Schritten näher. Was geschehen sollte, mußte bald geschehen, wenn es
nicht zu spät sein sollte.
Elisabeth befand sich in einer ordentlich fieberhaften Unruhe, und
trotzdem wagte sie nicht, ihren Vater weiter zu befragen, zu drängen --
lastete doch das Gefühl: die Ursache einer so schweren Anklage gegen
den Bräutigam der Freundin zu sein, schon zu furchtbar auf ihr. -- Sie
hatte jetzt ihre Pflicht gethan, -- mehr konnte kein Mensch von ihr
verlangen.
So rückte der Mittwoch heran, -- am Sonnabend sollte die Trauung sein,
und Elisabeth hatte es noch nicht über sich gewinnen können, Klara’s
Brief zu beantworten, -- der nächste Tag mußte ja auch die endliche
Entscheidung bringen -- und selbst der Mittwoch verging und Donnerstag
kam, ohne daß der Justizrath ein Wort weiter gegen sie erwähnt hätte.
Jetzt litt es sie aber nicht länger, -- sie mußte Gewißheit haben, und
war eben fest entschlossen, ihren Vater, sobald er nach Hause käme, zu
fragen, was er jetzt Willens sei zu thun, als dieser zu ihr in’s Zimmer
trat und ruhig sagte: „Liebes Kind, packe Deinen Koffer, -- in zwei
Stunden reisen wir --“
„Nach Bonn?“
„Nach Bonn -- wir haben noch Reisegesellschaft.“
„Von hier?“
„Assessor Berthus ist allerdings schon gestern mit einem Aktuar dorthin
abgegangen, aber Madame Belchamp und die kleine Jeanette werden uns
begleiten.“
„O Du mein Gott,“ stöhnte Elisabeth.
„Hältst Du Dich nicht für stark genug, Kind,“ sagte der Vater
freundlich, „so will ich Dich nicht dazu zwingen, -- bleibe dann lieber
hier --“
„Daß mich die Angst in der Zwischenzeit tödtet.“
„Es ist eine schwere Stunde, der Du entgegengehst, überlege es Dir wohl
vorher, mein Herz.“
„Ich gehe mit Dir, Vater,“ sagte Elisabeth entschlossen, „ich muß an
Klara’s Seite sein, denn sie wird den Schlag am Härtesten fühlen,
-- aber wenn er doch unschuldig wäre, Vater! -- Seit ich Dich nicht
gesprochen, und keine Stunde weder bei Tag noch bei Nacht die Gedanken
aus meinem Kopf bringen konnte, sind mir die Verdachtgründe, die ich
gegen Dich ausgesprochen, so schaal, so nichtig vorgekommen, daß
ich mir selber schon die bittersten Vorwürfe darüber gemacht. Denke
Dir, Vater, denke Dir, wenn Alles falsch und es nur ein durch einen
Zufall scheinbares Zusammentreffen wäre, das einem braven Manne die
_Ehre_ rauben sollte?“
„Laß Dir das keine Sorgen machen, Schatz,“ sagte der Vater, der sich
recht gut in den Seelenzustand seiner Tochter denken konnte. „Eben so
exaltirt wie Du früher den ersten Gedanken erfaßtest, und Deine ganze
Kraft daran wendetest, um der gefundenen Spur nachzugehen, eben so
stark wirkt jetzt bei Dir der Rückschlag, wo die ersten Zweifel mit dem
Wunsch vielleicht auftauchen, der Freundin das erhoffte Glück auch zu
erhalten. Es ist das so menschlich wie natürlich, und ich möchte es
bei Dir nicht einmal anders haben. Aber überlasse auch mir die Leitung
des Ganzen und sei versichert, daß ich mit äußerster Vorsicht und
Delikatesse zu Werke gehe. Wir werden bald an Ort und Stelle lernen,
woran wir sind, und ist der junge Herr dann unschuldig, so hoffe ich,
das noch zu erfahren, ehe wir den geringsten Eclat in der Sache machen,
oder irgend gewaltsam auftreten. Doch noch eins -- Du erzähltest mir
neulich von einem alten Juden mit grauen Haaren, mit dem jener Berger
viel verkehrt, und der auch in Deiner Gegenwart der unechten Steine
erwähnte.“
„Ja, Papa.“
„Weißt Du, wie er heißt und wo er wohnt?“
„Nein, aber ich glaube, daß sich das bald erfahren ließe, da ihn sein
Aeußeres leicht von Anderen unterscheidet; schon seine schneeweißen
Haare zeichnen ihn aus.“
„Gut, mein Kind, -- also packe Deine Sachen zusammen, unser Aufenthalt
wird kein langer sein und Du brauchst nicht viel.“
„Und Käthchen?“
„Können wir dießmal nicht gebrauchen, -- es ist keine Vergnügungstour,
die wir machen. Ich habe ihr schon gesagt, daß ich Dich nur auf ein
paar Tage zu Deiner Tante brächte und auf der Rückreise wieder
mitnähme. Kannst Du in zwei Stunden mit Deinen Vorbereitungen fertig
sein?“
„In einer, Papa.“
„Gut, mein liebes Herz, und nun Muth, -- der liebe Gott wird Alles zum
Besten lenken.“
Zehntes Kapitel.
Wieder in Bonn.
Mit wie leichtem und fröhlichem Herzen hatte Elisabeth ihre letzte
Reise nach eben dieser Stadt angetreten, und wie schwer -- wie
furchtbar schwer wurde ihr die jetzige. Das war auch in der That keine
Vergnügungstour -- der Vater hatte Recht, -- das war ein Hetzen von
Zug zu Zug, und selbst das Dampfschiff ging dafür nicht rasch genug
den Strom hinab, sondern im heißen, staubigen Coupé flogen sie, neben
dem herrlichen kühlen Rhein hinab, ihre Bahn. Sie waren auch die ganze
Nacht hindurch gefahren und erreichten Bonn etwa zehn Uhr Morgens.
Wie verschieden von ihrer früheren Ankunft am lachenden Stromesufer,
wo liebe Freunde ihnen entgegenwinkten und die Zeit nicht erwarten
konnten, um einander in die Arme zu fliegen, war aber die jetzige.
Im Bahnhof selber erwartete sie Niemand, als der bleiche unheimliche
Assessor Berthus, vor dem Elisabeth schon immer -- sie wußte selber
nicht weßhalb -- eine fast unüberwindliche Scheu gehabt. War es
vielleicht, weil der Mann mit den dünnen blassen Lippen, den spärlichen
Haaren und den scharfen grünen Augen immer lächelte, -- er sah gar so
unheimlich dabei aus, und vor ihm und seinem Inquiriren sollten die
Gefangenen auch die meiste Furcht haben.
Er hatte sie im Nu in ihrem Waggon entdeckt, und wie freundlich er
grüßte und Elisabeth artig aus dem Wagen hob. Auch gegen Madame
Belchamp war er galant und wollte die kleine Jeanette ebenfalls heraus
heben, aber sie litt es nicht und klammerte sich an ihre Mutter an.
Uebrigens hatte der Assessor für Alles gesorgt.
„Bitte um Ihre Gepäckscheine, Herr Justizrath -- Madame Belchamp --
bitte, bemühen Sie sich mit der Kleinen nach Droschke 74 -- gleich an
der Thür rechts. Fräulein Elisabeth ist wohl so freundlich, Sie zu
begleiten, der Herr Justizrath und ich folgen zu Fuß. -- Ihr Gepäck
soll zu gleicher Zeit mit Ihnen eintreffen. -- Dieß ist _Ihre_
Nummer im Hotel, Madame -- dieß die Ihrige, mein gnädiges Fräulein --
Sie werden Alles vorbereitet finden.“
„In welchem Hotel?“
„Der Kellner hier wird Sie begleiten, -- er sitzt mit auf dem Bock und
besorgt Ihnen Alles, -- wir folgen in wenigen Minuten, -- das Hotel
liegt dicht bei --“
Elisabeth eilte, aus der Nähe des gefürchteten Mannes zu kommen, und
der Justizrath, der dem Assessor schon seinen Ueberzieher, Plaid
und Regenschirm überlassen mußte, was dieser dem wartenden Kellner
aufbürdete, nahm ohne Weiteres seines Kollegen Arm und verließ mit ihm
zusammen den Bahnhof.
„Haben Sie etwas ausgerichtet?“ sagte er dabei; „glauben Sie, daß wir
auf der richtigen Fährte sind?“
„Die Zeichen mehren sich,“ nickte Assessor Berthus vor sich hin. „Den
Juden, dessen Signalement Sie mir gestern telegraphirten, habe ich
gefunden -- es ist eine allbekannte Persönlichkeit und soll ein streng
rechtlicher Mann sein, -- der Polizei ist wenigstens das Gegentheil
noch nicht bekannt.“
„Und die Steine?“
„Hatte er noch im Besitz, -- es sind die nämlichen, die unser Juwelier
früher in Händen gehabt.“
„Ist der Juwelier Müller da?“
„Schon seit gestern Morgen. Er ist bereit, _diese_ Steine zu
beschwören, da sich an dem einen noch das Zeichen seiner eigenen Feile
findet.“
„Haben Sie sich mit dem Medizinalrath in’s Vernehmen gesetzt, Assessor?“
„Nein, Herr Justizrath,“ sagte der Herr; „ich habe allerdings seine
Bekanntschaft gemacht, und er mag ein ganz tüchtiger Gelehrter sein,
aber in seinem eigenen Hause ist er schwach und unbeholfen, und ich
fürchtete mehr zu riskiren als ich gewinnen konnte.“
„Er würde nie einem Verbrecher Vorschub leisten, und wenn er in
nächster Verwandtschaft zu ihm stünde.“
„Nein, das -- fürchte ich auch nicht -- wenigstens nicht wissentlich
und absichtlich, aber -- glauben Sie mir, wir haben dadurch Nichts
versäumt.“
„Haben Sie mit Professor Perler gesprochen?“
„Ja, -- der gefällt mir schon besser. Er erwartet Sie in Ihrem Zimmer
im Hotel -- ich bat ihn, nicht an die Bahn herauszukommen.“
„Und diesen Herrn von Berger?“
„Wir waren gestern Abend zusammen in Gesellschaft und sind die besten
Freunde,“ lächelte der Assessor. „Er kennt mich nur unter dem Titel
Professor Berthus, -- das klingt jedenfalls unverfänglicher.“
„Aus Hoßburg?“
„Bitte um Verzeihung -- aus Berlin.“
„Und für was halten Sie den Herrn?“
„Ich halte ihn fähig, eine solche That verübt zu haben, aber -- es
wird schwer halten, ihm beizukommen. Sonst ist er der liebenswürdigste
Gesellschafter, mit dem ich je zusammengetroffen bin und -- ich glaube,
wir werden uns auch noch nicht so bald wieder trennen.“
„Die Gerichte sind hier von Allem in Kenntniß gesetzt?“
„Nein, -- nur die betheiligten Personen. Es ist eine sehr schöne Sache
um das ‚Amtsgeheimniß‘, aber sicher bleibt sicher.“
„Und was wollen Sie jetzt thun?“
„Toilette zum Diner machen, das wir heute in Professor Perler’s Haus
einnehmen werden. Die Familie Paßwitz und Herr von Berger werden auch
dort sein.“
„So weiß der Professor Alles?“
„Alles.“
„Und er will uns unterstützen?“
„Er hat es mir selber angeboten; ich würde nie gewagt haben, ihn darum
zu bitten.“
„Und wie wollen Sie Alles einleiten, Berthus?“
„Ueberlassen Sie das mir, Herr Justizrath,“ sagte der Assessor mit
seinem freundlichen Lächeln, „thun Sie vor der Hand weiter Nichts,
als daß Sie bei Tisch Alles genau beobachten, ohne natürlich irgend
einen Verdacht zu erregen. _Mich_ kennen Sie, wie sich das von
selbst versteht -- gar nicht, ich werde Ihnen schon durch irgend Jemand
vorgestellt werden, und daß sich Ihre Fräulein Tochter nicht verräth,
dafür bürgt mir ihre Antipathie gegen mich.“
„Aber lieber Berthus!“
„Bitte, Herr Justizrath, -- erwähnen wir es nicht weiter. Ihrer
Fräulein Tochter gefällt meine Persönlichkeit nicht, was jedenfalls
ihrem Geschmack alle Ehre macht, -- hätte sie mich je näher kennen
lernen, so würde sich vielleicht diese Abneigung in etwas gegeben
haben. Doch das hat ja mit unserem Geschäft Nichts zu thun, ja im
Gegentheil, es arbeitet uns in die Hände.“
„Und wenn dieser Berger wirklich schuldig wäre und vor der Zeit etwas
merken sollte?“
„Dafür ist gesorgt, fort kann er nicht mehr,“ sagte der Assessor
lächelnd; „die dahin getroffenen Vorsichtsmaßregeln sind ausreichend,
vertrauen Sie mir. Aber hier sind wir am Hotel -- Nr. 5 ist Ihr Zimmer,
besprechen Sie Alles mit dem Herrn Professor. Um zwei Uhr treffen wir
wieder dort zusammen. -- Ich habe die Ehre --“
„Und wohnen Sie nicht mit hier?“
„Nein, -- mit Herrn von Berger Stube an Stube in der nächsten Straße,
-- auf Wiedersehen, Herr Justizrath --“ und mit den Worten schritt er,
das Trottoir entlang, seiner eigenen Behausung zu.
Der Justizrath wollte ihn noch einmal zurückrufen, -- es lagen ihm noch
eine Masse Dinge auf dem Herzen. -- So durfte Klara keinenfalls dabei
sein, wenn die Sache zum Ausbruch kam, -- der furchtbare Augenblick
wenigstens mußte ihr erspart werden -- und dann der Medizinalrath
selber, -- aber Berthus war schon um die Ecke, ehe er noch einen
bestimmten Gedanken fassen konnte, und mit dem vollen Vertrauen auf die
Klugheit und Umsicht seines Gefährten beschloß er, vor der Hand der
Sache ihren Lauf zu lassen. Er war überhaupt müde von der Reise und
bedurfte einer kurzen Ruhe.
Desto unermüdlicher schien der Assessor, der, einmal auf eine Fährte
gebracht, derselben nachspürte wie ein richtiger Schweißhund, und
Hunger und Müdigkeit dabei nicht einmal dem Namen nach kannte.
Im Hotel angekommen, war in der Portiersstube sein erster Blick nach
Berger’s Nummer, -- der Schlüssel hing am Haken, er selber konnte also
nicht zu Hause sein.
„Briefe für mich angekommen?“ frug er.
„Nein, Herr Professor.“
„Herr von Berger oben?“
„Ausgegangen, -- Lieutenant von Glaser und der junge Engländer haben
ihn abgeholt.“
Der Assessor nickte; er wußte jetzt, wo er seinen Mann zu suchen
hatte, drehte augenblicklich wieder um und schritt einem nicht sehr
entfernten Frühstückskeller zu, in dem sich die genannten Herren jetzt
schon zwei Tage hintereinander Morgens erfrischt hatten. Er war nicht
fehlgegangen. Hinter ein paar Flaschen Rheinwein, mit Lachs und Kaviar,
traf er die kleine fröhliche Gesellschaft, die er aber natürlich gar
nicht bemerkte, sondern sich eben an einen freistehenden Tisch setzen
wollte, als er von Berger selber angerufen wurde.
„Hallo, Professor! auch durstig? kommen Sie mit hier her zu uns; wir
haben einen famosen Rüdesheimer entdeckt.“
„Ah, meine Herren, sehr angenehm, Sie zu treffen. Kam eigentlich nur
herein, um einen ‚Stehschoppen‘ zu trinken, -- wenn Sie erlauben --“
und er setzte sich mit zu ihnen an den Tisch.
Berger war aufgeregt; aber wie es schien vortrefflicher Laune, und der
‚kleine berliner Professor‘, wie ihn die jungen Leute nannten, gerade
der Mann, ihn darin zu erhalten. Berthus schien selber Geschmack an dem
Wein zu finden, und ließ noch eine, selbst noch eine zweite Flasche
geben, und wußte eine solche Unzahl von Anekdoten und pikanten Späßen,
daß die kleine Gesellschaft gar nicht aus dem Lachen herauskam und den
aufrichtigen Neid der übrigen Tische erregte.
Endlich zog Berthus die Uhr heraus.
„Alle Wetter,“ sagte er, „gleich halb zwei Uhr und um Zwei sollen wir
drüben beim Herrn Professor Perler sein. Mein lieber Herr von Berger,
ich glaube, es wird Zeit, daß wir uns anziehen, sonst kommen wir
wahrhaftig zu spät.“
„Liebes Professorchen,“ sagte Berger, verdrießlich nach seiner eigenen
Uhr sehend, „ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich viel lieber hier bliebe,
-- aber Sie haben Recht, wir müssen die Zeit einhalten.“
Seine beiden Freunde wollten remonstriren und ihn verführen, das
‚langweilige Diner‘ zu versäumen, -- es sei ja, wie sie sagten, der
‚letzte freie Tag‘, aber es ging nicht gut, -- gerade heute nicht, --
sein ‚Schwiegerpapa‘ war auch da und seine Braut, und er mußte wirklich
vorher noch Toilette machen.
Fünf Minuten später schritt er mit ‚Professor Berthus‘ Arm in Arm die
Straße hinab, seinem Hotel zu, und punkt zwei Uhr standen Beide im
Gartensalon des Professor Perler, wo der Tisch gedeckt worden.
Eine Viertelstunde früher war schon, auf des Professors Veranlassung,
Klara mit Elisabeth dort zusammengetroffen, und Klara mit einem
Jubelschrei in die Arme der Freundin geflogen.
„O, Lily, -- meine liebe, süße Lily,“ rief das junge Mädchen unter
Thränen lächelnd, „wie lieb und gut das von Dir ist, daß Du zu meinem
Ehrentag gekommen bist; ich kann Dir gar nicht sagen, wie ich mich nach
Dir gesehnt und Dich herbeigewünscht habe, -- aber Herz,“ rief sie
plötzlich, die Freundin auf Armeslänge von sich drückend, „was fehlt
Dir, -- Du siehst bleich -- ganz erschrecklich bleich und angegriffen
aus. Warst Du krank?“
„Nur von der Reise ein wenig erschöpft, Klärchen, -- aber auch Du
siehst anders aus, als ich Dich mir gedacht, -- ich hoffte, Dich von
Glück strahlend zu finden.“
„Ich bin glücklich, Lily,“ sagte Klara, ihren Kopf auf der Freundin
Schulter legend.
„Du bist glücklich?“ flüsterte Elisabeth, „und sagst das gerade mit
einem Tone, als ob Du Dich bei mir entschuldigen müßtest. Dein Brief
lautete so glücklich.“
„Und so ist mir auch zu Muthe, Lily,“ sagte Klara, ohne jedoch ihr
Antlitz zu erheben, „glaube mir, Herz -- bitte, glaube mir, Lily.“
„Ich will Dir glauben,“ sagte Elisabeth leise, „wenn das Dich beruhigt,
-- aber etwas ist vorgefallen, meine Klara, das wirst und kannst Du
mir nicht ableugnen. Hab’ ich Recht? -- komm’, sieh mich an, Kind, --
aus Deinen Augen erfahr’ ich die Wahrheit weit eher, als von Deinen
Lippen.“ Sie wollte dabei Klara’s Kinn sanft emporheben; aber diese
duldete es nicht.
„Es ist Nichts vorgefallen, Lily,“ sagte sie leise, -- „Nichts von
Bedeutung wenigstens, -- ich wäre ärger als ein Kind, wenn ich mir
Sorgen darüber machte.“
„Und darf ich es wissen, Klara?“
„Ja, -- aber nicht jetzt -- nachher -- nach Tische, wenn wir im Garten
spazieren gehen. -- Und wo ist Käthchen?“ setzte sie rasch hinzu, wie
um das Gespräch auf einen anderen Gegenstand zu bringen, -- „warum hat
sie euch nicht begleiten dürfen?“
„Wir konnten doch nicht schon wieder mit der ganzen Familie kommen,“
lächelte Elisabeth, -- „Käthchen muß jetzt Haus halten, und Papa hat
auch nur so wenig Zeit, daß er sich kaum die paar Tage abzwingen
konnte.“
„Zu desto größerem Dank bin ich ihm dann verpflichtet, daß er es mir zu
Liebe doch gethan.“
„Ja, wahrlich Dir zu Liebe, Klara,“ sagte Elisabeth mit tiefem Gefühl,
„und nur der Gedanke an Dich hat uns hierher getrieben.“
„Meine gute Lily, -- aber still -- da kommen noch Gäste.“
„Die Stimme sollt’ ich kennen,“ sagte Elisabeth und mußte sich Gewalt
anthun, gefaßt zu scheinen.
„Es ist Ferdinand mit seinem neuen Freund, einem Professor Berthus.“
„Berthus?“
„Ja, -- kennst Du ihn? ein höchst drolliger Kauz, wenn auch mit
abstoßendem Aeußeren, aber ich könnte fast eifersüchtig auf ihn werden,
denn Ferdinand ist ordentlich verliebt in ihn.“
„Auf Herrn Berthus?“
„Auf den Professor -- ja.“
„Und seit wann kennt ihn Dein Bräutigam?“
„O, seit etwa zwei Tagen erst. Er kam mit einer Empfehlung von
Berlin an Professor Perler und meinen Vater und scheint wohl ein
sehr gescheidter Mann, aber -- doch da kommen sie, -- Ferdinand wird
überrascht sein, Dich zu treffen.“
Sie hatte nicht Zeit, mehr zu sagen, denn in dem Augenblick öffnete
sich die Thür, und von Berger, den Assessor Berthus am Arm und sein
Gesicht ein wenig von dem genossenen Wein geröthet, betrat das Zimmer,
wo er, der Aussage eines der Dienstboten nach, seine Braut wußte.
Klara hatte übrigens richtig vermuthet. Wirklich überrascht blieb er
auf der Schwelle stehen, als er das junge Mädchen bei seiner Braut fand
und auch augenblicklich erkannte.
„Mein gnädiges Fräulein, das ist allerdings eine unverhoffte Freude,“
stammelte er, etwas verlegen, und Elisabeth entging nicht, daß er sich
leicht entfärbte; ehe sie aber etwas darauf erwiedern konnte, öffnete
sich die Seitenthür, und Professor Perler mit seiner Frau und Tochter
und dem Justizrath traten in’s Zimmer.
War Berger indeß wirklich einen Moment verlegen gewesen -- und die
Gewißheit dafür ließ sich in seinen Zügen nicht lesen -- so konnte ein
solches Gefühl bei ihm nie Wurzel fassen. Es schwand so rasch, wie
es gekommen, und die Hand dem Vater Elisabeth’s entgegenstreckend,
wie er nur seiner ansichtig wurde, ging er auf ihn zu und rief mit
herzlicher Stimme: „Ah, mein lieber Herr Justizrath, wie soll ich Ihnen
danken, daß Sie meiner Klara die Freude gemacht haben; das war wirklich
unendlich liebenswürdig von Ihnen.“
„Herr von Berger,“ sagte der Justizrath höflich, indem er die gebotene
Hand nahm, „Ihrer Fräulein Braut zu Liebe haben wir allerdings den
weiten Weg gemacht, -- aber auch unserer selbst wegen, -- Sie haben uns
nicht dafür zu danken.“
„Dann erlauben Sie, daß ich Ihnen auch zugleich einen Freund unseres
Hauses, Herrn Professor Berthus, vorstelle -- lieber Professor, Herr
Justizrath von Hochweiler aus -- wie hieß doch gleich die Stadt, bester
Justizrath?“
„Hoßburg.“
„Ah, in der That,“ rief Berthus, mit seinem trockensten Lächeln, „freut
mich in der That, Ihre Bekanntschaft zu machen, Herr Justizrath, -- in
der That, -- und das Fräulein Tochter, wie ich vermuthe.“
„Meine Tochter,“ sagte der Justizrath, an dem jetzt die Reihe war,
verlegen zu werden, denn alles Blut stieg in diesem Augenblick in
Elisabeth’s Antlitz und drohte ihr die Adern zu sprengen.
„Sehr angenehm, mein gnädiges Fräulein,“ erwiederte aber Berthus
mit einer tiefen Verbeugung, „und sehr ehrenvoll, -- Sie werden das
morgende Fest verherrlichen. Aber wo ist Ihr Schwiegerpapa, Berger? er
wird uns wieder mit dem Essen warten lassen.“
Der Assessor fühlte, daß er Elisabeth Luft geben mußte, wenn sie sich
nicht verrathen sollte, und hatte damit das richtige Kapitel getroffen.
„Dein Papa läßt uns wirklich wieder warten, liebe Klara,“ sagte er; „er
hat den Kopf so voll von abstrakten Dingen, daß er uns arme Sterbliche
immer darüber vergißt.“
„Er wird gewiß gleich kommen, Ferdinand,“ bat Klara mit einem
ängstlichen Blick auf ihren Bräutigam, -- „er bekam heute Morgen noch
so viel zu thun.“
„Hat auch noch gar Nichts versäumt,“ sagte die Frau Professorin, „sie
sind doch noch nicht mit der Suppe fertig, und ehe angerichtet wird,
kommt er schon.“
Das Gespräch wurde jetzt allgemein. Berthus unterhielt sich besonders
mit dem Professor über den letzten politischen Leitartikel in der
Kölnischen Zeitung, und Berger war mit Klara in eine Fensternische
getreten und das junge Mädchen flüsterte leise und bittend ihm zu.
Endlich kam der Medizinalrath, -- Rosa hatte schon auf der Warte
gestanden, um ihn gleich anzumelden, und in dem Augenblick zeigte auch
die Frau Professorin an, daß die Suppe servirt sei.
Jetzt begannen die gewöhnlichen Höflichkeitsformeln. Berthus bot artig
der Frau Professorin den Arm. Berger führte Elisabeth, der Professor
Klara, und der Medizinalrath kam eben zu spät, um Fräulein Rosa noch
zur Tafel zu geleiten.
Elftes Kapitel.
Die Entscheidung.
Die Frau Professorin hatte übrigens die Plätze bestimmt, und so kam
Klara nicht neben ihren Bräutigam, sondern zwischen Berthus und den
Justizrath zu sitzen, Berger dagegen zwischen Rosa und Elisabeth, sie
selber aber zwischen den Justiz- und Medizinalrath, und das Gespräch
wollte im Anfang nicht recht fließen. Berger, sonst die Seele einer
solchen Gesellschaft, war einsylbig, -- hatte ihn der so plötzliche und
unerwartete Besuch aus Hoßburg beunruhigt? -- er unterhielt sich nur
wenig mit seinen Nachbarinnen, und gab selbst auf einzelne von Rosa’s
Fragen zerstreute Antworten, Berthus dagegen brachte Alles wieder in
das alte Geleise, und mit einem ganz unerschöpflichen Humor nicht
allein seine beiden Nachbarinnen zum Lachen, sondern bald auch Leben in
den ganzen kleinen Kreis.
Der Justizrath konnte am wenigsten von Allen in Gang kommen, denn
der verzweifelte Assessor hatte ihm jede nähere Auskunft verweigert,
und er befand sich in einer etwa der ähnlichen angenehmen Aufregung,
wie Jemand, der auf einer mit einer angezündeten Lunte versehenen
Pulvertonne sitzt und nun nicht genau weiß, wann die Geschichte platzt.
Das machte ihn auch entsetzlich einsylbig gegen die an seiner Rechten
sitzende Braut, denn er wußte nicht allein nicht über was in aller
Welt er sich mit ihr unterhalten sollte, sondern fürchtete auch noch
außerdem jeden Augenblick, daß er sich verrathen und sie vor der Zeit
alarmiren würde.
Berger war das nicht entgangen; sein Blick flog wenigstens, -- wenn
auch im Gespräch mit einer seiner Nachbarinnen oder den Scherzen des
‚kleinen Professors‘ lauschend, immer dann und wann zu Elisabeth’s
Vater hinüber, und ein paarmal wandte er seinen Blick unwillkürlich der
Thür zu, als er sah, wie dessen Auge unruhig dort hinüberflog, als ob
er noch Jemanden erwarte.
Berthus hatte das ebenfalls bemerkt, da aber Klara zwischen ihm und
dem Justizrath saß, sah er sich nicht im Stande, diesem ein Zeichen zu
geben, und mußte der Sache eben ihren Lauf lassen. -- Es lag überhaupt
‚der Schatten nahender Ereignisse‘ auf der ganzen kleinen Gesellschaft,
denn auch Professor Perler und seine Frau fühlten sich gedrückt, und
Elisabeth mußte sich Gewalt anthun, um nur ihre Aufregung zu verbergen.
Berthus allein schien von alle dem Nichts zu empfinden und wußte mit
einer Gewandtheit die übrigen Tischgenossen bald an der, bald an jener
Seite der Tafel in das Gespräch mit hinein zu ziehen, die Nichts zu
wünschen übrig ließ.