Anfang September war das Alles erledigt, und den Justizrath

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1868 erschienenen Buchausgabe

so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische

Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und

altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original

unverändert; fremdsprachliche Zitate wurden nicht korrigiert.

Fußnoten wurden der Übersichtlichkeit halber an das Ende des

jeweiligen Kapitels der betreffenden Erzählung verschoben.

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dargestellt (Ae, Oe, Ue).

Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit

den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:

gesperrt: _Unterstriche_

Antiqua: ~Tilden~

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Hüben und Drüben.

[Illustration]

Neue gesammelte Erzählungen

von

Friedrich Gerstäcker.

Dritter Band.

[Illustration]

Leipzig,

Arnoldische Buchhandlung.

1868.

Inhaltsverzeichniß.

Seite

1. Das Loch in der Hose 1

2. Richter Black 163

3. Martin 253

4. Hasenjagd bei Gotha 310

Das Loch in der Hose.

Erstes Kapitel.

Auf der Promenade.

Der warme Sonnenschein des ersten wirklichen Frühlingstages hatte

eine Menge von Menschen hinaus in’s Freie gelockt, und der sogenannte

„Promenadenweg“ in der Stadt Hoßburg zeigte Schwärme von fröhlichen

Stadtbewohnern. Verließen sie doch jetzt den langen Winter hindurch

in ihren Häusern eingeengt, wie die Bienen ihren Bau, um sich an dem

blauen Himmel und der milden, balsamischen Luft zu erfreuen.

Ein Frühling in Deutschland! -- Man mag unser nordisches Klima mit

Recht verlästern und sich zehn Monate im Jahr fragen, wie es möglich

ist, daß vernunftbegabte Menschen es in einem solchen Himmelsstrich

aushalten, und im Winter der Kälte, im Sommer der Hitze und im

Herbst den rasenden Nordweststürmen wieder und wieder trotzen. Ein

einziger Frühlingstag giebt die Antwort, und wie ein immer gesunder

Mensch eigentlich nie weiß, daß er gesund ist, und sich deßhalb

seines vortrefflichen Zustandes auch gar nicht recht erfreuen kann,

ebenso weiß kein Bewohner der Tropen, wo ewiger Frühling herrscht,

das zauberschöne Wort Frühling zu schätzen -- ja, er hat es nicht

einmal in seiner Sprache und keine Ahnung davon, welches Entzücken

uns durchströmt, wenn nach dem langen Winterschlaf die Natur endlich

doch wieder erwacht und der Frühling mit schmetternden Lerchenfanfaren

seinen fröhlichen Einzug hält.

Es giebt keine wonnigere Zeit in der Welt als einen deutschen Frühling,

und nicht allein in das kleine Herz des Wandervogels zieht die Luft

ein, hinaus in’s Freie, fort fortzustreben, immer fort, in die weite

herrliche Welt; nein, der Mensch empfindet das Nämliche, und welches

Geschäft er auch treibe, welches Amt, welche Pflicht ihn an die Scholle

fesselt, in _der_ Zeit wird es ihm am schwersten, derselben zu

folgen, und er benutzt wenigstens jeden freien Moment, um auszufliegen,

soweit ihn seine Kette läßt. Leider ist diese Kette nur bei den meisten

Leuten entsetzlich kurz, und beschränkt ihre „Wanderlust“ auf das

dürftigste Maß -- einen Spaziergang um die Stadt herum, aber -- „sie

schöpfen doch wenigstens frische Luft“, und auch in Hoßburg hatten sie

sich das heute zu Nutz gemacht.

Wie das herüber und hinüber wogte, von fröhlichen lachenden Gruppen,

und wie zahlreich eigentlich das schöne Geschlecht vertreten war, das

heute, am ersten Mai, auch zuerst die langersehnte Gelegenheit bekommen

hatte, schon längst bereit liegende Frühlingskleider in Glanz und Licht

hinauszutragen! Wie an einem Sonn- und Feiertag war das junge Volk

geputzt; und wie das dabei mit einander kicherte, lachte und plauderte,

und wie sorgfältig es einander musterte und prüfte!

Wenn sich weit draußen in See zwei Schiffe begegnen, so stehen die

beiden Kapitäne jeder an seinem Bord mit dem Fernrohr in der Hand,

um erst einmal die Flagge zu erkennen, und wenn die nicht gezeigt

wird, nach der Takelage und dem ganzen Schnitt der „~rigging~“

das fremde Fahrzeug „auszumachen“. Alles wird dabei auf das Genaueste

beobachtet, der Stand der Masten, der Schnitt der Segel, der Bau des

Rumpfes vom Bug zum Heck, selbst die Malerei an Bord, und erst völlig

außer Gesichtsweite schiebt der Seemann sein Teleskop wieder zusammen

und tauscht mit dem Steuermann seine Bemerkungen über das fremde Segel.

Dieselbe Beobachtung können wir an Land machen, wenn sich zwei fremde

Damen auf der Straße begegnen und ihre Flagge nicht zeigen -- d. h.

einander nicht grüßen. Keine verwendet, während sie aneinander

vorbeisegeln, einen Blick von der „~rigging~“ oder Takelage der

Anderen; jedes Band wird gemustert, jede Blume auf dem Hut oder im

Haar, Besatz und Schnitt des Kleides oder Ueberwurfs abgeurtheilt. Mit

einem langen Blick, „vom Bug zum Heck“, fliegt das prüfende mitleidlose

Auge und übersieht Nichts, sei es noch so klein und unbedeutend, keine

falsche Locke, keinen gefärbten Besatz, keine unächte Spitze, keinen

altmodigen Schnitt irgend eines Theils -- bis das fremde Fahrzeug

vorüber gesegelt ist, und selbst dann noch wendet sich der hübsche Kopf

prüfend zurück und erröthet leicht und dreht sich rasch wieder ab, wenn

er die nämliche beobachtende Bewegung am Gegenpart bemerkt.

Und welche prachtvolle Gelegenheit, solch’ praktische Erfahrung in

fremder Toilette zu erwerben, bietet ein solcher erster Frühlingstag,

wo nicht allein die Blumen und Blüthen draußen in Wiese und Wald

anzukommen anfangen, sondern in vollem Farbenschmuck schon auf den

Hüten und Wangen der jungen Mädchen strahlen -- wer hätte sie versäumen

mögen!

Ganze Trupps junger Schönen wanderten auf und ab, lachend und

plaudernd, wenn sie sich begegneten, und ehrbar und züchtig wieder

grüßend, wenn junge Leute ihrer Bekanntschaft vorüber gingen, nach

denen sie aber um’s Leben nicht den Kopf hätten drehen dürfen -- wie

schwer ihnen das oft auch wurde.

Die munterste von Allen war die sonst eigentlich weit mehr ernste

und sinnige Tochter des Justizraths von Hochweiler, Elisabeth, eine

reizende Brünette von vielleicht neunzehn Jahren, und sie vor allen

Anderen musterte die ihr Begegnenden. So still und ehrbar sie aber auch

an ihnen vorüber schritt, nicht eine falschgelegte Falte entging ihrem

Blick, und mit viel Geist und einem trefflichen Humor wußte sie immer,

sobald sie vorbei waren, so treffende und oft komische Bemerkungen zu

machen, daß ihre Begleiterinnen manchmal kaum ein lautes und jedenfalls

unschickliches Lachen unterdrücken konnten.

Auch die Herren entgingen der scharfen Geißel ihres unerbittlichen

Witzes nicht. Je freundlicher und ehrerbietiger sie grüßten, desto

schärfer wurden sie durchgenommen und reichen Stoff boten sie ja. --

Der trug die Haare in der Mitte gescheitelt, wie ein Oberkellner, Jener

einen Zwicker im Auge, wie ein Lieutenant -- dieser war geschnürt, der

Andere hatte Sporen angeschnallt und wußte nicht einmal, von welcher

Seite man „gewöhnlich“ auf ein Pferd hinaufsteigt; kurz, es kam Keiner

ohne einen kleinen Seitenhieb vorbei, und je harmloser diese auch im

Ganzen waren, desto besser amüsirten sich die jungen Damen dabei.

So waren sie schon fast um die ganze Promenade herumgeschritten

und wieder in der Nähe ihrer eigenen Wohnung angelangt, als ihnen

ein junger Mann begegnete, der durch seine äußere Erscheinung ihre

Aufmerksamkeit plötzlich fesselte.

Er ging allerdings sehr anständig, ja, elegant gekleidet, aber in

dem etwas steifen Hoßburg war das Auge in der Tracht an eine gewisse

Adrettheit -- ja, man hätte sagen können Pedanterie gewöhnt -- wie das

meist immer in Handelsstädten der Fall ist, und davon wich der ihnen

Begegnende allerdings auffällig ab. Das konnte keinenfalls ein Kaufmann

sein -- darin waren die jungen Damen augenblicklich einig, denn schon

die unverkennbare Nonchalance, mit der er sich bewegte, harmonirte nun

und nimmer mit dem regelmäßigen Geschäftsgang der Stadt.

Er trug einen vollen, nur etwas kurz gehaltenen, doch sorgfältig

gepflegten Bart -- aber -- an der Weste war nur der zweite und dritte

Knopf zugehakt und das schwarzseidene Halstuch hielt locker den,

allerdings schneeweißen Hemdkragen zusammen. Ebensowenig saß ihm

der Hut vorschriftsmäßig und nach Geschäftsbegriffen steif auf dem

Scheitel, sondern neigte, wenn auch nicht übermäßig viel -- doch etwas

nach der rechten Seite über. Außerdem trug er ein kleines, in Papier

geschlagenes Paket unter dem Arm -- lauter Dinge, die nicht recht nach

Hoßburg paßten.

Elisabeth’s Blicke flogen aber unwillkürlich nach seinem Knie hinab,

denn dort zog eine auffallende Unregelmäßigkeit ihr Auge auf sich. Das

Beinkleid war nämlich an jener Stelle zerrissen und zwar nicht etwa

wieder ausgebessert, sondern ein Stück des leichten, hellgestreiften

Tuchs hing offen herab, als ob der Eigenthümer vielleicht eben erst an

einem Nagel hängen geblieben wäre, und den Schaden nicht einmal bemerkt

hätte -- er würde sich doch sonst sicher nicht in dem Zustand auf

offener Promenade gezeigt haben.

Jetzt passirte er sie, wie fragend hob sich ihr Auge zu ihm auf und

ihre Blicke begegneten sich, ja, die junge Dame hatte ihn unwillkürlich

so fest angeschaut, daß er, als er an ihr vorüberging, unwillkürlich

den Hut zog, und ihr damit das Blut in Wangen und Schläfe jagte.

„Kanntest Du den Herrn mit den zerrissenen Unaussprechlichen, Lily?“

kicherte ihr die noch jugendliche Schwester in lachendem Uebermuth zu,

als der Fremde kaum weit genug entfernt sein konnte, selbst die Worte

zu verstehen, denn ihren Klang mußte er jedenfalls gehört haben.

„Aber Käthchen,“ rief Elisabeth erschreckt, „das schickt sich ja gar

nicht.“

„So in der Stadt herumzulaufen, nicht wahr?“ lächelte das junge

muthwillige Mädchen, indem sie den Kopf zur Seite wandte, aber jetzt

selber bestürzt wieder herumfuhr, „wahrhaftig er sieht sich nach uns

um.“

„Du bist auch gar zu ausgelassen, Käthchen,“ ermahnte sie die ältere

Elisabeth, „wer dreht den Kopf nach einem Herrn, wenn er vorübergeht.“

„Als ob Du das nicht vorher selber gethan hättest,“ spottete das junge

Mädchen, „als der Marineoffizier an uns vorüberging.“

„Weil ich die Uniform sehen wollte,“ sagte Elisabeth.

„Wie sie saß, nicht wahr?“ lachte Käthchen. „Aber wer das nur gewesen

sein mag; sicher kein hiesiger Kaufmann, vielleicht ein Fremder, der

eben erst von Australien oder Ostindien angekommen ist. Und wie wird

er sich ärgern, wenn er merkt, daß er hier mit zerrissenen Kleidern

promenirt hat.“

„Laß uns umkehren,“ sagte Elisabeth plötzlich.

„Ja,“ rief Käthchen rasch, „vielleicht begegnen wir ihm noch einmal.“

„Aber deßhalb doch nicht,“ sagte Elisabeth und fühlte trotzdem, daß sie

wieder roth wurde, „es wird auch schon spät und wir müssen nach Hause

zurück.“

„Und den Marineoffizier treffen wir gewiß wieder am Rothenthor. -- Er

wohnt im Hotel Belvedere.“

„Und woher weißt Du das, mein Schatz?“

„Weil ich ihn ein paar Mal gesehen habe, wie er sich vor dem Hotel

nach Tisch die Zähne stocherte,“ lachte Käthchen. „Du wirst mir also

zugestehen müssen, daß es ohne Zauberei zugegangen ist.“

Noch während sie sprachen, fuhr eine offene Droschke vorüber, und der

Herr mit dem zerrissenen Beinkleid saß darin. Er mußte seinen Schaden

bemerkt haben, denn sein Taschentuch in der Hand haltend, ließ er es

über das linke Knie fallen. Die Damen schien er aber nicht wieder zu

bemerken, sondern sah still und theilnahmlos hinaus in’s Leere.

Die jungen Mädchen sprachen noch eine Weile über das Zusammentreffen,

aber andere ihnen Begegnende verwischten bald wieder die nur flüchtig

aufgenommenen Bilder, und schon ehe sie nach Hause zurückgekehrt waren,

dachte wenigstens Käthchen an keinen der Herren mehr, die sie unterwegs

getroffen hatten, und plauderten nur unaufhörlich von den prachtvollen

Toiletten, die sie heute gesehen, von den „süßen“ Roben und Blumen und

dem wundervollen Wetter, wie dem herrlichen Spaziergang.

Zweites Kapitel.

Der Mord.

Auf den sonnigsten Tag folgt oft ein trüber Abend. Plaudernd und

lachend kehrten die jungen Mädchen in ihre eigene Wohnung zurück und

fanden dort das ganze Haus in Aufruhr und Schrecken und die Menschen

herüber und hinüber laufend.

Ein Mord war verübt -- am hellen lichten Tag, in einem großen,

bewohnten Gebäude, wo fast keine Minute verging, in der nicht Menschen

die Treppe auf und abstiegen, und das Unmittelbare des Ereignisses traf

Alle bis in’s innerste Mark.

Der Justizrath von Hochweiler bewohnte die erste Etage des Wiesenwegs

-- einer der ersten, belebtesten Straßen der Stadt. Rechts im unteren

Stock befand sich ein Modewaarengeschäft, in welchem einige zwanzig

junge Mädchen beschäftigt waren und ihren Eingang über die Flur hatten,

links in dem beschränkteren, aber immer noch sehr bequemen Quartier

logirte eine alte Dame -- ein Stiftsfräulein, schon seit vielleicht

fünfzehn Jahren, und obgleich sie sehr wenig mit ihren Hausgenossen

verkehrte, hatten sie doch Alle ihres stillen, freundlichen Benehmens

wegen gerne. Sie machte übrigens keine Besuche und empfing keine;

eine alte Magd, die so lange bei ihrer Herrschaft war, daß sie selber

die Zahl der Jahre vergessen hatte, besorgte die kleine Wirthschaft,

und ein Kanarienvogel, wie ein Wachtelhündchen, waren die einzigen

Gesellschafter, die sie um sich hatte -- mit Ausnahme des kleinen

Töchterchens der Modistin, das manchmal zu ihr hinüber kam und ihr mit

seinem ungeschickten Mäulchen -- das kleine Ding war kaum drei Jahr alt

-- vorplaudern mußte. Von der Welt wollte die alte Dame Nichts wissen,

sie hatte davon -- wie sie manchmal äußerte -- mehr gesehen und mehr

darin erlebt, als ihr lieb war. Das Stammeln des Kindes, das Zwitschern

des Vogels und das Bellen ihres Hündchens waren ihr da die liebste

Unterhaltung.

In der Stadt hieß es allerdings, die Dame sei sehr reich, aber wenn

das wirklich der Fall gewesen wäre, so ließ sie ihre Umgebung Nichts

davon merken. Sie lebte sehr einfach, fast ärmlich, und vermied es

sorgfältig, über ihre Verhältnisse je zu sprechen. Uebrigens fiel sie

Niemandem zur Last und für arme Leute hatte sie immer noch eine Gabe

übrig.

Unerklärlich war es deßhalb, wer -- ganz abgesehen von dem Wagniß, bei

der Ausführung eines solchen Verbrechens augenblicklicher Entdeckung

preisgegeben zu sein, -- die Hand an die arme alte Frau gelegt haben

konnte, und so spurlos schien der Thäter verschwunden, daß kein

Inwohner des ganzen Hauses sich erinnerte, eine irgend auffällige

Gestalt bemerkt, oder überhaupt gesehen zu haben, daß Jemand bei der

„Stiftsdame“ eingelassen worden, oder ihre fast immer verschlossene

Wohnung wieder verlassen hätte.

Gegen sechs Uhr Nachmittags erst hatte die Modistin ihr kleines Mädchen

von drüben abholen wollen, weil sie ihr über die Zeit ausblieb und

auf ihr Klingeln keine Antwort bekommen. Sie war ängstlich geworden,

und als die, jetzt aus der Stadt zurückkehrende alte Magd sich das

Schweigen im Innern der Wohnung auch nicht zu erklären wußte, hatte man

endlich Polizei und einen Schlosser geholt, und dann freilich rasch

genug die furchtbare Ursache entdeckt.

Leise weinend und in Todesangst kauerte das arme dreijährige Kind unter

dem Schreibtisch und wagte sich nicht einmal vor, als die Mutter in

Schreck und Entsetzen auf es zustürzte, um zu sehen, ob ihrem Liebling

ein Leid geschehen. In ihrem Lehnstuhl aber lag die alte Dame, todt

-- mit keinem Zeichen äußerer Gewalt, als einem blutigen Fleck an

ihrem rechten Schlaf. Aber das nicht allein verrieth die hier verübte

Gewaltthat, sondern mitten im Zimmer lag auch noch das kleine zierliche

Wachtelhündchen der Erschlagenen. Es lebte allerdings noch, aber sein

Rückgrat war gebrochen, und es winselte nur, als Menschen eintraten,

von denen es vielleicht eine mögliche Hülfe erhoffen mochte.

Und wild und wüst sah es in dem sonst so freundlichen und ordentlichen

Gemach aus. Die Schubladen des Sekretärs und der Kommode waren

aufgerissen und Sachen daraus auf dem Boden wirr umhergestreut. Die

Räuber hatten dort ihre Beute gesucht und sich nicht die Zeit genommen,

die Spuren ihrer Missethat soviel als möglich wenigstens wieder zu

verwischen. Nur nach beendigtem Raub schienen sie den sonst im Innern

steckenden Schlüssel abgezogen und von außen zugeschlossen zu haben.

Der Schlüssel selber fehlte aber und umsonst bemühte sich die Polizei,

jetzt irgend eine noch so unbedeutende Spur der Thäter zu finden.

Es blieb Alles vergebens. Nicht das Geringste hatten sie

zurückgelassen, als das blutige Zeichen an der Stirn der armen,

unglücklichen alten Frau. Der Justizrath, der augenblicklich herunter

gerufen war, ließ das Zimmer absperren, und untersuchte Alles selber,

er fand Nichts, und jetzt wurden die Hausleute examinirt, um durch sie

eine mögliche Spur zu erhalten.

Gerade als das geschah, kamen die jungen Damen von ihrem heiteren

Spaziergang zurück, und Tod und Blut grüßte sie an der Schwelle.

Zwei fremde Menschen waren an dem Nachmittag durch verschiedene

Personen im Haus gesehen worden. Der eine von diesen sollte ein

Schreinergesell gewesen sein, der eine Arbeit gebracht hatte; ein

kleines, ganz neues Seitentischchen stand auch, nur bei Seite geschoben

und nicht an seinem bestimmten Platz, in der Stube.

Der Andere war ein Handwerksbursche. Des Justizraths eigenes

Dienstmädchen hatte ihn an der Thür des „Stiftsfräuleins“ klingeln

sehen, und sein Kamerad wahrscheinlich (ein Anderer mit einem Ranzen

auf dem Rücken) indessen in der Hausthür, den Ersten erwartend,

gestanden.

Der Schreinergesell wurde augenblicklich citirt, aber mußte auch

ebenso rasch wieder entlassen werden, da nicht der Schatten eines

Verdachts auf ihn fallen konnte. Er hatte nur den Tisch abgeliefert und

selber in das Zimmer getragen und war dann ungesäumt zu seiner Arbeit

zurückgekehrt. Das Mädchen sollte jetzt eine genauere Beschreibung

der beiden Handwerksburschen geben, hatte aber nicht weiter auf sie

geachtet. Gerade als sie das Haus verließ, seien sie hinein getreten

-- weiter wisse sie Nichts von ihnen -- nur daß der Eine an der Thür

geklingelt, habe sie noch gesehen.

„Und wie sahen sie aus?“

„Ja lieber Gott, wie Handwerksburschen aussehen, ein Bischen abgerissen

und verwildert.“ Der Eine habe geschielt, das erinnere sie sich noch.

Das war wenigstens ein Anhalt, und die ganze Polizei wurde jetzt in

Bewegung gesetzt, um auf einen schielenden Handwerksburschen zu fahnden.

Der Justizrath hatte indessen auch das kleine Mädchen befragen wollen,

das jedenfalls Zeuge der ganzen furchtbaren Scene gewesen, aber das

Kind war so eingeschüchtert und geängstigt, daß es in einemfort

schrie und weinte und sich an seine Mutter anklammerte. Die einzigen

Worte, die man aus ihm herausbrachte, waren: „Böse Mann Jeanette

todtschlagen.“ Die Kleine fürchtete sich dabei vor allen Menschen, die

ihr nahe kamen, und es blieb nichts Anderes übrig, als sie vor der Hand

ganz in Ruhe zu lassen. Mit der Zeit brachte dann vielleicht die Mutter

Näheres aus ihr heraus, was möglicher Weise einen Anhaltspunkt geben

konnte.

Im Hause des Justizraths war es indessen recht unheimlich geworden,

denn der Mord, da er des Justizraths ganze Thätigkeit in Anspruch nahm,

bildete fast das Hauptgespräch eines wie aller Tage, und die Mädchen

fürchteten sich schon, wenn sie nach Dunkelwerden den Hausflur passiren

mußten. Die Töchter drängten auch den Vater, er möge mit ihnen, da der

Sommer außerdem mit Macht hereinbrach, einen lang be- und versprochenen

Plan ausführen, und auf einen oder zwei Monate an den Rhein gehen, aber

er konnte jetzt nicht fort, denn immer verwickelter gestaltete sich

die Untersuchung, die aber trotzdem nichts Bestimmtes ergab, so viel

Verdachtsgründe auch nach der und jener Seite auftauchen mochten.

Aus dem Kind war Nichts herauszubringen gewesen, die Mutter hatte es

selber übernommen, es allmälig zu befragen. So rasch sich die Kleine

aber in der freundlichen Umgebung der eigenen Wohnung beruhigte, so

fing sie doch den Augenblick wieder an zu weinen und klammerte sich

an die Mutter fest, sobald diese jener Scene auch nur Erwähnung that.

Es war ein „Böser Mann“ gewesen, weiter wußte sie Nichts -- hatte sich

um weiter Nichts bekümmert, und hörte erst auf zu weinen, wenn ihr die

Mutter ein Spielzeug gab und ihre Gedanken in eine andere Bahn lenkte.

Allerdings waren nicht weniger als acht Handwerksburschen aufgespürt

und eingeliefert worden, und Einer von diesen, der wirklich schielte

-- gestand, daß er an jenem Tage -- in Begleitung eines anderen, den

er aber nicht weiter kannte, und der auch nicht aufgetrieben werden

konnte -- in der Stadt fechten gegangen sei. In welchen Häusern er

aber gewesen, konnte er nicht mehr angeben, und da man auch nicht das

geringste Verdächtige, sondern nur ein paar Groschen Kupfergeld und

zerrissene Wäsche und Stiefeln bei ihm fand, ließ sich ebenfalls kein

Beweis darauf stützen. Man hielt ihn allerdings noch einige Tage in

Haft, mußte ihn aber zuletzt wieder frei lassen.

Indessen war der Nachlaß der alten Dame untersucht worden, und man

hatte bei ihr wohl ziemlich viel schweres Silberzeug, aber sehr

wenig baares Geld und gar keine Werthpapiere gefunden, während doch

konstatirt wurde, daß sie zahlreiche Coupons allmonatlich bei einem

bestimmten Bankier eingelöst. Auch viele Juwelen sollte sie gehabt

haben, wie einer der Juweliere in der Stadt beim Kriminalamt anmeldete,

und dabei erklärte, daß er selber verschiedene Male zu der alten Dame

gerufen sei, um dieselben abzuschätzen.

Spuren hatten der oder die Verbrecher, wie schon erwähnt, gar

keine zurückgelassen, im Ofen fand man aber eine Menge verbrannter

Papierasche, wo es freilich zweifelhaft blieb, ob die alte Dame nicht

selber vielleicht kurz vorher Briefe verbrannt habe, denn welches

Interesse konnten die Diebe daran nehmen. Nur wenige Briefe lagen in

einem kleinen oberen Gefach, und bei diesen auch ein, freilich von

keinem Notar unterzeichneter „letzter Wille“, der ihr Vermögen an

baarem Geld und Werthpapieren auf sechzigtausend Thaler angab, und

dasselbe der Stadt zur Gründung eines Waisenhauses vermachte.

Man ließ allerdings noch einen Kunsttischler die verschiedenen Möbel

genau untersuchen, um vielleicht ein verborgenes Fach zu entdecken,

aber umsonst; der Mörder schien Alles -- bis auf wenige hundert Thaler,

die in einem Kommodenfach lagen, gefunden und mitgeführt zu haben, und

der Verdacht lag nahe, daß Jemand die That verübt haben müsse, der

gewußt habe, wo er das Geld zu suchen hatte, da er nur so kurze Zeit

zu dem Ueberfall gebraucht. Man überwachte deßhalb die Bewohner des

Hauses selber auf das Sorgfältigste, doch auch hier ohne den geringsten

Erfolg, und die Akten mußten endlich, da sich nicht einmal eine Liste

der vermutheten Werthpapiere fand, nach denen man vielleicht den

Nummern hätte nachforschen können, geschlossen werden. Ein Schleier lag

auf der dunklen That, und der Verbrecher hatte sich dem strafenden Arme

der Gerechtigkeit entzogen.

In den Zeitungen waren indessen die Erben der Ermordeten aufgefordert

worden, ihre Ansprüche zu erheben, aber es meldete sich Niemand,

der solche auch hätte begründen können. Die Hinterlassenschaft der

Ermordeten wurde deßhalb in öffentlicher Auktion versteigert und der

Ertrag dem Fiskus überwiesen, um mit der Summe, die sich doch noch auf

etwa sechstausend Thaler belief, im Sinne des aufgefundenen Testaments

zu verfahren und sie dem Fond zuzuwenden, der schon für den nämlichen

Zweck gesammelt worden.

Anfang September war das Alles erledigt, und den Justizrath drängte

es jetzt selber, die lang aufgeschobene Reise anzutreten -- war ja

doch auch dieß die günstigste Zeit, um den Rhein zu besuchen, und die

Töchter jubelten.

Dießmal brauchte sich auch der Vater wahrlich nicht zu beklagen, daß

die Damen zu lange Vorbereitung zu ihren Toiletten gebraucht hätten --

schon seit Monaten lag Alles fix und fertig, des Aufbruchs gewärtig,

und Elisabeth und Käthchen -- ihre Mutter hatten beide Mädchen vor

längeren Jahren verloren und führten seitdem dem Vater das Hauswesen

-- jauchzten laut auf, als endlich der lang und heiß ersehnte Morgen

nahte, der sie den dumpfen Stadtmauern entführen sollte. Seit jenem

furchtbaren Mord war ihnen ja nicht einmal die eigene Heimath mehr lieb

gewesen, und mit doppelter Freude begrüßten sie diese Reise, die ihnen

nicht allein einen langgehegten Wunsch erfüllen, sondern sie auch dem

Schauplatz der letztverlebten trüben Monde entreißen sollte. Kehrten

sie dann zurück, so hatten freundlichere Eindrücke die häßlichen Bilder

dieser Zeit verwischt, und der Winter brachte ihnen überhaupt wieder

andere Vergnügen und Zerstreuungen.

Drittes Kapitel.

Eine Rheinfahrt.

„An den Rhein, an den Rhein, zieh’ nicht an den Rhein,

Mein Sohn -- ich rathe Dir gut,

Dort geht Dir das Leben zu wonniglich ein,

Dort fließt Dir zu fröhlich das Blut.“

So lautet ja wohl das alte Volkslied, das mit seinen paar Strophen

ganze Bände zum Lob des Altvater Rheines spricht. -- Aber weßhalb

sollten wir nicht an den Rhein ziehen? -- weil es uns dort zu gut

ergeht? Du lieber Gott, wie lange währt denn eigentlich dieß Leben,

und wohl dem, der im Stande ist, es zu genießen, so lange er darf. Der

Gefahr, daß es uns zu wonniglich eingehe, können wir mit kecker Stirn

begegnen.

Der Justizrath selber schien auch nicht die geringste Furcht davor

und mit dem Aktenstaube und dem Dunst der dumpfigen und engen

Gerichtsstuben alle Sorgen und kleinlichen Befangenheiten des Lebens

abgeschüttelt zu haben. Er war, wie er nur hinaus in die frische freie

Luft kam, ein ganz anderer Mensch geworden, und glich in seinem weißen

leinenen Rocke, dem Strohhut und offenen Hemdkragen eher jedem anderen

irdischen Individuum, als eben einem Justizrath.

So tüchtig er aber auch in seinem Fach sein mochte, und mit klarem

Verstand und geistiger Schärfe er dort Alles sichtete und durch ein

richtiges Gefühl geleitet wurde, so vollkommen befand er sich von

dem Augenblick an außer seiner Sphäre, wo er in das praktische Leben

selbsthandelnd eintreten sollte.

Gleich auf der ersten Station der Eisenbahn hatte er sein Billet

verloren, ließ auf der zweiten, als er ein anderes lösen mußte, seinen

Regenschirm am Schalter stehen und wäre, als er danach zurücklaufen

wollte, während die Locomotive schon pfiff, heilig sitzen geblieben,

wenn ihn der Conducteur nicht mit zwei Pferdekraft gewaltsam in den

Wagen geschoben hätte. Dort setzte er sich dann, als der Zug plötzlich

anrückte, auf den Hut seiner Nachbarin und die eigene Brille und

ruinirte beide gründlich.

Auf der vierten Station hatte er ein anderes Malheur. Sie passirten

ein ihm befreundetes Städtchen, in dem er eigentlich seine juristische

Laufbahn begonnen und er bog sich aus dem Wagen, um es besser sehen zu

können. Da brauste der Zug plötzlich unter einer Brücke durch und rasch

zurückfahrend blieb er mit dem Strohhut außen hängen, der im Nu über

die Bahn hinauswehte; kurz er hatte sich in Zeit von anderthalb Stunden

mehr Schaden zugefügt, wie daheim in einem ganzen Jahr. Es half

auch Nichts, Elisabeth mußte Billete, Gepäckschein, Hutschachtel und

Reisesack -- d. h. die Ueberbleibsel des noch vorhandenen Eigenthums

übernehmen und von da an verwalten, eher kam ihr Vater, der sich in

eine außerordentliche Aufregung hineingearbeitet hatte, nicht zu Ruhe.

Ihr nächstes Ziel war Bonn. Dort hatte der Vater lange gelebt, ein

alter Universitätsfreund von ihm, Professor Perler, besaß unfern der

Stadt und unmittelbar am Rhein eine kleine reizende Villa, und die

Einladung für den Justizrath und seine beiden Töchter, in dessen

Familie eine Zeitlang zuzubringen, datirte schon seit Jahren und war,

wie das gewöhnlich mit derartigen Plänen geht, immer und immer wieder

aufgeschoben, aber endlich doch zur Wahrheit geworden, und besonders

der Mädchen Freude überstieg alle Grenzen.

Schon der erste Aufenthalt im Gasthof in Frankfurt war ein Genuß

für sie -- wie wir es denn überhaupt sehr häufig finden, daß Damen

leidenschaftlich ein Wohnen und Essen im Hotel lieben -- vielleicht

auch schon deßhalb, weil es sie für eine Zeit wenigstens aller

häuslichen Pflichten gründlich überhebt. Und nun erst am anderen Morgen

diese Seligkeit, als sie durch das sonnige, herrliche Land, durch

Weingärten und freundliche Villen dem Rhein entgegen brausten, und

kaum eine Stunde später, mit den geheimnißvollen rothen Thürmen, der

Bundesstadt Mainz gegenüber, auf einem wirklichen Dampfboot fahren

durften.

Vergessen waren da all’ die trüben Stunden, die sie durchlebt,

vergessen Alles, was außer dem engen Kreis lag, der sie umgab, und mit

Lust und Wonne genossen sie, wie wahrhaft glückliche Menschen, nur den

Augenblick.

Welch’ eigenes Leben das am Bord eines solchen Dampfers war und wie

das an Leben und Bewegung wuchs, je weiter sie fuhren. In Castel

befanden sich nur erst wenige Passagiere an Bord, und die wenigen, da

der Morgenwind ziemlich frisch über den Strom wehte, tranken heißen

Kaffee und gingen, in ihre Plaids gehüllt, an Deck auf und ab -- aber

jede Station brachte neue Zufuhr. Schon in Biberich trafen eine Anzahl

Passagiere ein und immer mehr in Geisenheim, Rüdesheim, Asmannshausen

und wie die Namen alle hießen, die ihnen schon so bekannt aus Vaters

Keller tönten. -- Und dazwischen die prächtigen alten Ritterburgen

mit ihren zerfallenen Mauern und hohläugigen Fenstern, mit ihren

Erinnerungen und Sagen.

Elisabeth besonders schweifte mit ihren Gedanken weit, weit zurück zu

jener Zeit. -- Was würde solch’ ein alter Ritter, den wir uns daheim

statt im Schlafrock nur im Harnisch mit dem Helm neben und einem

tüchtigen Humpen Rüdesheimer Ausbruch vor sich denken können, wohl

gesagt haben, wenn ihm der auf jenem verfallenen Wartthurm stationirte

Lugaus plötzlich gemeldet hätte, ein Dampfboot käme den Strom

herabgefahren? Hei, wie wäre er in seiner Rüstung emporgerasselt und

mit klirrenden Sporen die steinerne Treppe hinabgeeilt, um sich unten

auf das stets bereit stehende Schlachtroß zu schwingen.

Und die zarten Burgfräulein aus jener Zeit! -- An dem Fenster dort

oben, das jetzt nur noch zur Hälfte in der heruntergebrochenen Mauer

hängt, hatte gewiß oft und oft die züchtige Maid, den Schlüsselbund an

der Seite, die Spindel in der Hand, gestanden und nach jener anderen

Ruine hinübergeschmachtet, in deren hellen Fenstern damals noch -- wenn

auch jetzt Eulen und Raben darin nisten -- die Sonnenstrahlen blitzten,

und wo jedenfalls der Auserkorene wohnte, mit dem ihr unerbittlicher

Vater leider in bitterer Fehde begriffen war.

Und dort drüben Falkenburg. -- Ihr kleines Handbuch sagte:

„Diese Burg wurde schon im Jahr 1252 vom Städtebund zerstört, 1261 von

Philipp von Hohenfels wieder erbaut, der sie zum zweiten Mal zu einem

Raubschloß machte. Kaiser Rudolph von Habsburg eroberte sie wieder und

ließ den Raubritter mit seinen Spießgesellen hinrichten, 1282 die Burg

aber zerstören.“

Wundervoll! in jenem Steinhaufen lag ein ganzer Roman, und Elisabeth

sah im Geist, wie die hellen Heerhaufen des Kaisers mit schmetternden

Hörnern und fliegenden Bannern gegen das trotzige Raubnest anstürmten

-- wie Steine und siedendes Pech von den Wällen gegossen wurde, wie

die Donnerbüchsen krachten, und der rothe Hahn endlich vom Dach der

Burg emporloderte. Und jetzt fiel die Zugbrücke -- jetzt stürmten die

Angreifer über den schmalen Gang oder kletterten an den zertrümmerten

Wällen empor, und wie die Harnische da im Einzelkampf rasselten und

die Morgensterne niederschmetterten, was sie mit ihrer furchtbaren

Stachelwucht erreichten. Hu! Elisabeth barg schaudernd ihr Antlitz in

den Händen, als sie die heraufbeschworenen Greuel so lebhaft vor ihren

Augen schaute.

„Speisen Sie mit an der ~table d’hôte~?“ -- Die Frage des

höflichen Kellners, der, eine Serviette unter dem Arm, ein Notizbuch

in der Hand und einen gespitzten Bleistift schon im Voraus mit den

Lippen feuchtend vor ihr stand, rief sie aus dem Gemetzel der wilden

geharnischten Schaaren rasch in die befrackte nüchterne Wirklichkeit

zurück, und unwillkürlich lächelnd -- denn das Bild des vor ihr

stehenden Jünglings mit den sorgfältig gescheitelten Haaren inmitten

seines Hauptes stach doch zu sehr gegen die kernhaften Eisenmänner ab,

die sie eben noch im Geist geschaut -- wies sie ihn an ihren Vater.

„Die Lorelei“, tönte es da von vielen Lippen, als der alte

mächtige Felsen jetzt vor dem Bug des Dampfers auftauchte, und die

Salonpassagiere bewegten sich langsam nach vorn, da die Sonnenzelte an

den Seiten, der gedeckten Tische wegen, niedergelassen waren und vom

Quarterdeck ab die Aussicht versperrten.

Auf dem Vorderdeck standen jetzt die Passagiere dicht gedrängt und

Alle schauten schweigend zu dem kahlen Felskegel auf, dem eine unserer

schönsten deutschen Sagen Leben, Heinrich Heine diesem Leben Worte und

Schubert und Silcher ihnen einen Klang verliehen hat, der so lange

bestehen wird, wie der Felsen selber.

Da erheben sich plötzlich zwei Männerstimmen zu dem Loreleyliede und

möglich, daß in diesem Augenblick die ganze Zahl der Passagiere

andachtsvoll in die Melodie eingefallen wäre -- denn sie schwebte

ohnedieß auf jeder Lippe, hätten die Persönlichkeiten selber nur

ein klein wenig zu dem Sang und seinen duftigen Worten gepaßt. Als

sich aber Aller Blicke der Richtung zuwandten, sahen sie, daß der

solcher Art improvisirte Gesang von einem katholischen Geistlichen

in einem etwas sehr abgetragenen schwarzen langen Rock und einem

anderen in Laientracht gekleideten Individuum herrührten, das seinen

Bart jedenfalls noch vom vorigen Sonntag her trug -- und sein Hemd

ebenfalls. Diese beiden Männer sangen, der Loreley in die Zähne, das

Heine’sche Lied -- aber nur die ersten Strophen

„Der Gipfel des Berges funkelt

Im Abendsonnenschein“ --

Damit brach der Gesang plötzlich ab, und eine etwas boshafte Stimme

frug ziemlich laut:

„Nu? wo bleibt die schönste Jungfrau?“

Die Umstehenden lachten.

Elisabeth hatte sich der Stimme, von der die letzten Worte gesprochen,

zugedreht. Es war ein kleiner ältlicher Mann mit unverkennbar jüdischer

Physiognomie, aber hoher Stirn und ein paar großen, klugen Augen, sehr

anständig, wenn auch einfach gekleidet. Der katholische Geistliche

blieb ihm aber die Antwort schuldig, und der kleine alte Mann, dessen

schneeweiße Haare ihm etwas Ehrwürdiges gaben, trat jetzt zum Rand des

Bootes, dicht neben Elisabeth, um von da aus besser den Lurleifelsen

betrachten zu können, an welchem das Boot vorüberglitt.

Gerade in diesem Moment schoß ein Dampfzug durch den Tunnel, der durch

den Berg gebrochen worden, heraus in’s Freie, und der weiße Rauch

wirbelte und quoll an dem Hang empor, während der schrille Pfiff der

Lokomotive über den Strom herübertönte.

„Wunderbar! wunderbar!“ sagte der alte Mann leise vor sich hin und

nickte dabei mit dem grauen Kopf -- „aber ’s ist jammerschade.“

„Nicht wahr?“ sagte Elisabeth freundlich -- „daß man den Tunnel durch

den Fels gebrochen. Es zerstört die ganze Poesie.“

„Und das ganze Geschäft,“ lächelte der kleine Mann zu dem jungen

Mädchen auf, das ihn wohl um einen halben Kopf überragte.

„Das Geschäft?“ frug Elisabeth erstaunt; „ich sollte doch denken, daß

der Handel gerade durch diese Bahnen vermehrt würde, wenn sie auch

nicht eben an den Rhein und seine Ufer passen.“

„Das Geschäft von die Lorelei mein ich,“ sagte aber der alte Mann

lächelnd. „Gott der Gerechte, wo soll sie noch ein Geschäft mit

Konzertgeben machen, wenn die jungen verliebten Ritter, die sie sonst

anlockte, ganz bequem im Waggon unter ihrem Stuhl wegfahren mit die

Eisenbahn? Und wie die Lokomotive pfeift -- gerad wie zu Spott und

Hohn über die Lorelei, die sich jetzt muß ansingen lassen von die

Passagiere auf den Dampfschiffen, wo sie früher allein gesungen hat, --

Poesie -- wie heißt Poesie -- Dampf regiert jetzt die Welt, und wenn

ich überhaupt je wettete, möchte ich einen vollwichtigen Dukaten gegen

einen nassauer Sechser wetten, daß die Mamsell Lorelei lange ausgezogen

ist aus ihrem Felsenlogis und vielleicht jetzt mit berliner Tyrolern

die Messen bezieht und um Honorar singt. -- Was will sie da oben außer

Kurs sitzen?“

Elisabeth amüsirte sich Über den kleinen komischen Mann, aber in diesem

Augenblick ertönte vom Hinterdeck aus die Eßglocke, und der Justizrath,

der indessen drei Plätze belegt hatte, kam nach vorn, um seine älteste

Tochter zu suchen und zum Speisen abzurufen. Hatte er sich doch lange

schon auf den Moment gefreut, wo er ein Glas guten, ächten Rheinwein

auf dem Rhein selber trinken könne.

Armer Justizrath -- die Flaschen waren von der Kompagnie selber

versiegelt und auf der Etikette stand, daß sie nur in Gegenwart der

Reisenden geöffnet werden dürfen -- aber er bekam sie offen und statt

des erhofften rothen Aßmannshäuser ein dunkelrothes, trübes Fabrikat,

das weit eher nach Magdeburg als dem Rhein schmeckte. Er wollte dagegen

protestiren, aber der Kellner hatte leider keine Zeit, sich mit ihm

abzugeben, und der Niersteiner, den er hier noch versuchte, war so

sauer, daß er nicht einmal die Lippen mehr zu einer Klage auseinander

bringen konnte.

Nur die Preise entsprachen den Etiketten, und der Justizrath ärgerte

sich über sich selber, daß er sich über den schlechten Wein an Bord der

Dampfschiffe ärgern konnte.

Und das Diner dauerte ewig, so daß man dabei den schönsten Theil

des Rheins versäumte, bis zuletzt noch kalter Kaffee und warmes Eis

herumgereicht wurde --, aber die jungen Damen waren schon lange wieder

aufgestanden und kamen gerade noch zur rechten Zeit, um zu sehen, wie

das Dampfboot bei Koblenz einen wahren Menschenschwarm an Bord nahm und

dann wieder keuchend in den Strom hinaus hielt.

Die Neugekommenen hatten natürlich schon dinirt und zerstreuten sich

aus dem Verdeck, und Elisabeth amüsirte sich damit, die verschiedenen

Gruppen zu mustern, die jedes noch freie Plätzchen besetzten. Aber

es waren doch nur lauter fremde Gesichter, denen sie hier begegnete:

geputzte Leute, die entweder eine kurze Vergnügungsfahrt in der

Nachbarschaft machten, oder auch nur den bequemeren Dampfer der

Eisenbahn vorgezogen hatten, um eine Strecke den Rhein hinab zu gehen.

Aber plötzlich sah sie überrascht auf, denn sie entdeckte eine Gestalt,

die ihr bekannt vorkam, wenn sie sich auch um’s Leben nicht besinnen

konnte, wo sie dieselbe je gesehen.

Es war ein junger sehr elegant gekleideter Mann, der jedenfalls den

bevorzugten Ständen angehören mußte. Sein Gesicht war etwas bleich,

aber edel und ausdrucksvoll, mit einem unverkennbaren Zug von

Schwermuth um die feingeschnittenen Lippen, und sein dunkles Auge

schweifte forschend an Deck umher, als ob er Jemanden suche. -- Sie

mußte dieß Gesicht schon gesehen haben. Der Fremde indessen, -- mit den

Blicken überall, nur nicht vor sich, kam gerade auf Elisabeth zu --

so nah, daß er sie fast berührte -- bestürzt wich er aber zurück, und

höflich den Hut lüftend entschuldigte er sich, indem er vorüberging. --

Keine Miene verrieth jedoch, daß er sie kenne oder nur etwas Bekanntes

in ihren Zügen gefunden hätte. Vollkommen fremd wich er ihr aus -- es

mußte nur eine Aehnlichkeit mit irgend einem Anderen sein -- und in dem

Gewirr von Menschen verlor sie ihn auch bald wieder aus den Augen.

Die Fahrt auf dem Dampfer war durch die vielen hinzugekommenen

Passagiere keine Vergnügungstour mehr. Wer einen Moment aufstand,

fand seinen Sitz wohl wieder, aber einen langen Engländer oder kurzen

Deutschen behaglich darauf eingerichtet, und Reisetaschen, Regenschirme

und Plaids versperrten selbst jede Passage so vollkommen, daß man sich

wohl oder übel nicht mehr von der Stelle bewegen konnte.

Sehr viele Passagiere gingen aber in Rolandseck von Bord, und es gab

ein wenig mehr Luft. Das Gepäck für Bonn wurde jetzt an Deck geschafft,

und Elisabeth, die dem Vater in der Besorgung desselben nicht recht

vertraute, ging selber nach vorn, um danach zu sehen.

Dort stand auch der junge Fremde wieder und zwar im eifrigen Gespräch

mit dem alten Mann, mit dem sie sich vorhin unterhalten. Der kannte ihn

also -- wenn sie ihn nur hätte fragen können -- aber das ging nicht.

Sie verhandelten angelegentlich über einen Gegenstand, den der alte

Mann in der Hand hielt und aufmerksam betrachtete. -- Was es war,

konnte sie freilich nicht erkennen, aber er schüttelte langsam mit dem

Kopfe, als ob er nicht recht einverstanden wäre.

In diesem Augenblick kam ihr Koffer nach oben, und den einen Reisesack,

der darauf lag, wollte ein Fremder an sich nehmen. Der Bootsmann frug

nach der Nummer, und Elisabeth trat hinzu, um den Irrthum zu vermeiden.

Das Boot glitt indessen rasch am Ufer hin, und plötzlich läutete die

Glocke schon wieder zur nächsten Landung in Bonn.

Jetzt hatte nun Jeder freilich für sich zu sorgen, und während Käthchen

emsig bemüht war, den Regenschirm des Justizraths zu suchen, den dieser

irgendwo -- er konnte sich nicht mehr besinnen wo -- hingestellt

hatte, hörte die Maschine auf zu arbeiten und das schlanke Boot glitt

an die Landung, wo die Brückenleute draußen die bonner Passagiere vor

der Hand noch durch eine Barrière abgesperrt hielten, um vorher den

Aussteigenden Gelegenheit zu geben fortzukommen und Platz zu machen.

Elisabeth durfte aber das Boot nicht verlassen; Käthchen hatte den

Schirm noch nicht und der Justizrath suchte jetzt in allen Taschen

seine Brille, um selber mit nachzusehen, denn er mochte doch den erst

in Frankfurt wieder gekauften neuen Schirm nicht nochmals einbüßen.

Elisabeth erkannte indessen am Ufer schon das gutmüthig lächelnde

Gesicht des Professors Perler und neben ihm ihre Freundin Rosa, die

auch sie erkannt hatte und ihr fröhlich mit dem Tuche winkte.

Jetzt verließ der junge Fremde ebenfalls das Boot -- auch er mußte den

Professor kennen, denn er grüßte Vater und Tochter, als er vorüberging,

und es schien fast, als ob er sie anreden wolle; aber die Menschenmenge

von Bord drängte zu sehr durch die schmale, ihr verstattete Gasse des

Ausgangs -- er konnte nicht stehen bleiben und wurde vorbei geschoben.

Am Land aber sah Elisabeth, wie er seine kleine Reisetasche einem der

Packträger übergab und mit diesem in die Stadt hinein schritt.

Jetzt kamen auch Vater und Schwester heran. Der Regenschirm, auf

dem indessen eine englische Familie in aller Ruhe Platz genommen,

war glücklicherweise durch den noch verrätherisch vorschauenden

Knopf entdeckt und gerettet worden, und schon mußten sie sich dem

eindrängenden Strom der neuen Passagiere entgegenwerfen, die nach

fortgeschobener Barrière das Boot im Sturm zu nehmen suchten. Aber

auch das wurde überstanden, und jetzt am Ufer küßten sich die beiden

alten Herren und herzten sich die jungen Mädchen in der Freude des

Wiedersehens.

Eine Droschke stand bereit, aber Alle zogen es vor, lieber zu

Fuß zu gehen, und des Professors Diener wurde nur mit dem indeß

aufgeladenen Gepäck allein vorausgeschickt, während die fröhlichen und

sich aneinander freuenden Menschen plaudernd und erzählend langsam

nachfolgten.

„Sag’ einmal, Rosa,“ frug da Elisabeth, die sich noch immer nicht über

den jungen Fremden beruhigen konnte, denn es giebt nichts Peinlicheres,

als sich in Gedanken mit einem bekannten Bild abzuquälen, „wer war denn

der junge Herr, der euch vorhin grüßte?“ --

„Uns? hier an Land?“ --

„Ja, er kam vom Boot.“

„O, der junge Baron Berger?“ --

„Er trug einen vollen Bart.“

„Ganz recht, der Bräutigam von Klara Paßwitz.“ --

„Berger?“ sagte Elisabeth, nachdenklich mit dem Kopf schüttelnd, „den

Namen habe ich in meinem ganzen Leben nicht gehört.“ --

„Er stammt, wie er sagt, aus einer englischen Familie,“ fuhr Rosa fort;

„aber er selber muß ein Landsmann sein, denn er versteht sehr gut

deutsch.“ --

„Wie meinst Du das?“ frug Elisabeth, der die Worte mit einer gewissen

Betonung gesprochen schienen. --

„Gutes Herz,“ sagte aber Rosa, „wenn Dich der junge Herr so

interessirt, so erzähl’ ich Dir viel von ihm. Wir haben überhaupt so

viel zu plaudern und zu besprechen, Kinder, daß ich noch gar nicht

sehe, wie wir fertig werden wollen.“

Viertes Kapitel.

Der Besuch.

Die Frau Professorin Perler hatte Mann und Tochter nicht an das

Boot begleiten können, um ihre lieben Gäste zu empfangen; denn die

telegraphische Depesche, die ihr Eintreffen anzeigte, war erst an dem

Morgen angelangt und da natürlich noch so viel im Haus zu thun und zu

ordnen, daß sie nicht daran denken konnte, es zu verlassen. Behielt

sie doch auch wirklich -- nachdem Alles endlich in den gehörigen Stand

gesetzt -- kaum nur so viel Zeit übrig, um sich in ihren Staat zu

werfen, als der Wagen mit dem Gepäck schon vor die Thür rasselte und

bald darauf auch die Erwarteten eintrafen.

Das war jetzt ein Fragen und Erzählen unter den fröhlichen guten

Menschen, und die Frau Professorin führte dann den Herrn Justizrath

in sein Zimmer hinauf, das sie ihm eingerichtet hatte, als ob er sich

dort für Lebenszeit einquartieren solle, und Rosa nahm Käthchen und

Elisabeth unter den Arm und sprang mit ihnen nach deren Gemach, das

eher einem Puppenstübchen aus dem Feenreiche, als einem Wohnort für

irdische Wesen glich. Dann sollten sie begreiflich noch einmal zu

Mittag speisen, was aber natürlich entschieden abgelehnt werden mußte,

denn es war kaum vier Uhr vorbei und nur dem Kaffee konnte und wollte

der Justizrath nicht ausweichen, der hinunter in die mit schon reifen

Trauben behangene Weinlaube getragen und dort mit einer guten Cigarre

genossen wurde.

Aber die Mädchen hatten keine Ruhe dort und einander so unendlich viel

zu erzählen -- eigentlich merkwürdig, da sie sich fast wöchentlich

bogenlange Briefe schrieben -- daß es ihnen in der Laube keine Ruhe

ließ und sie jetzt Arm in Arm durch den Garten wanderten, um sich

endlich einmal ordentlich auszusprechen. Wir Menschen fühlen ja oftmals

das Bedürfniß, besonders junge Damen, die auch an dem Geringsten und

Unbedeutendsten ein warmes Interesse nehmen.

„Sag’ einmal, Rosa,“ frug da Elisabeth endlich, die bis jetzt die

Stillste gewesen war, denn immer noch suchte sie in ihrem Gedächtniß

nach dem Bild des Fremden, und ärgerte sich dabei eigentlich über

sich selber, daß ein vollkommen gleichgültiger und fremder Mann ihre

Gedanken so in Anspruch nehmen konnte -- „was ist das für eine Klara

Paßwitz, von der Du vorhin sprachst?“

„Klara? ei die Tochter des Medizinalraths, der auch mit Deinem Vater

sehr befreundet ist!“ rief Rosa, „und ein liebes gutes Mädchen -- aber

ja so, das wollte ich Dir ja noch erzählen, weil Du mich vorhin nach

ihrem Bräutigam frugst, der uns an der Landung grüßte.“

„Kennst Du ihn denn, Lily?“ frug Käthchen erstaunt.

„Nein,“ lächelte die Schwester; „aber sein Gesicht muß ich schon

irgendwo einmal gesehen haben, kann mich aber nicht besinnen wo, so

viel ich mich auch schon deßhalb abgequält habe.“

„Nun, das müßte bei uns in Hoßburg gewesen sein,“ meinte die Schwester.

„Vielleicht war er einmal dort zum Besuch.“

„Ich glaube kaum,“ sagte Rosa; „denn so viel ich weiß, ist er erst

vor ganz kurzer Zeit von Paris zurückgekehrt, wo er sich durch

Spekulation ein bedeutendes Vermögen erworben und sich jetzt hier in

der Nachbarschaft -- wenigstens nicht so weit entfernt angekauft hat.“

„Und er wird Klara Paßwitz heirathen?“

Hüben und Drüben; Dritter Band (3/3) Neue gesammelte Erzählungen · 第 1 / 16 段