und zeigte sich nicht besonders erfreut, verschiedene alte Bekannte
hier zu treffen. Mich selber behandelte er wenigstens sehr kühl,
schüttelte dagegen Willis’ junger Frau auf das herzlichste die Hand und
beantwortete alle ihre Fragen auf das bereitwilligste.
Sonderbar kam es mir vor, daß ich Willis’ Schwägerin, die muntere Mrs.
Fanny, nicht unter den Gästen entdecken konnte, ich frug auch Warner
deshalb. Er gab aber nur eine ausweichende Antwort und meinte: „sie
würde gewiß noch kommen -- sie wäre, wie er glaubte, nicht so rasch mit
ihren ‚Anzügen‘ fertig geworden.“
Es ist das nämlich noch eine Eigenthümlichkeit der ~Backwoods~-Damen,
die ich hier ausdrücklich erwähnen muß, denn es betrifft eine höchst
interessante Thatsache: Allbekannt ist es nämlich nicht allein in
Deutschland, sondern in ganz Europa, daß Damen nicht gern -- oder
eigentlich überhaupt nicht -- zweimal in ein und demselben Kleid
auf verschiedenen Bällen erscheinen, und es bedarf deshalb in einer
Familie, wo ein Subaltern-Beamter mit _sehr_ geringem Gehalt drei
oder vier tanzfähige (und oft schon über tanzfähige) Töchter hat,
keiner geringen Geschicklichkeit, die „Roben“ jedesmal so umzuändern,
und mit den wenigsten Kosten neu zu gestalten, daß sie nicht wieder
erkannt werden können, oder doch wenigstens Zweifel über ihre Identität
zulassen.
Dasselbe Bedürfniß nun, sich nicht zu oft in _einem_ Kleid zu
zeigen, fühlen merkwürdiger Weise die transatlantischen ~ladies~
der ~backwoods~ eben so stark, aber es zeigt sich dabei ein anderes
Phänomen weiblicher Schlauheit: Wie selten geschieht es nämlich, daß
sie wirklich zu einem solchen Fest und Tanz zusammen kommen -- im Jahr
vielleicht zwei, höchstens drei Mal, und das wäre dann keine rechte
Kunst, drei neue Kleider aufzubringen -- es sollen aber _viele_ gezeigt
werden, und wo sich die Gelegenheit so selten bietet, muß sie deshalb
beim Schopf ergriffen werden. Daher kommt es denn, daß man zu solchen
Festen die jungen Damen nie anreiten sieht, ohne ein großes Bündel
vorn am Sattelknopf hängen zu haben, und in dem Bündel steckt nichts
Anderes als die Vorrathsgarderobe.
_Wie_ es die lieben jungen Geschöpfe machen, oft mitten im Tanz in
einem neuen Kleid zu erscheinen, und so an jedem Tanzabend _wenigstens_
drei Mal ihre Garderobe zu wechseln, weiß ich nicht, aber Thatsache ist
es, und unseren geplagten Haus- und Familienvätern fehlte weiter gar
Nichts, als daß auch noch diese Mode bei uns eingeführt würde. Wer weiß
freilich, was noch geschieht, denn der Luxus nimmt ja mehr und mehr
überhand, und wird ordentlich raffinirt ausgebeutet.
Uebrigens kann ich nicht umhin zu bemerken, daß die Damen der
~backwoods~ vollkommen dazu berechtigt sind, an ein und demselben
Abend so viele Kleider als möglich zu zeigen, denn sie fertigen sich
dieselben selber an, und zwar nicht nur im Zuschnitt, Nähen und Besatz,
sondern sie spinnen das Garn, färben und weben es, und machen sich ihr
Kleid, und solcher öftere Wechsel an einem Abend ist demnach nicht
leere Prunksucht, sondern ein viel eher zu rechtfertigender Stolz auf
ihren Fleiß und ihre Geschicklichkeit.
Doch um wieder zu unserem Fest zurückzukehren, so hatten sich die Gäste
schon lange alle versammelt, und nur Mrs. Fanny fehlte noch, nach der
aber so viel gefragt wurde, daß selbst der ruhig von Einem zum Andern
schlendernde Martin auf sie aufmerksam wurde, und sich erkundigte, wer
es sei. Niemand konnte ihm aber eine andere Auskunft geben, als daß
es eben Mrs. Fanny, eine junge, sehr liebenswürdige Witwe und Willis’
Schwägerin sei. Damit mußte er sich begnügen bis sie selber erschien.
Die Klötze waren indessen draußen schon alle zusammengerollt und in
Brand gesteckt, und einige von Mrs. Warners intimsten Freundinnen
hatten sich, ihr behilflich, des Kochgeschäfts unterzogen, damit der
eigentliche Kern des Ganzen -- der Ball -- keine zu lange Verzögerung
erlitt.
Im gewöhnlichen Leben der ~backwoodsmen~ herrscht nun allerdings die
eben nicht sehr hübsche Sitte, daß sich beim gewöhnlichen Mittagsessen,
da besonders nur stets sehr nothdürftig Teller in einem Hause sind,
die Männer zuerst an den Tisch setzen. Haben sie geendet, so stehen
sie auf, um den „Damen“ Platz zu machen, und diese essen dann, sehr
unappetitlicher Weise, von den nämlichen, ungewaschenen Tellern. Bei
solchen Festen dagegen zeigt sich der ~backwoodsman~ galant. Die Damen
kommen zuerst, dann erst das stärkere Geschlecht, aber man würde die
~lady~, die vorher von dem Teller gegessen hat, sehr beleidigen,
wollte man auch nur einen Versuch machen, ihn, vor erneutem Gebrauch,
abzuwischen.
Es war schon fast Tischzeit, als plötzlich, auf einem kleinen muntern
Ponny -- ihr Bündel vorn am Sattelknopf, wie die anderen Damen, Mrs.
Fanny erschien, und von allen Bekannten auf das Herzlichste begrüßt
wurde. Martin sah sie, als sie vorüber sprengte; sie selber schien
ihn aber nicht zu bemerken, hielt vor dem Haus, glitt aus dem Sattel
zur Erde nieder, und wurde dann gleich an das Heiligthum des Heerdes
geführt, wo sie sich auch ohne Weiteres die Aermel aufstreifte und
wacker mit zu helfen anfing. Ihr Pferd hatte indessen Einer der jungen
Leute abgesattelt und in die dafür bestimmte Umzäunung geführt, wo die
Thiere gefüttert wurden.
Willis kam an Martin vorbei, gerade als ihn die Dame passirt hatte, und
sagte:
„Nun Martin, wie geht’s? wie habt Ihr’s die ganze lange Zeit getrieben:
Nichts wieder von Eurer Frau gehört?“
Martin schüttelte mit dem Kopf -- „Nein,“ sagte er ruhig --
„_gehört_ hab’ ich Nichts von ihr, aber -- wer war denn die
~lady~, die da eben vorbei galoppirte?“
„Aha, hat Euch die gefallen? -- meine Schwägerin war’s, eine Witwe,
deren Mann ihr ebenso abhanden gekommen ist, wie Euch Eure Frau; da
sie aber nicht gewiß weiß, ob er noch lebt, darf sie nicht wieder
heirathen, sonst hätte sie schon zwanzig vortreffliche Parthieen machen
können.“
„Ein hübsches Weibchen,“ nickte Martin -- „wie heißt sie denn?“
„Mrs. Fanny nennen wir sie nur, weil sie den Namen ihres früheren
Mannes nicht mehr führen will; aber sie wird Euch gefallen. Kommt, wir
wollen einmal zu ihr hineingehen und ihr guten Tag sagen. Ihr müßt doch
ihre Bekanntschaft machen, schon des Tanzes wegen.“
Martin schien gar nicht gehört zu haben, was er sagte, und sah nur
still vor sich nieder; als aber Willis seinen Arm ergriff, ging er
geduldig mit ihm dem kleinen, aus Stämmen aufgeführten Hintergebäude
zu, in dem Mrs. Warner ihre Küche hatte, und jetzt mit rothem Kopf
und feuchter Stirn wirthschaftete. Sie übrigens, wie ihr Mann, waren
in Willis’ Geheimniß eingeweiht, und als dieser jetzt mit Martin die
Schwelle betrat, rief sie ihm lachend entgegen:
„Hallo! Mr. Willis, soll ich mein Küchenrecht[C] gebrauchen? Gentlemen
haben hier Nichts zu suchen.“
„Möchte mir nur erlauben, den Herrn hier jener Dame vorzustellen,“
sagte Willis, „da er die Absicht hat, sie nachher zu Tisch zu führen --
Mrs. Fanny, ein Freund von mir, Mr. Martin aus Illinois, der gewünscht
hat, Sie kennen zu --.“
Er kam nicht weiter. Mrs. Fanny hatte sich, als er sie angeredet,
umgedreht, kaum aber fiel ihr Blick auf Martin, als sie ihn starr
ansah, einen Schrei ausstieß, und dann ohnmächtig zusammenbrach.
„Alle Wetter!“ rief Willis lachend aus, denn die Ohnmacht war, wie wir
später erfuhren, mit verabredet worden -- „das sieht ja beinah so aus,
wie eine Erkennungs-Scene -- Martin um Gottes Willen, das ist doch
nicht am Ende Eure eigene Frau?“
Martin erwiederte kein Wort, aber er stand still und regungslos vor der
Ohnmächtigen, die ihre Rolle meisterhaft spielen mußte, denn sie war
todtenbleich geworden. Auf einmal nickte er, wie überzeugt von etwas,
vor sich hin mit dem Kopf, drehte sich um, trat aus der Küche, und war
wenige Sekunden später in dem dicht hinter dem Haus beginnenden Wald
verschwunden.
Willis wollte ihn aufhalten, denn es war nicht seine Absicht gewesen,
daß der Scherz so rasch zu Ende gehen sollte. Aber weshalb sprang denn
seine muthwillige Schwägerin nicht, wie verabredet, empor und hielt
den „entflohenen Gatten“ fest? Darauf war ja der ganze Spaß berechnet
gewesen. -- Und wie blaß sie aussah -- ordentlich kreideweiß.
Die Frauen waren indeß herzugesprungen, rieben ihr die Schläfe mit
Essig, legten ihr nasse Tücher um die Stirn, und thaten Alles, um sie
in’s Leben zurückzurufen. Endlich schlug sie die Augen wieder auf, warf
aber einen verstörten Blick umher und schien auf ihren Schwager, der
sie erstaunt frug, was ihr denn so plötzlich angekommen sei, gar nicht
zu achten. Das dauerte jedoch nicht lange, denn ihr starker Geist hatte
sich bald erholt, und mit einem, freilich nur erzwungenen Lächeln, und
noch immer ohne Farbe im Gesicht, sagte sie:
„Das ist doch sonderbar -- die Hitze hier in der Küche und -- mein
Pferd war so unruhig unterwegs, daß ich es kaum im Zaum halten konnte,
und mich so anstrengen mußte. Ich bin wohl ohnmächtig geworden?“
„~Damm it~,“ brummte Willis leise vor sich hin, während er die
Küche verließ, um sich nach Martin umzusehen, „die Geschichte gefällt
mir nicht und ich muß herausbekommen, was dahinter steckt.“
Martin war aber nirgends zu finden und nur gesehen worden, wie er
eben in den Busch eintauchte. Wer aber konnte wissen, wohin er sich
dort gewandt, denn auf dem, in der Nachbarschaft des Hauses gelegenen
und vollständig hart getretenen Grund ließ sich natürlich keine Spur
verfolgen.
Die Frauen wollten indeß Mrs. Willis in das Haus bringen, und bestanden
darauf, daß sie sich wenigstens eine Stunde auf ein Bett legen solle,
um ein wenig auszuruhen. Davon wollte die junge Frau aber gar Nichts
hören. Sie behauptete, solche Ohnmachten schon drei- oder viermal in
ihrem Leben, ohne weitere Folgen als eine augenblickliche Schwäche,
gehabt zu haben. Das kam plötzlich, ging aber auch eben so rasch
wieder, und hatte gar Nichts zu bedeuten. Auf alle weiteren Fragen --
denn ein Verdacht war in der weiblichen Umgebung doch rege geworden,
und so leicht beruhigte sich der nicht wieder -- gab sie aber nur
ausweichende Antworten, und drängte sogar jetzt selber, um mit dem
Essen zu Stande zu kommen, da sie die Ursache gewesen, es so viel
länger zu verzögern.
Willis kehrte zurück -- er hatte Martin nirgends mehr gefunden, und
suchte jetzt nur ein paar Worte mit seiner Schwägerin allein zu reden.
Aber das ging nicht; es waren zu viele Damen in der Küche, und einen
leisen Wink, den er ihr gab, doch einen Augenblick herauszukommen,
verstand sie nicht, oder wollte ihn nicht verstehen. Er mußte es bis zu
einer gelegeneren Zeit aufschieben.
Indessen hatte sich das Gerücht -- Mrs. Fanny sei bei dem Anblick
Martins ohnmächtig geworden -- wie ein Lauffeuer unter den
~backwoodsmen~ verbreitet, denn etwas derartiges war natürlich von
viel zu großem Interesse, um lange verschwiegen zu bleiben. Keiner von
Allen konnte sich aber denken, welcher Zusammenhang zwischen den Beiden
bestand, und vergebens suchte man Aufklärung bei den ~ladies~; diese
wußten so wenig davon wie sie selber, und Martin, der vielleicht allein
Auskunft geben konnte -- wenn er _wollte_ -- fehlte.
Jetzt endlich wurde zu Tisch gerufen -- der Tisch war natürlich bei dem
herrlichen Wetter draußen im Freien gedeckt worden, da die zahlreichen
Gäste auch nicht einmal in dem Haus Platz gefunden hätten. Das Essen
nahm aber nun auch die Aufmerksamkeit Aller vollständig in Anspruch,
denn die Damen saßen am Tisch, und die jungen Leute, mußten sie
indeß bedienen und die Speisen herumreichen. Es fehlte auch wahrlich
nicht an Lebensmitteln, und als Getränk wurde süße und sauere Milch
herumgereicht und von den Damen leidenschaftlich getrunken.
Jetzt hatten diese geendet und besonders den zarten Rippen eines jungen
Bären, den Warner selber erlegt, und den süßen Kartoffeln und Bohnen
alle Ehre angethan. Sie erhoben sich von ihren Plätzen, um den Männern
Raum zu geben, und als sich diese niedersetzten, befand sich plötzlich
Martin, ohne daß ihn ein Einziger hätte kommen sehen, mitten unter
ihnen.
Willis, der ihm gerade gegenüber saß, sah ihn starr an, Martin aber
that gar nicht, als ob das geringste Außergewöhnliche stattgefunden
habe, und fiel nur mit einem Appetit über die Speisen her, der nichts
zu wünschen übrig ließ -- er brauchte wahrhaftig nicht genöthigt zu
werden.
Auch Mrs. Fanny hatte ihn bemerkt, und obgleich es Mrs. Warner,
die sie scharf beobachtete, vorkam, als ob sie im ersten Moment um
einen Schatten bleicher geworden wäre, so konnte das auch recht
gut Täuschung gewesen sein, denn das Sonnenlicht fiel schräg in
Streif-Lichtern durch das Laub der Bäume nieder und wechselte dadurch
rasch bald da bald dort hinüber den unsicheren Wiederschein der durch
das Grüne doch gedämpften Strahlen. Soviel war gewiß, stand Mrs. Fanny
mit jenem wunderlichen Menschen in irgend einer näheren Beziehung,
so wußte sie das jetzt vortrefflich zu verbergen, denn sie zeigte
sich vollkommen unbefangen, und lachte und scherzte wieder wie nur
je; Martin dagegen nahm nicht die geringste Notiz weder von ihr noch
Jemand Anderem, sondern schien nur Augen für die fettesten Bärenrippen
oder die saftigsten Truthahnknochen zu haben, so daß er bald einen
ganzen Rücken dieses höchst vortrefflichen Vogels auf seinem Teller
mit den überfetten Fingern bearbeitete. Die Uebrigen hatten auch schon
lange geendet, als Martin noch immer vor einer nicht unbeträchtlichen
Quantität von Wildpret saß und einen frischen Becher Milch forderte,
und mit einem aus tiefer Brust herausgeholten Seufzer verließ er
endlich die noch immer reichlich besetzte Tafel -- er konnte aber nicht
mehr, und der Platz wurde auch gebraucht, da das junge Volk hier vor
dem Haus im Freien tanzen wollte.
Willis gab sich jetzt die größte Mühe, einmal an Martin hinan zu
kommen, um ein paar Worte allein mit ihm zu sprechen. Ob ihm dieser
aber absichtlich auswich, oder nur aus geselligen Gründen die dichteste
Gesellschaft suchte, ist ungewiß, kurz er kam nicht an ihn hinan, und
jetzt verschlangen die munteren Töne der Violine bald alles Andere. Ja
Martin sogar, den noch Niemand bei einem Tanze wirklich thätig gesehen
-- das Mittagessen abgerechnet -- krempelte sich seine etwas langen
Aermel in die Höh’ und sprang in eine lebendige „~hornpipe~“
mitten hinein.
Auch Mrs. Fanny tanzte, trotz einem jungen Mädchen, und mehr als
einmal geschah es, daß sie mit Martin im „Ring“ zusammen kam, wobei
dieser dann seine ganze Kunstfertigkeit entwickelte. Der Beifall, den
er aber dabei erntete, war auch wirklich grenzenlos, denn je weniger
die ~backwoodsmen~ bis jetzt geglaubt hatten, daß der kleine
wunderliche Bursch überhaupt mit seinen „Hinterläufen“ arbeiten könne,
desto mehr überraschte er sie durch seine wahrhafte Geschicklichkeit,
mit denen er die raschen Tänze der Jigs und Hornpipes abklapperte.
Der Jubel über diese Entdeckung brach sich denn auch in lauten
Beifallbezeigungen Bahn, ohne daß Martin selber nur eine Miene dabei
verzogen hätte. Er tanzte nicht allein als ob sich die Sache von
selbst verstände, sondern behandelte das Ganze sogar mit einem Ernst
und Eifer, wie eine übernommene Verpflichtung.
Aber er traf dabei doch auch seine Wahl, und zeichnete vor den übrigen
Tänzerinnen besonders Mrs. Fanny aus, die sich kaum zeigen konnte, als
er ihr auch gegenüberstand. Nun paßten die übrigen Gäste allerdings bei
einer solchen Begegnung besonders auf, und Willis vor Allem beobachtete
seine Schwägerin auf das Schärfste -- aber er konnte weder bei dem
Einen noch bei der Andern eine außergewöhnliche Bewegung oder Aufregung
entdecken. -- Es waren, allem Anschein nach, zwei Fremde, die sich hier
zufällig getroffen und -- Beides flinke Tänzer -- der Lustbarkeit mit
aller Leidenschaftlichkeit, aber sonst auch völlig unberührt davon,
folgten.
Aber die _wirkliche_ Ohnmacht vorher -- und was war aus seinem
beabsichtigten Scherz, von dem er sich so viel versprach, geworden? Er
wagte jetzt nicht einmal ihn zu erneuern, seit er schon einen Moment
gefürchtet, daß Ernst daraus werden könne. Aber das war nicht möglich
-- die beiden Leute konnten sich nie vorher im Leben gesehen haben,
sie hätten sonst nie so gleichgültig, und nach allen Regeln der Kunst
mit einander getanzt. Und was für eine steife, komisch förmliche
Verbeugung machte Martin jedesmal seiner Dame, wenn der Tanz zu Ende
war, und wie artig -- aber auch wie fremd, erwiederte sie dieselbe.
Darüber war er auch mit sich im Reinen, nur das wunderte ihn, daß
seine, sonst so ausgelassene Schwägerin heute Abend _jeden_
Muthwillen bei Seite gelassen hatte, und selbst nie über die oft
grotesken und komischen Bewegungen ihres Tänzers lachte -- ja nur
lächelte. -- Sie blieb ernst, aber auch artig gegen ihn, und Alles, was
er sich früher dahin ausgedacht, war total in den Brunnen gefallen.
„Was war denn das eigentlich für ein Spaß, Willis, den Ihr Euch mit
Martin machen wolltet?“ frug ich ihn, als er einmal an mir vorüber
schritt, und ich lang gemerkt hatte, daß ihm etwas in die Quere
gekommen sein mußte.
„Oh,“ erwiederte er verlegen, -- „jetzt noch nicht -- -- später,“
und drückte sich dann wieder um die Tänzer herum, um Martin nur ein
einziges Mal unter vier Augen zu sprechen.
Ein fröhlicheres Klötzerollfest hatte es aber noch nicht gegeben, so
lange ein Baum in diesen Wäldern gefällt worden war, denn es dauerte
gar nicht lange, so schien Mrs. Fanny ihren ganzen Humor wiedergewonnen
zu haben. Aber auch Martin ging heute aus sich heraus und erzählte
-- wenn einmal der Tanz eine Pause machte -- so drollige Dinge, daß
oft sämmtliche Zuhörer in schallendes Gelächter ausbrachen. Jedes
von Beiden bildete sich so einen kleinen Kreis -- Mrs. Fanny mit den
~ladies~, Martin mit den Männern; wenn sich aber beide Gruppen auch
dann und wann vereinigten, _die_ Beiden hielten sich getrennt, und
traten nur einander wieder gegenüber, wenn der Tanz von Neuem begann.
So wurde es spät -- viel später, als es noch je bei einem derartigen
Fest geworden, und selbst als der Whisky ausgetrunken -- sonst das
gewöhnliche Zeichen für den Schluß des Vergnügens -- wollte das junge
Volk noch nicht vom Platz.
Endlich -- es mußte schon Mitternacht vorüber sein, drängten Einzelne,
die einen besonders weiten Weg hatten, zum Aufbruch, Andere schlossen
sich ihnen an, und die Damen eilten jetzt, um ihre verschiedenen
Kleider, die sie gewissenhaft heute Abend sämmtlich angezogen und
gezeigt, in ihr Bündel zu schnüren, während die jungen Leute, bei dem
Licht von rasch hergerichteten Kienfackeln, die verschiedenen Pferde
aufsuchten und sattelten.
Das ging sehr rasch von Statten, und die Damen besonders waren bald
beritten, wonach die alte Mrs. Warner noch einmal zwischen den Pferden
herumging und den Freundinnen die Hand zum Abschied drückte.
Willis hatte sein Thier am Zügel und wollte es eben hinaus auf den Plan
führen, als Martin vorbeiglitt und er, rasch und erfreut, ihn endlich
einmal fest zu bekommen, dessen Arm ergriff.
„Hallo, Martin -- eine Frage -- man konnte Eurer ja heute gar nicht
habhaft werden. Kanntet Ihr denn die Mrs. Fanny schon von früher?“
„Ich?“ sagte Martin, während ein eigenes Lächeln um seine Lippen
zuckte. „Nun natürlich -- gewiß kannt’ ich sie!“
„Aber wo habt Ihr sie gesehen?“
„Nun in Illinois, wo wir uns verheiratheten.“
„Den Teufel auch,“ schrie Willis und ließ seinen Arm erschreckt los --
„Ihr seid rein verrückt, Martin.“
„Bin ich? -- na denn sagt ihr nur, ich hätte jetzt noch kein eigenes
Haus, aber es sollte nicht lange dauern, und nachher holte ich sie ab,“
und damit war er, ohne Willis weiter Rede zu stehen, im dunklen Busch
verschwunden.
[C] Das Küchenrecht der Amerikanerinnen besteht darin, daß sie,
wenn Jemand die Küche betritt, den sie nicht darin haben wollen,
einen Schöpflöffel siedenden Wassers an die Decke werfen, und
der Eindringling dann machen muß, den heißen Tropfen aus dem Weg
zu kommen.
Drittes Kapitel.
Die Folgen eines Scherzes.
Wenn Willis, der sonst so übermüthige und spottlustige Gesell,
beabsichtigt hatte, den einfachen Martin heute Abend aufzuziehen und zu
necken, so schien dieser den Spieß vollständig umgedreht zu haben, und
als Martin ihn schon eine ganze Weile verlassen, stand er noch immer,
wie betäubt, von dem eben Gehörten und überlegte sich die Möglichkeit.
Die beiden Damen mußten verschiedene Male nach ihm rufen, ehe er sich
zusammenraffte, und dann warf er sich in den Sattel und sprengte wie
besessen mit ihnen davon. Der scharfe Ritt brachte ihn aber auch wieder
zu sich selber -- überdieß kamen sie bald in den Hochwald, wo sie, der
Finsterniß wegen, schon langsam reiten mußten. Eine Strecke lang hatten
sie noch Begleitung von einer in der Nachbarschaft wohnenden Familie --
endlich bogen diese ab, und Willis lenkte sein Pferd nun neben das der
Schwägerin und wollte von ihr Auskunft über ihr sonderbares Betragen.
So ausgelassen lustig Mrs. Fanny aber heute den ganzen Abend gewesen,
so schweigend und rückhaltend zeigte sie sich jetzt. Der Kopf that ihr
weh, wie sie sagte, Willis solle sie jetzt zufrieden lassen -- morgen
früh wolle sie über Verschiedenes mit ihm sprechen -- heute Abend
fühle sie sich zu aufgeregt.
Damit mußte er sich begnügen, und nur seiner Frau erzählte er, als sie
allein zusammen waren, was ihm Martin gesagt, und frug sie, was sie
über das frühere Leben ihrer älteren Schwester, die selber hartnäckig
bis jetzt darüber geschwiegen, wisse. Er erfuhr da aber nicht viel
Beruhigendes und eigentlich nur Dinge, die Martins Aussage, wenn auch
nicht wahrscheinlich, doch wenigstens möglich erscheinen ließen. Fanny
war allerdings vor vier Jahren in Illinois verheirathet gewesen,
und lebte jetzt von ihrem Mann getrennt. Derselbe hatte aber nicht
Martin, sondern John Hendriks geheißen und war über die Felsengebirge
nach Oregon gegangen, auch dort, wie sie später einmal gehört haben
wollte, von irgend einer wilden Indianerhorde erschlagen worden.
_Bestimmte_ Nachrichten kamen aber aus jener abgelegenen Gegend
selten oder nie herüber; es _konnte_ wahr sein, blieb aber immer
noch abzuwarten. Ob der Mann sie, oder sie ihn verlassen, hatte sie
nie genau erzählen wollen, und überhaupt schien ihr die Erinnerung an
jene Zeit so fatal, daß sie stets rasch davon absprang, sowie je das
Gespräch zufällig einmal darauf fiel.
Willis schloß die ganze Nacht kein Auge, denn hätte jener unglückselige
Mensch, den er selber schon stets verspottet und lächerlich gemacht,
die Wahrheit gesprochen, so blieb _ihm_ kein anderer Ausweg,
als nicht allein sein freundliches Besitzthum zu verlassen, sondern
sogar augenblicklich in einen anderen Staat zu ziehen, ja förmlich zu
flüchten, um nur all dem Hohn und der Schadenfreude zu entgehen, die er
schon über sich hereinbrechen sah. Wie hätten sich die Nachbarn über
ihn lustig gemacht -- und besonders der alte, überdies so spottlustige
Warner, den er gestern noch in sein Vertrauen gezogen -- es war zum
Verzweifeln, wenn er nur daran dachte.