Plötzlich aber hatte ich ein Gefühl ganz ähnlich dem, wenn man aus einem

sonderbar fesselnden Traum erwacht. Wie man wohl von dem Wunsch beseelt

ist, die Erscheinung eines Traumes noch zurückzuhalten, zurückzurufen, wenn

man zu einer quälenden sorgenvollen Wirklichkeit, der man entfliehen

möchte, erwacht ist, -- so hatte auch ich den Wunsch, etwas Entfliehendes

zurückzuhalten und unwillkürlich machte ich mit der Hand eine greifende

Bewegung vorwärts, wie um etwas festzuhalten. Im selben Augenblick aber

fühlte ich wieder, daß dieses nicht meine Hand war und wie mit einem

elektrischen Schlage durchzuckte mich ein unnennbares Gefühl des Grauens

und Entsetzens. Ich stürzte in meine Kabine. Ich lief; und doch war es mir

nicht als liefe ich, sondern als liefe ein anderer an meiner Stelle, mit

einem mir fremden, unregelmäßigen Gang. Dann befühlte ich mich, befühlte

mit meinen eidechsenhäutigen Händen meinen Körper, meinen Kopf, meine

Haare. Und ich fühlte nicht mich, -- ich fühlte einen andern. Nur die, die

wissen, was sich hinter Worten verbergen kann, können mich vielleicht

verstehen, wenn ich sage: ich fühlte meinen Bruder. Ich fühlte ein kurzes,

trockenes, struppiges Haar, ein flaches, knöchernes Ohr, schmale, dünne,

runzlige Lippen. Und die Bewegungen von diesem mir fremden Körper, von dem

mir meine Augen zwar sagten, daß es der meinige sei, empfand ich nur so wie

man die Bewegung eines unter einer Decke verborgenen Tieres bei aufgelegter

Hand wahrnimmt.

O mein Gott, mein Gott, was ist mir geschehen! Was ist das? Alle meine

Gebärden gehören nicht mir, ich habe eine fremde Stimme, ich lache ein

fremdes Lachen, ich gehe einen fremden Gang, welche Bewegungen mache ich?

. . . ich bin hilflos wie ein Kind . . . ein Körper umgibt mich, ein

fremder Körper, fremde Hände, fremde Arme, fremde Augen . . . o mein Gott,

mein Gott, _ich lebe noch, aber ich bin nicht mehr!_

* * * * *

Kann sich jemand eine Vorstellung machen von dem, was ich empfinde! Wer ist

je in einer so furchtbaren Lage gewesen! Früher habe ich zuweilen etwas

ganz entfernt Ähnliches empfunden, wenn ich plötzlich für den Bruchteil

einer Sekunde, vielleicht in meiner Bewegung, im Tonfall meiner Stimme, in

meinen Augen eine Ähnlichkeit, eine Gleichheit mit einer mir bekannten

Person bemerkte. Und das Unbehagen, das sich bei diesem flüchtigen Bemerken

einstellte, war stets um so größer, je näher ich mit jenem Menschen

verwandt war, dessen Miene oder Haltung ich plötzlich an mir wahrzunehmen

glaubte. So erinnere ich mich deutlich, wie grauenhaft mir eines Tages

meine Schwester erschien, als ich plötzlich ihre Blicke in meinen Augen

fühlte, und ein ausgesprochenes Ekelgefühl hatte ich auch als ich --

deutlich steht mir noch der Ort vor Augen -- beim Heraustreten aus einem

Hamburger Hotel die Ganghaltung und Bewegung meines vor Jahren verstorbenen

Bruders an mit wahrnahm. Nur Menschen, die je etwas Ähnliches empfunden --

aber mir kommt vor, alle müßten es gefühlt haben -- werden sich in meine

Lage versetzen, werden mir dieses entsetzliche bittere Unlustgefühl, diesen

physischen und zugleich körperlichen Ekel vor mir selbst von ferne

nachfühlen können.

* * * * *

Ich fühlte oftmals, wie ich daran war, das Bewußtsein zu verlieren. Es

kamen Augenblicke der Erleichterung, sogar des Vergessens. Aber immer

wieder und jedesmal furchtbarer kehrte mir das Bewußtsein meines

entsetzlichen Zustandes zurück.

Ich hätte schreien wollen, aber die Angst vor der entsetzlich grauenvollen

Stimme, die ich aus meinem Munde hatte kommen hören, drückte mir die Kehle

zu. Ich preßte die Hände vor meinen Mund und stieß klagende, winselnde Töne

aus. Ich lag auf dem Boden, denn ich hatte ein Gefühl, als müßte ich mich

tief im Innersten der Erde verstecken und begraben. Der physische Abscheu

vor diesem fremden, schwitzenden, behaarten Körper, der mich umgab wie eine

klebrige, widerliche Masse, nahm eher zu, als daß er nachließ. Und zu

diesem unbeschreiblichen Gefühl des Abscheus gesellte sich nach einiger

Zeit noch ein psychischer Schmerz, der mich fast durchbohrte und an die

Grenze des Wahnsinns trieb. Ganz plötzlich empfand ich es nämlich mit aller

Deutlichkeit, oder es war mir wenigstens so, -- als hätte ich es selbst in

der Hand gehabt, diesem furchtbaren Schicksal zu entgehen. Hätte ich die

Kraft gehabt, jene einfältige Frage nach der Herkunft jenes Schwertes, das

ich doch weiß Gott nie gesehen hatte, zurückzuweisen -- nichts hätte mir

geschehen können. Ich habe mich selbst ins Unglück gestürzt. Jetzt machte

mein Inneres jene furchtbar schmerzvollen Anstrengungen, etwas Geschehenes

wieder ungeschehen zu machen. Ich bog mich weit zurück, nach hinten, gerade

als hätte ich dadurch ein Stück Zeit, das schon vergangen war, noch einmal

einbringen, noch einmal durchleben können. Das so furchtbar

niederschmetternde Gefühl des Unwiederbringlichen warf mich gänzlich

darnieder. Aber immer wieder, mit immer erneuter Hoffnungsangst, stellte

ich mir wohl hundertmal jene Szene vor: wie er jetzt die Treppe herabkam,

jetzt sprach er mich an, hielt mir das Schwert entgegen, jetzt frug er und

jetzt -- -- so sehr ich mich auch innerlich sträubte und wehrte, tierische

wilde Verzweiflungslaute entrangen sich meiner Kehle, -- ich konnte und

konnte nicht Herr dieser fremden Gewalt werden, die mich nur durch den

Tonfall ihrer Stimme mir selbst entriß und mir mit einem fremden Willen

einen fremden Körper aufdrang. Trotz meiner Angst, meiner Verzweiflung, die

mir die ganze Erinnerung an die furchtbare Szene wieder erregte, trotz

alledem fühlte ich doch, daß ich im gleichen Falle genau wieder so handeln

würde, und daß, was geschehen war, hatte geschehen müssen.

Von dieser Einsicht ging zunächst eine -- o, welch ein Hohn steckt in

diesem Worte -- Erleichterung für mich aus. Aber als sich dann meine

Gedanken wieder zu ordnen begannen, als jene Anfälle des

Sichwiedererinnerns aufhörten, da empfand ich mit ungeahnter Heftigkeit die

ganze Hohlheit, die ganze entsetzliche Leere meines Daseins und dieses

Gefühl gepaart mit dem noch viel entsetzlicheren Abscheu und Ekel vor mir

selbst gab mir den Wunsch ein, mich von der schmutzigen Hülle dieses

Körpers und dem Grauen dieses Daseins zu befreien. Ein Gefühl des Hasses,

ganz wie das gegen einen fremden Menschen, ergriff mich.

Ich fühlte eine tiefe Befriedigung bei dem Gedanken, daß ich diesen Körper

gewaltsam vernichten und mich auf diese Weise auf ewig von ihm befreien

konnte. Ich riegelte die Türe und riß förmlich in Wut den Revolver mit den

Patronen aus der Handtasche. Es hätte mir Freude gemacht, diesen Körper

Stück für Stück zu vernichten. Mit dem ersten Schuß durchschoß ich meine

Hand; ich lachte laut auf vor innerster Befriedigung, als ich das rote Blut

aus dem winzig kleinen Loch des Handtellers hervorfließen sah. Dann legte

ich die kühle, kreisrunde Öffnung des Revolvers an meine heiße Schläfe und

drückte ab. Ich verspürte einen leichten Stoß, aber da ich noch Kraft in

meinem Arm fühlte, schoß ich noch ein zweites Mal, wieder die

Revolvermündung dicht an der Schläfe. Ich erwartete, daß ich taumeln, daß

ich umstürzen werde -- aber nichts dergleichen geschah. Ich befühlte mit

der Hand meine Schläfe -- sie war blutüberströmt und das rote Blut rann

über die Backe, über den Anzug an mir herunter. Aber ich hatte mich nicht

getötet . . . Und nach einigen qualvollen Augenblicken hatte ich die

Gewißheit: Ich _vermochte_ nicht, mich zu töten . . . .

* * * * *

Ich erwachte und lag auf meinem Bett. An der Dämmerung, die in der Kabine

herrschte, sah ich, daß es Abend war. Ich suchte mich zu erinnern und

richtete mich auf. Hatte ich geträumt? Die schwache Regung der Hoffnung,

die in mir aufstieg, wurde sofort durch die deutlich erkannte Gewißheit,

daß es kein Traum, daß es Wirklichkeit war, zerstört. Fühlte ich denn nicht

wieder diesen klebrigen, schleimigen Körper um mich, fühlte ich nicht meine

wahren Bewegungen, meine Augen, meine Mienen, wie hinter einer dumpfen

heißen Maske, die mir den Atem benahm?

Plötzlich bemerkte ich, daß ich nicht allein in der Kabine war.

In der Dunkelheit neben dem helleren Fenster, durch das der Abend

hereinsah, erblickte ich den Kopf und die Schultern einer seltsam fremden

Gestalt. Sie wandte mir jetzt ihr Profil zu und schien unverwandt auf einen

Punkt zu starren. Nur verschwommen und undeutlich konnte ich die Züge und

den Ausdruck des Gesichts wahrnehmen.

»Ist jemand da?« fragte ich halblaut und langsam.

Keine Antwort. Die Gestalt beharrte unbeweglich in ihrer Stellung; nur war

es mir einen Augenblick, als sähe ich sie deutlich die Lippen bewegen,

öffnen und wieder schließen. Aber kein Laut war hörbar.

Wenn ich jetzt an jenen Augenblick zurückdenke, frage ich mich, warum mich

gleich bei der Entdeckung dieses Fremden ein neuer Schrecken befiel, ein

Schreck, der nichts gemein hatte etwa mit der Furcht vor einem

Eindringling. Nein, sobald ich das schattenhafte Wesen neben dem Fenster

erblickte, wußte ich auch in meinem innersten Innern, mit einer Sicherheit,

die nicht den geringsten Zweifel zuließ, daß dieser Mensch, er sei, wer er

sei, in irgend einem Zusammenhange mit meiner schrecklichen Lage stand. Die

Furcht vor einer neuen grauenhaften Entdeckung ließ mich erbeben,

durchrüttelte mich kalt wie ein Fiebersturm. Meine Phantasie war so bis zum

Äußersten gereizt, daß sie nichts mehr für unmöglich hielt. Ich hätte mich

nicht gewundert, wenn ich den Mond, der schon einen schwachen gelblichen

Streifen auf den Boden meiner Kabine legte, krachend vom Firmament hätte

herabstürzen und sich in den grau verdampfenden Fluten des Weltmeeres wie

in einem ungeheuren dunklen Wolfsrachen hätte begraben sehen. Nichts,

nichts hätte mich jetzt gewundert! Ich hätte den Riegel von meiner Tür

springen, ich hätte sie von unsichtbaren Händen sich öffnen und schließen

sehen können und das wäre mir nicht unnatürlich, nicht rätselhaft

erschienen, denn ich selbst hatte Rätselhafteres erlebt, _wußte_ ja auch,

daß ich noch viel Unerhörteres in den nächsten Augenblicken erleben würde

. . .

Als ich die fremde Gestalt im Dunkel zum zweiten Male anrief, geschah es

mit kaum hörbarer, flüsternder Stimme, nicht lauter wie das Knistern von

Seide. Und wieder war es mir, als sähe ich die Lippen sich stumm bewegen;

aber nichts war zu hören.

Ich wagte meine Frage nicht zum dritten Mal zu wiederholen. Starr, bald von

Glut geschüttelt, bald von kaltem Schauer überkrochen, blieb ich

bewegungslos und halb aufgerichtet auf meinem Arm gestützt und starrte die

Erscheinung an.

Plötzlich fühlte ich eine Helligkeit über mein Gesicht gleiten. Es war der

Mond, der bei einer Wendung des Schiffes jetzt in den Ausschnitt des

Fensters trat. Im selben Augenblick erkannte ich aber auch deutlich das

Antlitz der fremden Gestalt, die neben dem Fenster stand. Der Mond

beleuchtete auch sie. Ich sprang von dem Bett auf und drehte hastig das

elektrische Licht an. Der Raum war taghell erleuchtet -- niemand war zu

sehen.

Mit heimlichem Grauen sah ich nach der Stelle, wo ich noch vor Sekunden die

Gestalt erblickt hatte. Auf der graugelben Tapete kroch eine Fliege. Es war

totenstill und nichts rührte sich. Ich hörte nur wie mein Atem ging und wie

meine Brust sich hob und senkte, sich hob und senkte. Ich stand da und

starrte nach dem goldgerahmten Spiegel in der Ecke, an dem wie immer meine

Mütze hing.

Aber einen Augenblick später durchzuckte mich ein furchtbarer Gedanke! Mit

einem Sprung stand ich vor dem Spiegel -- die gräßlichste Ahnung der

letzten Sekunde sah ich erfüllt. In der Scheibe des Spiegels gewahrte ich

eben dieselbe Gestalt, dasselbe Antlitz, dieselben seltsamen Augen, die

mich eben noch als die eines Fremden mit Grauen und Schreck erfüllt hatten.

Das bräunliche Antlitz eines fremden Mannes starrte mich mit irisierend

grünlichen Augen als mein eigenes Antlitz an. Und während ich mich mit

beiden Händen an dem Spiegel festhielt, um nicht zu fallen, war es mir, als

hätte ich dieses Antlitz schon gekannt seit langen Jahren . . . seit langen

Jahren . . . .

* * * * *

Man hat es oft beobachtet, daß eine plötzlich den Menschen befallende

Furcht oder ein Schrecken ihn für einige Zeit des Verstandes beraubt. Der

menschliche Geist hat, wie jeder Körper, nur eine ganz bestimmte

Elastizität; er ist nicht fähig, die allergewaltsamsten Veränderungen

augenblicklich zu begreifen, und nach dem Gesetz der psychischen Reaktion

tritt sehr oft nach dem ersten furchtbaren Erschrecken eine völlige

Blindheit des Geistes ein, ein völliges Vergessen. So hat man Mütter, deren

Kinder in einem Brande umgekommen und vor ihren Augen verbrannt waren,

wenige Augenblicke nachher, ihre eben unterbrochene Tätigkeit wieder

aufnehmen sehen, ja sogar heiter und sorglos lachen hören.

Auch an mir konnte ich jetzt einen ähnlichen Zustand feststellen. Nachdem

das erste unheimliche Grauen meinen Verstand bis an die Grenze des

Wahnsinns gebracht hatte, betrachtete ich das Gesicht im Spiegel mit einer

Art einfältig-kindischer Neugier. Ich sah es hilflos grinsen -- und ich

grinste wieder. Eine Hand streckte sich gegen mich aus -- auch ich hob

meine Hand. Und plötzlich, ganz auf die Stufe des Säuglings zurückgedrängt,

versuchte ich mit meinem ausgestreckten Finger das Bild zu berühren. Mein

Geist mußte wohl eben daran sein, sich von dem ersten furchtbaren Schrecken

zu erholen; denn jetzt packte mich ein neues Entsetzen, als ich sah wie der

Spiegel sich unter dem Druck meiner fremden Hand in eine gallertartige,

schlammig-graue Masse verwandelte, und ich in dem eingebildeten Raum hinter

dem Spiegel einen harten Körper berührte, -- mein eigenes Antlitz!

Und obgleich dieses Antlitz zu leben schien, obgleich ich die belebten

Lippen, den feuchten Augapfel, die atmende Haut mit meinen Augen wahrnahm,

so fühlte meine Hand an der Spitze ihres langen, dünnen gelblichen Fingers

nur einen kühlen, metallisch-harten Körper und im gleichen Augenblick

verspürte ich auf meiner Zunge den scharfen, intensiven Geschmack von

bitterem Messing . . .

* * * * *

Ich vernahm plötzlich ein ungeheures Brausen wie von rollenden Rädern und

öffnete die Tür. Draußen erblickte ich eine große Menge hin und her

laufender Menschen, ohne daß ich irgend ein Gesicht deutlich hätte erkennen

und sehen können. Mir war als könne ich den Kopf nicht bewegen und nicht in

die Höhe heben. Ich eilte auf den dunklen Gang hinaus und bemerkte dort vor

mir einen Herrn mit einem ungewöhnlich verzwickten Gang. Ich folgte ihm.

Wir gingen bald links in einen Seitengang, bald rechts, bald stiegen wir

eine enge Treppe hinauf, bald durchschritten wir einen Saal, in dem lauter

Frauenbildnisse hingen, bald kamen wir wieder durch einen Gang, der immer

enger und enger wurde, daß wir uns kaum mehr durchzwängen konnten. Endlich

gelangten wir in eine ungeheuer große Halle, in der ein trübes violettes

Licht herrschte, das irgendwo von oben hereinfiel. Mitten durch die Halle

führte ein endlos langer Gang, der mit schwarzgelben quadratischen Platten

belegt war. Es war eine ungeheure Einsamkeit und Öde um uns, wie auf einem

winterlichen Feld, fern von allem Leben. In weiter Ferne sah man etwas

Schwarzes sich nähern und bewegen. Obgleich es kaum größer war wie ein

dunkler Punkt, so hatte man doch deutlich die Vorstellung von jemandem, der

in einem flatternden Mantel heftig gegen den Wind kämpft. Stunden und

Stunden schienen zu verrinnen, immer sahen wir den Mantel auf dem Wege

flattern und wehen, aber nur ganz langsam und unmerklich schien sich die

Gestalt uns zu nähern. Ganz plötzlich sah ich dann, was mir vorher

entgangen war, daß die Halle von ungeheuer hohen, grauen Säulen getragen

wurde, die wie mächtige Schäfte aus dem Boden herauswuchsen. Kaum hatte ich

das bemerkt, als hinter der nächsten breiten Säule, kaum zehn Schritte von

mir, unhörbar eine Frauengestalt hervor trat, in einem fließend

dunkelgrünen Sammetkleid, das den Hals frei ließ und von einem silbernen

Gürtel umspannt war. Die Frau lächelte eigentümlich und schritt langsam auf

mich zu. Mit jedem Schritt aber schien sie zu wachsen und ihr Antlitz wurde

größer und größer. Sie hatte die Hände leicht übereinandergelegt; ihre

Augen und Lippen lächelten; das offene Haar fiel über die Schultern und den

freien Hals mit dem Brustansatz. Plötzlich wurde es mir klar, daß es keine

Frau war, sondern nur ein Bild gewöhnlicher Größe in einem dunklen Rahmen,

der gegen eine der grauen Säulen gelehnt stand. Gleich darauf hörte ich

hinter mir Schritte von vielen Menschen erklingen. Ich sah, daß ich mich in

einer Kirche befand. Als ich mich umdrehte, gewahrte ich in einer seltsam

in dunkle, traurige Trachten gekleideten Menschenmenge, die sich vollkommen

stumm verhielt, den Mann mit dem flatternden Mantel. Er trug einen

altertümlich spitzen schwarzen holländischen Hut, wie er im siebzehnten

Jahrhundert Mode war. Er ging an der Seite einer großen schlanken Dame, die

mir den Rücken zuwandte und nach dem Ausgang zuschritt. Plötzlich aber sah

sie an dem spitzen schwarzen Hut ihres Begleiters zu mir herüber, lächelte

mir zu und winkte mit der Hand. Ich warf einen Blick nach der Säule -- das

Bild war verschwunden . . .

* * * * *

Als ich erwachte, fand ich mich stehend, die halbgeöffnete Tür der Kabine

in der Hand. Ich konnte den Gang übersehen, auf dem ein seltsames Licht

herrschte, obgleich es dunkel war. Auf einmal sah ich einen schwachen,

phantastisch aussehenden Schatten über die Dielen fallen und gleich darauf

bemerkte ich den Gelben, der mit seinem hastigen, verzwickten Gang, ohne

mich zu bemerken, ein großes, graues Paket unter dem Arm, an mir

vorübereilte.

Lautlos schlich ich ihm nach.

* * * * *

Wir kamen auf Deck.

Der Mond war spät aufgegangen und übergoß das grünliche Meer mit einem

seltsam fahlen, frühen Licht.

Das Schiff lag ganz still und man hörte nur die tiefen Atemzüge der

Schlafenden.

Er lehnte das Bild gegen den Reling und mit heftigen Griffen riß er das

graue Papier ab.

Das Licht des Mondes bestrahlte voll das Antlitz der Gioconda.

Er umwand das Bild mit einem der am Boden liegenden Taue, beschwerte es mit

einem Eisengewicht, hob es über die Reling empor und ließ es hinab.

Die Wasser kamen und nahmen es auf.

Er beugte sich weit über das Geländer, hielt das Tau fest und sah dem

versinkenden Bilde nach . . .

Da -- im letzten Augenblicke -- geschah etwas höchst Wunderbares und

Rätselhaftes.

Das Bild wandte sich eben noch einmal empor und durch das blaugrüne Wasser

sah man deutlich das lächelnde Antlitz. Plötzlich war es, als begännen die

Konturen des Bildes leise zu zittern, als zuckte es lebendig um diese

lächelnden Lippen und jetzt erhoben sich diese schrecklichen Hände und

streckten sich empor, empor, uns zu berühren.

Mit einem Ruck warf er das Tau hinaus. Im selben Augenblick aber sprang aus

seiner Brusttasche ein langer rötlicher Dolch, klirrte auf, zischte wie ein

Pfeil ins Wasser und heftete wie ein Kreuzesnagel die sich erhebenden Hände

auf der Tafel wieder fest . . .

Wie ein Schatten verschwand das Bild in der Tiefe.

Zwischen den blaugrünen Wellen stieg ein dünner Blutstrahl empor . . .

Sammlung abenteuerlicher Geschichten Bd. 4:

Paul Leppin

Severins Gang in die Finsternis

Ein Prager Gespensterroman

Mit Umschlagzeichnung von Richard Teschner Geheftet 2 Mark. In

Halbleinenband 3 Mark

Dieses Buch, das von der Wirrsal und Verderbnis einer von innern

Geschehnissen grausam geängstigten Knabenseele erzählt, rechtfertigt in

mehr als einer Beziehung den Titel »Gespensterroman«.

Seine Kapitel sind mit einem ungeheuern, unfaßbaren Schrecken angestellt,

der die Geburt, die Reise und die Vollendung eines Schicksals einkreist,

das aus dunklen und schlimmen Verstecken quillt. Aus den Gesichten einer

verirrten und gestörten Kindheit lösen sich rätselhafte Gefahren los,

abgefeimte Gedanken wachsen im Zwielichte, und der Tod wird zum grotesken,

verführerischen Spiel eines an der eigenen Unrast verzweifelnden Mörders.

Es ist ein guter und klug psychologischer Zug, daß der Autor seinen Helden

nicht an der Wirklichkeit seiner neurasthenischen Träume, sondern an einer

würdelosen Leidenschaft zugrunde gehen läßt, die seine von ratloser

Sehnsucht verheerten Sinnen mit allen Qualen der Hölle gepeinigt.

Dieser Roman, der eine bunte Folge wunderlicher Ereignisse und phantastisch

beleuchtender Figuren vor uns abrollt, ist ein Kulturdokument von

originellem Reiz. Das alte Prag mit der barocken Romantik seiner Fassaden

steigt darin auf, das seinen Mystizismus auch in der veränderten Landschaft

moderner Straßen und Plätze und in der einförmigen Physiognomie der

Vorstädte bewahrt. Die bewegliche Mischung deutscher, indischer und

slavischer Elemente findet sich hier unter einem gemeinsamen Firnis zu

einem Gärungsstoffe zusammen, der absonderlichen Prozessen unterworfen ist.

Es ist eine merkwürdige Gesellschaft, in die uns der Dichter einführt.

Entwurzelte, die sich vom Leben treiben lassen. Philosophen, die es mit

einem Lächeln abtun. Abenteurer, die aus Passion auf den Seelenfang

ausgehen, sentimentale Zyniker mit dem Habitus der Hasardspieler. Und

mitten unter diesen Männern und Weibern die rührende Gestalt Zdenkas, des

Tschechenmädchens, die neben dem kupplerischen Schatten böser Dinge mit

reinem Herzen in hilfloser Demut steht. »Severins Gang in die Finsternis«

ist auch der Roman ihrer Liebe. Diese Liebe, mit Süßigkeit und Tränen

beschwert, geht über alle irdischen Grenzen hinaus und gibt dem Buche

Leppins einen wunderbaren, ekstatisch vergoldeten Hintergrund.

Delphin-Verlag / München

Sammlung abenteuerlicher Geschichten Bd. 2:

A. M. Frey

Dunkle Gänge

Zwölf Geschichten aus Nacht und Schatten

Mit Umschlagzeichnung von L. Durm Geheftet 2 M. 50 Pf. In Halbleinenband 3

M. 50 Pf.

_Paul Zech im »Berliner Tageblatt«:_ »Zu den wenigen jüngeren

Schriftstellern, die das Erbe Edgar Poes mit dem richtigen Instinkt

aufnahmen und damit wucherten, gehört A. M. Frey. Er stellt sich mit seinem

Erstling gleich in die vorderste Reihe der Erzähler dieser exponierten

Gattung von Belletristik. Er holt seine Stoffe nicht aus unkontrollierbaren

Bezirken. Der Alltag, der in seiner bunten Vielgestaltigkeit auch diese

Abseitigkeit trägt, ist für Frey eine unerschöpfliche Fundgrube. Man wird

in unerklärliche Situationen befördert, ohne die Fahrt zu spüren. Man ist

plötzlich in einem unentrinnbaren Labyrinth und wie von Polypenarmen

umstrickt. Fast jede der zwölf Geschichten bohrt ein Extrem an, das die

festen Enden der Nerven berührt und aufpeitscht zu unerhörten Sensationen,

das Märchenhafte ins Grausige, Exzentrische, phantastisch Verstiegene und

übermenschlich Visionäre umwandelt. Man wird das Buch nicht mit einem

einmaligen Lesen abgetan haben. Es kribbelt in den Nerven weiter und setzt

Blutkreise in Bewegung, die in der Schalheit vieler Stofflichkeiten, die

den Augenblick bewegen, nur selten zirkulieren.«

_Eugen Reinbold in d. »Württemberger Zeitung«:_ »Neben der großenteils

originellen Erfindung bewundern wir die sichere Gestaltung, die geradezu

fesselnde Sprachkunst, die die Dinge mit persönlichem Leben zu erfüllen

weiß und sie philosophierend in Zusammenhang mit allgemein Menschlichem zu

bringen sucht. So möge, wer eine wirklich interessante und doch nicht rein

oberflächlich unterhaltende Lektüre liebt, nach diesem Werkchen greifen.«

_L. E. Kemmer in der »Badischen Landeszeitung«:_ »Mit einer knappen

Anschaulichkeit, die oft den Eindruck einer wohlgetroffenen Farbenskizze

macht, verbindet er eine Geschlossenheit der Form, wie wir sie nur bei den

bedeutendsten Novellisten finden, und die jede einzelne der zwölf

Erzählungen zu einem kunstvoll geschliffenen Edelstein gestaltet hat.«

Delphin-Verlag / München

Sammlung abenteuerlicher Geschichten Bd. 1:

Hermann Eßwein

Megander

Der Mann mit den zween Köpfen und andere Geschichten

Mit Umschlagzeichnung von A. Kubin Geheftet 3 Mark, in Halblederband 4 Mark

50 Pf.

_J. Robert im »Berliner Lokal-Anzeiger«:_ »Das Geschichtenbuch von Hermann

Eßwein: >Megander< enthält Tragikomödien, erzählt in einer Sprache, die

zuweilen an Gottfried Keller, öfter an Jean Paul erinnert. In der Mehrzahl

der acht Erzählungen klingt ein Motiv immer wieder an. Das Motiv vom

Rausch, vom göttlichen Rausch, der uns Vergessen bringt, aber auch

fortreißt zur schöpferischen Tat. Und diese Begeisterung, dieser Taumel,

diese starken phantastischen Kräfte zersplittern an der braven Gemeinheit

des Alltags. Und ein zweites Motiv klingt an: von wirren Träumen und vom

Wahnsinn.«

_Otto Pick im »Pester Lloyd«:_ »Eßwein gelingt es, den Leser durch rein

menschliches Interesse über Gespenstiges und Unerklärliches

hinwegzugeleiten. Dies scheint die Novellen zu den beliebten, kühl

erklügelten Geschichten vom Grauen in wohltuenden Gegensatz zu stellen: daß

sie nie von außen geformt, sondern von innen heraus mit künstlerischer

Notwendigkeit erstanden sind.«

Das Geheimnis der Gioconda: Das Tagebuch des Diebes · 第 5 / 6 段