»Mein lieber Öhi, Sie sind ein prächtiger Mann!« brach sie aus. »Was

meinen Sie, was ich eben jetzt dachte? Ich sagte im stillen: Müßte

nicht ein Aufenthalt hier oben das Kind ganz besonders stärken? Aber

die Pflege! Die Sorge! Die Unbequemlichkeit für den Wirt! Und Sie

kommen und sprechen es aus, so als wäre da gar nichts dabei. Ich

muß Ihnen danken, mein lieber Öhi, ich muß Ihnen von ganzem Herzen

danken!« Und die Großmama schüttelte dem Öhi die Hand ein Mal ums

andere und immer wieder, und der Öhi schüttelte auch die ihrige mit

einem ganz erfreuten Gesicht.

Sofort ging der Öhi zur Tat über. Er trug Klara in ihren Sessel vor

die Hütte zurück, vom Heidi gefolgt, das nicht wußte, wie hoch es vor

Freude springen wollte. Dann lud er gleich die sämtlichen Tücher und

Pelzdecken auf seine Arme und sagte wohlgefällig lächelnd: »Es ist

gut, daß die Frau Großmama so wie zu einem Winterfeldzug gerüstet

hatte: Das können wir brauchen.«

»Mein lieber Öhi«, antwortete die Herzutretende lebhaft, »Vorsicht

ist eine schöne Tugend und schützt vor manchem Ungemach. Wenn man auf

den Reisen über Ihre Gebirge ohne Sturm und Wind und Wolkenbrüche

davonkommt, so kann man nur danken, und das wollen wir tun, und meine

Schutzmittelchen sind auch so noch gut zu gebrauchen; darin sind wir

einig.«

Während dieses kleinen Gespräches waren die beiden nach dem

Heuboden hinaufgestiegen und begannen nun die Tücher über das Bett

hinzubreiten, eins nach dem andern. Da waren ihrer so viele, daß das

Bett zuletzt aussah wie eine kleine Festung.

»Jetzt soll mir noch ein einziger Heuhalm durchstechen, wenn er kann«,

sagte die Großmama, indem sie noch einmal mit der Hand auf allen

Seiten eindrückte, aber die weiche Mauer war so undurchdringlich,

daß wirklich keiner mehr durchstach. Nun stieg sie befriedigt die

Leiter hinunter und trat zu den Kindern heraus, die mit strahlenden

Angesichtern nahe zusammensaßen und ausmachten, was sie nun tun

wollten vom Morgen bis zum Abend, solange Klara auf der Alp bleiben

durfte. Aber wie lange würde das sein? Das war nun die große Frage,

welche augenblicklich der Großmama vorgelegt wurde. Die sagte, das

wisse der Großvater am besten, ihn müßten sie fragen, und als dieser

eben herzutrat und nun die Frage an ihn gerichtet wurde, meinte er,

vier Wochen seien gerade recht, um beurteilen zu können, ob die

Alpluft ihre Schuldigkeit an dem Töchterchen tue oder nicht. Jetzt

jubelten die Kinder erst recht auf, denn die Aussicht auf solches

Zusammenbleiben übertraf alle ihre Erwartungen.

Nun sah man von unten herauf wieder die Sesselträger und den

Pferdeführer mit seinem Tier heranrücken. Die ersteren konnten gleich

wieder umkehren.

Als die Großmama sich anschickte, ihr Pferd zu besteigen, rief Klara

fröhlich aus: »O Großmama, das ist nun gar kein Abschied, wenn du

schon fortreitest, denn nun kommst du von Zeit zu Zeit zu uns zum

Besuch auf die Alp, um zu sehen, was wir machen, und das ist dann so

lustig, nicht, Heidi?«

Heidi, das heute von einem Vergnügen ins andere fiel, konnte seine

zustimmende Antwort nur durch einen hohen Freudensprung ausdrücken.

Nun bestieg die Großmama das feste Saumtier, und der Öhi ergriff

den Zügel und führte das Pferd mit sicherer Hand den steilen Berg

hinunter. Wie auch die Großmama eiferte, er möchte doch nicht so weit

mitgehen, es half nichts: Der Öhi erklärte, er werde ihr sein Geleit

bis zum Dörfli hinunter geben, da die Alp so steil und der Ritt nicht

ohne Gefahr sei.

In dem einsamen Dörfli gedachte die Großmama, nun sie allein war,

nicht zu bleiben. Sie wollte nach Ragaz zurückkehren und von dort aus

dann von Zeit zu Zeit ihre Alpenreise wiederholen.

Noch bevor der Öhi wieder zurückgekehrt war, kam der Peter mit seinen

Geißen dahergerannt. Als diese merkten, wo das Heidi war, stürzten sie

alle der Stelle zu. Im Augenblick war die Klara in ihrem Stuhle samt

dem Heidi mitten in dem Rudel drinnen, und drängend und stoßend guckte

immer eine der Geißen über die andere her, und jede wurde gleich vom

Heidi der Klara genannt und vorgestellt.

So kam es, daß diese in der kürzesten Zeit die langerwünschte

Bekanntschaft mit dem kleinen Schneehöppli, dem lustigen Distelfink,

den sauberen Geißen des Großvaters, mit allen, allen bis hinauf zum

großen Türk gemacht hatte. Der Peter aber stand derweilen abseits und

warf seltsam drohende Blicke auf die vergnügte Klara hin.

Als nun die Kinder beide freundlich zu ihm hinüberriefen: »Gute Nacht,

Peter!«, gab er durchaus keine Antwort, sondern hieb mit seiner

Rute so grimmig in die Luft hinein, als wollte er diese völlig

entzweischlagen. Dann lief er davon und sein Gefolge hinter ihm her.

Zu allem Schönen, das Klara heute auf der Alp schon gesehen hatte, kam

nun noch der Schluß.

Als sie oben auf dem Heuboden auf dem großen, weichen Bette lag, zu

dem nun auch das Heidi emporkletterte, da schaute sie durch das offene

runde Loch gerade mitten in die schimmernden Sterne hinein, und voller

Entzücken rief sie aus:

»O Heidi, sieh, es ist gerade, wie wenn wir auf einem hohen Wagen in

den Himmel hineinfahren würden!«

»Ja, und weißt du, warum die Sterne so voller Freude sind und uns so

mit den Augen winken?« fragte das Heidi.

»Nein, das weiß ich nicht; was meinst du denn?« fragte Klara zurück.

»Weil sie droben im Himmel sehen, wie der liebe Gott alles so gut

einrichtet für die Menschen, daß sie gar keine Angst haben müssen und

ganz sicher sein können, weil alles so kommt, wie es heilsam ist. Das

freut sie so; sieh, wie sie winken, daß wir auch so fröhlich sein

sollen! Aber weißt du, Klara, wir müssen auch nicht vergessen zu

beten, wir müssen recht den lieben Gott bitten, daß er auch an uns

denke, wenn er alles so schön einrichtet, daß wir auch immer so sicher

sein können und uns vor gar nichts fürchten müssen.«

Jetzt richteten sich die Kinder noch einmal auf und sagten jedes

sein Nachtgebet. Dann legte sich das Heidi auf seinen runden Arm und

schlief augenblicklich ein. Aber Klara blieb noch lange wach, denn

etwas so Wunderbares wie diese Schlafstätte im Sternenschein hatte sie

noch in ihrem Leben nicht gesehen.

Sie hatte ja überhaupt kaum je die Sterne gesehen, denn außer dem

Hause war sie des Nachts nie gewesen, und drinnen wurden die dichten

Vorhänge längst niedergelassen, bevor die Sterne kamen. Wenn sie nun

jetzt die Augen zumachen wollte, mußte sie sie gleich noch einmal

aufschlagen, um zu sehen, ob denn die beiden großen, hellen Sterne

immer noch hereinfunkelten und so merkwürdig winkten, wie das Heidi

gesagt hatte. Und immer noch war es so, und Klara konnte es nicht

genug bekommen, in das Flimmern und Leuchten hineinzuschauen, bis

endlich ihre Augen von selbst zufielen und sie nur im Traume noch die

zwei großen, schimmernden Sterne sah.

Wie es auf der Alp weitergeht

Eben war die Sonne hinter den Felsen heraufgestiegen und warf nun ihre

goldenen Strahlen über die Hütte und über das Tal hinab. Der Almöhi

hatte, wie er jeden Morgen tat, still und andächtig zugeschaut, wie

ringsum auf den Höhen und im Tal die leichten Nebel sich lichteten

und das Land aus dem Dämmerschatten herausschaute und zum neuen Tage

erwachte.

Heller und heller wurden oben die lichten Morgenwolken, bis jetzt

die Sonne völlig heraustrat und Fels und Wald und Hügel mit goldenem

Lichte übergoß.

Jetzt trat der Öhi in seine Hütte zurück und ging leise die kleine

Leiter hinauf. Klara hatte eben die Augen aufgeschlagen und schaute in

der höchsten Verwunderung auf die hellen Sonnenstrahlen, die durch das

runde Loch hereindrangen und auf ihrem Bette tanzten und blitzten.

Sie wußte gar nicht, was sie sah und wo sie war. Doch jetzt erblickte

sie das schlafende Heidi an ihrer Seite, und nun ertönte auch die

freundliche Stimme des Großvaters: »Gut geschlafen? Nicht müde?« Klara

versicherte, sie sei nicht müde, und, einmal eingeschlafen, sei sie

auch die ganze Nacht nicht mehr erwacht. Das gefiel dem Großvater,

und nun fing er gleich an und besorgte die Klara so gut und so

verständnisvoll, als wäre es geradezu sein Beruf, kranke Kinder zu

besorgen und es ihnen bequem zu machen.

Das Heidi hatte seine Augen jetzt auch aufgemacht und sah auf einmal

mit Erstaunen, wie der Großvater die schon fertig gerüstete Klara auf

den Arm nahm und forttrug. Da mußte es doch dabeisein. Blitzschnell

ging seine Ausrüstung vor sich. Dann ging's die Leiter hinunter, und

nun war auch das Heidi aus der Tür und stand draußen, mit großer

Verwunderung betrachtend, was der Großvater jetzt wieder ausführte.

Er hatte am Abend vorher, als die Kinder schon oben auf ihrem Lager

angekommen waren, überlegt, wo der breite Rollstuhl unter Dach

gebracht werden könnte. Die Tür der Hütte war ja viel zu schmal, hier

konnte er nie eingefahren werden. Da war ihm ein Gedanke gekommen. Er

machte hinten am Schopf zwei große Laden los, so daß da eine breite

Öffnung entstand. Der Stuhl wurde hineingestoßen und die hohen Bretter

wieder an ihre Stelle gebracht, wenn auch nicht festgemacht. Das

Heidi kam eben an, nachdem der Großvater Klara drinnen in ihren Stuhl

gesetzt, dann die Bretter weggenommen hatte und nun mit ihr aus dem

Schopf in den Morgensonnenschein herausgefahren kam. Mitten auf dem

Platze ließ er den Stuhl stehen und ging dem Geißenstall zu. Das Heidi

sprang an Klaras Seite.

Der frische Morgenwind wehte um die Gesichter der Kinder, und ein

würziger Tannenduft kam mit jedem neuen Windeswehen herüber und

durchströmte die sonnige Morgenluft. Klara zog tiefe Züge ein und

lehnte sich in ihren Stuhl zurück, in einem Gefühl des Wohlseins, wie

sie es nie empfunden hatte.

Noch nie in ihrem Leben hatte sie ja auch frische Morgenluft draußen

in der freien Natur eingeatmet, und nun wehte die reine Alpenluft um

sie so kühl und erfrischend, daß jeder Atemzug ein Genuß war. Dazu

der helle, süße Sonnenschein, der gar nicht heiß war hier oben und so

lieblich warm auf ihren Händen lag und an dem trockenen Grasboden zu

ihren Füßen. Daß es so auf der Alp sein könnte, das hatte sich Klara

gar nicht vorstellen können.

»O Heidi, wenn ich nur immer, immer hier oben bei dir bleiben könnte!«

sagte sie jetzt, sich ganz wohlig hin und her wendend in ihrem Stuhl,

um so recht von allen Seiten Luft und Sonne einzutrinken.

»Jetzt siehst du, daß es so ist, wie ich dir gesagt habe«, entgegnete

das Heidi erfreut, »daß es am schönsten auf der ganzen Welt beim

Großvater auf der Alm ist.« Eben trat dieser aus dem Stalle heraus

zu den Kindern heran. Er brachte zwei Schüsselchen voll schäumender,

schneeweißer Milch und reichte eins der Klara, das andere dem Heidi.

»Das wird dem Töchterchen wohltun«, sagte er, Klara zunickend. »Sie

ist vom Schwänli, die gibt Kraft. Zum Wohlsein! Nur zu!« Klara hatte

noch nie Milch von einer Geiß getrunken, sie hatte erst zur Sicherheit

ein wenig daran riechen müssen. Als sie nun aber sah, mit welcher

Begier das Heidi seine Milch heruntertrank, ohne ein einziges Mal

abzusetzen - so erstaunlich gut schmeckte sie ihm -, da setzte Klara

auch an und trank und trank, und wahrhaftig, sie war so süß und

kräftig, als wäre Zucker und Zimmet darin, und Klara trank zu, bis

nichts mehr im Schüsselchen war.

»Morgen nehmen wir zwei«, sagte der Großvater, der mit Befriedigung

zugesehen hatte, wie Klara Heidis Beispiel gefolgt war.

Jetzt erschien der Peter mit seiner Schar, und während das Heidi

durch die allseitigen Morgenbegrüßungen gleich mitten in die Herde

hineingedrängt wurde, nahm der Öhi den Peter ein wenig auf die Seite,

damit dieser verstehen könne, was er ihm zu sagen hatte, denn die

Geißen meckerten immer, eine stärker als die andere, vor lauter Freude

und Freundschaftsbezeugungen, sobald sie das Heidi in ihrer Mitte

hatten.

»Jetzt hör zu und paß auf«, sagte der Öhi. »Von heut an lässest du

dem Schwänli seinen Willen. Es hat die Fühlung, wo die kräftigsten

Kräutlein sind; also wenn es hinauf will, so gehst du nach, den

anderen tut's ja auch gut, und wenn es höher will, als du sonst mit

ihnen gehst, so gehst du wieder und hältst es nicht zurück, hörst du!

Wenn du auch ein wenig klettern mußt, schad't nichts, du gehst, wo es

will, denn in dieser Sache ist es vernünftiger als du, und es muß nur

noch vom Besten bekommen, daß es eine Prachtmilch gibt. Warum guckst

du dort hinüber, wie wenn du einen verschlucken wolltest? Es wird dir

niemand im Wege sein. So, jetzt vorwärts, und denk daran!«

Der Peter war gewohnt, dem Öhi aufs Wort zu folgen. Er trat gleich

seinen Marsch an; man konnte aber sehen, daß er noch etwas im

Hinterhalt hatte, denn er drehte immer den Kopf um und rollte mit den

Augen. Die Geißen folgten und drängten das Heidi noch eine Strecke mit

vorwärts. Das war dem Peter eben recht. »Du mußt mit«, rief er jetzt

drohend in den Geißenrudel hinein, »du mußt mit, wenn man dem Schwänli

nachmuß.«

»Nein, ich kann nicht«, rief das Heidi zurück, »und ich kann jetzt

lange, lange nicht mitkommen, solange die Klara bei mir ist. Aber

einmal kommen wir dann miteinander hinauf, der Großvater hat es uns

versprochen.«

Unter diesen Worten hatte das Heidi sich aus den Geißen herausgewunden

und sprang nun zu Klara zurück. Jetzt machte der Peter mit beiden

Fäusten eine so drohende Gebärde gegen den Rollstuhl hinunter, daß die

Geißen auf die Seite sprangen. Er sprang aber auf der Stelle nach und

ohne Aufenthalt eine ganze Strecke weit hinauf, bis er außer Sicht

war, denn er dachte, der Öhi könnte ihn etwa gesehen haben, und er

wollte lieber nicht wissen, was für einen Eindruck das Fausten dem Öhi

gemacht habe.

Klara und Heidi hatten für heute so viel im Sinn, daß sie gar nicht

wußten, wo anfangen. Das Heidi schlug vor, zuerst den Brief an die

Großmama zu schreiben, den hatten sie ja bestimmt versprochen, und so

für jeden Tag einen neuen. Die Großmama war doch ihrer Sache nicht so

ganz sicher, wie es in die Länge da droben der Klara behagen und auch,

wie es mit ihrer Gesundheit gehen würde, und so hatte sie den Kindern

das Versprechen abgenommen, ihr jeden Tag einen Brief zu schreiben

und alles zu erzählen, was sie erlebten. So konnte die Großmama auch

sogleich wissen, wenn sie oben nötig werden sollte, und bis dahin

ruhig unten bleiben.

»Müssen wir in die Hütte hinein zum Schreiben?« fragte Klara, die wohl

dafür war, der Großmama Bericht zu geben; aber da draußen war es ihr

so wohl, daß sie gar nicht weg mochte.

Aber das Heidi wußte sich einzurichten. Augenblicklich rannte es in

die Hütte hinein und kam mit seinen sämtlichen Schulsachen und dem

niedrigen Dreibeinstühlchen beladen wieder zurück. Nun legte es sein

Lesebuch und Schreibheft der Klara auf den Schoß, daß sie darauf

schreiben konnte, und es selbst setzte sich an die Bank hin auf sein

Stühlchen, und nun begannen sie beide der Großmama zu erzählen.

Aber nach jedem Satze, den Klara geschrieben hatte, legte sie ihren

Bleistift wieder hin und schaute um sich. Es war gar zu schön. Der

Wind war nicht mehr so kühl; nur lieblich fächelnd wehte er um ihr

Gesicht, und drüben in den Tannen flüsterte er leise. In der klaren

Luft tanzten und summten die kleinen, fröhlichen Mücken, und weit

umher lag eine große Stille auf dem ganzen sonnigen Gefilde. Groß und

still schauten die hohen Felsenberge herüber, und das ganze weite Tal

hinab lag alles wie im stillen Frieden. Nur dann und wann schallte das

frohe Jauchzen eines Hirtenbuben durch die Luft, und leise gab das

Echo die Töne in den Felsen wieder.

Der Morgen war dahin, die Kinder wußten nicht, wie, und schon kam der

Großvater mit der dampfenden Schüssel daher, denn er sagte, mit dem

Töchterchen bleibe man nun draußen, solang ein Lichtstrahl am Himmel

sei. So wurde das Mittagsmahl wie gestern vor der Hütte aufgestellt

und mit Vergnügen eingenommen. Dann rollte das Heidi den Stuhl samt

der Klara unter die Tannen hinüber, denn die Kinder hatten ausgemacht,

den Nachmittag wollten sie dort in dem schönen Schatten sitzen

und einander alles erzählen, was sich zugetragen, seit das Heidi

Frankfurt verlassen hatte. Wenn auch da alles im gewohnten Geleise

weitergegangen war, so hatte Klara doch allerlei Besonderes zu

berichten von den Menschen, die im Hause Sesemann lebten und die dem

Heidi ja so gut bekannt waren.

So saßen die Kinder nebeneinander unter den alten Tannen, und je

eifriger sie im Erzählen wurden, desto lauter pfiffen die Vögel oben

in den Zweigen, denn das Geplauder da unten freute sie, und sie

wollten auch mithalten. So flog die Zeit dahin, und unversehens war

es Abend geworden, und schon kam das Geißenheer heruntergestürmt, der

Anführer hintendrein mit Stirnrunzeln und grimmiger Miene.

»Gute Nacht, Peter!« rief ihm das Heidi zu, als es sah, daß er nicht

im Sinne hatte stillzustehen.

»Gute Nacht, Peter!« rief auch Klara freundlich hinüber.

Er gab keinen Gruß zurück und jagte schnaubend die Geißen weiter.

Als Klara jetzt sah, wie der Großvater das saubere Schwänli zum

Melken nach dem Stalle führte, da ergriff sie auf einmal ein solches

Verlangen nach der gewürzigen Milch, daß sie es fast nicht erwarten

konnte, bis der Großvater damit kommen würde. Sie mußte selbst

erstaunen darüber.

»Das ist aber einmal kurios, Heidi«, sagte sie. »Solange ich weiß,

habe ich nur gegessen, weil ich mußte, und alles, was ich bekam,

schmeckte nach Fischtran, und tausendmal habe ich gedacht: Wenn man

nur nie essen müßte! Und jetzt kann ich es fast nicht erwarten, bis

der Großvater kommt mit der Milch.«

»Ja, ich weiß schon, was das ist«, entgegnete das Heidi ganz

verständnisvoll, denn es gedachte der Tage in Frankfurt, da ihm alles

im Halse steckenblieb und nicht hinunter wollte. Klara aber begriff

die Sache doch nicht. Sie hatte aber, solange sie lebte, noch nie

einen Tag lang in der freien Luft gesessen wie heute, und nun gar in

dieser hohen, belebenden Bergluft.

Als der Großvater mit seinen Schüsselchen herankam, erfaßte Klara

schnell dankend das ihrige, und in durstigen Zügen trank sie

hintereinander und war diesmal noch vor dem Heidi zu Ende.

»Darf ich noch ein wenig haben?« fragte sie, dem Großvater das

Schüsselchen hinhaltend.

Er nickte wohlgefällig, nahm auch Heidis Gefäß wieder in Empfang

und ging zur Hütte zurück. Als er wiederkam, brachte er auf jedem

Schüsselchen einen hohen Deckel mit, der war aber von anderem Stoff,

als die Deckel gewöhnlich sind.

Der Großvater hatte am Nachmittag einen Gang nach dem grünen Maiensäß

hinüber gemacht, zu der Sennhütte, wo die süße, hellgelbe Butter

gemacht wird. Von dort hatte er einen schönen runden Ballen

mitgebracht. Jetzt hatte er zwei feste Schnitten Brot genommen und die

süße Butter schön dick daraufgestrichen. Diese sollten nun die Kinder

zu ihrem Nachtessen haben. Gleich bissen auch alle beide so tief in

die appetitlichen Schnitten hinein, daß der Großvater stehenblieb und

zuschaute, wie das weitergehen würde, denn das gefiel ihm.

Als Klara nachher auf ihrem Lager wieder nach den schimmernden Sternen

schauen wollte, ging es ihr wie dem Heidi an ihrer Seite: Die Augen

fielen ihr auf der Stelle zu, und es kam ein so fester, gesunder

Schlaf über sie, wie sie ihn niemals gekannt hatte.

In dieser erfreulichen Weise verging auch der folgende Tag und dann

noch einer, und dann folgte eine große Überraschung für die Kinder. Es

kamen zwei kräftige Träger den Berg heraufgestiegen; jeder trug auf

seinem Reff ein hohes Bett, fertig aufgerüstet in der Bettschaft,

beide ganz gleich bedeckt mit einer weißen Decke, sauber und nagelneu.

Auch hatten die Männer einen Brief von der Großmama abzugeben. Da

stand darin, daß diese Betten für Klara und Heidi seien, daß das Heu-

und Deckenlager nun aufgehoben werden solle und daß von nun an das

Heidi immer in einem richtigen Bette schlafen müsse, denn im Winter

solle das eine der beiden ins Dörfli heruntergeschafft werden, das

andere aber oben bleiben, damit Klara es immer vorfinde, wenn sie

wiederkomme. Dann lobte die Großmama die Kinder um ihrer langen Briefe

willen und ermunterte sie, täglich so fortzufahren, damit sie immer

alles mitleben könne, als ob sie bei ihnen wäre.

Der Großvater war hineingegangen, hatte den Inhalt von Heidis Lager

auf den großen Heuhaufen geworfen und die Decken weggelegt. Nun kam

er wieder, um mit Hilfe der Männer die beiden Betten dort hinauf zu

transportieren. Dann rückte er sie hart aneinander, damit von beiden

Kopfkissen aus die Aussicht durch das Loch dieselbe bliebe, denn er

kannte die Freude der Kinder an dem Morgen- und Abendschein, der da

hereinglänzte.

Unterdessen saß die Großmama unten im Bade Ragaz und war hocherfreut

über die vortrefflichen Nachrichten, die täglich von der Alp zu ihr

heruntergelangten.

Das Entzücken über ihr neues Leben steigerte sich bei Klara noch

von Tag zu Tag, und sie wußte nicht genug zu sagen von der Güte und

sorglichen Pflege des Großvaters und wie lustig und kurzweilig das

Heidi sei, noch viel mehr als in Frankfurt, und wie sie jeden Morgen

beim Erwachen immer zuerst denke: O gottlob; ich bin noch auf der Alp!

Über diese ausnehmend erfreulichen Berichte war die Großmama jeden Tag

aufs neue froh. Sie fand auch, da alles so stand, so könne sie ihren

Besuch auf der Alp gar wohl noch ein wenig verschieben, was ihr nicht

unlieb war, denn der Ritt den steilen Berg hinauf und wieder herunter

war ihr doch etwas beschwerlich vorgekommen.

Der Großvater mußte eine ganz besondere Teilnahme für seinen Pflegling

gefaßt haben, denn es verging kein Tag, an welchem er nicht irgend

etwas Neues zu seiner Kräftigung ausdachte. Er machte jetzt jeden

Nachmittag weitere Gänge in die Felsen hinauf, immer höher, und

jedesmal brachte er ein Bündelchen mit zurück, das duftete schon von

weitem durch die Luft wie gewürzige Nelken und Thymian, und kehrten

die Geißen am Abend heim, so fingen sie alle zu meckern und zu

springen an und wollten alle miteinander in den Stall eindringen, wo

das Bündelchen lag, denn sie kannten den Geruch. Aber der Öhi hatte

die Tür gut zugemacht, denn er kletterte den seltenen Kräuterchen

nicht nach, hoch an die Felsen hinauf, damit die Geißenschar ohne

Mühe zu einer guten Mahlzeit komme. Die Kräutlein waren alle für das

Schwänli bestimmt, damit es immer noch kräftigere Milch hergebe.

Man konnte auch gut sehen, wie die außerordentliche Pflege bei ihm

anschlug, denn es warf den Kopf immer lebendiger in die Höhe und

machte ganz feurige Augen dazu.

So war nun schon die dritte Woche gekommen, seit Klara auf der Alp

war. Seit einigen Tagen hatte der Großvater des Morgens, wenn er sie

heruntertrug, um sie in ihren Stuhl zu setzen, jedesmal gesagt: »Will

das Töchterchen nicht einmal probieren, ein wenig auf dem Boden zu

stehen?« Klara hatte dann wohl versucht, ihm den Gefallen zu tun, aber

sie hatte immer gleich gesagt: »Oh, 's tut zu weh!« und hatte sich

an ihn festgeklammert; er ließ sie aber jeden Tag ein wenig länger

probieren.

Ein so schöner Sommer war seit Jahren nicht auf der Alp gewesen. Jeden

Tag zog die strahlende Sonne durch den wolkenlosen Himmel hin, und

alle kleinen Blumen machten ihre Kelche weit auf und glühten und

dufteten zu ihr empor, und am Abend warf sie ihr Purpur- und

Rosenlicht auf die Felsenhörner und das Schneefeld hinüber und tauchte

dann in ein golden flammendes Meer hinab. Davon erzählte das Heidi

seiner Freundin Klara immer wieder, denn nur oben auf der Weide konnte

man das alles so recht sehen, und von der Stelle oben am Abhange

erzählte es mit besonderem Feuer, wie dort jetzt die großen Scharen

der glitzernden, goldenen Weideröschen stehen und Blauglöckchen so

viele, daß man meine, dort sei das Gras blau geworden, und daneben

ganze Büsche von den braunen Kolbenblümchen, die so schön riechen, daß

man nur auf den Boden sitzen müsse zu ihnen und gar nicht mehr fort

wolle.

Eben jetzt, unter den Tannen sitzend, hatte das Heidi aufs neue von

den Blumen dort oben und der Abendsonne und den leuchtenden Felsen

erzählt, und dabei war ein solches Verlangen in ihm aufgestiegen,

wieder einmal dorthin zu kommen, daß es mit einemmal aufsprang und

davonrannte, dem Großvater zu, der im Schopf auf seinem Schnitzstuhl

saß.

»O Großvater«, rief es schon von weitem hinüber, »kommst du morgen mit

uns auf die Weide? Oh, jetzt ist es so schön dort oben!«

»Es bleibt dabei«, sagte der Großvater zustimmend, »aber dann muß mir

das Töchterchen auch einen Gefallen tun: Es muß mir heut abend das

Stehen noch einmal recht probieren.«

Heidi kann brauchen, was es gelernt hat · 第 5 / 9 段