Dann hob er Klara vom Boden auf, umfaßte sie mit dem linken Arm und

hielt ihr seine Rechte als starke Stütze für ihre Hand hin, und Klara

marschierte, mit der festen Wand im Rücken, noch viel sicherer und

unerschrockener dahin, als sie vorher getan hatte.

Das Heidi hüpfte und jauchzte nebenher, und der Großvater sah aus, als

sei ihm ein großes Glück widerfahren. Jetzt nahm er aber Klara mit

einemmal auf seinen Arm und sagte: »Wir wollen's nicht übertreiben, es

ist auch Zeit zur Heimkehr«, und er machte sich gleich auf den Weg,

denn er wußte, daß nun der Anstrengungen für heute genug waren und

Klara der Ruhe bedurfte.

Als der Peter spät am Abend mit seinen Geißen nach dem Dörfli herunter

kam, stand eine Menge von Leuten an einem Knäuel zusammen, und eins

stieß das andere ein wenig weg, um besser sehen zu können, was

mittendrin am Boden lag. Das mußte der Peter auch sehen; er drückte

und drängte rechts und links und bohrte sich hinein.

Da, jetzt sah er's.

Auf dem Grase lag das Mittelstück vom Rollstuhl, und noch ein Teil des

Rückens hing daran. Das rote Polster und die glänzenden Nägel zeugten

noch davon, wie prächtig der Stuhl in seiner Vollkommenheit ausgesehen

hatte.

»Ich war dabei, als sie ihn hinauftrugen«, sagte der Bäcker, der neben

dem Peter stand; »wenigstens 500 Franken war er wert, das wett ich mit

jedem. Es nimmt mich nur wunder, wie es zugegangen ist.«

»Der Wind kann ihn heruntergejagt haben, das hat der Öhi selbst

gesagt«, bemerkte die Barbel, die nicht genug das schöne rote Zeug

bewundern konnte.

»Es ist gut, daß es kein anderer ist, der's getan hat«, sagte der

Bäcker wieder; »dem ging's schön! Wenn es der Herr in Frankfurt

vernimmt, wird er schon untersuchen lassen, wie's zugegangen ist. Ich

für mich bin froh, daß ich seit zwei Jahren nie mehr auf der Alm war;

der Verdacht kann auf jeden fallen, der um die Zeit dort oben gesehen

wurde.«

Es wurden noch viele Meinungen ausgesprochen, aber der Peter hatte

genug gehört. Er kroch ganz zahm und sachte aus dem Knäuel heraus und

lief aus allen Kräften den Berg hinauf, so als wäre einer hinter ihm

drein, der ihn packen wollte. Die Worte des Bäckers hatten ihm eine

furchtbare Angst eingejagt. Er wußte ja jetzt, daß jeden Augenblick

ein Polizeidiener aus Frankfurt ankommen konnte, der die Sache

untersuchen mußte, und dann konnte es doch rauskommen, daß er es getan

hatte, und dann würden sie ihn packen und nach Frankfurt ins Zuchthaus

schleppen. Das sah der Peter vor sich, und seine Haare sträubten sich

vor Schrecken.

Ganz verstört kam er daheim an. Er gab keine Antwort, auf gar nichts,

er wollte seine Kartoffeln nicht essen; eilends kroch er in sein Bett

hinein und stöhnte.

»Der Peterli hat wieder Sauerampfer gegessen, er hat's im Magen, daß

er so ächzen muß«, meinte die Mutter Brigitte.

»Du mußt ihm ein wenig mehr Brot mitgeben, gib ihm morgen noch ein

Stücklein von dem meinen«, sagte die Großmutter mitleidig.

Als die Kinder heute von ihren Betten in den Sternenschein

hinausschauten, sagte das Heidi:

»Hast du nicht heut den ganzen Tag denken müssen, wie gut es doch ist,

daß der liebe Gott nicht nachgibt, wenn wir noch so furchtbar stark

beten um etwas, wenn er etwas viel Besseres weiß?«

»Warum sagst du das jetzt auf einmal, Heidi?« fragte Klara.

»Weißt du, weil ich in Frankfurt so stark gebetet habe, daß ich doch

auf der Stelle heimgehen könne, und weil ich das immer nicht konnte,

habe ich gedacht, der liebe Gott habe nicht zugehört. Aber weißt du,

wenn ich so bald fortgelaufen wäre, so wärest du nie gekommen, und du

wärest nicht gesund geworden auf der Alp.«

Klara war ganz nachdenklich geworden. »Aber, Heidi«, fing sie nun

wieder an, »dann müßten wir ja um gar nichts beten, weil der liebe

Gott ja schon immer etwas viel Besseres im Sinn hat, als wir wissen

und wir von ihm erbitten wollen.«

»Ja, ja, Klara, meinst du, es gehe dann nur so?« eiferte jetzt das

Heidi. »Alle Tage muß man zum lieben Gott beten und um alles, alles,

denn er muß doch hören, daß wir es nicht vergessen, daß wir alles

von ihm bekommen. Und wenn wir den lieben Gott vergessen wollen, so

vergißt er uns auch, das hat die Großmama gesagt. Aber weißt du, wenn

wir dann nicht bekommen, was wir gern hätten, dann müssen wir nicht

denken, der liebe Gott hat nicht zugehört, und ganz aufhören zu beten,

sondern dann müssen wir so beten: Jetzt weiß ich schon, lieber Gott,

daß du etwas Besseres im Sinn hast, und jetzt will ich nur froh sein,

daß du es so gut machen willst.«

»Wie ist dir das alles so in den Sinn gekommen, Heidi?« fragte Klara.

»Die Großmama hat mir's zuerst erklärt, und dann ist es auch so

gekommen, und dann hab ich's gewußt. Aber ich meine auch, Klara«, fuhr

das Heidi fort, indem es sich aufsetzte, »heute müssen wir gewiß dem

lieben Gott noch recht danken, daß er das große Glück geschickt hat,

daß du jetzt gehen kannst.«

»Ja gewiß, Heidi, du hast recht, und ich bin froh, daß du mich noch

erinnerst; vor lauter Freude hätte ich es fast vergessen.«

Jetzt beteten die Kinder noch und dankten dem lieben Gott jedes

in seiner Weise für das herrliche Gut, das er der so lange krank

gewesenen Klara geschenkt hatte.

Am andern Morgen meinte der Großvater, nun könnte man einmal an die

Frau Großmama schreiben, ob sie nicht jetzt nach der Alp kommen wolle,

es wäre da etwas Neues zu sehen. Aber die Kinder hatten einen andern

Plan gemacht. Sie wollten der Großmama eine große Überraschung

bereiten. Erst sollte Klara das Gehen noch besser lernen, so daß sie,

allein auf das Heidi gestützt, einen kleinen Gang machen könnte;

von allem aber müßte die Großmama keine Ahnung haben. Nun wurde der

Großvater beraten, wie lange das noch währen könnte, und da er meinte,

kaum acht Tage, so wurde im nächsten Briefe die Großmama dringend

eingeladen, um diese Zeit auf die Alp zu kommen; von etwas Neuem wurde

ihr aber kein Wort berichtet.

Die Tage, die nun folgten, waren noch von den allerschönsten, welche

Klara auf der Alp verlebt hatte. Jeden Morgen erwachte sie mit der

lauten Freudenstimme in ihrem Herzen: »Ich bin gesund! Ich bin gesund!

Ich muß nicht mehr im Rollstuhl sitzen, ich kann selbst umhergehen wie

die anderen Menschen!«

Dann folgte das Umhergehen, und jeden Tag ging es leichter und besser,

und immer längere Gänge konnten gemacht werden. Die Bewegung brachte

dann einen solchen Appetit mit sich, daß der Großvater seine dicken

Butterschnitten täglich ein wenig größer machte und mit Wohlgefallen

sah, wie sie verschwanden. Er brachte jetzt auch immer einen großen

Topf voll von der schäumenden Milch herbei und füllte Schüsselchen um

Schüsselchen. So kam das Ende der Woche heran und damit der Tag, der

die Großmama bringen sollte!

Es wird Abschied genommen, aber auf Wiedersehen

Die Großmama hatte einen Tag vor ihrer Ankunft noch einen Brief nach

der Alp hinauf geschrieben, damit sie oben bestimmt wüßten, daß sie

komme. Diesen Brief brachte am andern Tage der Peter in der Frühe

mit sich, als er auf die Weide zog. Schon war der Großvater mit den

Kindern aus der Hütte getreten, und auch Schwänli und Bärli standen

beide draußen und schüttelten lustig ihre Köpfe in der frischen

Morgenluft, während die Kinder sie streichelten und ihnen glückliche

Reise wünschten zu ihrer Bergfahrt. Behaglich stand der Öhi dabei und

schaute bald auf die frischen Gesichter der Kinder, bald auf seine

sauber glänzenden Geißen nieder. Beides mußte ihm gefallen, denn er

lächelte vergnüglich.

Jetzt kam der Peter heran. Als er die Gruppe gewahr wurde, näherte er

sich langsam, streckte den Brief dem Öhi entgegen, und sobald dieser

ihn erfaßt hatte, sprang er scheu zurück, so als ob ihn etwas

erschreckt habe, und dann guckte er schnell hinter sich, gerade als ob

von hinten ihn auch noch etwas hätte erschrecken wollen; dann machte

er einen Sprung und lief davon, den Berg hinauf.

»Großvater«, sagte das Heidi, das dem Vorgang verwundert zugeschaut

hatte, »warum tut der Peter jetzt immer wie der große Türk, wenn der

eine Rute hinter sich merkt; dann scheut er mit dem Kopf und schüttelt

ihn nach allen Seiten und macht auf einmal Sprünge in die Luft

hinauf.«

»Vielleicht merkt der Peter auch eine Rute hinter sich, die er

verdient«, antwortete der Großvater.

Nur die erste Halde hinauf lief der Peter so in einem Zuge davon;

sobald man ihn von unten nicht mehr sehen konnte, kam es anders. Da

stand er still und drehte scheu den Kopf nach allen Seiten. Plötzlich

tat er einen Sprung und schaute hinter sich, so erschreckt, als habe

ihn eben einer im Genick gepackt. Hinter jedem Busch hervor, aus jeder

Hecke heraus meinte jetzt der Peter den Polizeidiener aus Frankfurt

auf sich losstürzen zu sehen. Je länger aber diese gespannte Erwartung

dauerte, je schreckhafter wurde es dem Peter zumute, er hatte keinen

ruhigen Augenblick mehr.

Nun mußte das Heidi seine Hütte aufräumen, denn die Großmama sollte

doch alles in guter Ordnung finden, wenn sie kam. Klara fand dieses

geschäftige Treiben Heidis in allen Ecken der Hütte herum immer so

kurzweilig, daß sie mit Vorliebe dieser Tätigkeit zuschaute.

So vergingen die frühen Morgenstunden den Kindern unversehens, und

schon konnte man der Ankunft der Großmama entgegensehen.

Jetzt kamen die Kinder bereit und zum Empfange gerüstet wieder heraus

und setzten sich nebeneinander auf die Bank vor die Hütte, in voller

Erwartung auf die kommenden Ereignisse.

Auch der Großvater trat jetzt wieder zu ihnen. Er hatte einen

Gang gemacht und hatte einen großen Strauß dunkelblauer Enzianen

mitgebracht, die leuchteten so schön in der hellen Morgensonne, daß

die Kinder aufjauchzten bei dem Anblick. Der Großvater trug sie in

die Hütte hinein. Von Zeit zu Zeit sprang das Heidi von der Bank, um

auszuspähen, ob von dem Zuge der Großmama noch nichts zu entdecken

sei.

Aber jetzt: Da kam es von unten herauf, gerade so, wie das Heidi es

erwartet hatte. Voran stieg der Führer, dann kam das weiße Roß und die

Großmama darauf, und zuletzt kam der Träger mit dem hohen Reff, denn

ohne reichlich Schutzmittel zog die Großmama nun einmal nicht auf die

Alp.

Näher und näher kam der Zug. Jetzt war die Höhe erreicht; die Großmama

erblickte die Kinder von ihrem Pferde herunter.

»Was ist denn das? Was seh ich, Klärchen? Du sitzest nicht in deinem

Sessel! Wie ist das möglich?« rief sie erschrocken aus und stieg nun

eilig herunter. Bevor sie aber noch bei den Kindern angekommen war,

schlug sie die Hände zusammen und rief in der höchsten Aufregung:

»Klärchen, bist du's, oder bist du's nicht? Du hast ja rote Wangen,

kugelrunde! Kind! Ich kenne dich nicht mehr!« Jetzt wollte die

Großmama auf Klara losstürzen. Aber unversehens war das Heidi von der

Bank geglitten, Klara hatte sich schnell auf seine Schultern gestützt,

und fort wanderten die Kinder, ganz gelassen einen kleinen Spaziergang

machend. Die Großmama war plötzlich stillgestanden, erst vor

Schrecken, sie meinte nicht anders, als das Heidi stelle eben etwas

Unerhörtes an.

Aber was sah sie vor sich!

Aufrecht und sicher ging Klara neben dem Heidi her; jetzt kamen sie

wieder zurück, beide mit strahlenden Gesichtern, beide mit rosenroten

Backen.

Jetzt stürzte die Großmama ihnen entgegen. Lachend und weinend umarmte

sie ihr Klärchen, dann das Heidi, dann wieder Klara. Vor Freude fand

die Großmama gar keine Worte.

Auf einmal fiel ihr Blick auf den Öhi, der bei der Bank stand und

mit behaglichem Lächeln nach den dreien herüberschaute. Jetzt faßte

die Großmama Klaras Arm in den ihrigen und wanderte mit ihr unter

immerwährenden Ausrufungen des Entzückens, daß es ja wirklich so sei,

daß sie umherwandern könne mit dem Kinde, der Bank zu. Hier ließ sie

Klara los und ergriff den Alten bei beiden Händen.

»Mein lieber Öhi! Mein lieber Öhi! Was haben wir Ihnen zu danken! Es

ist Ihr Werk! Es ist Ihre Sorge und Pflege...«

»Und unseres Herrgotts Sonnenschein und Almluft«, fiel der Öhi

lächelnd ein.

»Ja, und Schwänlis gute, schöne Milch gewiß auch«, rief nun Klara

ihrerseits. »Großmama, du solltest nur wissen, wie ich die Geißenmilch

trinken kann und wie gut sie ist!«

»Ja, das kann ich an deinen Backen sehen, Klärchen«, sagte jetzt die

Großmama lachend. »Nein, dich kennt man nicht mehr; rund, breit bist

du ja geworden, wie ich nie geahnt, daß du je werden könntest, und

groß bist du, Klärchen! Nein, ist es denn auch wahr? Ich kann dich ja

nicht genug ansehen! Aber nun muß auf der Stelle telegrafiert werden

an meinen Sohn in Paris, er muß sogleich kommen. Ich sag ihm nicht,

warum, das ist die größte Freude seines Lebens. Mein lieber Öhi, wie

machen wir das? Sie haben wohl die Männer schon entlassen?«

»Die sind fort«, antwortete er, »aber wenn's der Frau Großmama

pressiert, so läßt man den Geißenhüter herunterkommen, der hat Zeit.«

Die Großmama bestand darauf, sofort ihrem Sohne eine Depesche zu

schicken, denn dieses Glück sollte ihm keinen Tag vorenthalten

bleiben.

Nun ging der Öhi ein wenig auf die Seite, und hier tat er einen so

durchdringenden Pfiff durch seine Finger, daß es hoch oben von den

Felsen zurückpfiff, so weit weg hatte er das Echo geweckt. Es währte

gar nicht lange, so kam der Peter heruntergerannt, er kannte den Pfiff

wohl. Der Peter war kreideweiß, denn er dachte, der Almöhi rufe ihn

zum Gericht. Es wurde ihm aber nur ein Papier übergeben, das die

Großmama unterdessen überschrieben hatte, und der Öhi erklärte ihm, er

habe das Papier sofort ins Dörfli hinunterzutragen und auf dem Postamt

abzugeben, die Bezahlung werde der Öhi später selbst in Ordnung

bringen, denn so viele Dinge auf einmal konnte man dem Peter nicht

übertragen.

Dieser ging nun mit seinem Papier in der Hand, für diesmal wieder

erleichtert, davon, denn der Öhi hatte ja nicht zum Gericht gepfiffen,

es war kein Polizeidiener angekommen.

Endlich konnte man sich denn fest und ruhig zusammen um den Tisch vor

der Hütte herumsetzen, und nun mußte der Großmama erzählt werden, wie

von Anfang an alles sich zugetragen hatte. Wie zuerst der Großvater

jeden Tag ein wenig das Stehen und dann ein Schrittchen mit Klara

probiert hatte, wie dann die Reise auf die Weide gekommen war und

der Wind den Rollstuhl fortgejagt hatte. Wie Klara vor Begierde nach

den Blumen den ersten Gang machen konnte und so eins aus dem andern

gekommen war. Aber es währte lange, bis diese Erzählung von den

Kindern zu Ende gebracht wurde, denn zwischendurch mußte die Großmama

immer wieder in Verwunderung und in Lob und Dank ausbrechen, und immer

wieder rief sie aus: »Aber ist es denn auch möglich! Ist es denn auch

wirklich kein Traum? Sind wir denn auch alle wach, und sitzen wir hier

vor der Almhütte, und das Mädchen vor mir mit dem runden, frischen

Gesicht ist mein altes, bleiches, kraftloses Klärchen?«

Und Klara und Heidi hatten immer neue Freude, daß ihre schön

ausgedachte Überraschung so gut gelungen war bei der Großmama und

immer noch fortwirkte.

Herr Sesemann hatte unterdessen seine Geschäfte in Paris beendet, und

auch er hatte vor, eine Überraschung zu bereiten. Ohne ein Wort an

seine Mutter zu schreiben, setzte er sich an einem der sonnigen

Sommermorgen auf die Eisenbahn und fuhr in einem Zuge bis nach Basel,

von wo er in aller Frühe des folgenden Tages gleich wieder aufbrach,

denn es hatte ihn ein großes Verlangen ergriffen, einmal wieder sein

Töchterchen zu sehen, von dem er nun den ganzen Sommer durch getrennt

gewesen war. Im Bade Ragaz kam er einige Stunden nach der Abfahrt

seiner Mutter an.

Die Nachricht, daß sie eben heute die Reise nach der Alp unternommen

habe, kam ihm gerade recht. Sofort setzte er sich in einen Wagen und

fuhr nach Maienfeld hinüber. Als er da hörte, daß er auch noch bis zum

Dörfli hinauffahren könne, tat er dies, denn er dachte, die Fußpartie

den Berg hinauf werde ihm immer noch lang genug werden.

Herr Sesemann hatte sich nicht getäuscht; die unausgesetzte Steigung

die Alp hinan kam ihm sehr lang und beschwerlich vor. Noch immer war

keine Hütte in Sicht, und er wußte doch, daß auf halbem Wege er auf

die Wohnung des Geißenpeter stoßen sollte, denn oftmals hatte er die

Beschreibung dieses Weges vernommen.

Es waren überall Spuren von Fußgängern zu sehen, manchmal gingen die

schmalen Wege nach allen Richtungen hin. Herr Sesemann wurde unsicher,

ob er auch auf dem richtigen Pfade sei oder ob vielleicht die Hütte

auf einer andern Seite der Alp liege. Er sah sich um, ob kein

menschliches Wesen zu entdecken sei, das er um den Weg befragen

könnte. Aber es war still ringsum, weit und breit war nichts zu sehen

noch zu hören. Nur der Bergwind sauste dann und wann durch die Luft,

und im sonnigen Blau summten die kleinen Mücken, und ein lustiges

Vögelein pfiff da und dort auf einem einsamen Lärchenbäumchen. Herr

Sesemann stand eine Weile still und ließ sich die heiße Stirne vom

Alpenwinde kühlen.

Jetzt kam jemand von oben heruntergelaufen; es war der Peter mit

seiner Depesche in der Hand. Er lief gradaus, steil herunter, nicht

auf dem Fußwege, auf dem Herr Sesemann stand. Sobald der Läufer aber

nahe genug war, winkte ihm Herr Sesemann, daß er herüberkommen sollte.

Zögernd und scheu kam der Peter heran, seitwärts, nicht gradaus, und

so, als könne er nur mit dem einen Fuß richtig vorankommen und müsse

den andern nachschleppen.

»Na, Junge, frisch heran!« ermunterte Herr Sesemann.

»Jetzt sag mir mal, komme ich auf diesem Wege zu der Hütte hinauf,

wo der alte Mann mit dem Kinde Heidi wohnt, bei dem die Leute aus

Frankfurt sind?«

Ein dumpfer Ton furchtbarsten Schreckens war die Antwort, und so

maßlos schoß der Peter davon, daß er kopfüber und über die steile

Halde hinabstürzte und fortrollte in unwillkürlichen Purzelbäumen,

immer weiter und weiter, ganz ähnlich, wie der Rollstuhl getan hatte,

nur daß glücklicherweise der Peter nicht in Stücke ging, wie es bei

dem Sessel der Fall gewesen war.

Nur die Depesche wurde arg zugerichtet und flog in Fetzen davon.

»Merkwürdig schüchterner Bergbewohner«, sagte Herr Sesemann vor sich

hin, denn er dachte nicht anders, als daß die Erscheinung eines

Fremden diesen starken Eindruck auf den einfachen Alpensohn

hervorgebracht habe.

Nachdem er Peters gewalttätige Talfahrt noch ein wenig betrachtet

hatte, setzte Herr Sesemann seinen Weg weiter fort.

Der Peter konnte trotz aller Anstrengung keinen festen Standpunkt

gewinnen, er rollte immerzu, und von Zeit zu Zeit überschlug er sich

noch in besonderer Weise.

Aber das war nicht die schrecklichste Seite seines Schicksals in

diesem Augenblick, viel erschrecklicher waren die Angst und das

Entsetzen, die ihn erfüllten, nun er wußte, daß der Polizeidiener

aus Frankfurt wirklich angekommen war. Denn er konnte nicht daran

zweifeln, daß der Fremde es sei, der den Frankfurtern beim Almöhi

nachgefragt hatte. Jetzt, am letzten hohen Abhange oberhalb des

Dörfli, warf es den Peter an einen Busch hin, da konnte er sich

endlich festklammern. Einen Augenblick blieb er noch liegen, er mußte

sich erst wieder ein wenig besinnen, was mit ihm sei.

»Gut so, wieder einer!« sagte eine Stimme hart neben dem Peter. »Und

wer kriegt morgen den Puff da droben, daß er herunterkommt wie ein

schlechtvernähter Kartoffelsack?«

Es war der Bäcker, der so spottete. Da er da droben aus seinem heißen

Tagewerk weg sich ein wenig erluften wollte, hatte er ruhig zugesehen,

wie eben der Peter, dem Heranrollen des Stuhles nicht unähnlich, von

oben heruntergekommen war.

Der Peter schnellte auf seine Füße. Er hatte einen neuen Schrecken.

Jetzt wußte der Bäcker auch schon, daß der Stuhl einen Puff bekommen

hatte. Ohne ein einziges Mal zurückzusehen, lief der Peter wieder den

Berg hinauf. Am liebsten wäre er jetzt heimgegangen und in sein Bett

gekrochen, daß ihn keiner mehr finden konnte, denn da fühlte er sich

am sichersten. Aber er hatte ja die Geißen noch oben, und der Öhi

hatte ihm noch eingeschärft, bald wiederzukommen, damit die Herde

nicht zu lange allein sei. Den Öhi aber fürchtete er vor allen und

hatte einen solchen Respekt vor ihm, daß er niemals gewagt hätte, ihm

ungehorsam zu sein. Der Peter ächzte laut und hinkte weiter, es mußte

ja sein, er mußte wieder hinauf. Aber rennen konnte er jetzt nicht

mehr, die Angst und die mannigfaltigen Stöße, die er soeben erduldet

hatte, konnten nicht ohne Wirkung bleiben. So ging es denn mit Hinken

und Stöhnen weiter die Alm hinauf.

Herr Sesemann hatte kurz nach der Begegnung mit Peter die erste Hütte

erreicht und wußte nun, daß er auf dem richtigen Wege war. Er stieg

mit erneutem Mute weiter, und endlich, nach langer, mühevoller

Wanderung, sah er sein Ziel vor sich. Dort oben stand die Almhütte,

und oben darüber wogten die dunkeln Wipfel der alten Tannen.

Herr Sesemann ging mit Freuden an die letzte Steigung, gleich konnte

er sein Kind überraschen. Aber schon war er von der Gesellschaft

vor der Hütte entdeckt und erkannt worden, und für den Vater wurde

vorbereitet, was er nicht ahnte.

Als er den letzten Schritt zur Höhe getan hatte, kamen ihm von der

Hütte her zwei Gestalten entgegen. Es war ein großes Mädchen mit

hellblonden Haaren und einem rosigen Gesichtchen, das stützte sich

auf das kleinere Heidi, dem ganze Freudenblitze aus den dunklen Augen

funkelten. Herr Sesemann stutzte, er stand still und starrte die

Herankommenden an. Auf einmal stürzten ihm die großen Tränen aus

den Augen. Was stiegen auch für Erinnerungen in seinem Herzen auf!

Ganz so hatte Klaras Mutter ausgesehen, das blonde Mädchen mit den

angehauchten Rosenwangen. Herr Sesemann wußte nicht, war er wachend,

oder träumte er.

»Papa, kennst du mich denn gar nicht mehr?« rief ihm jetzt Klara mit

freudestrahlendem Gesicht entgegen. »Bin ich denn so verändert?«

Nun stürzte Herr Sesemann auf sein Töchterchen zu und schloß es in

seine Arme.

»Ja, du bist verändert! Ist es möglich? Ist es Wirklichkeit?«

Und der überglückliche Vater trat wieder einen Schritt zurück, um

noch einmal hinzusehen, ob denn das Bild nicht verschwinde vor seinen

Augen.

»Bist du's, Klärchen, bist du's denn wirklich?« mußte er ein Mal ums

andere ausrufen. Dann schloß er sein Kind wieder in die Arme, und

gleich nachher mußte er noch einmal sehen, ob es wirklich sein

Klärchen sei, das aufrecht vor ihm stand.

Jetzt war auch die Großmama herbeigekommen, sie konnte nicht so lange

warten, bis sie das glückliche Gesicht ihres Sohnes erblicken sollte.

»Na, mein lieber Sohn, was sagst du jetzt?« rief sie ihm zu. »Die

Überraschung, die du uns machst, ist recht schön; aber diejenige, die

man dir bereitet hat, ist noch viel schöner, nicht?« Und die erfreute

Mutter begrüßte nun mit großer Herzlichkeit ihren lieben Sohn. »Aber

jetzt, mein Lieber«, sagte sie dann, »kommst du mit mir dort hinüber,

unsern Öhi zu begrüßen, der ist unser allergrößter Wohltäter.«

»Gewiß, und auch unsere Hausgenossin, unser kleines Heidi, muß ich

noch begrüßen«, sagte Herr Sesemann, indem er Heidis Hand schüttelte.

»Nun? Immer frisch und gesund auf der Alp? Aber man muß nicht fragen,

kein Alpenröschen kann blühender aussehen. Das ist mir eine Freude,

Kind, das ist mir eine große Freude!«

Auch das Heidi schaute mit leuchtender Freude zu dem freundlichen

Herrn Sesemann auf. Wie gut war er immer zu ihm gewesen! Und daß er

nun hier auf der Alp ein solches Glück finden sollte, das machte

Heidis Herz laut schlagen vor großer Freude.

Jetzt führte die Großmama ihren Sohn zum Almöhi hinüber, und während

nun die beiden Männer sich sehr herzlich die Hände schüttelten und

Herr Sesemann begann, seinen tiefgefühlten Dank auszusprechen und sein

unermeßliches Erstaunen darüber, wie nur dieses Wunder hatte geschehen

können, da wandte sich die Großmama und ging ein wenig nach der andern

Seite hinüber, dann das hatte sie nun schon durchgesprochen. Sie

wollte einmal nach den alten Tannen sehen.

Da harrte ihrer schon wieder etwas Unerwartetes. Mitten unter den

Bäumen, da, wo die langen Äste noch einen freien Platz gelassen

hatten, stand ein großer Busch der wundervollsten, dunkelblauen

Enzianen, so frisch und glänzend, als wären sie eben da

herausgewachsen. Die Großmama schlug die Hände zusammen vor Entzücken.

»Wie köstlich! Wie prächtig! Welch ein Anblick!« rief sie ein Mal ums

andere aus. »Heidi, mein liebes Kind, komm hierher! Hast du mir das

zur Freude bereitet? Es ist vollkommen wundervoll.«

Die Kinder waren schon da.

Heidi kann brauchen, was es gelernt hat · 第 7 / 9 段