aber der Vorsprung, den er gewonnen, konnte nur ein sehr geringer
sein und der, jetzt nur noch mehr erbitterte Schwarm vertheilte sich
im Wald, um ihn einzuholen; hatte er doch schon durch seine Flucht
die ganze, ihm aufgehäufte Schuld eingestanden. Aber freilich war das
Terrain um Ludville her sehr zerklüftet und rauh, und wer sich dort
verborgen halten _wollte_, fand wohl Schlupfwinkel genug in der
Nachbarschaft. Außerdem neigte sich der Tag seinem Ende und es blieb
den Verfolgern nicht einmal lange Zeit, dem Flüchtigen nachzusetzen.
Uebrigens hatten sie auch mehr in Ludville selber zu thun, und dort
begann jetzt das Rachewerk zuerst an Blacks Wohnung, die sie vorher
genau durchsuchten, ob sich nicht vielleicht versteckte Schätze fänden,
die seine Schuld noch klarer machten. Black aber schien, _was_ er
erbeutet, auch in Sicherheit gebracht zu haben, und wenn er es nicht
mitgenommen, hatte er es vielleicht in der Nachbarschaft versteckt, wo
er es einmal über Nacht abholen konnte.
Waffen fanden sie übrigens genug: noch eine geladene Büchse, drei
Revolver und ein langes Messer, was er keinenfalls Alles auf seiner
Flucht mit fortgebracht. Aber keiner der Männer rührte auch nur ein
Stück der hier gefundenen Gegenstände an. Im Kamin brannten Kohlen.
„Steckt das Nest in Brand!“ rief Mills, der bei der Untersuchung
besonders thätig war, „die Canaille scheint ja hier ein ganzes
Waarenlager von Mordinstrumenten gehalten zu haben -- Feuer in die
Bude, das ist das Beste.“
Dem Rath wurde auch rasch Folge geleistet. Ein paar junge Burschen
kletterten auf das Dach, brachen dort die Schindeln auf und warfen sie
hinunter, andere hatten indessen schon das trockene Moos der Matratze
auf die Gluth geworfen, und ehe eine Viertelstunde verging, loderte die
züngelnde Flammensäule hoch in die stille Luft hinein.
Jetzt erst sammelten sich die Männer wieder in Ludville, um dort einen
festen Entschluß zu fassen und den Spielern anzukündigen, daß sie
vor anbrechendem Tag den Platz zu verlassen hätten. Aber keiner von
ihnen schien das Resultat der Verhandlung abgewartet zu haben, denn
sie kannten Alle aus Erfahrung den Verlauf solcher Volksausbrüche, die
noch dazu nicht einmal immer so unblutig abliefen wie hier. Das wenige
Eigenthum, was sie besaßen -- ihr Gold und ihre Revolver, packten sie
in ihre Satteltaschen, und fort stoben sie nach allen Seiten, um einen
ruhigeren Aufenthalt für ihre Thätigkeit zu suchen.
Nur der Sheriff brachte die Leute in Verlegenheit; sie hatten ihn, als
er mit der Büchse auf sie einsprang, gebunden, und sie wußten jetzt
nicht recht, was sie eigentlich mit ihm anfangen sollten. Eine Klage
lag auch weiter nicht gegen ihn vor, denn er war nur immer der treue
Helfershelfer des Richters gewesen, da er von dessen Einkünften seine
hohen Procente zog. Nach der Flucht des Richters aber konnten sie sich
doch nicht gut nur an sein Werkzeug halten, und man beschloß endlich,
ihn los zu binden und laufen zu lassen -- vorher aber mußte er freilich
Alles das, was er Hudson und Carman bei ihrer Verhaftung abgenommen,
herausgeben.
Allerdings wollte sich der Sheriff jetzt damit nicht begnügen und
wüthete und tobte im Ort herum. Mills aber besaß eine wunderbare
Ueberredungsgabe.
„Sheriff,“ sagte er, indem er zu ihm ging und ihm die Hand freundlich
auf die Schulter legte, „wenn ich Euch in einer halben Stunde noch in
Ludville treffe, schlage ich Euch eigenhändig den Schädel ein -- und
nachher könnt Ihr mich verklagen.“ Dann drehte er sich ab und ging in
das Zelt, wo jetzt eine Versammlung stattfand, um einen neuen Richter
und Sheriff zu wählen.
Hudson und Carman durchsuchten allerdings noch den ganzen nächsten
Tag den Wald, um den entflohenen Räuber aufzufinden, ja blieben sogar
die ganze Nacht auf der Lauer liegen, weil sie vermutheten, er würde
vielleicht versuchen, nach Dunkelwerden heimlich zu seiner Wohnung
zurückzukehren, aber er ließ sich nicht mehr in der Gegend blicken und
mußte jedenfalls andere Mittel und Wege gefunden haben, sein Gold jetzt
-- oder wahrscheinlich auch schon früher, in Sicherheit zu bringen.
Aus Ludville aber blieben die Spieler von dem Tag an verbannt, und
durften es nicht wieder wagen, ihren Poncho über einen der dortigen
Tische zu decken und eine Bank zu eröffnen. Nach einigen Wochen, als
sie glauben mochten, der Lärm habe ausgetobt, wollten es allerdings
Einzelne wieder versuchen und schlugen zu dem Zweck ein Zelt vor der
Stadt auf; aber Mills, den die Bewohner zum Sheriff gewählt, stattete
ihnen schon am ersten Abend einen Besuch ab und erklärte ihnen in so
überzeugender Weise, er würde Jedem von ihnen den Hals umdrehen, der
auch nur eine einzige Karte aus seiner Tasche packte, daß sie es doch
für gerathener hielten, wieder abzuziehen.
[A] So werden die Bewohner von Illinois in den Staaten genannt.
[B] Greaser, der Spottname für Mexikaner.
Martin.
Amerikanische Skizze.
Erstes Kapitel.
Im Wald.
Es ist nun schon eine Reihe von Jahren her, daß sich in Arkansas, dem
damals noch ziemlich wilden „Territorium“ der Vereinigten Staaten von
Nordamerika, ein gar sonderbarer Kauz herum trieb, über den seiner Zeit
viel gesprochen wurde, vorzüglich, weil er seinen Aufenthaltsort so oft
und meist immer heimlich wechselte. Weshalb das freilich geschah, wußte
Niemand.
Der Mann, der zu jener Zeit etwa dreißig Jahre zählen mochte, hieß
Martin -- gab wenigstens nie einen anderen Namen an, und war bald in
sämmtlichen Ansiedlungen (oder der ~range~, wie man dort sagt)
eine allbekannte Persönlichkeit. Er hatte auch etwas Auffallendes in
seinem ganzen Wesen, das ihn leicht kenntlich machte. Erstlich besaß er
eine für seine Jahre ungewöhnliche und vollkommene Glatze, so daß er
nur hinten im Schopf und an den Schläfen spärliches rothes Haar zeigte;
sonst war er mehr klein als groß von Statur, mit einem, eigentlich
gutmüthigen Gesicht, dem nur der unstäte, rastlose Blick widersprach,
so daß man leicht hätte glauben können, er trage irgend ein drückendes
Gewicht auf seinem Gewissen, und habe deshalb auch vielleicht keine
Ruhe. Trotzdem gab es keinen gutmüthigeren und fleißigeren Menschen im
weiten Wald als ihn. Er war die Gefälligkeit selber, und besonders mit
Kindern sorgsam und geduldig wie eine Mutter, was die backwoods Frauen
vorzüglich zu würdigen und auch wohl zu benutzen verstanden. Dabei
hatte ihn Jeder gern und die Jahre, die er sich in jenem wilden Theil
des Landes aufhielt, konnte er mit Recht sagen, daß er in _jeder_
Hütte willkommen sei -- aber er kehrte nie auf einen Platz, auf dem er
einmal gearbeitet hatte, zurück.
Suchte er einen neuen Aufenthaltsort, so blieb er, ohne etwas über
seine Absichten zu sagen, als Gast im Haus, um sich, wie es schien, vor
allen Dingen erst einmal das Terrain anzusehen, und die Bewohner der
nächsten Nachbarschaft kennen zu lernen. Dann erbot er sich in Arbeit
zu treten, was ihm willig zugestanden wurde, und er dingte dann auf das
Genauste um den höchsten Lohn. Niemand aber konnte sich rühmen, ihm
auch nur je einen einzigen Dollar für Monate lange Dienste gezahlt zu
haben, denn wenn er sechs bis acht Wochen, oft auch ein Vierteljahr,
anstrengend und treu gearbeitet hatte, war er plötzlich, wie in den
Boden hinein, verschwunden, und tauchte erst nach längerer Zeit an
einem anderen entlegenen Theil der ~range~ wieder auf, um dort
dasselbe Spiel von Neuem zu beginnen.
Nun kamen allerdings die ~backwoodsmen~ dann und wann bei
besonderen Gelegenheiten zusammen, und es konnte nicht fehlen, daß ein
oder der Andere, bei welchem Martin gearbeitet, ihm da oder dort wieder
begegnete. Sagte er ihm nachher: „Aber Martin, Ihr seid ja weggelaufen
ohne Euren Lohn zu nehmen; so kommt doch herüber und holt ihn,“ so
erwiderte er stets: „Ja wohl ~Mr.~ -- ich komme in der nächsten
Zeit;“ aber man sah es ihm an, daß ihm selbst die Erwähnung der
gethanen Arbeit unangenehm war, und er dachte außerdem gar nicht daran,
den verlassenen Platz je wieder zu betreten.
So hatte er es mehrere Jahre getrieben und indessen an zahlreichen
Stellen gearbeitet, ohne auch nur einen Cent Lohn dafür erhalten zu
haben. Nur wenn er an Kleidern und Schuhwerk entschieden abgerissen
war, ließ er sich einzelne nöthige Stücke auf Abschlag geben.
Ohne Geld kam er übrigens zu jener Zeit und in jenem Distrikt
vollkommen gut aus, denn wirkliche Münze besaß Niemand, und die
meisten Verpflichtungen wurden nur durch Tausch erledigt. Nur Fremde,
welche das Land durchzogen und an der großen ~County~-Straße
übernachteten, brachten baar Geld mit.
Daß sich die Jäger und Ansiedler anfangs die wunderlichsten Gedanken
über Martin’s so außergewöhnliches Betragen machten, ist natürlich,
und man vermuthete sogar einmal eine Zeitlang, er müsse irgend ein
schweres Verbrechen in irgend einem Staat begangen haben, und dann
flüchtig geworden sein. Nach und nach aber, als sie vertrauter mit ihm
wurden, sahen sie das Grundlose eines solchen Verdachts ein, und Martin
machte auch nicht den geringsten Hehl aus den Orten, wo er sich früher
aufgehalten, ja nannte besonders Illinois als sein Heimathland. Nur
über seine eigene Familie gab er keine Auskunft, und es stellte sich
auch bald heraus, daß „Martin“ eigentlich nur sein Vorname sei, bei
dem er sich hier nennen ließ. So konnte es denn nicht fehlen, daß ihn
die jungen Burschen bald anfingen zu necken, und da er nichts weniger
als hübsch war, lachten sie oft zusammen und meinten, er sei nur aus
seiner Heimath fortgelaufen, weil sich die jungen Mädchen so um ihn
gerissen hätten, daß er seines Lebens nicht mehr froh geworden wäre.
Andere machten ihm wieder den Vorschlag, -- besonders wenn bei
irgend einer Gelegenheit eine größere Zahl versammelt war, daß er
doch heirathen und sich bei ihnen häuslich niederlassen sollte, und
_das_ Kapitel schien für ihn das unangenehmste von allen, ja er
konnte sogar, wenn sie es zu weit trieben, böse darüber werden.
In Arkansas hielt sich damals ein junger Bursch auf, ein Virginier
von Geburt, mit Namen George Willis, der eigentlich diesen Staat
besuchte, um sich einen Platz zur Uebersiedlung auszuwählen, und nur
weit länger als es seine Absicht gewesen, bei uns in der Niederung
-- den sogenannten Sümpfen blieb, weil wir da so vortreffliche Jagd
hatten. Durch seinen Humor und oft schlagenden, wenn auch nicht selten
boshaften Witz, war er dabei rasch der Liebling Aller geworden, und
nur Martin konnte sich nicht recht mit ihm befreunden, und ging ihm
am liebsten aus dem Weg, ja hatte sogar einmal eine Farm verlassen,
weil er dort ebenfalls seinen Aufenthalt nahm. Willis war aber selber
nicht lange dort geblieben, sondern auf einem seiner Streifzüge zu uns
herübergekommen und traf da nun wieder mit Martin zusammen, dessen
Eigenheiten er schon kannte und sich oft darüber amüsirte.
Wir hatten einen Jagdzug gemacht, um einen Bären aufzuspüren, der
anfing, den Schweinen nachzugehn, denn die Eichelmast war in dem Jahr
nicht besonders ausgefallen. Der alte Bursche schien aber ein anderes
Revier aufgesucht zu haben oder gerade nicht zu Hause zu sein. Wir
fanden wohl sein Bett und hetzten mit den Hunden, konnten ihn aber
selber nirgends aufspüren, und lagerten endlich an einem kleinen Hügel,
um unsere Pferde weiden zu lassen und uns selber ein wenig auszuruhen.
Martin schloß sich solchen Expeditionen nie an; er war selber kein
Jäger und hatte uns oft versichert, er habe noch nie in seinem Leben
eine Büchse abgedrückt. Sehr natürlich kam aber das Gespräch, als
wir da so lagerten und mitsammen plauderten, auch auf ihn und sein
wunderliches Benehmen in der Ansiedlung, und Willis rief plötzlich, als
wir auf dies und jenes riethen, was ihn dazu bewogen haben könnte und
sein ganzes Wesen vielleicht ziemlich richtig einer geistigen Störung
zuschrieben:
„~Boys~, ich will Euch was sagen: hol’ mich dieser und jener, wenn
ich nicht glaube, der ist daheim seiner _Frau_ ausgekniffen und
zieht jetzt nur so in der Welt herum, weil er Angst hat, daß sie ihn
wieder auffindet.“
Wir lachten; Willis aber, den Gedanken weiter verfolgend, fuhr
auf: „Was ist denn auch natürlicher! Ihr wißt doch Alle, wie er es
_hier_ macht; gut! das nämliche hat er zu Hause gethan. Wie er
nun daheim geheirathet und wie ein Pferd gearbeitet hatte, um seinen
Hausstand ordentlich einzurichten und seine Felder klar zu haben, lief
er, sobald er damit fertig war, in der verrückten Idee davon, daß er
dafür bezahlt werden sollte, denn vor Geld hat er eine Heidenangst und
wird blaß, sowie man es nur erwähnt. Meinen Hals wollt’ ich deßhalb
verwetten, daß er seiner Frau ebenso davon gerannt ist, wie allen denen
hier, bei denen er sich eine Zeit lang eingeheimst.“
Es wurde jetzt viel darüber gelacht, und die Idee ausgearbeitet, und
die Folge davon war, daß sich von der Zeit an das Gerücht in den
Ansiedlungen verbreitete, Martin sei seiner Frau daheim fortgelaufen.
Besonders die Frauen und jungen Mädchen faßten das auch mit Begierde
auf, und wie das mit allen solchen Gerüchten geht, Jeder thut sein
Theil dazu, so daß man nach einiger Zeit schon genau wußte, wie
sie geheißen und wo sie gewohnt habe, und jetzt mit einem Kind,
einem prächtigen kleinen Jungen, verlassen in Illinois sitze und den
verlorenen oder abhanden gekommenen Gatten beweine.
Unter solchen Umständen konnte es auch nicht fehlen, daß die Sache
selber Martin, als der Hauptperson, zu Ohren kam. Zuerst fielen
einzelne Andeutungen, dann wurde er direkt von Einigen der am wenigsten
Rücksichtsvollen offen damit geneckt, zeigte aber auf keine Weise, daß
er sich dadurch getroffen fühle, sondern ging weit eher auf den Scherz
ein und lachte darüber. Aber das Gerücht setzte sich fest. Bald gab es
keine einzige Wohnung mehr im ganzen ~County~, wo man nicht auf
das Bestimmteste wußte, daß Martin „seiner Frau durchgebrannt wäre,“
und sobald irgend ein Jäger zu einem Platz anritt, wo er sich befand
und seiner ansichtig wurde, lautete auch die stete, unausweichliche
Frage:
„Halloh Martin, wie gehts, alter Junge? Lange Nichts von Eurer Frau
gehört, heh?“
Es unterliegt wohl kaum einem Zweifel, daß Martin, obgleich stark von
Gliedern und sonst gesund, mit seinen geistigen Fähigkeiten weit hinter
seinen Körperkräften zurückgeblieben war. Es mußte irgend wo in seinem
Hirn „eine Schraube los sein,“ und er gehörte möglicher Weise zu jenen
zahlreichen Individuen, die ruhig und ungestört an der unmittelbaren
Grenze des Wahnsinns durch das Leben gehen, so lange der eigentliche
Nerv nicht berührt wird, der ihre Tollheit zum Ausbruch bringt.
Ihr Charakter zeigt sich allerdings in oft kleineren, oft größeren
Excentricitäten, und man nennt sie „überspannt“ oder „Originale“. Die
Meisten von ihnen leben auch so hin, bis sie der Tod abruft und ahnen
vielleicht eben so wenig wie die, welche mit ihnen in nächster Nähe
verkehrten, welcher Gefahr sie Beide ausgesetzt gewesen, und deren
Ausbruch nur an einer Zufälligkeit, wie an einem seidenen Faden hing.
Bei Anderen -- Wenigen, Gott sei Dank! -- bricht aber der Teufel, der
in ihnen schläft, einmal plötzlich los und sie enden ihr Dasein in
einer Zwangsjacke.
Ich selber hatte Martin immer in Verdacht, daß es mit ihm „nicht
ganz richtig“ sei, und sein wunderliches Benehmen entschuldigte oder
rechtfertigte auch wohl einen solchen Glauben, aber ich wurde auch
wieder irre daran, wenn ich sah, wie verständig und ordentlich er sich
in jeder anderen Hinsicht benahm. Nur dies Weglaufen aus der Arbeit
konnte er nicht lassen, und er verschwand dann auch bald plötzlich
wieder aus unserer Gegend, wobei ich Willis im Verdacht hatte, daß er
diesmal die Ursache gewesen, da Jenem wohl die Neckerei zu arg geworden.
Auch Willis verließ bald darauf die ~range~, denn das Klima
sagte ihm nicht zu, er bekam das kalte Fieber, jene fatale Plage der
Sümpfe, und zog ab, um sich einen gesunderen Aufenthaltsort für seine
künftige Heimath zu suchen. Wie er äußerte, wollte er einmal nach
den Ozark-Gebirgen hinüber, welche Gegend auch bei uns oft, ihres
Jagdreichthums wegen, war erwähnt worden.
Martin sollte in dieser Zeit, wie wir von einem Jäger erfuhren, an
der andern Seite des Arkansas gesehen sein, schien sich aber dort
nicht recht zu gefallen, denn seinem ewigen Weglaufen verdankte er
einen unangenehmen Zwischenfall. In der Nachbarschaft war nämlich ein
Mord verübt worden, und da unser unverbesserlicher Freund zufällig
in der nächsten Nacht seinen bisherigen Arbeitsplatz in altgewohnter
Weise heimlich verließ, fiel der Verdacht des Sheriffs auf ihn und er
wurde verfolgt und eingebracht. Glücklicher Weise kannte man aber den
wirklichen Mörder; seine Unschuld stellte sich deshalb gleich heraus
und er kam frei, wollte nun aber auch nichts mehr von der dortigen
Gegend wissen und verschwand wieder in der Wildniß.
Ich verließ Arkansas bald darauf, ging nach dem Norden und kehrte erst
nach länger als einem Jahr in den alten Staat zurück; diesmal aber auch
nicht in die Sümpfe, denn auch mich hatte das kalte Fieber tüchtig
abgeschüttelt, sondern in die Gebirge, wo ich einen längeren Aufenthalt
zu nehmen gedachte, und dort ausschließlich von der Jagd lebte.
Zufällig hörte ich da, daß Willis ganz in der Nachbarschaft einen Platz
gekauft habe, und mit seiner jungen Frau und deren älteren Schwester
hierher gezogen sei, und säumte nicht, ihn aufzusuchen, wurde auch auf
das Freundlichste von ihm begrüßt.
Er hatte sich ein prächtiges Weibchen mitgebracht, und seine
Schwägerin, eine junge Wittwe von vielleicht sechs- oder achtundzwanzig
Jahren, aber voller Leben und Muthwillen, schien sich schon die Herzen
der ganzen Nachbarschaft gewonnen zu haben; man mochte, welche Hütte
man wollte, betreten, so hörte man ihr Lob.
„Und wißt Ihr was Neues?“ rief mir Willis zu, als ich kaum meine Büchse
in die Ecke gestellt und die „~ladies~“ begrüßt hatte, „Martin ist
wieder in der Nachbarschaft und wir haben einen capitalen Spaß mit ihm
vor.“
„Hört einmal Willis,“ sagte ich ihm, gar nicht etwa darüber erfreut,
„wenn Ihr meinem Rath folgen wollt, so laßt Ihr den armen Teufel
zufrieden; er ist unglücklich genug durch sein rastloses Wesen, und
viel zu harmlos, um ihn zur Zielscheibe Eures Spottes zu nehmen.
Erinnert Euch nur, wie gutmüthig er damals den Scherz mit der böslich
verlassenen Frau hinnahm.“
„Ja, das ist ja aber eben das Kostbare an der Geschichte,“ rief Willis,
„daß er Alles, was wir ihm damals vorgeschwatzt, jetzt selber glaubt.“
„Daß er seine Frau verlassen hat?“
„Gewiß -- bei Roberts drüben hat er es selber erzählt und den Alten um
Rath gefragt, und als der meinte, da bliebe ihm nichts Anderes übrig,
als zurück zu gehn und für sie zu sorgen, versicherte er ihn mit der
traurigsten Miene von der Welt, daß er gar nicht wisse, wo sie sei und
wo er sie finden solle.“
„Er ist rein verrückt und Ihr werdet ihn noch verrückter machen.“
„Bah, ein Bischen mehr oder weniger schadet nicht,“ lachte Willis, „und
hier Fanny (seine Schwägerin) hat versprochen uns zu helfen.“
„Thun Sie es nicht,“ bat ich.
„Es ist ja nur ein Scherz,“ lächelte die junge Witwe, „lieber Gott,
was hat man denn in diesem entsetzlichen Land voller Bäume weiter
für Unterhaltung, wenn man jedem Spaß aus dem Wege gehen will -- wir
stürben ja vor reiner Langeweile!“
„Und was wollen Sie thun?“
„Es wird nicht vor der Zeit geplaudert,“ rief Willis dazwischen, „aber
morgen ist großes Klötzerollfest bei Warners drüben und da dürft Ihr
auch nicht fehlen. Nach der Arbeit wird dann getanzt.“
Mir war das Ganze, wie gesagt, nicht recht, denn Martin dauerte mich.
Wo sollte er denn Ruhe finden, wenn er auch noch überall verspottet und
geneckt wurde, aber es war eben Nichts zu machen, und die beiden jungen
Frauen freuten sich besonders auf den „Scherz“, wie sie es nannten.
Ich mußte ihnen auch fest versprechen, Martin, wenn ich ihn zufällig
früher zu sehen bekäme, Nichts zu sagen, oder sie würden mir das nie im
Leben verzeihen, und ich ließ eben geschehen, was ich doch nicht ändern
konnte.
Uebrigens erhielt ich an demselben Abend noch eine besondere Einladung
zu Warners, und beschloß also dort keinesfalls zu fehlen. Vielleicht
konnte ich dem armen Teufel doch noch beistehen, wenn sie’s eben gar zu
arg mit ihm trieben. Jedenfalls wollte ich wissen, was sie vor hatten.
Zweites Kapitel.
Das Klötzeroll-Fest.
In den wilden Urwäldern Nordamerikas herrscht, schon der ganzen Lage
der vereinzelten Ansiedlungen nach, ein ziemlich einsames Leben. Die
sogenannten „Nachbarn“ wohnen selbst soweit auseinander und sind stets
durch Waldstrecken getrennt, daß besonders die Frauen nur in seltenen
Fällen Gelegenheit bekommen, ihre Heimath zu verlassen und die nächsten
Freunde zu besuchen. Um so freudiger wird daher eine jede ergriffen,
wo sich das möglich machen läßt, und dann kann man sich fest darauf
verlassen, daß auch Niemand fehlt.
Wird irgendwo ein neues Haus aufgerichtet, so schreibt der Eigenthümer
ein „~cabin Raising frolic~“ oder Fest aus. Soll, wie in
diesem Fall, ein Feld geräumt werden, so wird es ein ~log rolling
frolic~. Ja sogar im Herbst, wenn der Mais ausgeschält wird,
sucht man solche Zusammenkünfte zu arrangiren, und fehlt es an allem
diesen, so greifen die Frauen selber zu einem verzweifelten Entschluß
und künden einen ~Stepping frolic~ an, zu dem natürlich nur die
~ladies~ eingeladen werden, um der Hausmutter zu helfen eine
Steppdecke fertig zu bringen. Daß sich dann aber Abends die jungen
Leute einfinden, versteht sich von selbst, und ein richtiger Tanz mit
~Jigs~ und ~hornpipes~ beschließt alle diese Feste.
Bei allen arbeiten aber auch die Eingeladenen den ganzen Tag über mit
wirklich amerikanischem Fleiß, und nur der Abend bringt erst Lust
_und_ Vergnügen.
Die Kost ist dabei einfach genug -- Kaffee mit Maisbrod und Speck, aber
der Mann setzt einen Stolz darein, daß es bei solchen Gelegenheiten
nicht an Wildpret fehlt, und saftige Stücke Hirsch- oder wohl gar
Bärenfleisch mit ein paar fetten Truthühnern kompletiren das Mahl.
Vor allen Dingen aber muß reichlich Whiskey da sein, den die Damen
wenn auch nicht so viel, doch eben so gern und gesüßt trinken, und der
Gastgeber hat dafür zu sorgen, daß wenigstens einer der eingeladenen
Gäste -- wenn er es selber nicht im Stande ist -- die Violine spielen
kann. Ja, ich habe schon solchen Festen beigewohnt, wo kein einziger
Musikus aufzutreiben war, und dann einzelne junge Leute mitten in die
Stube sprangen und den Takt des Tanzes mit den flachen Händen auf
ihren Knieen klatschten, ja nicht eher aufhörten bis sie sich die
betreffenden Körpertheile braun und blau geschlagen hatten.
Heute war also ein solcher ~log rolling frolic~, oder auf
deutsch ein „Klötzeroll-Fest“, bei Nachbar Warner, der sein altes
Wohnhaus durch einen neuen Anbau vergrößern wollte, und nun die ganze
arbeitsfähige Nachbarschaft dazu eingeladen hatte.
Manche von ihnen kamen auch nicht leer, denn Niemand verläßt im Wald
das Haus, ohne die getreue Büchse auf den Sattelknopf zu legen, und
schon unterwegs hatte Der einen Truthahn, Jener einen Hirsch oder ein
Wildkalb geschossen, so daß Wildpret genug zusammen kam, um die ganze
Gesellschaft eine volle Woche „in Fleisch“ zu erhalten. Whiskey gab es
ebenfalls in Ueberfluß -- zwei mächtige Steinkruken voll, und es läßt
sich denken, daß die Geladenen bei Laune waren, und rüstig arbeiteten,
um ihr Tagewerk schnell zu Ende zu bringen. Dies geschah in folgender
Art:
Am dicksten Baum wurde das untere und schwerste Ende an Ort und
Stelle gelassen, und das nächste Stück, mit Hebebäumen und Walzen nur
herumgeschoben, daß es daneben zu liegen kam; dann hoben zwölf oder
sechzehn kräftige Burschen das dritte auf darunter geschobene Stangen
und warfen es auf die ersten beiden, und leichtes Holz wurde nachher
darum her aufgeschichtet. So formte man so viele Haufen als Material
vorhanden war, und während das junge Volk die abgebrochenen Zweige und
Wipfel zusammenschleppte und über einander warf, wurden Feuer an den
verschiedenen Haufen angezündet, und diese in Brand gebracht -- galt
es ja doch nur das Holz aus dem Weg zu schaffen und je rascher und
vollkommener das geschehen konnte, desto besser.