»Gott Lob und Dank!« sagte die Großmutter gleich, als sie das Heidi

hereinspringen hörte. Sie hatte schon den ganzen Herbst durch eine

geheime Angst im Herzen gehabt, die sie noch immer verfolgte,

besonders wenn das Heidi eine Zeitlang nicht kam. Der Peter hatte

berichtet, wie ein fremder Herr aus Frankfurt gekommen sei und immer

mit auf die Weide komme und mit dem Heidi reden wolle, und die

Großmutter meinte nicht anders, als der Herr sei gekommen, das Heidi

wieder mit fortzunehmen. Wenn er auch nachher schon allein abreiste,

so stieg die Angst doch immer wieder in ihr auf, es könnte irgendein

Abgesandter von Frankfurt herkommen und das Kind wieder zurückholen.

Das Heidi sprang zu dem Bett der Kranken hin und fragte sorglich:

»Bist du stark krank, Großmutter?«

»Nein, nein, Kind«, beruhigte die Alte, indem sie das Heidi liebevoll

streichelte, »der Frost ist mir nur ein wenig in die Glieder

gefahren.«

»Wirst du dann auf der Stelle gesund, wenn es wieder warm ist?« fragte

eindringlich das Heidi weiter.

»Ja, ja, will's Gott, noch vorher, daß ich wieder an mein Spinnrad

kann. Ich meinte schon heute, ich wolle es probieren, morgen wird's

dann schon wieder gehen«, sagte die Großmutter in zuversichtlicher

Weise, denn sie hatte schon gemerkt, daß das Kind erschrocken war.

Ihre Worte beruhigten das Heidi, dem es sehr angst gewesen war,

denn krank im Bett hatte es die Großmutter noch nie getroffen. Es

betrachtete sie jetzt ein wenig verwundert, dann sagte es:

»In Frankfurt legen sie einen Schal an zum Spazierengehen. Hast

du etwa gemeint, man müsse ihn anlegen, wenn man ins Bett geht,

Großmutter?«

»Weißt du, Heidi«, entgegnete sie, »ich nehme den Schal so um im Bett,

daß ich nicht friere. Ich bin so froh darüber, die Decke ist ein wenig

dünn.«

»Aber Großmutter«, fing das Heidi wieder an, »bei deinem Kopf geht es

bergab, wo es ganz bergauf gehen sollte; so muß ein Bett nicht sein.«

»Ich weiß schon, Kind, ich spüre es auch wohl«, und die Großmutter

suchte auf dem Kissen, das wie ein dünnes Brett unter ihrem Kopfe

lag, einen besseren Platz zu gewinnen. »Siehst du, das Kissen war nie

besonders dick, und jetzt habe ich so viele Jahre darauf geschlafen,

daß ich es ein wenig flachgelegen habe.«

»O hätt ich nur in Frankfurt die Klara gefragt, ob ich nicht mein Bett

mitnehmen könne«, sagte jetzt das Heidi. »Da hatte es drei große,

dicke Kissen aufeinander, daß ich gar nicht schlafen konnte und immer

weiter herunterrutschte, bis wo es flach war, und dann mußte ich

wieder hinauf, weil man dort so schlafen muß. Könntest du so schlafen,

Großmutter?«

»Ja freilich, das macht warm, und man bekommt den Atem so gut, wenn

man so hoch liegen kann mit dem Kopf«, sagte die Großmutter, ein wenig

mühsam ihren Kopf aufrichtend, so wie um eine höhere Stelle zu finden.

»Aber wir wollen jetzt nicht von dem reden, ich habe ja dem lieben

Gott für so vieles zu danken, was andere Alte und Kranke nicht haben.

Schon das gute Brötchen, das ich immer bekomme, und das schöne, warme

Tuch hier und daß du so zu mir kommst, Heidi. Willst du mir auch

wieder etwas lesen heute?«

Das Heidi lief hinaus und holte das alte Liederbuch herbei. Nun suchte

es ein schönes Lied nach dem andern, denn es kannte sie jetzt wohl,

und es freute sich selbst, das alles wieder zu hören, es hatte ja seit

vielen Tagen die Verse alle, die ihm lieb waren, nicht mehr gehört.

Die Großmutter lag mit gefalteten Händen da, und auf ihrem Gesichte,

das erst so bekümmert ausgesehen hatte, lag jetzt ein so freudiges

Lächeln, als wäre ihr eben ein großes Glück zuteil geworden.

Das Heidi hielt auf einmal inne.

»Großmutter, bist du schon gesund geworden?« fragte es.

»Es ist mir wohl, Heidi, es ist mir wohl geworden darüber. Lies es

noch fertig, willst du?«

Das Kind las sein Lied zu Ende, und als die letzten Worte kamen:

»Wird mein Auge dunkler, trüber,

Dann erleuchte meinen Geist,

Daß ich fröhlich zieh' hinüber,

Wie man nach der Heimat reist«,

da wiederholte sie die Großmutter und dann noch einmal und noch

einmal, und auf ihrem Gesicht lag jetzt eine große freudige Erwartung.

Dem Heidi wurde so wohl dabei. Der ganze sonnige Tag seiner Heimkehr

stieg vor ihm auf, und voller Freude rief es aus: »Großmutter,

ich weiß schon, wie es ist, wenn man nach der Heimat reist.« Sie

antwortete nichts, aber sie hatte die Worte wohl vernommen, und der

Ausdruck, der dem Heidi so wohl getan hatte, blieb auf ihrem Gesicht.

Nach einer Weile sagte das Kind wieder: »Jetzt wird's dunkel,

Großmutter, ich muß heim; aber ich bin so froh, daß es dir jetzt

wieder wohl ist.«

Die Großmutter nahm die Hand des Kindes in die ihrige und hielt sie

fest; dann sagte sie:

»Ja, ich bin auch wieder so froh; wenn ich auch noch liegen bleiben

muß, so ist es mir doch wohl. Siehst du, das weiß niemand, der es

nicht erfahren hat, wie das ist, wenn man viele, viele Tage so ganz

allein daliegt und hört kein Wort von einem andern Menschen und kann

nichts sehen, nicht einen einzigen Sonnenstrahl. Dann kommen so

schwere Gedanken über einen, daß man manchmal meint, es könne nie mehr

Tag werden und man könne nicht mehr weiter. Aber wenn man dann einmal

wieder die Worte hört, die du mir vorgelesen hast, so ist es, wie wenn

einem ein Licht davon aufgehen würde im Herzen, an dem man sich wieder

freuen kann.«

Jetzt ließ die Großmutter die Hand des Kindes los, und nachdem es ihr

gute Nacht gesagt, lief es in die Stube zurück und zog den Peter eilig

hinaus, denn es war unterdessen Nacht geworden. Aber draußen stand der

Mond am Himmel und schien hell auf den weißen Schnee, daß es war, als

wolle der Tag schon wieder angehen. Der Peter zog seinen Schlitten

zurecht, setzte sich vorn darauf, das Heidi hinter ihn, und fort

schossen sie die Alm hinunter, nicht anders, als wären sie zwei Vögel,

die durch die Lüfte sausen.

Als später das Heidi auf seinem schönen, hohen Heubette hinter dem

Ofen lag, da kam ihm die Großmutter wieder in den Sinn, wie sie so

schlecht lag mit dem Kopfe, und dann mußte es an alles denken, was sie

gesagt hatte, und an das Licht, das ihr die Worte im Herzen anzünden.

Und es dachte: Wenn die Großmutter nur alle Tage die Worte hören

könnte, dann würde es ihr jeden Tag einmal wohl. Aber es wußte, nun

konnte eine ganze Woche, oder vielleicht auch zwei, vergehen, ehe es

wieder zu ihr hinauf durfte. Das kam dem Heidi so traurig vor, daß

es immer stärker nachsinnen mußte, was es nur machen könnte, daß die

Großmutter die Worte jeden Tag zu hören bekäme. Auf einmal fiel ihm

die Hilfe ein, und es war so froh darüber, daß es meinte, es könne

gar nicht erwarten, daß der Morgen wiederkomme und es seinen Plan

ausführen könne. Auf einmal setzte das Heidi sich wieder ganz gerade

auf in seinem Bett, denn vor lauter Nachdenken hatte es ja sein

Nachtgebet noch nicht zum lieben Gott hinaufgeschickt, und das wollte

es doch nie mehr vergessen.

Als es nun so recht von Herzen für sich und den Großvater und die

Großmutter gebetet hatte, fiel es auf einmal in sein weiches Heu

zurück und schlief ganz fest und friedlich bis zum hellen Morgen.

Der Winter dauert fort

Am andern Tage kam der Peter gerade zur rechten Zeit in die

Schule heruntergefahren. Sein Mittagessen hatte er in seinem Sack

mitgebracht, denn da ging es so zu: Wenn um Mittag die Kinder im

Dörfli nach Hause gingen, dann setzten sich die einzelnen Schüler, die

weit weg wohnten, auf die Klassentische, stemmten die Füße fest auf

die Bänke und breiteten auf den Knien die mitgebrachten Speisen aus,

um so ihr Mittagsmahl zu halten. Bis um ein Uhr konnten sie sich daran

vergnügen, dann fing die Schule wieder an. Hatte der Peter einmal

einen solchen Schultag mitgemacht, dann ging er am Schluß zum Öhi

hinüber und machte seinen Besuch beim Heidi.

Als er heute nach Schulschluß in die große Stube beim Öhi eintrat,

schoß das Heidi gleich auf ihn zu, denn gerade auf ihn hatte es

gewartet. »Peter, ich weiß etwas«, rief es ihm entgegen.

»Sag's«, gab er zurück.

»Jetzt mußt du lesen lernen«, lautete die Nachricht.

»Hab's schon getan«, war die Antwort.

»Ja, ja, Peter, so mein ich nicht«, eiferte jetzt das Heidi. »Ich

meine so, daß du es nachher kannst.

»Kann nicht«, bemerkte der Peter.

»Das glaubt dir jetzt kein Mensch mehr und ich auch nicht«, sagte das

Heidi sehr entschieden. »Die Großmama in Frankfurt hat schon gewußt,

daß es nicht wahr ist, und sie hat mir gesagt, ich soll es nicht

glauben.«

Der Peter staunte über diese Nachricht.

»Ich will dich schon lesen lehren, ich weiß ganz gut, wie«, fuhr das

Heidi fort. »Du mußt es jetzt einmal erlernen, und dann mußt du alle

Tage der Großmutter ein Lied lesen oder zwei.«

»Das ist nichts«, brummte der Peter.

Dieser hartnäckige Widerstand gegen etwas, das gut und recht war

und dem Heidi so sehr am Herzen lag, brachte es in Aufregung. Mit

blitzenden Augen stellte es sich jetzt vor den Buben hin und sagte

bedrohlich:

»Dann will ich dir schon sagen, was kommt, wenn du nie etwas lernen

willst: Deine Mutter hat schon zweimal gesagt, du müssest auch nach

Frankfurt, daß du allerhand lernest, und ich weiß schon, wo dort

die Buben in die Schule gehen. Beim Ausfahren hat mir die Klara das

furchtbar große Haus gezeigt. Aber dort gehen sie nicht nur, wenn sie

Buben sind, sondern immerfort, wenn sie schon ganz große Herren sind,

das habe ich selber gesehen. Und dann mußt du nicht meinen, daß nur

ein einziger Lehrer da ist wie bei uns, und ein so guter. Da gehen

immer ganze Reihen, viele miteinander in das Haus hinein, und alle

sehen ganz schwarz aus, wie wenn sie in die Kirche gingen, und haben

so hohe schwarze Hüte auf den Köpfen« - und das Heidi gab das Maß von

den Hüten an vom Boden auf.

Dem Peter fuhr ein Schauder den Rücken hinauf.

»Und dann mußt du dort hinein unter alle die Herren«, fuhr das Heidi

mit Eifer fort, »und wenn es dann an dich kommt, so kannst du gar

nicht lesen und machst noch Fehler beim Buchstabieren. Dann kannst

du nur sehen, wie dich die Herren ausspotten, das ist dann noch viel

ärger als die Tinette, und du solltest nur wissen, wie es ist, wenn

diese spottet.«

»So will ich«, sagte der Peter halb kläglich, halb ärgerlich.

Im Augenblick war das Heidi besänftigt. »So, das ist recht, dann

wollen wir gleich anfangen«, sagte es erfreut, und geschäftig zog es

den Peter an den Tisch hin und holte das nötige Werkzeug herbei.

In dem großen Paket der Klara hatte sich auch ein Büchlein befunden,

das dem Heidi wohlgefiel, und schon gestern nacht war es ihm in den

Sinn gekommen, das könne es gut zu dem Unterricht für den Peter

gebrauchen, denn das war ein Abc-Büchlein mit Sprüchen.

Jetzt saßen die beiden am Tisch, die Köpfe über das kleine Buch

gebeugt, und die Lehrstunde konnte beginnen.

Der Peter mußte den ersten Spruch buchstabieren und dann wieder und

dann noch einmal, denn das Heidi wollte die Sache sauber und geläufig

haben.

Endlich sagte es: »Du kannst's immer noch nicht, aber ich will dir ihn

jetzt einmal hintereinander lesen; wenn du weißt, wie's heißen muß,

kannst du's dann besser zusammenbuchstabieren.« Und das Heidi las:

»Geht heut das A B C noch nicht,

Kommst morgen du vors Schulgericht.«

»Ich geh nicht«, sagte der Peter störrisch.

»Wohin?« fragte das Heidi.

»Vor das Gericht«, war die Antwort.

»So mach, daß du einmal die drei Buchstaben kennst, dann mußt du ja

nicht gehen«, bewies ihm das Heidi.

Jetzt setzte der Peter noch einmal an und repetierte beharrlich die

drei Buchstaben so lange fort, bis das Heidi sagte:

»Jetzt kannst du die drei.«

Da es aber nun bemerkt hatte, welch eine Wirkung der Spruch auf den

Peter ausgeübt hatte, wollte es gleich noch ein wenig vorarbeiten für

die folgenden Lehrstunden.

»Wart, ich will dir jetzt noch die anderen Sprüche lesen«, fuhr es

fort, »dann wirst du sehen, was alles noch kommen kann.«

Und es begann sehr klar und verständlich zu lesen:

»D E F G muß fließend sein,

Sonst kommt ein Unglück hintendrein.

Vergessen H I K,

Das Unglück ist schon da.

Wer am L M noch stottern kann,

Zahlt eine Buß und schämt sich dann.

Es gibt etwas, und wüßtest's du,

Du lerntest schnell N O P Q.

Stehst du noch an bei R S T,

Kommt etwas nach, das tut dir weh.«

Hier hielt das Heidi inne, denn der Peter war so mäuschenstill, daß

es einmal sehen mußte, was er mache. Alle die Drohungen und geheimen

Schrecknisse hatten ihm so zugesetzt, daß er kein Glied mehr bewegte

und schreckensvoll das Heidi anstarrte.

Das rührte sogleich sein mitleidiges Herz, und tröstend sagte es: »Du

mußt dich nicht fürchten, Peter; komm du jetzt nur jeden Abend zu mir,

und wenn du dann lernst wie heut, so kennst du allemal zuletzt die

Buchstaben, und dann kommt ja das andere nicht. Aber nun mußt du alle

Tage kommen, nicht so, wie du in die Schule gehst; wenn es schon

schneit, es tut dir ja nichts.«

Der Peter versprach, so zu tun, denn der erschreckende Eindruck hatte

ihn ganz zahm und willig gemacht. Jetzt trat er seinen Heimweg an.

Der Peter befolgte Heidis Vorschrift pünktlich, und jeden Abend

wurden mit Eifer die folgenden Buchstaben einstudiert und der Spruch

beherzigt.

Oft saß auch der Großvater in der Stube und hörte dem Exerzitium zu,

indem er vergnüglich sein Pfeifchen rauchte, während es öfter in

seinen Mundwinkeln zuckte, so, als ob ihn von Zeit zu Zeit eine große

Heiterkeit übernehmen wollte.

Nach der großen Anstrengung wurde der Peter dann meistens

aufgefordert, noch dazubleiben und beim Abendessen mitzuhalten, was

ihn alsbald für die ausgestandene Angst, die der heutige Spruch mit

sich gebracht hatte, reichlich entschädigte.

So gingen die Wintertage dahin. Der Peter erschien regelmäßig und

machte wirklich Fortschritte mit seinen Buchstaben.

Mit den Sprüchen hatte er aber täglich zu fechten. Man war jetzt beim

U angelangt. Als das Heidi den Spruch las:

»Wer noch das U in V verdreht,

Kommt dahin, wo er nicht gern geht«,

da knurrte der Peter: »Ja, wenn ich ginge!« Aber er lernte doch

tüchtig zu, so, als stehe er unter dem Eindruck, es könnte ihn doch

heimlich einer beim Kragen nehmen und dorthin bringen, wohin er nicht

gern ginge.

Am folgenden Abend las das Heidi:

»Ist dir das W noch nicht bekannt,

Schau nach dem Rütlein an der Wand.«

Da guckte der Peter hin und sagte höhnisch: »Hat keins.«

»Ja, ja, aber weißt du, was der Großvater im Kasten hat?« fragte das

Heidi. »Einen Stecken, fast so dick wie mein Arm, und wenn man ihn

herausnimmt, so kann man nur sagen: >Schau nach dem Stecken an der

Wand!<«

Der Peter kannte den dicken Haselstock. Augenblicklich beugte er sich

über sein W und suchte es zu erfassen.

Am anderen Tage hieß es:

»Willst du noch das X vergessen,

Kriegst du heute nix zu essen.«

Da schaute der Peter forschend zu dem Schrank hinüber, wo das Brot

und der Käse darinlagen, und sagte ärgerlich: »Ich habe ja gar nicht

gesagt, daß ich das X vergessen wolle.«

»Es ist recht, wenn du das nicht vergessen willst, dann können wir

auch gleich noch einen lernen«, schlug das Heidi vor, »dann hast du

morgen nur noch einen einzigen Buchstaben.«

Der Peter war nicht einverstanden. Aber schon las das Heidi:

»Machst du noch Halt beim Y,

Kommst du mit Hohn und Spott davon.«

Da stiegen vor Peters Augen alle die Herren in Frankfurt auf mit

den hohen schwarzen Hüten auf den Köpfen und Hohn und Spott in den

Gesichtern. Augenblicklich warf er sich auf das Ypsilon und ließ es

nicht wieder los, bis er es so gut kannte, daß er die Augen zutun

konnte und doch noch wußte, wie es aussah.

Am Tag darauf kam der Peter schon ein wenig hoch beim Heidi an, denn

da war ja nur noch ein einziger Buchstabe zu verarbeiten, und als ihm

das Heidi gleich den Spruch las:

»Wer zögernd noch beim Z bleibt stehn,

Muß zu den Hottentotten gehn!«,

da höhnte der Peter: »Ja, wenn kein Mensch weiß, wo die sind!«

»Freilich, Peter, das weiß der Großvater schon«, versicherte das

Heidi. »Wart nur, ich will ihn geschwind fragen, wo sie sind, er ist

nur beim Herrn Pfarrer drüben.« Und schon war das Heidi aufgesprungen

und wollte zur Tür hinaus.

»Wart«, schrie jetzt der Peter in voller Angst, denn schon sah er in

seiner Einbildung den Almöhi mitsamt dem Herrn Pfarrer daherkommen und

wie ihn die zwei nun gleich anpacken und den Hottentotten übersenden

würden, denn er hatte ja wirklich nicht mehr gewußt, wie das Z hieß.

Sein Angstgeschrei ließ das Heidi stillstehen.

»Was hast du denn?« fragte es verwundert.

»Nichts! Komm zurück! Ich will lernen«, stieß der Peter mit

Unterbrechungen hervor. Aber das Heidi hätte jetzt selbst gern gewußt,

wo die Hottentotten seien, und es wollte durchaus den Großvater

fragen. Der Peter schrie ihm aber so verzweifelt nach, daß es nachgab

und zurückkam. Nun mußte er aber auch etwas tun dafür. Nicht nur wurde

das Z so manchmal wiederholt, daß der Buchstabe für alle Zeit in

seinem Gedächtnis festsitzen mußte, sondern das Heidi ging gleich noch

zum Syllabieren über, und an dem Abend lernte der Peter so viel, daß

er um einen ganzen Ruck vorwärts kam. So ging es weiter Tag für Tag.

Der Schnee war wieder weich geworden, und darüberhin schneite es

neuerdings einen Tag um den andern, so daß das Heidi wohl drei Wochen

lang gar nicht zur Großmutter hinauf konnte. Um so eifriger war es in

seiner Arbeit an dem Peter, daß er es ersetzen könne beim Liederlesen.

So kam eines Abends der Peter heim vom Heidi, trat in die Stube ein

und sagte:

»Ich kann's!«

»Was kannst du, Peterli?« fragte erwartungsvoll die Mutter.

»Das Lesen«, antwortete er.

»Ist auch das möglich! Hast du's gehört, Großmutter?« rief die

Brigitte aus.

Die Großmutter hatte es gehört und mußte sich auch sehr verwundern,

wie das zugegangen sei.

»Ich muß jetzt ein Lied lesen, das Heidi hat's gesagt«, berichtete

der Peter weiter. Die Mutter holte hurtig das Buch herunter, und die

Großmutter freute sich, sie hatte so lange kein gutes Wort gehört. Der

Peter setzte sich an den Tisch hin und begann zu lesen. Seine Mutter

saß aufhorchend neben ihm; nach jedem Verse mußte sie mit Bewunderung

sagen: »Wer hätte es auch denken können!«

Auch die Großmutter folgte mit Spannung einem Verse nach dem andern,

sie sagte aber nichts dazu.

Am Tage nach diesem Ereignis traf es sich, daß in der Schule in Peters

Klasse eine Leseübung stattfand. Als die Reihe an den Peter kommen

sollte, sagte der Lehrer:

»Peter, muß man dich wieder übergehen, wie immer, oder willst du

einmal wieder - ich will nicht sagen lesen, ich will sagen: versuchen,

an einer Linie herumzustottern?«

Der Peter fing an und las hintereinander drei Linien, ohne abzusetzen.

Der Lehrer legte sein Buch weg. Mit stummem Erstaunen blickte er auf

den Peter, so, als habe er desgleichen noch nie gesehen. Endlich

sprach er: »Peter, an dir ist ein Wunder geschehen! Solange ich mit

unbeschreiblicher Geduld an dir gearbeitet habe, warst du nicht

imstande, auch nur das Buchstabieren richtig zu erfassen. Nun ich,

obwohl ungern, die Arbeit an dir als nutzlos aufgegeben habe,

geschieht es, daß du erscheinst und hast nicht nur das Buchstabieren,

sondern ein ordentliches, sogar deutliches Lesen erlernt. Woher können

zu unserer Zeit denn noch solche Wunder kommen, Peter?«

»Vom Heidi«, antwortete dieser.

Höchst verwundert schaute der Lehrer nach dem Heidi hin, das ganz

harmlos auf seiner Bank saß, so daß nichts Besonderes an ihm zu sehen

war. Er fuhr fort:

»Ich habe überhaupt eine Veränderung an dir bemerkt, Peter. Während du

früher oftmals die ganze Woche, ja mehrere Wochen hintereinander in

der Schule gefehlt hast, so bist du in der letzten Zeit nicht einen

Tag ausgeblieben. Woher kann eine solche Umwandlung zum Guten in dich

gekommen sein?«

»Vom Öhi«, war die Antwort.

Mit immer größerem Erstaunen blickte der Lehrer vom Peter auf das

Heidi und von diesem wieder auf den Peter zurück.

»Wir wollen es noch einmal versuchen«, sagte er dann behutsam, und

noch einmal mußte der Peter an drei Linien seine Kenntnisse erproben.

Es war richtig, er hatte lesen gelernt.

Sobald die Schule zu Ende war, eilte der Lehrer zum Herrn Pfarrer

hinüber, um ihm mitzuteilen, was vorgefallen war und in welcher

erfreulichen Weise der Öhi und das Heidi in der Gemeinde wirkten.

Jeden Abend las jetzt der Peter daheim ein Lied vor. So weit gehorchte

er dem Heidi, weiter aber nicht, ein zweites unternahm er nie; die

Großmutter forderte ihn aber auch nie dazu auf.

Die Mutter Brigitte mußte sich noch täglich verwundern, daß der Peter

dieses Ziel erreicht hatte, und an manchen Abenden, wenn die Vorlesung

vorbei war und der Vorleser in seinem Bett lag, mußte sie wieder zur

Großmutter sagen:

»Man kann sich doch nicht genug freuen, daß der Peterli das Lesen so

schön erlernt hat. Jetzt kann man gar nicht wissen, was noch aus ihm

werden kann.«

Da antwortete einmal die Großmutter:

»Ja, es ist so gut für ihn, daß er etwas gelernt hat; aber ich will

doch herzlich froh sein, wenn der liebe Gott nun bald den Frühling

schickt, daß das Heidi auch wieder heraufkommen kann. Es ist doch, wie

wenn es ganz andere Lieder läse. Es fehlt so manchmal etwas in den

Versen, wenn sie der Peter liest, und ich muß es dann suchen, und dann

komme ich nicht mehr nach mit den Gedanken, und der Eindruck kommt mir

nicht ins Herz, wie wenn mir das Heidi die Worte liest.«

Das kam aber daher, weil der Peter sich beim Lesen ein wenig

einrichtete, daß er's nicht zu unbequem hatte. Wenn ein Wort kam, das

gar zu lang war oder sonst schlimm aussah, so ließ er es lieber ganz

aus, denn er dachte, um drei oder vier Worte in einem Verse werde es

der Großmutter wohl gleich sein, es kommen ja dann noch viele. So kam

es, daß es fast keine Hauptwörter mehr hatte in den Liedern, die der

Peter vorlas.

Die fernen Freunde regen sich

Der Mai war gekommen. Von allen Höhen strömten die vollen

Frühlingsbäche ins Tal herab. Ein warmer, lichter Sonnenschein lag

auf der Alp. Sie war wieder grün geworden; der letzte Schnee war

weggeschmolzen, und von den lockenden Sonnenstrahlen geweckt, guckten

schon die ersten Blümchen mit ihren hellen Augen aus dem frischen

Grase heraus. Droben rauschte der fröhliche Frühlingswind durch die

Tannen und schüttelte ihnen die alten, dunkeln Nadeln fort, daß die

jungen, hellgrünen herauskommen und die Bäume herrlich schmücken

konnten. Hoch oben schwang wieder der alte Raubvogel seine Flügel

in den blauen Lüften, und rings um die Almhütte lag der goldene

Sonnenschein warm am Boden und trocknete die letzten feuchten Stellen

auf, daß man wieder hinsetzen konnte, wo man nur wollte.

Das Heidi war wieder auf der Alp. Es sprang dahin und dorthin und

wußte gar nicht, wo es am schönsten war. Jetzt mußte es dem Winde

lauschen, wie er tief und geheimnisvoll oben von den Felsen

heruntersauste, immer näher und immer mächtiger, und jetzt schoß er in

die Tannen und rüttelte und schüttelte sie, und es war, als jauchze er

vor Vergnügen, und das Heidi mußte auch aufjauchzen und wurde dabei

hin und her geblasen wie ein Blättlein. Dann lief es wieder auf das

sonnige Plätzchen vor der Hütte und setzte sich auf den Boden und

guckte in das kurze Gras hinein, zu entdecken, wie viele kleine

Blumenkelche sich öffnen wollten oder schon offen waren. Da hüpften

und krochen und tanzten auch so viele lustige Mücken und Käferchen in

der Sonne herum und freuten sich, und das Heidi freute sich mit ihnen

und sog den Frühlingsduft, der aus dem frisch erschlossenen Boden

emporstieg, in langen Zügen ein und meinte, so schön sei es noch nie

auf der Alp gewesen. Den tausend kleinen Tierlein mußte es so wohl

sein wie ihm, denn es war gerade, als summten und sängen sie in heller

Freude alle durcheinander:

»Auf der Alp! Auf der Alp! Auf der Alp!«

Vom Schopf hinter der Hütte hervor ertönte es hie und da wie ein

eifriges Klopfen und Sägen, und das Heidi lauschte auch einmal

dorthin, denn das waren die alten, heimatlichen Töne, die es so gut

kannte, die von Anfang an zum Leben auf der Alp gehört hatten. Jetzt

mußte es aufspringen und auch einmal dorthin rennen, denn es mußte

doch wissen, was beim Großvater vorging. Vor der Schopftür stand schon

fix und fertig ein schöner neuer Stuhl, und am zweiten arbeitete der

Großvater mit geschickter Hand.

»Oh, ich weiß schon, was das gibt«, rief das Heidi in Freuden aus.

»Das ist nötig, wenn sie von Frankfurt kommen. Der ist für die

Großmama und der, den du jetzt machst, für die Klara, und dann... dann

muß noch einer sein«, fuhr das Heidi zögernd fort, »oder glaubst du

nicht, Großvater, daß Fräulein Rottenmeier auch mitkommt?«

»Das kann ich nun nicht sagen«, meinte der Großvater, »aber es ist

sicherer, einen Stuhl bereit zu haben, daß wir sie zum Sitzen einladen

können, wenn sie kommt.«

Das Heidi schaute nachdenklich auf die hölzernen Stühlchen ohne

Lehne hin und machte still seine Betrachtungen darüber, wie Fräulein

Rottenmeier und ein solches Stühlchen zusammenpassen würden. Nach

einer Weile sagte es, bedenklich den Kopf schüttelnd:

»Großvater, ich glaube nicht, daß sie darauf sitzt.«

»Dann laden wir sie auf das Kanapee mit dem schönen grünen

Rasenüberzug ein«, entgegnete ruhig der Großvater.

Heidi kann brauchen, was es gelernt hat · 第 3 / 9 段