Der Herr Doktor und das Heidi waren lange miteinander herumgewandert

und hatten sich sehr gut unterhalten. Jetzt aber fand der Herr, es sei

Zeit für ihn zurückzukehren, und meinte, das Kind wolle nun auch gern

noch ein wenig bei seinen Geißen bleiben. Aber das kam dem Heidi nicht

in den Sinn, denn dann mußte ja der Herr Doktor mutterseelenallein die

ganze Alp hinuntergehen. Bis zur Hütte vom Großvater wollte es ihn

durchaus begleiten und auch noch ein Stück darüber hinaus. Es ging

immer Hand in Hand mit seinem guten Freunde und hatte auf dem ganzen

Wege ihm noch genug zu erzählen und ihm alle Stellen zu zeigen, wo die

Geißen am liebsten weideten und wo es im Sommer am meisten von den

glänzenden gelben Weideröschen und vom roten Tausendgüldenkraut und

noch anderen Blumen gebe. Die wußte es nun alle zu benennen, denn der

Großvater hatte ihm den Sommer durch alle ihre Namen beigebracht,

so, wie er sie kannte. Aber zuletzt sagte der Herr Doktor, nun müsse

es zurückkehren. Sie nahmen Abschied, und der Herr ging den Berg

hinunter, doch kehrte er sich von Zeit zu Zeit noch einmal um. Dann

sah er, wie das Heidi immer noch auf derselben Stelle stand und ihm

nachschaute und mit der Hand ihm nachwinkte. So hatte sein eigenes,

liebes Töchterchen getan, wenn er von Hause fortging.

Es war ein klarer, sonniger Herbstmonat. Jeden Morgen kam der Herr

Doktor zur Alp herauf, und dann ging es gleich weiter auf eine schöne

Wanderung. öfters zog er mit dem Almöhi aus, hoch in die Felsenberge

hinauf, wo die alten Wettertannen herunternickten und der große Vogel

in der Nähe hausen mußte, denn da schwirrte er manchmal sausend und

krächzend ganz nahe an den Köpfen der beiden Männer vorbei. Der Herr

Doktor hatte ein großes Wohlgefallen an der Unterhaltung seines

Begleiters, und er mußte sich immer mehr verwundern, wie gut der Öhi

alle Kräutlein ringsherum auf seiner Alp kannte und wußte, wozu sie

gut waren, und wieviel kostbare und gute Dinge er da droben überall

herauszufinden wußte; so in den harzigen Tannen und in den dunklen

Fichtenbäumen mit den duftenden Nadeln, in dem gekräuselten Moos,

das zwischen den alten Baumwurzeln emporsproß, und in all den feinen

Pflänzchen und unscheinbaren Blümchen, die noch ganz hoch oben dem

kräftigen Alpenboden entsprangen.

Ebenso genau kannte der Alte auch das Wesen und Treiben aller Tiere da

oben, der großen und der kleinen, und er wußte dem Herrn Doktor ganz

lustige Dinge von der Lebensweise dieser Bewohner der Felsenlöcher,

der Erdhöhlen und auch der hohen Tannenwipfel zu erzählen.

Dem Herrn Doktor verging die Zeit auf diesen Wanderungen, er wußte gar

nicht, wie, und oftmals, wenn er am Abend dem Öhi herzlich die Hand

zum Abschiede schüttelte, mußte er von neuem sagen: »Guter Freund, von

Ihnen gehe ich nie fort, ohne wieder etwas gelernt zu haben.«

An vielen Tagen aber, und gewöhnlich an den allerschönsten, wünschte

der Herr Doktor mit dem Heidi auszuziehen. Dann saßen die beiden öfter

miteinander auf dem schönen Vorsprunge der Alp, wo sie am ersten Tage

gesessen hatten, und das Heidi mußte wieder seine Liederverse sagen

und dem Herrn Doktor erzählen, was es nur wußte. Dann saß der Peter

öfter hinter ihnen an seinem Platze, aber er war jetzt ganz zahm und

faustete nie mehr.

So ging der schöne Septembermonat zu Ende. Da kam der Herr Doktor

eines Morgens und sah nicht so fröhlich aus, wie er sonst immer

ausgesehen hatte. Er sagte, es sei sein letzter Tag, er müsse nach

Frankfurt zurückkehren; das mache ihm große Mühe, denn er habe die

Alp so liebgewonnen, als wäre sie seine Heimat. Dem Almöhi tat die

Nachricht sehr leid, denn auch er hatte sich überaus gern mit dem

Herrn Doktor unterhalten, und das Heidi hatte sich so daran gewöhnt,

alle Tage seinen liebevollen Freund zu sehen, daß es gar nicht

begreifen konnte, wie das nun mit einem Male ein Ende nehmen sollte.

Es schaute fragend und ganz verwundert zu ihm auf. Aber es war

wirklich so. Der Herr Doktor nahm Abschied vom Großvater und fragte

dann, ob das Heidi ihn noch ein wenig begleiten werde. Es ging an

seiner Hand den Berg hinunter, aber es konnte immer noch nicht recht

fassen, daß er ganz fortgehe.

Nach einer Welle stand der Herr Doktor still und sagte, nun sei das

Heidi weit genug gekommen, es müsse zurückkehren. Er fuhr ein paarmal

zärtlich mit seiner Hand über das krause Haar des Kindes hin und

sagte: »Nun muß ich fort, Heidi! Wenn ich dich nur mit mir nach

Frankfurt nehmen und bei mir behalten könnte!«

Dem Heidi stand auf einmal ganz Frankfurt vor den Augen, die vielen,

vielen Häuser und steinernen Straßen und auch Fräulein Rottenmeier und

die Tinette, und es antwortete ein wenig zaghaft: »Ich wollte doch

lieber, daß Sie wieder zu uns kämen.«

»Nun ja, so wird's besser sein. So leb wohl, Heidi«, sagte freundlich

der Herr Doktor und hielt ihm die Hand hin. Das Kind legte die seinige

hinein und schaute zu dem Scheidenden auf. Die guten Augen, die zu ihm

niederblickten, füllten sich mit Wasser. Jetzt wandte sich der Herr

Doktor rasch und eilte den Berg hinunter.

Das Heidi blieb stehen und rührte sich nicht. Die liebevollen Augen

und das Wasser, das es darinnen gesehen hatte, arbeiteten stark in

seinem Herzen. Auf einmal brach es in ein lautes Weinen aus, und mit

aller Macht stürzte es dem Forteilenden nach und rief, von Schluchzen

unterbrochen, aus allen Kräften:

»Herr Doktor! Herr Doktor!«

Er kehrte um und stand still.

Jetzt hatte ihn das Kind erreicht. Die Tränen strömten ihm die Wangen

herunter, während es herausschluchzte:

»Ich will gewiß auf der Stelle mit nach Frankfurt kommen und will bei

Ihnen bleiben, so lang Sie wollen, ich muß es nur noch geschwind dem

Großvater sagen.«

Der Herr Doktor streichelte beruhigend das erregte Kind.

»Nein, mein liebes Heidi«, sagte er mit dem freundlichsten Tone,

»nicht jetzt auf der Stelle; du mußt noch unter den Tannen bleiben,

du könntest mir wieder krank werden. Aber komm, ich will dich etwas

fragen: Wenn ich einmal krank und allein bin, willst du dann zu mir

kommen und bei mir bleiben? Kann ich denken, daß sich dann noch jemand

um mich kümmern und mich liebhaben will?«

»Ja, ja, dann will ich sicher kommen, noch am gleichen Tag, und Sie

sind mir auch fast so lieb wie der Großvater«, versicherte das Heidi

noch unter fortwährendem Schluchzen.

Jetzt drückte ihm der Herr Doktor noch einmal die Hand, dann setzte

er rasch seinen Weg fort. Das Heidi aber blieb auf derselben Stelle

stehen und winkte fort und fort mit seiner Hand, solange es nur noch

ein Pünktchen von dem forteilenden Herrn entdecken konnte. Als dieser

zum letztenmal sich umwandte und nach dem winkenden Heidi und der

sonnigen Alp zurückschaute, sagte er leise vor sich hin: »Dort oben

ist's gut sein, da können Leib und Seele gesunden, und man wird wieder

seines Lebens froh.«

Der Winter im Dörfli

Um die Almhütte lag der Schnee so hoch, daß es anzusehen war, als

ständen die Fenster auf dem flachen Boden, denn weiter unten war von

der ganzen Hütte gar nichts zu sehen, auch die Haustür war völlig

verschwunden. Wäre der Almöhi noch oben gewesen, so hätte er dasselbe

tun müssen, was der Peter täglich ausführen mußte, weil es gewöhnlich

über Nacht wieder geschneit hatte. Jeden Morgen mußte dieser jetzt aus

dem Fenster der Stube hinausspringen, und war es nicht sehr kalt, so

daß über Nacht alles zusammengefroren war, so versank er dann so tief

in dem weichen Schnee, daß er mit Händen und Füßen und mit dem Kopf

auf alle Seiten stoßen und werfen und ausschlagen mußte, bis er sich

wieder herausgearbeitet hatte. Dann bot ihm die Mutter den großen

Besen aus dem Fenster, und mit diesem stieß und scharrte der Peter nun

den Schnee vor sich weg, bis er zur Tür kam. Dort hatte er dann eine

große Arbeit, denn da mußte aller Schnee abgegraben werden, sonst fiel

entweder, wenn er noch weich war und die Tür aufging, die ganze große

Masse in die Küche hinein, oder er fror zu, und nun war man ganz

vermauert drinnen, denn durch diesen Eisfelsen konnte man nicht

dringen, und durch das kleine Fenster konnte nur der Peter

hinausschlüpfen. Für diesen brachte dann die Zeit des Gefrierens viele

Bequemlichkeiten mit sich. Wenn er ins Dörfli hinunter mußte, öffnete

er nur das Fenster, kroch durch und kam draußen zu ebener Erde auf dem

festen Schneefelde an. Dann schob ihm die Mutter den kleinen Schlitten

durch das Fenster nach, und der Peter hatte sich nur daraufzusetzen

und abzufahren, wie und wo er wollte, er kam jedenfalls hinunter, denn

die ganze Alm um und um war dann nur ein großer, ununterbrochener

Schlittweg.

Der Öhi war nicht auf der Alm den Winter; er hatte Wort gehalten.

Sobald der erste Schnee gefallen war, hatte er Hütte und Stall

abgeschlossen und war mit dem Heidi und den Geißen nach dem Dörfli

hinuntergezogen. Dort stand in der Nähe der Kirche und des Pfarrhauses

ein weitläufiges Gemäuer, das war in alter Zeit ein großes Herrenhaus

gewesen, was man noch an vielen Stellen sehen konnte, obschon jetzt

das Gebäude überall ganz oder halb zerfallen war. Da hatte einmal ein

tapferer Kriegsmann gewohnt; der war in spanische Dienste gegangen und

hatte da viele tapfere Taten verrichtet und viele Reichtümer erbeutet.

Dann war er heimgekommen nach dem Dörfli und hatte aus seiner Beute

ein prächtiges Haus errichtet; darinnen wollte er nun wohnen. Aber

es ging gar nicht lange, so konnte er es in dem stillen Dörfli nicht

mehr aushalten vor Langweile, denn er hatte zu lange draußen in der

lärmvollen Welt gelebt. Er zog wieder hinaus und kam gar niemals mehr

zurück. Als man nach vielen, vielen Jahren sicher wußte, daß er tot

war, übernahm ein ferner Verwandter unten im Tal das Haus, aber es

war schon am Verfallen, und der neue Besitzer wollte es nicht mehr

aufbauen. So zogen arme Leute in das Haus, die wenig dafür bezahlen

mußten, und wenn ein Stück abfiel von dem Gebäude, so ließ man es

liegen. Seit jener Zeit waren nun wieder viele Jahre darübergegangen.

Schon als der Öhi mit seinem jungen Buben Tobias hergekommen war,

hatte er das verfallene Haus bezogen und darin gelebt. Seither hatte

es meistens leer gestanden, denn wer nicht verstand, vorweg dem

Verfalle ein wenig zu begegnen und die Löcher und Lücken, wo sie

entstanden, gleich irgendwie zu stopfen und zu flicken, der konnte da

nicht bleiben. Der Winter droben im Dörfli war lang und kalt. Dann

blies und wehte es von allen Seiten durch die Räume, daß die Lichter

auslöschten und die armen Leute vom Frost geschüttelt wurden. Aber der

Öhi wußte sich zu helfen. Gleich nachdem er zu dem Entschluß gekommen

war, den Winter im Dörfli zuzubringen, hatte er das alte Haus wieder

übernommen und war den Herbst durch öfter heruntergekommen, um

darin alles so herzurichten, wie es ihm gefiel. Um die Mitte des

Oktobermonats war er dann mit dem Heidi heruntergezogen.

Kam man von hinten an das Haus heran, so trat man gleich in einen

offenen Raum ein, da war auf einer Seite die ganze Wand und auf der

anderen die halbe eingefallen. Über dieser war noch ein Bogenfenster

zu sehen, aber das Glas war längst weg daraus, und dicker Efeu rankte

sich darum und hoch hinauf bis zur Decke, die noch zur Hälfte fest

war. Die war schön gewölbt, und man konnte gut sehen, das war die

Kapelle gewesen. Ohne Tür kam man weiter in eine große Halle hinein,

da waren hier und da noch schöne Steinplatten auf dem Boden, und

zwischendurch wuchs das Gras dicht empor. Da waren die Mauern auch

alle halb weg und große Stücke der Decke dazu, und hätten da nicht

ein paar dicke Säulen noch ein festes Stück der Decke getragen, so

hätte man denken müssen, diese könne jeden Augenblick auf die Köpfe

derer niederfallen, die darunter standen. Hier hatte der Öhi einen

Bretterverschlag ringsum gemacht und den Boden dick mit Streu belegt,

denn hier in der alten Halle sollten die Geißen logieren. Dann ging

es durch allerlei Gänge, immer halb offen, daß einmal der Himmel

hereinguckte und einmal wieder die Wiese und der Weg draußen. Aber

zuvörderst, wo die schwere, eichene Tür noch fest in den Angeln hing,

kam man in eine große, weite Stube hinein, die war noch gut. Da waren

noch die vier festen Wände mit dem dunkeln Holzgetäfel ohne Lücken,

und in der einen Ecke stand ein ungeheurer Ofen, der ging fast bis an

die Decke hinauf, und auf die weißen Kacheln waren große, blaue Bilder

hingemalt. Da waren alte Türme darauf, mit hohen Bäumen ringsum, und

unter den Bäumen ging ein Jäger dahin mit seinen Hunden. Dann war

wieder ein stiller See unter weitschattigen Eichen, und ein Fischer

stand daran und hielt seine Rute weit in das Wasser hinaus. Um den

ganzen Ofen herum ging eine Bank, so daß man da gleich hinsetzen

und die Bilder studieren konnte. Hier gefiel es dem Heidi sogleich.

Sowie es mit dem Großvater in die Stube eingetreten war, lief es

auf den Ofen zu, setzte sich auf die Bank und fing an die Bilder zu

betrachten. Aber wie es, auf der Bank weiter gleitend, bis hinter den

Ofen gelangte, nahm eine neue Erscheinung seine ganze Aufmerksamkeit

in Beschlag: In dem ziemlich großen Raume zwischen dem Ofen und der

Wand waren vier Bretter aufgestellt, so wie zu einem Apfelbehälter.

Darinnen lagen aber nicht Äpfel, da lag unverkennbar Heidis Bett, ganz

so, wie es oben auf der Alm gewesen war: ein hohes Heulager mit dem

Leintuch und dem Sack als Decke darauf. Das Heidi jauchzte auf:

»Oh, Großvater, da ist meine Kammer, o wie schön! Aber wo mußt du

schlafen?«

»Deine Kammer muß nahe beim Ofen sein, damit du nicht frierst«, sagte

der Großvater, »die meine kannst du auch sehen.«

Das Heidi hüpfte durch die weite Stube dem Großvater nach, der auf

der anderen Seite eine Tür aufmachte, die in einen kleinen Raum

hineinführte, da hatte der Großvater sein Lager errichtet. Dann kam

aber wieder eine Tür. Das Heidi machte sie geschwind auf und stand

ganz verwundert still, denn da sah man in eine Art von Küche hinein,

die war so ungeheuer groß, wie es noch nie in seinem Leben eine

gesehen hatte. Da war viel Arbeit für den Großvater gewesen, und es

blieb auch noch immer viel zu tun übrig, denn da waren Löcher und

weite Spalten in den Mauern auf allen Seiten, wo der Wind hereinpfiff,

und doch waren schon so viele mit Holzbrettern vernagelt worden,

daß es aussah, als wären ringsum kleine Holzschränke in der Mauer

angebracht. Auch die große, uralte Tür hatte der Großvater wieder mit

vielen Drähten und Nägeln festzumachen verstanden, so daß man sie

schließen konnte, und das war gut, denn nachher ging es in lauter

verfallenes Gemäuer hinaus, wo dickes Gestrüpp emporwuchs und Scharen

von Käfern und Eidechsen ihre Wohnungen hatten.

Dem Heidi gefiel es wohl in der neuen Behausung, und schon am anderen

Tage, als der Peter kam, um zu sehen, wie es in der neuen Wohnung

zugehe, hatte es alle Winkel und Ecken so genau ausgeguckt, daß es

ganz daheim war und den Peter überall herumführen konnte. Es ließ ihm

auch durchaus keine Ruhe, bis er ganz gründlich alle die merkwürdigen

Dinge betrachtet hatte, die der neue Wohnsitz enthielt.

Das Heidi schlief vortrefflich in seinem Ofenwinkel, aber am Morgen

meinte es doch immer, es sollte auf der Alp erwachen und es müsse

gleich die Hüttentür aufmachen, um zu sehen, ob die Tannen darum nicht

rauschten, weil der hohe, schwere Schnee darauf liege und die Äste

niederdrücke. So mußte es jeden Morgen zuerst lange hin und her

schauen, bis es sich wieder besinnen konnte, wo es war, und jedesmal

fühlte es etwas auf seinem Herzen liegen, das es würgte und drückte,

wenn es sah, daß es nicht daheim sei auf der Alp. Aber wenn es dann

den Großvater reden hörte draußen mit dem Schwänli und dem Bärli und

dann die Geißen so laut und lustig meckerten, als wollten sie ihm

zurufen: »Mach doch, daß du einmal kommst, Heidi«, dann merkte es, daß

es doch daheim war, und sprang fröhlich aus seinem Bette und dann so

schnell als möglich in den großen Geißenstall hinaus. Aber am vierten

Tage sagte das Heidi sorglich: »Heute muß ich gewiß zur Großmutter

hinauf, sie kann nicht so lange allein sein.«

Aber der Großvater war nicht einverstanden. »Heute nicht und morgen

auch noch nicht«, sagte er. »Die Alm hinauf liegt der Schnee

klaftertief, und immer noch schneit es fort; kaum kann der feste

Peter durchkommen. Ein Kleines wie du, Heidi, wäre auf der Stelle

eingeschneit und zugedeckt und nicht mehr zu finden. Wart noch ein

wenig, bis es friert, dann kannst du bequem über die Schneedecke

hinaufspazieren.«

Das Warten machte zuerst dem Heidi ein wenig Kummer. Aber die Tage

waren jetzt so angefüllt von Arbeit, daß immer einer unversehens dahin

war und ein anderer kam. Jeden Morgen und jeden Nachmittag ging das

Heidi jetzt in die Schule im Dörfli und lernte ganz eifrig, was da

zu lernen war. Den Peter sah es aber fast nie in der Schule, denn

meistens kam er nicht. Der Lehrer war ein milder Mann, der nur dann

und wann sagte: »Es scheint mir, der Peter sei wieder nicht da. Die

Schule täte ihm doch gut, aber es liegt auch gar viel Schnee dort

hinauf, er wird wohl nicht durchkommen.« Aber gegen Abend, wenn die

Schule aus war, kam der Peter meistens durch und machte seinen Besuch

beim Heidi.

Nach einigen Tagen kam die Sonne wieder hervor und warf ihre Strahlen

über den weißen Boden hin, aber sie ging ganz früh wieder hinter

die Berge hinab, so als gefalle es ihr lange nicht so gut

herunterzuschauen wie im Sommer, wenn alles grünte und blühte. Aber

am Abend kam der Mond ganz hell und groß herauf und leuchtete die

ganze Nacht über die weiten Schneefelder hin, und am anderen Morgen

glitzerte und flimmerte die ganze Alp von oben bis unten wie ein

Kristall. Als der Peter wie die Tage vorher aus seinem Fenster in den

tiefen Schnee hinabspringen wollte, ging es ihm, wie er nicht erwartet

hatte. Er nahm einen Satz hinaus, aber anstatt ins Weiche hinab zu

kommen, schlug es ihn auf dem unerwartet harten Boden gleich um,

und unversehens fuhr er ein gutes Stück den Berg hinunter wie ein

herrenloser Schlitten. Sehr verwundert kam er schließlich wieder auf

seine Füße, und nun stampfte er mit aller Macht auf den Schneeboden,

um sich zu versichern, daß auch wirklich möglich sei, was ihm soeben

begegnet war. Es war richtig: Wie er auch stampfte und einschlug

mit den Absätzen, kaum konnte er ein kleines Eissplitterchen

herausschlagen. Die ganze Alm war steinhart zugefroren. Das war dem

Peter eben recht: Er wußte, daß dieser Zustand der Dinge nötig war,

damit das Heidi einmal wieder da heraufkommen konnte. Schleunig kehrte

er um, schluckte seine Milch hinunter, welche die Mutter eben auf den

Tisch gestellt hatte, steckte sein Stücklein Brot in die Tasche und

sagte eilig: »Ich muß in die Schule.«

»Ja, so geh und lern auch brav«, sagte die Mutter beistimmend.

Der Peter kroch zum Fenster hinaus - denn nun war man eingesperrt um

des Eisberges willen vor der Türe -, zog seinen kleinen Schlitten nach

sich, setzte sich darauf und schoß den Berg hinunter.

Es ging wie der Blitz, und als er beim Dörfli da ankam, wo es gleich

weiter hinab gegen Maienfeld hin ging, fuhr der Peter weiter, denn es

kam ihm so vor, als müßte er sich und dem Schlitten Gewalt antun, wenn

er auf einmal den Lauf einhalten wollte. So fuhr er zu, bis er ganz

unten in der Ebene ankam und es von selbst nicht mehr weiterging. Dann

stieg er ab und schaute sich um. Die Gewalt der Niederfahrt hatte ihn

noch ziemlich über Maienfeld hinausgejagt. Jetzt bedachte er, daß er

jedenfalls zu spät in die Schule käme, da sie schon lange begonnen

hatte, er aber zum Hinaufsteigen fast eine Stunde brauchte. So konnte

er sich alle Zeit lassen zur Rückkehr. Das tat er denn auch und

kam gerade oben im Dörfli wieder an, als das Heidi aus der Schule

zurückgekehrt war und sich mit dem Großvater an den Mittagstisch

setzte. Der Peter trat herein, und da er diesmal einen besonderen

Gedanken mitzuteilen hatte, so lag ihm dieser obenauf, und er mußte

ihn gleich beim Eintreten loswerden.

»Es hat ihn«, sagte der Peter, mitten in der Stube stillstehend.

»Wen? Wen? General! Das tönt ziemlich kriegerisch«, sagte der Öhi.

»Den Schnee«, berichtete Peter.

»Oh! Oh! jetzt kann ich zur Großmutter hinauf!« frohlockte das Heidi,

das die Ausdrucksweise des Peter gleich verstanden hatte. »Aber

warum bist du denn nicht in die Schule gekommen? Du konntest ja gut

herunterschlittern«, setzte es auf einmal vorwurfsvoll hinzu, denn dem

Heidi kam es vor, das sei nicht in der Ordnung, so draußen zu bleiben,

wenn man doch gut in die Schule gehen könnte.

»Bin zu weit gekommen mit dem Schlitten, war zu spät«, gab der Peter

zurück.

»Das nennt man desertieren«, sagte der Öhi, »und Leute, die das tun,

nimmt man bei den Ohren, hörst du?«

Der Peter riß erschrocken an seiner Kappe herum, denn vor keinem

Menschen auf der Welt hatte er einen so großen Respekt wie vor dem

Almöhi.

»Und dazu ein Anführer, wie du einer bist, der muß sich doppelt

schämen, so auszureißen«, fuhr der Öhi fort. »Was meinst, wenn einmal

deine Geißen eine da und die andere dort hinausliefen und sie wollten

dir nicht mehr folgen und nicht tun, was gut ist für sie, was würdest

du dann machen?«

»Sie hauen«, entgegnete der Peter kundig.

»Und wenn einmal ein Bub so täte wie eine ungebärdige Geiß und er

würde ein wenig durchgehauen, was würdest du dann sagen?«

»Geschieht ihm recht«, war die Antwort.

»So, jetzt weißt was, Geißenoberst: Wenn du noch einmal auf deinem

Schlitten über die Schule hinausfährst zu einer Zeit, da du hinein

solltest, so komm dann nachher zu mir und hol dir, was dir dafür

gehört.«

Jetzt verstand der Peter den Zusammenhang der Rede und daß er mit dem

Buben gemeint sei, der fortlaufe wie eine ungebärdige Geiß. Er war

ganz getroffen von dieser Ähnlichkeit und schaute ein wenig bänglich

in die Winkel hinein, ob so etwas zu entdecken sei, wie er es in

solchen Fällen für die Geißen gebrauchte.

Aber ermunternd sagte nun der Öhi: »Komm an den Tisch jetzt und halt

mit, dann geht das Heidi mit dir. Am Abend bringst du's wieder heim,

dann findest du dein Nachtessen hier.«

Diese unerwartete Wendung der Dinge war dem Peter höchst erfreulich.

Sein Gesicht verzog sich nach allen Seiten vor Vergnügen. Er gehorchte

unverzüglich und setzte sich neben das Heidi hin. Das Kind aber hatte

schon genug und konnte gar nicht mehr schlucken vor Freude, daß es

zur Großmutter gehen sollte. Es schob die große Kartoffel und den

Käsebraten, die noch auf seinem Teller lagen, dem Peter zu, der von

der anderen Seite vom Öhi den Teller voll bekommen hatte, so daß ein

ganzer Wall vor ihm aufgerichtet stand, aber der Mut zum Angriff

fehlte ihm nicht. Das Heidi rannte an den Schrank und holte sein

Mäntelchen von der Klara hervor. Jetzt konnte es, ganz warm

eingepackt, mit der Kapuze über dem Kopf, seine Reise machen. Es

stellte sich nun neben den Peter hin, und sobald dieser sein letztes

Stück eingeschoben hatte, sagte es: »Jetzt komm!« Dann machten sie

sich auf den Weg. Das Heidi hatte dem Peter sehr viel zu erzählen vom

Schwänli und Bärli, daß sie beide am ersten Tage in dem neuen Stall

gar nicht hatten fressen wollen und daß sie die Köpfe hatten hängen

lassen den ganzen Tag und keinen Ton von sich gegeben hatten. Und es

habe den Großvater gefragt, warum sie so tun. Dann habe er gesagt:

Sie tun so wie es in Frankfurt, denn sie seien noch nie von der Alm

heruntergekommen ihr Leben lang. Und das Heidi setzte hinzu: »Du

solltest nur einmal erfahren, wie das ist, Peter.«

Die beiden waren so fast oben angekommen, ohne daß der Peter ein

einziges Wort gesagt hätte, und es war auch, als ob ihn ein tiefer

Gedanke beschäftigte, daß er nicht einmal recht zuhören konnte wie

sonst. Als sie nun bei der Hütte angekommen waren, stand der Peter

still und sagte ein wenig störrisch: »Dann will ich noch lieber in die

Schule gehen, als beim Öhi holen, was er gesagt hat.«

Das Heidi war derselben Meinung und bestärkte den Peter ganz eifrig

in seinem Vorsatz. Drinnen in der Stube saß die Mutter allein beim

Flickwerk. Sie sagte, die Großmutter müsse die Tage im Bett bleiben,

es sei zu kalt für sie, und dann sei ihr auch sonst nicht recht. Das

war dem Heidi etwas Neues; sonst saß die Großmutter immer an ihrem

Platz in der Ecke. Es rannte gleich zu ihr in die Kammer hinein. Sie

lag ganz von dem grauen Tuche umwickelt in ihrem schmalen Bett mit der

dünnen Decke.

Heidi kann brauchen, was es gelernt hat · 第 2 / 9 段