Gerade deshalb hatte er unseren allen halben Wahrheiten abgeneigten

Lessing angezogen, obschon dieser sich durchaus nicht mit ihm

identifizierte, und er entschloß sich trotz des Abratens seiner

Berliner Freunde, des weltklugen Nicolai und des zaghaften oder

mindestens vorsichtigen Mendelssohn, zu der Veröffentlichung. Da aber

die Berliner Zensur die Druckerlaubnis verweigerte, so benutzte er

die Zensurfreiheit seines Bibliothekamtes, um wenigstens die ihm am

wichtigsten erscheinenden Abschnitte desselben als »Beiträge« aus

den Papieren eines »Ungenannten« herauszugeben. Es sind die berühmt

gewordenen »_Wolfenbütteler Fragmente_«, die von ihm selbst zum Teil

mit eigenen »Gegensätzen« versehen wurden. Das von uns bereits erwähnte

1774 veröffentlichte, inhaltlich noch sehr gemäßigte Fragment war

ziemlich unbeachtet geblieben. Anders die fünf folgenden, 1777 zusammen

herausgegebenen. Schon die Überschriften weisen auf den Inhalt. Sie

lauten: 1. Von der Verschreiung der Vernunft auf den Kanzeln. 2.

Unmöglichkeit einer Offenbarung, die alle Menschen auf eine gegründete

Art glauben könnten. 3. Durchgang der Israeliten durchs Rote Meer. 4.

Daß die Bücher des Alten Testaments nicht geschrieben worden, eine

Religion zu offenbaren. 5. Über die Auferstehungsgeschichte.

Wie verhält sich nun Lessings eigener Standpunkt dazu? Lessing

hat seine »allgemeine« Antwort in einer Reihe schlagender Sätze

zusammengefaßt, die er später, einen jeden einzelnen, in glänzender

Form gegen die Angriffe des Hauptpastors Goeze verteidigte und

die seinen Standpunkt gegenüber der biblischen Überlieferung mit

außerordentlicher Klarheit und Knappheit wiedergeben: 1. Die Bibel

enthält offenbar mehr, als zur Religion gehört. 2. Es ist bloße

Hypothese (Vermutung), daß die Bibel in diesem Mehreren gleich

unfehlbar sei. 3. Der Buchstabe ist nicht der Geist, und die Bibel ist

nicht die Religion. 4. Folglich sind Einwürfe gegen den Buchstaben und

gegen die Bibel nicht eben auch Einwürfe gegen den Geist und gegen

die Religion. 5. Auch war die Religion, ehe eine Bibel war. 6. Das

Christentum war, ehe Evangelisten und Apostel geschrieben hatten. Es

verlief eine geraume Zeit, ehe der erste von ihnen schrieb, und eine

sehr beträchtliche, ehe der ganze Kanon[4] zustande kam. 7. Es mag also

von diesen Schriften noch so viel abhangen, so kann doch unmöglich die

ganze Wahrheit der christlichen Religion auf ihnen beruhen. 8. War

ein Zeitraum, in welchem sie bereits so ausgebreitet war, in welchem

sie sich bereits so vieler Seelen bemächtigt hatte und in welchem

gleichwohl noch kein Buchstabe aus dem von ihr aufgezeichnet war, was

bis auf uns gekommen ist, so muß es auch möglich sein, daß alles, was

die Evangelisten und Apostel geschrieben haben, wiederum verloren ginge

und die von ihnen gelehrte Religion doch bestände. 9. Die Religion ist

nicht wahr, weil die Evangelisten und Apostel sie lehrten, sondern sie

lehrten sie, weil sie wahr ist. Endlich 10. Aus ihrer inneren Wahrheit

müssen die schriftlichen Überlieferungen erklärt werden, und alle

schriftlichen Überlieferungen können ihr keine innere Wahrheit geben,

wenn sie keine hat.

Man sieht, Lessings Standpunkt ist keineswegs radikal. Er wird heute

von vielen protestantischen Theologen an Radikalismus weit überboten

und muß eigentlich von jedem vernünftig denkenden Christen zugegeben

werden. Aber Lessing geht in der Einleitung zu diesen Sätzen noch

folgerichtiger vor und überwindet damit bereits -- ähnlich wie

später Kant und noch prinzipieller Schleiermacher -- den Standpunkt

der »Aufklärung«. Er, der Held des klaren Verstandes, gründet

gleichwohl die Religion auf ihren wahren Quell: das _Gefühl_. Möchten

auch sämtliche Einwände des »Ungenannten« dem kritischen Verstand

unwiderlegbar erscheinen, so könnte nur der gelehrte _Theologe_ darüber

in Verlegenheit geraten, nicht der _Christ_. Denn »was gehen den

Christen dieses Mannes Hypothesen und Erklärungen und Beweise an? Ihm

ist es doch einmal da, das Christentum, welches er so wahr, in welchem

er sich so selig _fühlet_«. Mag sein, daß Lessing für seine Person

anders gedacht hat: jedenfalls hält er sich hier in den Grenzen der

Verteidigung eines _persönlichen_, individuellen Christentums, das

sich auf innere Erfahrung gründet: wie es innerhalb der evangelischen

Theologie in neuerer Zeit die Ritschlsche Schule wieder erneuert hat.

Zu der Veröffentlichung der »Fragmente« gehörte damals ein gewaltiger

Mut. Warf doch Lessing damit allen theologischen Parteien den

Fehdehandschuh hin. Bald regnete es denn auch Artikel, Flugschriften,

Bücher, am meisten natürlich seitens der Rechtgläubigen. Einer von

ihnen, der Schuldirektor Schumann aus Hannover, hatte in den von

Christus getanen Wundern und in den in ihm »erfüllten« Weissagungen

den »_Beweis des Geistes und der Kraft_« erblicken wollen. Ihm

erwiderte Lessing in einem ebenso betitelten anonymen Aufsatz.

Er will zwar -- anscheinend aus bloß taktischen Gründen -- die

Tatsächlichkeit solcher Wunder nicht rundweg leugnen, bestreitet

jedoch, daß sie, die wir doch nur auf Treu und Glauben anderer als

wahr annehmen, für Jesu anderweitige Lehren beweisend sein könnten.

Denn -- und nun kommt eine Leibniz entlehnte wichtige Unterscheidung

-- »_zufällige_ _Geschichts_wahrheiten (Leibniz sagt ~vérités de

fait~, d. h. Tatsachen-Wahrheiten) können der Beweis von _notwendigen

Vernunft_wahrheiten nie werden«. Wir alle, führt Lessing aus, glauben,

daß ein Alexander der Große gelebt und einen großen Teil Asiens erobert

hat; aber wer wollte auf diese historische Wahrheit eine wichtige

philosophische oder moralische Wahrheit gründen! »Das ist der garstige

breite Graben, über den ich nicht hinüber kann, so oft und ernstlich

ich auch den Sprung versucht habe. Kann mir jemand hinüberhelfen, der

tu es; ich bitte, ich beschwöre ihn. Er verdient einen Gotteslohn an

mir.«

Noch milder und versöhnlicher ist die in Gestalt eines formvollendeten

Zwiegesprächs wiedergegebene hübsche Legende des Kirchenvaters

Hieronymus von dem letzten Vermächtnis des Evangelisten Johannes

gehalten, der seine Jünger immer wieder ermahnt haben soll:

»Kinderchen, _liebt_ euch!«, weil »das allein, wenn es geschieht,

hinlänglich genug ist«. »Möchte doch alle,« so schließt Lessing,

»welche das _Evangelium_ Johannis trennt, das _Testament_ Johannis

wieder vereinigen!« Auch hier also wird das Praktische über das

Theoretische, die Liebe über den Glauben gestellt. Ein Vorspiel zum

»Nathan«! Und ein Vorbild für die Christenheit unserer Zeit, die in der

Erfüllung dieses Testaments seitdem eher zurück- als vorwärtsgekommen

ist.

Ein dritter, diesmal von Lessing mit seinem Namen gezeichneter

Aufsatz, die »_Duplik_« (d. h. eigentlich zweite Antwort) war an den

Superintendenten Reß in Lessings Wohnort gerichtet.

Sie enthält in ihrem ersten Abschnitt, mit dem sie den Charakter des

edlen »Ungenannten« rechtfertigt, den berühmten Satz, daß der ganze

Wert des Menschen nicht auf dem vermeintlichen _Besitz_ der Wahrheit

beruhe, der vielmehr »ruhig, träge, stolz« mache, sondern auf der

»aufrichtigen _Mühe_, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu

kommen«; denn nur »durch die Nachforschung der Wahrheit erweitern sich

alle seine Kräfte«. Worauf dann das noch berühmtere Gleichnis folgt:

»Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den

einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatz,

mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte und spräche zu mir:

›Wähle!‹, ich fiele ihm mit Demut in seine Linke und sagte: ›Vater,

gib! Die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein!‹« Vielleicht

verleitet ihn auch hier seine Neigung zu glänzenden, die Gedanken

scharf gegeneinander haltenden Antithesen zu einer überscharfen

Formulierung der Gegensätze, so insbesondere durch den Zusatz »ewigen«

Irrtums. Im übrigen ist wohl niemals der Wert reiner Wahrheitsforschung

schöner formuliert worden.

In der Sache selbst, der Verteidigung der Ehrlichkeit seines

»Ungenannten« in Sachen seines »Sturmangriffs« gegen die biblische

Auferstehungsgeschichte, ist seine Taktik wiederum sehr zurückhaltend.

Der Ungenannte behaupte: »Die Auferstehung Christi ist _auch darum_

nicht zu glauben, weil die Nachrichten der Evangelisten darin sich

widersprechen.« Sein theologischer Gegner: »Sie ist schlechterdings

zu glauben; _denn_ die Nachrichten widersprechen sich nicht.« Er

(Lessing) sage nur: »Sie kann ihre gute Richtigkeit haben, _obschon_

die Nachrichten sich widersprechen.«

Aber seine, sei es nun tatsächliche oder taktische, Versöhnlichkeit

half ihm nichts. Ein neuer Gegner, angesehener und schärfer als die

vorherigen, trat wider ihn auf den Plan. Es war der nur durch Lessing

zur Unsterblichkeit gelangte Hamburger Hauptpastor Johann Melchior

_Goeze_.

Im Kampfe gegen diesen Vertreter des rechtgläubigen Luthertums

entstanden dann jene Meisterstücke der Polemik, die in der ganzen

Weltliteratur kaum ihresgleichen besitzen. Zunächst, ihnen

vorausgesandt noch, die verhältnismäßig noch friedliche »_Parabel_«:

der Vergleich des Christentums mit einem unermeßlichen Palast von

sonderbarer, namentlich nach außen hin sehr unregelmäßiger Bauart,

zu dem vielerlei Eingänge führen, und der sein Hauptlicht von oben

empfängt. Anstatt sich aber an der inneren Helligkeit des Palastes,

der ihn erfüllenden gütigen Weisheit und an der Schönheit und Ordnung

zu erfreuen, die sich von ihm über das ganze Land verbreitete --

mit anderen Worten: anstatt des _Taten_christentums, gerieten die

vermeinten Kenner seiner Architektur in beständige Zwistigkeiten

über seine Außenseite. Und zwar glaubte und behauptete ein jeder den

allein richtigen Grundriß dazu von den ersten Baumeistern überkommen

zu haben. Allmählich dachten sie nur noch an ihre Grundrisse und gaben

die wenigen, die einmal einen von diesen geliebten Grundrissen etwas

näher zu beleuchten wagten, für »Mordbrenner des Palastes selbst« aus.

Als nun einmal der Wächter: »Feuer im Palast!« rief, da stürzte jeder

-- nur nach seinem Grundriß, um ihn als das Kostbarste zu retten. In

Wahrheit hatte der Palast gar nicht gebrannt: die erschrockenen Wächter

hatten ein Nordlicht für eine Feuersbrunst gehalten. Die Anwendung auf

die christliche Religion, die mancherlei Zugänge zu ihr, ihre inneren

Vorzüge, und im Gegensatz dazu die Beschränktheit und Rechthaberei der

unduldsamen Konfessionellen ergibt sich von selbst.

Die der Parabel folgende »_Bitte_« vergleicht den Verfasser und

seinen pastoralen Gegner mit einem Kräuterkenner und einem Schäfer.

Der letztere braucht nur an das Wohl der ihm anvertrauten Schäflein

zu denken. Der Botaniker dagegen, im weiteren Sinne der Mann der

_Wissenschaft_, hat einen anderen Beruf. Er muß auch die giftigen

Kräuter -- und können Gifte nicht auch nützlich sein? -- nicht bloß

selbst kennenlernen, sondern auch andere damit bekannt machen.

Lessing bittet den Gegner, sich dies klarzumachen und demgemäß sein

übereiltes Verdammungsurteil wider ihn zurückzunehmen. Als jedoch

statt dessen ein nur noch schärferer Angriff Goezes erfolgte, da

ergeht sein »_Absagungsschreiben_«, das mit wahrhaften Keulenschlägen

vernichtend über den »Herrn Pastor« herfährt, und das man Satz für Satz

lesen muß, um einen Begriff davon zu bekommen. Ich nehme daraus nur

diejenige Stelle, in der er _Luthers_ Geist gegen seinen Nachtreter

heraufbeschwört: »Sie, Herr Pastor, Sie hätten den allergeringsten

Funken Lutherischen Geistes? ... Luther, Du! Großer, verkannter Mann!

und von niemandem mehr verkannt als von den kurzsichtigen Starrköpfen,

die, Deine Pantoffeln in der Hand, den von Dir gebahnten Weg schreiend,

aber gleichgültig daherschlendern!« Und er appelliert weiter von dem

_geschichtlichen_ Luther an einen _zukünftigen_. »Du hast uns von dem

Joche der Tradition erlöset, wer erlöset uns von dem unerträglicheren

Joche des Buchstabens! Wer bringt uns endlich ein Christentum, wie Du

es _jetzt_ lehren würdest, wie es Christus selbst lehren würde!«

Die sich anschließenden »Axiomata (Grundsätze), wenn es deren in

dergleichen Dingen gibt«, wider den Herrn Pastor Goeze in Hamburg

haben wir bereits S. 31 kennengelernt. Und die dann folgenden

»_Anti-Goezes_« bringen, trotz ihrer wunderbaren Form, inhaltlich,

vor allem philosophisch, aber auch für die Kenntnis von Lessings

religiöser Weltanschauung kaum etwas Neues mehr: man müßte denn die

scharfe Wendung in dem ersten dieser zehn »notgedrungenen Beiträge«

dahin zählen: »Herr Pastor, wenn Sie es dahin bringen, daß unsere

Lutherschen Pastores unsere Päpste werden; daß diese uns vorschreiben

können, wo wir aufhören sollen, in der Schrift zu forschen; daß diese

unserem Forschen, der Mitteilung unseres Erforschten Schranken setzen

dürfen: so bin ich der erste, der die Päpst_chen_ wieder mit dem

_Papste_ vertauscht.« (Es gibt eben, wie Kant einmal sagt, wenngleich

wenig, protestantische Katholiken und erzkatholische, vielleicht mehr,

Protestanten.)

Auf Lessings spätere, zum Teil erst aus seinem Nachlaß

bekanntgewordenen theologischen Arbeiten, die ihn in Streit mit

den liberalen Theologen seiner Zeit verwickelten -- den »großen

Wespen«, die er damit aus ihrem Loche gelockt hatte, wie er spottet,

wollen wir nur hinweisen. Denn sie interessieren letzten Endes doch

mehr den Theologen als den Philosophen und sind überdies durch die

kritische Bibelforschung der letzten anderthalb Jahrhunderte überholt.

Dagegen möchte ich Ihnen ein auf nur zwei Blättern seines Nachlasses

aufgezeichnetes, in sein letztes Lebensjahr (1780) fallendes Fragment:

»_Die Religion Christi_« seiner Bedeutung wegen wörtlich mitteilen. Es

besteht aus acht kurzen Paragraphen:

§ 1. Ob Christus mehr als Mensch gewesen, das ist ein Problem. Daß

er wahrer Mensch gewesen, wenn er es überhaupt gewesen; daß er nie

aufgehört hat, Mensch zu sein: das ist ausgemacht. § 2. Folglich

sind die Religion _Christi_ und die _christliche_ Religion zwei ganz

verschiedene Dinge. § 3. _Jene_, die Religion Christi, ist diejenige

Religion, die er als Mensch selbst erkannte und übte; die jeder Mensch

mit ihm gemein haben kann; die jeder Mensch um so viel mehr mit ihm

gemein zu haben wünschen muß, je erhabener und liebenswürdiger der

Charakter ist, den er sich von Christo als bloßem Menschen macht. § 4.

_Diese_, die christliche Religion, ist diejenige Religion, die es für

wahr annimmt, daß er mehr als Mensch gewesen und ihn selbst als solchen

zum Gegenstand der Verehrung macht. § 5. Wie diese beiden Religionen,

die Religion Christi sowohl als die christliche, in Christo als in

einer und eben derselben Person bestehen können, ist unbegreiflich.

§ 6. Kaum lassen sich die Lehren und Grundsätze beider in einem und

demselben Buche finden. Wenigstens ist augenscheinlich, daß jene,

nämlich die Religion Christi, ganz anders in den Evangelisten enthalten

ist als die christliche. § 7. Die Religion Christi ist mit den klarsten

und deutlichsten Worten darin enthalten. § 8. Die christliche hingegen

so ungewiß und vieldeutig, daß es schwerlich eine einzige Stelle gibt,

mit welcher zwei Menschen, solange als die Welt steht, den nämlichen

Gedanken verbunden haben.

Zur geplanten Vollendung seiner theologischen Arbeiten ist Lessing

nicht mehr gekommen. Körperliche Krankheit, verbunden mit schwerem

seelischem Druck, nicht zum wenigsten infolge des Todes seiner

geliebten Frau nach kaum anderthalbjähriger glücklichster Ehe, raffte

den kaum Zweiundfünfzigjährigen vor der Zeit dahin. Indes noch drei

treffliche Gaben haben uns seine letzten Jahre beschert in drei

Arbeiten, die uns zum Schlusse noch einmal seine

~D.~ Philosophische Weltanschauung

im Zusammenhang mit seiner _Ethik_ und _Religions-_ zugleich seine

_Geschichts-_ und _Staatsauffassung_ vor Augen führen werden:

1. seinen »_Nathan_«, 2. seine »_Erziehung des Menschengeschlechts_«

und 3. seine Freimaurergespräche »_Ernst_ und _Falk_«. Dazu wird 4. zu

berücksichtigen sein, was F. H. Jacobi von seinem bedeutsamen Gespräch

mit Lessing im Jahre 1780 über den _Spinozismus_ berichtet hat.

1. Toleranz und Vernunftreligion: Nathan der Weise

Als die Aufregung über die »Fragmente« und Lessings Beigaben dazu unter

den Orthodoxen immer stärker geworden war, wurde auf Andringen des

braunschweigischen Konsistoriums am 13. Juli 1778 Lessing vom Herzog

unter Androhung »schwerer Ungnade« jede fernere Publikation »dieser

Fragmente und anderer ähnlicher Schriften« strengstens verboten.

Daraufhin meinte er: »Ich muß versuchen, ob man mich auf meiner alten

Kanzel, auf dem _Theater_, wenigstens noch ungestört will predigen

lassen.« Im Mai des folgenden Jahres erschien sein »dramatisches

Gedicht«: Nathan der Weise.

Ich setze hier den Inhalt des »Nathan« als bekannt voraus und gehe

auch auf die massenhafte Literatur über das Stück mit keinem Worte

ein. Über Sinn und Tendenz dieses seines letzten Dramas ist unendlich

viel gestritten worden. Und doch ist beides, Sinn und Tendenz, im

Grunde unendlich einfach und klar. Der Verfasser selbst hat es in

einer anfangs beabsichtigten Vorrede in den Satz zusammengefaßt,

sein Stück wolle lehren, »daß es nicht erst von gestern her unter

allerlei Volk Leute gegeben, die sich über alle Religion« -- will

sagen: _geoffenbarte_ Religion -- »hinweggesetzt hätten _und doch gute

Leute gewesen wären_«. Es ist _die_ Religion, die allen sogenannten

Religion_en_ oder vielmehr, wie statt dieses im Grunde blasphemischen

und auch von Kant und Schiller mit Recht getadelten Plurals richtiger

zu sagen ist: Religions_bekenntnissen_, als ihr echter Kern zugrunde

liegt: die Religion der Menschlichkeit, die Religion, wie Kant es

ausdrückt, »innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft«, oder, wie der

Neukantianer Paul Natorp es formuliert, »innerhalb der Grenzen der

Humanität«: gegen die auch der Bekenner der _sogenannten_ »positiven«

Religionen nichts einwenden kann, wenn sie auch seinem religiösen

Bedürfnis nicht genügen mag.

Ich begnüge mich, ihre Hauptzüge mit den unvergänglichen Versen

Lessings Ihnen kurz vor Augen zu führen.

Zunächst ihre Übereinstimmung mit der wissenschaftlichen Erkenntnis der

Natur:

»Der Wunder höchstes ist,

Daß uns die wahren, echten Wunder so

Alltäglich werden können, werden sollen.«

Sodann die Begründung auf das _Gefühl_, die tröstende Lehre:

»Daß Ergebenheit

In Gott von unserm Wähnen _über_ Gott

So ganz und gar nicht abhängt.«

Und dennoch die Verwahrung gegen bloße gefühlsmäßige Schwärmerei:

»Begreifst du aber,

Wie viel _andächtig schwärmen_ leichter als

_Gut handeln_ ist?«

Dieselbe Ansicht, die der treffliche deutsche Mystiker Meister Eckhart

mit den Worten ausdrückt: »Wäre der Mensch in Verzückung, wie Sankt

Paulus war, und wüßte einen siechen Menschen, der eines Süppleins von

ihm bedürfte, ich achte es weit besser, daß du ließest aus Minne von

der Verzückung und dientest dem Dürftigen in größerer Minne.«[5]

Nichts anderes als eine andere Anwendung seines »Testaments Johannis«

(S. 33) ist das Fazit, was die berühmte Fabel von den drei Ringen zieht:

»Wohlan! Es eifre jeder seiner unbestochnen

Von Vorurteilen freien Liebe nach!«

und, wie die Worte weiter lauten, genau dem neutestamentlichen Spruch

entsprechend:

»An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!«

Unbedingteste Duldsamkeit für alle Meinungen ist Grundprinzip: »Ich

habe nie verlangt, daß allen Bäumen _eine_ Rinde wachse«, sagt Saladin.

Wer seine Religion, wer seinen Gott so auffaßt wie Nathan-Lessing, der

muß einen Sondergott für bestimmte Nationen oder Individuen als eine

Herabsetzung des Gottesbegriffs empfinden:

»Wem eignet Gott? Was ist das für ein Gott,

Der einem Menschen eignet?«

Damit hängt denn auch der dramatisch vielleicht nicht sehr geschickte,

eher etwas enttäuschende, aber die Idee des Ganzen um so tiefer

ausdrückende Schluß zusammen: daß die vorher einander gegnerisch

gegenüberstehenden Nationen und Religionsbekenntnisse sich zu guter

Letzt, ähnlich wie heute im Sozialismus, als Angehörige _einer_ Familie

erkennen.

Wenn man Lessings Humanitätsdrama mit unbefangenem, reinem Gemüt

liest und auf sich wirken läßt, dann muß es einem wahrhaftig kläglich

vorkommen, wenn ein Eugen Dühring oder -- etwas gemilderter, aber

vielleicht um so gefährlicher -- Adolf Bartels in seinem Buche »Lessing

und die Juden« mit antisemitischen Mätzchen gegen den »Juden« oder

»judenhaften« Lessing zu Felde zieht. Wer so handelt, ist nicht

wert, daß er dem Volke der Lessing und Kant, der Schiller und Goethe

angehört. Gewiß, es ist nicht zu bestreiten, daß der Dichter die

christlichen Gestalten seines Dramas, insbesondere den offiziellen

Vertreter der Kirche, den Patriarchen, desgleichen die gutmütige, aber

beschränkte Dajah entschieden ungünstiger geschildert hat als die

Vertreter des Islam, des Judentums, der Parsi-Religion. Meiner Meinung

nach war das eine logische Notwendigkeit, weil er sein Stück eben für

ein _christliches_ Publikum schrieb, dem er beweisen wollte, daß es in

anderen Religionsbekenntnissen ebenso gute oder bessere Menschen geben

könne. Hätte er es für Mohammedaner oder Juden geschrieben, so hätte er

umgekehrt die Vertreter der beiden übrigen Konfessionen heben müssen;

der Patriarch wäre dann eben ein Rabbiner oder ein Mufti geworden.

Von einer Herabsetzung des Christentums als solchem kann keine Rede

sein. Ruft doch der Klosterbruder, übrigens eine sehr sympathische

Christengestalt, Nathan gerade im entscheidenden Augenblick die das

Christentum aufs höchste anerkennenden Worte zu, die jeder echte Christ

Lessing selber zurufen könnte:

»Nathan, Ihr seid ein Christ! ein beßrer Christ war nie!«

Die höchste sittliche Wahrheit freilich steht für den Dichter mit Recht

_über_ den Religionsbekenntnissen:

»Sind Christ und Jude eher Christ und Jude

Als Mensch?«

Woran sich der gerade unserem Lessing aus tiefster Seele kommende

Ausruf Nathans an den Tempelherrn schließt:

»Ach, wenn ich einen mehr in Euch

Gefunden hätte, dem es genügt, ein Mensch

Zu heißen!«

Ein Wort, das gerade heute jedem Europäer, der sich zu einem

sogenannten »Kultur«volk zählt, vor allem aber denen, die sich der

Religion Jesu zurechnen, beschämend, mahnend, anfeuernd vor der Seele

stehen müßte!

Ja, Dilthey, der sonst die Gefühlsworte nicht liebt, hat recht, wenn er

in diesem »unvergänglichen Gedicht«, ebenso wie in Goethes »Iphigenie«,

eine so »reine Seelengröße« verkündet sieht, daß kein ernster Forscher

der menschlichen Natur es lesen könne, ohne daß sein Auge feucht

werde. Und Lessing hatte recht, wenn er als Motto das Wort des antiken

Dichters über sein Drama setzte: »~Introite, nam et hic dii sunt!~«, zu

deutsch: »Tretet ein, denn auch hier sind Götter.«

Inhaltlich dem »Nathan« verwandt sind die letzten beiden --

bezeichnenderweise beide ohne seinen Namen -- erschienenen Schriften

Lessings: 1. die »_Freimaurergespräche_« zwischen Ernst und Falk und

2. »_Die Erziehung des Menschengeschlechts_«. Der Zeitfolge nach ist

es einerlei, welche von beiden wir zuerst behandeln. Von beiden ist

ein erster Teil schon 1777 bezw. 1778 (gleichfalls anonym) und erst

die zweite Hälfte in Lessings letztem Lebensjahr (1780) veröffentlicht

worden. Wir ziehen es vor, mit der

2. Religion und Geschichtsphilosophie: Erziehung des Menschengeschlechts

zu beginnen, weil ihr teils _religions_-, teils

_geschichts_philosophischer Inhalt dem »Nathan« näher steht als der

teils _geschichts_-, teils _staats_philosophische der »Gespräche für

Freimäurer«.

Die Philosophie unserer Klassiker: Lessing, Herder, Schiller, Goethe · 第 3 / 17 段