Elisabeth hatte ganz vergessen, was sie sollte. Wie ein Schleier fiel

es von ihren Augen -- das war der nämliche Herr, den sie am ersten Mai

in Hoßburg auf der Promenade gesehen, und zwar mit einem ähnlichen

Uebel. Derselbe, der dann in eine Droschke gestiegen war und sein Tuch

über das Knie haltend, um den erlittenen Schaden zu verdecken, davon

fuhr. -- Wo hatte sie bis jetzt ihre Gedanken gehabt, daß ihr das nicht

gleich bei seinem ersten Begegnen eingefallen war? Sie erröthete jetzt

ordentlich, als sie Berger in diesem Augenblick anredete.

„Mit wem fang’ ich an?“ frug sie zerstreut.

„Gleich hier an der Reihe,“ rief Rosa, „mit Herrn von Berger.“

„Ich sehe also, mein gnädiges Fräulein,“ rief der junge Mann, im

Begriff, ihr die nöthigen drei Worte in einem kurzen Satz zu sagen.

„Halten Sie ein,“ lachte aber Elisabeth, von einem plötzlichen Gedanken

erfaßt, „ich sage Ihnen, woran Sie in diesem Augenblick denken, ohne

daß Sie mir die geringste Andeutung geben.“

„Und Sie wollen wirklich meine Gedanken errathen?“ lächelte Berger,

während ein spöttischer Zug um seine Lippen zuckte.

„Stellen Sie mich auf die Probe.“

„Gut -- also mein gnädiges Fräulein, an was denke ich in diesem

Augenblick? Sie dürfen dreimal rathen, aber machen Sie sich auf ein

Pfand gefaßt.“

„Ich beanspruche nur eine Chance,“ sagte Elisabeth, indem sie ihn fest

ansah, „Sie denken in diesem Augenblick an einen ganz ähnlichen Unfall,

der Ihnen vor etwas über vier Monaten -- am ersten Mai -- in Hoßburg

begegnete. Hab’ ich Recht?“

Es war fast, als ob in dem Augenblick Berger’s Wangen die Farbe

verlassen hätte. Er sah das junge Mädchen für einen Moment stier, fast

wie bestürzt an -- aber es war auch wirklich nur ein Moment, denn schon

im nächsten schüttelte er lächelnd mit dem Kopf und sagte: „Ihr Pfand

ist fällig, mein gnädiges Fräulein, ich war nie in Hoßburg.“

„Sie waren nie in Hoßburg?“ frug Elisabeth rasch.

„Nie,“ erwiederte Berger ruhig, „obgleich ich mich erinnere, im vorigen

Jahr einmal mit der Bahn vorbeigefahren zu sein. Keinesfalls ist mir

etwas Aehnliches dort begegnet, ich konnte also auch nicht daran

denken. Sie haben Ihr Pfand verwirkt, mein gnädiges Fräulein.“

„In der That?“ sagte Elisabeth, jetzt selbst wieder vollständig irre

gemacht, „dann hab’ ich mich allerdings geirrt.“

„Aber so mach’ doch, daß Du herumkommst, Lily,“ rief Käthchen, die

ungeduldig wurde, „ich vergesse sonst wahrhaftig wieder, an was ich

gerade denke.“

Das Spiel hatte seinen Fortgang, aber Elisabeth war sichtlich zerstreut

und erst beim dritten oder vierten Fragen konnte sie ihre Gedanken nun

so weit sammeln, um nicht gar zu verkehrte Erklärungen abzugeben.

Berger schlug bald darauf ein anderes Spiel vor. Die Herren nämlich

mußten sich auf einen Selterwasserkrug setzen und mit einem Fuß

über den anderen geschlagen, ein brennendes Licht in der einen, ein

unangezündetes in der anderen Hand, das nicht brennende an die Flamme

des anderen zu bringen suchen, was zu höchst komischen Stellungen

Veranlassung gab, und als sich selbst der Professor dazu entschloß, den

Spaß mitzumachen, wollte der Jubel kein Ende nehmen.

Es war fast Mitternacht, ehe sich die kleine fröhliche Gesellschaft

trennte, und so amüsirt hatten sich Alle, daß man beschloß, an einem

der nächsten Abende wieder hier zusammen zu kommen.

Es mochte zehn Uhr am anderen Morgen sein, als Klara herüber zu

Professors kam. Sie hatte, wie sie sagte, gestern Abend ihre Handschuhe

entweder hier vergessen, oder unterwegs verloren, und wollte nun einmal

nachfragen. Die Handschuhe waren nicht da, aber sie blieb noch eine

Weile bei den Freundinnen und ließ sich auch Rosa’s Blumengärtchen

zeigen, das diese mit besonderer Sorgfalt pflegte. Rosa war auch stolz

darauf und wußte fast von jeder Blume, von denen keine abgepflückt

werden durften, eine kleine Geschichte zu erzählen.

Endlich nahm Klara, während Käthchen von Rosa das Okuliren lernen

wollte, Elisabeth’s Arm, und die beiden jungen Mädchen gingen langsam

in den breiten Wegen des Gartens auf und ab.

„Sag’ einmal, Lily,“ frug da endlich Klara -- denn das steife Sie der

ersten Anrede war schon lange dem freundschaftlichen Du gewichen, „was

ich Dich fragen wollte -- hast Du denn Herrn von Berger schon früher

gekannt?“

„Nein, mein Herz,“ erwiederte die Gefragte, leise mit dem Kopf

schüttelnd. Sie sah dabei sinnend vor sich nieder.

„Aber Du deutetest doch gestern Abend ein Begegnen in Hoßburg an.“

„Ich muß mich geirrt haben,“ sagte Elisabeth; „es war nur ein

flüchtiger Moment auf der Promenade, wenn ich auch auf die Aehnlichkeit

geschworen hätte. Käthchen aber, die damals bei mir war und die ich

gestern Abend noch darum frug, will Nichts davon wissen, oder sagte

wenigstens, daß sie sich auf jene Persönlichkeit viel zu wenig besinnen

könne, um sie jetzt noch im Gedächtniß zu haben. Aber weßhalb fragst Du

das, Klärchen?“

Klara schwieg; ihre Gedanken waren jedenfalls wo anders, aber sie mußte

die Frage gehört haben, denn nach einer Weile erwiederte sie: „Ich weiß

es selber nicht, Lily, aber gestern -- und ich habe mich dabei auch

jedenfalls geirrt, war es mir fast, als ob Berger bei Deinen Worten

erschrak. -- Bitte, erzähle mir doch Dein Begegnen mit ihm oder jenem

Anderen, der ihm gleich sah.“

Elisabeth lächelte: „Sein Unglück gestern brachte mich darauf,“ sagte

sie, „denn jenem Herrn war ein ganz ähnlicher Unfall begegnet,“ -- und

nun erzählte sie der Freundin mit kurzen Worten das Begegnen an jenem

Tage auf der Promenade von Hoßburg, das allerdings viel zu flüchtig

gewesen war, um ein Wiedererkennen der Persönlichkeit mit Gewißheit

behaupten zu können. -- „Nun,“ setzte sie ernst hinzu, „muß ich Dir

gestehen, daß es auch mir gestern Abend -- aber auch nur für einen

Moment -- den Eindruck gemacht hat, als ob er bestürzt über meine

Antwort wäre. Doch wie sollte das möglich sein, und ein Mißverständniß

muß da jedenfalls zum Grunde liegen. Wer weiß, an was er in dem

Augenblick gerade gedacht, das zufällig flüchtig mit meinen Worten

zusammenstimmte. Aber sage mir Klärchen,“ setzte sie herzlich hinzu,

„ist es wahr, daß Du mit Herrn von Berger verlobt bist?“

„Ja,“ hauchte Klara leise.

„Du sagst das Ja so wehmüthig,“ flüsterte Elisabeth, indem sie ihren

Arm um die Freundin schlang, „bist Du nicht glücklich, Herz?“

„O doch, Lily,“ wehrte Klara ab, „gewiß bin ich’s -- Berger ist ein

sehr tüchtiger, geistvoller Mann, und -- es ist ja meine freie Wahl --“

Elisabeth schwieg; sie fühlte, daß hier nicht Alles war, wie es sein

sollte, aber hatte sie ein Recht, sich in das Vertrauen der Freundin zu

drängen, wenn ihr dieses nicht freiwillig angeboten wurde?

Lautlos wandelten die beiden Jungfrauen eine Weile neben einander hin

-- Jede mit ihren eigenen Gedanken voll und reichlich beschäftigt.

Endlich sagte Elisabeth wieder: „Der Professor hat heute Morgen

davon gesprochen, daß er sich Donnerstag Abend wieder eine kleine

Gesellschaft von jungen Leuten bitten will; er scheint sich gestern

vortrefflich amüsirt zu haben, und die Frau Professorin sagte, sie

wisse sich der Zeit nicht zu erinnern, daß sie so viel gelacht

hätte. Herr von Berger ist wirklich unendlich amüsant bei solchen

Gelegenheiten.“

„Ferdinand ist heute Morgen abgereist,“ sagte Klara leise.

„Ferdinand?“

„Berger mein’ ich.“

„Herr von Berger ist abgereist? so rasch?“ rief Elisabeth erstaunt.

„Ja, -- er wollte eigentlich noch länger bleiben, fand aber gestern

Abend, als er nach Hause kam, noch einen Brief von seinem Verwalter,

der ihn rasch zurückrief, um auf seinem Gut Manches zu reguliren. Er

hat einen Baumeister draußen, der ihm viel Aerger zu machen scheint.

Vor einer Stunde etwa war er noch bei uns, -- und ist dann gleich mit

dem Zehnuhrboot stromauf gegangen.“

„Das thut mir wirklich leid,“ sagte Elisabeth, „und Professors werden

es besonders bedauern.“

„Er hat mir noch herzliche Grüße für euch Alle aufgetragen,“ sagte

Klara, „wäre auch gern noch selber herüber gekommen, aber zu so

früher Stunde ging das doch nicht, und er konnte seine Abreise nicht

aufschieben. Möglich aber, daß er bis dahin wieder zurück ist. Er hat

meinem Vater versprochen, er wolle seinen Aufenthalt auf dem Gut so

viel als nur irgend möglich abkürzen. Man reist ja jetzt so schnell.“

„Deinem Vater hat er das versprochen?“ lächelte Elisabeth, „das hätte

er eigentlich Dir versprechen sollen.“

Wieder zeigte sich der schmerzliche Zug um Klara’s Lippen, und

Elisabeth fühlte, wie sich der Arm der Freundin fester um sie legte.

„Klara,“ sagte sie da herzlich und von einem plötzlichen Gefühl

ergriffen, „Du bist nicht glücklich -- nicht so glücklich wenigstens,

wie eine Braut sein sollte -- Du kennst mich noch so wenig, aber wenn

Du mein Herz sehen könntest --“

„Ich weiß nicht, wie es kommt, Elisabeth,“ flüsterte da das junge

Mädchen, „ich habe Dich gestern zum ersten Mal gesehen, aber mir ist,

als ob wir Schwestern wären, -- Schwestern, die lange, lange Jahre von

einander getrennt gewesen und jetzt erst zusammen kämen, um sich Alles

zu vertrauen.“

„Meine liebe, liebe Klara.“

„Das ist ein Gefühl,“ fuhr aber das junge, erregte Mädchen fort, „das

wir nicht ungestraft mißachten dürfen, -- Du sollst Alles wissen und

dann -- rathe mir, wenn Du rathen kannst, -- wenn nicht, so habe ich

doch wenigstens den Trost, irgend Jemanden zu wissen, der mit mir

fühlt, der mich begreift und -- liebt.“

„Aber Klärchen, wie sprichst Du, hat Dich nicht Rosa auch von Herzen

lieb?“

„Ja, aber sie ist zu flüchtig -- zu oberflächlich, möchte ich sagen.

-- Sie hat noch nie, seit sie denken lernte, einen tiefen Schmerz

erlitten, -- wovor sie auch Gott recht lange bewahren möge -- und ihr

fröhlicher Sinn schimmert nur in Sonnenlicht und Freude.“

„Und Dein Bräutigam?“

„Das ist es ja gerade,“ seufzte Klara, „was mir so schwer und drückend

auf der Seele liegt, ich weiß nicht, ob er mich liebt.“

„Du närrisches Mädchen,“ lächelte Elisabeth, die natürlich glaubte, daß

nur eine eingebildete Sorge die Brust der Freundin füllte, „und hat er

Dir nicht seine Liebe gestanden und Deine Gegenliebe erbeten?“

„Ja,“ hauchte Klara, „aber nicht, wie ich es mir früher gedacht,

wenn ich mir einen solchen heiligen Augenblick im Geist ausmalte.

-- Mißverstehe mich nicht,“ bat sie rasch, als sie das Lächeln in

Elisabeth’s Zügen bemerkte, „ich bin keine träumerische Schwärmerin,

die überschwengliche Worte und Empfindungen verlangt und sich verletzt

fühlt, wenn das Leben in trockener Wirklichkeit an sie herantritt --

nur Herzlichkeit und Gefühl wollte ich haben und -- so süß und lieb

seine Worte klangen, mit welch’ heißer Beredsamkeit er das Geständniß

seiner Liebe in mein Ohr flüsterte, mein eigenes Herz blieb kalt und

unberührt.“

„Und doch hast Du ihm Dein Jawort gegeben?“

„Ich bat mir Bedenkzeit aus, nur bis zum anderen Tag, und

rücksichtsvoll gestand er mir das zu und dann -- dann kam unsere alte

Bella, der er es muß angethan haben, denn in ihren Augen scheint er ein

Gott, so unerschöpflich war sie und ist sie stets in seinem Lob.“

„Aber was hat eure alte Bella mit Deinem Herzen zu thun, Schatz? Du

wirst Dich doch nicht von ihr haben überreden lassen?“

„Du kennst die Verhältnisse in unserem Hause nicht, Lily,“ seufzte

Klara. „Meine Mutter habe ich nie gekannt, und Vater war von da an

immer in fremden Händen. Er ist auch seelengut, aber entsetzlich

schwach, und die alte Bella, die uns nun schon seit fünf Jahren die

Wirthschaft führt und ihn einst in einer sehr schweren und bösen

Krankheit mit wirklicher Aufopferung gepflegt, gilt Alles bei ihm. Sie

selber hängt dafür mit seltener Treue an ihm, und daß ich, die eigene

Tochter, von ihm geliebt werde, hat sie ordentlich eifersüchtig gegen

mich gemacht. Ich fürchte auch fast, ihr Drängen und Treiben gilt

eben so viel dem Wunsche, mich zu entfernen und ganz allein Herrin im

Hause zu sein, als ihrem Entzücken und ihrer Bewunderung für meinen

Bräutigam.“

„Und Du willigtest ein?“

„Vater und Bella drängten in mich, seinen Bitten Gehör zu geben -- ich

selber war ihm ja gut, denn seine glänzenden Eigenschaften hatten mich

bestochen, es schmeichelte meiner Eitelkeit, daß er mich vor Allen

bevorzugte -- ich wußte, wie ich seinethalben beneidet wurde, und --

als er am nächsten Morgen kam --“

„Da willigtest Du ein?“

„Ja,“ hauchte Klara.

„Und bereust Du es jetzt?“ flüsterte Elisabeth.

„Ich weiß es nicht,“ sagte Klara, aber so leise, daß die Töne kaum zu

dem Ohr der Freundin drangen, „es ist ein wunderliches Doppelwesen, das

in mir lebt -- ich fürchte, ich würde mich unglücklich fühlen, wenn ich

ihn missen müßte und -- fürchte wieder, daß ich mich nicht glücklich

fühle an seiner Seite.“

„Aber, liebe beste Klara,“ bat Elisabeth, sie fest an sich ziehend --

„sei mir nicht bös, wenn ich Dir vielleicht herbe Worte sage, doch ich

kann wahrlich nicht anders -- bist Du da nicht wie ein thöricht Kind,

das sich mit Grillen plagt, die nicht einmal eine bestimmte Form und

Gestalt haben?“

„Ach, wenn Du Recht hättest,“ seufzte Klara.

„Und kannst Du Dir einen vernünftigen Grund nennen, weßhalb Du Deinen

Bräutigam, wenn Du ihn je geliebt hast, nicht noch lieben könntest?“

Klara sah sinnend vor sich nieder.

„Einen vielleicht,“ sagte sie, -- „er spielt, und ich habe ihn oft

gebeten, das Spiel mir zu liebe zu unterlassen, trotzdem ist er wieder,

wie ich aus ganz sicherer Quelle weiß, in voriger Woche in Ems gewesen.“

„Das Spiel ist freilich ein böses, böses Laster,“ nickte Elisabeth,

„und eine Schmach für Deutschland, daß es noch geduldet wird, aber

glaubst Du nicht, daß Du als Frau Macht genug über ihn gewinnen wirst,

es zu unterlassen?“

„Nein,“ schüttelte Klara mit dem Kopf, „das gerade ist es, was ich

fürchte, daß ich als Frau jede Macht über ihn verlieren werde, denn

sein Charakter ist fest und hart wie Stahl, -- er mag brechen, aber er

wird sich nie biegen, um eine andere Form anzunehmen.“

„Und ist das nicht schön an einem Mann?“

„Ja, gewiß, und das gerade gewann ihm zuerst meine Achtung -- später

meine Bewunderung und -- Liebe.“

Elisabeth schüttelte mit dem Kopf.

„Ich plaudere nun schon eine geraume Weile mit Dir,“ sagte sie

lächelnd, „und kann noch immer nicht dahinter kommen, was Du eigentlich

gegen ihn hast. Daß er spielt, -- ja, ich gebe zu, das ist bös, aber

Dir zu liebe läßt er es doch vielleicht -- und sonst? -- denn Du wirst

mir zugeben, das allein ist kein Grund, an seiner Liebe zu Dir zu

zweifeln.“

„Ich kann Dir auch keinen bestimmten Grund weiter dafür nennen, Herz,“

sagte Klara seufzend, „es liegt in so tausend kleinen Einzelnheiten,

die an sich vollkommen unbedeutend scheinen, und nur im Ganzen und

Zusammenwirken dieses Gefühl, diese Furcht in mir hervorgerufen haben.

Ich wollte, Du selber könntest ihn einmal einige Zeit beobachten -- und

vielleicht ist das möglich, wenn er bald zurückkehrt.“

„Und kannst Du mir keine einzige dieser ‚kleinen Einzelnheiten‘ nennen,

Klärchen? vielleicht wäre ich dann jetzt schon im Stande, Deine, wie

ich fest glaube, grundlose Befürchtung zu zerstreuen.“

„Du wirst mich auslachen, weiter Nichts,“ sagte Klara, „denn an und für

sich sind sie auch nichtig; nur eben im Zusammenhang beunruhigen sie

mich.“

„So fang’ einmal an, -- lachen werde ich gewiß nicht, denn es handelt

sich ja hier um eine ganz ernste Sache,“ sagte Elisabeth.

„Siehst Du,“ berichtete Klara, und sah sich dabei scheu um, ob sie auch

nicht von Jemandem behorcht würden; „vor allen Dingen grüßt er, wenn

er in’s Zimmer tritt, -- nie mich zuerst, auch nicht den Papa, sondern

Bella, dann den Papa, dann mich, -- überhaupt hat er mit Bella viel zu

reden und oft sogar flüstern sie miteinander.“

„In der That -- und dann?“

„Dann macht er mir wohl viel Geschenke, -- viel mehr als ich

beanspruche, -- so hat er mir erst gestern wieder ein Paar wundervolle

Brillantohrringe mitgebracht, und doch hätte er mir mit einer

einfachen Blume mehr Freude gemacht, aber -- er schenkt nie Blumen, ja,

kann die Blumen sogar nicht leiden und ihren Duft nicht ertragen.“

„Und dann?“

„Er spottet über die Religion und weiß, wie weh’ er mir damit thut.“

„Das ist häßlich von ihm.“

„Das Schlimmste von Allem aber ist...“

„Nun, Schatz?“

„Er hat kein Gemüth.“

„Kein Gemüth?“

„Nein, und ich habe schon viele Beweise davon gehabt. Er gibt den

Armen, aber in einer Art, daß es den Empfänger mehr verletzen als

erfreuen muß, und im Theater, wo wir mehrmals zusammen waren, bleibt er

bei den rührendsten Stellen kalt und theilnahmlos -- ich habe noch nie

eine Thräne in seinem Auge gesehen.“

„Aber liebes Herz, das ist kein Beweis gegen sein Gemüth, sondern nur

gegen seine Phantasie.“

„Gegen seine Phantasie?“

„Nun ja. Im Theater siehst Du eine Menge von Menschen und ganz

besonders junge Mädchen, kalt und ungerührt bei den ergreifendsten

Stellen. Wesen, die keine Fliege können martern sehen, bleiben bei den

furchtbarsten Scenen, in denen menschliche Leiden und Leidenschaften

auf das Treueste dargestellt werden, -- vollkommen theilnahmlos. Uns

gerinnt das Blut dabei in den Adern, und sie sehen vielleicht mit

lächelndem Auge zu. Aber deßhalb darfst Du nicht glauben, daß ihnen das

Gemüth fehlen würde, wenn ihnen im wirklichen Leben etwas Derartiges

begegnete und sie selbst oder einen der Ihrigen träfe. Nur dort läßt es

sie unberührt, denn sie haben keine Phantasie, um sich hineinzudenken,

und nur deßhalb bleiben sie kalt und theilnahmlos.“

„Vielleicht daß Du recht hast,“ seufzte Klara; „aber dann sind seine

Gedanken, selbst wenn er bei mir ist, fast immer mit andern Dingen

beschäftigt. Er kann minutenlang finster vor sich niederstieren und

fährt oft wie erschreckt empor, wenn ich ihm leise die Hand auf die

Schulter lege.“

„Aber, liebes Kind, er hat Geschäfte; Du selbst sagtest mir, daß ihn

sein Baumeister jetzt gerade ärgert; wer weiß, was ihm noch sonst im

Kopf herumgeht, und das darf Dir doch sicher keine Sorgen machen.“

„Ich habe es Dir ja vorhergesagt, Lily, daß es im Einzelnen lauter

Kleinigkeiten sind, und Vieles, Vieles läßt sich sogar nicht einmal mit

Worten ausdrücken. Wenn das Herz erst einmal mißtrauisch gemacht ist,

verletzt oft ein Blick, ein gedankenloses Wort, eine Nichtachtung, die

wir sonst vielleicht nicht einmal bemerken würden.“

„Sag’ mir einmal, Klara!“ frug da Elisabeth plötzlich, indem sie stehen

blieb und der Freundin fest in’s Auge sah, „lass’ jetzt das, was Dich

betrübt und sorgt, daß Berger Dich vielleicht nicht lieben könnte,

und beantworte mir die eine Frage wahr und ehrlich -- oder beantworte

sie Dir vielmehr selber: Liebst Du Berger mit all’ der aufopfernden

Zärtlichkeit, die nothwendig ist, um ihm Dein ganzes künftiges Leben zu

weihen?“

Klara schwieg und sah sinnend vor sich nieder. Endlich, nach einer

langen Pause sagte sie leise: „Ja -- ich glaube es.“

„Du glaubst es nur, Klärchen?“

„Ich glaube es gewiß.“

Elisabeth wollte etwas darauf erwiedern, aber in diesem Augenblick

kamen Käthchen und Rosa angesprungen, und das Gespräch war dadurch

total abgebrochen. Klara konnte auch nicht länger bleiben, ihr Papa

hatte sie gebeten, bald wieder zurückzukommen, und die Mädchen trennten

sich mit dem Versprechen, einander recht bald wieder zu besuchen.

Sechstes Kapitel.

Die Heimfahrt.

Mehrere Tage vergingen indessen, bis der Professor seine erste Absicht

ausführte und sich wieder eine kleine Gesellschaft von jungen Leuten

einlud. Man hatte sich so außerordentlich an jenem Abend amüsirt, daß

eine Wiederholung von Allen auf das Sehnlichste gewünscht wurde, und

als sie stattfand, mißlang die ganze Absicht.

Es ist eine eigenthümliche Thatsache, daß sich solche Dinge nun einmal

nicht wiederholen lassen. Man kann sich eben nicht vornehmen, vergnügt

zu sein; es muß in dem unvorbereiteten Moment aus uns heraussprudeln

und im Geiste zünden, dann theilt sich der elektrische Funke vom Einen

dem Andern mit; sobald es aber künstlich gemacht werden soll, geht es

nicht.

Mag es sein, daß dießmal Berger fehlte, der ja die Seele des vorigen

Abends gewesen. Er war nicht allein nicht nach Bonn zurückgekehrt,

sondern hatte sogar an Klara geschrieben, er müsse nach Mainz und

von da nach Paris fahren, um dort ein etwas verwickeltes Geschäft

zu ordnen, das ihn zur Verzweiflung bringen würde, wenn er es durch

Briefe erledigen solle. Er hoffte allerdings in acht Tagen wieder in

Bonn zu sein, konnte aber seine Rückkunft noch nicht gewiß auf den Tag

bestimmen.

In der jetzt geladenen Gesellschaft befanden sich allerdings ein Paar

junge lebenslustige und auch geistreiche Leute, aber -- sie trafen den

rechten Ton nicht -- oder lag es vielleicht an den Mädchen? Elisabeth

wie Klara waren heute Beide ungewöhnlich still, -- kurz, es ging eben

nicht, und bald nach elf Uhr trennte sich die Gesellschaft mit dem eben

nicht angenehmen Gefühl, einen etwas langweiligen Abend verbracht zu

haben.

Der Justizrath, der anfangs die Zeit seines Aufenthalts in Bonn auf

acht Tage festgesetzt und dann noch acht zugegeben hatte, rüstete sich

jetzt ernstlich wieder zur Abfahrt. Elisabeth und Klara aber waren

unzertrennlich geworden, und jede Stunde däuchte ihnen lang, die sie

nicht mitsammen verleben konnten -- und doch fiel ihr Gespräch nie mehr

auf jenen Gegenstand zurück, der ihre Freundschaft eigentlich erst

geknüpft. Es war ordentlich, als ob sich Beide davor fürchteten.

So lieb Klara aber Elisabeth hatte, so schien sich sonderbarer Weise im

Herzen der alten Haushälterin ein entgegengesetztes Gefühl eingenistet

zu haben. Sie war allerdings nicht abstoßend gegen das junge Mädchen,

das so bescheiden und anspruchslos auftrat, aber nie zeigte sie

Elisabeth ein freundlich Gesicht, und dadurch wurde der Medizinalrath

-- der in seinem eigenen Hause kaum mehr Willen hatte als ein Kind,

auch ängstlich und zurückhaltend.

Das sollte jetzt Alles ein Ende nehmen. Auf morgen früh, und zwar mit

dem ersten Boot, das stromab kam, war die Fahrt nach Köln beschlossen,

um dort den Dom zu besichtigen und dann weiter hinab nach Amsterdam zu

gehen. Beide Mädchen hatten noch nie eine Seereise gemacht, und der

Vater wollte mit ihnen von Amsterdam bis Hamburg den Dampfer benutzen.

Berger war noch immer nicht zurückgekehrt. Er hatte dreimal

geschrieben, einmal von Paris, einmal von Brüssel aus, der dritte Brief

datirte wieder aus Paris und seine Briefe ließ er sich auch dorthin

senden. Mit der Abwickelung seines Geschäfts ging es vortrefflich, wenn

auch entsetzlich langsam. So sehr er sich nach Bonn zurücksehnte --

aber jetzt war er einmal da und mußte aushalten. Jeder Brief brachte

übrigens auch Grüße für die liebenswürdige Familie des Justizraths aus

„_Haß_burg“, wie er den Platz immer nannte, und er bedauerte es in

jedem, daß es sich mit seiner gezwungenen Abreise so getroffen, dieser

charmanten Familie verlustig zu gehen.

Es war spät am Nachmittag, als der Justizrath mit seinen beiden

Töchtern noch einmal zu Freund Paßwitz hinüberging, um Abschied zu

nehmen. Klara weinte bitterlich und küßte Elisabeth wieder und wieder,

und als der Vater schon mit Käthchen voraus war, standen die beiden

Mädchen noch im Hausflur und hielten sich umschlungen.

„Und Du schreibst mir bald, Lily, nicht wahr?“

„Recht bald, liebes, liebes Herz -- aber Du mir auch und -- noch eins

-- den Tag Deiner Verbindung zeigst Du mir vorher an, daß ich in der

Zeit recht viel an Dich denken kann.“

„Gewiß, gewiß,“ sagte Klara erröthend, „Du sollst die Erste sein, die

ihn erfährt, -- sobald er erst einmal fest bestimmt ist,“ setzte sie

leiser hinzu.

„Bitte um Verzeihung,“ sagte da eine Stimme mit echt jüdischem Accent,

„thut mir unendlich leid, daß ich die jungen Damchens störe, -- Gott

der Gerechte, wie traurig und betrübt und werden wahrscheinlich nur

auf acht oder vierzehn Tage Abschied nehmen. -- Ja, ja, so ist’s in

der Welt, was noch keine Sorgen hat, macht sich welche, und dadurch

wird das Gleichgewicht hergestellt, denn die gemachten wiegen gerade

so schwer wie die wirklichen, und gehört ein Kenner dazu, um sie zu

unterscheiden.“

Die jungen Mädchen hatten sich losgelassen, als Elisabeth aber

umschaute, erkannte sie auf den ersten Blick den alten hübschen Juden

vom Schiff mit den schneeweißen Haaren, der sie jetzt mit seinen großen

schwarzen Augen freundlich ansah und sich ihrer ebenfalls zu erinnern

schien.

„Ich glaube, wir sind einander schon begegnet,“ sagte er.

„An Bord des Dampfers,“ erwiederte das junge Mädchen, „wo die beiden

Herren das Lied sangen.“

„Ja wohl,“ lächelte der alte Mann, an die Scene zurückdenkend, --

„sangen die beiden Leutchen auch einmal eine Melodie, die sonst immer

zwei Verschiedene singen.“

Hüben und Drüben; Dritter Band (3/3) Neue gesammelte Erzählungen · 第 3 / 16 段