Als das Heidi noch nachsann, wo das schöne Kanapee mit dem grünen

Rasenüberzug sei, erscholl plötzlich von oben her ein Pfeifen und

Rufen und Rutenschwingen durch die Luft, daß das Heidi sofort

wußte, woran es war. Es schoß hinaus und war augenblicklich von den

herabspringenden Geißen umringt. Denen mußte es wohl sein, wie es

dem Heidi war, wieder auf der Alp zu sein, denn sie machten so hohe

Sprünge und meckerten so lebenslustig wie noch nie, und das Heidi

wurde dahin und dorthin gedrängt, denn jede wollte ihm zunächst kommen

und ihre Freude bei ihm auslassen. Aber der Peter stieß sie alle

weg, eine rechts und die andere links, denn er hatte dem Heidi eine

Botschaft zu überbringen. Als er zu ihm vorgedrungen war, hielt er ihm

einen Brief entgegen.

»Da!« sagte er, die weitere Erklärung der Sache dem Heidi selbst

überlassend. Es war sehr erstaunt.

»Hast du denn auf der Weide einen Brief für mich bekommen?« fragte es

voller Verwunderung.

»Nein«, war die Antwort.

»Ja, wo hast du ihn denn genommen, Peter?«

»Aus dem Brotsack.«

Das war richtig. Gestern abend hatte der Postbeamte im Dörfli ihm den

Brief an das Heidi mitgegeben. Den hatte der Peter in den leeren Sack

gelegt. Am Morgen hatte er seinen Käse und sein Stück Brot darauf

gepackt und war ausgezogen. Den Öhi und das Heidi hatte er wohl

gesehen, als er ihre Geißen abholte, aber erst als er um Mittag mit

Brot und Käse zu Ende war und noch die Krumen herausholen wollte, war

der Brief wieder in seine Hand gekommen.

Das Heidi las aufmerksam seine Adresse ab, dann sprang es zum

Großvater in den Schopf zurück und streckte ihm in hoher Freude den

Brief entgegen: »Von Frankfurt! Von der Klara! Willst du ihn gleich

hören, Großvater?«

Das wollte dieser schon gern, und auch der Peter, der dem Heidi

gefolgt war, schickte sich zum Zuhören an. Er stemmte sich mit dem

Rücken gegen den Türpfosten an, um einen festen Halt zu haben, denn

so war es leichter, dem Heidi nachzukommen, wie es nun seinen Brief

herunterlas:

Liebes Heidi!

Wir haben schon alles verpackt, und in zwei oder drei Tagen wollen wir

abreisen, sobald Papa auch abreist, aber nicht mit uns, er muß zuerst

noch nach Paris reisen. Alle Tage kommt der Herr Doktor und ruft

schon unter der Tür: »Fort! Fort! Auf die Alp!« Er kann es gar nicht

erwarten, daß wir gehen. Du solltest nur wissen, wie gern er selbst

auf der Alp war! Den ganzen Winter ist er fast jeden Tag zu uns

gekommen; dann sagte er immer, er komme zu mir, er müsse mir wieder

erzählen! Dann setzte er sich zu mir hin und erzählte von allen Tagen,

die er mit Dir und dem Großvater auf der Alp zugebracht hat, und von

den Bergen und den Blumen und von der Stille so hoch oben über allen

Dörfern und Straßen und von der frischen, herrlichen Luft; und er

sagte oft: »Dort oben müssen alle Menschen wieder gesund werden.« Er

ist auch selbst wieder so anders geworden, als er eine Zeitlang war,

ganz jung und fröhlich sieht er wieder aus. Oh, wie freu ich mich, das

alles zu sehen und bei Dir auf der Alp zu sein und auch den Peter und

die Geißen kennenzulernen! Erst muß ich in Ragaz etwa sechs Wochen

lang eine Kur machen, das hat der Herr Doktor befohlen, und dann

sollen wir im Dörfli wohnen nachher, und ich soll dann an schönen

Tagen auf die Alp hinaufgefahren werden in meinem Stuhl und den Tag

über bei Dir bleiben. Die Großmama kommt mit und bleibt bei mir;

sie freut sich auch, zu Dir hinaufzukommen. Aber denk, Fräulein

Rottenmeier will nicht mit. Fast jeden Tag sagt die Großmama einmal:

»Wie ist's mit der Schweizerreise, werte Rottenmeier? Genieren Sie

sich nicht, wenn Sie Lust haben mitzukommen.« Aber sie dankt immer

furchtbar höflich und sagt, sie wolle nicht unbescheiden sein.

Aber ich weiß schon, woran sie denkt: Der Sebastian hat eine so

erschreckliche Beschreibung von der Alp gemacht, als er von Deinem

Begleit nach Hause kam, wie furchtbare Felsen dort herunterstarren und

man überall in Klüfte und Abgründe niederstürzen könne und daß es so

steil hinaufgehe, daß man auf jedem Tritt befürchten müsse, wieder

rücklings herunterzukommen, und daß wohl Ziegen, aber keine Menschen

ohne Lebensgefahr da hinaufklettern können. Sie hat sehr geschaudert

vor dieser Beschreibung, und seither schwärmt sie nicht mehr für

Schweizerreisen wie früher. Der Schrecken ist auch in die Tinette

gefahren, sie will auch nicht mit. So kommen wir allein, Großmama und

ich; nur Sebastian muß uns bis nach Ragaz begleiten, dann kann er

wieder heimkehren.

Ich kann es fast nicht erwarten, bis ich zu Dir kommen kann.

Lebe wohl, liebes Heidi, die Großmama läßt Dich tausendmal grüßen.

Deine treue Freundin Klara.

Als der Peter diese Worte vernommen hatte, sprang er von dem

Türpfosten weg und hieb mit seiner Rute nach rechts und links so

rücksichtslos und wütend drein, daß die Geißen alle im höchsten

Schrecken die Flucht ergriffen und den Berg hinunterrannten in so

maßlosen Sprüngen, wie sie noch selten gemacht hatten. Hinter ihnen

her stürmte der Peter und hieb mit seiner Rute in die Luft hinein,

als habe er an einem unsichtbaren Feinde einen unerhörten Grimm

auszulassen. Dieser Feind war die Aussicht auf die Ankunft der Gäste

aus Frankfurt, welche den Peter so sehr erbittert hatte.

Das Heidi war so voller Glück und Freude, daß es durchaus am andern

Tage der Großmutter einen Besuch machen und ihr alles erzählen mußte,

wer nun von Frankfurt kommen und besonders auch, wer nicht kommen

werde. Das mußte für die Großmutter ja von der größten Wichtigkeit

sein, denn sie kannte die Personen alle so genau und lebte mit dem

Heidi alles, was zu seinem Leben gehörte, immerfort mit der tiefsten

Teilnahme durch. Es zog auch beizeiten aus am folgenden Nachmittag,

denn jetzt konnte es seine Besuche schon wieder allein unternehmen:

Die Sonne schien ja wieder hell und blieb lange am Himmel stehen,

und über den trockenen Boden hin war es ein herrliches Bergabrennen,

während der lustige Maiwind hinterhersauste und das Heidi noch ein

wenig schneller hinunterjagte. Die Großmutter lag nicht mehr zu Bett.

Sie saß wieder in ihrer Ecke und spann. Es lag aber ein Ausdruck auf

ihrem Gesicht, als habe sie es mit schweren Gedanken zu tun. Das war

so seit gestern abend, und die ganze Nacht durch hatten diese Gedanken

sie verfolgt und nicht schlafen lassen. Der Peter war in seinem großen

Grimm heimgekommen, und sie hatte aus seinen abgebrochenen Ausrufungen

entnehmen können, daß eine Schar von Leuten aus Frankfurt nach der

Almhütte hinaufkommen werde. Was dann weiter geschehen sollte, wußte

er nicht, aber die Großmutter mußte weiterdenken, und das waren gerade

die Gedanken, die sie ängstigten und ihr den Schlaf genommen hatten.

Jetzt sprang das Heidi herein und gerade auf die Großmutter zu, setzte

sich auf sein Schemelchen, das immer dastand, und erzählte ihr mit

einem solchen Eifer alles, was es wußte, daß es selbst noch immer mehr

davon erfüllt wurde. Aber auf einmal hörte es mitten in seinem Satze

auf und fragte besorgt:

»Was hast du, Großmutter, freut dich alles gar kein bißchen?«

»Doch, doch, Heidi, es freut mich schon für dich, weil du eine so

große Freude daran haben kannst«, antwortete sie und suchte ein wenig

fröhlich auszusehen.

»Aber Großmutter, ich kann ganz gut sehen, daß es dir angst ist.

Meinst du etwa, Fräulein Rottenmeier komme doch noch mit?« fragte das

Heidi, selber etwas ängstlich.

»Nein, nein! Es ist nichts, es ist nichts!« beruhigte die Großmutter.

»Gib mir ein wenig deine Hand, Heidi, daß ich recht spüren kann, daß

du noch da bist. Es wird ja doch zu deinem Besten sein, wenn ich es

auch fast nicht überleben kann.«

»Ich will nichts von dem Besten, wenn du es fast nicht überleben

kannst, Großmutter«, sagte das Heidi so bestimmt, daß dieser mit

einemmal eine neue Befürchtung aufstieg. Sie mußte ja annehmen, daß

die Leute aus Frankfurt kämen, das Heidi wiederzuholen, denn da es

nun wieder gesund war, konnte es ja nicht anders sein, als daß sie es

wiederhaben wollten. Das war die große Angst der Großmutter. Aber sie

fühlte jetzt, daß sie es vor dem Heidi nicht merken lassen sollte.

Es war ja so mitleidig mit ihr, und da könnte es sich vielleicht

widersetzen und nicht gehen wollen, und das durfte nicht sein. Sie

suchte nach einer Hilfe, aber nicht lange, denn sie kannte nur eine.

»Ich weiß etwas, Heidi«, sagte sie nun, »das macht mir wohl und bringt

mir die guten Gedanken wieder. Lies mir das Lied, wo es gleich im

Anfang heißt: >Gott will's machen.<«

Das Heidi wußte jetzt so gut Bescheid in dem alten Liederbuch, daß

es auf der Stelle fand, was die Großmutter begehrte, und es las mit

hellem Ton:

»Gott will's machen,

Daß die Sachen

Gehen, wie es heilsam ist.

Laß die Wellen

Immer schwellen,

Denk, wie du so sicher bist!«

»Ja, ja, das ist's grad, was ich hören mußte«, sagte die Großmutter

erleichtert, und der Ausdruck der Bekümmernis verschwand aus ihrem

Gesichte. Das Heidi schaute sie nachdenklich an, dann sagte es:

»Gelt, Großmutter, >heilsam< heißt, wenn alles heilt, daß es einem

wieder ganz wohl wird?«

»Ja, ja, so wird's sein«, nickte bejahend die Großmutter, »und weil

der liebe Gott es so machen will, so kann man ja sicher sein, wie's

auch kommt. Lies es noch einmal, Heidi, daß wir's so recht behalten

können und nicht wieder vergessen.«

Das Heidi las seinen Vers gleich noch einmal und dann noch ein

paarmal, denn die Sicherheit gefiel ihm auch so gut.

Als so der Abend herangekommen war und das Heidi wieder den Berg

hinaufwanderte, da kam über ihm ein Sternlein nach dem andern heraus

und funkelte und leuchtete zu ihm herunter, und es war gerade, als

wollte jedes wieder neu ihm eine große Freude ins Herz hineinstrahlen,

und alle Augenblicke mußte das Heidi wieder stille stehen und

hinaufschauen, und wie sie alle ringsum am Himmel in immer hellerer

Freude herunterblickten, da mußte es ganz laut hinaufrufen: »Ja, ich

weiß schon, weil der liebe Gott alles so gut weiß, wie es heilsam

ist, kann man eine solche Freude haben und ganz sicher sein!« Und die

Sternlein alle schimmerten und glänzten und winkten dem Heidi zu mit

ihren Augen fort und fort, bis es oben bei der Hütte angekommen war,

wo der Großvater stand und auch zu den Sternen hinaufschaute, denn so

schön hatten sie lange nicht mehr heruntergestrahlt.

Nicht nur die Nächte, auch die Tage dieses Maimonats waren so hell

und klar wie seit vielen Jahren nicht mehr, und öfters schaute der

Großvater am Morgen mit Erstaunen zu, wie die Sonne mit derselben

Pracht am wolkenlosen Himmel wieder aufstieg, wie sie niedergegangen

war, und er mußte wiederholt sagen: »Das ist ein apartes Sonnenjahr;

das gibt besondere Kraft in die Kräuter. Paß auf, Anführer, daß deine

Springer nicht zu übermütig werden vom guten Futter!«

Dann schwang der Peter ganz kühn seine Rute in der Luft, und auf

seinem Gesicht stand deutlich die Antwort geschrieben: »Mit denen will

ich's schon aufnehmen.«

So verfloß der grünende Mai, und es kam der Juni mit seiner noch

wärmeren Sonne und den langen, langen lichten Tagen, die alle Blümlein

auf der ganzen Alp herauslockten, daß sie glänzten und glühten

ringsum und die ganze Luft weit umher mit ihrem süßen Duft erfüllten.

Schon ging auch dieser Monat seinem Ende entgegen, als das Heidi

eines Morgens aus der Hütte herausgesprungen kam, wo es seine

Morgengeschäfte schon vollendet hatte. Es wollte schnell einmal unter

die Tannen hinaus und dann ein wenig weiter hinauf, um zu sehen, ob

der ganze große Busch von dem Tausendgüldenkraut offenstehe, denn die

Blümchen waren so entzückend schön in der durchscheinenden Sonne. Aber

als das Heidi um die Hütte herumrennen wollte, schrie es auf einmal

aus allen Kräften so gewaltig auf, daß der Öhi aus dem Schopf

heraustrat, denn das war etwas Ungewöhnliches.

»Großvater! Großvater!« rief das Kind wie außer sich. »Komm hierher!

Komm hierher! Sieh! Sieh!«

Der Großvater erschien auf den Ruf, und sein Blick folgte dem

ausgestreckten Arm des aufgeregten Kindes.

Die Alm herauf schlängelte sich ein seltsamer Zug, wie noch nie einer

hier gesehen worden war. Zuerst kamen zwei Männer mit einem offenen

Tragsessel, darauf saß ein junges Mädchen, in viele Tücher eingehüllt.

Dann kam ein Pferd, darauf saß eine stattliche Dame, die sehr lebhaft

nach allen Seiten blickte und sich eifrig mit dem jungen Führer

unterhielt, der ihr zur Seite ging. Dann kam ein leerer Rollstuhl,

von einem andern jungen Burschen gestoßen, denn die Kranke, die

hineingehörte, wurde den steilen Berg hinan auf dem Tragsessel

sicherer transportiert. Zuletzt kam ein Träger, der hatte auf sein

Reff so viele Decken, Tücher und Pelze übereinandergehäuft, daß sie

oben noch hoch über seinen Kopf hinausragten.

»Sie sind's! Sie sind's!« schrie das Heidi und hüpfte hoch auf vor

Freude. Sie waren es wirklich. Nun kamen sie näher und näher, und nun

waren sie da. Die Träger setzten ihren Sessel auf die Erde, das Heidi

sprang herzu, und die beiden Kinder begrüßten sich mit ungeheurer

Freude. Jetzt war auch die Großmama oben und stieg von ihrem

Pferde herunter. Das Heidi rannte zu ihr hin und wurde mit großer

Zärtlichkeit begrüßt. Dann wandte sich die Großmama zum Almöhi um, der

sich genaht hatte, um sie zu bewillkommnen. Da war gar keine Steifheit

in der Begrüßung, denn sie kannte ihn und er sie so gut, als hätten

sie schon lange Zeit miteinander verkehrt.

Gleich nach den ersten Worten der Begrüßung sagte auch die Großmama

mit großer Lebhaftigkeit: »Mein lieber Öhi, was haben Sie für einen

Herrensitz! Wer hätte das gedacht! Mancher König könnte Sie darum

beneiden! Wie sieht auch mein Heidi aus! Wie ein Monatsröschen!« fuhr

sie fort, indem sie das Kind an sich zog und ihm die frischen Backen

streichelte. »Was ist das für eine Herrlichkeit um und um! Was sagst

du, Klärchen, mein Kind, was sagst du!«

Klara schaute in völligem Entzücken um sich. So etwas hatte sie ja in

ihrem ganzen Leben nicht gekannt, nicht geahnt.

»Oh, wie schön ist's da! Oh, wie schön ist's da!« rief sie einmal ums

andere aus. »So hab ich mir's nicht gedacht. O Großmama, hier möcht

ich bleiben!«

Der Öhi hatte derweilen den Rollstuhl herbeigerückt und einige der

Tücher vom Reff heruntergenommen und hineingebettet. Jetzt trat er an

den Tragsessel heran.

»Wenn wir das Töchterchen nun in den gewohnten Stuhl setzten, so

wäre es besser daran, der Reisesessel ist ein wenig hart«, sagte er,

wartete aber nicht darauf, ob da jemand Hand anlegen werde, sondern

hob sofort die kranke Klara mit seinen starken Armen sachte aus dem

Strohsessel und setzte sie mit der größten Sorgfalt auf den weichen

Sitz hin. Dann legte er die Tücher über die Knie zurecht und bettete

ihr die Füße so bequem auf die Polster, als hätte der Öhi sein Leben

lang nichts getan, als Menschen mit kranken Gliedern gepflegt. Die

Großmama hatte im höchsten Erstaunen zugeschaut.

»Mein lieber Öhi«, brach sie jetzt aus, »wenn ich wüßte, wo Sie die

Krankenpflege erlernt haben, noch heute schickte ich alle Wärterinnen,

die ich kenne, dahin, daß sie dasselbe tun. Wie ist denn so etwas

möglich?«

Der Öhi lächelte ein wenig. »Es kommt mehr vom Probieren als vom

Studieren«, entgegnete er, aber auf seinem Gesichte lag trotz des

Lächelns ein Zug der Traurigkeit. Vor seinen Augen war aus längst

vergangener Zeit das leidende Antlitz eines Mannes aufgestiegen, der

so in einen Stuhl gebettet dasaß und so verstümmelt war, daß er kaum

ein Glied mehr gebrauchen konnte. Das war sein Hauptmann, den er

in Sizilien nach dem heißen Gefechte so an der Erde gefunden und

weggetragen hatte und der ihn nachher als einzigen Pfleger um sich

litt und nicht mehr von sich gelassen hatte, bis seine schweren Leiden

zu Ende waren. Der Öhi sah seinen Kranken wieder vor sich; es war ihm

nicht anders, als ob es jetzt seine Sache sei, die kranke Klara zu

pflegen und ihr alle die erleichternden Dienstleistungen zu erweisen,

die er so wohl kannte.

Der Himmel lag dunkelblau und wolkenlos über der Hütte und über

den Tannen und weit über die hohen Felsen weg, die grau schimmernd

hineinragten. Klara konnte sich gar nicht genug umschauen, sie war

ganz voller Entzücken über alles, was sie sah.

»O Heidi, wenn ich nur mit dir herumgehen könnte, hier rund um die

Hütte und unter die Tannen!« rief sie sehnsüchtig aus. »Wenn ich doch

alles mit dir ansehen könnte, was ich schon so lange kenne und doch

noch nie gesehen habe!«

Jetzt machte das Heidi eine große Anstrengung, und richtig, es gelang,

der Stuhl rollte ganz schön über den trockenen Grasboden hin bis unter

die Tannen. Hier wurde haltgemacht. So etwas hatte ja Klara wieder

in ihrem Leben nie gesehen, wie die hohen, alten Tannen waren, deren

lange, breite Äste bis auf den Boden herabwuchsen und da immer größer

und dicker wurden. Auch die Großmama, die den Kindern gefolgt war,

stand in hoher Bewunderung da. Sie wußte nicht, was das schönste an

den uralten Bäumen war, ob die vollen, rauschenden Wipfel hoch oben im

Blau oder die geraden, festen Säulenstämme, die mit ihren gewaltigen

Ästen von so vielen, vielen Jahren erzählten, die sie schon da oben

gestanden und auf das Tal niedergeschaut hatten, wo die Menschen kamen

und gingen und immer wieder alles anders wurde, und sie waren immer

dieselben geblieben.

Unterdessen hatte das Heidi den Rollstuhl vor den Geißenstall

hingeschoben und hatte da die kleine Tür weit aufgerissen, damit

Klara auch alles recht sehen könne. Da war nun freilich für diesmal

nicht sehr viel zu sehen, da die Bewohner nicht daheim waren. Ganz

bedauerlich rief Klara zurück:

»O Großmama, wenn ich doch nur Schwänli und Bärli noch erwarten könnte

und alle die anderen Geißen und den Peter! Die kann ich ja alle gar

nicht sehen, wenn wir dann immer so früh fort müssen, wie du gesagt

hast; das ist so schade!«

»Liebes Kind, jetzt erfreuen wir uns an all dem Schönen, das da ist,

und denken nicht daran, was noch fehlen könnte«, berichtigte die

Großmama, dem Stuhle folgend, der nun wieder weitergeschoben wurde.

»Oh, die Blumen!« schrie Klara wieder auf. »Ganze Büsche so feine,

rote Blümchen und alle die nickenden Blauglöckchen! Oh, wenn ich doch

heraus könnte und sie holen!«

Das Heidi rannte augenblicklich hin und brachte einen großen Strauß

zurück.

»Aber das ist noch gar nichts, Klara«, sagte es, die Blumen auf ihren

Schoß legend. »Wenn du einmal mit uns auf die Weide hinaufkommst, dann

wirst du erst etwas sehen! Auf einem Platz zusammen so viele, viele

Büsche von dem roten Tausendgüldenkraut und noch viel, viel mehr blaue

Glockenblümchen als hier und so viele tausend von den hellen, gelben

Weideröschen, daß es ist wie lauter Gold, das am Boden glänzt. Und

dann sind erst noch die mit den großen Blättern, der Großvater sagt,

sie heißen Sonnenaugen, und dann sind noch die braunen, weißt du, mit

den runden Köpfchen, die riechen so gut, und da ist es so schön! Wenn

man da sitzt, dann kann man gar nicht mehr aufstehen, so schön ist

es!«

Heidis Augen funkelten vor Verlangen wiederzusehen, was es beschrieb,

und Klara war wie angezündet davon, und aus ihren sanften blauen Augen

leuchtete ein völliger Widerschein von Heidis feurigem Verlangen auf.

»O Großmama, kann ich wohl dahin kommen? Glaubst du, ich kann so hoch

hinauf?« fragte sie sehnsüchtig. »Oh, wenn ich nur gehen könnte,

Heidi, und so mit dir auf der Alp herumsteigen, überallhin!«

»Ich will dich schon stoßen«, beruhigte sie das Heidi und nahm nun zum

Zeichen, wie leicht das gehe, einen solchen Anlauf um die Ecke herum,

daß der Stuhl fast den Berg hinuntergeflogen wäre. Da stand aber der

Großvater in der Nähe und hielt ihn eben noch rechtzeitig auf in

seinem Lauf.

Während der Besuch unter den Tannen stattgefunden hatte, war der

Großvater nicht müßig gewesen. Bei der Bank vor der Hütte stand jetzt

der Tisch und die nötigen Stühle, und alles lag schon bereit, damit

hier das schöne Mittagsmahl eingenommen werden konnte, das noch in

der Hütte drinnen im Kessel dampfte und an der großen Gabel über

den Gluten schmorte. Es währte aber gar nicht lange, so hatte der

Großvater alles auf den Tisch gesetzt, und fröhlich saß nun die ganze

Gesellschaft beim Mahle.

Die Großmama war in hellem Entzücken über diesen Speisesaal, von

dem aus man weit, weit hinab ins Tal und über alle Berge weg in den

blauen Himmel hinein schauen konnte. Ein milder Wind fächelte den

Tischgenossen liebliche Kühlung zu und säuselte drüben in den Tannen

so anmutig, als wäre er eine eigens zum Feste bestellte Tafelmusik.

»So etwas ist mir noch nicht vorgekommen. Es ist eine wahre

Herrlichkeit!« rief die Großmama wieder und wieder aus. »Aber was seh

ich«, setzte sie jetzt in höchster Bewunderung hinzu, »ich glaube gar,

du bist an einem zweiten Stück Käsebraten angekommen, Klärchen?«

Wirklich lag das zweite golden glänzende Stück auf Klaras

Brotschnitte.

»Oh, das schmeckt so gut, Großmama, besser als die ganze Tafel in

Ragaz«, versicherte Klara und biß mit großem Appetit in die gewürzige

Speise hinein.

»Nur zu! Nur zu!« sagte der Almöhi wohlgefällig. »Das ist unser

Bergwind, der hilft nach, wo die Küche zurückbleibt.«

So nahm das fröhliche Mahl seinen Verlauf. Die Großmama und der Almöhi

verstanden sich ausnehmend wohl, und ihr Gespräch war immer lebhafter

geworden. Sie stimmten in allerhand Meinungen über Menschen und Dinge

und den Verlauf der Welt so gut überein, daß es war, als hätten die

beiden schon jahrelang in einem freundschaftlichen Verkehr gestanden.

So ging eine gute Zeit dahin, und auf einmal schaute die Großmama

gegen Abend hin und sagte:

»Wir müssen uns bald rüsten, Klärchen, die Sonne ist schon weit

vorgerückt; die Leute müssen bald wiederkommen mit Pferd und Sessel.«

Aber auf das eben noch so fröhliche Gesicht der Klara kam ein ganz

trauriger Ausdruck, und sie bat eindringlich: »Oh, nur noch eine

Stunde, Großmama, oder zwei! Wir haben ja die Hütte noch gar nicht

gesehen und Heidis Bett und die ganze Einrichtung. Oh, wenn der Tag

nur noch zehn Stunden hätte!«

»Das ist nun nicht gut möglich«, meinte die Großmama, aber die Hütte

wollte sie auch gern noch ansehen. Man brach also gleich vom Tische

auf, und der Öhi lenkte den Stuhl mit fester Hand der Türe zu. Aber

hier ging es nicht weiter, der Stuhl war viel zu breit, um durch die

Öffnung eingehen zu können. Der Öhi besann sich nicht lange. Er hob

Klara heraus und trug sie auf seinem sicheren Arm in die Hütte hinein.

Hier lief die Großmama hin und her und besah sich genau die ganze

Einrichtung und hatte ihren großen Spaß an der ganzen Häuslichkeit,

die so hübsch aufgeräumt und wohlgeordnet aussah. »Das ist ja wohl

dein Bett dort auf der Höhe, Heidi, nicht wahr?« fragte sie jetzt und

stieg gleich unerschrocken das Leiterchen hinauf zum Heuboden. »Oh,

wie das hübsch duftet, das muß ein gesundes Schlafgemach sein!« Und

die Großmama ging zu dem Loche hin und guckte durch, und schon stieg

auch der Großvater mit der Klara auf dem Arm nach, und hinterdrein

hüpfte das Heidi herauf.

Jetzt standen sie alle um Heidis schön aufgerüstetes Heubett herum,

und ganz nachdenklich schaute die Großmama darauf hin und zog von Zeit

zu Zeit in langen Atemzügen den würzigen Duft des frischen Heues mit

Behagen ein. Klara war von Heidis Schlafstätte völlig hingerissen.

»O Heidi, wie lustig hast du's doch! Vom Bett aus siehst du gerade in

den Himmel hinein und hast einen so schönen Geruch um dich und hörst

die Tannen rauschen draußen. Oh, so lustig und kurzweilig hab ich noch

gar kein Schlafzimmer gesehen!«

Der Öhi schaute jetzt zu der Großmama hinüber.

»Ich hätte so meine Gedanken«, sagte er, »wenn die Frau Großmama mir

glauben wollte und ihr die Sache nicht widerstrebte. Ich meine, wenn

wir das Töchterchen ein wenig hier oben behielten, so könnte es zu

neuen Kräften kommen. Es sind da so allerhand Tücher und Decken

mitgekommen, aus denen bereiten wir hier ein ganz apart weiches Bett,

und um die Pflege des Töchterchens müßte die Frau Großmama keine Sorge

haben, die übernehme ich.«

Klara und Heidi jauchzten miteinander auf wie zwei freigelassene

Vögel, und über das Gesicht der Großmama kam ein ganzer Sonnenschein.

Heidi kann brauchen, was es gelernt hat · 第 4 / 9 段