oberflächlich, denn sie hatten früher oft mit ihren Wagen Fracht
in die Minen gebracht, sich aber nie lange da aufgehalten und auch
mit wenig Menschen verkehrt. Außerdem wechselte die Bevölkerung
solcher Minenstädte ununterbrochen, denn während ein Theil der
dorthin Gezogenen seine Hoffnungen nicht realisirt fand und weiter
wanderte, trafen Andere wieder ein, die, durch glänzende Berichte
der dabei interessirten Händler angelockt, ihr Glück dort versuchen
wollten. Außerdem waren in der That in letzter Zeit verschiedene
Mordthaten vorgefallen, und die Leute erbittert genug auf das heimliche
Raubgesindel, der Verdacht hatte nur bis jetzt vor anderer Thür
gelegen, und war meistens auf Mexikaner und sogenannte „~Sydney
coves~“ oder aus Australien eingewanderte Verbrecher gefallen. Daß
sich Amerikaner dabei betheiligt haben sollten, gefiel den Leuten
nicht: war es aber wirklich der Fall, ei, dann mußten sie auch ihre
Strafe leiden, so gut als Fremde, man konnte sich ja sonst nicht einmal
seines eigenen Lebens sicher fühlen.
Unter den Goldwäschern befand sich übrigens Einer, ein Kentuckier,
der früher einmal mit Carman gearbeitet und ihn die ganze Zeit nicht
wieder getroffen hatte, bis er Zeuge der Verhaftung wurde und nun
kopfschüttelnd, die Hände in den Taschen, die Straße hinabschlenderte,
um sich bei Collins, wo er gewöhnlich seinen Bedarf holte, frischen
Kautaback zu kaufen.
„Hol’ mich dieser und Jener, Collins,“ sagte er dabei, während der
junge Mann ihm das verlangte Stück abwog -- „man weiß jetzt bei Gott
nicht mehr, wem man trauen soll; es giebt doch _zu_ viel schlechte
Menschen in der Welt, und hier in dem verbrannten Californien werden
nachher auch noch die Besten schlecht. Das Gold hat den reinen Teufel
im Leibe.“
„Werdet Ihr heute Morgen moralisch, Mills,“ lachte Collins, der diese
Eigenschaft an dem sonst ziemlich rohen Gesellen noch gar nicht kannte.
„Ach was, hol’s der Teufel,“ brummte der Kentuckier, indem er sich
ein gewaltiges Stück Kautaback abschnitt und in den Mund schob, „da
haben sie eben wieder einen Burschen verhaftet, mit dem ich drei
Monat zusammen am Stanislaus gearbeitet, und er war immer ein braver,
ordentlicher Kerl. Nachher ging ich nach dem Jackaßgulch hinüber und
er fing mit Anderen an, und nun höre ich eben, daß er und sein Kamerad
drüben an der Fork einen Amerikaner im Wald angefallen und beraubt
haben.“
„Alle Wetter, wen denn?“
„Ach, auch einen Kerl, von dem ich lieber wollte, daß er ein Indianer
als ein Amerikaner wäre; einen von den verdammten Spielern, denselben
Hund, der meinem Bruder einmal sein ganzes ausgegrabenes Gold
abgenommen hat -- aber doch bei Beleuchtung und mit Karten, und nicht
im Wald mit der Pistole. Wahrscheinlich haben die’s an ihn auch
verloren, und sich’s auf die Art wieder holen wollen; aber von Carman
hätt’ ich das in meinem Leben nicht geglaubt.“
„Von Carman?“ schrie Collins, der von der ganzen Verhaftung noch gar
kein Wort wußte, und war mit _einem_ Satz über seinen Ladentisch
hinüber -- „Carman haben sie verhaftet?“
„Na, gewiß,“ sagte Mills, der Kentuckier, über die Aufregung des sonst
so ruhigen Händlers erstaunt -- „ihn und noch einen Anderen, aber ich
kenne ihn nicht. ’S ist, glaub’ ich, auch ein ~corncracker~.“[A]
„Ganz recht, versteht sich von selber,“ lachte Collins auf, „alle
Beide, und auf Raub, vielleicht gar Raubmord angeklagt, von einem der
Spieler.“
„Na ja,“ sagte Mills, „ich hab’s Euch ja eben erst erzählt.“
„Und wißt Ihr, Mills, daß die beiden Leute gerade so unschuldig daran
sind, als Ihr und ich?“
Mills machte ein etwas dummes Gesicht, denn er begriff nicht gleich,
woher der Händler das wissen wollte; Collins aber, der im Nu den
ganzen Plan des Richters durchschaute, ein paar Menschen aus dem Weg zu
schaffen, die ihm, wenn nicht gefährlich, doch unbequem werden konnten,
faßte den langen Kentuckier jetzt bei einem Knopf und erzählte ihm in
kurzen, gedrängten Worten die Vorgänge in Mexiko und hier, wie den
Verdacht, den er habe, daß da mit einem paar braver, rechtlicher Leute
ein nichtswürdiges Spiel getrieben werden sollte.
Mills war ein guter, ehrlicher Kerl, aber etwas langsam von Begriffen,
und es dauerte eine gute Weile, bis ihm Collins Alles so erklärt hatte,
daß er es verstand. Als das aber wirklich erst einmal der Fall war,
gerieth der Bursche fast außer sich, und Collins hatte jetzt die größte
Mühe, ihn nur zurückzuhalten, daß er nicht augenblicklich zu Richter
Black hinüber lief, Skandal anfing, und dann selber festgesetzt wurde,
ohne den Gefangenen auch nur das Mindeste zu nützen.
Vor allen Dingen galt es, zu erfahren, wann das Verhör sein solle, und
daß ~Dr.~ Black nicht lange damit zögern würde, ließ sich denken;
Mills beschloß indessen, in die sogenannte _Flat_ hinauszugehen,
wo eine Anzahl seiner Bekannten und Landsleute arbeitete, um mit diesen
Rücksprache zu nehmen. Abends ließ sich dann das Weitere in der Stadt
besprechen, und morgen war überhaupt Sonntag, wo nirgends in den Minen
gearbeitet wurde.
Collins selber legte sich indessen auf die Lauer, um vielleicht hie und
da etwas darüber zu hören, was man mit den beiden Gefangenen vorhabe,
aber Richter Black ließ ihn gar nicht lange in Zweifel und schien in
der That das Eisen zu schmieden, so lange es warm war. Der morgende
Sonntag mochte ihm nämlich nicht besonders für diesen Gerichtsfall
passen, da die Leute an dem Tage zu viel Zeit hatten, Sonntags kamen
auch noch viele Goldwäscher aus der Nachbarschaft nach Ludville, um
hier ihre nöthigen Provisionen für die nächste Woche einzukaufen, und
den Tag dann unter Bekannten und Freunden zu verbringen; dem mußte
vorgebeugt werden. Gleich nach Tisch war natürlich Alles wieder an
die Arbeit gegangen, und das Städtchen lag wie leer und verödet. Nur
die Spieler, die an den Waschplätzen nichts zu suchen hatten, und die
Händler und Wirthe waren zurückgeblieben, und eine günstigere Zeit,
um das Verhör der beiden Gefangenen vorzunehmen, kam sicher nicht
wieder. Richter Black war dabei nicht der Mann, eine solche Gelegenheit
unbenutzt verstreichen zu lassen. Er glaubte allerdings nicht, daß
die beiden Angeklagten besondere Freunde hier im Ort hatten, aber
selbst die Möglichkeit eines Einspruchs konnte durch rasches Verfahren
vermieden werden, und daß _seine_ Freunde dann zu ihm standen,
wußte er gewiß.
Die Spieler selber wurden auch in der That hier nur durch ihn allein
gehalten, denn oft schon hatten die Einwohner von Ludville bei dem
Richter darum nachgesucht, die sämmtlichen Spielhöllen aufzuheben. Dem
Gesindel wäre dadurch aber einer der vortheilhaftesten Plätze in den
Minen genommen worden, und Richter Black hielt seine Hand darüber, ja
erklärte, den verschiedenen Anforderungen gegenüber: _er_ für
seine Person könne keine besonderen Gesetze für Ludville geben, wo
die obersten Behörden selbst in San Francisco und unter ihren Augen
das Spiel gestatteten. Dabei blieb es, ja es wurde noch ärger, als in
benachbarten Minenplätzen die Goldwäscher, dieser nichtsnutzigen Bande
überdrüssig, sie zum Tempel hinaus jagten. Welchen besseren Platz
hätten sie da aufsuchen können, als das, in einem der goldhaltigsten
Thäler liegende Ludville, so daß jetzt einige dreißig Mann dieses
Gelichters hier ihren stehenden Wohnsitz genommen hatten und nur dann
und wann einen Abstecher machten, um an neu entdeckten Waschplätzen
die Arbeiter um ihr Gold zu betrügen und nachher hierher zurückzukehren.
Es mochte etwa Mittags um zwei Uhr und die beiden Gefangenen kaum eine
Stunde in ihrem Gewahrsam sein, als sich der Sheriff schon einige
Hülfsleute nahm, um sie zum Verhör abzuholen, das dann auch auf sehr
summarische Weise betrieben wurde. Collins erfuhr kaum, und in der That
nur zufällig, daß es statt fand, und band rasch seinen Zeltladen zu, um
wenigstens Zeuge zu sein.
Die Anklage war von einem der Spieler erhoben, der eine merkwürdige
Geschichte erzählte, wie er, _unbewaffnet_ -- und Keiner der
Burschen ging je ohne seine zwei Revolver im Gürtel -- mit noch einem
Kameraden unterwegs im Walde gerade gefrühstückt habe, als die beiden
Angeklagten über sie hergefallen wären, sie zu Boden geschlagen und
beraubt hätten. Ein Anderer der anwesenden Spieler war dann als Zeuge
dazu gekommen. Zufällig des Weges reitend, feuerte er seine Pistolen
auf die Räuber ab, und wenn er sie auch wohl nicht traf, so verjagte er
sie doch, oder sie hätten ihre Opfer sonst am Ende vielleicht gar noch
todtgeschlagen.
Hier waren drei Menschen, die gegen sie auftraten und bereit schienen,
ihre Aussage zu beschwören, ja der Zeuge hatte vorher schon den Schwur
aussprechen müssen, nach welchem er bei dem Namen Gottes betheuern
mußte, die Wahrheit -- und nur die Wahrheit zu sagen.
Auch das Gold, das Carman erst heute Morgen dem Richter bezahlt und
in welchem sich ein paar wunderlich geformte Stücke befanden, wurde
von den Beraubten als das erkannt, das ihnen damals von den Räubern
abgenommen worden, und ein Zweifel konnte deshalb gar nicht mehr
stattfinden. Lautes Hohngelächter schallte aber durch das Zelt, als
Hudson jetzt, wüthend über die frechen Beschuldigungen, auffuhr und dem
Richter selber vor allen Versammelten seine Anklage in die Zähne warf.
Ja, als er seine und seines Gefährten erhaltenen und jetzt vernarbten
Kopfwunden zeigte, rief der Sheriff höhnisch:
„Daß Ihr bei _Eurer_ Beschäftigung manchmal eins über den Schädel
gekriegt habt, meine Burschen, glaub’ ich Euch auf’s Wort, es wäre
wenigstens wunderbar, wenn Ihr immer ungerupft davon gekommen sein
solltet. Komisch ist nur, daß Ihr das als Beweis Eurer Unschuld
vorbringen wollt, und dabei noch die Unverschämtheit habt, den Richter
selber zu beschuldigen. Was Tolleres habe ich in meinem ganzen Leben
noch nicht gehört.“
„Gentlemen,“ sagte Black ruhig, sich an die versammelte Bande wendend,
„ich glaube die Aburtheilung dieser beiden Menschen wird über unsere
Befugniß gehen, denn nach unseren Minengesetzen verdienen sie den
Strick.“
„So hängt sie,“ rief ein junger verlebter Bursche, der kaum
einundzwanzig Jahr zählen mochte, aber schon wie ein alter Mann aussah.
„Das geht nicht,“ erwiederte Mr. Black, „denn der Gerichtshof über
Leben und Tod ist in Eltonville. Da wir aber hier keinen passenden Ort
haben, wo wir solch gefährliche Verbrecher sicher aufheben können,
so gedenke ich sie noch heute Nachmittag dahin abzusenden. Sheriff,
Ihr werdet die Güte haben, den Transport zu besorgen, und unter den
Herren hier finden sich vielleicht Freiwillige, welche die Begleitung
übernehmen, wie ich Kläger und Zeugen ebenfalls ersuchen muß, sich
dorthin zu verfügen. Die Entfernung ist ja nur gering, denn in drei
Stunden reiten Sie es bequem.“
„Ja wohl, ja wohl, Richter,“ riefen vielleicht zwanzig aus dem Schwarm,
„gewiß, gehen wir.“
„Gentlemen!“ rief da Collins, der recht gut die Gründe einer so raschen
Gerichtspflege durchschauete, und sich von dem Richter in Eltonville
nicht viel mehr versprach, als von diesem Mr. Black, wenn sie ihn
überhaupt dorthin ablieferten, „gestatten Sie mir eine Frage.“
„Und was wünschen Sie, Sir?“ fragte der Richter und sah ihn rasch und
mißtrauisch an.
„Ich erlaube mir,“ sagte da Collins mit lauter und ruhiger Stimme,
„gegen ein solches Verfahren zu protestiren.“
„Hallo? so? was will denn der Kerl?“ tönte es von den verschiedensten
Seiten, „hat der hier was zu sagen?“
„Ich bin selber Advokat,“ fuhr aber Collins unbekümmert fort, „und weiß
deshalb, daß diese Leute nicht dem Obergericht übergeben werden können,
ehe nicht eine Jury über sie gesessen hat, die von ihnen anerkannt
wurde. Die Bewohner von Ludville haben aber ein Recht, über das gehört
und befragt zu werden, was so in ihrer Mitte geschieht, und ich möchte
deshalb --“
„Werft ihn hinaus,“ kreischte der junge Bursch, der vorher den
freundlichen Antrag des Hängens gestellt hatte, „was hat der hier zu
thun?“
„~Well, my little fellow~,“ sagte Collins, dessen Blut auch jetzt
zu kochen anfing, „wenn Dir’s Spaß machen sollte, so versuch’ es
doch einmal, mich hinauszuwerfen. Uebrigens muß ich dem Gerichtshof
erklären, daß dies hier ein ganz unwürdiges Verfahren ist. Kläger und
Zeugen gegen diese beiden amerikanischen Bürger sind Menschen, die
ihren Erwerb vom Spiel haben, und wenn --“
Ein so furchtbares Toben und Zischen und auf die Tischeschlagen
unterbrach ihn hier, daß es nicht möglich war, weiter zu reden, und
Black selber mußte die Versammlung bitten, Ruhe zu halten. Von jetzt
ab fand aber gar keine Verhandlung mehr statt, sondern es wurden nur
Beschlüsse gefaßt, und ein Theil der Spieler zerstreute sich auch
schon, um ihre Pferde herbeizuholen, und die Gefangenen augenblicklich
zu transportiren.
Wurden sie nun wirklich nach Eltonville geschafft, so zweifelte Collins
keinen Augenblick daran, daß er einen Aufschub des Gerichtsverfahrens
dort erlangt hätte, bis er die nöthigen Beweise für die Unschuld
der Gefangenen beibringen konnte. Aber das wußte Black eben so gut,
und er selber zweifelte deshalb keinen Moment daran, daß ein ganz
anderes Verfahren beabsichtigt, und das Leben der beiden Amerikaner
auf’s Aeußerste bedroht sei, sobald sie, gebunden wie sie waren,
_dieser_ Bande übergeben und von ihr durch den Wald geführt
wurden. Was hätten sich _diese_ Menschen daraus gemacht, die
Gefangenen, die -- wenn sie doch vielleicht frei kamen -- gerade nicht
so aussahen, als ob sie alles Erlittene ruhig hinnehmen würden, gleich
selber unterwegs abzuurtheilen und irgend wo im Dickicht an einen
Baum zu hängen. Schlimmere Dinge _waren_ schon in Californien
geschehen, und wer hätte nachher einen Beweis über die That führen
wollen.
Collins fühlte auch, daß er hier _handeln_ mußte, und noch dazu
keinen Augenblick versäumen durfte, denn bis die Goldwäscher von ihren
verschiedenen Arbeitsplätzen zurückkehrten, darüber vergingen heute
noch mehrere Stunden, und längere Zeit brauchten die Buben gar nicht,
um Alles auszuführen, was sie beabsichtigten: sollte er aber selber
hinauslaufen und die Arbeiter zusammenrufen? selbst dies hätte nichts
genützt, denn rings um Ludville zerstreut steckten sie in ihren Gruben
und er brauchte über eine Stunde, nur um rings die nächsten Plätze
anzurufen, -- da gab es aber ein besseres Mittel.
Dicht neben seinem Zelt wohnte ein Kentuckier, der eine der
gewöhnlichen Speisewirthschaften hielt und einen großen Gong oder
Tamtam benutzte, um seine Gäste Mittags zu Tisch zu rufen. Diese
Gongs, große Metallplatten von eigenthümlicher Composition, mit einem
scharfeingebogenen Ring darum, machen aber einen ganz merkwürdigen
Lärm, und er erinnerte sich selber, den Ton bis weit hinein in die
Hügel gehört zu haben. Zu dem Kentuckier sprang er jetzt, er sah,
daß schon Einige der Burschen ihre Pferde herbeiführten, daß also an
einen Aufschub nicht zu denken war, und diesem mit flüchtigen Worten
erzählend, was draußen im Werke sei, griff er den Gong und dessen
Klöppel auf, sprang auf einen hinter dem Hause befindlichen Hügel und
begann das Instrument aus allen Kräften zu bearbeiten.
Es war ein furchtbarer Lärm, den die Platte machte, aber er erreichte
vollkommen seinen Zweck. Aus allen Zelten eilten die Bewohner
hinaus in’s Freie, um zu sehen, was der Sturmruf zu so ungewohnter
Stunde bedeute, und selbst aus den Niederungen kamen schon einzelne
Goldwäscher angesetzt, denn daß etwas Außerordentliches vorgegangen
sein müsse, wußten Alle. Hatten die Mexikaner den Ort gestürmt?
Feindseligkeiten zwischen ihnen und den Amerikanern waren verschiedene
Male vorgekommen, und erst kürzlich verbreitete sich das Gerücht,
daß sie in Sonora, einer anderen Minenstadt, versucht hätten, den
Amerikanern Trotz zu bieten. Oder sollten sich die Franzosen empört
haben? in Murphy’s Diggings war Aehnliches geschehen. Jedenfalls
mußten sie sehen, was dort passirte, und das war Alles, was Collins
wollte.
Aus der Flat selber aber kam der Kentuckier mit etwa zwanzig Freunden
und Bekannten herangestürmt, denen er schon draußen erzählt hatte, was
in Ludville im Werke sei. Hatte wirklich Collins das Zeichen gegeben?
Schon von Weitem erkannte er ihn oben auf dem Hügel, und Spaten und
Brechstangen, was sie unterwegs fanden, aufgreifend, eilten die
handfesten Burschen zum Succurs herbei.
Mr. Black hatte den Lärm ebenfalls gehört, und augenblicklich seinen
Sheriff hinaus gesandt, um eine Fortsetzung desselben zu verhindern.
Collins aber, um den sich schon eine Anzahl von Amerikanern, Deutschen
und Franzosen gesammelt, ließ sich nicht irre machen, und als der
Sheriff Gewalt brauchen wollte, ja sogar seinen Revolver zog, stellten
sich ihm plötzlich soviel drohende Gestalten entgegen, daß er ziemlich
scheu den Rückweg suchte, um erst dem Richter über diese eben nicht
viel versprechenden Anzeichen Bericht abzustatten.
Indessen hatte sich die Escorte der beiden Gefangenen, denen das
Herbeiströmen der Männer nicht entgangen war, nur noch mehr beeilt,
fortzukommen. Acht von ihnen saßen schon zu Pferde, die beiden
Gebundenen in der Mitte und hielten es jetzt für rathsam, lieber den
Platz zu verlassen, die Anderen mochten ihnen dann, so rasch sie
konnten, folgen. Diesen entgegen warf sich aber jetzt der Kentuckier
mit seinen Leuten, und dadurch vollkommen die Straße sperrend frug er
sie, wohin sie mit den beiden Amerikanern wollten.
„Nach Eltonville, zum Obergericht, im Namen des Gesetzes gebt Raum!“
„Oh, Mills!“ rief Carman, der seinen früheren Kameraden erkannt hatte,
„sei doch so gut, und schlag einmal dem Halunken eins über den Kopf,
bis ich selber die Hände freibekomme.“
„Es sind Verbrecher,“ rief ein Anderer wieder, „die dem ordentlichen
Richter überliefert werden sollen, Ihr werdet keine Raubmörder
beschützen wollen.“
„Lügenhund, nichtswürdiger!“ schrie jetzt Hudson, dem nun auch die
Galle überlief, „laß mich die Hände frei bekommen.“
„Und dazu braucht es Euch Spielergesindel?“ rief ein baumlanger
Texaner, der eine große eiserne Brechstange in der Hand hielt, „um
einen Gefangenen zu transportiren? waren dazu keine achtbaren Männer
aufzutreiben? Laßt die Leute frei!“
„Zurück! Gentlemen!“ schrie da ein breitschultriger Yankee-Spieler mit
einer bunten Serape und in mexikanischen Hosen, indem er einen Revolver
hinaushielt -- „wir sind jetzt geschworene Constabler und der Erste,
der es wagt --“
„Schurken seid Ihr!“ schrie der Texaner, die drohende Waffe nicht
weiter achtend, als ob es ein todtes Stück Holz gewesen wäre; und in
demselben Moment hieb er auch mit seinem schweren Eisen das Pferd des
Spielers dermaßen vor den Kopf, daß es wie todt zusammenbrach und den
Reiter weit ab über seinen Hals sandte. Dieser feuerte allerdings noch
im Sturz seinen Revolver ab und die Kugel schlug einem der Leute durch
den Arm. Das war aber auch nur das Signal zu einem förmlichen Angriff
gewesen, denn im Nu warfen sich die Goldwäscher auf das überhaupt
verhaßte Spieler-Gesindel, die auch nicht mehr wagten, ihre Waffen
abzuschießen. Von allen Seiten sprangen neue Verstärkungen herbei und
sie wußten recht gut, daß sie nicht zu ihren Freunden zählten. Ein paar
von ihnen wurden von den Pferden gerissen und eben nicht sanft dabei
angefaßt -- Andere sprengten mit ihren Pferden seitwärts durch die
Zelte, und wenige Augenblicke später fühlten Hudson und Carman ihre
Arme frei und griffen jetzt ebenfalls das erste beste Geräth auf, um
sich zu vertheidigen.
Mehr und mehr Goldwäscher füllten indeß die Straße, wie ein Lauffeuer
hatte sich die Nachricht einer Revolution durch die benachbarten
Arbeitsplätze verbreitet, und so große Scheu bis zu diesem Augenblick
ein Jeder gehabt, auch nur das geringste Außerordentliche zu thun, so
daß sie sich sogar die schrankenlosen Willkürlichkeiten des Richters
gefallen ließen, so wie mit einem Schlage schien jetzt ein jedes
solches Gefühl abgeschüttelt und vergessen.
Mills, der lange Kentuckier, fühlte dabei das Bedürfniß, eine Rede
zu halten. Vor einem der Zelte stand ein frischangefahrenes Faß mit
gepökeltem Schweinefleisch; auf das sprang er mit einem Satz hinauf und
schrie mit dröhnender Stimme:
„Boys! Gentlemen wollte ich sagen, thut mir den einzigen Gefallen und
haltet einen Augenblick die Mäuler, damit wir nicht blind und toll in’s
Zeug hineinstürmen, denn die Hälfte von Euch weiß in diesem Augenblick
noch nicht einmal, was eigentlich los ist und was wir wollen.“
„Bravo, Mills, bravo!“ jubelte die Schaar -- „das ist recht, sag’s den
Burschen derb!“
„Geht zu Gras,“ brummte Mills, „ich weiß selber, was ich zu thun habe
-- soviel ist aber sicher, daß wir bis jetzt hier einen Räuber und
Mörder zum Richter gehabt haben, und ist _Einer_ unter Euch, den
er noch nicht geplündert hätte?“
„Hallo, Boys! was geht hier vor!“ schrie der Sheriff, der in diesem
Augenblick, eine Büchse in der Hand, aus seinem Zelt sprang, „verdammt
will ich sein --“
Er sagte nichts weiter -- Hudson, der keine fünf Schritt von ihm
stand, warf ihm eine kurze, eiserne Brechstange, die er in der Hand
hielt, dermaßen zwischen die Knie, daß er mit einem Schmerzensschrei
zusammenbrach, und im Nu hatte man ihm die Büchse weggenommen und ihn
gebunden.
„Der und sein Helfershelfer da, die Carricatur von einem Sheriff, der
nicht mehr Idee von einer Gerichtsperson hat, wie eine Kuh,“ fuhr aber
Mills, ohne sich im Geringsten irre machen zu lassen, fort, „haben hier
in Ludville dem Teufel sein Spiel getrieben, und wer hat regiert? Nur
das nichtsnutzige Gesindel, das mit falschen Karten und Revolvern im
Land umherzieht. Wenn ein Stück Vieh oder ein Pferd gefallen ist, so
sind in zehn Minuten die Aasgeier da und machen sich breit -- wo irgend
eine neue Mine, ein reicher Platz gefunden wird, wer hockt da zuerst
in den Zelten und lauert darauf, den fleißigen Arbeitern das mühsam
ausgewaschene Gold wieder abzujagen? diese Spieler. Am Rich Gulch
haben sie die Bande zum Teufel gejagt, am Bee River machten sie’s noch
besser, da hingen sie die eine Hälfte und ließen die Anderen laufen.
Wollen wir zurückbleiben?“
„Nein! fort mit der Bande!“ schrieen die Goldwäscher fast wie aus einem
Munde, „fort mit den Schuften; es giebt keine Ruhe im Ort, bis wir sie
nicht hinausgejagt haben.“
„Wenn die Gerichte in San Franzisco keine Macht haben,“ schrie der
Texaner, „den Gaunern das Handwerk zu legen, so haben _wir_ sie
hier und wollen sie brauchen.“
„Und die beiden Leute dort,“ fuhr Mills fort, „so brave Amerikaner, wie
je in Californien ein Loch gegraben, wollten diese Canaillen jetzt eben
in den Wald führen und dort aus dem Weg schaffen, und weshalb? weil sie
in diesem Mr. Black denselben Dieb erkannt haben, der sie in Mexiko mit
einer Bande von ~greasers~[B] überfiel, plünderte und dabei vier
Amerikaner todtschoß.“
„Wo ist Black? wo ist der Hund? holt ihn, sucht ihn!“ schrieen die
Miner durcheinander.
„Boys!“ schrie Mills noch einmal, „Gentlemen!“ denn er war noch lange
nicht fertig, aber sie hörten ihn nicht mehr. Sie hatten jetzt ein
bestimmtes Ziel, und weiter brauchten sie nichts -- verlangten nicht
mehr. Wie eine Sturmfluth wälzte sich auch der Haufen, der jetzt zu
einigen Hunderten angewachsen sein mochte, dem Zelte zu, in welchem
sich der Richter gewöhnlich um diese Tageszeit aufhielt. Aber wo war
Richter Black?
Ein gegenüber wohnender Händler hatte gesehen, daß Einer der Spieler,
jener junge Bursche, bleich wie der Tod, vor das Zelt des Richters
galoppirt war und rasch einige Worte mit ihm gewechselt hatte, dann
war er fortgesprengt die Straße hinab, während Black selber langsam zu
seiner eigenen, gerade über Ludville gelegenen Wohnung, einer kleinen,
aber festen Blockhütte hinaufstieg.
Dorthin stürmte jetzt die aufgeregte Schaar; was sie mit dem bis dahin
so gefürchteten Richter wollten, wußten sie eigentlich selber nicht,
aber er sollte ihnen Rede stehen -- er sollte sich gegen die wider ihn
erhobene Anklage vertheidigen und dann? -- ja den Raub herausgeben,
den er an ihnen verübt -- er und der Sheriff. -- Aber Richter Black
hatte es für gerathen gehalten, einen solchen Ausbruch der entfesselten
Volkswuth nicht abzuwarten.
Sein Haus stieß dicht an den Wald, und dort oben hatte er bis jetzt
immer einen jungen Mexikaner gehalten, der ihm Morgens sein Frühstück
bereitete und für die Reinlichkeit des Hauses sorgte, überhaupt auch
als Wache desselben diente.