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Die
Philosophie unserer Klassiker
Lessing · Herder · Schiller · Goethe
Von
Karl Vorländer
1923
J. H. W. Dietz Nachf. G. m. b. H.
Berlin und Stuttgart
Alle Rechte vorbehalten
Druck von J. H. W. Dietz Nachf. G. m. b. H. in Stuttgart
Vorwort
Goethe sagt einmal in einem seiner Sprüche in Prosa: Das _Klassische_
ist das _Gesunde_, das Romantische ist das Kranke. Von der gleichen
Ansicht ausgehend, habe ich im vergangenen Sommersemester die
Philosophie unserer Klassiker _Lessing_, _Herder_, _Schiller_, _Goethe_
meinen Zuhörern an der hiesigen Universität vorgetragen und lege sie
nun hier, erweitert und ergänzt, einem breiteren Leserkreise vor. Ich
tue das in der Überzeugung, daß es gerade in unserer Zeit und gerade
auch in der Philosophie doppelt not tut, gegenüber aller ungesunden,
sich auf unklare _Gefühle_ stützenden Romantik (verkappe sie sich
hinter dem Namen reiner Ästhetik oder Theosophie oder Lebensphilosophie
oder Patriotismus oder sonstwie immer), auf die reinen Quellen des
Wahren, Guten und Schönen, wie sie in dem Denken und Dichten unserer
großen Klassiker fließen, nachdrücklichst hinzuweisen. Während der
Arbeit habe ich meine Freude daran gehabt, mich wieder einmal in ihre
unvergänglichen, ewig jungen und wahren Gedankengänge vertiefen zu
können, und hoffe, daß es meinen Lesern ähnlich gehen wird.
_Münster i. W._, im September 1922
=Karl Vorländer=
Inhalt
Seite
Vorwort III
Einleitung VII
Lessing
~A.~ Jugendjahre 1729 bis 1760 (Meißen, Leipzig, Berlin) 3
Auf der Fürstenschule zu Meißen -- Auf der Universität
Leipzig -- Nach Berlin -- Stellung zur Religion um 1750
-- Religionsphilosophische und religionsgeschichtliche Schriften
der 50er Jahre -- Mit Moses Mendelssohn und F. Nicolai.
~B.~ Das Jahrzehnt 1760 bis 1770 11
Weitere religionsphilosophische Entwicklung -- Von Christian
Wolff zu Leibniz und Spinoza -- Philosophie der Kunst
(Ästhetik): Der »Laokoon« -- Die Hamburger Dramaturgie.
~C.~ Das letzte Jahrzehnt 1770 bis 1780 26
Wiederum Religionsphilosophie: Wolfenbütteler Funde --
Die Fragmente eines Ungenannten (Reimarus) -- Der Streit
mit der Orthodoxie (Antigoeze) -- Ergebnisse.
~D.~ Philosophische Weltanschauung überhaupt 37
1. Toleranz und Vernunftreligion: Nathan der Weise. 2. Religions-
und Geschichtsphilosophie: Erziehung des Menschengeschlechts.
3. Ansichten über den Staat: Lessings politische
Entwicklung. 4. Staats- und Gesellschaftsphilosophie in: Ernst
und Falk. 5. Letzter philosophischer Standpunkt: Determinismus,
Pantheismus, Spinozismus.
Schluß: Lessings Persönlichkeit 60
Herder
~A.~ Der junge Herder bis zur Übersiedlung nach Weimar 1776 65
1. Die Jugend (Mohrungen, Königsberg) 1744 bis 1764 --
Kant und Hamann 65
2. Vorherrschend literarisch-ästhetische Epoche 1765 bis 1772 69
In Riga -- Reisetagebuch -- In Straßburg: Vom Ursprung
der Sprache.
3. Vorherrschend religiöse Periode 1772 bis 1776 72
Hofprediger in Bückeburg -- Älteste Urkunde des
Menschengeschlechts -- Auch eine Philosophie usw.
-- Vom Erkennen und Empfinden.
~B.~ Die Höhezeit 1776 bis 1788 77
In Weimar -- Theologische Schriften -- 1. Die Ideen zur
Philosophie der Geschichte der Menschheit -- Politische
Anschauungen -- Kritik des Christentums -- Wirkung des
Werks -- 2. Die Gespräche über »Gott« -- Spinozismus.
~C.~ Das Ende 1789 bis 1803 91
Altersjahre -- Stellung zur Französischen Revolution -- Goethes
Abwendung -- Der Kampf gegen Kant -- Tod.
Schiller
~A.~ Die Anfänge 1779 bis 1786 99
Auf der Karlsschule -- Die beiden medizinischen Dissertationen
-- Rousseaus Einfluß: »Räuber« und Jugendlyrik.
~B.~ Die Übergangszeit 1787 bis 1790 103
Die Philosophischen Briefe -- Die Götter Griechenlands und
Die Künstler -- Studium der Geschichte -- Erste Bekanntschaft
mit dem Kritizismus.
~C.~ Die Höhezeit: Schiller als Jünger Kants 1791 bis 1795 108
Geschichtliche Entwicklung: Endgültige Bekehrung zu Kant --
Die ersten ästhetischen Aufsätze -- Anmut und Würde -- Die
ästhetischen Briefe -- Naive und sentimentalische Dichtung.
~D.~ Schillers Philosophie in seiner Reifezeit 113
1. Methodisches und theoretische Philosophie. 2. Ethik.
3. Ästhetische Ergänzung der Ethik: das Sittlich-Erhabene
und das Sittlich-Schöne. 4. Stellung zu Griechentum und
Christentum sowie zur Religion überhaupt. 5. Zusammenfassung
und Ergebnisse. 6. Die Grundzüge von Schillers Ästhetik.
7. Schiller als Politiker. 8. Schiller, der Idealist.
Goethe
~A.~ Anfänge 1774 bis 1776 151
Im Elternhaus -- In Leipzig -- In Straßburg: Berührung
mit der französischen Philosophie, mit Herder -- Erste
Bekanntschaft mit Spinoza -- Philosophische Gedichte.
~B.~ Das erste Jahrzehnt in Weimar. Die italienische Reise
1776 bis 1788 160
Pantheismus -- Neues Spinoza-Studium -- Nahe Freundschaft
mit Herder -- Naturwissenschaftliche Studien (Metamorphose
der Pflanzen) -- Einfluß Italiens auf seine Natur-
und Kunstauffassung.
~C.~ Erstes Kant-Studium 1789 bis 1894 167
Lektüre der Kritik der reinen Vernunft -- Einfluß der Kritik
der Urteilskraft.
~D.~ Der Freundschaftsbund mit Schiller 1794 bis 1805. Die
Altersjahre 1805 bis 1832 172
Das glückliche Ereignis vom Sommer 1794 -- Das Jahrzehnt
mit Schiller -- Verhältnis zu andern Denkern (Schelling,
Herder u. a.) -- Spätere philosophische Studien u. Beziehungen.
~E.~ Goethes Philosophie in seiner Reifezeit 179
1. Theoretische Philosophie. 2. Ethik. 3. Religionsauffassung.
4. Politische Stellung. Sozialismus in Wilhelm Meisters
Wanderjahren? 5. Die Kunst. Schluß.
Zur Literatur 189
Namenverzeichnis 192
Einleitung
Die Philosophie unserer Klassiker
Wir wollen uns in diesen Vorlesungen mit der Philosophie unserer
Klassiker, d. h. unserer klassischen deutschen Dichter beschäftigen.
Wer sind diese _Klassiker_? Wir wurden in meiner Jugend gelehrt, drei
Dichterpaare des achtzehnten Jahrhunderts als solche zu betrachten:
Klopstock und Wieland, Lessing und Herder, Schiller und Goethe. Allein
das erste Paar dürfte schon in der allgemeinen Schätzung längst aus
deren Mitte ausgeschieden sein. Mögen noch so starke Wirkungen auch
von Wieland und Klopstock auf die Steigerung des dichterischen Gefühls
und der künstlerischen Einbildungskraft, auf die Fortbildung unserer
Sprache und deren poetische Form, auf die Lyrik insbesondere und den
Roman ausgegangen sein, mögen sie noch in den Schulstuben unserer
Primaner an der herkömmlichen Stelle stehen: in die Masse unseres
Volkes sind sie nicht eingedrungen, ja sogar in dem geistigen Leben
der großen Mehrzahl unserer Gebildeten führen sie kein lebendiges
Dasein mehr. Was Lessings bekanntes Epigramm von _Klopstocks_ berühmtem
Messias-Epos sagte:
»Wer wird nicht einen Klopstock _loben_!
Doch wird ihn jeder _lesen_? Nein!«
das gilt heute nicht bloß von Klopstock überhaupt mit seiner
Vereinigung von antiker Form und christlich-germanischem, zum Teil
fast nordisch-germanischem Inhalt, den selbst unsere begeistertsten
»Nationalen« kaum mehr bewundern, ja vielfach gar nicht mehr kennen.
Das gilt erst recht von _Wieland_ mit seiner dem französischen
Geschmack im Zeitalter eines Ludwigs XV. nachstrebenden, vielfach ins
Lüstern-Weichliche hinüberspielenden Denkweise und seiner geradezu
abschreckenden Weitschweifigkeit des Stils. Vor allem aber, beide
kommen als _Philosophen_, also für unser Thema überhaupt nicht in
Betracht. Von dem frommen Sänger der Messiade oder der Erlöser-Oden
brauche ich das gar nicht erst nachzuweisen: weder er selbst noch
sonst jemand hat Klopstock jemals für die Philosophie reklamiert.
Und Wieland hat sich zwar in seinen Romanen, sogar mit Vorliebe, mit
Gestalten, die uns aus der griechischen Philosophie bekannt sind, von
Pythagoras, Demokrit und Sokrates an bis zu dem Wundermann Peregrinus
Proteus und dem Spötter Lucian, am meisten bezeichnenderweise mit
solchen aus der Periode ihres Niedergangs, beschäftigt; indes mit
seinen oberflächlich-breiten Erörterungen für philosophische Methode
oder Wissenschaft, ja nur für die schärfere Erfassung philosophischer
Probleme nicht das mindeste geleistet.
Also bleibt es für uns bei den beiden anderen Paaren: _Lessing_ und
_Herder_, _Schiller_ und _Goethe_, die heute noch, abgesehen vielleicht
von dem minder bekannten Herder, bei allen denen lebendig sind, die
überhaupt von den ewigen Geistesschätzen unserer klassischen Literatur
und Dichtung zehren. Allein selbst bei diesen vier Großen läßt sich die
Frage aufwerfen: Sind sie wirklich »_Philosophen_« im engeren Sinne des
Wortes zu nennen? Hat doch keiner von ihnen ein philosophisches System
entworfen, keiner sich selbst für einen Philosophen ausgegeben, keiner,
wenn wir von Herders »Ideen« absehen, ein größeres philosophisches Buch
geschrieben. Und doch, so lange es, um mit Kantischen Worten zu reden,
eine Philosophie nicht bloß nach dem _Schul_-, sondern auch nach dem
_Welt_begriff, mit anderen Worten eine Philosophie als Weltanschauung
gibt, so lange werden auch Lessing und Herder, Schiller und Goethe in
die Reihe der Philosophen gehören. Allerdings, und damit ergibt sich
eine bestimmte Grenze für unsere Darstellung, nur, insoweit sie ihre
Weltanschauung _philosophisch_ zu _begründen_ versucht haben.
Lessing
~A.~ Jugendjahre 1729 bis 1760
Meißen, Leipzig, Berlin (Religionsphilosophie)
Gleich der erste unserer vier Klassiker, Lessing, mutet uns so modern
an, als wäre er einer der Unseren, mit seiner Mannhaftigkeit und
Ehrlichkeit, seiner Geistesfreiheit und -klarheit. Und doch ist er
vor beinahe zweihundert Jahren in einer kleinen hinterwäldlerischen
Stadt der sächsischen Lausitz geboren, der Sohn eines rechtgläubigen
lutherischen Pastors, der, ursprünglich auch gelehrten Studien
zugewandt, in dem abgelegenen kleinen Nest immer mehr zum versauerten
Orthodoxen und kirchlichen Eiferer geworden war. Sein Ältester, eben
unser Gotthold, hat von ihm vielleicht die Heißblütigkeit im Kampfe
für das als recht Erkannte geerbt, daneben eine gewisse Achtung vor
ehrlicher Orthodoxie beibehalten.
Aus seinem sechsten Lebensjahr ist ein von einem herumziehenden
Maler gefertigtes Bild von ihm und seinem Bruder Theophil erhalten:
dieser streichelt ein Lämmchen, Gotthold wollte durchaus »von einem
großen Haufen Bücher umgeben« gemalt sein. Kursachsen hatte seit der
Reformation die besten höheren Schulen Deutschlands. So konnte der
junge Lessing seiner Bücherliebhaberei genugsam frönen während der
fünf Jahre 1741 bis 1746, die er auf der »Fürstenschule« Sankt Afra
in _Meißen_ -- neben dem noch heute bekannten Schulpforta einem der
ersten Gymnasien des Landes -- zubrachte. So tyrannisch wie Schiller
und seine Jugendgefährten auf der Karlsschule wurden die Meißener
Fürstenschüler zwar nicht behandelt, und Lessing hat später gern an
seine Schuljahre zurückgedacht. Aber der Drill war doch auch hier
stark und die Abgeschlossenheit von allem Modernen, wie es damals die
englische Aufklärung zu vertreten angefangen hatte. Ähnlich wie in dem
Königsberger Friedrichskolleg, in dem Kant ein Jahrzehnt früher seine
acht Lehrjahre verbrachte, waren Religion mit 25 (!) und Latein mit 15
Wochenstunden der Mittelpunkt des Unterrichts. Und doch, alles dort
eingeprägte Massenwissen strengte Gottholds schnell fassenden Geist
nicht an, ja genügte ihm nicht. »Die Lektiones, die anderen zu schwer
werden, sind ihm kinderleicht,« berichtete sein Rektor von ihm, »es
ist ein Pferd, das doppeltes Futter haben muß.« Am meisten zog seinen
verstandesscharfen Geist, der auch später die Begriffsoperationen bis
zum Spielen mit ihnen geliebt hat, der daher auch, wie sein Saladin und
sein Al-Hafi, stets ein eifriger Liebhaber des Schachspiels gewesen
ist, die Mathematik an: er übersetzte den Euklid und wählte zum Thema
seiner Abgangsrede (Juni 1746) »die Mathematik der Barbaren«, also der
Nichtgriechen und -römer. Ins Philosophische schlägt die offizielle
»Glückwunschungsrede«, die er zu Neujahr 1743 an den Vater schrieb,
deren Thema der für einen noch nicht Vierzehnjährigen besonders
altklug anmutende Satz ist, daß die Menschheit im Grunde weder einen
besonderen Fortschritt noch einen Rückschritt zu verzeichnen habe,
sondern daß jedes Jahr dem anderen gleich sei. Es ist eben eine im
üblichen Geleise der herrschenden Leibniz-Wolffschen Schulphilosophie
einhergehende rhetorische Schulübung eines besonders klugen Knaben,
der den »deutlichen Ausspruch der Vernunft«, das »göttliche Zeugnis
der Heiligen Schrift« und den »unverwerflichen Beifall« seiner --
vierzehnjährigen »Erfahrung« auf seiner Seite zu haben behauptet.
Auch auf der Universität _Leipzig_, die der Siebzehnjährige im
September 1746, nach dem Wunsche des Vaters als Studiosus der
Theologie, bezieht, scheint er philosophisch keine besonderen neuen
Einsichten gewonnen zu haben. Wohl gehen in seinem inneren und äußeren
Leben große Umwälzungen vor. Er sieht ein, daß die bloße Bücherweisheit
ihn »wohl gelehrt, aber nimmermehr zu einem Menschen machen« würde.
Er lebt in der reichen, blühenden Stadt, wo man »die ganze Welt im
kleinen sehen« konnte, dem »Klein-Paris« in Goethes »Faust«. Er lernt
Tanzen, Reiten, Fechten, verkehrt mit Schauspielern und anderen
leichten Gesellen, dichtet nach der Zeitsitte leichte »anakreontische«
Liedchen über Liebe und Wein, schreibt seine ersten Dramen, gibt dann
1748 sein theologisches Studium auf, studiert kurze Zeit Medizin und
geht zu Ende des Jahres, als der erste freie Literat, der bewußt auf
Anstellung im Hof- und Staatsdienst verzichtet, nach der preußischen
Hauptstadt, die er nur vorübergehend verläßt, um 1750/51 in Wittenberg
den Magistergrad, der ungefähr dem heutigen ~Dr. phil.~ entspricht,
zu erwerben. Erst ein in ernster Auseinandersetzung mit dem Vater zur
Rechtfertigung seines neuen Lebensplans geschriebener Brief vom 30. Mai
1749 zeigt, daß er auch eine religiöse Krisis hinter sich hat. »Die
Zeit soll lehren,« schreibt er dem Vater mit der ruhigen Klarheit,
die nur eine selbsterrungene feste Überzeugung verleiht, »ob der ein
besserer Christ ist, der die Grundsätze der christlichen Lehre im
Gedächtnis und oft, ohne sie zu verstehen, im Munde hat, in die Kirche
geht und alle Gebräuche mitmacht, weil sie gewöhnlich sind; oder der,
der einmal klüglich gezweifelt hat und durch den Weg der _Untersuchung_
zur Überzeugung gelangt ist oder sich wenigstens noch dazu zu gelangen
bestrebt. Die christliche Religion ist kein Werk, das man von seinen
Eltern auf Treue und Glauben annehmen soll.« Und vom christlichen
Handeln bekennt er offen und scharf: »Solange ich nicht sehe, daß man
eines der vornehmsten Gebote des Christentums, seinen Feind zu lieben,
nicht besser beobachtet, so lange zweifle ich, ob diejenigen Christen
sind, die sich davor ausgeben ...«
Diese festen und klaren Sätze des erst Zwanzigjährigen zeigen schon
ganz den Lessing der Mannesjahre. Sie zeigen ihn ferner auf demjenigen
Gebiet philosophierend, das bis zu seinem Tode das _Haupt_gebiet seines
Philosophierens gebildet hat: dem der _Religion_. Und sie zeigen ihn in
derselben Linie tätig, wie die Tendenzstücke unter seinen Jugenddramen,
auf die wir hier nur hinweisen können; und, beiläufig gesagt, auf
einem ähnlichen Wege, wie ihn der nur fünf Jahre ältere junge Kant
ging. »Der junge Gelehrte« richtet sich gegen die Pedanterie und
Schulfuchserei, »der Freigeist« gegen die oberflächlichen Aufklärer,
welche alle Frömmigkeit als Beschränktheit oder Heuchelei verschreien,
aber doch auch den irreligiösen Freigeist vom Vorwurf des Lasters
freisprechend; und »die Juden«, wider die religiöse Unduldsamkeit gegen
Andersgläubige, ein Vorläufer seines »Nathan«, den er übrigens schon um
1751 geplant hat.
Will man literarische Einflüsse geltend machen, so kann man auf den
des berühmten französischen Skeptikers Pierre _Bayle_ hinweisen,
jenes ersten Begründers der französischen Aufklärung, den schon der
Student Lessing in den Vorlesungen des Professors Christ kennengelernt
hatte, und dem er jetzt nähertrat. Mit Bayle, der überhaupt auf die
erst allmählich sich aus den Fesseln der Theologie losringenden
freieren Geister des damaligen Deutschlands: einen Winckelmann, einen
Friedrich den Großen und andere mehr von nachhaltigem Einfluß gewesen
ist, verbanden ihn mancherlei gemeinsame Geisteszüge: die ungeheure
Belesenheit und Vielseitigkeit, die dialektische Meisterschaft, der
Geist eindringender Kritik, aber auch die Duldsamkeit gegen anderer
Überzeugung, die Kampfstellung infolgedessen nur gegen herrsch- und
verdammungssüchtige Unduldsamkeit. Und neben Bayle stand dann bald sein
Nachfolger und Fortsetzer _Voltaire_, mit dem Lessing ja in Berlin
als sein zeitweiser Sekretär bekanntlich auch in persönliche, zuletzt
recht unliebsame Berührung geraten ist; und neben ihm das Haupt der
Enzyklopädisten, der feurige _Diderot_, der »durch Gänge voll Nacht zum
glänzenden Throne der Wahrheit« führt.
Indes wir brauchen bei einem von Jugend auf so selbständigen Geist wie
Lessing nicht einmal, jedenfalls nicht immer fremde Anstöße anzunehmen.
Wie der dreiundzwanzigjährige Immanuel Kant in seiner Erstlingsschrift,
deren etwas selbstbewußten Titel Lessing in einem später mit Grund
gestrichenen Epigramm bespöttelte, das kühne Wort schrieb: »Ich habe
mir die Bahn schon vorgezeichnet, die ich halten will; ich werde meinen
Lauf antreten, und nichts soll mich hindern, ihn fortzusetzen«, so
schreibt in demselben Alter auch der junge Lessing zu Wittenberg einem
Bekannten den Vers ins Album:
»Wie lange währt's, so bin ich hin
Und einer Nachwelt untern Füßen;
Was braucht sie, wen sie tritt, zu wissen?
Weiß _ich_ nur, _wer ich bin_.«
Und in einem Gedicht des Jahres 1749 hatte bereits der Zwanzigjährige,
unbewußt und ohne dabei an sich selbst zu denken, den stolzen Adlerflug
des freien Genies beschrieben:
»Ein Adler hebet sich von selbst der Sonne zu,
Sein ungelernter Flug erhält sich ohne Ruh ...
Ein Geist, den die Natur zum Mustergeist beschloß,
Ist, was er ist, durch sich, wird ohne Regeln groß.
Er geht, so kühn er geht, auch ohne Weiser sicher,
Er schöpfet aus sich selbst, er ist sich Schul und Bücher.«
In diese Periode des Ringens mit sich selbst und den anerzogenen
Vorstellungen, die jeder ernsthafte Mensch früher oder später
in sich durchmachen muß, fallen mehrere Bruchstück gebliebene
religionsphilosophische Lehrgedichte, wie »_Die Religion_«
(veröffentlicht November 1751) und »_Über die menschliche
Glückseligkeit_« (veröffentlicht 1753), auf die wir indes nicht näher
eingehen: einmal, weil sie eben Fragmente geblieben sind und nicht
viel mehr als Zeugnisse dieses inneren Ringens darstellen; dann auch,
weil sie doch noch nicht den Lessing der Reifezeit enthalten, mit
dem wir es vor allem zu tun haben. Es war wohl die Zeit, von der er
später (um 1779) einmal rückschauend gesagt hat, daß er in ihr alle die
verschiedenen neuerschienenen Schriften _für_ und _wider_ die Religion
gierig verschlungen habe, ohne daß ihn eine ganz befriedigt hätte; sie
hätten ihn vielmehr nur »von einer Seite zur anderen gerissen«. Und
nun kommt eine Bemerkung, die so recht Lessings bis ans Ende seines
Lebens ihm eigentümlich gebliebenes geistiges Verhalten kennzeichnet:
»Je bündiger mir der eine das Christentum erweisen wollte, desto
zweifelhafter ward ich. Je mutwilliger und triumphierender mir es der
andere ganz zu Boden treten wollte: desto geneigter fühlte ich mich,
es wenigstens in meinem Herzen aufrechtzuerhalten.« Es ist die Art des
selbständigen Geistes, der in Dingen, die doch schließlich durch das
persönliche Gefühl entschieden werden, gegen ihm von fremder Seite
aufgezwungen werden sollende sogenannte Verstandes»beweise« sich wehrt;
der Geist des Mißtrauens gegen sich aufblähende »Autoritäten« der einen
oder der anderen Seite, gegen Systemmacherei überhaupt, die ihm einmal
in einem scherzhaften Liede die Verse eingibt:
»Allen Narren, die sich ›isten‹,
Zum Exempel Pietisten,
Zum Exempel Atheisten,
Zum Exempel Rabulisten
-- -- -- -- -- --
Quietisten und Sophisten
-- -- -- -- -- --
Mag ich, Lessing, nicht gefallen!«
In diesen Zusammenhang gehören auch die bei ihm so beliebten
»_Rettungen_« einzelner von der hergebrachten Theologie, sei es
der liberalen oder der orthodoxen, verketzerter Persönlichkeiten
oder ganzer Richtungen, deren »Recht auf Ewigkeit« er untersuchen,
denen er »unverdiente Flecken abwischen, falsche Verkleisterungen
ihrer Schwächen auflösen« will. Dahin gehören z. B. die Rettungen
einzelner durch die Autorität eines Luther niedergekämpften, nur
unseren gelehrten Kirchenhistorikern bekannten Männer wie Cochläus
oder Lemnius im sechzehnten Jahrhundert; dahin die des italienischen
Renaissancephilosophen Cardano oder des deutschen Predigers Adam
Neuser, die als »Atheisten« verdammt worden waren, weil sie -- das
spätere Nathan-Problem! -- den Schein der Gleichberechtigung oder gar
der Minderwertigkeit des Christentums gegenüber dem Islam nicht ganz
vermieden hatten. Dahin auch die »_Gedanken über die Herrnhuter_«
(1750), die im Grunde genommen -- sie sind freilich auch nur Fragmente
geblieben -- so gut wie gar nicht von »diesen Leuten« selbst handeln,
sondern sie nur zum Ausgangspunkt seiner eigenen ketzerischen Sätze
benutzen. Er gibt darin eine Geschichte der Weltweisheit wie der
Religion auf wenigen Seiten, von »Adam bis zur Gegenwart«, d. h. von
den sieben Weisen Griechenlands bis zu Leibniz und Wolff -- Sokrates
ist sein Held, Jesus ein von Gott erleuchteter Lehrer --, um daraus den
Schluß zu ziehen: »Sie füllen den _Kopf_, und das _Herz_ bleibt leer.«
Man wird »durchgängig finden, daß die Menschen in der einen wie in der
anderen nur immer haben _vernünfteln_, niemals _handeln_ wollen«. Und
doch »ward der Mensch zum Tun und nicht zum Vernünfteln erschaffen«.
Das haben die Herrnhuter auf dem Gebiet der Religion zu ihrem Ziel
gemacht. Lessing wünscht, daß auch in der Philosophie bald ein Mann mit
ähnlichen Gedanken auftreten möge (wir denken dabei an J. J. Rousseau
oder an Kants praktische Philosophie).
Bei diesem Stand der Dinge brauchen wir uns nicht lange mit einzelnen
trotzdem »vernünftelnden« Aufstellungen Lessings selbst aus der
nämlichen Zeit, dem Beginn der fünfziger Jahre, aufzuhalten: etwa
dem »_Christentum der Vernunft_«, das in 27 Paragraphen aus den
_Leibniz_schen Begriffen der Vollkommenheit, der Harmonie, der
allmählichen Stufenfolge aller Dinge und ähnlichem aufgebaut wird und,
statt wie eine gesunde kritische Philosophie mit der Gottesidee etwa
zu enden, sogleich mit Gott als dem »einzigen vollkommensten Wesen«
einsetzt, während es mit einer mehr an Schleiermacher als an Kant
erinnernden Formulierung des menschlichen Sittengesetzes schließt:
»Handle deinen individualischen (wir sagen heute: individuellen)
Vollkommenheiten gemäß!« Von der kirchlichen Religionsauffassung hat
er persönlich sich um diese Zeit schon ganz frei gemacht: ein für die
damaligen deutschen Verhältnisse und für seine eigene Entwicklung
sehr vielsagendes Resultat. Das beweist unter anderem ein, wenigstens
höchstwahrscheinlich, noch in die Berliner Zeit fallendes, in seinem
Nachlaß gefundenes Bruchstück »_Über die Entstehung der geoffenbarten
Religion_«. Und so konnte er beinahe ein Menschenalter später in
einem, vielleicht eben dieser Offenheit wegen ungedruckt gebliebenen,
Vorwortentwurf zum »Nathan« erklären: »Nathans Gesinnung gegenüber
jeder positiven Religion ist _von jeher_ die meinige gewesen.«
Dagegen hat er an einer, wie man in jener Zeit sagte, »_natürlichen_«
Religion, mit dem Glauben an einen Weltschöpfer, nicht bloß damals,
sondern anscheinend bis an sein Ende festgehalten. So tritt er
gelegentlich für Albrecht v. Hallers, des auch von dem jungen Kant
hochgeschätzten Schweizer Naturforschers und Dichters, Gottesglauben
gegen den entschiedenen Materialismus eines Lamettrie ein, der in
seinem »~L'homme machine~« den Menschen als ein mechanisches Uhrwerk
aufgefaßt hatte. Und auch philosophisch entfernt er sich in den
fünfziger Jahren noch wenig von der herrschenden Leibniz-Wolffschen,
das heißt durch den trockenen Pedanten Christian Wolff verwässerten
Leibnizschen Philosophie. Ganz seiner sonstigen, frischen, für alle
reinen Gedanken aufgeschlossenen Art entgegen, meint er einmal 1752 in
einer seiner Rezensionen in der damals schon bestehenden »Vossischen
Zeitung« zu Berlin: »Das Neue sollte uns in den spekulativischen
Teilen der Weltweisheit alle Zeit verdächtig sein.« Für unseren Zweck
brauchen wir darum auch diese seine verhältnismäßig doch unbedeutenden
Buchbesprechungen aus den Jahrgängen 1751 bis 1754 der »Vossischen«
nicht einzeln auf seinen philosophischen Standpunkt hin zu durchmustern.
Selbst nicht die ihrem Titel nach philosophischste seiner Abhandlungen:
die 1755 aus Anlaß einer Preisaufgabe der Berliner Akademie der
Wissenschaften erschienene: »_Pope ein Metaphysiker!_« Schon deshalb
nicht, weil sie nicht von ihm allein, sondern gemeinsam mit dem
in Berlin neu gewonnenen Freunde Moses Mendelssohn verfaßt ist.
Und zweitens, weil wir uns heute auch wohl kaum noch für das Thema
interessieren: 1. welches der wahre Sinn des Satzes »Alles ist
gut« sei; der in des Engländers Pope (1689 bis 1744) seinerzeit
vielbewundertem Lehrgedicht »Vom Menschen« (1729) vorkommt, 2. wieweit
er mit Leibniz' Optimismus übereinstimme und 3. ob Popes System
anzunehmen oder zu verwerfen sei. Sondern uns interessiert nur die Art
von Lessings Behandlung, zu der ihm die Aufgabe der Akademie, über
die er sich eigentlich mehr lustig macht, bloß den Anlaß gibt: seine
reinliche Scheidung zwischen _Dichter_ und _Metaphysiker_. Gewiß, im
weitesten Sinne des Wortes ist jeder Metaphysiker ein Dichter; aber ein
System in Reime bringen heißt noch nicht dichten. Ein philosophischer
Dichter ist darum noch kein Philosoph, ebensowenig wie ein poetischer
Weltweiser an sich schon ein wahrer Poet: dasselbe Problem, das Kant
vierzig Jahre später von der anderen Seite her ebenso scharf in Angriff
genommen hat (in seinem Aufsatz »Von einem neuerdings erhobenen
vornehmen Ton in der Philosophie«, 1796).
Bei dieser Gelegenheit nur ein paar kurze Ausführungen über Lessings
philosophisches Verhältnis zu den Berliner Freunden Moses _Mendelssohn_
und Friedrich _Nicolai_; denn ihre persönlichen Beziehungen zu
behandeln, ist hier nicht der Ort. Gemeinsam mit beiden ist ihm im
Grunde nur ein Allerallgemeinstes: die Zugehörigkeit zu der großen
_Aufklärungs_bewegung, die in England ihren Ursprung genommen,
dann nach Frankreich sich verpflanzt hatte und jetzt, um die Mitte
des achtzehnten Jahrhunderts, anfangs noch recht bescheiden, auch
in Deutschland, und hier wieder am stärksten in dem von jeher
freigeistigen und zum Vorwitz neigenden Berlin, ihre Schwingen zu
regen begann. Im übrigen verdankt Lessing dem späteren Diktator der
Berliner Aufklärung und langjährigen Herausgeber der Allgemeinen
Deutschen Bibliothek von seiner philosophischen Eigenart so gut wie
nichts; dem rührend anhänglichen jüdischen Freunde -- das darf man
sagen, ohne dem braven Moses Mendelssohn zu nahe zu treten -- recht
wenig. Wohl hat dieser ihm öfters, z. B. zu der Pope-Schrift und zum
»Laokoon«, Material geliefert, sicherlich auch manche philosophische
Einzelgedanken, namentlich auf ästhetischem Gebiet, in ihm angeregt.
Aber bei aller warmen Empfindung, bei aller Klarheit des Stils fehlt
ihm doch zu sehr die philosophische Kraft und Tiefe, als daß er dem
großen Freunde eine wesentliche Förderung in seiner philosophischen
Entwicklung hätte bieten können. Und schließlich auch der Mut des
Genius. Wie hätte es einem Lessing begegnen können, daß er vor einem
anderen Menschen, und wäre es auch der »Alleszermalmer« Kant, gleich
Mendelssohn scheu sich zurückgezogen hätte!
~B.~ Das Jahrzehnt 1760 bis 1770
Kant sagt einmal in seiner Anthropologie, daß die »Gründung eines
Charakters«, d. h. in seinem Zusammenhang die endgültige Festsetzung
einer Weltanschauung, bei den meisten Menschen sich erst in ihrem
vierten Lebensjahrzehnt zu vollziehen pflege. Das dürfte wenigstens
für die tieferen, nicht schnell mit sich fertigen Naturen zutreffen.
Jedenfalls gilt es für Kant und für Lessing. Sei es, daß seine
Versetzung in ganz andere äußere Lebensumstände, unter ganz andere
Menschen, in ganz andere Beschäftigungen als die gewohnten, die seine
Berufung als Sekretär des Generals Tauentzien nach Breslau und ins
preußische Feldlager nach sich zog, ihn um so stärker auf sich selbst
besinnen ließ, oder daß seine innere Entwicklung dahin drängte: er
fühlt, daß er jetzt erst zum _Manne_ herangereift, ganz er selbst
geworden ist. Nach der Genesung von einer Fieberkrankheit schreibt am
5. August 1764 der bald Fünfunddreißigjährige an seinen Freund Ramler
nach Berlin: »Die ernstliche Epoche meines Lebens naht heran; ich
beginne, ein Mann zu werden.«
Lessings religionsphilosophische und kirchengeschichtliche Studien
gehen fort. Aber sie werden jetzt methodischer. Er beginnt die
früheste Entwicklung des Christentums an der Quelle, das heißt in
den Werken der Kirchenväter: eines Justin, eines Tertullian, eines
Origenes und Augustin, zu studieren. Er schreibt eine Abhandlung
über die von Plutarch erwähnte Richtung der »Elpistiker«, d. h. etwa
»Hoffnungsfrohen«, und sucht bei dieser Gelegenheit nachzuweisen,
daß ohne die Hoffnung auf ein zukünftiges Leben _keine_ Religion
gedacht werden könne. Eine Ansicht, die unseres Erachtens schon durch
den Buddhismus und das Judentum (wenigstens dem größten Teil seiner
Geschichte nach) widerlegt wird; weshalb, beiläufig gesagt, auch Kant
letzterem einmal den Charakter einer Religion abspricht. Im übrigen
bemerkt Lessing, jene Hoffnung habe unter den Christen der ersten
Jahrhunderte »viele falsche Märtyrer gemacht, die für nichts besser als
Selbstmörder zu halten« seien.
Eine zweite Abhandlung »Von der Art und Weise der _Fortpflanzung_ und
_Ausbreitung_ der christlichen Religion« wendet sich gegen die Ansicht
der Kirchenväter und die damit übereinstimmende ihrer zeitgenössischen
Verteidiger, die darin die unmittelbare Hand Gottes erblickt, und
macht demgegenüber auf die vielen »Menschlichkeiten«, die sich dabei
zugetragen haben, überhaupt auf den ganz »natürlichen Lauf der Dinge«
aufmerksam. Kurz, er unterstellt auch die Religionsgeschichte den
Gesetzen wissenschaftlicher Kritik, die sich übrigens damals auch
bereits innerhalb der protestantischen Theologie zu regen begann:
»Sieh überall mit deinen eigenen Augen! Verunstalte nichts, beschönige
nichts! Wie die Folgerungen fließen, laß sie fließen! Hemme ihren Strom
nicht, lenke ihn nicht!«
Jetzt erst werden auch seine _philosophischen_ Studien tiefer,
eindringender. Er wendet sich von dem Nachahmer (Wolff) zur Quelle
(Leibniz) zurück. Noch in der Pope-Schrift war der Begriff des
Gedichts ganz im Sinne der Wolffschen Schulphilosophie bestimmt
worden. Ähnliches war in der Abhandlung über die Fabel und in den
Anmerkungen zu des Engländers Burke Schrift über das Schöne und
Erhabene (1758) geschehen. Jetzt, in den sechziger Jahren, lernt er
den echten _Leibniz_ eigentlich erst kennen, dessen »Neue Abhandlungen
über den menschlichen Verstand« (französisch) eben (1765) ihrer
Vergessenheit im Staube der Hannoverschen Bibliothek entrissen worden
waren. Lessing hat sie zu übersetzen angefangen, auch Material zu einer
Leibniz-Biographie gesammelt. Er hat nunmehr die Kluft zwischen Meister
und Schüler so deutlich erkannt, daß er von der »Eingeschränktheit und
Geschmacklosigkeit« Wolffs zu sprechen wagt.
Und, was vielleicht noch wichtiger, er lernt jetzt auch den fast
noch allgemein verfemten großen _Spinoza_ kennen und schätzen. Noch
in dem Pope-Aufsatz hatte er zwar nichts dagegen gehabt, daß der ihm
anscheinend durch Freund Mendelssohn näher gebrachte Shaftesbury das
Wort »Natur« an die Stelle des Leibnizschen »Gott« gesetzt hatte;
allein noch gar nicht daran gedacht, daß damit auch der Standpunkt
des jüdisch-holländischen Weisen zusammenfällt, den er noch den
»berufenen Irrgläubigen« nennt. Jetzt hat er den Spinoza zu würdigen
gelernt. Er ist, eigentlich noch vor Herder, Goethe und F. H. Jacobi,
der Wiederentdecker desselben geworden: was allerdings erst gegen
Ende seines Lebens deutlicher hervortreten und erst fünf Jahre nach
seinem Tode allgemein bekannt werden sollte; weshalb wir auf die ganze
Frage seines »Spinozismus« noch einmal gegen Schluß im Zusammenhang
zurückkommen werden. Wir werden ferner sehen, wie sich aus der besseren
Würdigung des echten Leibniz und Spinozas auch eine vertieftere,
seine Berliner Freunde überraschende Stellung in seinen theologischen
Kämpfen der siebziger Jahre, im Streite zwischen der Orthodoxie und
der Aufklärung, ergibt, wie er immer mehr auch über die letztere
hinauswächst. Zunächst aber müssen wir jetzt eine ganz andere Seite
seines Philosophierens ins Auge fassen: seine
Philosophie der Kunst oder Ästhetik,
zu der die beiden großen Schriften der sechziger Jahre: der »_Laokoon_«
(1766) und die »_Hamburger Dramaturgie_« (1767 bis 1769) den Grund
gelegt haben, hinter denen jetzt, mindestens schriftstellerisch, die
religionsphilosophische Arbeit durchaus zurücktritt. Dies Jahrzehnt war
vielmehr die Zeit, wo er nach dem Worte des Briten Macaulay zum _ersten
Kritiker Europas_ sich emporschwang. Freilich nicht diese Kritik im
einzelnen können wir zum Gegenstand unserer Erörterung machen, auch
nicht auf ästhetische Einzelheiten eingehen, sondern bloß die großen
philosophischen Grundzüge hervorheben.
Betrachtet man beide Schriften nur von ihrer Außenseite, die vom
lebendigen Kunst_beispiel_, im ersten Falle der Plastik, im anderen
der Bühne ausgeht, so könnte man sie für zufällig hingeworfene
Gelegenheitsschriften halten, wie es ja fast bei allen Werken Lessings
der Fall zu sein scheint. Dringt man dagegen tiefer in sie ein, so
merkt man auch hier, daß eine zusammenhängende Kunstansicht dahinter
steckt: eine Kunstansicht, die auf einer ausgedehnten Kenntnis der
zeitgenössischen Ästhetik, ja der Kunstschöpfungen aller Zeiten
aufgebaut ist.
Das Nächste und Grundlegendste ist, daß er -- was freilich schon der
alte Aristoteles festgestellt und natürlich auch Platos Weisheit
bereits entdeckt hatte, was aber erst durch Kants Begründung zum
unverlierbaren Eigenbesitz der Philosophie geworden ist -- das
Gebiet der Kunst oder, persönlicher ausgedrückt, die _gestaltende_
Tätigkeit des schaffenden Künstlers von der _theoretischen_ des
wissenschaftlichen, von der _praktischen_ des sittlichen Menschen
scheidet oder doch zu scheiden beginnt. Wir werden später bei Schiller
und Goethe sehen, wie diese »reinliche Scheidung« der drei menschlichen
Kulturgebiete: Wissenschaft, Ethik und Kunst unter dem Einfluß Kants
schon weiter fortgeschritten ist. Der
Laokoon
setzt sie, wie schon sein Nebentitel Ȇber die Grenzen der Malerei
und der Poesie« besagt, _innerhalb_ der Künste zwischen »Poesie« und
»Malerei«, d. h. dem künstlerischen Schaffen in Wort, Rhythmus und
Melodie, wie es Dichtkunst und Musik betreiben, auf der einen, und dem
Kunstschaffen in Form und Farbe, wie es den bildenden Künsten: Malerei,
Bildhauerei und Baukunst, eigen ist, auf der anderen Seite fort.
Lessing befand sich damit mitten in den Problemen und der Polemik,
die über sie von den angesehensten Theoretikern der Gegenwart und
letzten Vergangenheit, den Franzosen Dubos, Batteux und Diderot, den
Engländern Hutcheson, Harris, Burke und Home, den Schweizern Bodmer
und Breitinger, den Deutschen Mendelssohn, Nicolai und anderen geführt
worden war. Speziell mit den beiden letzteren hatte er schon ein
Jahrzehnt zuvor lange teils mündliche, teils schriftliche Diskussionen
über Ursprung und Natur der tragischen Empfindungen gepflogen; ja
in gewissem Sinne hatten ihn Mendelssohns »Betrachtungen über die
Quellen und die Verbindungen der schönen Künste und Wissenschaften«
auf das Thema seines »Laokoon« überhaupt gebracht. Und außerdem wollte
er Ordnung auch in der _Praxis_ der bildenden und der Dichtkunst
schaffen: den Hang zur Allegorie (z. B. Oeser) in jener, den Hang zur
Schilderungssucht (Haller, Brockes, Ewald v. Kleist und Geßner) in
dieser bekämpfen. Und das ist ihm denn auch, wenigstens für Poesie,
so ziemlich gelungen: er hat der bis dahin fast allgemein geübten
unkritischen Vermischung der Künste, die nach der blendenden Antithese
des griechischen Dichters Simonides die Dichtkunst einfach zu einer
»redenden Malerei«, die bildende zu einer »stummen Poesie« machen
wollte, den kritischen Todesstoß versetzt. Dem Gebiet der bildenden
Künste wies er die im Raume _neben_einander geordneten sichtbaren
_Körper_, dem der redenden das in der Zeitfolge _nach_einander
geordnete Gebiet der _Handlung_ zu.
Gewiß, viele seiner Einzelansichten sind durch die moderne
Kunstentwicklung und Kunstanschauung, ja zum Teil schon durch die
frühere Kunstpraxis überholt. Wir werden z. B. heute nicht mehr so
einseitig wie Lessing der antikisierenden Anschauung Winckelmanns
folgen und allein die Schönheit, nicht die Wahrheit des Ausdrucks für
den höchsten Zweck der bildenden Kunst erklären. Wir werden nicht
so einseitig wie er die Form vor der Farbe, die Plastik vor der
Malerei bevorzugen. Und wenn er die Landschafts-, die Historien-, die
Genre-, ja sogar die Porträtmalerei verwirft, wenn er infolgedessen
die großen Niederländer, sogar einen Rembrandt geringschätzt, was
bleibt dann schließlich von der Malerei noch übrig? Es rächt sich
hier, daß Lessing, ähnlich wie Kant, obschon wohl in nicht so starkem
Maße wie dieser, die lebendige Anschauung, ja wohl auch die warme
Empfänglichkeit für die großen Werke der bildenden Künstler der
Renaissance, der Spanier, der Niederländer gemangelt hat. Ist er
doch, als er endlich mit sechsundvierzig Jahren vom Frühjahr bis in
den Winter 1775 Italien bereisen konnte, freilich als offizieller
Reisebegleiter eines unreifen Prinzen und seines militärischen
Gouverneurs, wenn anders wir nach den trockenen und dürftigen Notizen
seines Tagebuches schließen dürfen, selbst dort von den Wundern
der Natur und Kunst, die nach ihm so viele Nordländer entzückt
haben, anscheinend wenig ergriffen worden. In ihm herrschte eben,
ähnlich wieder wie bei dem ihm überhaupt in so mancher Hinsicht
geistesverwandten Kant, auch in Kunstdingen die norddeutsche Reflexion,
der eindringende Scharfsinn, die Neigung zum psychologischen
Zergliedern vor, gegenüber der Gefühlswärme eines Herder, eines Goethe
oder gar eines Heinse.
Auch in seinem eigentlichen Felde, der Poesie, wird man seiner
Bevorzugung des Epos und des später noch besonders zu erörternden
Dramas vor der Lyrik nicht zuzustimmen brauchen. Obwohl im Grunde doch
auch für die Lyrik sein oberstes Kunstgesetz zutrifft, wenn man bloß
für »Handlung« das sinnverwandte »Bewegung« einsetzt, die auch durch
die zarteste Stimmungs- oder Liebespoesie, ja _gerade_ durch diese (man
denke etwa an Goethes Sesenheimer Lieder), wenn ebenso auch »Handlung«
selbst durch Goethes, Schillers und Uhlands Balladen geht. Ja man
könnte in Anwendung eines bekannten Wortes von Kant über Plato, daß man
ihn besser verstehen könne, als er sich selbst verstand, untersuchen,
ob nicht aus Lessings Gedanken noch andere und fruchtbarere Folgerungen
zu ziehen sind, als er selbst sie in dem ja leider unvollendet
gebliebenen »Laokoon« gezogen hat. So könnte man mit Schrempf aus dem
Motiv der _Liebe_, die nach der Einleitung »den großen alten Meistern
die Hand zu führen nicht müde geworden«, anknüpfend an den platonischen
Eros, von der bildenden auch nach der Dichtkunst die Linien
hinüberziehen und als deren eigentlichen Gegenstand den »menschlichen
Helden« hinstellen, wie ihn der »Laokoon« in dem Philoktet des
Sophokles zeichnet, der weder weichlich noch verhärtet ist, und von
dem er sagt, er sei »das Höchste, was die Weisheit hervorbringen, die
Kunst nachahmen kann«. Für das Auge der Liebe dürfte auch, wie Schrempf
feinsinnig bemerkt,[1] der scharfe Gegensatz von Schönheit und
Wahrheit des Ausdrucks, den Lessing selbst noch zieht, nicht vorhanden
sein. Wir lieben doch einen Menschen und deshalb auch seine Nachbildung
in der Kunst (man denke namentlich an die religiöse Malerei!), wenn aus
seinen Zügen eine schöne Seele spricht, auch wenn er auf körperliche
Schönheit keinen Anspruch machen kann. Auch der Bildner des Laokoon
erregt mein ästhetisches Wohlgefallen doch nur dadurch, daß er mir
dessen Seelengröße bei allen seinen Qualen zeigt. Lessing kann und will
vielleicht auch nicht mehr behaupten, als daß die griechischen Künstler
selbst in der Darstellung der Leidenschaft, mithin des Ausdrucks, die
Rücksicht auf die schöne Form nie vergessen haben.
Es ist schade, daß der »Laokoon« ein Torso geblieben ist. Schon
deshalb, weil Lessing sich in dem Vorliegenden fast ganz auf den
Unterschied von Poesie und »Malerei« in der Darstellung sinnlich
sichtbarer Gegenstände beschränkt hat. Wie er schon in seiner
Abhandlung über die _Fabel_ (1759) auch für deren Erzählung eine
Handlung, d. h. eine Folge von Veränderungen, die ein Ganzes ausmachen,
gefordert hatte, so wollte er, wie die in seinem Nachlaß enthaltenen
Entwürfe zeigen, in der beabsichtigten Fortsetzung des »Laokoon« seine
Haupt- und Grundsätze auf alle wichtigen Stilfragen ausdehnen und
nicht bloß die redende und bildende Kunst (darunter gewiß auch die
im »Laokoon« vernachlässigte Baukunst), sondern auch die Musik, ja
sogar die Tanzkunst bis zu einem gewissen Grade in den Kreis seiner
Untersuchung ziehen.
Seine Eigenart freilich und das Geheimnis seiner heute noch
fortdauernden Wirkung auf uns liegt, wie wir es zum Teil schon
sahen, nicht in dem systematischen Abschließen, sondern in dem stets
lebendigen Forschen, das auch den Leser zum Mitphilosophieren zwingt.
Er verschmäht absichtlich für seine im letzten Grunde sehr überdachten
Untersuchungen die feste systematische Form. Er will, weder mit
seinem »Laokoon« noch später mit seiner »Hamburger Dramaturgie«, ein
ästhetisches Lehrbuch liefern, wie es nicht lange vorher, als erster in
Deutschland, der Hallenser Professor Baumgarten mit seiner »Ästhetica«,
trocken und pedantisch genug, der gelehrten Welt gegeben hatte. »An
systematischen Lehrbüchern«, bemerkt -- auch für unsere Zeit noch
sehr passend -- gleich die Vorrede zum »Laokoon«, »haben wir Deutsche
überhaupt keinen Mangel. Aus ein paar angenommenen Worterklärungen in
der schönsten Ordnung alles, was wir nur wollen, herzuleiten, darauf
verstehen wir uns trotz einer Nation der Welt.« Lessing dagegen wählt
mit Absicht den scheinbar regellosen Weg des bald hierhin, bald dorthin
ablenkenden Spaziergängers, geht von lebendigen Beispielen, sei es der
bildenden Kunst oder der dichterischen Praxis des Sophokles und vor
allem des ewig jungen Vaters Homer aus, um aus ihnen erst zum Schluß
einige wenige allgemeine Gesetze abzuleiten. Erst der sechzehnte
Abschnitt beginnt, nach einem in der Mitte abgebrochenen Satze, mit
den Worten: »Doch ich will versuchen, die Sache aus ihren ersten
Gründen herzuleiten.« Gerade darum eignen sich seine wichtigsten
kunstphilosophischen Schriften, nicht zu vergessen auch die schöne
Abhandlung »Wie die Alten den Tod gebildet«, noch heute so gut zur
Lektüre unserer Primaner und Primanerinnen: nicht etwa als unantastbare
Regel und Richtschnur, sondern als beständiger Anreiz zu eigenem
Nachdenken, als Anknüpfungspunkt zu weiterführenden, vielleicht mit
einem anderen Ergebnis oder besser noch mit der Aussicht auf neu sich
auftuende Fragen schließenden Erörterungen. Sie sind zugleich ein
treffliches Vorbild für den zukünftigen Schriftsteller oder Redner,
daß er uns seine Gedanken nicht als fertige vortrage, sondern sie vor
unseren Augen, ja in unserer Seele erst entstehen lasse, wie Homer den
Schild des Achilleus.
Daß neben den entdeckten obersten Kunstgesetzen auch noch eine Fülle
fruchtbarer ästhetischer Einzelbegriffe gefunden oder festgestellt
wird, wie die Wahl des fruchtbarsten Augenblicks für den Dichter und
den bildenden Künstler, die Bestimmung des Reizes als der »Schönheit
in Bewegung«, die Behandlung des Lächerlichen und des Häßlichen, des
Furchtbaren, des Gräßlichen und des Ekelhaften, sei nur nebenher
erwähnt. Auch die Beziehungen der Kunst zum Staat, zur Religion werden,
wie jeder Leser des »Laokoon« weiß, bereits in den einleitenden
Erörterungen berührt. Und seine letzte kunstphilosophische Abhandlung
»Wie die Alten den Tod gebildet« -- nämlich nicht als Knochengerippe
wie die Nordländer, selbst ein Holbein, Dürer oder Rethel, sondern als
den Bruder des Schlafes -- schließt mit einer tiefempfundenen und sehr
zu denken gebenden, gegen eine kunstfeindliche Richtung innerhalb des
Protestantismus gerichteten Bemerkung über das Verhältnis von Kunst und
Religion: »Nur die mißverstandene Religion kann uns von dem Schönen
entfernen; es ist ein Beweis für die wahre, für die richtig verstandene
wahre Religion, wenn sie uns überall auf das Schöne zurückbringt.«