„Klara kannte ihn fast noch gar nicht, er war nur ein paar Mal, von
irgend Jemand -- ich weiß nicht von wem -- an ihren Vater empfohlen, in
ihrem Hause gewesen, hatte aber viel mit dem Vater verkehrt und diesen
auch einmal bewogen, ihn mit der Tochter auf seinem Gut zu besuchen --
es liegt ein Stück den Rhein hinauf, irgendwo da hinter Godesberg --
und von dem Augenblick an schien die Sache zwischen ihm und Klara’s
Papa abgemacht zu sein, ohne daß Klara -- doch als die Hauptperson --
nur besonders darum gefragt worden wäre.“
„Und liebt sie ihn denn nicht?“ frug Käthchen rasch.
„Ja,“ meinte Rosa, sehr altklug die Achseln zuckend, „das ist eine
Sache, hinter die ich selber noch nicht recht kommen kann. Manchmal
scheint es mir allerdings, als ob sie ganz mit der Verbindung
einverstanden wäre, und dann wieder sieht sie so unglücklich aus, als
ob ihr das Herz über irgend einem geheimen Gram brechen wolle. In der
Stadt sagt man auch allgemein, daß es nur eine gezwungene Heirath wäre,
zu der sie ihr Vater gedrängt hätte.“
„Aber er wird doch wahrlich seine Tochter nicht zu einer Heirath
zwingen wollen!“ rief Käthchen.
„Er wird sie gerade nicht zwingen,“ meinte Rosa, „aber ihr so lange
damit in den Ohren gelegen und von der guten Partie gesprochen haben,
bis sie ihn zuletzt heirathet, um nur Nichts mehr von der Sache zu
hören.“
„Das wäre auch eine eigene Manier, Jemanden los zu werden,“ lachte
Käthchen, „man heirathet ihn einfach.“
„Kennst Du den jungen Herrn näher, Rosa?“ frug Elisabeth.
„Näher? er war ein paar Mal mit Paßwitzens bei uns.“
„Und sind sie schon verlobt?“
„Auch daraus bin ich noch nicht recht klug geworden,“ meinte Rosa;
„in der Stadt heißt es allerdings so, Klara weicht aber allen Fragen
aus. So viel ist sicher, daß sie die Trauung noch eine Zeitlang
hinausgeschoben hat; denn wäre die schon bestimmt, so würde ich es
gewiß erfahren haben. Herr von Berger scheint allerdings nicht damit
einverstanden; wenn Klara aber einmal ihren kleinen Trotzkopf aufsetzt,
ist auch nicht viel mit ihr anzufangen.“
„Das wäre ein sonderbares Verhältniß,“ sagte Elisabeth kopfschüttelnd,
„wo sich die Braut vor der Trauung fürchtet und sie so lange als
möglich hinauszuschieben sucht.“
„Und ich weiß wirklich nicht recht weßhalb!“ rief Rosa; „denn Berger
ist in der That ein liebenswürdiger Mensch und, wenn er nicht gerade
seine ‚finstere Stunde‘ hat, wie wir es nennen, fast ausgelassen lustig
und dabei unerschöpflich in geselliger Unterhaltung. Wir haben einige
wirklich herrliche Abende in seiner Gesellschaft verlebt, und da hat er
sich so liebenswürdig gezeigt, daß ich ihm selber gut sein könnte.“
„Dann überläßt ihn Dir Klara vielleicht,“ lachte Käthchen, „und damit
wäre euch am Ende Beiden geholfen.“
„Aber Käthchen!“ rief Rosa vorwurfsvoll, „Du bist doch ein ausgelassen
Ding geworden.“
„Ach was,“ lachte Käthchen, „wunderbarere Sachen sind schon
vorgekommen. Ist er denn hübsch?“
„Sehr hübsch,“ sagte Rosa, die auf den Scherz der Freundin einging,
„und sehr reich dabei.“
„Also, was willst Du mehr?“ neckte Käthchen, „unter solchen Umständen
kannst Du Dich schon einmal für eine Freundin opfern.“
„Und von was unterhalten sich die jungen Damen?“ rief auf einmal die
fröhliche Stimme des Justizraths.
„Und von was sonst, als jungen Herren, Papa,“ lachte Käthchen, als
ihnen plötzlich der Vater mit dem Professor und seiner Gattin aus einem
der Seitengänge entgegen kam, und rief mit der kecken Antwort hohes
Roth auf die Wangen ihrer Schwester und Freundin.
„Ei ei ei ei,“ sagte der Professor; „aber so lange es die junge
Gesellschaft noch so frischweg eingesteht, hat es wohl nicht viel zu
sagen; wie, Rosa?“
„Nein, Papa, ich glaube auch nicht,“ lächelte das junge Mädchen, „wir
haben uns von Klara’s Bräutigam unterhalten.“
„Von dem jungen Berger -- ach ja, der ist ja vorhin mit eurem Dampfer
wieder nach Bonn gekommen. Er soll mit Paßwitz’ Tochter verlobt sein.“
„Paßwitz? wie geht es dem?“ rief der Justizrath.
„O gut,“ lächelte der Professor, „er ist noch immer der alte
Sonderling, aber in den letzten Jahren merkwürdig grau geworden.“
„Und führt ihm die alte Isabel noch die Wirthschaft?“
„Genau wie früher und tyrannisirt das ganze Haus -- wir wollen morgen
einmal hinüber gehen und sie besuchen. -- Heute wird aber Nichts mehr
vorgenommen, denn heute gehört ihr vollständig uns und nicht einen
Fingerbreit lassen wir euch aus -- nicht wahr, Alte?“
„Das versteht sich,“ nickte freundlich seine Frau dazu, „denn lange
genug haben wir uns auf die Zeit vergebens gefreut, wo uns der Herr
Justizrath einmal wieder die Ehre schenken würde.“
Dabei blieb es, den Justizrath drängte es auch gar nicht aus dem ihm
selber so lieben Kreise fort, und die kleine Gesellschaft verbrachte
den Abend froh und glücklich in den eigenen Räumen.
Am nächsten Tag wurden Besuche gemacht, und zwar zuerst die
Staatsvisiten, die den Besuchten gerade so langweilen wie den
Besuchenden und beiden Theilen unausstehlich sind, von denen sie sich
aber doch stets einreden, daß sie nun einmal „nöthig und schicklich“
wären und nicht umgangen werden könnten.
Der Justizrath machte von der Regel solcher gewissenhaften Menschen
keine Ausnahme. Um zwei Uhr sollte gegessen werden, und von halb elf
bis zwei Uhr quälte er sich denn auch, bei vierundzwanzig Grad Wärme
im Schatten, in einem unbequemen schwarzen Frack und eben solchen
Beinkleidern mit einem hohen Cylinderhut -- seinen leichten Strohhut
durfte er „anstandshalber“ nicht aufsetzen -- pflichtschuldigst
ab, um eine Anzahl ihm vollkommen gleichgültiger Menschen in ihren
eigenen Wohnungen zu besuchen. Dort wurde er dann in die „beste Stube“
geführt, um sich, während Frauen und Töchter der Heimgesuchten als
„noch nicht sichtbar“ in alle möglichen Seitengemächer schlüpften, eine
Viertelstunde lang über gar Nichts mit dem Hausherrn zu unterhalten und
von ihm beim Abschied die Versicherung zu hören, wie außerordentlich
angenehm es ihm gewesen sei, den Herrn Justizrath wieder einmal begrüßt
zu haben.
Dies beseitigt, stieg er die Treppe hinab, nahm unten aus seiner
Westentasche ein kleines Blättchen Pappe, auf dem die Namen der
verschiedenen Persönlichkeiten aufgezeichnet standen, und strich mit
einem, aus voller Brust herauf geholten „Gott sei Dank! wieder Einer“
den betreffenden „Abgemachten“ fort.
Zum Tode erschöpft, aber mit dem beseligenden Bewußtsein, seine Pflicht
erfüllt und sich dabei einen vortrefflichen Appetit geholt zu haben,
kehrte er endlich kurz vor zwei Uhr in des Professors Wohnung zurück.
„Nun? Alles abgemacht?“ rief ihm dieser lachend entgegen.
„Alles,“ nickte der Justizrath vergnügt; „drei habe ich Gott sei Dank
nicht zu Hause getroffen und nur meine Karte abgegeben. That mir leid,
aber ließ sich nicht ändern. -- Noch einmal hingehen kann ich nicht.“
„Du hast sie, Gott sei Dank, nicht zu Hause getroffen,“ schmunzelte der
Professor, „aber es thut Dir leid. Bist Du ein wunderlicher Mensch, und
weßhalb ludst Du Dir und Anderen eine solche Last auf? -- Die armen
Teufel müssen Dich jetzt auch wieder aufsuchen.“
„Ja, lieber guter Kuno,“ sagte der Justizrath, „das geht doch nun
einmal nicht anders -- die Form muß beobachtet werden, denn gerade die
Form hält unsere ganze menschliche Gesellschaft zusammen.“
„Ich habe Dich nie für einen solchen Formmenschen gehalten.“
„Wer kann’s ändern,“ sagte der Justizrath achselzuckend, „aber dafür
schmeckt mir jetzt das Essen auch desto besser, und heute Nachmittag
suchen wir die alten Freunde in aller Gemüthlichkeit auf.“
„Und ohne Glacéhandschuhe.“
„Ohne Glacéhandschuhe, das versteht sich,“ bestätigte der Justizrath,
„denn so lange ich Glacéhandschuhe an den Händen habe, bin ich nur
höflich, sowie ich sie ausziehe, werde ich herzlich und vergnügt.“
Und jetzt wurde zu Tisch gerufen, nach Tisch der Kaffee wieder in der
Laube getrunken, und dann beschloß die kleine Gesellschaft, gemeinsam
den Medizinalrath Paßwitz zu überfallen, der von der Anwesenheit des
Justizraths noch gar Nichts wissen konnte, und sich gewiß über das
Wiedersehen eines alten Studiengenossen außerordentlich freuen würde.
Es mochte vier Uhr sein, als der Professor vorschlug, ihren Besuch nun
abzustatten, da der Medizinalrath um Sechs regelmäßig, wie die Uhr
schlug, in sein Kasino ging, und die Zeit -- wenn ihn nicht Krankheit
an sein Lager fesselte -- nie versäumte. Nicht einmal durch eine
Gesellschaft ließ er sich davon abhalten, und die kleine Karawane brach
unverzüglich dahin auf.
„Herr Medizinalrath zu Hause?“ frug der Justizrath, der mit Elisabeth
eine kurze Strecke voraus war und an der verschlossenen Thür
geklingelt hatte. Ein alter Dienstbote öffnete, hielt sich aber nicht
lange mit Erkundigungen oder Antworten auf, sagte einfach „Nein“ und
schlug dem erstaunten Herrn die Thür wieder vor der Nase zu.
„Das ist ein hübscher Empfang,“ lachte der Justizrath, sich gegen den
jetzt herankommenden Freund wendend. „Viele Umstände machte die Alte
keinenfalls -- wir scheinen doch zu spät gekommen zu sein.“
„Gott bewahre,“ sagte der Professor, mit dem Kopf schüttelnd, „eher
ging die Sonne einmal aus Versehen im Westen auf, als daß Paßwitz um
diese Zeit nicht im eigenen Hause hinter einer Tasse Kaffee säße. Das
war nur eine Laune von dem alten Drachen, der der Besuch in diesem
Augenblick aus irgend welchen Gründen ungelegen kam, aber sie wußte
keinenfalls, daß ich dabei war, sonst hätte sie es doch wohl nicht
versucht. Ich werde sie noch einmal citiren“ -- und mit den Worten trat
er an die Klingel und zog so kräftig, daß das ganze Haus von den Tönen
der ziemlich großen Glocke wiederhallte.
Es dauerte nicht lange, so wurde die Thür -- und zwar dießmal ziemlich
heftig aufgerissen, und die Alte schien allerdings die Absicht gehabt
zu haben, unangenehm über die neue Störung zu werden; die Person
des Professors, den sie gut genug kannte, belehrte sie aber doch
eines Besseren, und wenn sich ihr runzliches Antlitz auch nicht in
freundlichere Falten zog, hielt sie doch die Thür offen und sagte nur
mürrisch: „Der Herr Medizinalrath haben Besuch -- wußte nicht, daß der
Herr Professor dabei war.“
„Schon gut, Fräulein Isabella,“ nickte ihr aber dieser zu -- „brauchen
uns auch nicht anzumelden; ich weiß schon selber den Weg. Apropos, wer
ist denn oben -- doch kein Kranker?“
„Der Herr Baron,“ lautete die kurze Antwort.
„So? -- Berger? -- desto besser -- und nun komm’, mein alter Freund,
jetzt wollen wir einmal den Bären in seiner eigenen Höhle überrumpeln,“
und ohne weiter Notiz von der alten Wirthschafterin zu nehmen, die
ihre friedliche Wohnung plötzlich von einem Schwarm geputzter Menschen
gestürmt sah, ohne die Macht zu haben, sie zurückzuweisen oder
abzusperren, stiegen sie die Treppe hinauf.
Der Professor hatte auch nicht zu viel versprochen -- er wußte, in
welcher Stube er den Freund zu suchen hatte, und als auf sein etwas
derbes und rasches Anklopfen ein erschrecktes „Herein“ antwortete, riß
er die Thür weit auf und führte lachend die kleine Armee in die Stube
hinein.
Der Medizinalrath saß in der That beim Kaffee. Es war ein kleines
hageres, etwas gedrücktes Männchen, dessen Kopf -- obgleich er selber
kaum fünfzig Jahre zählen mochte, schon eisgraue Haare spärlich
deckten; er hob sich auch etwas verlegen aus seinem Lehnstuhl, da er
sich plötzlich in seinem Schlafrock und Pantoffeln den fremden Damen,
die er nicht gleich erkannte, gegenüberfand. -- Was hatte denn nur die
sonst so aufmerksame Haushälterin heute gemacht, da sie doch nie Besuch
unangemeldet herein ließ?
„Heh! Medizinal- und Sanitätsrath!“ rief ihn aber der Professor
freundlich an, „kennst Du uns nicht mehr? wo hast Du denn Deine Brille,
Mann?“
„Ja, lieber Professor,“ stammelte der Ueberrumpelte, indem er seinen
Schlafrock warm zusammen nahm und die Damen noch immer unsicher
anstarrte. Da fiel sein Blick auf den Justizrath, und ihm die Hand
entgegenstreckend rief er herzlich und erfreut ihn bei seinem alten
Spitznamen auf der Universität -- „‚Raps!‘ Junge, wo kommst Du her? und
das -- das sind doch nicht...?“
„Meine Töchter, alter Schwede,“ lachte der Justizrath vergnügt, „nicht
wahr, die Mädel sind herangewachsen? Aber wo ist die Deine? -- ah,
Fräulein Klara -- nun das muß ich sagen,“ setzte er rasch hinzu,
„zurückgeblieben sind Sie auch nicht. Sie blühen wie eine junge Rose,“
und ohne weitere Umstände ging er auf sie zu, nahm ihren Kopf zwischen
die Hände und küßte sie auf die Stirn.
Jetzt erst bemerkte er den neben ihr stehenden jungen Herrn, der sich
mit ihr zugleich vom Stuhl gehoben hatte.
„Ein Freund unseres Hauses,“ stellte ihn der Medizinalrath vor, „Baron
Berger, der Bräutigam meiner Tochter, und das, lieber Berger, ein alter
Jugendfreund, Justizrath von Hochweiler aus Hoßburg.“
Die beiden Herren verneigten sich gegen einander.
„Und hier,“ fuhr der Professor fort, „da wir doch einmal im
Vorstellen sind, um die langweilige Geschichte gleich abzumachen,
Fräulein Elisabeth und Katharine von Hochweiler, besagten Justizraths
liebenswürdige Töchter -- so, jetzt kennen wir einander, und nun, ihr
Mädels, steht nicht da wie die Stöcke und fallt euch üblicher Maßen um
den Hals.“
„Das hast Du mit dem Herrn Justizrath auch gemacht, Papa,“ lachte Rosa.
„Ich bekenne mich schuldig,“ nickte der Vater, „also da sind wir,
Medizinalrath.“
„Herzlich -- herzlich erfreut,“ rief dieser, nochmals des Justizraths
Hand schüttelnd, „und nun alter Junge, wie geht’s -- jetzt erzähle; wir
haben uns ja, glaub’ ich, in einer wahren Ewigkeit nicht gesehen.“
Die jungen Mädchen hatten sich indessen schon rascher mit einander
verständigt und plauderten zusammen; Elisabeth aber bemerkte bald,
daß die Röthe, die Klara’s Gesicht überstrahlte, als sie ihr Vater
anredete, nicht ihrem Antlitz natürlich war und rasch wieder
verschwand. Sie sah eher bleich und angegriffen aus, und um ihre Lippen
lag ein recht weher, schmerzhafter Zug -- aber sie war freundlich und
lieb, und, wie wir das ja so oft im Leben haben, daß uns der erste
Anblick eines Menschen wohl thut, so fühlte sie sich gleich vom ersten
Moment ihrer Bekanntschaft hin zu der ernsten und sinnigen Elisabeth
gezogen, als ob sie schon seit vielen, vielen Jahren Freunde gewesen
wären.
Elisabeth theilte das Gefühl, das in solchen Fällen fast immer
gegenseitig ist, und doch war ihre Aufmerksamkeit in dieser ersten Zeit
mehr dem jungen Fremden, als der neuen Freundin zugewandt, der sich
auch rasch und leicht in ihr Gespräch mischte und die jungen Mädchen
bald zu fesseln wußte. -- Aber Stimme wie Ausdrucksweise desselben
blieben ihr vollkommen fremd, und doch fühlte sie sich von seinem
ganzen Wesen angezogen und mußte sich selber gestehen, lange Niemanden
getroffen zu haben, der sie so ganz in Anspruch nahm.
Berger zeigte sich auch in der That unendlich liebenswürdig; er war die
Aufmerksamkeit selber, und als der Vater endlich zum Aufbruch mahnte
-- denn sechs Uhr war herangekommen, und der Medizinalrath wurde schon
unruhig -- glaubten Alle, daß ihnen die Zeit noch nie im Leben so rasch
verflogen sei, als diese zwei kurzen Stunden.
Aber man wollte sich wieder sehen, und der Professor, der sich selber
in das Gespräch gemischt und Freude daran gefunden hatte, setzte dazu
den kürzesten Termin.
„Wie wäre es, meine jungen Herrschaften,“ sagte er, „wenn wir uns gar
nicht trennten, sondern heute Abend gleich zusammen blieben? Freund
Medizinalrath ist unzurechnungsfähig, der muß pflichtschuldigst in sein
langweiliges Kasino und L’hombre spielen, sonst wird er von seiner
Partie in den Bann gethan; uns Andere aber bindet kein solcher Zwang,
und wenn wir nun Alle zusammen heute Abend in unseren Garten gingen
und dort vergnügt eine Tasse Thee -- respektive ein Glas guten Wein
-- tränken, so glaube ich, daß wir uns noch vortrefflich amüsiren
könnten. Was sagen Sie, meine Damen?“
„Ach ja, Papa, das wäre zu herrlich,“ rief Rosa rasch und freudig --
„nicht wahr, Du gehst mit, Klara?“
„Und Herr von Berger begleitet uns vielleicht ebenfalls?“ setzte der
Professor hinzu.
„Sie sind außerordentlich liebenswürdig, verehrter Herr,“ entgegnete
der junge Mann, „und ich selber bin viel zu schwach, um einer solchen
Verlockung zu widerstehen -- vorausgesetzt natürlich, daß ich die Damen
in ihrer Unterhaltung nicht störe.“
„Sie können auch boshaft sein, nicht wahr?“ lachte Rosa, „als ob wir
so Wichtiges zu verhandeln hätten -- und dann gehen wir gleich, nicht
wahr, Papa?“
„Ja, Kinder,“ sagte der Medizinalrath etwas verlegen, „das ist Alles
recht schön und gut, und Klärchen -- aber die alte Bella ist dann
ganz...,“ er wollte nicht recht mit der Sprache heraus.
„Ganz allein?“ ergänzte der Professor lachend, „und Klärchen soll doch
nicht etwa der alten Person zur Gesellschaft zu Hause bleiben? -- das
wär’ der Mühe werth. Alter, Alter, laß mich Dich nicht auf einem faulen
Pferde erwischen. -- Und nun vorwärts, Kinder -- Donnerwetter, da
schlägt’s schon Sechs -- Medizinalrath -- mach’ daß Du in Dein Kasino
kommst, sonst mußt Du Strafe zahlen.“
Der kleine ängstliche Mann wagte in der That keinen weiteren Einwand,
und Klärchen, die rasch ihren leichten Shawl umgeworfen und ihren Hut
aufgesetzt hatte, war in wenigen Sekunden gerüstet.
Fünftes Kapitel.
Das Loch in der Hose.
Unten an der Thür begegnete die kleine Gesellschaft allerdings wieder
der alten Frau, die hier im Hause nicht allein die Wirthschaft, sondern
auch die Herrschaft zu führen schien. Mit eben nicht freundlichen
Blicken betrachtete diese den Professor, der triumphirend an ihr
vorüberschritt; Berger bog sich aber zu ihr über und flüsterte ihr
etwas in’s Ohr, wonach sie freundlicher wurde und ihm zunickte --
Elisabeth hatte das bemerkt -- dann traten sie hinaus in die sonnige
Straße und wanderten lachend und plaudernd dem Garten des Professors zu.
Rosa und Käthchen, beide fast in einem Alter, ein paar aufknospende
Rosen, vor denen die Welt in ihrem ersten wunderbaren Glanz geöffnet
lag, hatten auch noch keinen Schatten in dieser weiten Blumenau
entdeckt, Alles, was sie umgab, diente nur dazu, ihnen neue Freude zu
bereiten. -- Glückliche Jugendzeit, daß Du so rasch vergehen mußt, und
wenn geschwunden -- nie im Leben wiederkehrst!
Elisabeth wie Klara waren Beide um drei Jahr älter -- und deßhalb auch
ernster und ruhiger und hatten sich, wie schon gesagt, so gleich vom
ersten Augenblick zu einander hingezogen gefühlt, daß sie auch jetzt,
Arm in Arm, wie zwei alte Jugendfreundinnen, hinter den jüngeren
Mädchen herschritten, während ihnen der Justizrath mit dem Professor
und dem jungen Berger folgten.
So erreichten sie den Garten und wurden hier auf das Liebenswürdigste
von der Frau Professorin empfangen. Ihr wäre es auch am liebsten
gewesen, wenn sich die Gäste gleich wieder zum Essen und Trinken
niedergesetzt hätten, was aber von Allen auf das Entschiedenste
abgelehnt wurde. -- Kaffee war auch schon getrunken, aber sie ließ es
sich wenigstens nicht nehmen, Obst und Wein auf den Tisch in der Laube
zu stellen, daß sich davon nehmen konnte, wer eben Lust hatte.
Eine Stunde verging etwa so: die Herren hatten sich um den Wein
gesetzt, die Mädchen gingen plaudernd auf und ab, bis ein paar junge
Leute mit ihrer Schwester, einer Freundin Rosa’s, noch zum Besuch
herüber kamen. Jetzt ließ Käthchen keine Ruh’ mehr: es sollte ein
Gesellschaftsspiel arrangirt werden, denn das ewige Schwatzen war zu
langweilig.
Das junge Volk ging natürlich rasch darauf ein, und Berger zeigte
sich dabei so unerschöpflich im Anordnen neuer interessanter Spiele,
daß man sich, als der Aufenthalt im Garten zu kühl wurde, noch nicht
dazu entschließen konnte, auseinander zu gehen, sondern einstimmig
entschied, das Spiel oben im Zimmer fortzusetzen.
Vorher mußte allerdings erst etwas zu Abend gegessen werden, das ließ
sich die Frau Professorin nicht nehmen, wenn auch die Letztgekommenen
erklärten, das schon erledigt zu haben. Der Tisch wurde mit kalten
Speisen gedeckt, aber das junge Volk versäumte nicht viel Zeit damit.
Nachdem nur etwas verzehrt worden, um die Hausfrau zufrieden zu
stellen, halfen die jungen Damen selber mit Abräumen, daß die Tafel nur
rasch wieder bei Seite geschoben werden konnte, und jetzt begann das
Spiel von Neuem.
Natürlich war bunte Reihe gemacht worden, und Berger kam dabei zwischen
Elisabeth und Klara zu sitzen. Mehrere der früher gespielten Spiele
hatte man auch schon wieder durchgenommen, als Berger ein neues
vorschlug, das die muntere Schaar rasch aufgriff. Ja so ansteckend
schien ihre ausgelassene Fröhlichkeit zu sein, daß sich sogar die
Eltern mit dem Justizrath nicht länger davon ausschließen mochten und
unter dem Jubel des jungen Volkes mit Platz im Kreise nahmen.
Das neue Spiel hieß: „Gedanken errathen“, und Berger selber machte
den Anfang als „Rathender“. Vorher erklärte er natürlich der kleinen
Gesellschaft den Sinn des Spiels und verließ dann das Zimmer, um den
Zurückbleibenden Raum zu lassen, sich etwas auszudenken.
Jeder mußte ihm nämlich -- wenn er wieder hereingerufen wurde, drei
Worte nennen, die auf das, an was er gerade dachte, Bezug hatten, und
danach hatte er nachher zu rathen, womit sich die betreffende Person in
ihren Gedanken augenblicklich beschäftigte. Natürlich lag es dabei in
Jedes Interesse, die Worte so vieldeutig als möglich zu wählen, um den
Rathenden nicht zu rasch auf die richtige Spur zu bringen.
Rathen durfte er dreimal -- rieth er es dann nicht, so mußte er ein
Pfand geben, und damit der Gefragte (den man, im Fall seine Gedanken
wirklich getroffen wurden, ebenfalls um ein Pfand strafte) nicht
willkürlich leugnen konnte, hatte Jeder vorher der Gesellschaft
zu sagen, an welchen Gegenstand oder an welche Handlung er in dem
Augenblick denken wolle.
Das Spiel war außerordentlich amüsant, denn Berger kannte, außer den
drei erst hinzugekommenen Gästen, alle ziemlich genau. Mit vielem
Scharfsinn dabei begabt, wußte er so geschickt zu treffen -- nur
Elisabeth’s Aufgabe konnte er nicht lösen -- daß er fast rund herum
Pfänder einsammelte.
Wie er durch war, mußte geloost werden, wer jetzt hinaus solle, um das
Spiel von Neuem zu beginnen, und es traf dießmal Elisabeth, die in’s
Nebenzimmer ging, während die Anderen die Wahl ihrer Worte verabredeten.
Es dauerte dießmal ein wenig lange, denn daß Berger vorher Alles
sogleich errathen hatte, schien die kleine spottlustige Gesellschaft
empört zu haben, und man beschloß, dießmal vorsichtiger in der Stellung
der Worte zu sein.
„Darf ich hinein?“ hatte die ungeduldig werdende Elisabeth schon
dreimal gefragt, und immer tönte es „nein, noch nicht!“ zurück. Endlich
schien Jeder mit sich im Reinen, Berger half noch hie und da aus und
dann mit den Worten: „Jetzt können wir die arme junge Dame von ihrem
Posten erlösen“, sprang er zur Thür, um diese zu öffnen und Elisabeth
einzulassen.
Während er zur Seite fuhr, um ihr Raum zu geben, blieb er mit dem Knie
an einem der Stühle hängen und bekam einen wohl sechs Zoll langen Riß
in das Beinkleid. Rosa hatte es gesehen und rief bedauernd, indem sie
zu der Stelle trat: „Siehst Du, Papa, so lange habe ich gepredigt, daß
Du die altmodischen Stühle mit den Messingknöpfen abschaffen oder doch
neu überziehen solltest -- aber Gott bewahre, bis ein Unglück geschehen
ist.“
„Nun das Unglück ist dießmal nicht so groß, mein Fräulein,“ lachte
Berger, indem er aber doch etwas bestürzt den angerichteten Schaden
betrachtete.
„Richtig,“ rief Rosa, zu dem Stuhl niederknieend, „da hab’ ich’s. Der
eine Knopf von dem Nagel ist abgesprungen und der scharfe Stift steht
lang vor. -- Ich bin neulich am Sopha ganz ähnlich mit meinem Kleid
hängen geblieben.“
„Machen Sie sich deßhalb keine Sorge, mein Fräulein,“ rief aber Berger,
sein Taschentuch um das Knie schlingend, „die Wunde blutet nicht und
kann verbunden werden. Lassen Sie uns das Spiel nicht stören; sehen
Sie, der Schaden ist schon wieder ausgebessert. Bitte, mein gnädiges
Fräulein, fangen Sie an.“