diese versprach gleich, sovielmal versuchen zu wollen, auf ihren Füßen
zu stehen, als der Großvater nur wolle, denn sie freute sich ganz
ungeheuer, diese Reise nach der schönen Geißenweide hinauf zu machen.
Das Heidi war so voller Jubel, daß es gleich dem Peter entgegenrief,
sobald es ihn am Abend beim Herunterkommen erblickte:
»Peter! Peter! Morgen kommen wir auch mit und bleiben den ganzen Tag
dort oben.«
Als Antwort brummte der Peter wie ein gereizter Bär und schlug mit
Wut nach dem unschuldigen Distelfink, der neben ihm trabte. Aber der
flinke Distelfink hatte die Bewegung zur rechten Zeit wahrgenommen. Er
machte einen hohen Satz über das Schneehöppli weg, und der Hieb sauste
in die Luft hinaus.
Klara und Heidi bestiegen heute voll herrlicher Erwartungen ihre zwei
schönen Betten, und so erfüllt waren sie von ihren Plänen für morgen,
daß sie beschlossen, die ganze Nacht wach zu bleiben und immerfort
davon zu sprechen, bis sie wieder aufstehen durften. Kaum lagen sie
aber auf ihren guten Kissen, so hörten die Gespräche plötzlich auf,
und Klara sah im Traume ein großes, großes Feld vor sich, das war ganz
himmelblau anzusehen, so dicht besät war es von lauter Glockenblumen;
und das Heidi hörte den Raubvogel oben in den Höhen, wie er
herunterschrie: »Kommt! Kommt! Kommt!«
Es geschieht, was keiner erwartet hat
In aller Frühe trat der Öhi am andern Morgen aus der Hütte und schaute
ringsum, wie der Tag sich gestalten wolle. Auf den hohen Bergspitzen
lag ein rötlich-goldener Schein; ein frischer Wind fing an, die Äste
der Tannen hin und her zu wiegen; die Sonne wollte kommen.
Eine Weile noch stand der Alte und schaute andächtig zu, wie nach den
hohen Berggipfeln die grünen Hügel golden zu schimmern begannen und
dann aus dem Tale leise die dunkeln Schatten wichen und ein rosiges
Licht hineinfloß und nun Höhen und Tiefen im Morgengolde erglänzten;
die Sonne war gekommen.
Jetzt holte der Öhi den Rollstuhl aus dem Schopf heraus, stellte
ihn, zur Reise gerüstet, vor die Hütte hin und trat dann hinein,
um den Kindern zu sagen, wie schön der Morgen erwacht sei, und sie
herauszuholen.
Eben jetzt kam der Peter herangestiegen. Seine Geißen kamen nicht
zutraulich wie gewohnt an seiner Seite und nahe vor und hinter ihm den
Berg herauf; sie schossen scheu umher, dahin und dorthin, denn der
Peter hieb alle Augenblicke ohne jede Veranlassung um sich wie ein
Wütender, und wo er traf, tat es nicht wohl. Der Peter war auf dem
höchsten Punkt des Zornes und der Erbitterung angelangt. Seit Wochen
hatte er nie mehr das Heidi für sich gehabt, so wie er's gewohnt war.
Kam er am Morgen von unten herauf, so wurde schon immer das fremde
Kind in seinem Stuhle herausgetragen, und das Heidi gab sich mit ihm
ab. Kam er am Abend von oben herunter, so stand noch der Rollstuhl mit
seiner Inhaberin unter den Tannen, und das Heidi machte sich mit ihr
zu schaffen. Nie war es noch zur Weide hinaufgekommen den ganzen
Sommer, und nun heute wollte es kommen, aber mitsamt dem Stuhle und
der Fremden darin und wollte die ganze Zeit nur mit dieser sich
abgeben. Das sah der Peter voraus, und das hatte seinen inneren Grimm
auf den höchsten Punkt gebracht. Jetzt erblickte er den Stuhl, der so
stolz da auf seinen Rollen stand, und schaute ihn an wie einen Feind,
der ihm alles zuleide getan hatte und heute noch viel mehr tun wollte.
Der Peter schaute um sich - alles war still, kein Mensch zu sehen. Wie
ein Wilder stürzte er jetzt auf den Stuhl, packte ihn an und stieß ihn
mit so erbitterter Gewalt dem Bergabhange zu, daß der Stuhl förmlich
davonflog und augenblicklich verschwunden war.
Jetzt stürzte der Peter die Alm hinan, als hätte er selber Flügel
bekommen, und er setzte kein einziges Mal ab, bis er oben zu einem
großen Brombeerstrauch gelangte, hinter dem er verschwinden konnte,
denn er begehrte nicht, daß der Öhi ihn erblickte. Er wollte aber
doch gern sehen, was der Stuhl mache, und der Strauch auf dem
Bergvorsprunge war gut gelegen. Der Peter konnte halb verborgen die
Alm hinabschauen und, kam der Öhi zum Vorschein, hurtig sich ganz
verstecken. So tat er, und was erschauten seine Blicke! Weit unten
schon stürzte sein Feind dahin, von immer größerer Gewalt getrieben.
Jetzt überschlug er sich, wieder und wieder, dann machte er einen
hohen Satz, dann schlug es ihn wieder auf die Erde nieder, und
überschlagend rollte er seinem Verderben entgegen.
Schon flogen da und dort die Stücke von ihm weg, Füße, Lehnen,
Polsterfetzen, alles hoch in die Luft geworfen. Der Peter empfand eine
so unbändige Freude an dem Anblick, daß er mit beiden Füßen zugleich
in die Luft springen mußte. Er lachte laut auf, er stampfte vor Wonne,
er sprang in Sätzen im Kreise herum, er kam wieder an denselben
Platz und guckte den Berg hinab. Ein neues Gelächter erscholl, neue
Luftsprünge; der Peter war völlig außer sich vor Vergnügen über diesen
Untergang seines Feindes, denn er sah lauter gute Dinge vor sich, die
nun kommen würden. Jetzt mußte die Fremde abreisen, denn sie hatte
kein Mittel mehr, sich zu bewegen. Das Heidi war wieder allein und kam
mit ihm auf die Weide, und am Abend und Morgen war es für ihn da, wenn
er kam, und alles war wieder in der alten Ordnung. Aber der Peter
bedachte nicht, wie es geht, wenn man eine böse Tat begangen hat, und
was dann nachher kommt.
Jetzt kam das Heidi aus der Hütte gesprungen und rannte dem Schopf zu.
Hinter ihm her kam der Großvater mit Klara auf dem Arm. Die Schopftür
stand weit offen, die beiden Bretter daneben waren weggestellt, bis in
den hintersten Winkel war es taghell. Das Heidi guckte hin und her,
lief um die Ecke, kam wieder zurück, die ungeheuerste Verwunderung lag
auf seinem Gesichte. Nun trat der Großvater heran.
»Was ist das? Hast du den Stuhl weggerollt, Heidi?« fragte er.
»Ich suche ihn ja allenthalben, Großvater, und du hast gesagt, er
stehe neben der Schopftür«, sagte das Kind, immer noch nach allen
Seiten mit den Augen herumsuchend.
Der Wind war unterdessen stärker geworden; eben klapperte er an der
Schopftür herum und warf sie auf einmal krachend gegen die Wand
zurück.
»Großvater, der Wind hat's gemacht«, rief das Heidi, und seine Augen
blitzten auf bei der Entdeckung. »Oh, wenn er den Stuhl bis ins Dörfli
hinabgejagt hätte, dann bekäme man ihn erst viel zu spät wieder, und
wir könnten gar nicht gehen.«
»Wenn er dort hinuntergerollt ist, so kommt er gar nicht mehr
zurück, dann ist er in hundert Stücken«, sagte der Großvater, um die
Ecke tretend und den Berg hinabschauend. »Aber kurios ist's doch
zugegangen«, setzte er hinzu, indem er auf das Stück zurücksah, das
der Stuhl erst um die Ecke der Hütte herum zu machen hatte.
»Oh, wie schade, jetzt können wir gar nicht gehen und vielleicht gar
nie«, jammerte Klara. »Nun muß ich gewiß heimgehen, wenn ich keinen
Stuhl mehr habe. Oh, wie schade! Wie schade!«
Aber das Heidi schaute ganz vertrauensvoll zu seinem Großvater auf und
sagte:
»Gelt, Großvater, du kannst schon etwas erfinden, daß es nicht so
geht, wie die Klara meint, und daß sie nicht auf einmal heim muß?«
»Jetzt gehen wir für diesmal auf die Weide, wie wir uns vorgenommen
haben; dann wollen wir sehen, was weiter kommt«, sagte der Großvater.
Die Kinder jubelten.
Er trat nun wieder in die Hütte zurück, holte einen guten Teil der
Tücher heraus, legte sie auf den sonnigsten Platz an die Hütte hin und
setzte Klara darauf. Dann holte er den Kindern ihre Morgenmilch und
führte Schwänli und Bärli vor den Stall hinaus.
»Warum der nur so lange nicht von da unten heraufkommt«, sagte der Öhi
vor sich hin, denn Peters Morgenpfiff war ja noch gar nicht ertönt.
Jetzt nahm der Großvater Klara wieder auf den einen Arm, die Tücher
auf den andern.
»So, nun vorwärts!« sagte er vorangehend; »die Geißen kommen mit uns.«
Das war dem Heidi eben recht. Einen Arm um Schwänlis und einen um
Bärlis Hals gelegt, wanderte das Heidi hinter dem Großvater her,
und die Geißen hatten solche Freude, einmal wieder mit dem Heidi
auszuziehen, daß sie es fast zusammendrückten zwischen sich vor lauter
Zärtlichkeit.
Oben auf dem Weideplatze angelangt, sahen die Kommenden mit einemmal
da und dort an den Abhängen die friedlich grasenden Geißen in Gruppen
stehen und mittendrin den Peter, der Länge nach auf dem Boden liegend.
»Ein andermal will ich dir das Vorbeigehen vertreiben, Schlafpelz, was
heißt das?« rief ihm der Öhi zu.
Der Peter war bei dem Ton der bekannten Stimme aufgeschossen.
»War noch niemand auf«, gab er zurück.
»Hast du etwas von dem Stuhl gesehen?« frug der Öhi wieder.
»Von welchem?« rief der Peter störrisch zurück.
Der Öhi sagte nichts mehr. Er breitete seine Tücher an den sonnigen
Abhang hin, setzte Klara darauf und wollte wissen, ob's ihr so bequem
sei.
»So bequem wie im Stuhl«, sagte sie dankend, »und am schönsten Platz
bin ich da. Da ist's so schön, Heidi, so schön!« rief sie, rings um
sich blickend, aus.
Der Großvater schickte sich zur Rückkehr an. Er sagte, sie sollten
sich's nun wohl sein lassen miteinander, und wenn die Zeit da sei,
sollte Heidi das Mittagsmahl herbeiholen, das er, in den Sack
verpackt, drüben in den Schatten gelegt hatte. Dann sollte der Peter
ihnen Milch dazu geben, soviel sie trinken wollten, aber das Heidi
sollte gut aufpassen, daß er sie vom Schwänli nehme. Gegen Abend
wollte der Großvater wiederkommen; jetzt wollte er vor allem dem
Stuhle nachgehen und sehen, was aus ihm geworden sei.
Der Himmel war dunkelblau, und um und um war nicht ein einziges
Wölkchen zu sehen. Auf dem großen Schneefelde drüben blitzte es
wie von tausend und tausend Gold- und Silbersternen. Die grauen
Felsenhörner standen hoch und fest an ihrem Platze, wie vor alter
Zeit, und schauten ernsthaft ins Tal hinab. Der große Vogel wiegte
sich oben im Blau, und über die Höhen strich der Bergwind hin
und wehte kühl rings um die sonnige Alp. Den Kindern war es
unbeschreiblich wohl. Von Zeit zu Zeit kam ein Geißlein heran und
ließ sich ein wenig nieder bei ihnen; am häufigsten kam das zärtliche
Schneehöppli und legte sein Köpfchen an das Heidi heran und wäre da
wohl gar nicht mehr weggegangen, hätte es nicht ein anderes von der
Herde wieder vertrieben. So lernte Klara jetzt eine um die andere von
den Geißen so nahe kennen, daß sie niemals mehr eine mit der andern
verwechselte, denn jede hatte ja auch ein ganz besonderes Gesicht und
ihre eigene Art.
Sie wurden jetzt auch so zutraulich zu Klara, daß sie ihr ganz nahe
kamen und ihre Köpfe an ihren Schultern rieben; das war immer das
Zeichen ihrer nahen Bekanntschaft und Zuneigung.
So waren schon einige Stunden vergangen; da kam es dem Heidi in den
Sinn, wenn es doch einmal hinübergehen könnte an den Platz, wo die
vielen Blumen waren, und sehen, ob sie auch alle offenstehen und
so schön seien wie vor dem Jahr. Erst am Abend, wenn der Großvater
wiederkam, konnte man auch mit Klara hinübergehen, und dann machten
die Blumen vielleicht schon wieder die Augen zu. Das Verlangen stieg
immer höher im Heidi, es konnte nicht mehr widerstehen.
Ein wenig zaghaft fragte es: »Wirst du nicht böse, Klara, wenn ich
geschwind von dir fortlaufe und du allein sein mußt? Ich möchte so
gern sehen, wie die Blumen sind. Aber warte...« Dem Heidi war ein
Gedanke gekommen. Es sprang auf die Seite und riß ein paar schöne
Büschel von den grünen Kräutern aus. Dann nahm es das Schneehöppli um
den Hals, das ihm gleich zugelaufen war, und führte es der Klara zu.
»So, jetzt mußt du doch nicht allein sein«, sagte das Heidi, indem es
auf seinen Platz neben Klara das Schneehöppli ein wenig hindrückte,
was das Geißlein gleich gut verstand und sich niederlegte. Dann warf
Heidi seine Blätter der Klara in den Schoß, und diese sagte erfreut,
das Heidi solle jetzt nur gehen und die Blumen recht ansehen, sie
wolle gern allein mit dem Geißlein bleiben; das hatte sie ja noch gar
nie erlebt. Das Heidi rannte fort, und Klara fing nun an, Blättchen
für Blättchen dem Schneehöppli hinzuhalten, und dieses wurde so
zutraulich, daß es sich ganz an seine neue Freundin anschmiegte und
die Blättchen ihr langsam aus den Fingern fraß. Man konnte auch gut
sehen, wie wohl es ihm war, daß es da so ruhig und friedlich in gutem
Schutze liegen durfte, denn draußen bei der Herde hatte es immer viele
Verfolgungen auszustehen von den großen und starken Geißen. Der Klara
kam es so köstlich vor, so ganz allein auf einem Berge zu sitzen,
nur mit einem zutraulichen Geißlein, das ganz hilfsbedürftig zu ihr
aufsah. Ein großer Wunsch stieg auf in ihr, auch einmal ihr eigener
Herr zu sein und einem andern helfen zu können und nicht nur immer
sich von allen anderen helfen lassen zu müssen. Und es kamen der
Klara jetzt so viele Gedanken, die sie gar nie gehabt hatte, und eine
unbekannte Lust, fortzuleben in dem schönen Sonnenschein und etwas
zu tun, mit dem sie jemand erfreuen konnte, wie sie jetzt das
Schneehöppli erfreute. Eine ganz neue Freude kam ihr ins Herz, so als
ob alles, was sie wußte und kannte, auf einmal viel schöner und anders
sein könnte, als sie es bis jetzt gesehen hatte, und es wurde ihr so
schön und wohl zumute, daß sie das Geißlein um den Hals nehmen und
ausrufen mußte: »O Schneehöppli, wie schön ist es hier oben; wenn ich
nur immer da bei euch bleiben könnte!«
Das Heidi war unterdessen an dem Blumenplatze angekommen. Es stieß
einen Freudenschrei aus. Von leuchtendem Golde bedeckt lag die ganze
Halde da. Das waren die schimmernden Ziströschen. Dichte, dunkelblaue
Büsche von Glockenblumen wiegten sich darüber, und ein so starker
gewürziger Duft wogte um die sonnige Halde, als wären die köstlichsten
Balsamschalen da oben ausgeschüttet worden. Der ganze Wohlgeruch
kam aber von den kleinen braunen Kolbenblümchen her, die ihre
runden Köpfchen da und dort bescheiden zwischen den Goldkelchen
emporstreckten. Das Heidi stand und schaute und zog den süßen Duft
in langen Zügen ein. Auf einmal kehrte es um und kam außer Atem vor
Erregung zu Klara zurück.
»Oh, du mußt gewiß kommen«, rief es ihr schon von weitem zu. »Sie sind
so schön, und alles ist so schön, und am Abend ist es vielleicht nicht
mehr so. Ich kann dich vielleicht tragen, meinst du nicht?«
Klara schaute das erregte Heidi mit Verwunderung an; sie schüttelte
aber den Kopf.
»Nein, nein, was denkst du, Heidi; du bist ja viel kleiner als ich.
Oh, wenn ich nur gehen könnte!«
Jetzt schaute das Heidi suchend um sich, es mußte etwas Neues im Sinne
haben. Dort oben, wo der Peter vorher auf dem Boden gelegen hatte, saß
er jetzt und starrte auf die Kinder herunter. So hatte er schon seit
Stunden gesessen und immerzu herabgestarrt, so als könne er nicht
fassen, was er vor sich sah. Er hatte den feindlichen Stuhl zerstört,
damit alles aufhören und die Fremde sich gar nicht mehr bewegen könne,
und eine kurze Weile nachher erschien sie da oben und saß vor ihm auf
dem Boden neben dem Heidi. Das konnte ja nicht sein, und doch war es
immer noch so, er konnte hinsehen, wann er wollte.
Jetzt schaute das Heidi zu ihm auf.
»Komm hier herunter, Peter!« rief es sehr bestimmt.
»Komme nicht«, rief er zurück.
»Doch, du mußt; komm, ich kann es nicht allein machen, du mußt mir
helfen; komm schnell!« drängte das Heidi.
»Komme nicht«, ertönte es wieder.
Jetzt sprang das Heidi eine kleine Strecke den Berg hinan, dem
Angeredeten entgegen.
Da stand es mit flammenden Augen und rief hinauf:
»Peter, wenn du nicht auf der Stelle kommst, so will ich dir auch
etwas machen, das du dann gewiß nicht gern hast; das kannst du
glauben!«
Diese Worte gaben dem Peter einen Stich, und eine große Angst packte
ihn an. Er hatte etwas Böses getan, das kein Mensch wissen sollte. Bis
jetzt hatte es ihn gefreut, aber nun redete das Heidi, wie wenn es
alles wüßte, und was es wußte, sagte es alles seinem Großvater, und
vor dem fürchtete der Peter sich ja wie vor keinem andern. Wenn er
nun vernähme, was mit dem Stuhl vorgegangen war! Den Peter würgte die
Angst immer ärger. Er stand auf und kam dem wartenden Heidi entgegen.
»Ich komme, aber dann mußt du das nicht machen«, sagte er, so zahm vor
Furcht, daß das Heidi ganz mitleidig wurde.
»Nein, nein, das tu ich nun schon nicht«, versicherte es. »Komm jetzt
nur mit mir, es ist nichts zum Fürchten, was du tun mußt.«
Bei Klara angelangt, ordnete nun das Heidi an, auf der einen Seite
sollte der Peter, auf der andern wollte es selbst Klara fest unter den
Arm fassen und aufheben. Das ging nun ziemlich gut, aber jetzt kam das
Schwierigere. Klara konnte ja nicht stehen, wie sollte man sie nun
festhalten und vorwärts bringen? Das Heidi war zu klein, um ihr mit
seinem Arm eine Stütze zu bieten.
»Du mußt mich jetzt um den Hals nehmen, ganz fest, so. Und den Peter
mußt du am Arm nehmen und ganz fest darauf drücken, dann können wir
dich tragen.«
Aber der Peter hatte noch nie jemandem den Arm gegeben. Klara umfaßte
diesen wohl, der Peter aber hielt ihn ganz steif am Leibe herunter wie
einen langen Stecken.
»So macht man es nicht, Peter«, sagte das Heidi sehr bestimmt. »Du
mußt mit dem Arm einen Ring machen, und dann muß die Klara mit dem
ihrigen durchfahren, und dann muß sie ganz fest aufdrücken, und du
mußt um keinen Preis nachgeben, dann kommen wir schon vorwärts.«
Das wurde nun so ausgeführt. Man kam aber nicht gut vorwärts. Klara
war nicht so leicht, und das Gespann zu ungleich in der Größe. Auf
der einen Seite ging es herab und auf der andern hinauf, das gab eine
ziemliche Unsicherheit in den Stützen.
Klara probierte es abwechselnd ein wenig mit den eigenen Füßen, zog
aber einen nach dem andern immer bald wieder zurück.
»Stampf einmal recht herunter«, schlug das Heidi vor, »dann tut es dir
gewiß nachher weniger weh.«
»Meinst du?« sagte Klara zaghaft.
Sie gehorchte aber und wagte einen festen Schritt auf den Boden und
dann mit dem zweiten Fuß; sie schrie aber ein wenig auf dabei. Dann
hob sie den einen wieder und setzte ihn leiser hin.
»Oh, das hat schon viel weniger weh getan«, sagte sie voller Freude.
»Mach's noch einmal«, drängte eifrig das Heidi. Klara tat es und dann
noch einmal und noch einmal, und auf einmal schrie sie auf:
»Ich kann, Heidi! Oh, ich kann! Sieh! Sieh! Ich kann Schritte machen,
einen nach dem andern.«
Jetzt jauchzte das Heidi noch viel mehr auf.
»Oh! Oh! Kannst du gewiß selbst Schritte machen? Kannst du jetzt
gehen? Kannst du gewiß selbst gehen? Oh, wenn nur der Großvater käme!
Jetzt kannst du selbst gehen, Klara, jetzt kannst du gehen!« rief es
ein Mal ums andere in jubelnder Freude aus.
Klara hielt sich wohl fest an auf beiden Seiten, aber mit jedem
Schritt wurde sie ein wenig sicherer, das konnten alle drei empfinden.
Das Heidi kam ganz außer sich vor Freude.
»Oh, nun können wir alle Tage miteinander auf die Weide gehen und auf
der Alp herum, wo wir wollen«, rief es wieder aus, »und du kannst dein
Lebtag gehen, wie ich, und mußt nie mehr im Stuhl gestoßen werden und
wirst gesund. Oh, das ist die größte Freude, die wir haben können!«
Klara stimmte mit dem ganzen Herzen ein. Gewiß kannte sie gar kein
größeres Glück auf der Welt, als auch einmal gesund zu sein und
herumgehen zu können wie die anderen Menschen und nicht mehr elend die
ganzen Tage lang in den Krankensessel gebannt zu sein.
Es war nicht weit zu der Blumenhalde hinüber. Dort sah man schon das
Glitzern der Goldröschen in der Sonne. Jetzt waren sie bei den Büschen
der blauen Glockenblumen angekommen, wo zwischendurch der sonnige
Boden so einladend aussah.
»Können wir nicht hier niedersetzen?« fragte Klara.
Das war ganz nach Heidis Wunsch, und mitten in die Blumen hinein
setzten sich die Kinder, Klara zum erstenmal, auf den trockenen,
warmen Alpenboden hin; das gefiel ihr unbeschreiblich wohl. Und nun
rings um sie die wiegenden blauen Glockenblumen, die schimmernden
Goldröschen, das rote Tausendgüldenkraut und um und um der süße Duft
der braunen Kolbenblümchen, der würzigen Prünellen. Alles war so
schön! So schön!
Auch das Heidi neben ihr meinte, so schön sei es noch nie gewesen da
oben, und es wußte gar nicht, warum es eine solche Freude im Herzen
hatte, daß es nur immer hätte laut jauchzen mögen. Aber auf einmal kam
es ihm dann wieder in den Sinn, daß Klara gesund geworden war; das war
zu allem Schönen ringsumher noch die allergrößte Freude. Klara wurde
ganz still vor Wonne und Entzücken über alles, was sie sah, und über
alle die Aussichten, die ihr aufgegangen waren durch das eben Erlebte.
Das große Glück hatte fast nicht Platz in ihrem Herzen, und der
Sonnenglanz und Blumenduft dazu überwältigten sie mit einem
Wonnegefühl, das sie völlig verstummen machte.
Auch der Peter lag still und regungslos mitten in dem Blumenfelde,
denn er war fest eingeschlafen.
Leise und lieblich wehte hier der Wind hinter den schützenden Felsen
hervor und säuselte oben in den Büschen. Von Zeit zu Zeit mußte das
Heidi wieder aufstehen und dahin laufen und dorthin, denn es war immer
irgendwo noch schöner, die Blumen noch dichter, der Wohlgeruch noch
stärker, weil ihn da der Wind hin und her wehte; überall mußte es
wieder hinsetzen.
So vergingen die Stunden.
Die Sonne war längst über den Mittag hinaus, als ein Trüppchen der
Geißen ganz ernsthaft auf die Blumenhalde zugeschritten kam. Es war
nicht ihr Weideplatz, sie wurden nie dahin geführt, denn es gefiel
ihnen nicht, in den Blumen zu grasen. Sie sahen aus wie eine
Gesandtschaft, der Distelfink voran. Die Geißen waren sichtlich
ausgegangen, ihre Gesellschafter zu suchen, die sie so lange im Stich
gelassen hatten und über alle Ordnung hinaus fortgeblieben waren,
denn die Geißen kannten ihre Zeit wohl. Als der Distelfink die drei
Vermißten in dem Blumenfelde entdeckte, stieß er ein überlautes
Meckern aus, und auf der Stelle stimmte der ganze Chor ein, und
fortmeckernd kamen sie alle dahergetrabt. Jetzt erwachte der Peter. Er
mußte sich aber stark die Augen reiben, denn es hatte ihm geträumt,
der Rollstuhl stehe wieder schön rot gepolstert und unversehrt vor der
Hütte, und noch im Erwachen hatte er die goldenen Nägel um das Polster
herum in der Sonne blitzen gesehen, aber jetzt entdeckte er, daß es
nur die gelben Glitzerblümchen auf dem Boden gewesen waren. Jetzt kam
dem Peter die Angst zurück, die er beim Anblick des unbeschädigten
Stuhles ganz verloren hatte. Wenn auch das Heidi versprochen hatte,
nichts zu machen, so war doch nun die Furcht im Peter lebendig
geworden, die Sache könnte auch sonst noch auskommen. Er ließ sich
jetzt ganz zahm und willig zum Führer machen und tat alles perfekt so,
wie das Heidi es haben wollte.
Als nun wieder alle drei auf dem Weideplatz angekommen waren, holte
das Heidi hurtig seinen vollen Speisesack herbei und schickte sich an,
sein Versprechen zu lösen, denn auf den Inhalt des Sackes hatte seine
Drohung sich bezogen. Es hatte wohl bemerkt am Morgen, wieviel gute
Sachen der Großvater da hineinpackte, und mit Freuden hatte es
vorausgesehen, daß dem Peter davon ein guter Teil zufallen werde. Als
er dann aber so störrig war, wollte es ihm zu verstehen geben, daß er
nichts bekomme, was der Peter aber anders gedeutet hatte. Nun holte
das Heidi Stück für Stück aus seinem Sack heraus und machte drei
Häufchen davon, die wurden so hoch, daß es voller Befriedigung vor
sich hinsagte: »Dann bekommt er noch alles, was wir zuviel haben.«
Jetzt trug es jedem sein Häufchen zu, und mit dem seinigen setzte es
sich neben Klara hin, und die Kinder ließen sich's wohl schmecken nach
der großen Anstrengung.
Es ging aber, wie das Heidi vorausgesehen hatte: Als sie beide völlig
satt waren, blieb noch so viel übrig, daß dem Peter noch einmal ein
Häufchen, so groß wie das erste, zugeschoben werden konnte. Er aß
still und beharrlich alles auf und dann noch die Krumen, aber er
vollzog sein Werk nicht mit der gewohnten Befriedigung. Dem Peter lag
etwas auf dem Magen, das nagte und würgte ihn und klemmte ihm jeden
Bissen zusammen.
Die Kinder waren so spät zu ihrer Mahlzeit gekommen, daß schon gleich
nachher der Großvater zu sehen war, der die Alm hinanstieg, um sie
abzuholen. Das Heidi stürzte ihm entgegen; es mußte ihm zuerst
sagen, was sich ereignet hatte. Es war indes so erregt von seiner
beglückenden Nachricht, daß es die Worte fast nicht fand, sie dem
Großvater mitzuteilen. Er verstand aber sogleich, was das Kind
berichtete, und eine helle Freude kam auf sein Gesicht. Er
beschleunigte seinen Schritt, und bei Klara angekommen, sagte er
fröhlich lächelnd:
»So, haben wir's gewagt? Nun haben wir's auch gewonnen!«