wer's gemacht hat.«
»So ist's droben auf der Weide, Großmama, und noch viel schöner«, fiel
hier Klara ein. »Aber rat einmal, wer dir heut früh schon die Blumen
von der Weide heruntergeholt hat!« Und Klara lächelte so vergnüglich
zu ihrer Rede, daß der Großmama einen Augenblick der Gedanke kam, das
Kind sei am Ende heute selbst schon dort oben gewesen. Das war doch
aber fast nicht möglich.
Jetzt hörte man ein leises Geräusch hinter den Tannenbäumen; es kam
vom Peter her, der unterdessen hier oben angelangt war. Da er aber
gesehen hatte, wer beim Öhi vor der Hütte stand, hatte er einen
großen Bogen gemacht und wollte nun ganz heimlich hinter den Tannen
hinaufschleichen. Aber die Großmama hatte ihn erkannt, und plötzlich
stieg ein neuer Gedanke in ihr auf. Sollte der Peter die Blumen
heruntergebracht haben und nun aus lauter Scheu und Bescheidenheit
so heimlich vorbeischleichen wollen? Nein, das durfte nicht sein, er
sollte doch eine kleine Belohnung haben.
»Komm, mein Junge, komm hier heraus, frisch, ohne Scheu!« rief die
Großmama laut und steckte ein wenig den Kopf zwischen die Bäume
hinein.
Starr vor Schrecken stand der Peter still. Er hatte keine
Widerstandskraft mehr nach allem Erlebten. Er fühlte nur noch das
eine: Jetzt ist's aus! Alle Haare standen ihm aufrecht auf dem Kopf,
und farblos und entstellt von höchster Angst trat der Peter hinter den
Tannen hervor.
»Nur frisch heran, ohne Umwege«, ermunterte die Großmama. »So, nun sag
mir mal, Junge, hast du das gemacht?«
Der Peter hob seine Augen nicht auf und sah nicht, wohin der
Zeigefinger der Großmama wies. Er hatte gesehen, daß der Öhi an der
Ecke der Hütte stand und daß dessen graue Augen durchdringend auf ihn
gerichtet waren, und neben dem Öhi stand das Schrecklichste, das der
Peter kannte, der Polizeidiener aus Frankfurt. An allen Gliedern
zitternd und bebend, stieß der Peter einen Laut hervor, es war ein
»Ja«.
»Nanu«, sagte die Großmama, »was ist denn das Schreckliche dabei?«
»Daß er... daß er... daß er auseinander ist und man ihn nicht
mehr ganz machen kann«, brachte mühsam der Peter heraus, und nun
schlotterten seine Knie so, daß er fast nicht mehr stehen konnte. Die
Großmama ging nach der Hüttenecke hinüber.
»Mein lieber Öhi, rappelt es denn wirklich ernstlich bei dem armen
Buben?« fragte sie teilnehmend.
»Gar nicht, gar nicht«, versicherte der Öhi. »Der Bube ist nur der
Wind, der den Rollstuhl fortgejagt hat, und nun erwartet er seine
wohlverdiente Strafe.«
Das konnte nun die Großmama gar nicht glauben, denn sie meinte,
boshaft sehe der Peter doch ganz und gar nicht aus, und sonst hätte er
doch keinen Grund gehabt, den so notwendigen Rollstuhl zu zerstören.
Aber dem Öhi war das Geständnis nur die Bestätigung eines Verdachtes
gewesen, der gleich nach der Tat in ihm aufgestiegen war. Die
grimmigen Blicke, die der Peter von Anfang an der Klara zugeworfen
hatte, und andere Merkmale seiner Erbitterung gegen die neuen
Erscheinungen auf der Alp waren dem Öhi nicht entgangen. Er hatte
einen Gedanken an den andern gehängt, und so hatte er genau den
ganzen Gang der Dinge erkannt und teilte ihn jetzt der Großmama in
aller Klarheit mit. Als er zu Ende war, brach die Dame in große
Lebhaftigkeit aus.
»Nein, mein lieber Öhi, nein, nein, den armen Buben wollen wir nicht
weiter strafen. Man muß billig sein. Da kommen die fremden Leute aus
Frankfurt hereingebrochen und nehmen ihm ganze Wochen lang das Heidi
weg, sein einziges Gut und wirklich ein großes Gut, und da sitzt er
allein Tag für Tag und hat das Nachsehen. Nein, nein, da muß man
billig sein; der Zorn hat ihn überwältigt und hat ihn zu der Rache
getrieben, die ein wenig dumm war, aber im Zorn werden wir alle dumm.«
Damit ging die Großmama zum Peter zurück, der noch immerfort bebte und
schlotterte.
Sie setzte sich auf die Bank unter die Tanne und sagte freundlich:
»So, nun komm, mein Junge, da vor mich hin, ich habe dir etwas zu
sagen. Höre auf zu zittern und zu beben und hör mir zu, das will
ich haben. Du hast den Rollstuhl den Berg hinuntergejagt, damit er
zerschmettere. Das war etwas Böses, das hast du recht wohl gewußt,
und daß du eine Strafe verdientest, das wußtest du auch, und damit
du diese nicht erhaltest, hast du dich recht anstrengen müssen, daß
keiner es merke, was du getan hattest. Aber siehst du: Wer etwas Böses
tut und denkt, es weiß keiner, der verrechnet sich immer. Der liebe
Gott sieht und hört ja doch alles, und sobald er bemerkt, daß ein
Mensch seine böse Tat verheimlichen will, so weckt er schnell in dem
Menschen das Wächterchen auf, das er schon bei seiner Geburt in ihn
hineingesetzt hat und das da drinnen schlafen darf, bis der Mensch
ein Unrecht tut. Und das Wächterchen hat einen kleinen Stachel in der
Hand, mit dem sticht es nun in einem fort den Menschen, daß er gar
keinen ruhigen Augenblick mehr hat. Und auch mit seiner Stimme
beängstigt es den Gequälten noch, denn es ruft ihm immer quälend zu:
>Jetzt kommt alles aus! jetzt holen sie dich zur Strafe!< So muß er
immer in Angst und Schrecken leben und hat keine Freude mehr, gar
keine. Hast du nicht auch so etwas erfahren, Peter, eben jetzt?«
Der Peter nickte ganz zerknirscht, aber wie ein Kenner, denn gerade so
war es ihm ergangen.
»Und noch in einer Weise hast du dich verrechnet«, fuhr die Großmama
fort. »Sieh, wie das Böse, das du tatest, zum Besten ausfiel für die,
der du es zufügen wolltest! Weil Klara keinen Sessel mehr hatte, auf
dem man sie hinbringen konnte, und doch die schönen Blumen sehen
wollte, so strengte sie sich ganz besonders an zu gehen, und so lernte
sie's und geht nun immer besser, und bleibt sie hier, so kann sie am
Ende jeden Tag hinauf zur Weide gehen, viel öfter, als sie in ihrem
Stuhle hinaufgekommen wäre. Siehst du wohl, Peter? So kann der liebe
Gott, was einer böse machen wollte, nur schnell in seine Hand nehmen
und für den andern, der geschädigt werden sollte, etwas Gutes daraus
machen, und der Bösewicht hat das Nachsehen und den Schaden davon.
Hast du nun auch alles gut verstanden, Peter, ja? So denk daran,
und jedesmal, wenn es dich wieder gelüsten sollte, etwas Böses zu
tun, denk an das Wächterchen da drinnen mit dem Stachel und der
unangenehmen Stimme. Willst du das tun?«
»Ja, so will ich«, antwortete der Peter, noch sehr gedrückt, denn noch
wußte er ja nicht, wie alles enden würde, da der Polizeidiener immer
noch drüben stand neben dem Öhi.
»So, nun ist's gut, die Sache ist abgetan«, schloß die Großmama. »Nun
sollst du aber auch noch ein Andenken an die Frankfurter haben, das
dich freut. So sag mir nun, mein Junge, hast du auch schon mal was
gewünscht, das du haben möchtest? Was war's denn? Was möchtest du am
liebsten haben?«
Jetzt hob der Peter seinen Kopf auf und starrte die Großmama mit
ganz kugelrunden, erstaunten Augen an. Noch immer hatte er etwas
Schreckliches erwartet, und nun sollte er auf einmal bekommen, was er
gern hätte. Dem Peter kam alles durcheinander in seinen Gedanken.
»Ja, ja, es ist mir Ernst«, sagte die Großmama. »Du sollst etwas
haben, das dich freut, zur Erinnerung an die Leute von Frankfurt und
zum Zeichen, daß sie nicht mehr daran denken, daß du etwas Unrechtes
getan hast. Verstehst du's nun, Junge?«
In dem Peter fing die Einsicht aufzudämmern an, daß er keine Strafe
mehr zu befürchten habe und daß die gute Frau, die vor ihm saß, ihn
aus der Gewalt des Polizeidieners errettet hatte. Jetzt empfand er
eine Erleichterung, als fiele ein Berg von ihm ab, der ihn fast
zusammengedrückt hatte. Aber nun hatte er auch begriffen, daß es
besser geht, wenn man gleich eingestellt, was gefehlt ist, und auf
einmal sagte er:
»Und das Papier hab ich auch verloren.«
Die Großmama mußte sich ein wenig besinnen, aber der Zusammenhang kam
ihr bald in den Sinn, und sie sagte freundlich: »So, so, es ist recht,
daß du's sagst! Immer gleich bekennen, was nicht recht ist; dann
kommt's wieder in Ordnung. Und jetzt, was hättest du gern?«
Nun konnte der Peter auf der Welt wünschen, was er nur wollte.
Es wurde ihm fast schwindelig. Der ganze Jahrmarkt von Maienfeld
flimmerte vor seinen Augen mit all den schönen Sachen, die er oft
stundenlang angestaunt und für immer unerreichbar gehalten hatte, denn
Peters Besitztum hatte nie einen Fünfer überstiegen, und alle die
lockenden Gegenstände kosteten immer das Doppelte. Da waren die
schönen roten Pfeifchen, die er so gut für seine Geißen brauchen
konnte. Da waren die lockenden Messer mit runden Heften, Krötenstecher
genannt, mit denen man in allen Haselrutenhecken die besten Geschäfte
machen konnte.
Tiefsinnig stand der Peter da, denn er überdachte, welches von den
zweien das Wünschbarste wäre, und er fand den Entscheid nicht. Aber
jetzt kam ihm ein lichtvoller Gedanke; so konnte er sich noch bis zum
nächsten Jahrmarkt besinnen.
»Einen Zehner«, antwortete Peter jetzt entschlossen.
Die Großmama lachte ein wenig.
»Das ist nicht übertrieben. So komm her!« Sie zog jetzt ihren Beutel
heraus und nahm einen großen, runden Taler heraus; darauf legte sie
noch zwei Zehnerstückchen.
»So, wir wollen gerade Rechnung machen«, fuhr sie fort; »das will ich
dir erklären. Hier hast du nun gerade so viele Zehner, als Wochen im
Jahre sind! So kannst du jeden Sonntag einen Zehner hervornehmen und
verbrauchen, das ganze Jahr durch.«
»Meiner Lebtag?« fragte der Peter ganz harmlos.
Jetzt mußte die Großmama so ungeheuer lachen, daß die Herren drüben
ihr Gespräch unterbrechen mußten, um zu hören, was da vorgehe.
Die Großmama lachte immer noch.
»Das sollst du haben, Junge, das gibt einen Passus in mein Testament,
hörst du, mein Sohn? Und nachher geht er in das deinige über, also:
Dem Geißenpeter einen Zehner wöchentlich, solange er am Leben ist.«
Herr Sesemann nickte zustimmend und lachte auch herüber.
Der Peter schaute noch einmal auf das Geschenk in seiner Hand, ob es
auch wirklich wahr sei. Dann sagte er: »Danke Gott!« Und nun rannte er
davon in ganz ungewöhnlichen Sprüngen, aber diesmal blieb er doch auf
den Füßen, denn jetzt trieb ihn nicht der Schrecken davon, sondern
eine Freude, wie der Peter noch gar keine gekannt hatte sein Leben
lang. Alle Angst und Schrecken waren vergangen, und jede Woche hatte
er einen Zehner zu erwarten sein Leben lang.
Als später die Gesellschaft vor der Almhütte das fröhliche Mittagsmahl
beendet hatte und nun noch in allerlei Gesprächen zusammensaß, da nahm
Klara ihren Vater, der ganz strahlte vor Freude und jedesmal, wenn er
sie wieder anschaute, noch ein wenig glücklicher aussah, bei der Hand
und sagte mit einer Lebhaftigkeit, die man nie an der matten Klara
gekannt hatte:
»O Papa, wenn du nur wüßtest, was der Großvater alles für mich getan
hat! So viel alle Tage, daß man es gar nicht nacherzählen kann, aber
ich vergesse es in meinem ganzen Leben nicht. Und immer denke ich,
wenn ich nur dem lieben Großvater auch etwas tun könnte oder etwas
schenken, das ihm so recht Freude machen würde, auch nur halb soviel,
wie er mir Freude gemacht hat.«
»Das ist ja auch mein größter Wunsch, liebes Kind«, sagte der Vater.
»Ich sinne schon immer darüber nach, wie wir unserem Wohltäter unseren
Dank auch nur einigermaßen dartun könnten.«
Herr Sesemann stand jetzt auf und ging zum Öhi hinüber, der neben der
Großmama saß und sich ausnehmend gut mit ihr unterhalten hatte. Er
stand aber jetzt auch auf. Herr Sesemann ergriff seine Hand und sagte
in der freundschaftlichsten Weise: »Mein lieber Freund, lassen Sie uns
ein Wort zusammen sprechen! Sie werden es verstehen, wenn ich Ihnen
sage, daß ich seit langen Jahren keine rechte Freude mehr kannte. Was
war mir all mein Geld und Gut, wenn ich mein armes Kind anblickte, das
ich mit keinem Reichtum gesund und glücklich machen konnte? Nächst
unserm Gott im Himmel haben Sie mir das Kind gesund gemacht und mir,
wie ihm, damit ein neues Leben geschenkt. Nun sprechen Sie, womit
kann ich Ihnen meine Dankbarkeit zeigen? Vergelten kann ich nie, was
Sie uns getan haben, aber was ich vermag, das stelle ich zu Ihrer
Verfügung. Sprechen Sie, mein Freund, was darf ich tun?«
Der Öhi hatte still zugehört und den glücklichen Vater mit vergnügtem
Lächeln angeblickt.
»Herr Sesemann glaubt mir wohl, daß ich meinen Teil an der großen
Freude über die Genesung auf unserer Alm auch habe; meine Mühe ist mir
wohl dadurch vergolten«, sagte jetzt der Öhi in seiner festen Weise.
»Für die gütigen Anerbietungen danke ich Herrn Sesemann, ich habe
nichts nötig. Solange ich lebe, habe ich für das Kind und für mich
genug. Aber einen Wunsch hätte ich; wenn mir der erfüllt werden
könnte, so hätte ich für dieses Leben keine Sorge mehr.«
»Sprechen Sie, sprechen Sie, mein lieber Freund!« drängte Herr
Sesemann.
»Ich bin alt«, fuhr der Öhi fort, »und kann nicht mehr lange
hierbleiben. Wenn ich gehe, kann ich dem Kinde nichts hinterlassen,
und Verwandte hat es keine mehr; nur eine einzige Person, die würde
noch ihren Vorteil aus ihm ziehen wollen. Wenn mir der Herr Sesemann
die Zusicherung geben wollte, daß das Heidi nie in seinem Leben hinaus
muß, um sein Brot unter den Fremden zu suchen, dann hätte er mir
reichlich zurückgegeben, was ich für ihn und sein Kind tun konnte.«
»Aber, mein lieber Freund, davon kann ja niemals eine Rede sein«,
brach Herr Sesemann nun aus. »Das Kind gehört ja zu uns. Fragen Sie
meine Mutter, meine Tochter; das Kind Heidi werden Sie ja in ihrem
Leben nicht anderen Leuten überlassen! Aber da, wenn es Ihnen eine
Beruhigung ist, mein Freund, hier meine Hand darauf. Ich verspreche
Ihnen: Nie in seinem Leben soll dieses Kind hinaus, um unter fremden
Menschen sein Brot zu verdienen; dafür will ich sorgen, auch über
meine Lebenszeit hinaus. Nun aber will ich noch etwas sagen. Dieses
Kind ist nicht für ein Leben in der Fremde gemacht, wie auch die
Verhältnisse wären; das haben wir erfahren. Aber es hat sich Freunde
gemacht. Einen solchen kenne ich, der ist noch in Frankfurt; da tut er
seine letzten Geschäfte ab, um dann nachher dahin zu gehen, wo es ihm
gefällt, und sich da zur Ruhe zu setzen. Das ist mein Freund, der
Doktor, der noch diesen Herbst hier ankommen wird und, Ihren Rat dazu
in Anspruch nehmend, sich in dieser Gegend niederlassen will, denn in
Ihrer und des Kindes Gesellschaft hat er sich so wohl befunden wie
sonst nirgends mehr. So sehen Sie, das Kind Heidi wird fortan zwei
Beschützer in seiner Nähe haben. Mögen ihm beide miteinander noch
recht lange erhalten bleiben!«
»Das gebe der liebe Gott!« fiel hier die Großmama ein, und den Wunsch
ihres Sohnes bestätigend, schüttelte sie dem Öhi eine gute Weile mit
großer Herzlichkeit die Hand. Dann faßte sie auf einmal das Heidi um
den Hals, das neben ihr stand, und zog es zu sich heran.
»Und du, mein liebes Heidi, dich muß man doch auch noch fragen. Komm,
sag mir mal: Hast du denn nicht auch einen Wunsch, den du gern erfüllt
hättest?«
»Ja freilich, das hab ich schon«, antwortete das Heidi und blickte
sehr erfreut zu der Großmama auf.
»So, das ist recht, so komm heraus damit«, ermunterte diese. »Was
hättest du denn gern, Kind?«
»Ich hätte gern mein Bett aus Frankfurt mit den drei hohen Kissen und
der dicken Decke, dann muß die Großmutter nicht mehr mit dem Kopf
bergab liegen und kann fast nicht atmen, und sie hat warm genug unter
der Decke und muß nicht immer mit dem Schal ins Bett gehen, weil sie
sonst furchtbar friert.«
Das Heidi hatte alles in einem Atemzuge gesagt vor Eifer, zu seinem
gewünschten Ziel zu kommen.
»Ach mein liebes Heidi, was sagst du mir da!« rief die Großmama erregt
aus. »Das ist gut, daß du mich erinnerst. In der Freude vergißt man
leicht, woran man zuallererst hätte denken sollen. Wenn uns der liebe
Gott etwas Gutes schickt, müßten wir doch gleich an diejenigen denken,
die so viel entbehren! Jetzt wird auf der Stelle nach Frankfurt
telegrafiert! Noch heute soll die Rottenmeier das Bett zusammenpacken,
in zwei Tagen kann es dasein. Will's Gott, soll die Großmutter gut
schlafen darin!«
Das Heidi hüpfte frohlockend rings um die Großmama herum. Aber auf
einmal stand es still und sagte eilig: »Nun muß ich gewiß geschwind
zur Großmutter hinunter, es wird ihr auch wieder angst, wenn ich so
lang nicht mehr komme.«
Denn nun konnte das Heidi es nicht mehr erwarten, der Großmutter die
Freudenbotschaft zu bringen, und es war ihm auch wieder in den Sinn
gekommen, wie es der Großmutter angst gewesen, als es zuletzt bei ihr
war.
»Nein, nein, Heidi, was meinst du?« ermahnte der Großvater. »Wenn man
Besuch hat, läuft man nicht mit einemmal auf und davon.«
Aber die Großmama unterstützte das Heidi.
»Mein lieber Öhi, das Kind hat so unrecht nicht«, sagte sie. »Die arme
Großmutter ist auch seit langem viel zu kurz gekommen um meinetwillen.
Nun wollen wir gleich alle miteinander zu ihr gehen, und ich denke,
dort warte ich mein Pferd ab, und wir setzen dann unseren Weg weiter
fort, und unten im Dörfli wird sogleich das Telegramm nach Frankfurt
aufgegeben. Mein Sohn, was meinst du dazu?«
Herr Sesemann hatte bis jetzt noch gar nicht Zeit gehabt, über seine
Reisepläne zu sprechen. Er mußte also seine Mutter bitten, nicht
sogleich ihr Unternehmen auszuführen, sondern noch einen Augenblick
sitzen zu bleiben, bis er seine Absicht ausgesprochen habe.
Herr Sesemann hatte sich vorgenommen, mit seiner Mutter eine kleine
Reise durch die Schweiz zu machen und erst zu sehen, ob sein Klärchen
imstande sei, eine kurze Strecke mitzureisen. Nun war es so gekommen,
daß er die genußreichste Reise in Gesellschaft seiner Tochter vor sich
sah, und nun wollte er auch gleich diese schönen Spätsommertage dazu
benutzen. Er hatte im Sinne, die Nacht im Dörfli zuzubringen und am
folgenden Morgen Klara auf der Alm abzuholen, um mit ihr zur Großmama
nach dem Bade Ragaz hinunter und von da weiterzureisen.
Klara war ein wenig betroffen über die Anzeige der plötzlichen Abreise
von der Alp, aber es war ja so viel Freude daneben, und überdies war
da gar keine Zeit, sich dem Bedauern hinzugeben.
Schon war die Großmama aufgestanden und hatte Heidis Hand erfaßt, um
den Zug anzuführen. Jetzt kehrte sie sich plötzlich um.
»Aber was in aller Welt macht man nun mit Klärchen?« rief sie
erschrocken aus, denn es war ihr in den Sinn gekommen, daß der Gang
doch für sie viel zu weit sein würde.
Aber schon hatte in gewohnter Weise der Öhi sein Pflegetöchterchen auf
den Arm genommen und folgte mit festem Schritte der Großmama nach, die
jetzt mit vielem Wohlgefallen zurücknickte. Zuletzt kam Herr Sesemann,
und so ging der Zug weiter den Berg hinunter.
Das Heidi mußte immerfort aufhüpfen vor Freude an der Seite der
Großmama, und diese wollte nun alles wissen von der Großmutter, wie
sie lebe und wie alles bei ihr zugehe, besonders im Winter bei der
großen Kälte da droben.
Das Heidi berichtete über alles ganz genau, denn es wußte schon, wie
da alles zuging und wie dann die Großmutter zusammengeduckt in ihrem
Winkelchen saß und zitterte vor Kälte. Es wußte auch gut, was sie dann
zu essen hatte, und auch, was sie nicht hatte.
Bis zur Hütte hinunter hörte die Großmama mit der lebhaftesten
Teilnahme Heidis Berichten zu.
Die Brigitte war eben daran, Peters zweites Hemd an die Sonne zu
hängen, damit, wenn das eine wieder genug getragen war, das andere
angezogen werden konnte. Sie erblickte die Gesellschaft und stürzte in
die Stube hinein.
»Jetzt grad geht alles fort, Mutter«, berichtete sie. »Es ist ein
ganzer Zug; der Öhi begleitet sie, er trägt das Kranke.«
»Ach, muß es denn wirklich sein?« seufzte die Großmutter. »So nehmen
sie das Heidi mit, das hast du gesehen? Ach, wenn es mir nur auch noch
die Hand geben dürfte! Wenn ich es nur auch noch einmal hörte!«
Jetzt wurde stürmisch die Tür aufgemacht, und das Heidi war in wenigen
Sprüngen in der Ecke bei der Großmutter und umklammerte sie.
»Großmutter! Großmutter! Mein Bett kommt aus Frankfurt und alle drei
Kissen und auch die dicke Decke; in zwei Tagen ist es da, das hat die
Großmama gesagt.«
Das Heidi hatte gar nicht schnell genug seinen Bericht herausbringen
können, denn es konnte die ungeheure Freude der Großmutter fast nicht
abwarten. Sie lächelte, aber ein wenig traurig sagte sie:
»Ach, was muß das für eine gute Frau sein! Ich sollte mich nur freuen,
daß sie dich mitnimmt, Heidi, aber ich kann es nicht lang überleben.«
»Was? Was? Wer sagt denn der guten alten Großmutter so etwas?« fragte
hier eine freundliche Stimme, und die Hand der Alten wurde dabei
erfaßt und herzlich gedrückt, denn die Großmama war hinzugetreten
und hatte alles gehört. »Nein, nein, davon ist keine Rede! Das Heidi
bleibt bei der Großmutter und macht ihre Freude aus. Wir wollen das
Kind auch wiedersehen, aber wir kommen zu ihm. Jedes Jahr werden wir
nach der Alm hinaufkommen, denn wir haben Ursache, an dieser Stelle
dem lieben Gott alljährlich unseren besonderen Dank zu sagen, wo er
ein solches Wunder an unserem Kinde getan hat.«
Jetzt kam der echte Freudenschein auf das Gesicht der Großmutter, und
mit wortlosem Dank drückte sie fort und fort die Hand der guten Frau
Sesemann, während ihr vor lauter Freude ein paar große Tränen die
alten Wangen herabglitten. Das Heidi hatte den Freudenschein auf dem
Gesichte der Großmutter gleich gesehen und war jetzt ganz beglückt.
»Gelt, Großmutter«, sagte es, sich an sie schmiegend, »jetzt ist es
so gekommen, wie ich dir zuletzt gelesen habe? Gelt, das Bett aus
Frankfurt ist gewiß heilsam?«
»Ach ja, Heidi, und noch so vieles, so viel Gutes, das der liebe Gott
an mir tut!« sagte die Großmutter mit tiefer Rührung. »Wie ist es nur
möglich, daß es so gute Menschen gibt, die sich um eine arme Alte
bekümmern und so viel an ihr tun! Es ist nichts, das einem den
Glauben so stärken kann an einen guten Vater im Himmel, der auch sein
Geringstes nicht vergessen will, wie so etwas zu erfahren, daß es
solche Menschen gibt voll Güte und Barmherzigkeit für ein armes,
unnützes Weiblein, wie ich eins bin.«
»Meine gute Großmutter«, fiel hier Frau Sesemann ein, »vor unserem
Herrn im Himmel sind wir alle gleich armselig, und alle haben wir es
gleich nötig, daß er uns nicht vergesse. Und nun nehmen wir Abschied,
aber auf Wiedersehen, denn sobald wir nächstes Jahr wieder nach der
Alm kommen, suchen wir auch die Großmutter wieder auf; die wird nie
mehr vergessen!« Damit erfaßte Frau Sesemann noch einmal die Hand der
Alten und schüttelte sie.
Aber sie kam nicht so schnell fort, wie sie meinte, denn die
Großmutter konnte nicht aufhören zu danken, und alles Gute, das der
liebe Gott in seiner Hand habe, wünschte sie auf ihre Wohltäterin und
deren ganzes Haus herab.
Jetzt zog Herr Sesemann mit seiner Mutter talabwärts, während der Öhi
Klara noch einmal mit nach Hause trug und das Heidi, ohne aufzusetzen,
hochauf hüpfte neben ihnen her, denn es war so froh über die Aussicht
der Großmutter, daß es mit jedem Schritt einen Sprung machen mußte.
Am Morgen darauf aber gab es heiße Tränen bei der scheidenden Klara,
nun sie fort mußte von der schönen Alm, wo es ihr so wohl gewesen war
wie noch nie in ihrem Leben. Aber das Heidi tröstete sie und sagte:
»Es ist im Augenblick wieder Sommer, und dann kommst du wieder, und
dann ist's noch viel schöner. Dann kannst du von Anfang an gehen, und
wir können alle Tage mit den Geißen auf die Weide gehen und zu den
Blumen hinauf, und alles Lustige geht von vorn an.«
Herr Sesemann war nach Abrede gekommen, sein Töchterchen abzuholen. Er
stand jetzt drüben beim Großvater, die Männer hatten noch allerlei zu
besprechen. Klara wischte nun ihre Tränen weg, Heidis Worte hatten sie
ein wenig getröstet.
»Ich lasse auch den Peter noch grüßen«, sagte sie wieder, »und alle
Geißen, besonders das Schwänli. Oh, wenn ich nur dem Schwänli ein
Geschenk machen könnte; es hat so viel dazu geholfen, daß ich gesund
geworden bin.«
»Das kannst du schon ganz gut«, versicherte das Heidi. »Schick ihm nur
ein wenig Salz, du weißt schon, wie gern es am Abend das Salz aus des
Großvaters Hand schleckt.«
Der Rat gefiel Klara wohl.
»Oh, dann will ich ihm gewiß hundert Pfund Salz aus Frankfurt
schicken«, rief sie erfreut aus, »es muß auch ein Andenken an mich
haben.«
Jetzt winkte Herr Sesemann den Kindern, denn er wollte abreisen.
Diesmal war das weiße Pferd der Großmama für Klara gekommen, und jetzt
konnte sie herunterreiten, sie brauchte keinen Tragsessel mehr.