So wirkte denn der »Laokoon« schon zur Zeit seines Erscheinens mächtig

auf alle freieren Geister in der bildenden Kunst und der Dichtung.

Ein neuerer Gelehrter hat sich die Mühe genommen, alle erreichbaren

Urteile der Zeitgenossen über die einzelnen Schriften Lessings

zusammenzutragen. Aber wir bedürfen für unseren philosophischen Zweck

nicht solches philologischen Sammelns teilweise doch ganz wertloser

Äußerungen von Krethi und Plethi. Uns genügt zu einer nochmaligen

Schlußbeleuchtung von Lessings kunstkritischer Tat das Urteil des

einen _Goethe_, wie es sich im achten Buche des zweiten Teiles von

»Dichtung und Wahrheit« findet. »Man muß Jüngling sein,« so schreibt

er noch nach vierundeinhalb Jahrzehnten und doch mit lebendigster

Erinnerung an die eigene Jünglingszeit, »um sich zu vergegenwärtigen,

welche Wirkung Lessings ›Laokoon‹ auf uns ausübte.« Die »Wir«, das

ist die junge Generation, die eine neue Blütezeit der deutschen

Dichtung erstrebte und auch erreicht hat; nicht die alte, absterbende:

die trockenen Gottschedianer auf der einen, die empfindsame und in

breiten Beschreibungen sich ergehende sogenannte »Schweizer« Schule

der Haller, Bodmer und Breitinger auf der anderen Seite, und doch auch

die Männer des alten Geschmacks, die dem deutschen Dichtergenius noch

nichts zutrauten, und zu denen selbst so große Geister wie Immanuel

Kant und Friedrich der Große gehörten. Goethe fährt fort -- und nun

kommt der feinste und wichtigste Zug seiner Charakteristik --: »indem

uns dieses Werk aus der Region eines kümmerlichen _Anschauens_ in die

freien Gefilde des _Gedankens_ hinriß.« Mit dem kümmerlichen Anschauen

wird er wohl weniger das Gebiet der bildenden Kunst gemeint haben,

denn hier hatte Johann Winckelmann bereits ein Jahrzehnt zuvor durch

seine »Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in Malerei

und Bildhauerkunst« (1755) und von neuem eben erst (1764) durch seine

»Geschichte der Kunst des Altertums« revolutionierend gewirkt,[2]

sondern die Poesie. Die »Anschauung« muß auch auf dem Felde der

Ästhetik durch den »Gedanken« oder, wie es kurz vorher bestimmter

heißt, durch den »Begriff« erst erleuchtet, gewissermaßen erst sehend

gemacht werden. Denn, wie Kant an einer bedeutsamen Stelle seiner

»Kritik der reinen Vernunft« es formuliert: Begriffe ohne Anschauungen

sind freilich »leer«, aber Anschauungen ohne Begriffe sind »blind«.

Die so lange aus Mißverständnis beider Kunstarten hervorgegangene

Vermischung und Verwischung von bildender und redender Kunst, wie

sie in jener glänzenden Antithese des Simonides von der Poesie als

redender Malerei und der Malerei als der stummen Poesie lag, sie war

nach Goethes Ausdruck nun durch die Tat Lessings »auf einmal beseitigt«

worden; die Gipfel beider Künste »erschienen nun getrennt«, wie nahe

auch ihre »Basen« in dem schöpferischen Urquell alles Kunstschaffens

überhaupt »zusammenstoßen mochten«. Und wenn er dann zum Schlusse

ausführt, daß sie, d. h. die junge Generation, daraufhin »alle

bisherige anleitende und urteilende Kritik wie einen abgetragenen Rock

weggeworfen« hätten, so hat er damit die epochemachende tatsächliche

Wirkung der Lessingschen Kunstschrift noch nach 45 Jahren aufs stärkste

gekennzeichnet. In der Tat hat denn auch der »Laokoon« in dem nächsten

Vierteljahrhundert nach seinem Erscheinen nach dem Urteil Wilhelm

Diltheys »alle ästhetische und literarische Kritik bestimmt«, bis 1790

ein noch Größerer kam, Kant mit seiner »Kritik der Urteilskraft«,

die Schiller und Goethe, wie wir später sehen wollen, zusammenführen

sollte. Allein nicht bloß die ästhetische Theorie, auch das

dichterische Schaffen selbst hat der »Laokoon« nachhaltig beeinflußt.

Das haben nicht bloß Herder und Wieland dankbar anerkannt (der letztere

z. B. bemerkt einmal an einer Stelle, wo er sich in eine längere

poetische Beschreibung einlassen will: »Hier zupft mich Lessing am

Ohr!«), das haben auch Schiller und Goethe selber praktisch beachtet.

Denken wir nur an Schillers großes kulturphilosophisches Gedicht »Der

Spaziergang« -- welcher Unterschied gegen die trockenen Lehrgedichte

eines Pope und Haller! -- oder an »Hermann und Dorothea« mit dem Gang

der Löwenwirtin durch ihr Besitztum. Und ihnen nach, bewußt oder

unbewußt, unsere besten neueren Dichter: die Gottfried Keller, Konrad

Ferdinand Meyer, Theodor Storm und andere.

Doch es wird Zeit, daß wir uns der _zweiten_ großen ästhetischen Tat

Lessings zuwenden, seiner

Hamburger Dramaturgie

Wenn das Wesen der Poesie Handlung ist, so stellt ihren Höhepunkt die

_dramatische_ Dichtung dar, die ihren Namen ja vom griechischen Worte

(~drān~) für »handeln« hat und in »Akte«, d. h. Handlungen, zerfällt.

War dies Thema im »Laokoon« nur gestreift worden, so kehrte Lessing in

seiner »Hamburger Dramaturgie« zu der theoretischen Behandlung seines

alten Lieblingsfeldes, des Schauspiels, zurück, dem er inzwischen

durch seine »Minna von Barnhelm« eine seiner unvergänglichsten Gaben

geschenkt hatte.[3] Auch diesmal wieder geht er, ja in noch weit

höherem Grade als beim »Laokoon«, von der Praxis aus: den Ausführungen

des neugegründeten, als großes deutsches Nationaltheater geplanten,

leider aber nach kaum zwei Jahren aus Mangel an Interesse der

maßgebenden Kreise gescheiterten Hamburger Schauspielhauses, zu dessen

dramatischem Berater er gewählt worden war. Aus seiner Besprechung

dieser Aufführungen, die sich infolge äußerer Umstände immer mehr auf

die theoretische Seite beschränkte, erwuchs die berühmte »Hamburger

Dramaturgie« (1767 bis 1769): jenes Buch, dessen Verfasser dramatischer

Theoretiker, erfahrener Theatermann und dramatischer Dichter zugleich

war, also alle drei erforderlichen Eigenschaften in gleichem Maße

besaß; jenes Buch, von dem Gervinus in seiner »Geschichte der

deutschen Dichtung« (IV, S. 399) sagt: er kenne »kein Buch, bei dem ein

deutsches Gemüt über den Widerschein echt deutscher Natur, Tiefe der

Erkenntnis, Gesundheit des Kopfes, Energie des Charakters und Reinheit

des Geschmacks innigere Freude und gerechtfertigteren Stolz empfinden

dürfte«.

Wenn das Drama nach Diltheys zutreffendem Wort eine vollendet

vergegenwärtigte Handlung ist, die Form der Handlung aber nur in der

_Einheit_ gefunden werden kann, so bedarf gerade das Drama vor allem

strengster Einheit der Handlung. Die von den französischen Ästhetikern

und ihren Nachtretern, den deutschen Gottschedianern geforderten und

dann in der dramatischen Praxis der Zeit fast ausnahmslos bis zur

Schablone mit pedantischer Ängstlichkeit durchgeführten zwei weiteren

»Einheiten« des Ortes und der Zeit, wonach die Handlung sich binnen

vierundzwanzig Stunden womöglich in demselben Raume abspielen mußte,

sind mithin unerheblich. Die stärkste Wirkung entfaltet die _tragische_

Handlung. Wenn aber weiter alles menschliche Tun dem unterschiedslosen

Gesetz von Ursache und Wirkung unterliegt, so muß auch die von dem

genialsten und scheinbar regellosesten aller bisherigen Dramatiker,

dem großen Shakespeare, geschaffene dichterische Welt ebenfalls einen

lückenlosen Zusammenhang der inneren und äußeren Motivierung dieser

Handlungen aufweisen. Eine jede von ihnen muß aus dem Charakter der

handelnden Personen und der sie umgebenden Welt (ihrem »Milieu«)

notwendig hervorgehen, genauer hervorzugehen scheinen. Die Tragödie

insbesondere muß uns mitten in die tragischen Charaktere, in das Werden

ihrer Leidenschaften versetzen, so lebendig, daß auch dem Zuschauer

oder Leser alles klar und durchsichtig vor die Seele tritt. »Wir müssen

bei jedem Schritt, den der Poet seine Personen tun läßt, bekennen: wir

würden ihn in dem nämlichen Grade der Leidenschaft, bei der nämlichen

Lage der Sache selbst getan haben.«

Unserem Ästhetiker scheint daher, wie schon dem alten Aristoteles in

seiner »Poetik«, die Tragödie einen viel philosophischeren Charakter

zu besitzen als die _Geschichte_. Denn »auf dem Theater sollen wir

nicht lernen, was dieser oder jener einzelne Mensch getan _hat_,

sondern« -- was Lessing offenbar für eine philosophische Einsicht hält

-- »was jeder Mensch unter gewissen gegebenen Umständen tun _werde_«.

Man kann bestreiten, ob die recht verstandene Geschichte wirklich vom

philosophischen Standpunkt aus dem Drama untergeordnet ist. Tiefere

Geschichtschreiber und Geschichtsphilosophen werden es nicht zugeben.

Sagt doch z. B. Auguste Comte, gerade die Geschichte lehre ~savoir pour

prévoir~, »wissen, um vorauszuwissen«! Diese Frage steht überhaupt auf

einem anderen Blatte, und wir wollen ihr jetzt nicht weiter nachgehen.

Die Hauptfrage ist für den Dichter wie für den Theoretiker der Tragödie

eine andere, die rein subjektive: Welches Gefühl soll die echte

Tragödie im Gemüt des Zuschauers erwecken?

Damit kommen wir zu der berühmten aristotelischen Begriffsbestimmung

des Trauerspiels, von der uns hier nur der Schlußgedanke angeht,

daß sie »vermittels des _Mitleids_ und der _Furcht_ die Reinigung

derartiger Leidenschaften hervorbringt«. Wir wollen uns nicht mit

den Einzelheiten dieser berühmten Definition, die bekanntlich eine

ganze Literatur für sich hervorgebracht hat, aufhalten, z. B. mit der

Frage, ob die »Reinigung« (Katharsis) eine Läuterung _der_ genannten

beiden Leidenschaften selbst oder eine Befreiung _von_ ihnen bedeutet.

Auch, ob »Furcht« bei Aristoteles in dem von Lessing angenommenen

Sinne gemeint ist, sie sei »das auf uns selbst bezogene Mitleid«, mag

zweifelhaft bleiben. Wir sind überhaupt nicht der von Lessing noch mit

den meisten seiner Zeitgenossen geteilten Meinung, daß Aristoteles in

diesen Dingen eine unfehlbare Richtschnur darstelle. Das Wesentliche

scheint mir vielmehr mit Dilthey darin zu liegen, daß Lessing, ob mit

oder ohne Aristoteles, das Mitleid in seiner ganzen Tiefe faßt, daß wir

es uns erweitert denken müssen zum Mitempfinden überhaupt, gleichsam

zum »Miterzittern unseres Innern«, wie wenn eine zweite Saite mit

der zuerst angeschlagenen mitzutönen beginnt, so daß also neben der

Mittrauer die Mit_freude_ mitumfaßt wird. So mußte Lessing den Kern

der Handlung, den Kern der dramatischen Charaktere eines Shakespeare

und anderer Großen in der _freien_, lebendigen _Bewegung großer

Leidenschaften_ erblicken, wie er schon im »Laokoon« das Stoische als

»untheatralisch« bezeichnet und die bloße Bewunderung einen »kalten

Affekt« genannt hatte. Damit aber legt er den letzten Grund des

dichterischen Schaffens in die Hand des _Genies_.

Man hat Lessing häufig der Genieperiode des achtzehnten Jahrhunderts

schroff entgegengesetzt. Gewiß, er hat deren Ausartungen nicht

gebilligt. Und er selbst hat in dem Epilog zu seiner »Dramaturgie«

allzu bescheiden von sich behauptet, nicht einmal ein Dichter, viel

weniger ein Genie zu sein: »Ich fühle die lebendige Quelle nicht in

mir, die durch eigene Kraft sich emporarbeitet, durch eigene Kraft in

so reichen, so frischen, so reinen Strahlen aufschießt; ich muß alles

durch Druckwerk und Röhren aus mir herauspressen.« Sicherlich, die

_kritische_ Ader war in ihm stärker als die _produktive_ Schöpferkraft.

Aber schon Goethe hat auf diese Selbstbezweifelung die richtige Antwort

gegeben: »Lessing wollte den hohen Titel eines Genies ablehnen, aber

seine dauernden Wirkungen zeugen wider ihn selber.« Erinnern wir uns

auch seiner Jugendverse vom Adlerflug des Genies (S. 6 f.). Er ist

jedenfalls nicht bloß selbst ein großes kritisches Genie gewesen,

sondern hat vor allem auch das Wesen des Genies begriffen und seinen

Alleinwert für die Dichtkunst gewürdigt. Ich gebe Ihnen im folgenden

einige seiner Aussprüche wieder. Das Genie trägt nach ihm die Probe

der Regeln in sich, es ist der geborene Kunstrichter und lacht über

die Grenzscheidungen der Kritik. Es beweist durch die Tat, d. h.

durch sein Werk, was möglich ist. Aus sich selbst, aus seinem eigenen

Reichtum bringt es alle seine Schöpfungen hervor. Das höchste Genie,

den göttlichen Schöpfer, im kleinen nachahmend, schafft sich seine

eigene Welt. Freilich an anderen Stellen heißt es doch wieder im Geiste

der _alten_ Zeit: mit Absicht dichten, d. h. mit Absicht »nachahmen«

sei eben das, was das Genie von den kleinen Dichtern und Künstlern

unterscheide. Zu dem ganz freien Begriff des Genies, wie ihn Kants

»Kritik der Urteilskraft« lehrt, ist Lessing mithin doch nicht völlig

vorgedrungen.

Auch klebt er noch zu fest an den aristotelischen Begriffen: er hat

sich von dem Einfluß der antiken Schicksalstragödie, die er in

Sophokles verehrte, zu der rein modernen Charaktertragödie, welche die

Katastrophe einzig und allein aus der tragischen Schuld des Helden

herleitet, noch nicht gänzlich durchgerungen. Im letzten Grunde darf

doch die Tragödie sich nicht damit begnügen, bloß die Darstellung einer

rührenden, unser Mitleid erregenden Handlung zu sein; sondern muß uns

durch den in ihr sichtbar werdenden, wenigstens _inneren_ Triumph

der sittlich-vernünftigen Weltordnung befreien und erheben. Deshalb

befriedigt uns z. B. der Ausgang von Schillers »Räubern« oder »Luise

Millerin« mehr als der von Hauptmanns »Webern«, was ich übrigens zu

meiner Freude schon in Abiturientenaufsätzen westfälischer Oberprimaner

klar auseinandergesetzt fand.

Mit seiner im Winter 1771/72 verfaßten »Emilia Galotti«, sozusagen

der praktischen Verkörperung seiner dramatischen Theorie, schließt

Lessings ästhetische Epoche ab; denn sein »Nathan« von 1776 dient

anderen Zwecken. Noch einmal legt er hier in deren erstem Aufzug dem

Maler Conti geistvolle ästhetische Aussprüche in den Mund, wie die,

daß »Raffael das größte malerische Genie gewesen wäre, auch wenn er

unglücklicherweise ohne Hände wäre geboren worden«. Dann aber versiegt

seine ästhetische Ader. Was er Ästhetisches der Welt zu sagen gehabt

hatte, hatte er gesagt. Er wendet sich nun wieder den religiösen,

zuletzt auch den geschichts-, staats- und allgemein-philosophischen

Weltanschauungsfragen zu.

Seine dramatischen Theorien aber haben auf Dichter, Ästhetiker und die

praktischen Vertreter der Schauspielkunst nachhaltig eingewirkt. Wie

wir bei dem »Laokoon« uns auf des einen Goethe Ausspruch bezogen haben,

so möchten wir hier auch nur auf das Urteil unseres größten klassischen

_Dramatikers_ hinweisen. Kein Geringerer als Friedrich Schiller

schreibt am 4. Juni 1799 über die »Hamburger Dramaturgie« an Goethe:

Lessing sei über das, was die Kunst betreffe, am klarsten gewesen,

habe am schärfsten und zugleich am liberalsten darüber gedacht und das

Wesentlichste, worauf es ankomme, am unverrücktesten ins Auge gefaßt.

Und um zum Schlusse auch noch einen Mann der Praxis zu zitieren: der

große Mime Eduard Devrient rühmt in seiner »Geschichte der deutschen

Schauspielkunst« gerade Lessing auch als deren Befreier: »Von nun an

war der Schauspieler von allem Herkömmlichen, von allen Kunstmustern

wieder unmittelbar an die Natur gewiesen. Er hatte Menschen, er hatte

Leidenschaften, Schwächen und Tugenden darzustellen, Gedanken und

Empfindungen auszusprechen; wie er sie kannte, wie er sie im eigenen

Leben fand. Die Geschichte des deutschen Herzens war Gegenstand seiner

Kunst geworden.«

~C.~ Das letzte Jahrzehnt 1770 bis 1780

Religionsphilosophie

Im Mai 1770 hatte Lessing seine erste und -- letzte amtliche Stellung

angetreten: die eines Bibliothekars an der berühmten _Wolfenbütteler_

Bibliothek, bei deren reichen Bücherschätzen er sich zunächst, trotz

aller Einsamkeit, ganz wohl fühlte. Unter ihren ungefähr sechstausend

Handschriften hatte er bereits im selben Sommer eine längst verloren

geglaubte Abhandlung des berühmten Frühscholastikers _Berengar_

von Tours über die Abendmahlslehre entdeckt, über die er dann im

Oktober desselben Jahres einen ausführlichen Vorbericht herausgab.

Uns interessiert hier nicht die theologische Seite des Problems,

insbesondere ob und wieweit Lessings Behauptung berechtigt ist, daß

Berengars Auffassung derjenigen Luthers verwandt sei, wodurch er sich,

wie er seiner späteren Gattin Eva König ironisch schreibt, bei »unseren

lutherischen Theologen in den lieblichen Geruch von Rechtgläubigkeit

setzte« und namentlich seinem alten Vater noch eine letzte Freude

bereitete. Für ihn war das Ganze nur eine historisch-kritische Frage;

denn er persönlich hatte längst der dogmatischen Auffassung Lebewohl

gesagt, die Friedrich II. einmal gegen Voltaire »das empörendste

und für das höchste Wesen beleidigendste Dogma« und zugleich »den

Gipfel der Tollheit und des Blödsinns« erklärt hat, weil es darin

bestehe: »seinen Gott zu _essen_«. Sondern uns interessieren auch

hier wieder mehr seine beiläufigen Bemerkungen. Berengar war für sein

zeitgenössisches elftes Jahrhundert ein Aufklärer und ein Ketzer

gewesen. Dazu bemerkt der ihm geistesverwandte Lessing: »Das Ding, was

man _Ketzer_ nennt, hat eine sehr gute Seite. Es ist ein Mensch, der

mit seinen _eigenen_ Augen wenigstens hat sehen wollen. Die Frage ist

nur, ob es gute Augen gewesen, mit welchen er selbst sehen wollen. Ja,

in gewissen Jahrhunderten ist der Name Ketzer die größte Empfehlung,

die von einem Gelehrten auf die Nachwelt gebracht werden können.«

Berengar hatte sich zuletzt freilich, wie so viele nach ihm, der

Kirche »löblich unterworfen«. Dazu meint der Aufklärer des achtzehnten

Jahrhunderts: »Ich weiß nicht, ob es Pflicht ist, Glück und Leben der

Wahrheit aufzuopfern ... Aber das, weiß ich, ist Pflicht, wenn man

Wahrheit lehren will, sie _ganz_ oder _gar nicht_ zu lehren, sie klar

und rund, ohne Rätsel, ohne Zurückhaltung, ohne Mißtrauen in ihre Kraft

und Nützlichkeit zu lehren ...« Ewig denkwürdige, ewig nachahmenswerte

Worte! Und er läßt auch den Einwurf nicht gelten, daß die Vorurteile

und Eindrücke unserer ersten Erziehung doch nie auszurotten wären.

Im Gegenteil, »die Begriffe, die uns von Wahrheit und Unwahrheit in

unserer Kindheit beigebracht werden, sind gerade die allerflachsten,

die sich am allerleichtesten durch selbsterworbene Begriffe auf ewig

überstreichen lassen«.

Der zweite Fund (1773) betraf eine Vorrede Leibnizens zu der Abhandlung

eines Altorfer Gelehrten »_Von den ewigen Strafen_«. Auch hier

setzte sich Lessing zum Erstaunen seiner aufklärerischen Berliner

Freunde dafür ein, daß die Lehre von der Ewigkeit der Höllenstrafen

konsequenter sei und deshalb auch von dem großen Leibniz, »der, wenn

es nach mir ginge, nicht eine Zeile vergebens müßte geschrieben

haben«, eher habe verteidigt werden können als die mildere Auffassung

des rationalistischen Theologen Eberhard. Von dem »rohen und wüsten

Begriff, in dem so mancher Theologe diese Lehre nimmt«, könne

selbstverständlich bei einem Manne wie Leibniz keine Rede sein. Die

»Hölle« ist »nichts anderes als der Inbegriff der _natürlichen_

Strafen«. Seine bei dieser Gelegenheit verteidigte Unterscheidung von

»exoterischer«, d. h. für die große Masse, und »esoterischer«, für

die tiefer Denkenden bestimmter Lehre scheint freilich in geradem

Widerspruch zu seinem vorhin zitierten schönen Worte von der Pflicht

zur Wahrheit zu stehen.

Deutlicher drückt er sich darüber in einem Briefe vom 2. Februar 1774

an seinen Bruder Karl aus, der ihm offenbar seine Gegnerschaft gegen

die »Aufklärung« vorgeworfen hatte. »Ich sollte es der Welt mißgönnen,

daß man sie mehr aufzuklären suche? Ich sollte es nicht von Herzen

wünschen, daß ein jeder über die Religion vernünftig denken möge?« Er

würde sich selbst verabscheuen, wenn er bei seinen »Sudeleien« einen

anderen Zweck verfolgt hätte! Er wolle nur nicht, daß das »unreine

Wasser, welches längst nicht mehr zu brauchen«, eher »weggegossen«

würde, als »bis man weiß, woher reineres nehmen«. »Mit der _Orthodoxie_

war man, Gott sei Dank, ziemlich zu Rande; man hatte zwischen ihr

und der _Philosophie_ eine Scheidewand gezogen, hinter welcher eine

jede ihren Weg fortgehen konnte, ohne die andere zu hindern. Aber

was tut man nun? Man reißt diese Scheidewand nieder und macht uns

unter dem Vorwand, uns zu vernünftigen Christen zu machen, zu höchst

unvernünftigen Philosophen.«

Gotthold Lessing ist also im letzten Grunde viel radikaler als sein

jüngerer Bruder, der die neumodische Aufklärungstheologie in Schutz

nimmt, welche den »gereinigten« christlichen Glauben _beweisen_

will. Sein Widerspruchsgeist und seine dialektische Kunst verleitet

ihn jedoch, auch in der folgenden Schrift, die sich wiederum mit

einem Leibnizschen Aufsatz, diesmal gegen »des Andreas Wissowatius

Einwurf wider die _Dreieinigkeit_«, also einem anderen Hauptdogma des

Christentums, beschäftigt, allzu sehr die Partei der angegriffenen

Orthodoxie zu nehmen. Er geht in dieser Dialektik sogar so weit, daß

er einmal meint, »einer übernatürlichen geoffenbarten Wahrheit, die

wir _nicht verstehen sollen_«, gereiche diese »Unverständlichkeit«

gerade zum »undurchdringlichsten Schilde«; womit wir dann glücklich bei

des alten Kirchenvaters ~Credo, quia absurdum~ (Ich _glaube_, weil es

vernunftwidrig ist) angekommen wären. Daß das nicht seine wirkliche An-

und Absicht war, sollte sich bald in einem größeren Waffengang zeigen.

Es trat schon hervor in einer seiner bereits (S. 8) erwähnten

»Rettungen«: »Von Adam Neusern einige authentische Nachrichten«

(1774): in gewisser Hinsicht einer unmittelbaren Ergänzung zu der

Wissowatius-Schrift. Adam _Neuser_ war ein in der zweiten Hälfte des

sechzehnten Jahrhunderts in Heidelberg als Pfarrer wirkender Bekämpfer

der Dreieinigkeitslehre, der dem Henkerschicksal seines Amtsbruders

Sylvan und seines berühmteren Vorgängers Servet in Genf (der

bekanntlich wegen seines Glaubens an _einen_ Gott statt der offiziellen

»Dreigötterei« [Tritheismus] von Kalvin, unter dem Beifall Luthers

und Melanchthons, auf den Scheiterhaufen gebracht wurde) nur dadurch

entging, daß er sich vor der Verfolgungswut seiner »christlichen«

Amtsbrüder nach mancherlei Irrfahrten zu dem türkischen Großsultan

rettete, unter dessen Schutz und in dessen Dienst als Dolmetscher

er, Mohammedaner geworden, 1576 starb. Aus seinem von Lessing zum

ersten Male veröffentlichten Schreiben an einen unbekannten Landsmann

ergibt sich für einen Unbefangenen mindestens sein subjektiv gutes

Bewußtsein. Allein, wie es sein Verteidiger bezüglich der leider zur

Tat gewordenen Hinrichtung Sylvans ausführt, »die Theologen verlangten

Blut, durchaus Blut«. Nicht einmal Zeit für »Besserung« zugestanden.

»Nur erst den Kopf ab; mit der Besserung wird es sich schon finden, _so

Gott will_!« Woran Lessing den Stoßseufzer schließt: »Welch ein Glück,

daß die Zeiten vorbei sind, in welchen solche Gesinnungen Religion und

Frömmigkeit hießen! Daß sie wenigstens unter dem Himmel vorbei sind,

unter welchem wir leben! Aber welch ein demütigender Gedanke, wenn es

möglich wäre, daß sie auch unter diesem Himmel einmal wiederkommen

könnten!«

Den Aufsatz über Neuser veröffentlichte Lessing zusammen mit einem

inhaltlich verwandten »_Von Duldung der Deisten_«, das er als »Fragment

eines _Ungenannten_« bezeichnete. Dies Fragment, das er unter den

neuesten Handschriften der Wolfenbütteler Bibliothek gefunden haben

will, handelt, um mit Lessing zu reden, »von der Vortrefflichkeit und

Hinlänglichkeit der natürlichen Religion« und fordert die Duldung für

Anhänger, »welche sich«, wie der »Ungenannte« sich ausdrückt, »in der

Erkenntnis und Verehrung Gottes bloß an die gesunde Vernunft halten«.

Der Herausgeber beschränkt sich auf eine kurze Einleitung, in der er

die Fragmente als »mit der äußersten Freimütigkeit, zugleich aber mit

dem äußersten Ernst geschrieben«, kurz als die Schrift eines offen und

»geradezu« redenden »wahren, gesetzten Deutschen« charakterisiert;

und auf einige angehängte Schlußseiten, auf denen er unter anderem die

Gesinnung des Mohammedaner gewordenen Neuser mit der verwandten des

»ungenannten« Deisten vergleicht, zum Schluß auch bereits sich ironisch

über das heutige »vernünftige« Christentum äußert, von dem man nur

»eigentlich nicht wisse, weder wo ihm die Vernunft noch wo ihm das

Christentum sitzt«.

Der wirkliche Verfasser war der im März 1768 verstorbene Hamburger

Gelehrte und Gymnasialprofessor Hermann Samuel _Reimarus_. Das von

ihm hinterlassene, mehr als zweitausend Seiten starke Manuskript, das

seine Tochter Elise dem ihr seit 1769 befreundeten Lessing anvertraut

hatte, war betitelt »Apologie oder _Schutzschrift für die vernünftigen

Verehrer Gottes_«, womit die seit ihrem Aufkommen in England um

1700 so genannten »Deisten«, d. h. Anhänger eines allweisen und

allgütigen Gottes, der jedoch die Welt bloß geschaffen hat, aber sie

nachher ihren eigenen Gesetzen gemäß sich entwickeln läßt, gemeint

sind. Das gründliche Buch des überaus ehrlichen, rechtschaffenen und

selbständigen Verfassers stellt den vielleicht konsequentesten und

scharfsinnigsten Angriff dar, der gegen das biblische Christentum und

seine jüdische Vorstufe -- der erste Teil kritisiert das Alte, der

zweite das Neue Testament -- bisher unternommen worden war. Reimarus

bestreitet die Glaubwürdigkeit religiöser Offenbarungen, d. h.

Mitteilung religiöser Wahrheiten an einzelne Personen bestimmter Zeiten

und Völker, schon weil eine solche Ausnahmebehandlung Gottes Güte und

Weisheit widersprechen würde. Zudem trage weder das Alte noch das Neue

Testament den Charakter einer solchen Offenbarung. Sein Standpunkt

ging also über den des damals den öffentlichen Geist beherrschenden

sogenannten »aufgeklärten« oder »vernünftigen« Christentums an

Folgerichtigkeit und Ehrlichkeit weit hinaus.

Die Philosophie unserer Klassiker: Lessing, Herder, Schiller, Goethe · 第 2 / 17 段