vernunft ihm zuvorgekommen
(§ 20, 21). Während des Exils, im Verkehr mit den religiös höher
stehenden (obwohl ohne Offenbarung!) Persern, bekamen die Juden dann
einen reineren Gottesbegriff, die Offenbarung ward durch die Vernunft
erhellt, ihr Glaube erhob sich von ihrem Nationalgott Jehova zu
dem an _einen_ Gott (§ 35 ff.). So entwuchsen sie allmählich ihrem
Elementarbuch, insbesondere auch durch ihre Bekanntschaft mit der
griechischen Philosophie in Ägypten (§ 42) und suchten nun in ihre
kindlich-einfältigen heiligen Schriften allerlei Anspielungen und
Fingerzeige, oft recht spitzfindig-rabbinisch, hineinzulegen (§ 43 bis
52). Ein besserer Pädagog mußte kommen und »dem Kinde das erschöpfte
Elementarbuch aus den Händen reißen« -- _Christus_ erschien (§ 53).
Das Kind war zum Knaben geworden, der zum »_zweiten_ großen Schritt der
Erziehung reif war« (§ 57 ff.). Christus ward der erste »zuverlässige«
und »praktische« Lehrer der Unsterblichkeit der Seele (§ 58). Als
zuverlässig galt er seinen Zeitgenossen durch die in ihm erfüllt
scheinenden Weissagungen, durch seine Wunder, durch seine Auferstehung.
»Ob wir noch _jetzt_ diese Wiederbelebung, diese Wunder beweisen
können, das lasse ich dahingestellt sein ... Alles das kann damals
zur _Annehmung_ seiner Lehre wichtig gewesen sein: jetzt ist es zur
Erkennung der Wahrheit seiner Lehre so wichtig nicht mehr.« (§ 59.)[6]
Christus lehrte aber auch praktisch das Leben nach dieser Lehre
einrichten durch »innere Reinigkeit des Herzens« (§ 61), die dann seine
Jünger, wenn auch mit anderen weniger einleuchtenden Lehren vermischt,
unter andere Völker verbreiteten (§ 62, 63). So ward das _Neue
Testament_ das zweite, bessere Elementarbuch für das Menschengeschlecht
(§ 64) und hat es seit 1700 Jahren mehr als alle anderen Bücher
beschäftigt und erleuchtet, wenn auch vielleicht »nur durch das Licht,
welches der menschliche Verstand selbst hineintrug« (§ 65). Es war
auch gewiß »höchst nötig«, daß man »eine Zeitlang« dies Buch für
das Nonplusultra aller Erkenntnis hielt (§ 67). Und »Du, fähigeres
Individuum, der du an dem letzten Blatte dieses Elementarbuchs
stampfest und glühest, hüte dich, es deine schwächeren Mitschüler
merken zu lassen, was du witterst oder schon zu sehen beginnst«!
(§ 68.) Lessing bemüht sich dann, in uns freilich etwas künstlich
erscheinenden Ausführungen zu zeigen, was auch die menschliche Vernunft
in den Geheimnissen der Dreieinigkeit, der Erbsünde, der Genugtuung des
göttlichen Sohnes für sich finden könne (§ 73 bis 77). Es sei nicht
wahr, meint er, »daß Spekulationen über diese Dinge jemals Unheil
gestiftet und der bürgerlichen Gesellschaft nachteilig geworden«.
Nicht den Spekulationen, sondern »dem Unsinn, der Tyrannei, diesen
Spekulationen zu steuern, Menschen, die ihre eigenen hatten, nicht ihre
eigenen zu gönnen«, sei dieser Vorwurf zu machen (§ 78).
Aber noch eine höhere Stufe, die Erziehung vom Knaben oder Jüngling zum
Manne, der das Gute um seiner selbst, nicht um künftiger Belohnungen
willen tut, stehe der Menschheit bevor. »Oder soll das menschliche
Geschlecht auf diese höchste Stufe der Aufklärung und Reinigkeit nie
kommen?« (§ 81.) Das wäre eine Lästerung des Allgütigen. »Nein, sie
wird gewiß kommen,« so ruft er in gläubigem Vertrauen aus, »die Zeit
eines _neuen, ewigen Evangeliums_« des Geistes und der Wahrheit,
»die uns selbst in den Elementarbüchern des Neuen Bundes versprochen
wird« (§ 86). Schon im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert haben
Schwärmer -- Lessing denkt wohl an Männer wie Joachim von Floris und
Amalrich von Bene -- ein »drittes Zeitalter« der Welt prophezeit. Er
macht dabei eine sehr gute Bemerkung über die Schwärmer überhaupt, bei
der wir unwillkürlich auch an unsere heutigen politischen Schwärmer
denken: »Der Schwärmer tut oft sehr richtige Blicke in die Zukunft,
er kann diese Zukunft nur nicht erwarten. Er wünscht diese Zukunft
beschleunigt und wünscht, daß sie durch _ihn_ beschleunigt werde. Wozu
sich die Natur Jahrtausende Zeit nimmt, soll in dem Augenblick seines
Daseins reifen.« Und er erkennt auch den egoistischen Nebengedanken
darin: »Denn was hat er davon, wenn das, was er für das Bessere
erkennt, nicht auch bei seinen Lebzeiten das Bessere wird?« (§ 90.)
Demgegenüber traut er auf die »ewige Vorsehung«, wenn auch manchmal
ihre Schritte ihm »zurückzugehen scheinen sollten«! »Es ist nicht wahr,
daß die kürzeste Linie immer die gerade ist.« (§ 91.)
Und nun kommt zum Schlusse der sonst anscheinend so verstandeskühle
Lessing auf eine Hypothese, auf die, wie er auch schon früher
gelegentlich geäußert hatte,[7] schon die ältesten Philosophen im
Abend- wie im Morgenland gekommen seien: die _Seelenwanderung_
(§ 93 ff.). Kann ich nicht schon einmal da gewesen sein, ohne daß
ich es mir selbst bewußt bin, und »warum sollte ich nicht so oft
wiederkommen, als ich neue Kenntnisse, neue Fertigkeiten zu erlangen
geschickt bin« (§ 98, 99)?
Wir gehen nicht weiter auf diese Hypothese ein. Vielleicht war es eben
nur ein Gedanke, den er einmal in das Publikum hineinwerfen wollte,
ohne dafür öffentlich einstehen zu wollen, wie er ja auch die Schrift
nicht mit seinem Namen gezeichnet hat. Aber ich habe sie Ihnen schon
der Vollständigkeit wegen nicht vorenthalten wollen; schon um Ihnen
zu zeigen, daß Lessing doch auch in Stunden ein wenig -- Schwärmer
sein konnte. Für die Praxis des Lebens hat er solche Hypothesen nicht
benutzt, ja er warnt auch andere davor. Die Vernunft, sagt er einmal,
habe doch mit Glück gegen die törichte Begierde der Menschen, ihr
Schicksal in _diesem_ Leben voraus zu wissen, geeifert: wann werde es
ihr gelingen, ihnen die Neugier nach ihrem Schicksal in _jenem_ Leben
ebenso verdächtig, ebenso lächerlich zu machen? Toren seien die, welche
aus lauter Sorgen um ein künftiges Leben das gegenwärtige verlieren:
»Warum kann man ein künftiges Leben nicht ebenso ruhig abwarten als
einen künftigen Tag?« Lessing war ein viel zu frischer, lebensvoller,
diesseitsfroher Mensch, um sich unfruchtbaren Grübeleien hinzugeben.
Und so wenden auch wir uns jetzt seinen Gedanken über die diesseitige
Gemeinschaft der Menschen, seinen Ideen von Geschichte und _Staat_ zu,
die, soviel ich weiß, noch nirgends im Zusammenhang behandelt worden
sind und auf die wir freilich auch nur einige Streiflichter werfen
können und wollen.
3. Ansichten über den Staat: Lessings politische Entwicklung
Schon der sechzehnjährige Fürstenschüler hat den Kriegslärm ganz
aus der Nähe kennengelernt. Am 9. Dezember 1745 wurde die Stadt
Meißen bombardiert, und wenige Tage später donnerte von dem nahen
Kesselsdorf der Schlachtenlärm herüber; die Stadt glich bald einem
großen Lazarett. Aber all das scheint dem Primaner Gotthold Lessing,
in einem Briefe an den Vater Pastor, in erster Linie doch nur als
willkommener Anlaß zu dienen, um eher von der Schule zur Universität
zu kommen; was ihm ja auch, wie wir wissen, gelungen ist. Auch sonst
ist nichts von besonderen politischen Interessen des Jünglings aus
seiner Gymnasiasten- und Studentenzeit bekannt. Er wird wohl, was
bekanntlich Bismarck als Ergebnis der humanistischen Erziehung von sich
und anderen behauptet hat -- und was, beiläufig gesagt, auch unsere
heutigen Republikaner und Sozialisten sich merken sollten, anstatt
gegen die Lektüre der antiken Klassiker zu eifern, die doch ein Karl
Marx und ein Ferdinand Lassalle mit Vorliebe bis an ihr Ende gepflegt
haben --, das Gymnasium mit _republikanischen_ Gesinnungen verlassen
haben. Damit steht unter anderem auch die Tatsache in Einklang,
daß der Zwanzigjährige einen politischen Gegenwartsstoff zu einer
republikanischen Tragödie verarbeiten wollte. Im Jahre 1749 hatte ein
demokratischer Berner Patriot Samuel Henzi eine Verschwörung gegen das
dortige verrottete Klassen- und Willkürregiment weniger patrizischer
Familien angestiftet, war aber entdeckt und hingerichtet worden. Unter
dem frischen Eindruck dieses Ereignisses dichtete der junge Lessing die
anderthalb Akte seines Trauerspiels »_Samuel Henzi_«, die er dann auch
in der ersten Sammlung seiner Schriften veröffentlichte: ein für seine
Zeit ungewöhnliches Wagnis.
Daß er im folgenden Jahrzehnt ein antikes Drama »Das befreite
Rom«, dessen Hauptheld der alte Königsstürzer Brutus war, und
eine »Verginia«, in deren Titelheldin wir die Vorläuferin seiner
späteren Emilia Galotti zu erblicken haben, entwarf, will vielleicht
weniger besagen. Interessanter ist, daß er noch bis 1775 hin eine
»antityrannische« Tragödie geplant hat, deren Held der berühmte
Sklavenführer _Spartakus_ sein sollte. Während in seinem ersten
Römerdrama das Volk noch, ähnlich wie bei Shakespeare, als ein
wankelmütiger Pöbelhaufe dargestellt wird, wurde hier ein erklärter
Proletarierführer zum Helden gemacht, der in einem (erhaltenen)
Selbstgespräch den Ausspruch tut: »Sollte sich der Mensch nicht einer
Freiheit schämen, die es verlangt, daß er Menschen zu Sklaven habe?«
Lessing tadelt in diesem Zusammenhang auch die »fast lächerliche«
Verachtung eben des Spartakus durch den römischen Geschichtschreiber,
der die Gladiatoren noch unter die gewöhnliche »Untergattung von
Menschen«, die Sklaven, stelle. Schade, daß er diesen Plan nicht
ausgeführt hat.
Lessing ist bekanntlich schon als zweiundzwanzigjähriger junger Mann
aus seiner sächsischen Heimat nach Preußen gegangen. Aber es ist
unrichtig, ihn deshalb und etwa noch wegen seiner »Minna von Barnhelm«
oder seines Sekretärverhältnisses zu dem preußischen General v.
Tauentzien, wie es gewöhnlich geschieht, schlechtweg als Verehrer
des _Preußentums_ darzustellen. Gewiß, er besitzt eine Vorliebe
für soldatische Gestalten: von dem jungen Helden des Trauerspiels
»Philotas« an, auf das wir noch zurückkommen, über Tellheim, Just und
Werner in der »Minna« bis zu dem alten Obersten Odoardo Galotti, ja
bis zu Sultan Saladin und dem jungen Tempelherrn im »Nathan«. In jener
Zeit ängstlichen Spießbürgertums war eben, wie selbst ein so radikaler
Politiker wie Franz Mehring in seiner »Lessing-Legende« hervorhebt, der
Soldatenstand der einzige, in dem sich, wenigstens zu Kriegszeiten,
persönliche Tüchtigkeit entfalten konnte:
»Im Felde, da ist der Mann noch was wert,«
und
»Auf sich selber steht er da ganz allein,«
wie Schiller die Wallensteinschen Reiter singen läßt. So konnte Lessing
denken, wenngleich er den Krieg grundsätzlich verwarf, wie er in einer
Rezension Rousseaus bemerkt: »Sind wir deswegen auf der Welt, daß wir
einander umbringen sollen?«
Aber ihn deswegen zum begeisterten Preußen und Verehrer Friedrichs
des Großen zu erheben, wäre verkehrt. Liegen von ihm auch nicht ganz
so feindselige Äußerungen wie von dem berühmten Winckelmann vor, der
das Preußen, dem er entstammte und entfloh, um nach Italien zu gehen,
geradezu gehaßt hat, so schreibt doch noch der vierzigjährige Lessing
im August 1769 an Nicolai nach Berlin: »Sagen Sie mir ja nichts von
Ihrer Berlinischen Freiheit zu denken und zu schreiben. Sie reduziert
sich einzig und allein auf die Freiheit, gegen die Religion so viel
Sottisen (Dummheiten) zu Markte zu bringen, als man will. Lassen Sie
es aber doch einmal einen in Berlin versuchen, über andere Dinge so
frei zu schreiben, als Sonnenfels in Wien geschrieben hat; lassen Sie
einen in Berlin auftreten, der für die Rechte der Untertanen, der
gegen Aussaugung und Despotismus seine Stimme erheben wollte, wie
es jetzt sogar in Frankreich und Dänemark geschieht: und Sie werden
bald die Erfahrung haben, welches Land bis auf den heutigen Tag das
_sklavischste Land von Europa_ ist!« Ich denke, das ist deutlich genug.
Freilich, die geliebten »Untertanen« Friedrichs II. waren selbst daran
schuld, daß er gegen Ende seines Lebens von ihnen sagen konnte: »Ich
bin es müde, über _Sklaven_ zu herrschen.«
Also von einer speziellen Verehrung Friedrichs II., dem er zwar in
der »Minna« einige hübsche Worte widmet, aber dessen eigenmächtiges
Verfahren in militärischen Dingen doch auch dies Stück geißelt, oder
gar des preußischen Staatswesens jener Zeit überhaupt kann keine
Rede sein. »Die Dienste der Großen«, läßt er vielmehr gerade seinen
Tellheim sagen, »sind gefährlich und lohnen der Mühe, des Zwanges, der
Erniedrigung nicht, die sie kosten.« Ebenso ist selbstverständlich
der Dichter über jeden sächsischen Partikularismus erhaben. Und wie
er am Schlusse seines Stückes die Sächsin Minna mit dem Preußen
Tellheim sich verbinden läßt, so will er auch nichts anderes sein als
ein Deutscher. Freilich nicht von der Art, die wir heute so zahlreich
vertreten finden, die von ihrem Deutschtum viele und große Worte
macht; sondern von der Art Kants und Schillers, Herders und Goethes,
für die Patriotismus und Weltbürgertum keine Gegensätze waren. Gibt
es im übrigen ein schöneres Lob der deutschen Sprache, als wenn er
den französischen Windbeutel Riccaut sie eine »arme und plumpe Sprak«
schelten läßt, weil sie Dinge wie das Betrügen ehrlich bei ihrem
wahren Namen nennt? Und sind nicht Charaktere wie Tellheim, Werner,
Minna Urbilder guter Deutscher?
Aber Lessing, werden seine und unsere Gegner sagen, hat sich ja selbst
den Patriotismus abgesprochen. In der Tat, er hat am 16. Dezember 1758
seinem Freunde Gleim, dem Dichter der Kriegslieder eines preußischen
Grenadiers, geschrieben, daß »das Lob eines eifrigen _Patrioten_«
nach seiner Denkungsart das »Allerletzte« wäre, wonach er »geizen«
würde: »_des_ Patrioten nämlich, der mich vergessen lehrt, daß ich
ein _Weltbürger_ sein sollte.« Und am 14. Februar 1759 gar: »Ich habe
überhaupt von der Liebe des Vaterlandes (es tut mir leid, daß ich
Ihnen meine Schande gestehen muß) keinen Begriff, und sie scheint mir
aufs höchste eine heroische Schwachheit, die ich recht gern entbehre.«
Sätze wie den letzten würde heute wohl nur ein entschiedener Kommunist
unterschreiben. Aber der Satz vorher bezeichnet als die Veranlassung
dieser Äußerung Betrachtungen über »übertriebenen« Patriotismus, die
nicht sowohl Gleims »Grenadiere« als »tausend ausschweifende Reden, die
ich hier (in Berlin) alle Tage hören muß, bei mir rege gemacht hatten«.
Und wenn er im weiteren Verlauf des Briefes von »kleinen Uneinigkeiten«
spricht, die Gleims und seine Freundschaft nicht stören könnten und
auch nicht gestört haben, so waren es offenbar nur Äußerungen eines
übertriebenen preußischen Partikularismus gewesen, die er seiner
deutschen und menschheitlichen Gesinnung gemäß nicht mitmachen konnte.
Daß Lessing vielmehr den Patriotismus sogar in seinem höchsten, dem
_Opfer_sinn zu würdigen versteht, beweist sein gleichfalls 1759
entstandenes Drama »Philotas«, dessen Kerngedanke darin besteht, daß
der Held, ein kaum sechzehnjähriger antiker Königssohn, der in die
Gefangenschaft des Feindes geraten ist, sich ähnlich dem Kodrus der
Griechen-, dem Regulus der Römersage freiwillig den Tod gibt, um nicht
als Geisel seinem Vaterland einen ungünstigen Frieden aufzunötigen.
Und wie schmerzlich hat er es vermißt und am eigenen Leibe erfahren,
daß »wir Deutsche noch keine Nation« waren! Weder in Berlin noch in
Wien, weder in Hamburg noch in Mannheim konnte der größte Kritiker
Deutschlands, konnte einer seiner besten Dichter auf die Dauer festen
Fuß fassen. Bittere Sarkasmen enthalten die letzten »Stücke« seiner
»Hamburger Dramaturgie« über den »gutherzigen Einfall«, den sein nie
zu ertötender Idealismus selber gehegt hatte, »den Deutschen ein
Nationaltheater zu verschaffen«, da wir Deutsche eben doch »keine
Nation« seien. Er redet dabei nicht von der politischen Verfassung --
obwohl das Monstrum des »Heiligen Römischen Reiches Teutscher Nation«
jeden Vernünftigen zu dem Spott herausfordern mußte, den einer von den
lustigen Gesellen in Auerbachs Keller (im »Faust«) darüber ergießt --,
»sondern bloß von dem sittlichen Charakter«. Aber »fast sollte man
sagen, dieser sei: keinen haben zu wollen«. Die reichen Hamburger und
sonstigen deutschen Kapitalisten hatten eben für andere, materiellere
Dinge mehr Geld übrig als für Lessings ideale Unternehmungen. Und so
mußte dieser noch in seinem fünften Lebensjahrzehnt in die Dienste
eines Kleinfürsten in einer einsamen deutschen Kleinstadt gehen.
Daß ein Mann wie Lessing ein abgesagter Gegner alles Höflingstums und
aller Standesvorrechte war, ist eigentlich selbstverständlich. Mit
Recht hat schon Franz Mehring auf die scharfe Kritik eines königlichen
Hoffestes auf dem Berliner Schloßplatz, ein sogenanntes Karussell
oder Ringelrennen, das von dem anwesenden Voltaire in glänzenden
Versen gepriesen wurde, durch den einundzwanzigjährigen Dichter in dem
sarkastischen Gedicht »Auf ein Karussell« hingewiesen. Er hat auch
einmal einen Aufsatz über die »Deutsche Freiheit« geschrieben, die zu
Tacitus' Zeiten und auch das ganze Mittelalter hindurch wenigstens in
der Form der Landstände den Absolutismus der Fürsten eingeschränkt
habe. »Sollten wir nicht wenigstens in unseren Schriften unaufhörlich
gegen diese ungerechten Veränderungen protestieren« usw.? Und seine
»Emilia Galotti«, ist sie etwas anderes als ein flammender, ingrimmiger
Protest gegen fürstliche Willkür- und Mätressenwirtschaft, ein Stück,
in dem sogar der gewiß doch maßvolle, selbst an einem Fürstenhof
lebende Goethe den »entscheidenden Schritt zur sittlich erregten
Opposition gegen die tyrannische Willkürherrschaft« erblickte, den dann
des jungen Schiller »Kabale und Liebe« zuerst vom italienischen auf
einen deutschen Schauplatz zu übertragen wagte? So kann man in der Tat
-- es ist der eigentliche Grundgedanke von Mehrings »Lessing-Legende«
-- Lessing als ersten glänzenden Vertreter des aufstrebenden Bürgertums
bezeichnen, das nur seines großen Vorkämpfers nicht würdig war,
vielmehr durch wirtschaftliche und politische Rückständigkeit sich
auszeichnete.
Allein Lessing geht über diesen Bourgeoisstandpunkt, mindestens an
einzelnen Stellen seiner Schriften, noch erheblich hinaus. So in dem
merkwürdigen, in der großen Lessing-Ausgabe von Lachmann und Muncker
(XVI, 520 f.) in zwei Fassungen vorliegenden kurzen »Gespräch über
die Soldaten und Mönche«. Man streite darüber, ob es mehr Soldaten
oder Mönche in der Welt gebe. Aber wenn der Landmann seine Saat von
Schnecken und Mäusen vernichtet sehe, frage er nicht danach, welcher
von beiden es mehr seien. Und nun folgt in der längeren Fassung
folgendes Zwiegespräch:
B. Was sind denn Soldaten?
A. Beschützer des Staats.
B. Und Mönche sind Stützen der Kirche.
A. Mit eurer Kirche!
B. Mit eurem Staate!
A. Träumst du? Der Staat! Der Staat! Das Glück, welches der
Staat jedem einzelnen Gliede in diesem Leben gewährt.
B. Die Seligkeit, welche die Kirche jedem Menschen nach diesem
Leben verheißt!
A. Verheißt!
B. Gimpel!
So starke Ketzereien in so zugespitzter Form hat unser Held allerdings
vorsichtigerweise in seinem Schreibpult zurückgehalten. Aber in
milderer Ausprägung erkennen wir doch die gleiche Anschauung auch
im »Nathan« und in den Freimaurergesprächen wieder. Im »Nathan«
in der eigenartigen Gestalt des Derwischs Al-Hafi, der es in der
kapitalistischen Welt nicht mehr aushalten kann -- denn »Borgen ist
viel besser nicht als betteln, so wie Leihen, auf Wucher leihen nicht
viel besser ist als stehlen«; und nun allerdings zum _Kampf_ dagegen
sich nicht stark genug fühlt, sondern, »um das Werkzeug beider nicht zu
sein« -- an den Ganges fliehen will. »Am Ganges, am Ganges nur gibt's
_Menschen_!«, will sagen: vom Kapitalismus, diesem »Plunder«, dieser
»Plackerei« erlöste Menschen. Von dieser Lebensansicht fühlt selbst
der weise und kaufmännische Nathan sich so ergriffen, daß er in den,
prinzipiell aufgefaßt, anarchistischen Ausruf ausbricht: »Der wahre
Bettler ist doch einzig und allein der wahre König!« -- Und nun zu
Lessings
4. Staats- und Gesellschaftsphilosophie in Ernst und Falk
seinen »_Gesprächen für Freimäurer_«, fünf an der Zahl, von denen die
drei ersten 1778, die beiden letzten 1780, anonym auch sie unter dem
Zwange der Zeit, erschienen sind. Lessing hatte sich im Jahre 1771
zu Braunschweig in die Loge aufnehmen lassen (der ja auch Herder,
Schiller und Goethe beitraten), aber schon ziemlich bald enttäuscht
wieder zurückgezogen. Wir sehen hier von allem auf die Geschichte der
Freimaurerei Bezüglichen, das in einzelnen Gesprächen eine ziemlich
bedeutende Rolle spielt, ab und beschränken uns auf das, was sich
aus ihnen für Lessings philosophische, insbesondere _staats- und
gesellschafts_philosophische Ansichten gewinnen läßt. Das Wichtigste
in dieser Hinsicht findet sich im zweiten, einiges noch im vierten
Gespräch.
Da ist es nun für den Sozialisten interessant, sozialphilosophischen
Anschauungen zu begegnen, die der Verfasser zwar aus ihm
vorangegangenen Denkern, wie den Franzosen Bodin und Montesquieu,[8]
haben mag, die aber bis zu einem gewissen Grade schon an Karl _Marx_
anklingen. Viele Staaten, läßt er im Verlauf des zweiten Gesprächs
dessen Hauptwortführer (Falk) sagen, würden »ein ganz verschiedenes
Klima, folglich ganz verschiedene Bedürfnisse und Befriedigungen,
folglich ganz verschiedene Gewohnheiten und Sitten, folglich ganz
verschiedene Sittenlehren, folglich ganz verschiedene Religionen
haben«. Erinnert das »Klima« mehr an die beiden obengenannten
Geschichtsphilosophen, so die »Bedürfnisse« und ihre »Befriedigungen«
mit ihrem ganzen ideologischen Überbau an Marx-Engels' ökonomische
Geschichtsauffassung. Daß solche Anschauungen Lessings aber von lange
her in ihm lagen, ergibt sich aus dem Umstand, daß er bereits im Januar
1753 in einer Rezension der »Vossischen Zeitung« die sogenannten
»moralischen Ursachen« der Völkerverschiedenheit geradezu als nichts
anderes denn »Folgen der physischen« (er sagt noch: physikalischen)
bezeichnet.