stand dann auf, nahm seine Büchse und lief in den Wald hinein -- aber
er schoß Nichts. Zweimal stand ihm ein Hirsch breit und voll im Weg --
er sah ihn nicht eher, bis er mit langen Sätzen im Dickicht verschwand;
ein alter Truthahn ~gobler~ kullerte gar nicht weit von ihm
entfernt, hoch oben in einem dürren Kieferbaum, und schien ihn wie zum
Schuß einzuladen -- er hörte ihn gar nicht, und schritt träumend selbst
unter dem Baum hinweg, bis der Vogel mit schwerem Flügelschlag über
ihm abstrich. Aber der Gang in der frischen Morgenluft that ihm wohl,
und kühlte sein kochendes Blut ab, so daß er wenigstens besonnener
nach Hause zurückkehrte, und jetzt beschloß, die Sache, wie sie auch
ausfallen möge, ruhig mit seiner Schwägerin zu besprechen. Allerdings
zweifelte er, nachdem er sich Alles hin und wieder überlegt, keinen
Augenblick mehr daran, daß jener Mann -- Martin oder John Hendriks, wie
er nun auch hieße, die Wahrheit gesprochen. Die wirkliche, unverstellte
Ohnmacht, der sonst nichts weniger als nervenschwachen Frau, mit dem,
was er nun von ihrem früheren Leben gehört, brachten die unangenehme
Thatsache fast zur Gewißheit -- aber es ließ sich -- den Nachbarn
gegenüber, auch noch drehen. Er konnte ja um das Ganze gewußt, und die
Beiden absichtlich wieder zusammengeführt haben. War er es denn nicht
auch gewesen, der zuerst erzählt, daß Martin seiner Frau in Illinois
davongelaufen wäre? Nun gut; die Beiden vereinigten sich jetzt wieder
und zogen dann von hier fort -- _hier_ durften sie natürlich nicht
bleiben, und einmal aus Sicht erst, und die ganze Sache war vergessen.
Wenn er aber geglaubt hatte, ein _ernstes_ Wort mit seiner
Schwägerin reden zu können, so sah er sich darin vollkommen getäuscht,
denn die beiden Frauen, die er, als er das Haus betrat, schon beim
Frühstück traf, empfingen ihn mit lautem Lachen, und „Mrs. Fanny“ rief
ihm entgegen:
„George, Du bist göttlich! Betsy erzählt mir eben, daß Du mich im
wirklichen Verdacht hättest, die Frau jenes kahlköpfigen Burschen zu
sein. Was um Gotteswillen ist Dir denn nur eingefallen?“
Willis sah erst seine Schwägerin -- allerdings überrascht von der
Anrede -- und dann seine Frau an, und wußte in der That nicht gleich,
was er darauf erwiedern solle. Er erwiederte auch für den Augenblick
gar Nichts, drehte sich um, legte seine Büchse auf die über der Thür
angebrachten und dazu bestimmten Pflöcke, hing die Kugeltasche links an
einen bestimmten Nagel, warf seinen Hut, ziemlich rücksichtslos, in die
Ecke, nahm sich einen Stuhl zum Tisch, auf den er sich rittlings setzte
und die Arme auf die Lehne stützte, und sagte dann vollkommen ruhig:
„So? -- und weßhalb sind Sie gestern in Ohnmacht gefallen, Mrs. Fanny,
wenn ich fragen darf?“
„Weßhalb ich in Ohnmacht gefallen bin?“ rief die junge Frau, und sah
ihre Schwester erstaunt an -- „nun bitt’ ich Dich um Gotteswillen,
Betsy, haben wir das denn nicht gestern Morgen auf das Ausführlichste
hier an der nämlichen Stelle besprochen? -- hast Du mich _nicht_
so lange selber darum gequält, George, bis ich meine Einwilligung dazu
gab?“
„Und so _natürlich_ haben Sie Ihre Rolle gespielt, daß Sie ganz
blaß dabei wurden.“
„Jetzt macht er mir Vorwürfe, daß ich zu natürlich gespielt habe,“
lachte die junge Frau, aber so heiter, so unbefangen, George wußte gar
nicht mehr, was er davon denken sollte.
„Und was war das?“ frug er endlich, „worüber Sie heute Morgen mit mir
reden wollten?“
„Ich?“ sagte Mrs. Fanny, nachdenkend -- „ach ja -- aber das hat Zeit.
Mrs. Warner hat mir gestern eine Kuh zum Kauf angeboten, ein prächtiges
Thier, und da ich doch beginnen möchte, mir einen kleinen Viehstand
hier anzulegen --“
„Eine Kuh“ -- rief George verwundert.
„Ja, die hellbraune, große Kuh mit dem weißen Stern, die immer wieder
hier nach uns herüber kommt, und alle Augenblicke zurückgetrieben
werden muß.“
„Und jenen Martin haben Sie nie gekannt?“
„Jenen Kahlkopf?“ lachte die Wittwe -- „wo sollte ich dem schon
begegnet sein, und wenn man _das_ Gesicht einmal in seinem Leben
gesehen hat, vergißt man’s doch gewiß sobald nicht wieder.“
„Hm,“ sagte Willis nach einer ganzen Weile, in der er nachdenkend mit
den Füßen auf den Boden getrommelt hatte -- „das thut’s am Ende auch“
-- stand auf, nahm seinen Hut und verließ, ohne weiter ein Wort, das
Haus. Draußen sattelte er sich auch sein Pferd und trabte dann, ohne
selbst einmal sein Frühstück zu verzehren, in die Ansiedlung hinüber,
denn ihm lag jetzt vor allen Dingen daran, Martin selber zu sprechen,
und zu hören, was dieser sagen würde. Von Martin fand er aber keine
Spur mehr; da, wo er die letzten vierzehn Tage gearbeitet, war er
noch in der Nacht verschwunden und hatte -- ein Zeichen, daß er nicht
gedachte zurückzukehren -- seine sämmtlichen Kleider mitgenommen. Wohin
er sich aber gewandt, konnte er natürlich nicht erfahren, denn der
wunderliche Gesell pflegte bei solchen Gelegenheiten Niemanden in das
Geheimniß zu ziehen. Er war aber fort, und bis er nicht an dem oder
jenem Platz wieder auftauchte, erfuhr man nichts weiter von ihm.
Willis schien übrigens nicht böse darüber, und in der That dieses
gewöhnliche Verschwinden des sonderbaren Kauzes erwartet zu haben,
beruhigte sich aber noch immer nicht dabei, sondern setzte seine
Nachforschungen, wenn auch mit nicht besserem Erfolg, den ganzen Tag
fort. Er fand jedoch keinen Menschen, der ihn auch nur wieder gesehen
hätte, und durfte jetzt mit der Beruhigung nach Hause zurückkehren, von
_dieser_ Seite nicht weiter belästigt oder gestört zu werden.
Dort übrigens erwähnte er kein Wort von seiner Suche, wie ihn auch,
weder seine Frau noch seine Schwägerin frugen, wo er den ganzen Tag
gewesen sei. Die Sache war abgemacht, und es wurde keine Silbe mehr
darüber gesprochen.
So verging reichlich ein halbes Jahr. Von Martin hatte man in der
ganzen Nachbarschaft keinen Schatten wieder gesehen, auch Nichts von
ihm gehört, als einmal ein alter Bekannter aus den Sümpfen dort hinüber
kam und, als Merkwürdigkeit, erzählte, Martin sei dort bei ihnen
gewesen und habe seine alten Schulden eingetrieben. Geld natürlich
bekam er nicht, das hatte Niemand, und das brauchte er auch nicht,
aber Kühe, Pferde, Schweine, etwas Bettzeug und Kochgeschirr, und
dergleichen schleppte er aller Orten und Enden fort. Niemand wußte
dabei zu sagen, wo er es hin schaffte, denn Allen, die ihn darnach
frugen, nannte er einen anderen Platz -- und sicher nicht den rechten.
Uebrigens mußte er, den Aussagen des Mannes nach, eine Menge von
Gegenständen bekommen haben, denn es gab fast keine Niederlassung, wo
er nicht gearbeitet und sich etwas verdient hatte, und sein Davonlaufen
stellte sich jetzt als eine eigenthümliche Art von Sparsystem heraus.
Willis hörte ebenfalls davon, und dies geheimnißvolle Wesen gefiel ihm
nicht. Er sattelte eines Tages sein Pferd, schnallte sich eine wollene
Decke hinten auf, nahm seine Büchse und Kugeltasche, und ritt in den
Wald hinein, blieb auch volle vierzehn Tage aus, und kehrte dann auf
vollständig müdem Klepper nach Haus zurück, sagte aber Niemandem, wo er
gewesen, und mußte auch keinen rechten Erfolg gehabt haben, denn er war
die nächsten Tage mürrisch und verdrießlich.
Er hatte in der That Martin gesucht, um zuerst einmal seinen jetzigen
Aufenthaltsort herauszubekommen, und dann zu erfahren, was er dort
treibe, -- aber umsonst. Gesehen wollten ihn Einige haben, aber nur
auf dem Durchzug; auch in ein Haus kam er, wo er übernachtet, dort
aber erzählt habe, er wolle nach Texas auswandern und mit den dortigen
Indianern Handel treiben, da er von ihnen Nichts zu fürchten brauchte.
-- Scalpiren konnten sie ihn nämlich nicht; an seiner Glatze bekamen
sie keinen Halt, und da ließen sie ihn jedenfalls zufrieden.
War er wirklich nach Texas gegangen? Willis glaubte es nicht, denn er
kannte Martins Anhänglichkeit an Arkansas, und sah denn auch nicht ein,
wie er im Stande gewesen wäre, all die verschiedenen eingesammelten
Gegenstände in ein so fern gelegenes Land zu schaffen. Nein, irgend wo
ganz in der Nähe mußte er versteckt liegen, aber was er da trieb -- was
beabsichtigte, wer hätte es sagen können, und nur die Zeit mußte da
Aufschluß bringen.
Und Woche nach Woche, Monat nach Monat verlief, ohne daß sich eine
Spur von ihm gezeigt, ja in der Ansiedlung am Red-River, war er schon
vollständig vergessen worden, als er eines schönen Morgens auf einem
guten Pferd, wenn auch viel sorgfältiger als sonst gekleidet, aber ganz
gemüthlich, als wäre er keinen Augenblick fort gewesen, anritt, und
trotz aller Einladungen von verschiedenen kleinen Blockhütten, an denen
er vorbeikam, sein Pferd nicht eher einzügelte, bis er Willis’ Hütte
erreichte. Hier hielt er, stieg ohne Weiteres ab, schnallte seinen
Sattelgurt auf, legte den Sattel über die Fenz und führte dann das
Thier, da er vollkommen gut Bescheid wußte, ohne erst lange zu fragen,
in die dafür bestimmte Umzäunung.
„Alle Teufel!“ schrie Willis, der gerade zufällig zu Hause war, und
ihn hatte kommen hören, indem er von seinem Stuhl am Kamin empor
sprang, und fast unwillkürlich einen Blick auf seine Schwägerin warf.
Es konnte ihm auch kaum entgehen, daß sie der unwillkommene Besuch
nicht ganz gleichgültig traf, denn im ersten Moment erbleichte sie
augenscheinlich -- aber es war auch wirklich nur ein Moment, denn noch
lange ehe Martin das Haus betrat, hatte sie ihre volle Ruhe wieder
erlangt, und nur ein leises, trotziges Lächeln spielte um ihre Lippen.
Sie unterbrach auch ihre Arbeit an dem Baumwollen-Spinnrad keinen
Augenblick, ja als Martin gleich darauf in die offene Thür trat und
sein gewöhnliches „~Good day to you~“ rief, war sie eigentlich die
Einzige, die ihm laut und unbefangen antwortete und freundlich sagte:
„Ah Mr. Martin! Und wo haben _Sie_ so lange gesteckt? Wir glaubten
schon, Sie wären unter die Indianer gegangen.“
„Bitt’ um Verzeihung, Madame,“ sagte aber Martin, indem er dabei
zugleich Willis derb die Hand schüttelte, und dann zu den beiden Frauen
ging, um sie in ähnlicher Weise zu begrüßen, „habe bei dem braunen
Gesindel gar Nichts zu suchen, sondern befinde mich hier viel besser
und angenehmer. Wie geht’s Willis, alter Junge? Die Damen doch alle
wohl?“
„Danke Martin, so ziemlich,“ erwiederte Willis, der sich nicht im
Stande fühlte, in den alten spöttischen Ton zu fallen, in dem er sonst
gewöhnlich mit Martin sprach, aber er sah auch, daß dieser noch mit
etwas hinter dem Berge hielt, und das beunruhigte ihn. -- Weßhalb kam
er nicht gerade heraus? „Aber wo in aller Welt habt _Ihr_ denn
die ganze Zeit gesteckt? Ihr waret ja ordentlich spurlos in dem Wald
verschwunden!“
„Spurlos?“ lachte Martin, „habt Ihr mich etwa gesucht?“
„Ich? nein,“ erwiederte Willis, aber doch halb verlegen, „weßhalb
sollte ich Euch gesucht haben?“
„Nun, man kann nicht wissen,“ meinte Martin, „aber Ihr durftet Euch
doch wohl auch denken, daß ich schon von selber wieder käme --
hatte nur schmählich viel zu thun, und habe wirklich die ganze Zeit
gearbeitet, wie ein Pferd.“
„Wo denn?“ frug Willis -- „bei wem?“
„Bei wem? bei mir selber,“ lachte der kleine Mann, „wird auch die
höchste Zeit, daß ich einmal ordentlich für mich selber anfange, und
hätte es eigentlich schon lange thun sollen, ist aber auch jetzt noch
nicht zu spät.“
„In der That?“ nickte jetzt Willis, fest entschlossen, der einmal
angeregten Sache auf den Grund zu gehen, denn diese Ungewißheit wurde
peinlich -- „da wollt Ihr am Ende gar heirathen, Martin, und man darf
vielleicht schon gratuliren.“
„Bitte -- schon lange besorgt,“ lachte Martin -- „nur meine Frau
_abholen_ möcht’ ich -- Mrs. Fanny scheint aber nicht in
besonderer Eile zu sein.“
„Wer? -- ich?“ sagte Mrs. Fanny, aber vollkommen ruhig, indem sie von
ihrer Arbeit aufsah, „und was habe ich damit zu thun, wenn ich fragen
darf?“
„Was Du damit zu thun hast, Fanny?“ wiederholte aber Martin erstaunt
-- „das ist nicht übel. Bist Du nicht die Hauptperson, und haben wir
jetzt nicht etwa lange genug getrennt gelebt? Aber nun ist’s nicht mehr
nöthig, denn mein Haus ist fertig und Alles in schönster Ordnung, um
es zu beziehen. So bitte, Schatz, pack Deine Sachen zusammen, daß wir
bald fortkommen, denn ich möchte gern, daß wir heut Abend noch zu Hause
wären.“
„_Wir?_“ rief Mrs. Fanny, und ließ erstaunt ihr Baumwollenrad
ruhen -- „seid Ihr verrückt im Kopf geworden?“
„Sonderbar,“ lachte Willis, der aufzuathmen begann, als diese Sache
endlich einmal zu einer Entscheidung kam, „_wenn_ die Leute
verrückt werden, werden sie’s immer zuerst im Kopf. Martin, mein Junge,
von was phantasirt Ihr eigentlich? Ihr seid wohl heute, am frühen
Morgen, schon einmal eingekehrt und könnt den Whiskey nicht vertragen?“
Martin erwiederte direkt Keinem von Beiden, zog sich nur ruhig einen
Stuhl zum Kamin, und hob den linken Fuß auf sein rechtes Knie, um den
einzelnen Sporn, den er trug, etwas fester zu schnallen; endlich sagte
er:
„Gefrühstückt habe ich heute auch noch nicht, Mrs. Willis, und wenn
Sie vielleicht einen Bissen Maisbrod und ein Glas Milch bei der Hand
hätten, wär’s mir gerade recht -- nöthigen ließ ich mich nicht. Aber
bitte, machen Sie keine Umstände, Madame. Was gerade da ist, ich bin
mit Allem zufrieden.“
Die Gastlichkeit der Hinterwäldler gestattet nicht, eine solche Bitte
wiederholen zu lassen, und Martin hatte es in der That nur seiner
Ueberraschung zu danken, daß er sie stellen mußte, sonst würde ihm die
Hausfrau gewiß gleich von selbst den Tisch gedeckt haben. -- Jetzt that
sie es mit allem Eifer, und Martin sah ihr eine Weile schweigend zu:
dann nahm er das Gespräch wieder auf, während Mrs. Fanny schon lange
und jetzt mit ungewöhnlichem Eifer ihre Arbeit fortgesetzt hatte.
„Woraus schließt Ihr, Willis, daß ich verrückt geworden wär?“ frug
er, -- „etwa weil ich meine Frau wieder holen will? -- wäre wenig
schmeichelhaft für Fanny. Heh Schatz?“
„Aber Mr. Martin,“ bat Mrs. Willis, immer noch mit dem Herbeitragen von
Speisen beschäftigt, indem sie jetzt einen Becher Milch einschenkte, --
„reden Sie doch nicht so sonderbar, man muß sich ja sonst ordentlich
fürchten. -- So Sir -- jetzt bitte rücken Sie sich Ihren Stuhl zum
Tisch!“
„Danke, Madame,“ sagte Martin, indem er der Einladung Folge leistete
und auch tüchtig zulangte -- „aber weßhalb sollten _Sie_ sich vor
mir fürchten? Fragen Sie Fanny, ob ich ihr je Ursach dazu gegeben.“
„Sir,“ rief aber die junge Wittwe jetzt, indem das Rad wieder stehen
blieb, um ihre Worte deutlicher zu machen, „ich muß Ihnen bemerken, daß
ich für Sie Mrs. Fanny heiße -- ich verbitte mir den vertraulichen
Namen. Sie haben mich doch verstanden?“
Martin schüttelte lächelnd mit dem Kopf, aß aber ruhig eine ganze Weile
weiter, und bemerkte nur zwischen dem Kauen: „Sonderbare Geschichte,
was doch manche Leute für ein kurzes Gedächtniß haben. Und ich soll
verrückt sein -- wenn ich nicht so gesund im Kopfe wäre, könnt’ ich’s
hier mit Bequemlichkeit werden.“
„Ihr leidet wohl an fixen Ideen, Martin?“ frug Willis jetzt, der ganz
seine alte Ruhe und auch einen Theil seines Humors wieder gewonnen
hatte -- „laßt Euch aber nicht irre machen, und eßt nur ruhig fort.“ --
„Dank Euch,“ nickte Martin, indem er seinen Teller zurückschob, „bin
gerade fertig, und jetzt auch in der Stimmung, von Geschäften zu reden
-- wenn Ihr mich nämlich anhören wollt.“
„Anhören? aber mit Vergnügen, alter Junge,“ lachte Willis -- „es
erzählt kein Mensch in der ganzen ~range~ so gut wie Ihr -- oder
lügt so prächtig.“
„Meint Ihr Willis? nun gut, dann will ich diesmal aber nicht lügen, und
Euch eine wahre Geschichte erzählen.“
„Vor allen Dingen,“ begann er, indem er seinen linken Fuß wieder
herauf nahm, um den vorher etwas zu scharf angezogenen Sporenriemen ein
wenig zu lockern, „muß ich Euch erzählen, Willis, daß ich eigentlich
nicht Martin, sondern _John_ heiße, mit Zunamen Hendriks -- Martin
nannte ich mich nur der Kürze wegen und weil ich den Namen gern leiden
mag.“
„John Hendriks?“
„In Illinois,“ fuhr Martin fort, „verheirathete ich mich mit einem
jungen Mädchen, Miß Fanny Edgelong. -- Ihr kennt ja wohl den Namen, das
liebenswürdigste Wesen -- gegenwärtige Gesellschaft immer ausgenommen
-- das ich je gesehen.“ --
„Ihr lügt wie ein Leichenstein!“ schrie Mrs. Fanny, die bleich vor
innerer Aufregung bis jetzt an ihrem Rad gestanden hatte, und nun nicht
mehr zurückhalten konnte.
„Bitte Madame, geniren Sie sich nicht,“ sagte Martin ruhig, „Sie waren
immer etwas heftiger Natur, aber sonst von Herzen gut -- eigentlich
_zu_ gut.“
„Martin,“ sagte aber auch jetzt Willis mit ernstem Kopfschütteln --
„ich fürchte fast, Ihr bellt unter dem falschen Baum. Nehmt Euch in
Acht, was Ihr thut, und um Gottes Willen keinen Namen an, der Euch
nicht gehört. Es steht Zuchthausstrafe drauf.“
„Habt keine Angst um mich, Willis,“ meinte Martin, „ich bin alt
genug, um auf mich selber Acht zu geben. Um aber in meiner Geschichte
fortzufahren, so geht das, was nachher zwischen den beiden Eheleuten
vorfiel, Niemandem etwas an, als sie selber; genug, eines Tages -- und
wir wollen hier unerörtert lassen, ob sie Grund dazu hatte oder nicht,
war Mrs. Hendriks verschwunden und Mr. Hendriks allein zu Haus.“
Martin schwieg eine Weile und sah still brütend vor sich nieder --
selbst Willis wagte nicht, ihn zu stören, endlich fuhr er leise fort:
„Was ich seitdem für ein Leben geführt habe, wißt Ihr hier am Besten,
Willis -- ich konnte die Frau nicht wieder finden, denn ich wußte
nicht, wohin ihre Verwandten gezogen waren, und trieb mich von da an
allein in der Welt herum. Da -- wollte es ein glücklicher Zufall, daß
ich ihr neulich wieder hier -- wo ich sie wahrhaftig am Wenigsten
vermuthet hätte, begegnete, und der Gedanke machte mich fast rasend,
jetzt hauslos und arm zu sein, und ihr keine Heimath bieten zu können.
Aber ich hielt mich nicht mit langen Vorwürfen oder weitläufigem
Ueberlegen auf, sondern ging scharf an die Arbeit, um das Versäumte
so rasch als irgend möglich nachzuholen. Das ist jetzt geschehen: ich
habe wieder ein freundliches Wohnhaus und Geräth darin, einen Viehstand
und fünf Acker urbar gemachtes und bestelltes Land, also Alles, was ein
Ansiedler hier im Walde braucht, um selbstständig aufzutreten. Auch
sonst geht’s mir nicht knapp -- mein Rauchhaus ist gefüllt. Hühner
und Enten treiben sich in Masse auf dem Hof herum. Die Gegend, wo
meine Farm liegt, ist dabei gesund und freundlich, und -- was früher
geschehen ist, habe ich vergessen. -- So, das ist das Lange und Kurze
von der Geschichte, und nun Fanny, mein Herz, sag mir, wo Dein Sattel
liegt, daß ich ihn aufschnallen kann, und dann reiten wir ohne Weiteres
heim.“
Mrs. Fanny war eben im Begriff, wieder eine zornige Antwort zu geben,
als Willis von seinem Stuhl aufsprang und rief:
„Bitte, Madame, lassen Sie mich vorher eine Frage thun, und erlauben
Sie _mir_, dann dem Herrn zu antworten.“
„Und was geht _Euch_ die Geschichte an, Willis?“ frug Martin ruhig.
„Das werdet Ihr gleich erfahren, mein Junge,“ erwiederte dieser. „Also
Mrs. Fanny, Sie haben eben gehört, was der Herr da erzählt hat. War
das Wahrheit oder gelogen?“
„Gelogen, schändlich gelogen,“ rief die junge Frau in furchtbarer
Aufregung -- „er muß wahnsinnig sein.“
„Und Sie kennen den Herrn gar nicht? haben ihn nie gesehen?“
„Nie in meinem Leben! und hoffe auch nicht, ihm je wieder zu begegnen.“
„Sehr schön,“ sagte Willis ruhig, „habt Ihr das gehört Martin?“
„Es war deutlich genug,“ erwiederte dieser, „aber zu der Sache gehören
zwei -- sie und ich, und wie ich glaube, hat der Mann da die erste
Stimme.“
„Was Ihr glaubt, ist verdammt gleichgültig,“ rief aber Willis, nicht
gesonnen, eine weitere Erörterung zuzulassen. „Ihr habt gehört, was
Mrs. Fanny gesagt hat, und habt Euch satt gegessen und Euer Pferd
geruht; nun macht, daß Ihr fort kommt, und wenn ich Euch je wieder in
Schußweite von dieser Hütte finde, dann will ich von Gott verlassen
werden, wenn ich Euch nicht eine Kugel durch den Kopf jage. Habt Ihr
_mich_ verstanden?“
„Und wollt Ihr Euch zwischen zwei Eheleute stellen?“ frug Martin,
während sein Blick in Haß und Ingrimm auf dem jungen Mann ruhte.
„Zwischen zwei -- ich hätte bald was gesagt,“ rief Willis trotzig --
„meine Hand soll verdorren, wenn ich Euch nicht über den Haufen schieße
wie einen tollen Hund, sobald ich Euch noch einmal zwischen meinen
Fenzen finde.“
„Und Fanny?“ frug Martin ruhig.
„Fort! ich kenne Euch nicht,“ rief die Frau in Abscheu aus, „Ihr seid
ein Betrüger!“
Martin stand auf und nahm seinen Hut; an der Thür zögerte er noch einen
Moment, als ob er unschlüssig wäre, was zu thun, aber das dauerte nicht
lange. Ohne weiteren Gruß verließ er das Haus, schritt hinüber zu
seinem Pferd, legte ihm wieder den Sattel auf und trabte waldein.
In der Ansiedlung war indessen jenes Gespräch kein Geheimniß geblieben.
Ein junges Mädchen, das Mrs. Willis als sogenannte „Hülfe“ im Haus
hatte, war unbemerkter Zeuge der wunderlichen Unterredung gewesen,
und konnte natürlich den Mund nicht halten. Die Ansiedler machten
sich auch darüber ihre eigenen Gedanken, denn daß Mrs. Fanny an jenem
Abend _wirklich_ in Ohnmacht gefallen sei, und nicht bloß so
gethan habe, darüber schien nur eine Stimme. Aber die Sache ging
auch Niemanden weiter etwas an, und man würde sie mit der Zeit total
vergessen haben, wenn nicht ein blutiger Zwischenfall auf’s Neue jene
Scenen in das Gedächtniß der Ansiedler zurückgerufen hätte.
Sechs Wochen waren nach den eben beschriebenen Vorfällen etwa
verflossen und Martin seit der Zeit nicht mehr in der Ansiedlung
gesehen worden, als Willis eines Morgens, mit Tagesgrauen, in die Thür
seiner Hütte trat. Er war fertig angezogen und trug seine Büchse auf
der Schulter, um hinaus pirschen zu gehen, als er plötzlich einen Ruf
hörte, der ihm im Nu das Blut zum Herzen zurücktrieb.
„Halloh, Willis!“ rief eine Stimme, die er nur zu gut kannte, „erinnert
Ihr Euch noch an Euer Versprechen?“ -- Es war Martin, der mit einer
Büchse im Anschlag auf dem offenen Plan vor der Wohnung stand.
„Bestie,“ schrie Willis und riß die eigene Waffe von der Schulter --
aber es blieb ihm keine Zeit, sie zu gebrauchen. Ein Blitz zischte aus
dem Rohr des Feindes, ein scharfer Knall folgte und mitten durch den
Kopf geschossen brach der junge ~backwoodsman~ in der Thür, auf
der Schwelle seiner eigenen Hütte, zusammen.
Mit einem wilden Schrei stürzte Willis’ Frau heraus und warf sich
über die Leiche, und hinter ihr, einer Todten mehr ähnlich als einer
Lebenden, stand Fanny und starrte nach dem Schrecklichen hinüber, der
dort, wie nach dem Schuß auf ein Stück Wild, ruhig auf seinem Platz
stehen geblieben war und seine Büchse auswischte und frisch wieder lud.
„Mörder!“ hauchte sie, -- „schändlicher Mörder!“
„Das ist _Dein_ Werk, Fanny,“ sagte aber Martin ruhig, „_Du_
hast mich zur Verzweiflung getrieben, und eigentlich war diese zweite
Kugel für Dich bestimmt -- aber es ist Blut genug geflossen. Lebe, und
denke an diese Stunde!“ und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, drehte
er sich um und war im nächsten Augenblick im Wald verschwunden.
Die Nachbarn wurden herbeigerufen, und wenige Stunden später flogen
wohl zehn oder zwölf berittene Männer, ihre Büchsen auf der Schulter,
in den Wald hinein, um den Mörder zu ergreifen und den Mord zu rächen.
-- Umsonst! sie fanden ihn nicht mehr.
Was aus Martin später geworden, hat Niemand erfahren, ebensowenig, ob
er damals Wahrheit gesprochen, oder wirklich nur eine tolle, fixe Idee
-- durch das frühere Necken vielleicht herauf beschworen, seine Sinne
vielleicht umfangen habe.
Keinenfalls belästigte er die Frauen weiter, und diese zogen, etwa
sechs Wochen nach jener That, aus dem wilden Wald fort, nach Virginien
zurück.
Hasenjagd bei Gotha.
Es giebt wohl kaum ein Wesen auf der Welt, dem unausgesetzter und
unerbittlicher nachgestellt würde, als dem armen Lampe. -- ~Lepus
timidus~ -- ja wohl, er hat auch alle Ursache ~timidus~ zu sein, denn
einmal ist es ihm noch nie eingefallen, sich als Held zu geriren,
und dann soll Einer auch nicht furchtsam werden, wenn sich die ganze
Welt gegen ihn verschwört, und alle es nur darauf abgesehen zu haben
scheinen, ihm nach dem Leben zu trachten.