Fräulein Holm hätte das Geheimnis zu gern für sich behalten. Aber so nah

wie sie mit Frau Rosenborg seit drei Tagen befreundet war. Nein, das ging

nicht. Aber gleich nachdem sie es gesagt hatte, tat es ihr wieder leid.

Eigentlich wußte man doch gar nicht, ob man sich schon so nahe stand!

Bei Frau Rosenborg war die Sache natürlich ganz anders. Sie sagte kein

Sterbenswörtchen -- aber wer mit ihr gesprochen hatte, der wußte genug.

Frau Rosenborg sagte es nämlich gewissermaßen zwischen den Zeilen und »wenn

man wüßte« . . . und »ich weiß nichts«. Und bei »ich« zog sie die Schultern

hoch und lachte komisch. Den Rest sagten die Augen. Verteufelt freche

Augen, ganz verteufelt freche Augen . . .

Aber die Sache ist jetzt die, daß eigentlich niemand recht weiß, wer zu den

Eingeweihten gehört und wer nicht. Alle betrachten sich ein wenig

mißtrauisch und sehen einander beim Sprechen auf die Lippen, als könnten

sie es da erfahren.

Aber welch' ein Leben herrscht doch auf unserem Schiff, seitdem dieses

öffentliche Geheimnis die Segel der Neugierde schwellt.

Nur die älteren Damen mit ihren Handarbeitstäschchen und ihren Fußbänkchen,

sie unterhalten sich nach wie vor von ihren Siebensachen, von ihren

erwachsenen Söhnen und ihren verheirateten Töchtern, und entdecken bei

dieser Gelegenheit wohl gar, daß sie miteinander verwandt sind. Oder zu

mindesten haben sie gemeinsame Bekannte, die ihnen womöglich bei einer

solchen Entdeckung in einem ganz neuen Licht erscheinen.

Aber die Augen auf, meine Damen, die Augen auf! So alt sind Sie denn doch

noch nicht, daß es Ihnen nicht später ein ernstlicher Verdruß sein wird,

wenn Sie dabei gesessen, dabei gesessen und nichts gemerkt haben!

Sie, gnädige Frau, zum Beispiel, die Sie in Ermangelung eines Besseren eben

davon leben, Ihren armen gedemütigten Ehemann es jeden Augenblick empfinden

zu lassen, wie sehr Sie ihn wegen des kleinen Seitensprunges mit der

ehemaligen Gouvernante ihrer Kinder verachten. Wenn Sie nicht so viel Mühe

hätten, ein empfindliches und verachtendes Gesicht zur Schau zu tragen,

hätten Sie es doch, weiß Gott, schon merken müssen. Sie sind doch nach der

Passagierliste erst 36 Jahre!

Und dann Fräulein Sivers . . . Warum sagen Sie immer, das Leben sei lange

nicht so interessant, wie das Theater? Nun, wetten wir, daß später einmal

diese Reise das Glanzstück in Ihren glaubwürdigen Memoiren bilden wird?

Vergessen Sie ja nicht zu bemerken, daß Sie »gleichsam« -- ja gleichsam ist

das passende Wort -- die erste waren, die alles gemerkt hatte, die sich

aber _wohlweislich_ nichts merken ließ und ihre Rolle bis zu Ende glücklich

durchführte. Vergessen Sie das nicht!

Also die Augen auf, meine Damen! Noch ist es Zeit, den anderen

Schiffsgästen Vorwürfe zu ersparen. Wenn Sie nicht mehr so viel Phantasie

aufbringen können, wie Fräulein Sivers, die es »gleichsam zuerst bemerkte«,

dann wird Ihnen das nach Jahren noch zu schaffen machen! Glauben Sie mir,

ich kenne das. Es wurmt einen noch sehr lange, wenn man nichts gemerkt hat

-- ja, ja!

Ich treffe Frau Rosenborg, die mit Fräulein Holm flüstert.

»Diese prachtvolle Farbe, dieses tiefe Blaugrün« sind die Worte, die für

meine Ohren bestimmt sind.

»Sie schwärmen ja ordentlich, Fräulein Holm. Aber Sie haben recht,

köstlich, ganz köstlich! . . .«

Einen Augenblick schweige ich und sehe die Damen, die echt verzückt aufs

Meer hinaussehen, an. Während ich dann selbst hinausblicke und mich nicht

im geringsten daran kehre, wie die Damen verdutzt dreinschauen, sage ich:

»ja, diese grünbläuliche Farbe erinnert mich ein wenig an eine gewisse

Partie auf dem Bilde von Lionardo -- der Gioconda, das Bild wurde doch

kürzlich gestohlen.«

Die Damen waren baff.

»Es war ein sehr eigentümliches Bild,« fahre ich fort -- die Damen erholten

sich nicht von ihrem Staunen -- »ich muß schon sagen, es ist mir wohl

verständlich, daß jemand auf den Gedanken kommen konnte es zu stehlen.

Wissen Sie, es _reizte_ einen ordentlich dazu. Ich meine dieses Weib, es

war doch wie aus Fleisch und Blut. Nicht wahr? Und dieses Lächeln,

nächtelang hat es mich verfolgt. Ich sah überhaupt zuletzt nur noch dieses

Lächeln. Ich sehe es überall; es kam mir weiß Gott vor, als lächelten alle

Frauen so, und das machte mich förmlich rasend. Wenn ich das Bild gestohlen

hätte -- sehen Sie, jetzt kann ich es Ihnen ja sagen -- ich hatte nämlich

auch einmal die Absicht, ja, weiß Gott, ich hatte die Absicht, aber ich bin

ja viel zu feige dazu -- ja, was wollte ich sagen -- richtig, ich meine,

wenn ich es gestohlen hätte, so hätte ich das Bild getötet -- vernichtet,

meine ich, erstochen hätte ich es oder verbrannt. Ja!«

All das sog ich mir im Handumdrehen aus den Fingern und das versteinerte

Erstaunen der Damen -- ich sah, daß beiden der Mund aufstand und sie dabei

sehr häßlich aussahen -- kam mir dabei vortrefflich zustatten. Es wäre ein

leichtes gewesen, sie noch mehr in Erstaunen zu setzen. Einen Augenblick

kam mir sogar der Gedanke ihnen zu sagen, daß ich der Dieb wäre. Aber das

hätte mir vielleicht den Spaß verdorben.

Ich brach plötzlich ab und wendete mich zu Fräulein Holm, die etwas

verlegen lächelte: »Glauben Sie, daß der Dieb Paris verlassen hat?«

»Wieso?« Ihr hilfloses Lächeln wiederholte sich.

»Sehen Sie, das ist ganz ausgeschlossen. Wie gesagt, wenn ich das Bild

gestohlen hätte, -- ich meine nur so --, so würde ich doch Paris nicht

verlassen! Sagen Sie selbst, wo ist man besser aufgehoben als in Paris?

Ach, glauben Sie mir, der Dieb hat Paris nicht verlassen. Wegen des schönen

Wetters und weil Sie so ein erstauntes Gesicht machen -- Fräulein Holm

machte rasch mit der Hand eine Bewegung über ihr Gesicht hin -- möchte ich

geradezu eine Wette darauf eingehen. Wollen Sie?«

»Ich wette dagegen,« sagte Fräulein Holm mit einem Blick nach Frau

Rosenborg und streckte die Hand aus.

»Nun, und was behaupten Sie? Daß er Paris verlassen hat?«

»Ja -- und --«

»Und daß er auf ein Schiff geflüchtet ist?«

Fräulein Holm sah mir fest in die Augen und hielt die Hand noch immer

hingestreckt.

»Ha -- diese Wette nehme ich an. Ich wette, -- nun gut, ich wette 1000

Franken,« sagte ich.

»Da wette ich auch,« rief plötzlich Frau Rosenborg dazwischen und streckte

auch ihrerseits die Hand aus. Der Daumen war etwas nach außen gebogen.

»Auf 1000 Frank?«

»Auf 5000 Frank,« sagte sie.

»Auf 5000 Frank? Ich wette auch auf 5000 Frank, aber unter einer

Bedingung!«

Ich sah jetzt die Damen gespannt an; dann platzte ich damit heraus: »Unter

der Bedingung, -- daß das Bild nicht hier auf dem Schiff gefunden wird!

Vielleicht haben Sie es ja selbst gestohlen!«

Ich lachte, als wollte ich dadurch anzeigen, für wie unsinnig ich selbst

meinen Einfall hielte.

»Na, das ist doch klar,« -- wieder lächelte ich so, als ob ich etwas ganz

Unsinniges sagte, -- »wenn Sie das Bild selbst gestohlen hätten, dann

wüßten Sie ja, wo es ist und dann . . . dann wäre es doch gewinnsüchtig von

Ihnen, die Wette abzuschließen!«

Ich weidete mich an der Verlegenheit der Damen, die sich gegenseitig

hilflos anlächelten.

»Also 5000 Franken.« Ich streckte nun meinerseits die Hand aus. Aber die

Damen zögerten.

»Bitte -- schließlich können Sie es doch annehmen. Auch wenn Sie es

gestohlen haben. Sie riskieren doch nichts!«

»Wieso?« Die Damen sahen noch nicht klar.

»Dann bekommt doch niemand etwas. Sie nichts und ich nichts.«

»Ja, das ist ja auch wahr,« sagte Fräulein Holm und sah dabei Frau

Rosenborg mit einer Miene an, die sagte, na, dann können wir es ja

eigentlich ganz gut riskieren:

»Also. Top.« Wir schlugen zweimal die Hände zusammen und alle lachten wir

herzlich.

»Die Wette ist so gut wie gewonnen,« rief ich. »Aber ein bißchen verdächtig

sind Sie mir jetzt doch. Entschuldigen Sie mich. Ich muß endlich einmal

mein Paket auspacken, das ich aus Paris mitgebracht habe. Auf Wiedersehen.

Und 5000 Franken! Auf Wiedersehen!«

Hinter meinem Rücken fühlte ich, wie die Damen sich mit sprachlosem

Erstaunen ansahen. Erst jetzt kam es ihnen eigentlich recht zum Bewußtsein,

was sie getan hatten. Außerdem hielten sie mich jetzt selbst für den Dieb;

denn wer es eigentlich sei, darüber war, so viel ich sehen konnte, noch gar

nichts bekannt.

* * * * *

Den 26. August. O, ich bereue es keinen Augenblick, mich auf diese Seefahrt

eingelassen zu haben! Wir leben ja wie auf einem Vulkan, wie auf einem

Pulverfäßchen, das jeden Augenblick losgehen soll.

Welch' ein unterirdisches, heimliches Leben spielt sich doch hier unter uns

ab. Fast mit jedem Augenblick wird die Situation gespannter. Einige Damen

sind, weiß Gott, schon so ermüdet von diesem beständigen so auf der Lauer

liegen, daß sie sich ganz unvorsichtig benehmen. Wenn mein Freund nur

halbwegs meine Augen im Kopf hat, so muß er es längst bemerkt haben, daß es

ihm an den Kragen gehen soll.

Dieses Hin und Her auf dem Schiff. Diese Nervosität in allen Liege- und

Lehnstühlen. Nie waren die Garnröllchen so boshaft, nie die kleinen

Nähfutterale so heimtückisch. Überall bleiben sie liegen, fallen hin,

rutschen durch, springen aus den Fingern heraus oder verstecken sich

irgendwo in allen möglichen bunten Lappen- und Fadenwirrnissen. Und diese

unbarmherzige Bearbeitung all der kleinen Fußbänkchen. Was ist denn mit

ihnen? Bald stehen sie zu weit vorne, bald zu weit hinten, bald sind sie

»überhaupt zu unbequem«, fliegen mit einem Schupps zur Seite und gleich

werden sie wieder in einer Anwandlung von Reue zurückgeholt und

gestreichelt! Haha -- wenn man an den Liegestühlen vorbeikommt, wird man

ordentlich in Versuchung geführt, die Sprache all dieser wippenden,

schaukelnden, schlenkernden Füßchen einmal rund heraus ins Deutsche zu

übersetzen! Na, dann würde wohl endlich in die griesgrämigen,

stirngerunzelten, großen Stiefel der alten Damen auch ein bißchen Leben

kommen. --

Eine famose Entdeckung, eine ganz famose Entdeckung habe ich da im Gespräch

mit einer großen brünetten Dame gemacht -- ich habe den Namen vergessen.

Sie kommt die Treppe herauf: Ach! Ihre Nähtasche fiel auf die Stufen. Eine

kleine Nickelschere und ein Garnröllchen fielen heraus und polterten die

Treppe hinunter.

»Mir kommt vor, all unsere Damen sind in den letzten Tagen so nervös

geworden« sage ich und reiche ihr die Sachen zurück.

»Ach, es ist ja aber auch nicht auszuhalten!« Sie schaute ängstlich

neugierig nach den Stuhlreihen. »Ist denn schon etwas passiert?«

»Aber was sollte denn passiert sein?«

»Ach, ich weiß ja nicht. Ewig will mein Mann mit mir über unsere

geschäftlichen Angelegenheiten sprechen.« »Geschäftliche Angelegenheiten«

sagte sie sozusagen in Gänsefüßchen, wie um schon jetzt anzudeuten, daß das

etwas wäre, was sie nichts anginge. »Ich verstehe ja davon nichts, gar

nichts. Ich halte es nicht aus da unten. Ich muß hier oben sein . . . in

der freien Luft.« Auf ihrem hübschen Gesichtchen war jetzt ein Zug ähnlich

dem eines kleinen Schulmädchens, das eine Rechenaufgabe nicht lösen kann

und dem die Tränen nahe sind.

»Ja, die freie Luft ist Ihnen auch sicher bekömmlicher als >geschäftliche

Angelegenheiten<«.

Sie lächelte mich freundlich an. Offenbar freute sie sich darüber, daß ich

an dieses schnell erfundene Märchen von der »freien Luft« glaubte. Gleich

darauf aber, während sie sich wohl wieder ihren Mann bei den

»geschäftlichen Angelegenheiten« vorstellte, kam wieder dieser halb

erbitterte, halb leidvolle Ausdruck in ihr Gesicht und sie sagte: »Ja, ich

glaube alles mögliche könnte passieren, alles mögliche; mein Gott es ist zu

schrecklich mit diesen Männern!« Wieder standen ihr beinahe die Tränen in

den Augen.

»Kommen Sie, lassen Sie uns von etwas anderem sprechen. Darf ich Ihnen

etwas von Ihren Sachen tragen?«

Haha, ich werde nicht den fragwürdigen Blick vergessen, mit dem sie ihre

bunten Siebensachen plötzlich an sich hielt. Ganz leise und

vorsichtig-ängstlich sagte sie: »Nein, ich danke . . . ich danke.«

Ich ging einige Schritte neben ihr her. Ganz plötzlich sagte ich: »Die

Gioconda ist jetzt auf einem Schiff gefunden worden!«

»Bei uns?« rief sie schnell und preßte ihre Siebensachen an die Brust.

Ich tat als bemerkte ich nichts von ihrem auffallenden Erschrecken, blies

den Rauch meiner Zigarre vor mich her und sagte, so wie man eine ganz

belanglose Sache sagt, nur um überhaupt etwas zu sagen: »Nein, auf einem

Dampfer der White Star Line.«

Sie war unwillkürlich stehengeblieben und blickte mich jetzt sonderbar an.

»Aber es hieß doch -- Sie wären (sie verbesserte sich rasch) -- ich meine,

es hieß doch, das Bild wäre hier bei uns auf dem Schiff?«

»So? Davon habe ich gar nichts gehört.«

»Nein? Aber es hieß doch ganz bestimmt, es wäre hier an Bord. Es sollte

doch bei jemandem in der Kabine gesehen worden sein. Wir haben doch einen

Geheimagenten an Bord. Der hier mit den vielen Ringen. Und dann sind Sie ja

wohl gar nicht der Dieb?«

»Wie? Was sagen Sie? Ich, der Dieb? Zum Teufel auch, wer hat das gesagt?«

»Alle haben es gesagt.«

»Alle haben es gesagt? So? dann entschuldigen Sie mich einen Augenblick!

Mein Gott, das versetzt mich in eine begreifliche Begeisterung.« Ich ließ

Frau . . . Gott, wie hieß sie doch . . . richtig, Frau Sanden stehen, lief

in meine Kabine, trommelte mit den Fäusten an die Wand und sang dazu: »Ha,

sie halten mich für den Dieb, hallo. Das ist famos. Gut, ich werde meine

Rolle spielen. Das ist etwas für mich, einen Dieb zu _spielen_, haha, das

werde ich können, wenn ich auch selber nicht imstande bin, auf anständige

Art und Weise eine Apfelsine zu stehlen. Ein Dieb, -- famos, ich bin ein

Dieb; der Dieb der Gioconda . . . ich werde meine Rolle schon durchführen

. . . sie steht mir ja famos diese Rolle . . .«

* * * * *

Mein Gott, mein Gott, was ist mit mir geschehen, ist das der Anfang des

Wahnsinns, bin ich irrsinnig geworden? Was geht mit mir vor? Habe ich mich

in einen anderen Menschen verwandelt? Bin ich der Dieb des Bildes? Was ist

mit meiner Hand, meinen Augen, meinem Körper? Bin ich das noch, der ich

hier aus dieser Türe vor einigen Stunden herausgetreten bin? Sind das noch

meine Füße, die mich bis an die Treppe geführt haben, wo ich plötzlich ihm

begegnete und wo plötzlich diese furchtbare Veränderung mit mir vorging?

Mein Gott, mein Gott, was ist mit mir geschehen? Habe ich mich nicht hier

noch vor kurzem vorbereitet, die Rolle des Diebes zu spielen und jetzt, und

jetzt -- o, mein Gott -- mir wird elend und angst, wenn ich daran denke --

jetzt bin ich womöglich der Dieb selbst? . . .

Ich will alle meine Kraft -- o ich fühle, mir bleibt kaum mehr so viel

übrig, überhaupt das Leben zu ertragen -- ich bin ja irrsinnig oder ich

beginne es zu werden -- mein Körper gehört nicht mehr mir, meine Stimme,

welch' eine Stimme kommt aus meiner Kehle -- sind das noch meine Hände --

ist das meine Haut, dieses dünne eidechsenartige Gewebe auf meinen Fingern?

O der Ekel befällt mich, ich muß -- hilf mir mein Gott, nein, nein, ich bin

nicht der Dieb, nein, ich habe nicht gestohlen, so wahr ich lebe, ich

. . .

* * * * *

(Zwei Stunden später.) Ich will alle Kraft zusammennehmen und das

Entsetzliche aufschreiben, vielleicht findet man es nach meinem Tode. Dann

wird man sehen können, wie unschuldig ich bin; daß ich nicht das geringste

begangen habe, was unrecht ist. Ja, ich will versuchen, mich selbst zu

verteidigen, _mich gegen mich selbst_ zu verteidigen. --

Als ich von dem Gespräch mit Frau Sanden in meine Kabine kam, überlegte ich

mir, wie ich den Agenten und die Damen und alle Schiffsgäste zum besten

halten könnte. Ich wollte mich recht auffallend betragen; wenn noch irgend

etwas an ihrer Überzeugung fehlte, daß ich der Dieb sei, so wollte ich es

hinzutun. Ich wurde ganz warm bei diesem Gedanken. Ich sah, ich fühlte alle

Blicke auf mir; alle sah ich umherstehen und flüstern und überall, wo ich

in Gedanken vorbeiging, ließ ich eine Äußerung fallen, machte ich eine

eigentümliche Geste, die mich als den Dieb verraten und charakterisieren

sollte. Fast ohne daß ich es wußte, verließ ich meine Kabine, ging den Gang

hinunter und wollte eben die Treppe emporsteigen, als der Gelbe mir

entgegenkam. Er trug etwas Schimmerndes in der Hand, was ich gleich

erkannte.

»Ha, da sind Sie?« Zufällig gebrauchten wir genau dieselben Worte und

sprachen sie auf die Sekunde gleichzeitig aus.

»Was haben Sie denn da? Ein altes Schlachtschwert. Wollen Sie jemanden

hinrichten?« Er hatte in der Tat ein großes, mittelalterliches Schwert in

der Hand, an dem einige Goldketten herabhingen. Er drängte mir das Schwert

in die Hand und indem ich es wog, fühlte ich, daß es sehr schwer war.

»Ich wollte eben zu Ihnen kommen, um es Ihnen zu zeigen. Sie verstehen doch

offenbar etwas von Waffen?«

Die Frage kam mir so eigentümlich vor, daß ich unwillkürlich in seine Augen

blickte, und zum ersten Mal fielen mir diese Augen auf, die seltsam

grünlich waren, wie die einer schwarzen Katze. Ich wunderte mich im

stillen, daß ich dieses auffallende Merkmal sonst noch nie an ihm

wahrgenommen, ja daß ich eigentlich seine Augen überhaupt noch nicht

gesehen hatte.

Als ich ihm jetzt antwortete, fiel es mir auf, wie eigentümlich schüchtern

und zitternd meine Stimme klang, ähnlich fast wie die eines Menschen, der

ein schlechtes Gewissen hat und fürchtet, daß sein Lügen durchschaut wird.

»Ich soll etwas von Waffen verstehen? Wer hat das gesagt?«

»Aber nun verstellen Sie sich doch nicht.«

»Ich verstelle mich doch gar nicht . . .«

»Aber, aber! . . . Jedermann weiß, daß Sie einer unserer besten Kenner

mittelalterlicher Waffen sind . . .«

Wieder antwortete ich mit derselben leisen schüchternen Stimme: »Ich ein

Kenner? . . .« Fragend sah ich in seine eigentümlich grünschillernden

Augen. »Für wen halten Sie mich denn? Ich bin . . .«

Aber er ließ mich nicht ausreden, sondern fiel mir ins Wort und sagte,

während mein Erstaunen ins Maßlose wuchs und es mir fast unheimlich wurde:

»Ich halte Sie für den Herrn, der vor kurzem so glücklich war, in Paris bei

dem Kunsthändler Duval den berühmten Dolch aus rötlichem toledanischen

Stahl zu kaufen. Sind Sie dieser Herr oder sind Sie es nicht?«

Und jetzt geschah etwas, was ich nie für möglich gehalten hätte und was mir

bis zu meinem Tode rätselhaft bleiben wird. Man hätte doch glauben sollen,

daß ich diesem Ansinnen, den Dolch bei Herrn Duval gekauft zu haben, aufs

lebhafteste widersprochen hätte. Aber jetzt war es mir plötzlich, als ob

sich in meinem Inneren etwas umwandte -- ganz deutlich hatte ich dies

Gefühl, als kehre sich etwas Dunkles plötzlich in mir ins Licht -- und laut

und vernehmlich hörte ich wie meine Stimme sagte: »_Ja, der bin ich_.« Und

in demselben Moment als ich dieses zugab, da wußte ich auch, daß es sich

bei dieser so unscheinbar klingenden Frage eigentlich gar nicht um den

Dolch, sondern um das Bild, um das Bild der Gioconda handelte, daß die

Frage: Haben sie den Dolch bei Herrn Duval gekauft? nicht mehr und nicht

weniger bedeutete als: Haben Sie die Gioconda aus dem Louvre geraubt?

Und irgendeine fremde, unsichtbare Macht zwang mich, ohne daß ich selbst

begriff wie, es zuzugeben, ja dazu zu sagen, als sei es das

Selbstverständlichste von der Welt.

Ich hatte doch mit meinen eigenen Augen gesehen, wie er selbst in den Laden

getreten war und die Hand auf den Drücker gelegt hatte. Ich hatte doch

gesehen, wie er als Erzbischof verkleidet vor Herrn Duval gestanden hatte

und plötzlich den Mantel, der mit brennend roter Seide gefüttert war,

zurückschlug und den Dolch in der Hand hielt. Ich hätte es also mit dem

besten Gewissen beschwören können, daß er selbst es war, der den Dolch

gekauft hatte.

In seinen Augen aber, diesen, wie mir jetzt immer mehr schien, irisierend

grünen Augen einer schwarzen Katze, sah ich ganz deutlich im selben

Augenblick den Triumpf höhnischer Befriedigung darüber aufleuchten, die

ganze Last und die Verantwortung für diesen frechen unerhörten Diebstahl

auf mich abgewälzt zu haben.

All das war nur die Empfindung eines Augenblicks, und ein Vorübergehender

hätte nichts gesehen als eine Gestalt in einem auffallend gelben Mantel und

einer großen Reisemütze, und einen andern Herrn, der sich fachkundig über

ein altes Schwert beugte. Nichts war sonst zu sehen. Aber was spielte sich

unterdessen und während der nächsten Augenblicke in meinem Innern ab! Alles

an mir kam mir plötzlich fremd vor. Ich betrachtete mit Entsetzen meine

eigenen Hände, wie sie mit nie gesehenen Bewegungen über das Metall hin und

her fuhren und es befühlten. Waren dies noch meine Hände, sind dies meine

Hände, diese langen dünnen gelblichen Finger, die wie mit einer feinen

Eidechsenhaut überzogen sind? Während ich gebeugt über das Schwert stand,

ließ ich meinen Blick über meinen Körper, meine Beine, meine Füße laufen.

Das Blut pochte mir in den Schläfen -- auch mein Körper kam mir plötzlich

fremd und unbekannt vor, nicht wie ein Teil meiner selbst, sondern wie ein

Tisch, ein Stuhl, wie eine Sache, die man angreifen kann und die hart und

gefühllos ist. Wie aber erschrak ich erst, als ich plötzlich meine Zunge in

meinem Gaumen sich wie den Klöppel einer Glocke bewegen fühlte, als sich

meine Lippen feuchtkalt aufeinanderlegten und als eine fremde Stimme, eine

nie gehörte, grauenhafte Stimme aus meinem Munde erscholl und Dinge sagte,

von denen meine Seele nicht das geringste wußte oder auch nur ahnte.

Entsetzt hörte ich diesen Erklärungen zu, während ich die Worte wie

würfelartige Holzklötze auf meiner Zunge fühlte: »Es dürfte eine

augsburgische Arbeit sein. Im germanischen Museum in der fränkischen

Waffensammlung befindet sich wohl ein Geschwisterstück zu dem Ihrigen,

einfacher, nicht so reich ziseliert an der Schneide, aber von derselben

Art. Hier hat das Metall übrigens einen Sprung.« Ich sah wie mein eigener

Finger auf eine Stelle des Griffs deutete, wo in der Tat ein ganz feiner,

haardünner Sprung im Metall zu sehen war.

Und während ich jetzt meinem deutenden Finger über dem Metall folgte,

während ich noch diese mir Grauen erregende Stimme aus mir hervordringen

hörte, hatte ich plötzlich jenes seltsame Gefühl, das vielleicht jeder

Mensch in seinem Leben empfunden hat -- ich hatte eine Art traumhaften,

aber doch klaren Gefühls, als hätte ich eben dieselbe Szene, genau wie sie

sich jetzt abspielte, schon vor vielen Jahren einmal erlebt.

* * * * *

Ich erwachte wie von einer Betäubung. Noch immer stand ich an der Treppe.

Ich hielt das Schwert in den Händen. Alle meine Sinne waren gespannt und

lauschten auf die Schritte und Stimmen, die über mir hörbar waren. Mir war

als hätte sich die Schärfe meines Gehörs verdoppelt, deutlich unterschied

ich jeden einzelnen Laut, jede einzelne Stimme, deutlich verstand ich was

sie sagten und worüber sie lachten. Frau Rosenborgs Gelächter erhob sich

wie eine Rakete flackernd über das Gewirr dunkler und hellerer Stimmen. Im

Tonfall einer sonoren Stimme, die in Begleitung einer scharfen, eckigen

erklang und mit ihr wechselte, vernahm ich mehrmals das Wort Gioconda. Bei

dem Wort Louvre erreichte die sonore Stimme jedesmal ihren tiefsten Ton.

Das Geheimnis der Gioconda: Das Tagebuch des Diebes · 第 4 / 6 段