Wen hat der Hase eigentlich _nicht_ zum Feind? Draußen im Feld und

Gehölz stellt ihm unausgesetzt der Fuchs, Marder, Iltis, wilde Katze,

ja selbst das kleine Wiesel nach, das ihn anspringt, sich an ihm

festsaugt und nicht eher von ihm läßt, bis er erschöpft und todt

zu Boden stürzt. Ja das nicht allein; sogar der Habicht stößt auf

ihn nieder, wenn er sich draußen im Sonnenschein die über Nacht naß

gewordene Wolle trocknen will -- und nun erst der Mensch: Vom richtigen

Waidmann hinab, bis zum nichtsnutzigen Bauernjungen hinunter, der

in der Setzzeit, mit einer Pelzmütze auf und bloßen Beinen, draußen

mit Vaters alter Flinte im Feld herumläuft und nach allem knallt, was

lebt, giebt es kaum ein männliches Individuum, das nicht wenigstens

einmal den _Versuch_ gemacht hat, eines dieser armen Geschöpfe

umzubringen. Mit oder ohne Jagdkarte -- es knallt jedenfalls, wo er

sich blicken läßt, und selbst Leute, die ganz entschieden einem Verein

gegen Thierquälerei angehören, sehen nicht das geringste Unrechte

darin, schon fast außer Schußweite hinter einem davonspringenden Lampe

herzuschießen und ihm nur wenigstens noch ein paar Schrote in den Leib

zu jagen. Daß sich das arme Geschöpf nachher in einer Hecke verkriecht

und an dem erhaltenen Blei elend verkümmert, macht ihnen nicht die

geringsten Scrupel. „Getroffen hab’ ich ihn,“ sagt der Mann, rückt sich

seine Brille zurecht, schaut ihm nach, so weit er ihm mit den Augen

folgen kann, und stopft dann seine Flinte kaltblütig für ein neues

Opfer.

Die eigentlichen Hasenjagden werden verschieden betrieben, und wenn

der Hase auch schon vom 1. September jeden Jahres (in manchen Ländern

vom 20. oder 24. August) für vogelfrei erklärt wird, so beginnen

seine wirklichen Leiden und Drangsale doch erst Ende Oktober oder

November und erreichen vor Weihnachten, bis in den Januar hinein, ihren

Höhepunkt. Mit dem 2. Februar ist dann die Jagd wieder geschlossen, und

alle des mißhandelten Geschlechts, die glücklich genug waren diesen

Zeitpunkt zu erleben, haben wieder auf sieben Monat Frieden.

Schon im September, auf der Hühnersuche, erleiden sie aber manches

Trübsal -- sowohl von „hasenreinen“ Jägern als Hunden, und manches

arme junge Häschen, das kaum laufen gelernt, und noch vertrauungsvoll,

unter einem Kohlblatt vor, nach dem Himmel hinaufblickte, wird von

schlecht dressirten oder zu jagdeifrigen Kötern aufgegriffen und in der

Blüthe seines Lebens geknickt. Andere bekommen den Pelz voll feiner

Hühnerschrote und schütteln die Löffel ganze Gemarkungen lang vor

lauter Erstaunen über die ungewohnte und rauhe Behandlung. Es ist aber

noch nicht systematisch auf ihre Vernichtung abgesehen, und sie werden

nur nebenbei, unter der Rubrik „Küchenhasen“ gepfeffert, und einzeln,

im Jagdranzen, nach Hause getragen.

Ende Oktober beginnen dagegen die Treibjagden -- eigentlich erst im

November, und am liebsten, wenn schon etwas Schnee liegt und der Boden

hart gefroren ist, denn bei weichem Wetter „hält“ der Hase zu fest und

läßt sich zu leicht von den Treibern übergehen, hinter denen er dann

aufsteht und noch für ein anderes Mal zu brauchen ist.

Die Treibjagden werden auf verschiedene Weise gemacht. Die

gewöhnlichsten sind die sogenannten „Kesseltreiben“, bei denen das

Frühstück den Hauptmoment bildet. Schützen und Treiber werden dazu,

von einem Punkt aus, nach zwei verschiedenen Richtungen abgeschickt,

und zwar so, daß immer ein Schütze und dann ein oder zwei Treiber --

je nach der Größe des Reviers, einander folgen und gleiche Entfernung

von einander halten sollen, damit sie den zur Jagd bestimmten Raum

-- wenn sie endlich in einem Bogen wieder an ihren äußersten Spitzen

zusammentreffen, gleichmäßig umstellen und einschließen. Ich sage,

sie _sollen_ gleiche Entfernung von einander halten, aber --

sie thun es gewöhnlich nicht, denn es giebt immer eine Menge von

alten Schlauköpfen dabei, die auch schon bei der Jagdgesellschaft

als „Löchermacher“ berüchtigt sind. Diese zögern entweder, bei

gleichmäßigem Abgehen, unter irgend einem Vorwand, oder laufen auch

ihrem Vormann davon, nehmen dann den nächsten Treiber dicht an sich

heran und bilden so in der Schützenkette ein „Loch“, was arglose

und auf die Läufe gebrachte Hasen veranlassen soll, bei ihnen

durchzubrennen.

Sind es recht gute Schützen und führen sie Zündnadel- oder

Lefoucheur-Gewehre, so mag es gehen, wenn es auch die Nachbarn

ingrimmig ärgert; hat aber ein Sonntagsjäger bei einem solchen „Loch“

seinen Stand -- noch dazu mit einer Stopfflinte, zu deren Laden er

eine Viertelstunde Zeit braucht, dann geht nicht selten Hase nach Hase

ungeschädigt durch und die Entrüstung wird allgemein.

Beim Kesseltreiben, wo Schützen und Treiber allmälig nach Innen

drängen, verringert sich natürlich rasch der eingeschlossene Raum und

die Schützen und Treiber kommen dadurch auch dichter zusammen, bis sie

zuletzt einen Kreis umschließen, aus dem kein Hase mehr ungeschädigt

entkommen kann.

Hierbei zeichnen sich nun wieder die „Ducker“ aus -- gewöhnlich

dieselben, die beim Beginn des Treibens „Löcher machten“, indem sie

sich, sowie nur ein Hase in Sicht kommt, zur Erde niederducken, bei

trockenem Wetter auch wohl geradezu hinlegen, um Lampen dadurch glauben

zu machen: dort wäre Niemand und er könne ungehindert durch. Kommt er

dann wirklich -- oder nur in Ausnahmsfällen -- so sind sie nie fertig

und der Hase schlenkert gewöhnlich, mit einem locker geschossenen

Hinterlauf, und zum Vergnügen einiger dahinter her hetzenden Hunde, die

nachher das ganze Treiben stören -- davon.

Gefährlich ist diese Jagd bei gefrorenem Boden, wenn das Treiben eng

zusammen geht. Allerdings wird ein bestimmtes Zeichen gegeben, von dem

ab die Hasen herausgelassen werden müssen und: „nicht mehr in’s Treiben

schießen!“ schreit es von allen Seiten, wenn ein verspäteter und etwas

leichtsinnig abgegebener Schuß fällt -- aber du lieber Gott, was hilft

das! Dort steht ein Schütze -- er hat den ganzen Tag versucht, mit

Löcher machen, Ducken, Hasen anlaufen und allen möglichen anderen

Listen eines der unglücklichen Schlachtopfer zu überlisten, auch wohl

geknallt genug, aber mit nicht dem geringsten Erfolg, denn mit Ausnahme

eines „Kompagnie-Hasen“, den aber sein Nachbar auf das entschiedenste

beansprucht, obgleich beide Schüsse unmittelbar hinter einander

fielen, kann er sich noch keiner Beute rühmen. Jetzt hinkt ein schwer

mitgenommener Hase direkt auf ihn zu, und dort drüben kommt schon ein

losgelassener Hund an, um ihn zu apportiren -- wenn er nicht rasch

schießt, entgeht ihm diese _letzte_ Gelegenheit und -- krach!

fällt der Schuß, der den armen Lampe allerdings von seinen letzten

Leiden befreit, zugleich aber auch eine Fluth von Verwünschungen und

Flüchen wachruft, denn die auf den gefrorenen Schollen abprallenden

Gellschrote sind zwischen Treiber und Schützen hineingespritzt und

haben -- wenn auch gerade kein Unglück, doch Schrecken angerichtet.

Jetzt ist das Treiben beendet, der letzte Hase entweder erlegt oder

verjagt; die erbeuteten Hasen werden flüchtig überzählt und in Körbe

geworfen, und Jäger wie Treiber wandern zu dem nächsten Trieb hinüber.

Eine andere Art dieser Jagd ist das sogenannte „Anlegetreiben“, das

aber schon einige Vorbereitungen erfordert, denn es werden für die

aufzustellenden Schützen vorher Löcher gegraben, in denen sie geschützt

sitzen oder stehen und die anlaufenden Hasen erwarten können. Diese

sehen hinter den Erdhaufen, da sie überhaupt ziemlich schlecht äugen,

keine Gefahr, und kommen unbeirrt heran; wer aber an ein solches

Treiben nicht gewöhnt ist, unterschätzt sehr leicht die Entfernung des

Wildes und schießt auf eine zu weite Distance und dann gewöhnlich zu

kurz. Selbst gute Schützen fehlen in solchen Erdlöchern sehr häufig

zu ihrem eigenen Erstaunen, bis sie die Entfernung abschreiten, auf

welche sie geschossen haben. Das sicherste ist, sich vor Beginn eines

solchen Treibens in einem Halbkreis um das Loch her sechzig bis siebzig

Schritte abzumessen, und auf irgend eine Weise in gewissen Entfernungen

zu bezeichnen. Man ist dann sicher, daß man keinen Hasen krank schießt

und keine Patrone verschleudert.

Bei recht starkem Frost ist es übrigens kein besonderes Vergnügen, in

einem solchen gegrabenen Loch regungslos zu sitzen, besonders wenn man

keinen Anlauf hat; wozu noch kommt, daß die Hasen, an verschiedenen

Tagen und bei verschiedenem Wind auch, wenn aufgejagt, ihren besonderen

Weg nehmen. Wenn man die ersten kommen sieht, so kann man sich ziemlich

fest darauf verlassen, daß auch die nachfolgenden die nämliche Richtung

beibehalten, und wer da aus dem Weg sitzt, bekommt vielleicht ein oder

den anderen versprengten zum Schuß, darf aber fest überzeugt sein, daß

er nicht oft gestört wird.

Höchst interessant sind die sogenannten „Verlappungen“ der Hasen, die

in der Nacht vorgenommen werden müssen. An irgend einem Holzrand, an

welchem hin die Schützen angestellt werden sollen, müssen noch vor

Tagesgrauen, wenn die Hasen draußen im Feld sind, die Federlappen

aufgestellt werden, und verstehen die Leute ihre Sache, so bilden sie

an den Plätzen, wohin ein Schütze kommen soll, einen sogenannten

„Sack“ -- eine Einbiegung nach dem Holz zu. Die Schützen treten dann

mit der ersten Morgendämmerung -- eher etwas zu früh, als zu spät --

auf ihren Stand und erwarten nun geduldig den anbrechenden Tag, mit dem

sich alle Holzhasen in ihre verschiedenen Lagerplätze zurückziehen.

Noch liegt die Nacht auf der Flur und läßt die nächste Umgebung nur in

düsteren, undeutlichen Umrissen erkennen, aber das Auge gewöhnt sich

bald daran, und jetzt erkennt man auch einen mattgrauen, lebendigen

Gegenstand, der langsam angehumpelt kommt und seine Richtung gerade

auf den ihm nächsten Holzrand zu nimmt. Es ist Lampe, der sich

zu Ruh begeben will und jetzt lässig, wie in voller Sicherheit,

seinen gewöhnlichen Wechsel verfolgt. Was kann ihm auch hier, bei

stockfinsterer Nacht, noch passiren -- er hat den Weg ja hundert- und

hundertmal gemacht. -- Da plötzlich rennt er gegen die Federlappen an

und macht erschreckt einen Satz zurück, denn die ganze Reihe geräth

dadurch in Bewegung. -- Alle Wetter, was ist das? -- Natürlich könnte

er mit Bequemlichkeit darüber hinspringen, aber das wagt er nicht, denn

er weiß nicht, ob am Ende nicht doch eine Gefahr dahinter laure. Er

hoppt also vorsichtig daran hin -- aber das Ding ist lang und nimmt

gar kein Ende, und damit kommt er ganz aus seinem gewöhnlichen Cours. --

Nochmals hält er und macht jetzt ein Männchen, um sich besser zu

orientiren, aber rechts wie links zieht sich der nämliche fremde und

vom Wind leicht bewegte Streifen hin. Das geht nicht -- er muß machen,

daß er zu Holz kommt, und wieder auf die Vorderläufe fallend, fängt er

an, sich etwas rascher fortzuwagen -- immer aber an den Federlappen

hin, bis er dem nächsten Schützen in’s Bereich kommt. Jetzt knallt’s,

und der arme vertrauungsvolle Hase liegt -- wenn der Schütze nicht

etwa in dem Dämmerlicht zu volles Korn nimmt und zu hoch schießt --

strampelnd und zuckend am Boden.

Jetzt knallt es auch da und dort, und so früh am Morgen ist es noch,

daß man deutlich den Feuerschein aus den Gewehren erkennen kann. Das

behindert aber die noch im Feld befindlichen Hasen keineswegs, die

nämliche Richtung einzuschlagen, ja läßt sie ihren kurzen Weg nur noch

mehr beeilen, um aus dem freien Felde fort und in’s schützende Holz

zu kommen. Drei und vier hinter einander nehmen jetzt die Lappen an,

scheuen aber, wie es heller wird, schon mehrere Schritte davor und

springen ab -- keiner aber von allen dreht um und nimmt seinen Weg

zurück, sondern sie suchen das Ende dieser unheimlichen Einzäunung und

laufen dadurch rettungslos einen oder den andern der Schützen an.

Alle diese Jagden sind aber nur darauf berechnet, die Hasen in größter

Zahl zu erlegen, und es kommt dabei nicht darauf an, welcher Schütze

den größten Anlauf hat, welchem sie hauptsächlich zugetrieben werden

sollen. Das aber stellt sich anders auf größeren Revieren heraus, wo

besonders ein regierender Herr eine Jagd hält, und die Jägerei deßhalb

auch alles thut, um ihn selber am meisten zum Schuß zu bringen. Der

Leser wird von einer solchen Jagd am besten einen anschaulichen Begriff

bekommen, wenn ich ihm das erste Hasentreiben beschreibe, dem ich in

der Gesellschaft Sr. Hoheit des Herzogs von Coburg-Gotha beiwohnen

durfte.

Es war im Monat Dezember, ziemlich rauhes und besonders windiges

Wetter, wie es in der Nähe des sehr hoch liegenden Gotha so häufig ist.

Wir waren -- nur zwei Schützen -- mit dem Herzog am Abend vorher von

Coburg herübergekommen, hatten in Gotha übernachtet und frühstückten am

nächsten Morgen um zehn Uhr. Um halb elf waren die Wagen bestellt, und

zwar drei Extraposten, da sich die herrschaftlichen Pferde, weil der

Hof erst im Januar nach Gotha übersiedelt, noch in Coburg befanden.

Rasch nach einander, jeder in einem besonderen Wagen, fuhren wir ab,

und zwar noch etwa eine Stunde derselben Chaussee folgend -- dann

theilten sich die Wege -- mein Jagdgefährte, ein Herr von R., bekam

den rechten Flügel, ich den linken und Se. Hoheit sollte das Centrum

einbringen. Zu mir stieg ein Kreiser auf den Bock, um dem Postillon

den genauen Weg anzugeben, und jetzt ging’s fort, zuerst einen langen

Feldweg hinab, dann quer über eine gelbe Stoppel, wo wir schon in der

Ferne die lange, vereinzelte Treiberlinie erkennen konnten. Auf diese

rasselten wir zu, und zwar einen mit einem kräftigen Pferd bespannten

Karren zum Ziel nehmend, der, wie sich bald herausstellte, mein

specieller Hasenkarren werden sollte.

Allerdings war es mir im ersten Moment ein eigenthümliches Gefühl, ein

besonderes Fuhrwerk für meine Jagdbeute zur Verfügung zu haben, denn

ich hatte noch die Leipziger Hasenjagden im Gedächtniß, auf denen ein

Mann mit einem Tragkorb vollkommen ausreicht und sogar, in leider nur

zu vielen Fällen, überflüssig -- oder wenigstens ein Luxusartikel ist;

aber ich ließ ihn mir trotzdem gefallen, stieg aus, sah noch, wie die

Extrapost umlenkte und wieder dem nächsten Dorf zufuhr, um dort die

Pferde einzustellen, und rückte dann in die Treiberlinie ein.

Der Herzog hatte, wie ich gesehen, drei oder vier Gewehre bei sich, mit

seinen Leibjägern zum Laden -- Herr von R. führte ebenfalls ein paar

Gewehre und einen Forstgehülfen zum Laden mit. Ich selber hatte meine

Zündnadelflinte, mit der ich schon allein fertig zu werden hoffte. Es

mußte viel Hasen geben, wenn sie der zu toll wurden, und noch sah ich

keinen einzigen.

Die Treiber standen entsetzlich weit aus einander -- oder hätten

wenigstens weit stehen sollen, schienen die Sache aber nicht so

ängstlich zu nehmen, sondern waren in kleine Trupps zusammen

getreten, um sich mit einander zu unterhalten und ihren verschiedenen

Branntweinflaschen zuzusprechen. Drei, vierhundert Schritt weit war

dann kein Mensch zu sehen, bis wieder zu einem andern kleinen Trupp.

Das Treiben hatte noch nicht begonnen: „der Herzog war noch nicht

eingetreten,“ wie mir die Leute sagten.

Endlich fiel ein Schuß -- aber in weiter, weiter Ferne -- der Knall

klang dumpf und hohl -- aber die Jagd mußte begonnen haben, und es kam

Leben in die Mannschaft. Die verschiedenen Knäuel lösten sich auf

und die Treiber zogen sich jetzt -- aber immer noch paarweise, um die

Unterhaltung nicht ganz abzubrechen, in ihre Linie hinein.

Vergebens hatte ich mich indessen nach der anderen Treiberlinie

umgesehen; das Terrain, das bejagt werden sollte, schien enorm groß,

und rechts und links am Horizont bildete unsere Seite nur eine einzige

Linie. Ich hatte auch noch keine rechte Idee, wie das ganze Treiben

gemacht werden sollte, sah aber wohl, daß ich auf tausend Schritte

wenigstens nach rechts oder links keinen weiteren Schützen zu suchen

brauchte.

„Da läuft einer!“ hörte ich rufen und sah, daß auf der leisen Anhöhe

vor uns ein Hase mobil geworden. Er war vielleicht aufgescheucht --

ging auch möglicherweise nur dort spazieren.

Jetzt kam der Ruf von rechts herunter: „Fortrücken!“ -- Die Leute

zogen sich langsam auf der Linie hinab, ohne in das Treiben selber

einzudrücken, und der Kreiser, der, mit dem Stock in der Hand, bei

mir blieb, sagte mir nun, daß es keilförmig gemacht würde. Oben in

der Spitze ging der Herzog und unten, quer vor, eine enorm lange Wehr

bildend, standen die Netze.

So wanderten wir wohl drei Viertelstunden langsam, und oft wieder eine

Weile stehen bleibend, in der nämlichen Richtung fort, und wenn auch

dort, wo ich den Herzog wußte, einzelne Schüsse fielen, war ich selber

noch nicht in die Verlegenheit gekommen, mein Gewehr abzufeuern, und

fing schon an, den Hasenkarren für eine Art von Verzierung zu halten.

Im Treiben wurde es aber doch jetzt lebendig; sonderbarer Weise

schienen die Hasen, die sich da blicken ließen, aber nur zwei Course

einzuschlagen. Die einen liefen nämlich von rechts nach links -- die

anderen begegneten ihnen von links nach rechts, und manchmal hielten

sie auch unterwegs, als ob sie sich Bemerkungen mittheilten, und

Einzelne kehrten dann um, und liefen mit den anderen.

Jetzt hatte ich eine kleine wellenförmige Höhe oder Anschwellung

des Bodens erreicht, und konnte weit, weit drüben die andere Linie

erkennen. Zugleich kam der Befehl zum „Eindrücken“ und wir zogen uns

jetzt, die Richtung nach vorn aber immer noch beibehaltend, schräg

gegen einander. Nun fing es aber auch an stärker zu knallen -- mein

Gegenüber -- Freund R. fing ebenfalls an zu feuern und vom Herzog fiel

Schuß auf Schuß. Da kam auch der erste Hase zu mir. Sporenstreichs lief

er dicht an der Treiberlinie nieder, mich ebenso wenig beachtend, wie

die Leute mit den Stöcken.

„Numero eins“ zählte der Kreiser, als ich ihn umlegte.

„Lieber Freund,“ lachte ich, „ich glaube wir können sie nachher zählen,

wenn sie auf dem Wagen liegen. Sie werden nicht so dick kommen.“

„Das lassen Sie gut sein,“ meinte der, „wenn Sie nur genug Patronen --

aber Donnerwetter!“ unterbrach er sich rasch, „Sie haben ja keine Hähne

an der Flinte!“ Er hatte noch nie ein Zündnadelgewehr gesehen. Ich

wollte ihm auch eben die Waffe zeigen, bekam aber keine Zeit mehr, denn

ein kleiner Trupp von Hasen brach quer auf mich herüber, und ich hatte

alle Hände voll zu thun, um ihnen gerecht zu werden.

Und jetzt wurde das Feld lebendig. Herauf und herunter lief einer

nach dem anderen an der Linie, und mein alter Kreiser zählte schon

„sechsunddreißig -- siebenunddreißig -- das war eine famose Doublette

-- das Ding ohne Hähne schießt ja ganz verteufelt, und wie fix das

Laden geht!“

Jetzt kam der Herzog über die Höhe. Deutlich konnte ich sehen, wie die

beiden Reihen der jetzt ziemlich dicht zusammengerückten Treiber oben

bei ihm sich fast begegneten. Nur eine Oeffnung von vielleicht hundert

Schritt ließen sie, und in deren Mitte ging der Herzog mit seinen

beiden Büchsenspannern und noch zwei Leuten, die seine Munition und ein

paar Hülfsgewehre trugen.

Nun konnte ich auch den Lauf der Hasen verfolgen, die, wenn sie aus

ihrem Lager aufgescheucht wurden, ohne weiteres Besinnen gerade vom

Herzog fort den Trieb hinabliefen. Dort aber rannten sie, wie mich der

Kreiser versicherte, gegen die da aufgestellten Netze an, wo ebenfalls

noch ein paar Schützen aufgestellt waren, prallten dort zurück, und

jagten nun, was sie konnten, den eben gemachten Weg zurück. Kamen

sie da aber wieder an, so sahen sie wohl einen kleinen dunklen Trupp

Menschen in der Mitte, rechts und links davon aber auch wieder eine

wohl fünfzig Schritt breite, offene Bahn, und dort brannten sie dann,

ohne sich weiter aufzuhalten oder aufhalten zu lassen, durch.

Dort stand aber der Herzog mit seinen englischen Gewehren, die

allerdings eine kleine Handvoll Schrot mit der entsprechenden

Pulverladung schießen, aber es war wirklich ein Vergnügen, zu sehen,

wie sich die Hasen nach beiden Seiten überkugelten, und zwei, drei

schienen manchmal wirklich zu gleicher Zeit umzufallen. Allerdings

hat der hohe Herr die seltene Fertigkeit, nach rechts wie links gleich

gut anlegen und feuern zu können (eine Eigenschaft, die Einem auch oft

auf dem Anstand nützlich wäre, wenn der Bock von der verkehrten Seite

kommt), und dann fehlt es ihm auch nicht an Uebung.

Mir blieb übrigens nicht lange Zeit, ihm zuzusehen, denn jetzt fingen

auch bei mir die Hasen an, immer dichter zu kommen. Eine kurze Zeitlang

feuerte ich wirklich so rasch, wie ich mit meiner Zündnadelflinte laden

konnte, und das will viel sagen, und die Treiber hatten vollauf Arbeit,

die erlegten Hasen aufzulesen -- der Wagen war nicht allein mehr zur

Verzierung da.

Indessen rückten wir den Netzen so nahe, daß ich sie deutlich in ihrer

langen, durchsichtigen Linie erkennen konnte. Dabei waren die Treiber,

die sich, während sie näher gegen einander drängten, auch immer mehr

den Netzen zuzogen, so dicht zusammen gekommen, daß sie nicht allein

Mann an Mann, sondern an vielen Stellen drei und vier hinter einander

standen. Nun hörte es da unten auf, Hasen_jagd_ zu sein, und wurde

zur Hasenschlächterei. Nur der Herzog selber behielt noch freie Bahn,

ließ die Hasen, wie sie ankamen, sämmtlich heraus, und stellte sie

draußen nacheinander auf den Kopf. Er schoß wirklich meisterhaft, ich

sah ihn nicht ein einziges Mal fehlen, und das nur konnte mich mit der

Massenvertilgung versöhnen.

Wir hatten jetzt den sogenannten „Abschußplatz“ erreicht -- eine

schmale Wiese, hinter der die Netze standen, während die Treiber

von beiden Seiten herbei drängten und vielleicht noch sechzig oder

achtzig Hasen auf dem kaum hundert Schritt im Quadrat haltenden Raum

herumliefen.

Ich selber hing natürlich die Flinte auf den Nacken, denn durch die

Treiber konnte kein Hase mehr -- wo sich einer durchpressen wollte,

fingen sie ihn zwischen den Knieen, und in das Treiben hinein konnte

und wollte ich nicht mehr schießen. Dafür blieb mir aber um so viel

mehr Zeit, die Beendigung des Triebes zu beobachten, und ich mußte

dabei besonders die Fertigkeit einiger Treiber bewundern, die nach den

vorbeihetzenden Hasen mit ihren Stöcken so geschickt warfen, daß sie

viele von diesen dermaßen hinter die Löffel trafen, um sie wie einen

Sack niederzuwerfen.

Unten an den Netzen knallte es aber noch immer, und ich bemerkte dort

jetzt zwei ebenfalls einzelne Schützen, die da ihren Stand gehabt.

Einer von diesen hatte sein Gewehr schon so wie ich umgehangen und

schoß nicht mehr. Der Andere, ein Herr in einem Ungrischen Pelz, schien

aber noch in voller Thätigkeit.

Die armen Hasen, von der sie umgebenden Menschenmasse und dem Schießen

und Schreien ganz verwirrt gemacht, versuchten allerdings noch hie und

da durchzubrechen, sobald sie aber fanden, daß das nicht mehr ging,

rannten sie sporenstreichs auf die Netze zu, und prallten mit solcher

Gewalt gegen dieselben an, daß sie sich oft darin überschlugen, den

Versuch durchzubrechen aber trotzdem in aller Angst erneuten. Gar

nicht selten kam es auch dabei vor, das ein Hase mit dem Kopf in einer

der Maschen hängen blieb, und dann gar kläglich strampelte, um wieder

frei zu kommen. Viele wurden auf diese Art von den Treibern lebendig

gefangen, und von uns Schützen hätte wohl Keiner daran gedacht, auf

ein solches unglückliches Geschöpf zu schießen. Der Herr aber, von dem

ich schon gesagt, mußte anderer Meinung sein, denn wo er einen solchen

Hasen im Netz hängen sah, pirschte er sich rasch und vorsichtig auf

sechs bis acht Schritt an, zielte sorgfältig und mit dem Krach der

Flinte hing Lampe leblos in den ebenfalls mit zerschossenen Maschen. --

Es war die reine Scharfrichterarbeit.

Was noch an gesunden Hasen eben ausgebrochen war, hatte der Herzog

außer dem Trieb erlegt. Die angeschossenen Hasen wurden entweder durch

die Treiber gefangen und mit einem Schlag hinter die Löffel getödtet,

oder von den jetzt losgelassenen Hunden apportirt und das Treiben war

beendet.

Die verschiedenen Hasen wurden jetzt von den Wagen abgeworfen und

waidegerecht aufgelegt und zwar in zwei langen Reihen, während der

Hofjägermeister daran niederschritt, und immer den zehnten ein Stück

vorzog, um sie nachher leicht überzählen zu können. Das Resultat

ergab 189 Stück für Se. Hoheit, 62 für mich, 71 für Herrn von R. und

56 für die beiden Herren am Netz, im Ganzen mit den von den Treibern

todtgeschlagenen und angeschossen gefangenen 398 Stück. Dabei hatte

die Jagd etwa um zwölf oder halb ein Uhr begonnen und war um drei Uhr

beendet, also ein ganz anständiges Resultat.

Der Hauptzweck eines solchen Treibens ist nun allerdings, das meiste

Wild einem einzigen oder doch nur wenigen Schützen zuzutreiben, und

der Zweck wird vollständig erfüllt, aber es entspricht auch in jeder

anderen Hinsicht den Anforderungen, die man an ein Hasentreiben

stellen kann, daß nämlich soviel als möglich der Eingekreisten den

verschiedenen Schützen zugetrieben werden und nicht zu viel durch die

Treiber gehen.

Hüben und Drüben; Dritter Band (3/3) Neue gesammelte Erzählungen · 第 15 / 16 段