Geld einstrich, „und ist auch der Zweck, weshalb ich nach Californien
gekommen bin -- eben so gut wie Ihr -- und was habt Ihr mir nun zu
sagen?“
Es war in dem Augenblick, als ob alles Blut Hudson’s den Körper
verlassen hätte und nach dem Herzen geströmt wäre. Er konnte kaum Athem
holen und mußte nach Luft schnappen, wie ein Fisch auf dem Sand.
„Nun, Sir?“ wiederholte aber ungeduldig der Richter und sah dabei nach
seiner Uhr -- „Sie _haben_ vielleicht schon zu Mittag gegessen,
müssen aber bedenken, daß andere Leute ebenfalls Hunger spüren -- also
was wollen Sie?“
Hudson hatte sich indessen wenigstens soweit gesammelt, um seine Klage
vorbringen zu können. Mr. Black ließ sich dann Namen und Wohnort des
Mexikaners angeben, und er wurde auf morgen früh neun Uhr wieder vor
Gericht beschieden. Dann klappte Mr. Black das vor ihm aufgeschlagene
Buch -- vielleicht ein Codex der Vereinigten Staaten, vielleicht irgend
ein Roman, in dem er bis jetzt geblättert -- zu, steckte die Hände in
die Taschen und verließ mit den Worten: „Kommt zum Essen, Sheriff,“ den
Saal. Die noch wartenden Kläger wurden auf morgen früh wieder bestellt.
Hudson ging wie in einem Traum hinter ihm drein und verwandte keinen
Blick von ihm, so lange er ihm mit den Augen folgen konnte. Erst als
er in dem nächsten Speisehaus verschwunden war, schien er selber seine
volle Besinnung wieder zu erhalten und eilte jetzt, so rasch ihn seine
Füße trugen, zu dem Zelt zurück, wo er wußte, daß Carman ihn erwartete.
„Nun?“ rief ihm dieser entgegen, -- „hast Du Deinen Mr. Black gefunden?“
„Meinen Mr. _Black_ nicht, John,“ sagte der junge Indianamann,
indem er seinen Arm in den des Freundes schob, und ihn ein Stück von
der Thür weg, auf den offenen Platz hinaus führte, „aber meinen Mr.
_Brown_.“
„Was soll das heißen?“ frug der Illinoiser verwundert, „ich denke, der
Richter nennt sich Black?“
„So _nennt_ er sich, ja, aber beim Himmel!“ rief der junge Mann,
„das ist der nämliche Schuft, der sich damals in dem Rancho in Mexiko
uns als Reisebegleiter anschloß und unsere vier Kameraden umbrachte.“
„Alle Teufel!“ rief Carman herumfahrend, „das ist aber nicht möglich --
_der_ kann doch hier nicht _Richter_ in Ludville sein?“
„Nicht möglich?“ lachte Hudson bitter vor sich hin -- „was ist hier in
Californien nicht möglich, und wer weiß hier was von der Vergangenheit
eines Menschen, wenn der es den Leuten nicht selber auf die Nase
bindet.“
„Und hat er _Dich_ auch wieder erkannt?“
„Schwerlich, denn wir Beide haben uns seit der Zeit außerordentlich
verändert -- aber in verschiedener Weise. Ich, der ich früher dicke,
rothe Backen hatte, bin in der Krankheit und mit dem Hieb über den Kopf
bleich und hohlwangig geworden und habe auch den, damals auf dem Bett
stehen gelassenen Bart noch nicht wieder rasirt. Brown dagegen hat
sich, wie es scheint absichtlich, vollkommen entstellt und im Gesicht
allein würde ich ihn nie wieder erkannt haben. Erstlich trägt er nicht
mehr die mexikanische Tracht, sondern Frack und Hut, dann hat er sich
das schwarze lockige Haar kurz abgeschnitten und den Bart vollständig
abrasirt; ein sehr zurückstehendes Kinn macht ihn dabei wirklich
vollkommen anders aussehn.“
„Dann ist er’s auch wahrscheinlich gar nicht, und Du hast Dich geirrt.“
„Bei Gott nicht,“ rief aber Hudson. „Ehe ich vorkam, hatte ich
übergenug Zeit, ihn zu betrachten, und ich fand im Augenblick
etwas Bekanntes in dem Gesicht des Mannes, das aber eben durch das
zurückstehende Kinn auch wieder so entstellt wurde, um mich vollständig
im Dunkeln zu lassen, _wo_ ich das Gesicht schon einmal gesehen
haben könnte. Wie er mich aber zu seinem Tisch rief und ich den großen
Brillantring an seiner weißen Hand sah, ja schon wie ich ihn lachen
hörte, war es mir plötzlich, als ob mir Jemand einen Stich in’s Herz
gäbe. Auch die Narbe auf seiner linken Backe erkannte ich wieder, wenn
sie jetzt auch, da der Bart fort ist, ihm bis zum Kinn hinunter läuft.“
„Und wo ist er jetzt?“ rief Carman plötzlich.
„Gleich dort drüben in dem Speisehaus -- mit dem Sheriff ißt er dort zu
Mittag.“
„Komm, laß uns hin,“ sagte der Freund entschlossen -- „ich will ihn
auch sehen und hast Du Recht, dann wollen wir überlegen, was wir thun,
und wie wir den Burschen fassen können.“
„Und wenn er _uns_ auch erkennt? Bei dem Einzelnen war das nicht
so leicht zu fürchten; er hat täglich mit so vielen Menschen zu thun,
-- wenn er uns aber zusammensieht --“
„Du hast Recht -- so bleib Du da,“ erwiderte Carman -- „ich werde
allein gehn und dort ebenfalls essen, mich auch anscheinend gar nicht
um ihn kümmern.“
„Wenn Du nur sein Lachen hörst, erkennst Du ihn augenblicklich wieder;
es ist beim ewigen Himmel der niederträchtige, blutige Schuft, der uns
damals so schändlich verrathen und mißhandelt hat.“
„Gut -- erst müssen wir Gewißheit haben, und Zwei sehen mehr als Einer,
nachher wollen wir den Burschen schon kriegen. Ich habe, während Du
oben bei ihm warst, hier einen Schulkameraden von daheim getroffen.
Er war früher Advokat, ist aber hier jetzt Händler, und einen bessern
Hülfsmann können wir uns nicht wünschen. Bleib’ nur indessen im Zelt,
daß wir nachher einander nicht verfehlen,“ und ohne weiter eine Antwort
abzuwarten, schritt er rasch dem bezeichneten Kosthaus zu, in dessen
Thür er verschwand. Er blieb auch nicht übermäßig lange, und als ihm
Hudson, der trotzdem schon ungeduldig war, rasch entgegentrat, faßte er
ihn unter den Arm und flüsterte ihm, ihn mit fortziehend, zu:
„Du hast Recht, es ist beim ewigen Himmel jener Raubmörder, der hier
ganz gemüthlich über ehrliche Menschen zu Gericht sitzt und sich mit
einer Frechheit benimmt, die Nichts zu wünschen übrig läßt.“
„Aber wo willst Du jetzt hin?“
„Zu Collins, meinem Freund, dem Advokaten,“ rief Carman, „der muß uns
jedenfalls in der Sache beistehn, denn ich glaube, daß wir den Burschen
jetzt sicher haben -- der läuft uns nicht mehr fort.“
„Und hat er Dich nicht etwa erkannt?“
„Gott bewahre -- er saß mit einem anderen Mann oben am Tisch.“
„Das war der Sheriff --“
„Möglich -- jedenfalls ein gefährlicher Nachbar für ihn, denn der muß
ihn selber hängen -- wenn noch Gerechtigkeit in Californien ist -- und
sie tranken Wein und aßen und kümmerten sich den Henker um die anderen
Gäste. Ich hatte Zeit genug ihn zu beobachten, ohne daß er irgend
etwas merken konnte; ich brauchte aber auch nicht lange dazu. Das
zurückstehende Kinn störte mich Anfangs auch, und ich glaubte schon, Du
hättest Dich doch vielleicht geirrt; wie ich ihn aber lachen hörte, war
ich meiner Sache ebenfalls sicher. -- Da -- hier wohnt Collins. Das ist
sein Zelt.“
Sie fanden den jungen Amerikaner, der sich hier -- nachdem er das
Goldwaschen eine Weile mit nur sehr mittelmäßigem Erfolg versucht, als
Händler niedergelassen hatte. Er war selber allerdings ein wenig über
die Entdeckung erstaunt, hörte aber vollkommen ruhig ihre Erzählung
an, lächelte dabei nur still vor sich hin, und nickte manchmal mit
dem Kopf dazu, unterbrach aber die Erzähler, die sich wechselsweise
ergänzten, mit keiner Sylbe. Nur als Hudson ausrief, er wolle jetzt
augenblicklich selber nach San Francisco, um einen Verhaftsbefehl für
den mexikanischen Räuber und Mörder auszuwirken, sagte er ruhig:
„Und glauben Sie wirklich, Freund, daß Sie den dort bekommen würden?“
„Nicht bekommen?“ rief Hudson -- „amerikanische Gerichte werden doch
bei Gott einen solchen Schurken nicht beschützen, der amerikanisches
Blut vergossen hat?“
„Bah,“ sagte Collins ruhig, „Sie kennen Californien nicht, denn wir
leben hier vor der Hand noch in einem vollständigen Ausnahmszustand.
Was haben wir denn für Behörden? nicht etwa von den Vereinigten Staaten
herüber gesandte, sondern lauter Leute, die hier hergekommen sind, um
Gold zu graben -- wie ich selber auch -- und die, als das nicht ging,
sich auf etwas Anderes warfen, um Geld zu verdienen. Den Beweis finden
wir ja in San Francisco selber, wo Raub und Mord an der Tagesordnung
sind, und die Verbrecher, wenn man sie wirklich einmal einfängt, doch
immer ungestraft davon kommen. Es kocht und gährt auch schon in der
Bevölkerung, und es wird fast offen davon gesprochen, das Gericht in
eigene Hand zu nehmen und das Lynchgesetz gegen alle ertappten Diebe
und Mörder anzuwenden. Wäre das jetzt wirklich der Fall, so hätten
wir die Hoffnung, etwas auszurichten, denn wir könnten an das Volk
appelliren. Wie die Sachen aber gegenwärtig stehn, so mögen Sie einen
_Proceß_ gegen den Richter anstrengen, ja, und der dauert denn
auch wahrscheinlich so lange, bis wir andere Zustände bekommen, aber
weiter richten Sie Nichts aus.“
„Das ist ja ganz unmöglich!“
„Unmöglich ist hier gar Nichts,“ sagte der Advokat achselzuckend.
„Ja, wäre der Ueberfall auf amerikanischem Grund und Boden geschehen,
so könnte man doch vielleicht auf einen Erfolg rechnen -- aber in
Mexiko -- beweisen Sie diesem, mit allen Hunden gehetzten Mr. Black
oder Mr. Brown einmal, daß er überhaupt je in Mexiko war, und zehn
gegen eins, er bringt Ihnen fünf, sechs Zeugen, die Ihnen Alle mit
der größten Bereitwilligkeit vor Gericht schwören, daß sie ihn hier
schon zwei volle Jahre in Californien gekannt haben, und daß er in der
ganzen Zeit das Land mit keinem Fuß verlassen hat. Außerdem ist dieser
Mr. Black, dem ich persönlich zutraue, was Sie mir von ihm erzählt,
hier in Ludville eine renommirte Persönlichkeit und gerade mit allen
Rowdies -- dem nichtswürdigsten Gesindel der Staaten, den Spielern,
eng befreundet. Er spielt selber ziemlich stark und _soll_ --
doch das ist nicht verbürgt, wird aber hier erzählt, früher sogar ein
professionirter Spieler gewesen sein und in San Francisco im Anfang
Bank gelegt und einen Tisch gehalten haben. Der Sheriff steckt mit
ihm ebenfalls unter einer Decke und wir würden da in ein Wespennest
hineinstören, aus dem wir nicht wieder ungestochen zurückkämen.“
„Aber es ist doch nicht denkbar, daß _solche_ Zustände unter dem
Sternenbanner stattfinden könnten!“ rief Hudson.
„Denkbar ist hier Alles,“ sagte der junge Händler achselzuckend. --
„Daß es mit der Zeit -- vielleicht sogar sehr bald -- besser werden
wird, bezweifle ich keinen Augenblick, aber schon die Existenz der
Spielhöllen, die in den Staaten bei Zuchthausstrafe verboten sind,
beweist Ihnen, wie geringe Macht die oberste Behörde hier noch ausübt,
denn sie darf nicht wagen, sie aufzuheben. Die Rowdies würden Sheriff
und Constabler sonst massacriren, und besonders hier in Ludville hat
diese Bande so überhand genommen, daß wir bald nicht einmal mehr
unseres Lebens sicher sind. Da -- seht Ihr dort das Kugelloch in meiner
Zeltwand, gerade über meinem Bett? das haben sie mir gestern Nacht bei
einer Straßenrauferei hindurch geblasen, als ich dort lag und schlief.
Wenn der Lump, der den Revolver abfeuerte, einen halben Fuß niedriger
hielt, schoß er mich in meinem eigenen Bette todt.“
„Und nicht einmal einen wirklichen Raubmörder sollte man hier vor
Gericht stellen können?“
„Oh, gewiß,“ lachte der Händler, „wenn’s ein Mexikaner oder ein anderer
Fremder wäre -- und viele Umstände machten sie mit dem sicher nicht --
er hinge in der nächsten Viertelstunde; aber Mr. Black? ich möchte der
wenigstens nicht sein, der ihn anklagte, denn nicht fünf Cent gäbe ich
nachher für mein eigenes Leben in den Minen. Die Bande hängt zusammen
wie ein Sack voll Nägel, und wenn Ihr _meinem_ Rath folgen wollt,
so laßt ihn ruhig laufen.“
„Ich will verdammt sein, wenn ich’s thue,“ sagte Hudson, und des
Freundes Arm ergreifend, führte er ihn hinaus vor das Zelt, um ihm
einen anderen Plan mitzutheilen. Er traute dem Advokaten selber
nicht. --
Am nächsten Morgen hatte Hudson wieder Termin bei Mr. Black, der
gestohlenen Pferde wegen. Der Mexikaner war vorgeladen worden, und ob
er den Arriero nicht nennen konnte, von dem er die Thiere gekauft haben
wollte, oder wirklich der Hehler war, es blieb sich gleich. Hudson
hatte einige alte Bekannte als Zeugen gebracht, welche die Thiere
genau kannten, und der Mexikaner mußte sie nicht allein herausgeben,
sondern auch noch außerdem sechs Unzen Strafe zahlen. Hudson kam
diesmal mit der vorher eingelegten Unze Kosten ab.
Da trat Carman, der bis jetzt an der Seite gestanden hatte, vor und
sagte ruhig:
„Ach, Richter Black, könnte ich mir bei Ihnen wohl eine Auskunft in
einem Rechtsfall holen?“
„Ei gewiß, mein Freund,“ erwiederte lächelnd der Richter, „deshalb
sitze ich ja hier.“
„Ach, dann wollte ich --“
„Bitte, Sir, ehe Sie beginnen,“ unterbrach ihn der Richter, „haben Sie
wohl die Güte, die vorherige Taxe für Consultation zu bezahlen. Eine
Unze, wenn ich Sie ersuchen darf.“
Der junge Amerikaner war durch die unverschämte Forderung allerdings
überrascht, griff aber doch lächelnd in seine Tasche und holte den
Geldbeutel heraus, aus dem er etwa eine Unze an Gewicht nahm und es dem
Sheriff gab, der es abwog. Richter Black hatte ihn in der Zeit scharf
und forschend angesehen, wie man wohl Jemanden beobachtet, von dem man
noch nicht genau weiß, was er will, und Carman fuhr jetzt, nachdem das
_Geschäft_ beseitigt worden war, fort:
„Ich wollte mir nur die Frage erlauben, ob ich hier in Californien
Jemanden eines im Ausland verübten Verbrechens wegen vor Gericht ziehen
kann?“
„Wenn der Fall in den Vereinigten Staaten stattgefunden hat, gewiß,“
sagte Richter Black.
„Aber es war nicht dort, sondern in Panamá,“ berichtete der junge
Amerikaner, „wo wir von einem Fremden arg bestohlen wurden. Den
Burschen habe ich jetzt hier wieder gefunden.“
„So?“ sagte der Richter, und sein kleines dunkles Auge bohrte sich
fest in den Sprechenden hinein -- „in der That? -- ein eigenthümlicher
Zufall allerdings. Aber vor Gericht können Sie das sicher bringen,
verehrter Herr, nur rathe ich Ihnen, um Weitläufigkeiten zu vermeiden,
Ihre Zeugen herbei zu schaffen.“
„Meinen Zeugen habe ich bei mir, Sir,“ sagte Carman, indem er seinem
Blick fest begegnete, „es ist mein Kamerad, der mit mir bestohlen
wurde.“
„Der ist dann nicht Zeuge, der ist Mit-Kläger,“ sagte der Richter
ruhig, „wir werden dann wohl noch andere wirkliche Zeugen nöthig
haben.“
„Aber wie soll ich die von Panamá herüber schaffen?“
„Sicherlich per Schiff, verehrter Herr,“ erwiederte der Richter mit
größter Höflichkeit, „denn der Landweg ist, soviel ich weiß, gar nicht
passirbar.“
„In der That,“ sagte Carman ruhig, und ein eigenes trotziges Lächeln
flog über seine Züge.
„Und steht noch sonst etwas Anderes mit Ihrer Frage in Beziehung?“
„Nein, Richter _Black_,“ sagte Carman zerstreut, indem er nach
Hudson hinüber sah, und der Richter fing den Blick auf, aber er
ließ dem Amerikaner auch keine Zeit zu weiterem Ueberlegen, und mit
verbindlichem Lächeln fügte er hinzu:
„Dann erlauben Sie mir wohl jetzt, daß ich zu meinem Lunch hinübergehe
-- nicht wahr, Sheriff, es ist Zeit?“
„Schon eine Viertelstunde darüber,“ brummte dieser.
„Schön!“ nickte Black, und ohne sich weiter um den Amerikaner zu
kümmern, stand er von seinem Sitz auf und verließ das Zelt.
Hudson und Carman folgten ihm und schritten langsam die breite Straße
hinab, die nach den Bergen zu führte. Sie waren auch dabei so in ihr
Gespräch vertieft, daß sie gar nicht sahen, wie Mr. Black in einem
der Spielzelte stand, dort sehr angelegentlich mit ein paar auf den
Bänken umhergestreuten Burschen verhandelte und -- als sie den Platz
passirten, hinter ihnen drein sah. Aber auch von ihrer Unterhaltung
wurden sie abgelenkt, denn ein Yankee überholte sie unterwegs, der
davon gehört hatte, daß sie die ihnen heute zugestandenen Pferde
verkaufen wollten, und da sie einen nur sehr mäßigen Preis dafür
forderten, wurden sie auch bald Handels einig. Mit dem Besehen der
Thiere und dem Auszahlen des Geldes, bei dem natürlich ein Paar Glas
Brandy getrunken wurden, waren aber doch einige Stunden vergangen und
plötzlich entstand im Ort ein Höllenlärm, der jedenfalls die Stelle
der Eßglocken vertreten sollte. Die Eigenthümer der betreffenden
Zelte nämlich, in welchen Mittags öffentlich gegessen wurde, hatten
sich Jeder ein besonderes Lärminstrument angeschafft, auf welchem
sie so laut als möglich tobten, um ihre täglichen Gäste nicht allein
von der Arbeit herbei zu rufen, sondern auch jeden Anderen, der Lust
hatte theilzunehmen, darauf aufmerksam zu machen. Einige besaßen
Trompeten, Andere einen chinesischen Gong; ein Paar schienen sich große
Holzschnarren gemacht zu haben, die man weit hin hörte, und wer von
alle dem Nichts auftreiben konnte, nahm eine große Blechkanne oder
einen Kessel und schlug mit einem eisernen Löffel daran.
Die Diners in diesen Minenstädten waren aber entsetzlich einfach,
und bestanden gewöhnlich nur aus trockenem Rindfleisch, Kartoffeln
und Mixpicles -- und dafür zahlte man wöchentlich, oder für sieben
Mahlzeiten, eine Unze. Ebenso wenig wurde dabei auf Toilette gesehen;
gerade so wie die Leute draußen, als sie die verschiedenen Zeichen
hörten, aus ihren nassen Erdgruben herausgesprungen und hierher
gelaufen waren, so setzten sie sich an dem Tisch nieder, und war
ihr Essen verzehrt, gingen sie gerade so wieder an die Arbeit, denn
Tageslicht durfte nicht versäumt werden.
Hudson und Carman traten ebenfalls in das nächste Zelt, da sie selber
keine Wirthschaft mehr zusammen führten, und doch wenigstens einmal am
Tag warm essen mußten. Die Gesellschaft war auch ziemlich gemischt,
denn Händler und Goldwäscher trafen dort zusammen, ja sogar ein Paar
der professionirten Spieler nahmen den beiden Freunden gegenüber Platz,
und Einer von diesen suchte auch ein Gespräch mit ihnen anzuknüpfen;
keiner der beiden fühlte sich aber in der Stimmung darauf einzugehen,
und überhaupt wurde bei diesen Mahlzeiten nur sehr wenig gesprochen.
Jeder verzehrte seine Portion und wer zuerst fertig war, stand auf und
ging ruhig seine Wege.
Auch Hudson und Carman blieben nicht länger bei Tisch sitzen, als
unumgänglich nöthig war, ihren Hunger zu stillen, dann standen sie auf,
verließen das Zelt wieder -- dicht hinter ihnen folgten die beiden
Spieler -- und schlenderten langsam die Straße hinunter, um noch einmal
mit Collins über die Verfolgung ihres Planes Rücksprache zu nehmen.
Da sahen sie den Sheriff auf sich zukommen, der von sechs oder acht
ziemlich verdächtigen Gestalten begleitet war. Einige derselben trugen
mexikanische Serapen oder Ponchos, Andere die Minentracht, aber sie
schienen Alle angelegentlich mit einander zu sprechen, und die beiden
jungen Leute bogen eben nach der anderen Seite der Straße hinüber, um
den Schwarm vorüber zu lassen, als der Sheriff scharf gegen sie abbog
und vor ihnen stehen bleibend sagte:
„Mr. Carman und Mr. Hudson? nicht wahr, die Herren nennen sich doch so?“
„Zu dienen, Mr. Sheriff,“ sagte Hudson mürrisch -- „wünschen Sie etwas
von uns?“
„Weiter Nichts,“ sagte der Sheriff, indem er beider Schultern mit
der Hand berührte, „als daß Sie meine Gefangenen sind, im Namen des
Gesetzes.“
„Im Namen von Höll’ und Verdammniß!“ fuhr Hudson auf, und griff im Nu
unter seine Jacke nach dem dort steckenden Revolver, aber in demselben
Moment auch sahen sich Beide von der Schaar umzingelt; überall drohten
ihnen die Mündungen gespannter Feuerwaffen entgegen, und der Sheriff,
der selber eine derartige Waffe bereit hatte, rief:
„Schützt das Gesetz, Ihr Männer von Californien! Schießt die Verbrecher
über den Haufen, sobald sie den geringsten Widerstand leisten!“
Hudson warf einen wilden Blick im Kreis umher, aber er sah auch
rasch, daß jede Widersetzlichkeit vergebens gewesen wäre, denn ob
zufällig oder auf Verabredung, aber einige zwanzig entschlossene und
bewaffnete Gestalten drängten schon um ihn her. Er hätte wohl seinen
Revolver zwischen sie hinein feuern können, wäre dann aber auch selber
_mit_ dem Freund verloren gewesen und möglich auch, daß Mr. Black,
der Richter, auf einen solchen Ausgang der Verhaftung gerechnet hatte,
der ihn dann jeder weiteren Unbequemlichkeit überhob. Carman selber
aber ergriff Hudson’s Arme und rief:
„Stecke die Waffe ein, Kamerad, es ist das Gesetz der alten Union, dem
wir uns fügen sollen, und wie wir dem gehorchen müssen, hoffe ich auch,
daß es seine Macht über Andere bewähren soll. Könnt Ihr uns aber sagen,
Sheriff, auf welche und auf _wessen_ Klage wir jetzt verhaftet
sind?“
„Werdet Ihr zeitig genug erfahren, meine Burschen,“ brummte der Diener
des Gesetzes, eine grobknochige derbe Gestalt, indem er die eigene
Waffe wieder in den Gürtel schob, denn er sah jetzt, daß sich die
Gefangenen gefügt hatten, „wären wohl Einige der _Gentlemen_ so
freundlich mir zu helfen, diese beiden Vögel zu transportiren?“
Die Bande, die er mit „Gentlemen“ anredete, hätte wohl viel eher einen
anderen Namen verdient, denn sie bestand nur aus dem Spielergesindel
des Orts und dessen Anhang, aber sie nahm das Compliment hin, als wäre
es ganz in der Ordnung gewesen, und mit dem lästerlichsten Fluchen
erklärten sie, sie würden die Beiden an Ort und Stelle schaffen, und
wenn es auch _stückweis_ sein müsse -- eine Drohung, die sie
sicherlich den guten Willen besaßen, auszuführen.
Allerdings sammelten sich indessen noch eine Anzahl ruhiger Miner um
die Gruppe und frugen auch wohl, was die Beiden, die man schon längere
Zeit als friedliche Leute kannte, verbrochen hätten. Der Sheriff ließ
sich aber auf keine weiteren Erklärungen ein. Es waren ein paar schwere
Verbrecher, die man noch eben ertappt hatte, als sie Californien
verlassen wollten. -- Das Uebrige würde die Untersuchung herausstellen,
und damit führte er seine beiden Gefangenen zu einem kleinen, engen
Blockhaus, das besonders als Gefängniß gebaut war und gar keine
Fenster, ja auch eigentlich nicht einmal eine ordentliche Thür, sondern
nur ein Loch hatte, durch welches sie hineinkriechen mußten, während
draußen ein Balken vorgelegt und mit einer Kette befestigt wurde.
Außerdem kamen noch zwei Mann, die der Sheriff schon bereit hatte,
als Wache davor und erhielten den laut ertheilten Auftrag, bei einem
Fluchtversuch der Gefangenen ohne Weiteres auf sie zu schießen.
Daß man den Beiden vorher ihre Waffen und was sie sonst an Geld und
Papieren bei sich trugen, abgenommen hatte, versteht sich von selbst.
Der Sheriff that Nichts halb. Uebrigens lag es gar nicht in seiner
Absicht, ein Geheimniß aus der Sache zu machen, und wie er nur die
beiden Gefangenen erst einmal sicher hatte, erzählte er auch Jedem,
der es wissen wollte, daß es ein paar gefährliche Verbrecher und
wahrscheinlich zwei von der nämlichen Bande wären, die seit einiger
Zeit die benachbarte Gegend unsicher machten, und erst ganz kürzlich
den Postboten erschlagen und beraubt hätten. Klage sollten aber zwei
amerikanische Bürger erhoben haben, die neulich, in der Gegend der
Calaveres-Minen, von ihnen angefallen, verwundet und beraubt wären.
Sogar unter dem Gold, das der Eine von ihnen heute dem Richter bezahlt,
hätten sich, wie der Sheriff betheuerte, ein paar leicht kenntliche
Stücken gefunden, auf die Jene bereit wären zu schwören, daß sie
früher ihr Eigenthum gewesen und ihnen an jenem Tage abgenommen
wären. Geschah das aber wirklich, so stand es mit den Beiden schlimm.
Ludville hatte allerdings keine Gerichtsbarkeit über Leben und Tod,
aber wohl der benachbarte Platz Eltonville, und dort wurden, wie die
letzte Zeit gelehrt, verwünscht wenig Umstände gemacht. Es war dort
kein Eingeständniß der Verbrecher nöthig, sondern nur sogenannte
~circumstantial proofs~, oder überzeugende Beweise.