mich. An demselben Tag -- doch Du warst ja dabei, wie er erklärte, nie
in Hoßburg gewesen zu sein.“
„Allerdings -- und dann kann er hier auch kein Verbrechen verübt haben
-- selbst wenn er dessen fähig wäre, was ich noch sehr bezweifle --“
„An demselben Tag,“ fuhr Elisabeth fort, „an welchem der Mord verübt
worden, ja kurz nach der Zeit selbst, bin ich Herrn von Berger auf der
Promenade hier begegnet.“
„Hast Du ihn denn früher gekannt?“
„Nein -- er fiel uns damals -- mir wenigstens -- auf, da er sehr
anständig gekleidet, aber sein Beinkleid am Knie zerrissen war, was
er gar nicht bemerkt haben konnte. Er trug ein in Papier geschlagenes
Paket unter dem Arm, beides auffällig für einen anständig gekleideten
Herrn. Gleich darauf nahm er eine Droschke und ich sah ihn erst in Bonn
wieder.“
„Und erkanntest ihn nach so flüchtigem Begegnen? Liebes Kind, kann das
nicht ein Irrthum gewesen sein? Der Beweis ist allerdings zu schwach,
um auch nur einen Verdacht darauf zu gründen.“
„Er läugnete, daß er je in Hoßburg gewesen.“
„Könntest Du beschwören, daß er es war?“
„-- -- Ich glaube, ja,“ sagte Elisabeth nach einigem Zögern, „aber höre
weiter -- er läugnete nicht allein, sondern er erschrak auch, als ich
ihm sagte, ich erriethe seine Gedanken. Er hatte sich zufällig sein
Beinkleid am Knie gerade so zerrissen, wie an jenem Morgen, und ich
rieth das auf’s Gerathewohl.“
„Er erschrak?“
„Klara sowohl wie ich hatte es bemerkt, aber damals weiter nicht
beachtet. Doch mehr noch als das: der kleine Pello, der Hund der alten
Dame, hat dem Mörder ‚ein Loch in’s Bein gebissen‘, wie Jeanette
sagt -- das war das Einzige, was ich aus ihr herausbringen konnte --
jedenfalls nur in das Beinkleid, denn die Kleine fiel selber darauf,
als ich mir gestern mein Kleid am Koffer zerriß.“
„Und weil zwei Menschen das Nämliche passirt ist, soll der Zweite das
Verbrechen des Ersten verübt haben?“
„Höre mich weiter. Zu den Akten sind zwei Briefe eines Mannes geheftet,
der wunderbarer Weise denselben Namen führt: Berger. Er ersucht darin
seine Cousine um eine Unterstützung.“
„Berger? -- Berger? -- Ja, wahrhaftig, Du hast Recht -- jetzt erinnere
ich mich -- aber ob das derselbe ist? Der Name kömmt doch gar zu häufig
vor. Eine Menge Menschen tragen ihn.“
„Der Vorname stimmt -- wenigstens das F., mit denen sie gezeichnet
sind. Herr von Berger in Bonn heißt Ferdinand.“
„Hm -- hm -- und die Handschrift?“
„Das weiß ich nicht. Klara muß mir einen von seinen Briefen schicken.“
„Und was bewiese das Alles, wenn wir nicht konstatiren können, daß er
an jenem Tage wirklich hier gewesen ist?“
„Er hat seine Cousine um Geld gebeten, also war er arm, jetzt ist er
reich.“
Der Justizrath schüttelte noch immer mit dem Kopf. „Er hat sich durch
Spekulationen in Paris viel Geld verdient, wie mich Freund Perler
versichert.“
„Er verkauft Diamanten,“ fuhr Elisabeth fort; „unter den Steinen aber,
die er besitzt, sind ein paar unechte, und der Juwelier, der hier den
Schmuck des alten Stiftsfräulein in Händen gehabt, sagt -- nach den
Akten -- aus -- daß einige unechte Steine dabei gewesen wären.“
„Aber um Gottes Willen, woher weißt Du das Alles?“ rief der Justizrath
wirklich erstaunt aus.
„Nach jenem Abend,“ fuhr Elisabeth fort, ohne die Frage gleich zu
beantworten, „war er verschwunden -- ich habe ihn nicht wieder gesehen
und muß gestehen, daß mir das auffiel. Geschäfte? Es ist das ein
gefälliges Wort, und leicht vorgeschützt, aber damals, mit keiner
Ahnung eines solchen Verdachts, grübelte auch ich nicht weiter darüber
nach. Er ist jetzt nach Paris und Brüssel, wer weiß, ob er je nach
Deutschland zurückkehrt.“
„Und weiß er, daß wir in dem nämlichen Hause wohnen, in dem der Mord
verübt ist?“
„Nein -- wenn er überhaupt von dem Mord Kenntniß hat,“ sagte das junge
Mädchen.
Der Justizrath war aufgestanden und ging, die linke Hand auf dem
Rücken, in der rechten die Pfeife haltend, mit raschen Schritten in
seinem Zimmer auf und ab.
„Das ist eine sehr -- sehr merkwürdige Geschichte,“ murmelte er
zwischen den Zähnen durch, „sehr merkwürdig --“
„Aber, Papa, hast Du mir nicht gesagt, daß der Zufall manchmal --“
„Ach, ich rede nicht davon,“ sagte der Vater, „merkwürdigere Dinge sind
schon vorgefallen, aber daß alle unsere Gerichte vergebens nach einer
Spur gesucht haben, und daß da ein junges, unerfahrenes Mädchen -- sehr
merkwürdige Geschichte das -- sehr merkwürdig in der That.“
„Und was willst Du jetzt thun, Papa?“
„Ja, mein Kind, das ist sehr leicht gefragt, aber schwer beantwortet,“
sagte der Justizrath, indem er vor ihr stehen blieb, „was willst Du
thun? -- was kann ich thun, ehe wir nicht die wirkliche Identität
zwischen den Beiden festgestellt haben?“
„Ich schreibe heute Morgen an Klara und lasse mir einen Brief von ihrem
Bräutigam schicken.“
„Unter welchem Vorwand?“
„Ich bin Autographensammler.“
„Hm -- hm,“ sagte der Justizrath und setzte seinen Spaziergang fort,
„man liest jetzt so viel, daß das weibliche Geschlecht nicht allein
beim Telegraphenwesen, sondern auch in den Druckereien verwandt werden
solle -- hm -- hm -- denke fast, daß es im Justizfach auch manchmal mit
Nutzen anzustellen wäre.“
„Und was willst Du jetzt thun, Papa?“
„Laß mir Zeit zum Ueberlegen, Schatz, -- alle Wetter, Mädel, die Justiz
ist nicht darauf eingerichtet, daß sie Hals über Kopf einen Beschluß
faßt, und das hier ist außerdem ein Casus, wo mit äußerster Vorsicht
zu Werke gegangen sein will, denn im ungünstigen Fall kompromittire
ich nicht allein eine anständige und mir befreundete Familie, sondern
mich selber dazu -- Berger -- Berger -- in der That, es ist merkwürdig,
der Name stimmt in der That, und manches Andere würde vielleicht auch
stimmen, aber -- es ist ja doch gar nicht möglich, und Freund Paßwitz
-- hm, hm, hm -- Jedenfalls müssen wir vorher wissen, ob jener Berger
aus Bonn und der, welcher sich um Geld an das alte Stiftsfräulein
gewandt hat, ein und dieselbe Person sind -- nachher läßt sich ein
Vorgehen entschuldigen, ja ist vielleicht geboten. Willst Du also
schreiben?“
„Gleich heute, Papa -- noch in dieser Stunde, denn wenn sich der
furchtbare Verdacht bestätigt, so ist allerdings kein Tag Zeit zu
verlieren, um Klara vor einem furchtbaren Schicksal zu bewahren.“
Der Justizrath schüttelte noch immer mit dem Kopf. Die ganze Sache kam
ihm so entsetzlich unwahrscheinlich vor, daß er sich noch nicht damit
befreunden konnte, und trotzdem hatten die einzelnen Verdachtsgründe
doch auch wieder gerade in ihrer Zusammenstellung einen gewissen Halt,
den er als Kriminalist unmöglich unbeachtet lassen konnte. Keinesfalls
war ein entscheidender Schritt eher zu unternehmen, ehe nicht die
Handschrift jenes Berger eingetroffen.
„Gut, mein Kind,“ sagte er nach einer längern Pause des Nachdenkens,
in der er den Dampf seiner Pfeife in wahren Wolken von sich blies,
„schreib -- schreib umgehend, und dann wollen wir das Weitere berathen.
Das versprich mir aber, Herz, sobald Du geschrieben und den Brief
fortgeschickt hast, legst Du Dich zu Bette und schläfst mir, bis zum
Mittagessen gerufen wird -- wie?“
„Ich verspreche es Dir, Papa,“ sagte Elisabeth, küßte den Vater und
verließ dann das Zimmer; der Justizrath aber schob all’ die anderen,
für nothwendig gehaltenen Arbeiten bei Seite, und nahm die Akten jenes
geheimnißvollen Raubmords wieder vor, die er von Anfang bis Ende noch
einmal aufmerksam, und ohne sich dabei von irgend Jemanden stören zu
lassen, durchstudirte.
Neuntes Kapitel.
Vergebliche Nachforschungen.
Vier Tage vergingen so, ohne daß in der Sache ein weiterer Schritt
gethan gewesen wäre. Das Gericht hatte sie allerdings noch nicht
aufgegeben, und alle Beamten waren instruirt worden, mit äußerster
Aufmerksamkeit jeder nur irgend verdächtigen Spur zu folgen, aber ein
Resultat wurde dadurch nicht erzielt, und man hoffte es auch kaum mehr.
Daß sich der wirkliche Thäter nicht lange nach dem verübten Verbrechen
in Hoßburg aufgehalten hatte, ließ sich denken, und wer konnte sagen
wohin -- ja nur nach welcher Richtung er sich von da gewandt?
Der Justizrath war heute Morgen in einer Sitzung gewesen -- als er nach
Hause kam, erwartete ihn Elisabeth schon in fieberhafter Ungeduld an
der Treppe.
„Bitte, Papa, nur ein Wort.“
„Hast Du Antwort bekommen?“
„Ja --“
„Und ein Autograph?“
„Ebenfalls, aber die Zeit drängt; auf heute in acht Tagen ist die
Trauung angesetzt.“
„Alle Wetter, der junge Herr scheint Eile zu haben. Kann ich den Brief
sehen?“
„Hast Du die Akten noch im Hause?“
„Komm’ mit auf mein Zimmer; dort wollen wir die Handschrift
vergleichen,“ sagte der Vater. „Es wäre doch in der That merkwürdig,
wenn Du Recht hättest.“
Die Akten lagen noch auf seinem Schreibtisch, und die beiden
angehefteten Briefe aufschlagend, streckte er die Hand nach dem
erwarteten Schreiben aus. -- Elisabeth hielt es noch zurück.
„Beantworte mir erst eine Frage, Vater.“
„Was, mein Kind?“
„Welche Strafe wird der Verbrecher erhalten -- wenn er schuldig ist?“
sagte das Mädchen mit leiser, kaum hörbarer Stimme.
„Welche Strafe? Ei, mein Kind,“ sagte der Justizrath, „das hängt
ganz von dem Ergebniß der Untersuchung ab. Stellt sich die That --
was allerdings schwer zu beweisen oder nachzuweisen ist -- als ein
vorbedachter Mord heraus, dann verdient er den Tod --“
„Großer Gott!“
„Ist das aber nicht der Fall, hat er bloß in der Erregung des
Augenblicks gehandelt, so ist es möglich, daß er mit lebenslänglicher
-- ja vielleicht nur zwanzigjähriger Zuchthausstrafe davonkommt.“
„Und ich, Vater,“ sagte das Mädchen in Todesangst, „ich soll dazu
helfen, eine so furchtbare Strafe über einen Menschen zu verhängen? --
Es wäre entsetzlich, und der Gedanke daran würde mich mein ganzes Leben
quälen und peinigen.“
„Ich sehe doch, daß Du noch nicht recht zum Justizbeamten paßst,
mein Kind,“ sagte der Vater, „und aus dem Grund ließen sich Frauen
vielleicht -- trotz ihrem sonstigen Scharfsinn -- nicht dazu verwenden.
Du möchtest einen Mörder -- wenn er wirklich ein solcher ist -- nicht
seiner Strafe überliefern, aber Deine Freundin seinen Armen?“
„Meine arme, arme Klara!“ rief Elisabeth, ihr Antlitz in den Händen
bergend.
„Komm’, gieb mir den Brief,“ sagte der Vater ruhig, „und das Andere
überlass’ vor der Hand mir. Ich werde Dich nicht mehr damit behelligen,
als unumgänglich nöthig ist. Vielleicht zeigt es sich ja auch, daß
dieser Berger, den wir kennen, mit der ganzen Sache gar Nichts zu thun
hat, und dann ist es um so mehr unsere Pflicht, einen so schweren,
jetzt auf ihm ruhenden Verdacht zu entfernen -- ist er aber schuldig,
dann hat er auch ein so schweres Verbrechen verübt, daß es Pflicht
jedes braven Menschen ist, ihn deßhalb zur Verantwortung zu ziehen --
ja die Selbsterhaltung zwingt uns dazu, denn wer von uns wäre sicher,
nicht in der eigenen Familie von solchen Buben angefallen und beraubt
oder ermordet zu werden, wenn die Vergeltung solcher That nicht auf dem
Fuße folgte? Also gieb mir den Brief, Schatz, denn wie Du selber sagst,
haben wir nicht mehr viel Zeit, um Deine Freundin Klara vor einem
vielleicht recht traurigen Schicksal zu bewahren.“
„Hier ist der Brief, Vater,“ sagte Elisabeth, während jeder
Blutstropfen ihr Antlitz verlassen hatte, „ich fühle, es muß sein --
thu’ Deine Pflicht.“
„Ich danke Dir, mein Kind!“ sagte der Justizrath, und verglich schon,
noch während er sprach, die beiden Schriftstücke miteinander -- aber
ein Verkennen war nicht möglich -- die steil stehenden Buchstaben
beider rührten unzweifelhaft von einer und derselben Hand her. --
Jener Berger in Bonn war der nämliche, der an das alte Stiftsfräulein
geschrieben und sie „Cousine“ genannt hatte, und mußte damals außerdem
in sehr großer Geldverlegenheit gewesen sein, denn seine beiden
vorgefundenen Briefe lauteten dringend und waren voll Betheuerungen,
daß es das letzte Mal sein solle, wo er sie um Unterstützung angehe, da
er Aussichten habe, sich eine feste und bleibende Existenz zu gründen.
Ganz anders klang freilich dieser, nur sieben Monate ältere Brief, der
der Geliebten in jugendlichem Uebermuth die glänzenden, glücklichen
Tage schilderte, die sie jetzt bald, recht bald zusammen und Seite an
Seite verleben wollten.
Der Justizrath legte das neue Blatt schweigend zu den Akten.
„Und was schreibt Dir Klara?“
„Der Brief ist nur kurz, Papa,“ sagte Elisabeth, während sie denselben
entfaltete und las:
„Meine liebe, liebe Lily!
„Ich bin jetzt glücklich -- recht glücklich. Seit Ferdinand
zurückgekehrt ist, scheint er ganz verändert -- meine Befürchtungen
waren ungegründet -- Bella hat Recht -- er liebt mich wirklich. --
Wie danke ich Dir, daß Du so Theil an mir nimmst, und Dich besonders
für Ferdinand so sehr interessirst -- Du sollst auch einen seiner
süßesten Briefe erhalten -- erfahren darf er es freilich nicht, daß
ich ihn Dir geschickt habe, er würde sonst vielleicht böse darüber
werden -- er kann ja aber nicht wissen, wie lieb ich Dich habe. Unsere
Verbindung ist jetzt auf morgen in acht Tagen festgesetzt, und unsere
Hochzeitsreise machen wir -- rathe, wohin? Du riethest es nicht, und
wenn ich Dir ein Jahr Zeit dazu ließe -- denke Dir, nach Westindien.
Er ist aber excentrisch in Allem, was er thut -- eine gewöhnliche Reise
nach Frankreich oder Italien genügt ihm nicht, und da er in Westindien
Geschäftsverbindungen hat, will er das gleich benutzen, um alte
Bekanntschaften zu erneuen und neue anzuknüpfen. Bella wird in der Zeit
Papa die Wirthschaft führen, bis wir nach Bonn zurückkehren. Aber heute
kann ich Dir nicht mehr schreiben -- Ferdinand ist erst seit gestern
Abend wieder hier eingetroffen und ich erwarte ihn jeden Augenblick --
wenn er kommt, habe ich nachher natürlich keine Zeit mehr.
„Empfiehl mich Deinem Papa, küsse mein herziges Käthchen und behalte
lieb wie immer
Deine glückliche Klara.“
„Arme -- arme unglückliche Klara.“
„Also nach Westindien will der junge Herr die Hochzeitsreise machen,“
sagte der Justizrath, dabei mit dem Kopfe nickend, „das wäre allerdings
ein äußerst bequemer Platz, um von da ab im Nothfall jede Spur zu
verwischen. Lily, Lily, ich fange immer mehr an zu glauben, daß Dein
Verdacht ein begründeter gewesen -- aber geh’ jetzt auf Dein Zimmer,
Kind -- überlass’ mir das Weitere. Ich weiß nun, wie sehr die Zeit
drängt, und will Nichts versäumen, um sowohl einem möglichen Unglück
zu begegnen, als auch das Geheimniß bis zum entscheidenden Augenblick
zu wahren, falls jener Berger doch noch, wider alles Erwarten,
unschuldig und der ganzen Sache fremd sein sollte.“
Das waren jetzt zwei schwere Tage im Hause, die nächsten beiden, und
Käthchen wußte nicht, was sie vom Vater und besonders von der Schwester
denken sollte. War Elisabeth krank geworden? -- Bleich und elend
genug sah sie aus, aber sie verrichtete ihre gewohnte Arbeit nach wie
vor, nur auf die drängenden Fragen der Schwester gab sie ausweichende
Antworten -- Käthchen war noch so jung, so fröhlich -- weßhalb sollte
sie auch ihren Frieden stören, ihrem theilnehmenden Herzen einen
solchen Kummer aufbürden -- und doch würde sie selber es viel leichter
getragen haben, wenn sie die Last hätte mit einer andern Brust theilen
können.
Der Justizrath dagegen, während Elisabeth still vor sich hin brütete,
schien von einer ganz ungewohnten Thätigkeit belebt und selbst beim
Essen, wo er sich sonst ganz und ausschließlich seiner kleinen Familie
widmete, so zerstreut, daß er von Käthchen an ihn gestellte Fragen
entweder gar nicht oder ganz verkehrt beantwortete. Der Fall war in
der That auch wichtig genug, um seine Aufmerksamkeit vollständig in
Anspruch zu nehmen; aber selbst mit Elisabeth sprach er kein Wort
weiter darüber. Nur einmal ließ er sich von ihr all’ die Einzelnheiten
aus Bonn ausführlich erzählen und betrieb dann seine Nachforschungen
theils durch den Telegraphen, theils in der Stadt mit einem bei der
Justiz sonst ganz ungewohnten Eifer.
Selbst mit der kleinen Jeanette wollte er in Gegenwart der Mutter
einen neuen Versuch anstellen, um etwas aus dem Kind herauszubekommen.
Das aber zeigte sich als vollständig erfolglos, denn die Kleine hatte
ihre Furcht noch lange nicht überwunden und fing wieder heftig an zu
weinen, als nur der „böse Mann“ erwähnt wurde. Es mußte aufgegeben
werden. Längere Konferenzen hatte der Justizrath aber dagegen mit der
Modehändlerin, Madame Belchamp.
Am Morgen des dritten Tages kam der Justizrath ungewöhnlich früh vom
Kriminalamt zurück und schien in nicht geringer Aufregung. Selbst
Käthchen, die ihm an der Treppe begegnete, bemerkte es.
„Ist etwas vorgefallen, Papa?“ frug sie, „Du siehst so erhitzt aus!“
„Nichts, mein Kind -- nichts was Dich stören könnte,“ sagte aber der
Vater, sie auf die Stirn küssend. „Ist Elisabeth zu Haus?“
„Mit Lily?“ frug Käthchen erschreckt.
„Nein, auch nicht mit Lily,“ lächelte der Justizrath, „sei ohne Sorgen
-- nur Amtsgeschäfte. Ist sie daheim?“
„Ja, Papa.“
„Bitte sie doch einmal, zu mir auf mein Zimmer zu kommen.“
„In Amtsgeschäften, Papa?“
„Nein, Du kleiner Naseweis, wenn Du auch nicht Alles zu wissen
brauchst.“
Der Justizrath hatte in seiner Stube noch nicht einmal seinen Hut und
Stock abgelegt, als Elisabeth schon auf der Schwelle stand.
„Du hast mich zu sprechen verlangt, Papa?“
„Ja, mein Kind,“ sagte der Vater, seine Sachen ablegend, „bitte, mach’
die Thür zu.“
„Ist etwas vorgefallen?“
„Ja, allerdings!“ rief der Justizrath erregt, „denke Dir, wir haben den
wirklichen Mörder des Stiftsfräulein.“
„Den wirklichen Mörder?“
„Einen von jenen Handwerksburschen, der an dem Tage im Haus gesehen
worden -- aber nicht den schielenden.“
„Und hat er gestanden?“
„Gestanden noch nicht,“ sagte der Justizrath, „ja, so geschwind geht
das nicht, mein liebes Kind, denn derlei Burschen gestehen nicht so
leicht etwas ein; aber es ist erwiesen, daß er in jener Zeit hier in
Hoßburg war, und man hat ihn ertappt, wie er alberner Weise einen
Brillantring verkaufen wollte, den der Juwelier bestätigt, unter dem
früheren Schmuck des Stiftsfräulein gesehen zu haben, während der
Mensch behauptet, er hätte ihn in irgend einem Hause in der Stadt -- in
welchem kann er nicht einmal mehr angeben -- auf dem Hausflur gefunden.
Er will sich indessen im Preußischen aufgehalten haben und sei jetzt,
da er hier heimatsgehörig ist, nach Hoßburg zurückgekehrt und durch
Geldverlegenheit gezwungen gewesen, den Ring zu verkaufen. Zufälliger
Weise bot er ihn unserem Juwelier an, der augenblicklich die Anzeige
machte und den Menschen in Haft brachte.“
„Und wenn er den Ring wirklich gefunden hätte?“
„Das ist doch ein wenig zu unwahrscheinlich,“ sagte der Justizrath,
„übrigens hat er schon gestanden, daß er damals in Hoßburg mit einem
Kameraden fechten gegangen sei, -- das sind also jedenfalls die beiden
Handwerksbursche, die unser Mädchen damals im Hause gesehen hat.“
„Und ist die Jette schon mit ihm zusammengebracht?“
„Vor einer Stunde war sie oben; ich wollte erst sicher in der Sache
sein, ehe ich Dich beunruhigte, und hatte sie deßhalb auf das
Kriminalamt bestellt, mir meine Dose hinaufzubringen. Ich habe sie mit
dem Menschen konfrontirt, aber sie erklärt freilich, nicht auf ihn
schwören zu können. Das ist auch natürlich, denn so genau wird sie ihn
sich nicht angesehen haben, thut übrigens auch Nichts zur Sache.“
„Und wenn sich später herausstellen sollte, daß der Handwerksbursche
wirklich unschuldig an dem Verbrechen ist?“
„Du glaubst fest an Herrn von Berger’s Schuld?“
„O, Vater, mißversteh’ mich nicht!“ rief Elisabeth erschreckt, „Gott
weiß es, wie heiß ich schon zu ihm gebetet habe, daß jener Mann
rein und schuldlos aus dem Verdachte hervorgehe, aber -- die Zeit
verstreicht -- und wenn es doch nicht wäre -- und Klara dann --“
„Es ist und bleibt eine verfluchte Geschichte,“ sagte der Justizrath,
sich verlegen hinter dem Ohr kratzend. „Du hast Recht, -- in einem
gewöhnlichen Fall könnte man der Sache ruhig ihren Lauf lassen, ist der
Gefangene aber wirklich nicht schuldig, und haben wir den Andern nach
Westindien und von da irgend wohin auf den amerikanischen Kontinent
entwischen lassen, so machte ich mir selber die bittersten Vorwürfe
darüber mein Lebenlang.“
„Und Klara --“
„Ja Klara, Kind; aber was kann ich thun? auf einen noch ganz
unbestimmten Verdacht hin, der sich in der That auf nichts Reelles
weiter basirt, als die Aehnlichkeit der Handschrift und auch in der
nicht den geringsten Beweis für einen Mord giebt, Freund Paßwitz warnen
und das ganze Haus in Schrecken setzen?“
„Wenn man ihn nun bäte, die Verbindung aufzuschieben?“
„Dann muß ich ihm doch einen Grund angeben, weßhalb,“ rief der
Justizrath. „Nein, das geht auf keinen Fall, und ich sehe schon, ich
muß selber wieder nach Bonn.“
„Ach, wenn ich mit und an Klara’s Seite sein könnte,“ sagte leise
Elisabeth.
„Nun, wir wollen sehen, wie sich noch Alles macht,“ nickte der
Justizrath vor sich hin. „Gott sei Dank, wir haben doch wenigstens noch
ein paar Tage Luft und vielleicht bringen wir bis dahin den Gefangenen
auch zum Geständniß. Assessor Berthus hat ihn in Händen und wird ihn
schon mürbe machen, den verfluchten Kerl. Ergiebt sich dann aus der
Untersuchung ein Resultat, so war unsere ganze Angst unnütz.“
Damit war das Gespräch für jetzt abgebrochen, und der Justizrath mußte
gleich darauf wieder auf das Amt, hatte sich aber insofern in dem
Gefangenen geirrt, als dieser hartnäckig bei seinem Läugnen blieb.
Der Ring, das gestand er ein, war nicht sein rechtmäßiges Eigenthum;
er hatte ihn gefunden und nicht der Polizei angezeigt, -- noch dazu in
einem Haus gefunden, wo der wirkliche Eigenthümer leicht zu ermitteln
gewesen wäre, und darin mochte er gesündigt haben, -- in weiter
Nichts. Er wollte auch das Haus nicht einmal mehr kennen; als man ihn
aber, mit Bedeckung natürlich, in den Hausflur führte, auf dem das
Stiftsfräulein früher gewohnt, erinnerte er sich ohne Weiteres daran,
daß es hier -- oder doch wenigstens in einer ganz ähnlichen Hausflur
gewesen sei. Da -- gerade dort, auf einem kleinen Absatz, der von der
Flur mit zwei Stufen nach der links befindlichen Thür führte, hatte der
Ring gelegen. Der Handwerksbursche erzählte dabei, er habe dort an dem
nämlichen Griff geklingelt, aber Niemand hätte geantwortet, auch auf
sein zweites Anläuten nicht, und während er so an der Thür gewartet,
sei sein Blick auf den funkelnden Stein gefallen, den er aufgehoben und
sich dann entfernt habe.
Dabei blieb er, -- von weiter wollte er Nichts wissen und betheuerte,
auf das Kriminalamt zurückgeführt, wieder und wieder, daß er jenen
inneren Raum nie betreten, eine alte Dame nie gesehen, auch Niemanden
darin gehört habe. Es sei Alles todtenstill dort gewesen, und er
endlich wieder fortgegangen.
„Und warum er nicht eine oder zwei Treppen höher gestiegen wäre, da er
doch des Fechtens wegen in das Haus gekommen? -- ja nicht einmal auf
der anderen Seite bei der Modewaarenhändlerin angeläutet habe?“
„Er hätte gefürchtet,“ sagte der Handwerksbursche, „des unglücklichen
Ringes wegen gefragt zu werden, und deßhalb seinem Kameraden draußen
auch gesagt, es würde in dem Hause Nichts gegeben.“
„Und wo der Andere jetzt sei?“
„Das wisse er nicht.“
„Und wie er hieße?“
„Das könne er auch nicht sagen; er habe ihn nur ‚Bruder Breslauer‘
genannt, da er aus Breslau stamme, -- er sei Gürtler gewesen, wie er
selber.“
Der Justizrath kam nach dieser zweiten Untersuchung wieder, den Kopf
voller Zweifel und Bedenken, nach Hause. Die Gegenstände, die der
Handwerksbursche bei sich führte, waren so unverfänglicher Art und so
ärmlich, daß daraus keinenfalls hervorging, er habe vor kurzer Zeit
einen beträchtlichen Raub ausgeführt. Der Ring machte ihn allerdings
verdächtig, aber konnte den der eigentliche Thäter nicht wirklich vor
der Thür verloren haben? Die Möglichkeit ließ sich keinenfalls läugnen.
Der Herbergsvater, wo jener Handwerksbursche damals übernachtet hatte,
sollte noch befragt werden, ob er in jener Zeit mehr als gewöhnlich
Geld verausgabt, war aber schon seit gestern unglücklicher Weise über
Land, und wurde erst heute Abend oder morgen früh zurückerwartet.