Alle konnten aber freilich nicht auf Schiffen befördert werden, denn

gerade in damaliger Zeit verließen noch sehr wenige Fahrzeuge die Häfen

wieder, da ihnen meistens die Matrosen in die Minen desertirten und

neue Mannschaften nicht so rasch aufzutreiben waren. Wer allerdings

seine Zeit abwarten wollte, durfte auch darauf rechnen Gelegenheit zu

finden, aber die heimkehrenden Leute besaßen selten so viel Geduld,

und so fanden sich denn auch selbst jetzt noch kleine Trupps zu den

abenteuerlichsten Zügen zusammen, die bald durch Neu-Mexiko, bald auch

über Acapulco das atlantische Meer zu erreichen suchten, und, bis an

die Zähne bewaffnet, einem feindlichen oder räuberischen Angriff Trotz

boten.

Im Herbst des Jahres 1849 hatten sich solcher Art ebenfalls sechs

junge Amerikaner mit einem kleinen Küstenfahrzeug nach Acapulco

eingeschifft, und obgleich sie dort gewarnt wurden, ihre Reise nicht

gleich fortzusetzen, da gerade in letzterer Zeit wieder viele Raubmorde

stattgefunden, während in den nächsten Tagen eine Militärpatrouille

eintreffen mußte, die ihnen dann völlige Sicherheit bot, wollten sie

doch nicht hören, sondern mietheten sich Maulthiere und einen Führer

und traten ihren Marsch dann ohne Weiteres an.

An der Küste selber war der Weg außerordentlich belebt. Ueberall dicht

an der Straße oder in kurzer Entfernung davon lagen bald größere, bald

kleinere Ranchos, und Maulthier- und Eselzüge, welche ihre Lasten

in die Hafenstadt brachten, begegneten ihnen fast ununterbrochen;

ein klarer, sonniger Himmel spannte sich dabei über sie aus, und die

Seebrise kühlte die Luft so herrlich ab, daß sie ihre Thiere ganz

tüchtig konnten austraben lassen. Sie waren auch vortrefflicher Laune,

denn Californien hatte -- was in der That nur wenige weiter von sich

sagen konnten -- ihre Erwartungen fast übertroffen, indem ihr gutes

Glück sie gleich von allem Anfang an so reichhaltige Stellen finden

ließ, daß sie schon, nach kaum sechsmonatlicher Arbeit, an den Heimweg

denken konnten. Und die Gefahren der Reise? Bah! sie waren ihrer Sechs,

Alle gut mit Revolvern und Messern bewaffnet, dabei kräftig, jung

und gewandt. Da hätte schon ein starker Trupp Räuber dazu gehört, um

sie mit Erfolg angreifen zu können und nicht mehr Blei als Gold zu

bekommen. Sie würden auch wahrlich gar nicht mehr an die in Acapulco so

zahlreich gehörten Räuber- und Mordgeschichten gedacht haben, hätte

sie ihr Führer nicht immer und immer wieder auf’s Neue daran erinnert.

So schwer es im Anfang gewesen war, ihn zu dem Transport ihrer selbst

und ihrer Sachen zu bewegen, so unsicher schien er sich jetzt zu

fühlen, da sie weiter in das Land hineinrückten und die Straße einsamer

und öder wurde. Eine Schreckensgeschichte nach der anderen erzählte

er dabei von verübten Gräuelthaten, bis sich ihm selber die Haare auf

dem Kopfe sträubten, und er würde die jungen Amerikaner vielleicht

ebenfalls zu fürchten gemacht haben, hätten sie nur die Hälfte von dem,

was er ihnen vorjammerte, verstanden. So aber, des Spanischen wenig

mächtig, kümmerte sie die Schilderung dieser ungesetzlichen Handlungen

nur sehr wenig, und erst als sie etwas weiter in die öde genug

aussehenden Küstenberge hineinrückten, fingen sie an stiller zu werden

und etwas mehr auf den Weg zu passen.

Die Scenerie war hier nichts weniger als freundlich und die

Höhen der Kuppen lagen ziemlich kahl, nur mit einer Unmasse der

verschiedenartigsten Kaktus- und aloëartigen Pflanzen bedeckt. Neigte

sich der Weg aber in ein Thal hinab, so daß er in die Nähe irgend

eines Baches kam, so zeigte sich niederes Gebüsch mit Weiden und

lorbeerartigen Bäumen, das oft feste Dickichte bildete. Unangenehm

blieb dabei, daß man nie eine längere Wegstrecke übersehen konnte,

da die Straße fortwährend Biegungen machte, und allerdings bot eine

derartige Gegend einem gesetzlosen Treiben den größten Vorschub.

Stieg man auf eine Höhe hinauf, so öffneten sich freilich die Büsche

und der Blick konnte frei nach rechts und links hinüberstreifen, aber

derartige Strecken dauerten nie lange, und enge Schluchten folgten dann

wieder, in die man hinabsteigen, oder darin aufklettern mußte.

Hier begegneten sie nur selten einem Trupp Arrieros, die ihre beladenen

Thiere der Hafenstadt zutrieben, und machten endlich in einem einzelnen

Rancho Halt, wo sie aber schon einen Fremden einquartirt fanden.

Es war allem Anscheine nach ein Mexikaner, mit sonngebranntem Gesicht,

schwarzem krausem Haar und Bart und dunklen, lebendigen Augen, aber

dann auch jedenfalls der _reicheren_ Klasse angehörend, denn er

trug eine der feinsten, dort gebräuchlichen Serapes (der Poncho der

Süd-Amerikaner) mit Goldfäden durchwirkt und von prachtvoller Weberei,

die an den Seiten offenen Sammethosen mit silbernen Knöpfen besetzt,

und eben solche Knöpfe an den Aermeln seiner kurzen Jacke, die

manchmal sichtbar wurde, wenn er mit dem Arm unter dem Ueberwurf heraus

kam, um das vor ihm stehende Glas mit Wein an die Lippen zu heben.

Ein Panamá-Hut vom feinsten Geflecht lag neben ihm auf dem Tisch und

seine gestickten Unterbeinkleider, die durch den Schlitz der oberen

Hosen sichtbar waren, zeigten, daß er nicht allein den besten Stoff

dazu gewählt, sondern auch auf Sauberkeit hielt. Selbst der kleine,

zierliche, in Glanzlederstiefeln steckende Fuß paßte zu dem Allem und

die nicht sehr großen, hübsch geformten Sporen von dunkler Bronce, die

er dazu trug, hatten kleine Kugeln am Radträger befestigt, daß sie bei

jeder Bewegung des Beins ein klingendes Getön gaben.

Sein Antlitz sah eher ernst als freundlich aus und um die Lippen

spielte sogar, so weit es der Bart erkennen ließ, ein etwas spöttischer

Zug, was aber auch wohl von einer schmalen Narbe herrühren konnte, die

sich dort in den Bart, nach dem Mundwinkel zu, hineinzog.

Als die Fremden den offenen Rancho, in welchem sie übernachten wollten,

betraten und mit einem ~buenos Dias~ grüßten, neigte er leicht und

freundlich das Haupt, ohne ein Wort zu sagen, strich sich dann mit der

feinen weißen Hand, an der ein großer Brillantring funkelte, den Bart

bei Seite, und leerte das vor ihm stehende Glas.

Der Mexikaner indessen brachte den neuen Gästen ebenfalls Wein, mit

dem besonders Peru und Chile die Westküste versehen, und versprach

ihnen ein Abendbrod nach besten Kräften herzurichten. Viel gäbe es

freilich nicht, wie er meinte, da die Passage auf der Straße im letzten

Monat so stark gewesen und besonders erst gestern eine Abtheilung von

Polizeisoldaten seinen Rancho verlassen habe, die hier acht Tage auf

der Lauer gelegen, um ein paar berüchtigte Straßenräuber abzufassen.

Uebrigens wolle er sehen, was er noch zusammenbringe, die Señores

sollten schon zufrieden sein.

Die jungen Amerikaner machten in der That keine großen Ansprüche, und

von dem warmen Ritt heute erschöpft verlangten sie viel eher nach

einem kühlen Trunk, als nach anderen Lebensmitteln. Der Wein war

aber vortrefflich und mundete ihnen ausgezeichnet, und die jungen

Leute fühlten sich bald von dem ungewohnten Genuß erregt, und lachten

und plauderten zusammen, ohne sich viel um den fremden „Señor“ zu

bekümmern; verstand er ja doch ihre Sprache nicht, und sie die seine

nur so unvollkommen, um eine wirkliche Unterhaltung unmöglich zu

machen.

Natürlich interessirte sie aber dabei das besonders, was sie von

der Polizeimacht gehört, denn es stand mit ihrer ferneren Reise

in Verbindung und schien allerdings die Unsicherheit des Weges zu

bestätigen. Sie erkundigten sich auch genau nach der Richtung, welche

die Patrouille genommen, da _sie_ ihr auf dem Wege nicht begegnet

waren, und ob man in letzter Zeit etwas von neuen Raubanfällen auf der

Straße gehört habe.

„~Quien sabe, Señores~,“ sagte der Wirth achselzuckend und

mit einem vorsichtigen Blick auf seine bewaffneten Gäste, denn die

Mexikaner waren unter sich schon lange darüber einig, daß die meisten

dieser Raubanfälle jedenfalls von den Fremden selber ausgingen, und

wer bürgte ihm dafür, daß er es hier nicht gerade mit einer solchen

Gesellschaft zu thun hatte -- weshalb erkundigten sie sich auch so

eifrig nach der Polizei. -- „Manche von den erzählten Geschichten ist

wohl übertrieben und Caballeros, die so gut bewaffnet sind wie Sie

selber, haben gewiß nicht das Geringste unterwegs zu fürchten.“

„Fürchten? Ach, wir fürchten auch nichts,“ lachte Einer der jungen

Burschen, „und was wir sauer verdient haben, werden wir auch schon

vertheidigen. Die Polizei muß aber den nämlichen Weg eingeschlagen

haben, den _wir_ gehen, sonst wären wir ihr doch unterwegs

begegnet.“

„~Quien sabe~,“ erwiderte der Wirth auf’s Neue -- „manchmal reiten

die Herren auch nur eine Strecke in die Chaparal hinein, um bald an

dieser, bald an jener Seite wieder aufzutauchen. Sie wollen natürlich

nicht, daß man gewisse Kunde von ihnen erhält, wo sie sich befinden.“

Der Señor in der bunten Serape hatte dem Gespräch anscheinend

vollkommen theilnahmlos zugehört, und dabei eine der kleinen

Papiercigarren geraucht, die er sich selber drehte; jetzt warf er den

Stumpf weg, hob noch einmal das wieder gefüllte Glas an seine Lippen

und sagte dann, aber im reinsten Amerikanisch, daß sich die Reisenden

überrascht nach ihm umsahen:

„Die Straßen hier in Mexiko, Landsleute, sind eben so sicher, wie bei

uns daheim, und die Wenigen, die darauf beraubt wurden, hatten es sich

gewiß in den meisten Fällen selber zuzuschreiben.“

„Alle Teufel, Ihr seid ein Amerikaner? Ich hielt Euch für einen der

Señores aus dem Land hier,“ rief ein junger Illinoiser.

„Ich gehöre auch zu denen,“ lächelte der Fremde, „wenn ich freilich

in Amerika geboren bin. Ich habe, eine Estancia in der Nähe von

Puebla, wo ich mich nach dem Krieg niederließ und eine Landestochter

heirathete. Deshalb darf ich mich auch wohl jetzt als Mexikaner

betrachten.“

„Und wo geht Ihr jetzt hin, Fremder?“ fragte ein Anderer, „nach

Acapulco?“

„Nein, ich komme von daher, und bin gerade im Begriff, nach Hause

zurückzukehren.“

„Dann haben wir ja einen Weg, wie? und können zusammenreiten?“

„Gewiß, die Gesellschaft wäre mir allerdings willkommen,“ lächelte

der mexikanisirte Amerikaner, „denn allein ist immer ein einsames und

monotones Reisen.“

„Hurrah!“ lachte ein Anderer, „dann hat unsere kleine Truppe auch

wieder Unterstützung bekommen, und Ihr könnt uns unterwegs auch

dolmetschen, denn das verdammte Gibberich bricht mir bald die Zunge ab.“

„Mit dem größten Vergnügen,“ lächelte der Fremde, „wenn die Gentlemen

mit meiner Gesellschaft zufrieden sind.“

„Zufrieden? ~caracho!~“ lachte ein langer Hoosier aus Indiana, und

es war dies das einzige und jedenfalls auch gleich das schlechteste

Wort, das er aus der ganzen spanischen Sprache gelernt hatte; „sehr

vergnügt sind wir darüber, Mate. Aber weshalb sitzt Ihr da noch an

Eurem Tisch so allein? Rückt doch mit Eurem Wein zu uns herüber es ist

gemüthlicher.“

Der fremde Landsmann ließ sich nicht lange bitten; mit großer

Höflichkeit aber, die er sich jedenfalls unter den „Spaniolen“

angewöhnt haben mußte, denn den jungen Amerikanern war das förmliche

Wesen vollkommen fremd, nahm er Flasche und Glas zu den Uebrigen

hinüber und setzte sich mit den Worten „mit Eurer Erlaubniß, Señores,“

zu ihnen an den Tisch.

Das Gespräch wurde jetzt allgemein und erstreckte sich besonders auf

das Land selber, das sie eben durchreisen wollten, und das ihr neu

gewonnener Freund natürlich genau kennen mußte; gab er ihnen doch auch

in der That jede nur gewünschte Auskunft.

„Und war er selber noch nicht in Californien gewesen?“

„Lieber Gott,“ schmunzelte er, „die Verführung ist allerdings groß

genug, denn wenn man fast alle Tage arme Teufel dort hinüberpilgern,

und dann mit goldgefüllten Beuteln zurückkehren sieht, prickelt’s

Einem ordentlich in den Füßen und man möchte wohl selber einmal das

fabelhafte Eldorado besuchen, aber -- wer kann wider sein Schicksal

ankämpfen. Wenn man erst selber Frau und Kinder hat, verbieten sich

solche Reisen schon allein. Sollten Sie übrigens den kleinen Abstecher

nicht scheuen und mir die Freude machen, mich auf meiner kleinen

Hacienda zu besuchen, so würden Sie mir selber zugestehen müssen, daß

ich nicht gut thun würde, ein solches Paradies zu verlassen, um in

einem fremden, unwirthlichen Lande nach Gold zu graben.“ Er hatte, wie

er hinzusetzte, sein Gold hier in Mexiko gefunden, und gäbe es nicht um

alle Minen der ganzen Welt.

Es war indessen spät geworden, und die Leute suchten endlich ihr

Lager, von dem sie aber schon mit Tagesanbruch ihr neu gefundener

Reisegefährte weckte, da er ihnen die Morgenkühle als die beste und

bequemste Zeit zu einem langen Ritte anrieth.

Es dauerte auch nicht lange, so waren die jungen Leute wieder im

Sattel und bemerkten jetzt, daß ihr neu gefundener Landsmann einen

prachtvollen schwarzen Rappen ritt, dessen Zaum und Sattelzeug mit

Silber ordentlich bedeckt war. Es mußte jedenfalls ein sehr reicher und

hier in Mexiko auch wohl vornehmer Herr sein; der Wirth war wenigstens

außerordentlich devot gegen ihn, und sprang, als er in den Sattel

steigen wollte, selber hinaus an sein Thier, um ihm den Steigbügel zu

halten.

Und wie verstand er das feurige Pferd zu bändigen und zu regieren; es

war eine ordentliche Freude, ihn da oben, auf dem ungeduldig tanzenden

und courbettirenden Thier sitzen zu sehen. Es kostete ihm auch Mühe,

das rastlose Roß der weit ruhigeren Gangart der Maulthiere anzupassen,

und anfangs mußte er ihm in der That ein paar Mal den Zügel lassen, daß

es wie ein von der Sehne geschnellter Pfeil mit ihm über die Straße

dahin flog und das silberne Gebiß, wenn wieder eingezügelt, mit Schaum

bedeckte. Endlich aber hatte es doch ausgetobt, oder der Reiter ließ

ihm vielmehr nicht länger seinen freien Willen, daß es sich jetzt,

geduldig wie ein Lamm, ihm fügte. Aber auch die Maulthiere waren durch

die Gesellschaft des lebendigen Kameraden angeregt, und trabten weit

rascher aus, als sie es gestern gethan, so daß sie ziemlich schnell von

der Stelle rückten.

Der Fremde schien sich dabei aber, während er ihnen am vorigen Abend

Alles bereitwillig erzählt, was er selber von Mexiko wußte, heute so

viel mehr für Californien zu interessiren, und ließ sich ununterbrochen

von dort erzählen. Besonders neugierig war er auf die Art der

Minenarbeiten und was wohl ein Mann dort verdienen könne -- was sie z.

B. dort verdient hätten, und ob es denn wirklich so harte und schwere

Arbeit wäre.

Die jungen Burschen plauderten auch von der Leber weg. Ihr Landsmann

in seinem prachtvollen fremdländischen Aufzug hatte ihnen imponirt;

seine cordiale und doch so höfliche Weise, mit ihnen umzugehen, bestach

sie noch mehr, und kaum zwei Stunden mochten sie unterwegs sein, als

sie ihm Alles anvertraut hatten, was sie selber wußten, ja ihn sogar

um Rath für ihr künftiges Leben fragten: Was sie nämlich mit dem

gewonnenen Golde anfangen sollten, und ob er es nicht am Ende für

rathsam hielt, daß sie gar nicht gleich nach den Staaten zurückkehren,

sondern lieber hier in Mexiko irgend etwas beginnen sollten.

Er hielt das allerdings einer weiteren Ueberlegung werth, mußte aber

freilich dazu wissen, was ihre eigentlichen Beschäftigungen waren;

und wie viel Mittel sie in Händen hielten. Das auch theilten sie ihm

aufrichtig mit, und er lud sie jetzt nochmals ein, sämmtlich einmal ein

paar Tage auf seiner Hacienda zuzubringen, und sich das Farmerleben

Mexiko’s erst ordentlich anzusehen; nachher könnten sie ja so viel

leichter einen allerdings wichtigen Entschluß über ihre künftigen Pläne

fassen.

Das war eine neue Aussicht für das junge Volk, denn wenn ihnen auch die

bisher gesehene Scenerie nicht besonders gefiel, so gab ihnen doch der

Fremde, der sich kurzweg Brown nannte, eine so glühende Schilderung

von dem inneren Land und seinen Schönheiten, von der Leichtigkeit, mit

der man hier sein Fortkommen finden und Geld verdienen könne, von den

liebenswürdigen Eigenschaften der spanischen Race und von den reizenden

Mädchen, die sie überall treffen würden, und die eine besondere

Vorliebe für estrangeros hätten, daß sie schon halb und halb mit sich

einig waren, ehe sie nur einmal den Hauptplatz gesehen, dies Land auch

nicht so rasch wieder zu verlassen, als es Anfangs ihre Absicht gewesen.

So mochten sie etwa vier Stunden mitsammen geritten sein, und die Sonne

fing schon an ziemlich scharf auf ihre Köpfe niederzubrennen, als sie

eine kleine schattige Thalschlucht erreichten, durch welche ein klarer,

murmelnder Quell rieselte. Ein einladenderer Platz zu einem Haltepunkt

hatte sich noch nicht auf der ganzen Reise geboten, und Browns

Vorschlag, hier von den mitgenommenen Provisionen zu frühstücken, wurde

mit Jubel begrüßt.

Die Stelle selber schien auch eine gewöhnliche Station für des Weges

kommende Wanderer zu sein, denn an verschiedenen Orten bemerkten

sie die Feuerplätze anderer Caravanen, die sich bald da, bald dort

im Grünen niedergelassen und im Schatten der dichten Lorbeerbüsche

die heiße Mittagszeit verträumt haben mochten. Es wurde deshalb

augenblicklich Halt gemacht, und während die Amerikaner ihre Reise-

oder Satteltaschen, in welchen sich die erworbenen Schätze befanden,

zusammentrugen und auf einen Haufen legten, entzündete der Eigenthümer

der Maulthiere, der auch für diese unterwegs zu sorgen hatte, rasch

ein Feuer und nahm dann seinen Thieren Sattel und Gebiß ab, damit sie

selber in dem saftigen Gras weiden konnten.

Dort, auf dem weichen Rasen, wurde nun ausgepackt, was Jeder

mitgebracht hatte, und Brown selber holte aus seinen Satteltaschen

ein paar Flaschen alten Brandy hervor, den die jungen Leute mit Jubel

begrüßten. Sie sprachen auch dem Brandy wacker zu, und achteten gar

nicht darauf, daß ihr neuer Bekannter, der seinen eigenen silbernen

Becher bei sich führte, sich selber nur zum Schein einschenkte und so

that, als ob er tränke; wie hätten sie ihn auch irgend einer tückischen

Handlung für fähig halten sollen.

Während sie noch so lagen und lachten und erzählten, kam ein Reiter

vorübergesprengt -- ein Mexikaner -- zügelte einen Augenblick sein

Pferd ein und nickte lachend, als Brown ihm einen Schluck „~agua

ardiente~“ bot. Der Amerikaner ging auch selber zu ihm hinüber und

reichte es ihm auf’s Pferd und der Bursche hob es dankend an die Lippen.

„Alle bereit?“ flüsterte er ihm aber dabei mit leiser Stimme zu.

„Alle, Señor,“ sagte der Mexikaner, indem er den Becher zurückgab,

und dann, als ob er selber keine Zeit habe, sich aufzuhalten, setzte

er seinem Pferde wieder die Sporen ein und verfolgte seinen Weg nach

Acapulco zu.

Den Amerikanern wurden die Augen schwer; die Sonne brannte gar so

sehr; der Brandy war so stark gewesen -- die ungewohnte Anstrengung,

auch das monotone Rauschen des kleinen Bergwassers: -- sie fingen

an einzuschlafen. -- Der Arriero war drinnen im Busch bei seinen

Maulthieren, da sich die Thiere mehr und mehr in das Dickicht gezogen

hatten. -- Nur das Pferd des Fremden stand gleich unterhalb der Stelle,

an der sie lagerten, den Zügel übergehangen, unmittelbar am Bach, um

dort das süße Gras abzuweiden.

Durch die Büsche schlichen eine Anzahl dunkler Gestalten -- vorsichtig

und leise, und jedes Geräusch, jedes Knacken eines dürren Zweiges

ängstlich vermeidend. Der Amerikaner Brown stand, seine Serape

jetzt über die rechte Schulter zurückgeschlagen, einen gespannten

sechsläufigen Revolver in der Hand, mitten zwischen den Schläfern. Die

unheimlichen Gestalten krochen in’s Freie -- es waren meist dunkle,

mexikanische Gesichter, aber Einzelne auch von lichterer Farbe, und

vielleicht einem andern Land angehörend -- zwischen ihnen der nämliche

Bursche, der vorher den Platz passirt hatte. Wie Geister glitten sie

aus dem Dickicht hervor -- es waren acht Männer -- Brown winkte sie zu

den vier Amerikanern hin, die etwas abseit lagen, und sagte dann mit

ruhiger, fast tonloser Stimme:

„An die Arbeit, meine Burschen!“

Zu gleicher Zeit bog er sich zu den beiden, ihm nächsten Schläfern

nieder, und rasch nach einander krachten zwei kurze, scharfe

Revolverschüsse durch den stillen Wald, jede Kugel das Hirn eines der

Unglücklichen zerschmetternd -- der Dritte sprang erschreckt empor

-- Brown feuerte auch auf ihn, aber fehlte. Der arme Teufel, das

Entsetzliche seiner Lage ahnend, aber noch immer nicht begreifend,

suchte nach der eigenen Waffe, da trafen ihn rasch hinter einander zwei

Kugeln, und er brach stöhnend in seine Kniee.

Indessen hatten sich die Räuber auf die anderen drei geworfen, die sie

aber kaum im Stande waren zu bezwingen, bis der Fremde auch mit seiner

letzten Kugel den Schädel des Einen zerschmetterte. Die anderen Beiden

warfen sie, in ihrer Uebermacht, zurück auf den Boden und hielten sie

dort.

„Jetzt fort mit den Satteltaschen, zwei von Euch,“ sagte Brown, indem

er kaltblütig daran ging, seinen Revolver wieder zu laden, „schafft sie

in den Busch, wenn wir etwa gestört werden sollten. Sind Eure Thiere

bereit?“

„~Si, Señor~ -- Alles in Ordnung,“ lachten die Burschen.

„Mörderische Bestie!“ schrie da der lange Indiana-Mann, indem er sich

unter dem Griff der Mexikaner wand -- „nichtswürdiger Hund von einem

Dieb! war das Deine Freundschaft? bist Du ein Amerikaner?“

„Entschuldigen Sie mich einen Augenblick, Gentleman,“ sagte der Mörder

mit furchtbarer Ruhe, „ich habe gleich wieder geladen und werde Sie

dann ebenfalls bedienen. -- Fort mit den Taschen, ihr Burschen, haut

den Gesellen indeß ein paar über den Kopf, damit sie ruhig liegen --

ich fertige sie nachher ab.“

Diesem Befehl wurde blitzschnell gehorcht und ein paar Säbelhiebe

trafen die so schon Wehrlosen, daß sie betäubt zusammen brachen. Im Nu

hatten die Räuber dann die werthvollen Taschen aufgegriffen und sonst

auch noch die Erschlagenen bis auf das Letzte geplündert, als plötzlich

Hufgeklapper auf der Straße laut wurde.

„Alle Teufel!“ brummte der Amerikaner vor sich hin, „sollten wir Besuch

bekommen? Fort mit Euch in Euer Versteck -- und verpaßt nicht, den Pfad

zu decken -- fort.“

Scheu und erschreckt glitten die Räuber in das Dickicht, um den Raub

zu bergen, und Brown, von seinen Opfern forttretend, ging ein paar

Schritt auf der Straße hinaus, um die nächste Biegung derselben besser

übersehen und hinaushorchen zu können. Aber sein scharfes Ohr hatte ihn

nicht getäuscht -- in voller Carriere sprengte ein Trupp mexikanischer

Uhlanen die Straße entlang -- gerade auf die Stelle zu.

„Teufel!“ rief Brown ingrimmig, zwischen den zusammengebissenen Zähnen

durch, aber es blieb ihm auch keine Secunde zum Ueberlegen. Mit zwei

Sätzen war er neben seinem Pferde und hatte dort wahrlich kaum Zeit,

ihm nur die Zügel überzuwerfen. Die Hufe donnerten heran -- die am

besten berittenen Cavalleristen hatten schon fast den Platz erreicht,

als er, im Sattel, auf die Lichtung sprengte. Wie unwillkürlich hob er

dabei den Revolver, um ihn auf die Feinde abzufeuern, aber das Nutzlose

eines solchen Angriffs im Nu fühlend, warf er sein wackeres Thier

herum, und wie es nur die Sporen fühlte, flog es auch wie ein Pfeil die

Straße hinab.

„Halt! Caracho!“ hörte er die Schreie hinter sich, und die Uhlanen, in

dem Flüchtigen mit Recht einen der gesuchten Räuber vermuthend, trieben

ihre Thiere in wildem, jubelndem Ingrimm hinter ihm drein -- wie hätte

ihnen Jemand zu Pferd entgehen können. -- Aber dem Rappen waren sie

trotzdem nicht gewachsen. Anfangs schien es zwar, als ob sie gleiche

Distance mit ihm hielten, ja an ihr gewönnen, denn Brown hatte sein

Thier absichtlich eingezügelt, um sie in dieser Meinung zu halten,

und seinen Helfershelfern so viel mehr Zeit zu gönnen, sich aus dem

Bereich jeder Entdeckung zu bringen. Wie er aber nur erst einmal die

Entfernung für groß genug hielt, ließ er dem Rappen den Zügel, und mit

Gedankenschnelle trug ihn das flüchtige Roß aus dem Bereich der Feinde.

Hüben und Drüben; Dritter Band (3/3) Neue gesammelte Erzählungen · 第 8 / 16 段