Klara’s Bräutigam, überdieß schon durch den vorher genossenen

Wein aufgeregt, hatte auch bald jedes vielleicht unbehagliche

Gefühl abgeschüttelt. Was den Justizrath von Hoßburg noch einmal

hierhergeführt? -- er war doch jedenfalls nur seiner Tochter zur

Begleitung mitgekommen, und wie Klara und Elisabeth aneinander hängen,

wußte er ja gut genug, und freute sich nicht darüber. -- Aber auch das

war bald überstanden und er selber morgen um diese Zeit schon frei

von all’ den gesellschaftlichen Banden, die ihn hier fesselten, heute

konnte er sie deßhalb noch recht gut einmal über sich ergehen lassen.

Er wurde auch selber wieder heiterer, indem er auf Berthus’ Scherze

und Anekdoten einging, und das Diner wurde ohne weiteren Zwischenfall

beendet.

Als man die Früchte auftrug, brachte der Professor noch eine besondere

Sorte feinen Rauenthaler Ausbruch, von wirklich vorzüglicher Güte, und

Berthus besonders, der ordentlich ein wenig ausgelassen war, als ob

ihm der starke Wein in den Kopf stieg, machte schon einen Versuch zu

singen, hielt aber wie erschreckt inne, als sein Blick auf die Damen

fiel. Da gab die Frau Professorin das Zeichen für diese zum Aufstehen

und sagte dabei: „Da wir doch keinen Theil am Trinken nehmen, wollen

wir die Herren lieber sich selber überlassen. Wenn ihr den Kaffee

nachher wünscht, Kuno, so bitte, läutet nur, und er wird dann in die

Laube gebracht.“

„Gut, mein Kind,“ sagte der Professor, -- „ein halbes Stündchen kann es

aber immer noch dauern.“

„Uebereilt euch nicht; wir machen indessen eine kleine Promenade.“

Sobald die Frau Professorin aufstand, hatte Berthus einem Lohndiener,

der in Livree die Gäste bedienen half, einen Wink gegeben. Dieser trat

nur an die Thür, öffnete sie halb, sah hinaus und meldete dann gleich:

„Madame Belchamp wünscht die Frau Professorin zu sprechen.“

„O bitte, lassen Sie sie eintreten,“ sagte die Frau, „wir gehen dann

gleich zusammen in den Garten.“

Elisabeth, die schon aufgestanden war, erbleichte, ging auf Klara zu

und legte ihren Arm um sie, wie um sie zu schützen.

Berger, der mit dem Rücken der Thür zu saß, drehte sich um, -- war ihm

der Name bekannt vorgekommen? aber er kannte die Dame wohl kaum, und

als Madame Belchamp, sehr geschmackvoll gekleidet, mit Jeanetten an der

Hand, das Zimmer betrat und die übrigen Herren aufstanden, erhob er

sich ebenfalls.

Die Frau Professorin war um den Tisch herumgegangen, um die Fremde zu

begrüßen, als Berthus eine Weintraube von der Tafel nahm und damit auf

das Kind zuging.

„Wie ein klein liebes herziges Ding,“ sagte er dabei. „Hier, mein

kleines Fräulein, darf ich Ihnen eine Traube anbieten? -- Sehn Sie

einmal, Berger, was für ein lieber Schatz.“

Jeanette hatte die Traube genommen, aber die vielen Menschen ängstigten

sie.

„Willst Du mir kein Händchen geben, Kind?“ frug Berthus, und bog sich

zu ihm nieder.

Jeanette sah ihn an und gab ihm ihr Händchen, und drehte sich dann um,

um zur Mutter zu gehen.

„Aber dem Herrn hier mußt Du auch noch ein Händchen geben, mein

Schätzchen,“ sagte Berthus und führte es gegen Berger, -- „komm’, gieb

ihm eins, -- er schenkt Dir auch noch einen Bonbon.“

Jeanette sah ihn an, -- kaum aber fiel ihr Blick auf ihn, als sie die

erhaltene Traube erschreckt fallen ließ und mit einem lauten Aufschrei:

„böser Mann -- böser Mann!“ zu der Mutter flüchtete.

„Merkwürdig,“ sagte Berthus, indem er die Traube wieder aufhob,

„was Kinder oft für Idiosynkrasieen haben.“ Sein Blick suchte dabei

Elisabeth; aber er sah nur noch, wie sie, Klara fest an sich pressend,

mit dieser in den Garten hinaus drängte, und die Professorin selber,

die vielleicht fürchtete, daß der nächste Moment schon zu einer

Entscheidung führen könne, ergriff Madame Belchamp’s Hand und

geleitete diese, die ihr weinendes Kind aufgenommen hatte, durch den

Salon in den Garten.

Berger selber stand im ersten Augenblick verdutzt, denn wenn er auch

das Erschrecken des Kindes vor seinem Anblick gar nicht beachtet

hatte, so fühlte er doch in dem ganzen Auftreten der fremden Dame, in

dem Benehmen der Professorin selbst, daß hier etwas Außergewöhnliches

vorging, wenn er auch vielleicht noch keine Ahnung hatte, wie nahe es

ihn selber betraf.

Sogar der Professor war außer Fassung gebracht, und sein Blick haftete

düster auf dem jungen Mann. Berthus schien in der That der Einzige, der

seine volle Ruhe bewahrte, oder vielmehr das Zeichen, das er selber

eingeleitet hatte, nicht im Geringsten beachtete.

„Aber, meine Herren,“ rief er lachend aus, „was für ein Aufbruch?

Die Damen haben uns in höchst liebenswürdiger Weise mit diesem neu

heraufbeschworenen Nektar allein gelassen, und es wäre bei Gott Sünde,

den Zeitpunkt nicht zu benutzen. -- Was haben Sie nur, Justizrath? Sie

starren ja immer gerade vor sich aus?“

Er hatte bemerkt, daß Berger’s Blick auf dem allerdings sehr

aufgeregten Justizrath haftete.

„Ich? -- ich --“ stammelte dieser, durch Berthus’ Ruhe wirklich selber

irre gemacht, -- „o Nichts -- die Dame war uns --“

„Hahahaha, alter Schwede,“ lachte der kleine Assessor, dessen Gesicht

von dem genossenen Wein glühte, „hat Ihnen die hübsche Dame gefallen?

-- allerdings eine allerliebste Figur. Wie schade, daß uns die Frau

Professorin nicht einmal vorgestellt, -- aber nachher, beim Kaffee,

-- jetzt bitte, lieber Perler, lassen Sie die Flasche noch einmal

herumgehen. -- Ihre Plätze, meine Herren, -- bitte, nehmen Sie Ihre

Plätze wieder ein, -- nicht wahr, Berger, das ist ein ganz famoser

Stoff, den wir eigentlich nur dem Besuch des Justizraths zu danken

haben, denn bis jetzt hat ihn Perler noch nicht herausrücken mögen,

heh?“

Die Herren hatten ihre Plätze wieder eingenommen; in dem Justizrath

stieg aber plötzlich ein ganz eigener Verdacht auf, der ihn nicht

wenig beunruhigte. Berthus nämlich, -- wie er recht gut wußte, sonst

gar nicht an spirituöse Getränke gewöhnt, hatte heute dem starken

und schweren Wein außerordentlich lebhaft zugesprochen und viel --

sehr viel getrunken, -- wenn es zu viel gewesen wäre und er dadurch

vielleicht Alles gefährdete, -- ja vielleicht sogar im Rausch

plauderte? Er bog sich, -- da der Platz zwischen ihm und dem Assessor

frei geworden, zu diesem über und flüsterte ihm ein paar Worte zu, --

Berthus lachte.

„Kein Gedanke daran, Justizräthchen,“ rief er zurück, „unser Wirth

nimmt mir das nicht übel, -- wie, alter Junge? Fidel müssen wir sein

-- kreuzfidel, das ist die Hauptsache, alles Andere aber Schwindel --

purer blanker Schwindel.“

„Mein lieber Freund,“ sagte Professor Perler, der selber des

Justizraths Befürchtung zu theilen anfing, „Sie werden mir doch sicher

glauben, daß ich mich freue, wenn meine Gäste lustig sind, -- nur

möchte ich Sie vor dem jetzigen Wein warnen; er steigt rasch in den

Kopf.“

„Bah,“ lachte Berthus, „muthig müssen wir der Gefahr begegnen; wie,

Berger? -- Männer werden sich doch nicht vor einem Glas Wein fürchten.

-- Da passirte mir neulich ein gottvoller Spaß,“ lachte er, während

er Berger die Flasche zuschob -- und jetzt eine Anekdote erzählte,

die selbst den Justizrath zum Lachen zwang. -- Auch Berger, wenn er

überhaupt einen Verdacht geschöpft, war wieder völlig sicher geworden

und erzählte ein ähnliches Abenteuer, das sie nach einer lustig

durchlebten Nacht gehabt, und Berthus hörte ihm mit leuchtenden Augen

zu.

Der Lohndiener kam herein; er brachte Cigarren und Lichter und

überreichte Berthus dabei einen kleinen Zettel, auf den dieser aber nur

einen flüchtigen Blick warf. Es standen auch nur wenige Worte darauf:

‚Wir haben die Beweise.‘

Der Justizrath hatte ihn ängstlich beobachtet, -- er konnte den Zettel

kaum gelesen haben, als er ihn schon lachend zusammendrehte und an das

Licht hielt, während er mit der anderen Hand eine Cigarre nahm.

„Ah, das hat mir gefehlt,“ rief er dabei, „nach einer Cigarre hab’ ich

mich ordentlich gesehnt -- und die seh’n gut aus -- bitte, Justizrath,

bedienen Sie sich, -- die Cigarren kaufen Sie in Hoßburg nicht.“

„Nun, ich weiß doch nicht,“ sagte der Justizrath verlegen, „wir haben

dort auch recht rauchbare Cigarren.“

„In Hoßburg?“ lachte Berthus, -- „jetzt bitte ich Sie um Gotteswillen,

in dem Nest.“

„Sind Sie denn dort bekannt, Berthus?“ frug Berger.

„Bekannt?“ rief der kleine Mann; -- „na, ich sollte denken, jeden

Winkel kenn’ ich, -- wo wohnen Sie dort, Justizrath?“

„Auf dem Wiesenweg,“ erwiederte dieser, der nicht recht wußte, wohinaus

der Assessor damit wollte.

„Heh?“ rief dieser, -- „da habe ich auch einmal gewohnt -- und in

welchem Haus?“

„Im sogenannten Krüger’schen.“

„Im Krüger’schen Hause? Nro. 17? Alle Teufel, das ist ja das nämliche

Haus, wo vor ein paar Monaten der famose Mord verübt wurde, also gerade

unter Ihrer Nase, Justizrath, heh? Haben Sie nicht davon gehört,

Berger?“

„Ich?“ sagte der junge Mann, während sein Gesicht vielleicht um einen

Gedanken röther wurde, „wie sollte ich hier am Rhein davon gehört

haben?“

„Nun, alle Zeitungen waren ja voll davon, -- bitte, Professor, noch

einmal einzuschenken; der Wein ist wirklich kostbar, -- alle Zeitungen

-- war auch eine verfluchte Geschichte. -- Denken Sie sich, Berger, da

wohnte unten Parterre ein altes reiches Fräulein, -- wie hieß sie doch

gleich, Justizrath --“

„Redenheim --“

„Ach ja, ganz recht, Redenheim -- Fräulein Konstanze, wie sie immer

genannt wurde. -- Reich war sie dabei, aber geizig wie ein Harpax, die

ihr Geld lieber im Kasten schimmeln ließ, als es einem lebenslustigen

fidelen Verwandten aufzuhängen, der sie mit Briefen bombardirte --“

„Aber was interessirt uns die Geschichte,“ sagte Berger, der sich

umsonst bemühte, sein Unbehagen zu verbergen und gleichgültig zu

scheinen.

„Ne, hören Sie nur weiter,“ rief aber Berthus, „können Sie sich

denken, wie sich der junge Bursch zu helfen wußte? Auf eine verflucht

summarische Weise -- er reist einfach hin nach Hoßburg, bittet die Alte

nochmals um Geld, und wie sie ihm das wieder verweigert, schlägt er sie

ruhig auf den Kopf und nimmt sich, was er braucht.“

Berger warf scheu den Blick umher und sah, wie Aller Augen auf ihn

gerichtet waren; nur der Medizinalrath horchte mit dem gespanntesten

Interesse der Erzählung.

„Und haben sie ihn gefaßt?“ frug dieser jetzt.

„Gefaßt? ja, das ist eine höchst merkwürdige Geschichte,“ erzählte

Berthus weiter, „denn der Bursche hatte die Sache so schlau angefangen,

daß er sich in Hoßburg vor Niemand blicken ließ und verschwunden war,

ehe man nur das verübte Verbrechen entdeckte.“

„Und die alte Dame war ganz allein gewesen?“ frug der Medizinalrath.

„Ganz allein, -- nur ein kleines Hündchen und ein kleines Kind, das

einer Putzmacherin, einer Madame Belchamp, gehörte, war gegenwärtig.

Das Hündchen trat er todt, aber das Kind ließ er leben, das ihn von da

an nur den ‚bösen Mann‘ nannte,“ nickte Berthus -- „und hier vorhin zu

Tod erschrak, als es sich demselben wieder gegenüberbefand.“

„Hier?“ rief der Medizinalrath und sah den Justizrath bestürzt an. Aber

dessen Blicke hafteten auf Berger, hinter dessen Stuhl der Lohndiener

stand.

Berger war todtenbleich geworden, -- seine linke Hand stützte sich auf

den Tisch, als ob er im Begriff wäre aufzuspringen, und wild starrte er

in das ihm lächelnd zugedrehte Gesicht des Assessors.

„Merkwürdig, nicht wahr?“ nickte ihm dieser zu -- „und halb todt würden

Sie sich lachen, Berger, wenn Sie wüßten, wie wir dem Burschen auf die

Spur gekommen sind, -- denken Sie sich -- nur durch ein einfaches Loch

in der Hose, das ihm der kleine Hund gerissen, und das eine junge Dame

auf der Promenade bemerkt hatte.“

„Also haben Sie ihn gefangen?“ rief der Medizinalrath.

„Fest und sicher,“ lachte Berthus, -- „nicht wahr, Berger? eigentlich

ein verfluchter Streich, so dicht vor der Reise nach Westindien.“

Berger antwortete nicht, -- nur einen Blick warf er im Zimmer umher

-- kannte er doch jeden Fußbreit im ganzen Haus -- im nächsten Moment

sprang er auf, -- aber des Lohndieners Arme, auf den er gar nicht

geachtet, umschlangen ihn in demselben Augenblick, als Berthus eins der

Weingläser aufgriff und gegen die Thür schleuderte.

Wie mit einem Schlag öffneten sich die beiden in den Saal führenden

Thüren, aus deren jeder zwei Polizeibeamte sprangen und sich auf

den Verbrecher warfen. Ehe dieser im Stande war, den Lohndiener

abzuschütteln, sah er sich machtlos in den Händen der kräftigen

Burschen.

„Was soll das heißen?“ schrie Berger, heiser vor Wuth und Aufregung --

„diese Behandlung --“

„Fort mit ihm!“ rief aber Berthus rasch, „daß die Damen nichts davon

erfahren, wir folgen gleich nach. Ist die Droschke da?“

„Alles bereit, Herr Assessor.“

„Gut, fort mit ihm,“ und im Nu war der Gefangene aus der Thür

geschleppt, seinem Geschick entgegen.

„Aber, meine Herren!“ rief der Medizinalrath, wirklich entsetzt über

diese Behandlung seines Schwiegersohns von seinem Stuhl emporspringend,

„was soll das heißen? -- Herr von Berger --“

„Danke Du Gott! lieber Freund,“ rief aber der Professor, seinen Arm

erfassend, „daß Du und Deine Tochter einer großen und furchtbaren

Gefahr glücklich entgangen seid, ehe das Verderben über euch

hereingebrochen, -- das war der Mörder!“

„Aber ich begreife nicht --“

„Sie werden Alles begreifen, Herr Medizinalrath,“ sagte Berthus, dem

man keine Spur des getrunkenen Weins mehr ansah, ruhig, „sobald Sie nur

einen Blick in das Gewebe von Schamlosigkeit und Verbrechen thun, mit

dem jener Mensch Ihre Familie umsponnen hat.“

„Aber haben Sie wirklich feste, sichere Beweise?“ rief jetzt auch der

Justizrath, den Berthus viel zu wenig in sein Vorgehen eingeweiht

hatte, um Alles verstehen zu können.

„Die bringt uns dieser Herr,“ sagte der Assessor, als in diesem

Augenblick ein Aktuar des hiesigen Gerichts den Saal betrat; „aber ich

fürchte, daß wir die Gastlichkeit des Herrn Professors schon zu schwer

gemißbraucht haben, um seine stille Häuslichkeit noch länger mit dem

furchtbaren Ernst eines solchen Verbrechens zu stören. Ich bitte die

Herren, mir auf das Kriminalamt zu folgen.“

Der Professor wollte Einwendungen machen, aber Berthus selber drängte

fort. Den Damen mußte Alles ferngehalten werden, was sie ängstigen

oder betrüben konnte, und eine Polizeiuntersuchung paßte nicht in

die freundliche Wohnung des Privatmannes. Unterwegs aber erzählte er

den ihn begleitenden Herren, -- dem Medizinalrath erst die flüchtigen

Umrisse des Verdachts -- und dann die eigenen Maßregeln, die er

getroffen, um Gewißheit zu erlangen.

Er war allerdings mit eiserner Rücksichtslosigkeit vorgegangen, und

hatte auch wohl deßhalb das Wie? selbst dem Justizrath verschwiegen,

weil er dessen Opposition fürchtete. Während des Diners war Polizei in

Berger’s Wohnung gegangen, um die schon gepackten Koffer zu öffnen und

zu untersuchen -- aber das nicht allein -- sein Verdacht war auch auf

die alte Haushälterin des Medizinalraths gefallen, die er ungescheut

der Hehlerei mit dem Mörder anklagte und dadurch auch bei ihr, in der

nämlichen Zeit -- und während Paßwitz abwesend war -- eine Untersuchung

ihrer Kommode erzwang. Das Resultat berichtete jetzt der Aktuar.

Bei Berger hatten sich die untrüglichen Zeichen des Raubmords gefunden,

und zwar nicht allein in einer Anzahl Pretiosen, die der von Hoßburg

mitgekommene Juwelier als früheres Eigenthum der Ermordeten erkannte,

sondern auch in den Werthpapieren, die man zu einem sehr bedeutenden

Betrag bei ihm fand. Allerdings konnten die Nummern nicht mit

Gewißheit nachgewiesen werden, aber man wußte genau von dem hoßburger

Bankier, welche Coupons die alte Dame stets zur Einlösung gebracht, und

unter einem Verzeichniß der letztausgezahlten (von denen er natürlich

nicht mehr genau angeben konnte, von wem er sie bekommen,) fand sich

auch ein Theil dieser Nummern, -- waren also jedenfalls in Hoßburg

selber eingeliefert worden. Ebenso hatte man den Siegelring der alten

Dame in dem einen Koffer gefunden.

Die Untersuchung bei der Haushälterin konstatirte allerdings keine

direkte Hehlerschaft mit dem Mord, aber trotzdem fanden sich bei

ihr eine Masse von Sachen, die sie unter schweren Verdacht anderer

Diebstähle brachten. Verschiedenes Silbergeschirr -- manches sogar mit

des Medizinalraths Chiffre versehen, das man früher im Hause vermißt

hatte -- fand sich vor, -- silberne Löffel mit den verschiedensten

Buchstaben, auch einige werthvolle Schmucksachen, über deren Erwerb sie

nicht im Stande war, genügende Auskunft zu geben; kurz, die Nachsuchung

schien vollkommen berechtigt gewesen zu sein, so unangenehm sich der

Medizinalrath auch davon berührt fühlte.

Berger selber war durch das Plötzliche der Entdeckung in seiner

geträumten Sicherheit völlig gebrochen. Er wollte allerdings

Anfangs leugnen -- wollte trotzig auftreten, aber er fand bald,

daß es vergebens sei. Noch in der nämlichen Nacht machte er einen

Selbstmordversuch, wurde aber daran verhindert und gestand am nächsten

Morgen das begangene Verbrechen.

Und Klara? -- die erste Kunde von dem Verbrechen ihres Bräutigams

erschütterte sie furchtbar, aber Elisabeth wich nicht von ihrer Seite

und jetzt -- jetzt endlich gestand sie der Freundin, daß sie Berger

selber nie wirklich geliebt, und nur dem Drängen ihres Vaters und dem

Treiben und Bohren der alten Bella nachgegeben habe. In den letzten

Tagen besonders war ihr auch erst Berger’s spöttische Nichtachtung

ihres Vaters aufgefallen und hatte ihr weh -- recht weh gethan, aber

sie hielt sich durch ihr Wort gebunden, und deßhalb ihr scheues

Ausweichen Elisabeth’s Fragen gegenüber. Jetzt war sie frei.

Daß die Gefangennahme und Ueberführung Berger’s in der Stadt gewaltiges

Aufsehen machte, läßt sich denken, und sie bildete natürlich für eine

Zeit das Stadtgespräch. Der Verbrecher wurde aber auf Requisition der

hoßburger Gerichte dorthin ausgeliefert, und Medizinalrath Paßwitz,

der überhaupt die Absicht gehabt hatte, während der Abwesenheit seiner

Tochter eine Reise zu machen, verließ schon am nächsten Tag mit Klara

Bonn und ging nach England hinüber.

Berger wurde später, da ihm ein vorbedachter Mord nicht nachgewiesen

werden konnte, zu zwanzigjähriger Zuchthausstrafe verurtheilt, aber

er ertrug die Schande nicht. Einen unbewachten Augenblick benutzend,

zerschnitt er sich mit einer Glasscheibe die Adern und war verblutet,

ehe man ihn fand und verbinden konnte.

Richter Black.

Californische Skizze.

Unmittelbar nach der Entdeckung des Californischen Goldreichthums,

während Alles diesem Eldorado noch zuströmte und der einzige Gedanke

der Reisenden war, das ersehnte Land nur so rasch als möglich zu

erreichen, wurden auch die verschiedensten Straßen aufgesucht, um

dies zu ermöglichen. Während eine Gesellschaft daran ging, die

Panamá-Landenge zu untersuchen und einen Durchstich oder eine Eisenbahn

in Angriff zu nehmen, warf sich eine andere nach Nicaragua und zögerte

auch nicht, kleine Dampfschiffe auf den See zu setzen. Zu gleicher

Zeit segelten zahllose Schiffe um Cap Horn, und riesige Caravanen

zogen durch die weiten Prairieen des amerikanischen Westens den

Felsengebirgen zu, um darüber hin ihre Bahn nach dem Goldland zu finden.

Die letztere Route schien aber die beschwerlichste und auch vielleicht

gefährlichste von allen, denn erreichten diese Züge nicht die andere

Seite der Berge noch in der guten Jahreszeit, so waren sie dem

furchtbaren Schnee der Felsengebirge preisgegeben; die Zugstiere fanden

kein Futter mehr und verhungerten an ihren Deichseln, während viele

Familien selbst in den Bergen zu Grunde gingen.

Allerdings war schon ein _Weg_ über die Landenge von Panamá

eröffnet -- Dampfboote liefen dorthin, und die Reisenden fuhren zuerst

den Chagresfluß hinauf, um dann auf Maulthieren durch die Sümpfe und

über die Höhen des Isthmus zu kommen; aber auch diese Passage bot noch

die unglaublichsten Schwierigkeiten, und die Amerikaner, die gar nicht

daran dachten, sich durch irgend etwas zurückhalten zu lassen, warfen

sich endlich, da die Schiffe doch nicht _Alle_ befördern konnten,

selbst nach Mexico, um quer durch das Land nach dem stillen Ocean zu

gelangen und dort eine Schiffsgelegenheit zu suchen.

Das Klima der mexikanischen Hochebenen war dabei gesund, und nicht

todbringend wie das der Chagressümpfe. Man konnte dort ebenfalls (was

auf Panamá der Masse der Reisenden wegen häufig _nicht_ der Fall

war) Maulthiere bekommen, soviel man brauchte, und hätte man wirklich

auf der andern Seite kein Schiff gefunden, so blieb der Weg, an der

Küste hinauf, bis zum nächsten Hafen nicht so entsetzlich weit, um

davor zurückzuschrecken.

Zahlreiche amerikanische Gesellschaften zogen deshalb die Reise nach

Californien über Vera-Cruz, das sich außerdem leicht von New-Orleans

aus erreichen ließ, den übrigen Routen vor und wie sie dort erst einmal

die Bahn gebrochen, folgten auch von Californien nach den Staaten

zurückkehrende glückliche Goldwäscher den nämlichen Fährten.

Nun gab es allerdings in Mexico eine Menge Gesindel -- denn Raubanfälle

auf offener Landstraße gehörten keineswegs zu den Seltenheiten;

die kleinen Caravanen waren aber auch gewöhnlich gut mit Waffen

versehen und konnten derartige Strauchdiebe leicht von sich abhalten.

Schwerer freilich wurde es den verhältnißmäßig kleinen Trupps, die

von Californien selber zurückkehrten, und die Räuber fanden auch bald

heraus, daß sich ein Angriff auf diese besser lohne.

Die aus den Staaten kommenden Reisenden führten gewöhnlich Nichts bei

sich, als ihr dürftiges Reisegeld. Weit anders war es dagegen mit

den „Californiern“ bestellt, die nicht selten schwere, mit Goldstaub

gefüllte Katzen um den Leib geschnallt trugen, und so häufig wurden

zuletzt die Angriffe auf diese, daß sich die Regierung genöthigt sah

Militär aufzubieten, um die Straße doch so viel als irgend möglich zu

sichern. Uebrigens verbreitete sich sehr bald das Gerücht, daß es nicht

blos Mexikaner seien, welche hier am Weg den goldbeladenen Wanderern

auflauerten, sondern daß sich, besonders in letzter Zeit, auch viele

eingeborene Amerikaner dieses Geschäfts angenommen hätten und --

allerdings in mexikanischer Tracht, um den Verdacht und die Verfolgung

von sich abzulenken -- die kecksten Raubanfälle ausführten.

Das Nämliche hatte schon auf der Landenge von Panamá begonnen, jetzt

pflanzten sich auch die Banden nach Mexico hinüber und setzten die

Reisenden besonders durch die vielen dabei verübten Mordthaten in Angst

und Schrecken. Die Mexikaner selber hatten früher wohl auch ihre Opfer

überfallen und geplündert, aber nur in einzelnen seltenen Fällen Blut

vergossen; jetzt aber schienen rauhere, erbarmungslosere Hände bei der

Arbeit beschäftigt zu sein, und der Angriff auf kleine Caravanen oder

einzelne Reisende geschah nicht mehr mit einer Aufforderung, sich zu

ergeben, sondern Revolver und Büchsenschüsse warfen die Unglücklichen

von ihren Thieren hinab, und der fast stets zu spät eintreffenden

Polizei blieb es dann überlassen, die aufgefundenen Leichen zu

begraben.

Ein paar Mal hatten sich die Ueberfallenen allerdings mit Erfolg zur

Wehr gesetzt und den Angriff abgeschlagen, auch einige der Räuber

dabei getödtet, wonach es sich denn stets herausstellte, daß sie

zur verworfensten Klasse der menschlichen Gesellschaft, zu der der

amerikanischen professionirten Spieler gehörten, denn sie trugen außer

ihren Revolvern und Bowiemessern auch noch regelmäßig ihre falschen

Karten bei sich, für welche in den Vereinigten Staaten besondere

Fabriken bestehen, die sie zu Tausenden fertigen. Aber die Race starb

nicht aus, und obgleich sich diese Bursche mit betrügerischem Spiel ihr

Geld wohl auch leicht und rasch verdienten, schien es ihnen doch hier

noch rascher zu gehen, wo sie die californischen Goldgräber gleich von

der Quelle fort „pflücken“ konnten, wie sie es nannten.

Die Kunde über diese, schnell einander folgenden Verbrechen drang

auch bald nach Californien hinauf, und Viele, die sich mit schwerer

Arbeit ein Vermögen erworben, oder doch eine hübsche Summe von Gold

zusammengebracht, scheuten sich jetzt der Gefahr entgegen zu gehen,

das Alles -- noch vielleicht mit dem Leben -- auf einer mexikanischen

Landreise wieder einzubüßen. Wo sie deshalb nur Schiffsgelegenheit um

Cap Horn erhalten konnten, zogen sie den allerdings viel weiteren aber

auch sicheren Weg vor, und das Geschäft in Mexiko wurde dadurch flauer.

Hüben und Drüben; Dritter Band (3/3) Neue gesammelte Erzählungen · 第 7 / 16 段