zwanzig Mann bestehenden Uhlanentrupps hatte der Versuchung nicht
widerstehen können, den gebotenen Wettlauf anzunehmen, und erst als
sie das völlig Nutzlose einer weiteren Verfolgung sahen, warfen sie
fluchend ihre erschöpften Thiere herum und galoppirten langsam den
eben so rasch verfolgten Weg zurück, um sich den Kameraden wieder
anzuschließen. Der Offizier der Truppe zügelte aber, mit fünf und sechs
der Seinen, als er den Schauplatz des Blutbades erreichte, sein Pferd
ein und war aus dem Sattel gesprungen, um die Ermordeten zu besichtigen
und zu sehen, ob sich von da keine weiteren Spuren fänden.
Er ließ auch seine Leute, ohne sich erst lange bei den Todten
aufzuhalten, augenblicklich absitzen und den Busch nach allen Seiten
durchstreifen, und dort entdeckten sie allerdings bald einen betretenen
Pfad, der in den Wald hineinführte, gerade aber wo er in das Dickicht
mündete, war ein riesiger Kaktusstamm -- allerdings frisch abgehauen,
mitten hineingeworfen, und bis sie den zerhacken und aus dem Weg ziehen
konnten, da sie nicht wagen durften, mit den Händen in die langen
Stacheln zu greifen, verging viel Zeit.
Die zurückkehrenden Uhlanen wurden nun freilich beordert, den
aufgefundenen Fährten ohne Weiteres zu folgen, um doch wenigstens
Einen oder den Anderen der Bande zu fassen und ihn nachher zu einem
Geständniß zu bringen, aber alle ihre Mühe war umsonst. Gar nicht weit
von dort zweigte der Pfad wieder, einen Hügel hinanlaufend, in die
dichte Chaparal aus; dabei war der Boden dort zu hart und steinig, um
noch eine Spur erkennen zu können, und als sich auch die Sonne mehr
und mehr dem Horizont neigte, mußten sie endlich die Verfolgung der
Verbrecher aufgeben.
Der Offizier hatte indessen die blutenden Körper aufheben und
untersuchen lassen, auch von dem nun herbeikommenden Arriero das
Nähere über die Unglücklichen erfahren und eine genaue Beschreibung
des Fremden erhalten, der sich ihnen zugesellte. Und _dem_ gerade
war er auf der Spur gewesen, denn von einem Streifzug mit den Seinen
zu dem Rancho zurückkehrend, wo die Amerikaner übernachtet, hörte er
schon von dem Wirth dort, der ihn wahrscheinlich genauer kannte, als
er eingestehen mochte, welchen gefährlichen Reisebegleiter die Fremden
gefunden, und war ihnen dann mit den Seinen, so rasch sie die Pferde
trugen -- gefolgt -- leider aber auch zu spät eingetroffen, um die
Unthat und den Raub zu verhindern.
Uebrigens zeigten sich noch bei Zweien der Armen Spuren einer
Lebensthätigkeit. Vier waren rettungslos verloren; drei hatten die
Schußwunde gerade durch das Hirn erhalten, und der Vierte eine Kugel
durch die Lunge, eine andere durch die Kehle. Er röchelte allerdings
noch, als der Offizier zu ihm trat, aber es war auch das letzte
Lebenszeichen gewesen, das er gab. Im nächsten Augenblick streckte er
sich aus -- ein Zittern flog über seinen Körper -- er war todt.
Zwei aber hatten nur Säbelhiebe über den Kopf bekommen, und wenn auch
die Wunden bös genug aussahen, war doch Hoffnung da, sie vielleicht
wieder herzustellen. Der Offizier sorgte auch wirklich auf das
Wackerste für sie. Acht von seinen Uhlanen mußten absitzen und zwei
Tragbahren herrichten, zwischen deren Stangen ein bequemes Lager durch
die Satteldecken hergerichtet wurde. So trug man sie dem nächsten
Rancho zu. Bei den Leichen sollte der Arriero zurückbleiben, bis Leute
mit Werkzeug hingesandt werden konnten, um sie an Ort und Stelle zu
beerdigen. Was hätte es genützt, die Cadaver noch zu transportiren.
Lange lagen die beiden armen Teufel -- der Indiana-Mann und sein
Freund, der Illinoiser -- auch zwischen Leben und Sterben, auf das
Sorglichste aber von den gutmüthigen Mexikanern gepflegt. Besonders
der Erstere, Hudson, ein junger, kräftiger Gesell, phantasirte Wochen
hindurch im heftigsten Wundfieber und es mußte Hülfe vom nächsten
Rancho herbeigeholt werden, um ihn nur auf seinem Lager zu halten.
Endlich brach sich die Krankheit auch bei ihm, während sein Kamerad
schon lange wieder aufsitzen konnte und auf dem Weg der Besserung war.
Es war jetzt möglich, sie nach Acapulco zu transportiren, und schon an
Ort und Stelle, wie später in der Hafenstadt, mußten sie ihre Aussagen
des Ueberfalls wie der vorhergehenden Stunden machen. Aber wenn sie
auch den Mörder, den das Gericht übrigens zu kennen schien, auf das
Genaueste beschrieben, waren sie doch nicht im Stande, Näheres über
den Anfall selber auszusagen. Durch die Revolverschüsse aus dem, einer
Betäubung ähnlichen Schlaf geweckt, denn jedenfalls war der getrunkene
Brandy mit irgend einem schädlichen Stoff gemischt gewesen, fanden sie
sich in den Händen der Räuber, sahen nur, wie jener Mann, der sich
Brown genannt, noch einen ihrer Kameraden niederschoß, und wurden
dann selber, ebenfalls auf seinen Befehl, von den übrigen Mördern
niedergehauen.
Daß man sie dabei all ihres Goldes beraubt hatte, verstand sich von
selbst, und es wäre verlorene Mühe gewesen, danach zu suchen. Die
Behörden dachten ebensowenig daran, sie zu entschädigen, noch dazu da
gar kein Zweifel blieb, daß sogar ein Landsmann, also ein Fremder,
sie beraubt hatte. Nach allen Seiten wurden allerdings Patrouillen
ausgesandt, um den sehr kenntlichen Burschen einzufangen, oder
wenigstens seinen jetzigen Aufenthalt zu erspähen, und hunderte von
Polizeispionen waren nach jeder Richtung hin thätig. Umsonst; er schien
nach dieser letzten Unthat, bei der ihn die Vergeltung auch fast ereilt
hätte, den Schauplatz seiner bisherigen Verbrechen verlassen zu haben
-- hatte er hier doch auch lange genug ungestraft gesündigt, und alle
ausgesandten Boten kehrten mit der nämlichen Nachricht zurück, daß er
in keinem Theile des weiten Reiches mehr gesehen worden.
Die armen Teufel von Amerikanern befanden sich indessen in einer
keineswegs beneidenswerthen Lage, denn was sollten sie nun, ihres
ganzen Eigenthums beraubt, anfangen? Nach den Staaten zurückkehren, wie
es Anfangs ihre Absicht gewesen -- ohne einen Cent in der Tasche, und
dort das mühselige Leben schwerer Arbeit von Neuem beginnen? Ja sie
hatten nicht einmal Geld genug, die Reise dorthin zu bestreiten, wenn
auch die Regierung hier in Acapulco wenigstens für ihren Unterhalt
sorgte, und sie keine Noth leiden ließ.
Da legte zufällig ein amerikanisches und nach San Francisco bestimmtes
Fahrzeug dort an, das von New-York kam und wegen Wassermangel
genöthigt gewesen war, einen Hafen zu suchen. Der Capitain hörte ihre
Leidensgeschichte und erbot sich freundlich, sie kostenfrei zurück nach
Californien mitzunehmen. Dort konnten sie dann schon eher, wenn sie
wirklich heimkehren wollten, ein amerikanisches Schiff finden, oder
auch noch vielleicht eine Weile in den Minen arbeiten, um wenigstens
einen Theil des Verlorenen zu ersetzen.
Den Vorschlag nahmen sie auch mit Freuden an und hatten nun die
Aussicht, da wieder von vorn beginnen zu müssen, wo sie sich schon am
Ziel ihrer Wünsche gesehen. Aber Californien war ja auch das Land der
Hoffnungen, und doch lieber noch einmal arbeiten, als mit leeren Händen
nach den Staaten zurückzukehren. Außerdem that ihnen die kurze Seereise
körperlich wohl; ihre, doch sehr angegriffenen Nerven kräftigten sich
wieder, und als sie endlich in San Francisco an’s Land sprangen, war
ihnen von den erhaltenen Wunden nur noch die Erinnerung -- und die
Narbe geblieben.
Jetzt aber blieb es vor allen Dingen die Frage, in welchen Minen sie
ihr Glück auf’s Neue versuchen sollten. In den Stanislaus-Gruben
hatten sie früher ihr Gold gefunden und dort lag auch noch mancher
unbearbeitete Platz: aber sollten sie zu den alten Kameraden und
Bekannten zurückkehren, von denen sie jedenfalls ausgelacht und
verspottet wurden? -- es war ihnen das ein gar so fatales und
unbehagliches Gefühl und sie konnten sich auch nicht dazu entschließen.
Ja um nur Niemandem mehr zu begegnen, der wissen konnte, daß sie
Californien schon einmal verlassen, um nach Hause zurückzukehren,
beschlossen sie, die „südlichen“ Minen ganz zu vermeiden und hoch in
den Norden hinauf, an den Featherriver zu gehen. Dort sollte auch viel
Gold gefunden sein, und wenn sie Glück hatten, wurde es ihnen eben so
gut da, wie weiter südlich bescheert.
So gingen sie denn rüstig wieder daran, um das Verlorene, oder vielmehr
Geraubte wieder einzubringen; aber lange nicht mehr mit dem frischen
Muth, mit welchem sie das erste Mal begonnen. Es lag fortwährend das
drückende Gefühl auf ihnen, eine schon gethane Arbeit noch einmal über
zu arbeiten, und da sich die Ausbeute auch an den von ihnen versuchten
Stellen lange nicht so reichhaltig erwies, als sie gehofft und es
früher auch gewohnt gewesen, so schafften sie wohl fleißig, ja, aber
nicht mit der rechten Lust. Wenn sie nur wieder nach dem Süden gegangen
wären -- so dachten Beide bei sich, ohne es aber gegen einander
auszusprechen. Dort kannten sie die Berge, und das Gold war dort auch
viel grobkörniger und reichhaltiger -- wie sie glaubten.
Hudson brach zuerst das Schweigen:
„Hol’s der Teufel!“ rief er, und warf die Pfanne, mit der er gewaschen,
ärgerlich auf den Boden. „Das ist ja hier eine wahre Schinderei um
gar nichts, und wir waschen den ganzen Gottes-Erdboden durch, ohne
mehr als unser „tägliches Brod“ darin zu finden. Deshalb sind wir aber
nicht nach Californien gekommen, das hätten wir zu Hause bequemer haben
können.“
„Wenn der blutige Schuft, jener Brown, nur bei lebendigem Leibe
verfaulen müßte,“ fluchte Carman, der Andere der Beiden, indem er
seinen Spaten ingrimmig in den Boden rannte -- „ich kann den Hund nicht
aus den Gedanken bringen.“
„Das hilft Nichts mehr,“ sagte Hudson kopfschüttelnd, „der sitzt jetzt
irgend wo drüben in den Staaten an irgend einer behaglichen Stelle und
verzehrt unser Geld.“
„Daß er daran ersticke.“
„Mein Wunsch ebenfalls, Kamerad, aber das bringt _uns_ hier nicht
weiter, und wir müssen uns schon selber helfen. Wie wär’s, wenn wir in
unsere alten Arbeitsplätze zurückkehrten? Ich habe hier keine rechte
Freude mehr am Waschen.“
„Ja, bei Jimmy!“ rief der Andere, „_ich_ wäre ja schon längst
nach dem Stanislaus gegangen, wenn ich nicht geglaubt hätte, _Du_
möchtest nicht.“
Eine Verständigung wurde jetzt bald erzielt, und schon am nächsten
Morgen wanderten die Beiden, ihr Geschirr auf einen dort oben gekauften
Esel geladen, dem Featherriver zu Thal folgend, nach Sacramento zurück
und schritten von dort, da in der gerade trockenen Jahreszeit die
Niederungen passirbar waren, zu den Wassern des San Joaquin, nach
Stockton hinüber. Von den alten Kameraden, die sie noch hie und da
trafen, wurden sie freilich mit Jubel begrüßt, aber Alle lachten auch
und erklärten die Geschichte mit den Räubern in Mexiko für leeren
Schwindel. Nach San Francisco seien sie gekommen, so behaupteten sie,
und weiter nicht, und dort hätten sie ihr Geld in den Spielhöllen
verspielt -- das sei die ganze Raub- und Mordgeschichte. Erst wenn sie
die erhaltenen und noch deutlich sichtbaren Narben zeigten, konnten
sie die Wahrheit des Gesagten den Anderen aufnöthigen, und man ließ
sie zuletzt zufrieden. Solche Raubanfälle waren ja auch in der letzten
Zeit etwas so Gewöhnliches geworden, daß die davon Betroffenen nur noch
Gott danken konnten, wenn sie mit dem Leben davon kamen.
Die beiden Freunde gingen jetzt hier oben wieder an die Arbeit, und
wenn sie das Gold auch nicht mehr so rasch und leicht fanden, als bei
ihrem ersten Versuch in den Minen, trafen sie doch wenigstens reichere
Stellen, als in den nördlichen Bergwassern, und fingen an, mehr zu
verdienen, als sie brauchten.
Das Goldwaschen ist dabei allerdings eine entsetzlich schwere
Arbeit, denn unaufhörlich müssen tiefe Löcher gegraben werden und
Wasserausschöpfen, Hacken und Schaufeln hört nicht auf; aber es hat
auch wieder einen ganz eigenen Reiz, denn wie man nur ein neues und
tiefes Loch gegraben hat, und dann die Erde auszuwaschen beginnt,
so ist es beinah, als ob man sich bei der Ziehung einer Lotterie
befindet, bei der man den Einsatz aber _mit_ seiner Arbeit bezahlt
hat. Es _kann_ ein sehr hoher Gewinn herauskommen -- vielleicht
auch nur der Einsatz -- Tagelohn. -- Möglich auch, daß man eine
Niete findet, aber die _Hoffnung_ geht nie aus, und wieder und
wieder getäuscht, oder doch wenigstens nicht vollständig befriedigt,
gräbt der Goldwäscher weiter, bis er endlich einmal Ersatz für seine
Quälerei erhält oder auch -- freilich in den meisten Fällen -- zu
der Ueberzeugung kommt, daß er mit anderer, viel leichterer Arbeit
jedenfalls eben so viel, wenn nicht mehr, verdienen könne.
Gerade dieser Reiz des Ungewissen aber hält die Leute am Längsten in
den Bergen, und da doch auch manche Glückliche zuweilen einen reichen
Fund thun, so wird zehn und zwanzig Mal getäuschte Hoffnung immer
wieder von Neuem belebt.
Unsere beiden jungen Amerikaner aber, an harte Arbeit ihre ganze
Lebenszeit gewöhnt, dabei mit dem Bewußtsein, schon einmal einen
Erfolg gehabt zu haben, sahen freilich, daß es diesmal nicht so rasch
ging, als früher, ließen sich aber auch nicht irre machen, hackten
und schaufelten ruhig fort und fanden bald, daß sie sich wieder eine
hübsche Summe einbrächten. Nach sechs Monaten harter Mühe hatten sie
denn auch wieder ein paar tausend Dollars beisammen und beschlossen
jetzt, in Stockton einen großen Wagen und ein paar Pferde zu kaufen,
um damit Waaren in die Minen zu transportiren, was damals noch
außerordentlich gut bezahlt wurde. Da sie selber dabei speculirten,
mehrte sich ihr Gewinn, und nach noch fünf Monaten hatten sie so viel,
daß sie auf’s Neue nach den Staaten zurückzukehren beschlossen.
Bis dahin waren aber auch die Verhältnisse in Californien geregelter
geworden, und es hatten sich große Geschäftshäuser in San Francisco
etablirt, die gute Geschäfte dabei machten, für Goldwäscher und Händler
-- gegen gewisse sehr hohe Procente natürlich -- das gewonnene Gold
in die Heimath zu schicken. Dadurch entgingen diese jedenfalls der
Gefahr, es unterwegs zu verlieren, ja es war sogar gegen Schiffbruch
versichert. Carman selber fuhr deshalb mit ihrem kleinen Schatz nach
San Francisco, um die Summe dort in einem solchen Hause zu deponiren,
während sein Kamerad Hudson indessen in Ludville, einer nicht
unbedeutenden Minenstadt, blieb, um Wagen und Pferde, wie noch einen
kleinen dort lagernden Waarenvorrath zu verkaufen. Der Ertrag desselben
reichte dann auch vollständig aus, um ihre Passage nach New-York,
selbst Cajütspassage auf einer der indeß etablirten Dampferlinien
zu decken. Carman sollte sich dann gleich in San Francisco nach der
nächsten Schiffsgelegenheit umsehen, denn jetzt, den Entschluß zur
Abreise aus Californien erst einmal gefaßt, fing ihnen auch der Boden
an unter den Füßen zu brennen.
Carman besorgte, was er zu besorgen hatte, rasch und pünktlich, und
Hudson, der, um eine Schuld einzukassiren, noch einmal an den Macalome
mußte, übergab die Pflege der Pferde indessen einem Mexikaner, den sie
die letzten drei Monate als Wagenführer in Diensten gehabt. Dieser
hielt übrigens die Gelegenheit für passend, mit den beiden Thieren zu
verschwinden. Die Amerikanos hatten, seiner Ansicht nach, Gold genug,
und doch im Begriff, abzureisen, würden sie sich kaum noch länger in
Californien zurückhalten lassen, nur um ein paar, überdies nicht sehr
werthvollen Pferden nachzuforschen.
Hudson schien aber sein Geschäft, wider Erwarten, sehr schnell beendet
zu haben. Er kehrte rascher nach Ludville zurück, als er Anfangs
selber geglaubt, und zwar an dem nämlichen Tag, an welchem sich sein
betrügerischer Wagenführer mit den Pferden aus dem Staub gemacht. Nicht
gesonnen aber, den Burschen so leichten Kaufs davon zu lassen, folgte
er seinen Spuren und es dauerte auch nicht lange, so traf er seine
beiden Thiere, aber nicht mehr im Besitz des Diebes, sondern in dem
Rancho eines anderen Mexikaners oder Californiers, der aber erklärte,
die Pferde von einem durchreisenden Arriero gekauft zu haben, und sie
nicht wieder herausgeben wollte.
Hudson würde nun zu einer anderen Zeit wohl wenig genug Umstände mit
dem wahrscheinlichen Hehler des Diebes gemacht und die Pferde ihm
einfach weggenommen haben, aber er wollte nicht noch in den letzten
Tagen Streit anfangen. Dort gerade anwesende Mexikaner standen auch
ihrem Landsmann bei, und er eilte deshalb zurück nach Ludville, um
den Burschen zu verklagen. Die Sache war so einfach, und der jetzige
Besitzer der gestohlenen Sachen auch dort seßhaft, daß sie jedenfalls
rasch entschieden werden konnte.
In jener Zeit aber lagen die Rechtsverhältnisse der jungen, noch fast
nur aus Zelten bestehenden Stadt sehr im Argen, und besonders erzählte
man sich von dem, seit drei Monaten dort eingesetzten Richter, einem
Mr. Black, die wunderlichsten Dinge. Er war dabei erste und letzte
Instanz in Ludville, und an eine Appellation bei Kleinigkeiten gar
nicht zu denken. _Wie_ er einmal entschied, so blieb die Sache,
und man konnte allerdings größere Kosten, aber nie einen anderen Erfolg
bei einem Weitertreiben derselben erwarten.
Uebrigens schien dieser Richter Black ein durchaus gescheuter Advokat,
der sich nicht leicht in dem Recht oder Unrecht der vorgetragenen
Fälle täuschen ließ, und wo sein eigenes Interesse nicht mit in’s
Spiel kam, fielen seine Urtheile meistens richtig aus. Er machte auch
nie lange Umstände; an einem einzigen Morgen wurden manchmal zwanzig
verschiedene Prozesse oder Klagen vorgebracht, untersucht und erledigt,
die Strafen aber, die er dictirte, fielen nur in „Unzen“ aus, und da
das Meiste davon Sporteln für ihn und den Sheriff bildete, so wollte
man ihm nachgerechnet haben, daß er sich schon in der kurzen Zeit ein
bedeutendes Vermögen zusammengescharrt haben müsse.
Hudson erkundigte sich jetzt bei seinen Bekannten, in welcher Art
eine Anklage gestellt werden müsse. _Alle_ aber, die er sprach,
riethen ihm ab, Richter Black, oder auch ~Dr.~ Black, wie er
genannt wurde, zu belästigen, denn es sei allerdings kein Zweifel, daß
der jetzige Besitzer der Pferde diese herausgeben und möglicher Weise
auch noch Strafe dazu zahlen werde, er selber könne sich aber ebenfalls
darauf verlassen, daß er nur Umstände und Lauferei davon habe, und
seine Thiere, ehe er sie in die Hände bekomme, jedenfalls noch einmal
vorher bezahlen müsse.
Hudson beschloß deshalb, da die Sache überhaupt nicht von einem Tag
abhing, Carmans Rückkehr zu erwarten, der auch schon am nächsten
Morgen eintraf. Dieser aber ärgerte sich so über den Diebstahl, daß
er unbedingt für eine Klage stimmte. Mußten sie den Werth der Pferde
denn auch selber noch einmal bezahlen, was schadete das, der Mexikaner
sollte sich wenigstens nicht rühmen können, sie betrogen zu haben.
Ueberdies hatten sie noch fast vierzehn Tage Zeit, bis der nächste
Dampfer nach Panamá abging, also auch in dieser Hinsicht Nichts zu
versäumen.
Hudson wurde also mit der Klage beauftragt und ging in das Zelt
hinüber, das gegenwärtig zum Gerichtszimmer benutzt wurde. Dort traf
er auch zeitig genug ein, um noch Zeuge von ein paar sehr drastischen
Rechtssprüchen zu sein.
Der Doctor, ein sehr elegant gekleideter Herr in schwarzem Frack und
weißer Halsbinde -- Figuren, wie man sie sonst in den Minen eigentlich
nie zu sehen bekommt, saß, mit dem Hut auf dem Kopf, hinter seinem
etwas erhöhten Tisch; neben ihm räkelte sich der Sheriff auf einem
anderen daneben stehenden Sessel, und zerschnitzte denselben aus Mangel
an besserer Beschäftigung mit dem Federmesser.
Der erste Fall betraf einen Franzosen, gegen den ein Californier
klagbar war, ihm bei einer Zahlung zwischen dem Waschgold etwa
anderthalb Unzen Bronzestücken von einer alten zerdrehten und unächten
Uhrkette mit hineingemischt zu haben. Der Franzose leugnete, der
Californier aber brachte Zeugen und Doctor Black entschied ohne
Weiteres, daß der Betrüger dem Betrogenen den doppelten Werth der
eingeschwärzten Stücke und als Strafe für das Gericht zwei Unzen
bezahlen müsse.
Der Franzose wußte, daß kein Sträuben half, und holte das Gold
heraus, wie er aber zum Tisch trat und die bei Seite geschobenen
Bronzestücke betrachtete, erklärte er: _Die_ Stücke habe er gar
nicht eingemischt. Er gab zu, einen Betrug versucht zu haben, weil er
geglaubt hätte, daß hier in Californien doch Alles „für Gold ginge“ --
da wäre aber auch ein Stück von einer alten Hutschnalle und ein Knopf
dabei, die er in seinem ganzen Leben nicht gesehen hätte, und die müßte
der Californier jedenfalls noch dazu gethan haben, um das Gewicht zu
vergrößern.
„Er wäre ein Esel, wenn er’s _nicht_ gethan hätte, Sir,“ entschied
aber Richter Black ganz ruhig, -- „hätte _ich_ Euch verklagt, so
könntet Ihr Euch darauf verlassen, daß Ihr ein _Dutzend_ Knöpfe
darunter finden solltet.“
Der zweite Fall betraf einen gemeinen Diebstahl, den sich ein
Amerikaner hatte zu Schulden kommen lassen. Ein Italiener, den er
bestohlen, klagte wider ihn, und der Missethäter, ein armer Teufel und
erst seit kurzer Zeit in den Minen, gestand denn auch endlich nach
kurzem Kreuzverhör seine Sünde ein, und producirte sogar das Gestohlene
-- eine goldene Taschenuhr, die er die ganze Zeit bei sich getragen.
Richter Black war aber so entrüstet über diese Thatsache, daß er in
vollem Zorn ausrief:
„Schämst Du Dich nicht, Du Lumpenkerl, der Du Dich einen Amerikaner
nennst, hier in Californien, wo Jeder sein Brod verdienen kann, auf so
gemeine Art zu stehlen? -- Fort mit Dir, Du Canaille, Du bist ein so
erbärmlicher Charakter, daß ich mich gar nicht weiter mit Dir einlassen
mag. Schmeißt ihn hinaus, Sheriff.“
Dem Burschen geschah in der That, und wahrscheinlich zu seiner sehr
freudigen Ueberraschung, gar Nichts weiter, als daß er die gestohlene
Uhr abliefern mußte und hinausgeworfen wurde. Der Kläger aber, von
dem man wußte, daß er Geld hatte, sah sich genöthigt, die Kosten zu
bezahlen -- zwei Unzen, wie gewöhnlich für derartige Bagatellsachen --
erhielt dann seine, vielleicht anderthalb Unzen werthe Uhr, und durfte
den Gerichtshof verlassen.
Hudson, um den sich Niemand kümmerte, hatte sich in der Zeit damit
beschäftigt, das Wesen der beiden Amtspersonen, Richter und Sheriff,
wie diese selber genauer zu beobachten, und wie es manchmal im Leben
geschieht, daß uns durch irgend ein Wort, einen Ton, oder irgend einen
anderen, noch so geringfügigen Umstand irgend ein Moment unseres Lebens
in’s Gedächtniß gerufen wird, so starrte er plötzlich den Richter an --
gerade als dieser einmal laut auflachte, und war von dem Augenblick an
so zerstreut, daß er gar nicht mehr wußte, was um ihn her vorging und
nur den Mann fortwährend im Auge behielt.
Wo um Gottes Willen hatte er denn diesen Mr. oder ~Dr.~ Black
schon gesehen -- das Gesicht kam ihm _so_ bekannt vor und war ihm
doch dabei wieder so fremd. Der Mann trug ächt amerikanische Züge --
eine etwas lange gerade Nase, einen kleinen scharfgeschnittenen Mund.
Auffällig an ihm war das dunkle, ganz kurz geschnittene Haar und ein
entschieden und sogar außergewöhnlich zurückstehendes Kinn, das er
sich nicht erinnerte je gesehen zu haben, und doch schienen ihm die
Züge so bekannt, daß er hätte darauf schwören mögen, schon mit ihnen
zusammengetroffen zu sein.
Jetzt kam die Reihe an ihn; der Sheriff mußte ihn zweimal rufen, ehe
er nur die Aufforderung hörte, so vertieft war er in seinen Gedanken.
Mr. Black brachte ihn aber bald wieder zu sich, indem er ihn einfach
aufforderte, eine Unze (etwa 16 spanische Dollars) gewissermaßen als
Entrée zu bezahlen, um seine Klage anhängig zu machen.
„Aber, Sir,“ sagte Hudson ganz verdutzt, „Sie wissen ja noch gar nicht
einmal, ob die ganze Geschichte so viel werth ist.“
„Lieber Freund,“ erwiederte aber Mr. Black sehr ruhig, „unsere Zeit
ist beschränkt, redet also keinen Unsinn. -- Ob die Klage _Euch_
eine Unze werth ist, weiß ich nicht, geht mich auch gar Nichts an --
_mir_ ist sie es aber, also zahlt oder geht Eurer Wege.“
Hudson lachte, denn das Verfahren war zu eigenthümlich; er zahlte aber
die verlangten Sporteln und während er den Betrag auf den Tisch legte,
sagte er kopfschüttelnd:
„Ihr müßt viel Geld verdienen, Richter, wenn Ihr Euch ein so hohes
Eintrittsgeld bezahlen laßt.“