schänden und Götter zu verhöhnen? . . .
* * * * *
(Zwei Stunden später) O, wie soll ich doch das ertragen! Welchen Anteil
habe ich denn an diesem Diebstahl? Welche Gewalt besitzt er über mich?
Warum bleibe ich denn? Warum sehe ich dem allen so zu, obgleich ich es
verabscheue, ihn verabscheue . . .
Ach, ich will es nur gestehen, so erbärmlich es ist, aber helfe mir Gott,
nicht ich bin es, den man dafür verantwortlich machen muß: ich _will den
Diebstahl_. Ja, ich will ihn, auch ich, das ist mir nun klar.
Und doch ist es mir auch wieder furchtbar, dem allen so zusehen zu müssen.
Ja, es ist mir trotzdem, als sollte ich der Hinrichtung meiner eignen
Kinder zusehen und könnte auch nicht einen Finger heben, dem Henker Einhalt
zu tun.
O, dürfte ich doch aufwachen, und alles wäre ein Traum. Es muß ja ein Traum
sein: ganz so wehrlos, so machtlos fühlt man sich ja nur im Traum, wenn man
eingeschnürt liegt wie in einem Schraubstock, gefoltert von furchtbarer
Angst und die Gefahr nun immer näher und näher kommt und einen jeden
Augenblick schon erreichen muß. O ja es muß, es kann nur ein Traum sein,
aus dem es ein Erwachen gibt, in dem alles nicht war . . .
Fünf Uhr morgens. Wie gräßlich, wie entsetzlich war dies! O, keine Nacht
mehr wie diese. Lieber den Tod. Nun steht das Bild hier dicht hinter der
Wand und ich bin von allem Zeuge gewesen und weiß, wie alles sich
zugetragen hat. Und mir ist, als wäre ich selbst der Dieb; die Furcht vor
Entdeckung hat mich gefaßt und ich zittre wie ein Mörder, der angstvoll die
Spuren seiner Tat zu verwischen sucht, der ermüdet und erschöpft in
Halbschlaf fällt und sich plötzlich blutbesudelt und blutbefleckt im Traum
erblickt.
Ach, nichts ist mir erspart geblieben. Ich wachte hier in meinem Zimmer die
ganze Nacht. Ich sah, wie er die Mütze nahm und ging, ich sah ihn in den
Straßen, vor den hellen Scheiben der Restaurants und den dunklen Nischen
der Hauseingänge. Er war wie ein Schlafwandler, still und ruhig. Und wie er
eindrang! Er fand wie ein Blinder den Weg und tappte im Dunkeln. Jeden
seiner Schritte hörte ich, wie die Schläge meines pochenden Herzens. Ich
wollte schreien, aber die Zunge klebte mir dorrend am Gaumen.
Es legte sich wie eine knöcherne Hand um meine Kehle. Ich konnte keinen
Laut hervorbringen. Aber mein Gehör wurde scharf wie das eines Wächters. O,
wie furchtbar scharf wurde es doch! Ich hörte den bröckelnden Gips auf den
Boden fallen und die dumpfen Schläge mit dem Hammer, ich hörte sogar das
Knirschen des Meißels an den eisernen Klammern und ich sah die raschen
gewandten Griffe, die das Bild von der Wand rissen; hastige, knochige
Hände, unter denen die Mauer aufbrach. O, ich bebte und zitterte; ich
fieberte wohl vor Furcht. Ich legte das Gesicht auf den Tisch und weinte
wie ein Kind.
Auf einmal wurde mir ganz leicht und frei zu Mute. Ich erinnerte mich an
vieles, was mich einmal entzückt hatte. Ach, an tausend Dinge, an Blumen
und Vögel, an ein Paar kleine Mädchenhände und an ein Liebeslied nachts
über einem Fluß. Aber das dauerte nicht lange. Denn plötzlich klang ein
dumpfer Laut an mein Ohr und ich erschrak zu Tode. Es war sein tappender
Schritt auf der dunkeln Treppe! Ich hielt den Atem an und lauschte, wie die
Schritte immer näher und näher kamen. Und dann konnte ich auch bald einen
anderen eigentümlichen Ton hören, es war das Scharren des gestohlenen
Bildes, das bei jedem Absatz an den stumpfen Stufen der Treppe aufschlug.
* * * * *
Den 23. August. Wann werde ich endlich lernen, mich nur um meine eigenen
Sachen zu kümmern und mich nicht in die Angelegenheiten anderer
einzumischen!
Da habe ich mich nun über Dinge aufgeregt, die mich weiß Gott nichts
angehen. Bin ich denn der Präsident der Schönen Künste oder wer sonst
seinen Posten verlieren wird, weil da ein leerer Platz an der Wand ist?
Weil da ein Stück Holz so hoch, so breit und so lang und mit Ölfarbe
bestrichen, weggekommen ist? Denn mehr ist es doch nicht, auch wenn es von
Leonardi da Vinci angestrichen wurde.
Aber stellte ich mich nicht an, als würde ein lebendes Wesen ermordet, als
habe es weiß Gott welche Bewandtnis mit dem Bilde! Kann ich denn nicht bei
dem bleiben, was die Dinge sind, Holz und Farbe und ein bißchen Firnis, und
muß ich immer etwas dahinter suchen?
Und welche Dummheit von mir, mich obendrein Hals über Kopf in diese Reise
auf diesem alles eher als komfortablen Dampfer zu stürzen! Was geht es mich
an, wo er mit seinem grauen Paket unter dem Arm hin will. Mag er doch mit
seiner Angebeteten anfangen, was er will; mag er sie ins Meer werfen. Habe
ich mich darum zu kümmern?
Das alles hätte ich mir vor fünf Tagen sagen sollen, als es noch Zeit war.
Als ich die Geschichte kommen sah, hätte ich abreisen sollen. Aber jetzt
ist es zu spät. Jetzt bleibt mir nichts als die Schiffsgefangenschaft in
Gesellschaft mit unseren liebenswürdigen Damen und unseren
unliebenswürdigen Herren Passagieren abzusitzen.
Jetzt ist es sogar noch ein Glück, daß er mit an Bord ist. Denn sobald
dieser verwegene Mensch unter uns erscheint, gibt es Unterhaltung,
Geschichten, Anekdoten die Hülle und Fülle. Der Zufall hat gewollt, daß wir
die Kajüte teilen, und wir schlafen übereinander, er unten, ich oben.
Wir verstehen uns übrigens ausgezeichnet, trotzdem ich eigentlich ihm
gegenüber immer ein wenig befangen bin wegen des Bildes. Aber er gibt sich,
als wäre nichts in der Welt geschehen, was ihn beträfe und als gäbe es das
graue Paket, das er ganz ruhig an die Wand gestellt hat, gar nicht.
Zuweilen sehe ich ihn vor dem Paket stehen, und dann hat sein Gesicht
geradezu etwas besonders Ruhiges, Zielbewußtes. So, als dächte er bei sich:
ich weiß ganz genau, was ich mit dir mache, sobald wir ganz draußen auf dem
Meere sind, nehme ich dich und werfe dich über Bord.
Sonst ist er ein über und über humorvoller Bursche; zuweilen ist seine
Lustigkeit vielleicht ein wenig gezwungen, aber dann kann er so befreiend
lachen, daß selbst der Geheimagent sich angesteckt fühlt und einmal seine
Wichtigkeitsmiene verzieht.
Nein, ich habe doch nie einen Menschen mit einer so ausgelassenen und
bizarren Phantasie gesehen.
Weil ich über ihm schlafe, nennt er mich nur den »Ober«. Und von sich
selbst spricht er nicht anders als von dem »Unter«.
»Herr Ober,« sagt er, »bringen Sie mir etwas Erfrischung, es ist eine
gottsjämmerliche Hitze. Sind wir schon am Äquator oder macht mir der
höllische Seelenwurm zu schaffen? Sorgen Sie für Zerstreuung, hören Sie,
oder lassen Sie uns zu den Oberflächlern gehen. Ja, kommen Sie, lassen Sie
uns auf Deck gehen, die Damen ein wenig zu unterhalten und die Herren zu
ärgern. Besonders diese kleine deutsche Spitzmaus, die sich so verdient um
die Erforschung der Diphthonglaute im Altpersischen gemacht hat.«
Und es kommt wohl vor, daß er sofort seinen Entschluß ausführt, hinaufgeht
und mit dem Erforscher der Diphthonglaute im Altpersischen eine
Unterhaltung beginnt.
Na, die Sache nimmt etwa folgenden Verlauf:
Der Erforscher der Diphthonglaute steht eben an der Reling, blickt auf die
See hinaus und hat die Hände über den Rücken gelegt. Von Zeit zu Zeit macht
er mit dem Kopf eine kleine ruckartige Bewegung nach hinten, bei der man
sonderbarerweise jedesmal auf seine spitze Nase aufmerksam wird. Und das
Ganze sieht so aus, als bekäme er plötzlich Achtung vor sich selbst, fühlte
viele Augen auf sich gerichtet und würfe sich nun ein wenig in Positur, um
der Welt einen würdigen Gelehrten zu zeigen. Es sieht sehr komisch aus, ein
bißchen muß man sich aber auch darüber ärgern.
Wir treten von hinten an ihn heran und sprechen ihn an. »Guten Tag, Herr
Doktor.« Der Erforscher der Diphthonglaute dreht sich um, legt den Kopf mit
der spitzen Nase ein wenig auf die Seite und streckt uns die Hand mit einem
Ausdruck hin, als wolle er sagen: Ich kondoliere Ihnen, meine Herren; seien
Sie meiner Teilnahme sicher. Sie haben das Unglück, mit einem verkannten,
edlen Menschen zu sprechen, der es nicht verdient, daß man ihn in der
Abgeschiedenheit seiner Größe, die nur ihm selbst bewußt ist, verkommen
läßt.
Der Gelbe tut, als merke er nicht, daß es dem Erforscher der Diphthonglaute
heute an Selbstachtung fehlt, und daß er Mitleid betteln geht.
»Denken Sie, prächtig habe ich geschlafen,« fährt er ganz unvermittelt los.
»Wissen Sie, ich fühle mich jetzt so kräftig, daß ich Sie ins Meer werfen
und wieder herausholen könnte. Was? Ich wachte auf wie eine Sprungfeder.
Augen auf und raus. Und Leben vom Scheitel bis zur Sohle. Ich nahm den
Eichenschrank an der Kapitänstüre und setzte ihn mit einem Ruck auf die
andere Seite. Und dabei war ich doch gestern abend verdrießlich wie ein
Kakadu. Ich hatte mich wohl über etwas geärgert. Aber als ich einschlief,
merkte ich schon, daß heute alles besser sein würde. Ich fuhr nämlich, ehe
ich einschlief, eine Zeitlang mit der Chaiselongue in der Eßkajüte herum.«
»Na, na, Sie,« sagt der Diphthongforscher dazwischen und lächelt ein wenig
vorwurfsvoll.
»Ach, Sie sind besorgt, daß die Beine dabei abbrechen könnten. Nein, das
ist nicht der Fall. Wissen Sie, ich fuhr ja gar nicht.« Und jetzt dämpft er
seine Stimme ein wenig, sieht dem Doktor scharf in die Augen, als wolle er
da etwas herbeiholen und sagt mit immer leiser werdender Stimme: »Nein, ich
hatte ja nur so ein Gefühl. Wissen Sie, ein Gefühl, als führe ich mit der
Chaiselongue ganz langsam -- es gab nur einen ganz unmerklichen Ruck, wie
es anfing -- ganz langsam zuerst und dann immer schneller und schneller im
Zimmer herum, über die Treppe aufs Deck hinauf, hier vorbei, zurück, die
Treppe wieder hinunter, quer durchs Zimmer und plötzlich durch das letzte
Kajütenfenster hinaus . . . gerade aufs Meer . . .«
»Und dann . . .?«
»Und dann . . .?«
»Ach so, ja. Aber sagen Sie nur: Wie konnten Sie denn mit der Chaiselongue
durch das Kajütenfenster, das ist doch viel zu eng?«
Auf diese Weise macht er sich beständig über die Herren, lustig, und ich
stehe dabei und ersticke fast an meinem Gelächter. Den Geheimagenten fragt
er immer wieder, ob noch keine Nachricht von der Gioconda da ist, und den
deutschen Doktor Berger hat er schon dreimal die Geschichte von seinem
Besuch beim Ohrenarzt und seinem äußerst feinen Gehör erzählen lassen.
»Hörten Sie nicht eben einen Schuß, Herr Doktor?«
»Einen Schuß?«
»Ja, einen Schuß. Ganz scharf und in der Ferne, aber doch sehr deutlich
hörbar. Schon wieder! Hörten Sie diesmal?« Nein, er habe nicht gehört, sagt
Herr Doktor Berger, neigt den Kopf ein wenig seitwärts und lauscht
angestrengt.
»Ich habe heute wieder meinen Tag, an dem ich schlecht höre.«
»So, Sie hören schlecht?«
»Nein, eigentlich nicht. Ich höre sogar sehr gut. Erzählte ich Ihnen nicht
schon, was mir der Ohrenarzt sagte . . .«
Nein, er habe nichts erzählt.
»Das ist nämlich sehr interessant; ich ließ mich einmal von dem bekannten,
Sie wissen, dem bekannten Professor Hegenbarth in London, einer unserer
ersten Ohrenärzte überhaupt, -- er hat seinerzeit auch die Prinzessin
Klotilde von Anhalt-Bernburg behandelt, die später den Leutnant Bohlen von
den 13. Husaren in Mainz heiratete . . .«
Und nun erzählt er weitschweifig und umständlich mit allen Einzelheiten von
seinem Besuch bei dem berühmten Ohrenarzt, der ihm gesagt haben soll, daß
sein Gehör durchaus normal, ja mehr als das, sogar äußerst scharf und
schärfer sei, als ihm je eines in seiner Praxis vorgekommen sei.
»Hörten Sie den Schuß?« schreit ihm der Gelbe plötzlich ganz laut ins Ohr.
»Einen Schuß?«
»Ja.«
»Nein, den hörte ich nun nicht . . . Aber Sie können sich denken, was das
heißen will: das schärfste in seiner ganzen Praxis! Der Mann übte
fünfundzwanzig Jahre seine Praxis aus. Also da können Sie schon sehen. Ja,
mein Gehör ist ganz vorzüglich, ganz vorzüglich.«
Das sei ja sehr interessant. Übrigens habe er schon mal von einem ähnlichen
Fall gehört, sagt der Gelbe. »Und dann« -- fährt er unvermittelt fort --
»kannte ich in Königsberg einmal einen Herrn, aber das wird Sie gewiß
interessieren -- da war ein Herr, der konnte im Theater, gleichviel welchen
Platz er hatte, ganz deutlich verstehen, was irgendwo im Parkett oder in
den Logen gesprochen wurde. Ein ganz unheimlicher Mensch! Wissen Sie, er
hörte ganz deutlich, was sich die Leute zuflüsterten, und wenn es auf der
letzten Galeriereihe war. Na, Sie können sich denken, was der für Sachen
erzählen konnte . . . .«
»Ach nein . . .«
Doch, da sei z. B. mal ein Stück gegeben worden, in dem ein brutaler
Genußmensch geschildert wurde. Ein ausgezeichnetes Stück übrigens und eine
famose Charakteristik. Im zweiten Akt sei eine Szene gekommen, in der sich
ein junges leidenschaftliches Mädchen dem Genußmenschen an den Hals
geworfen habe. Plötzlich habe der Herr gehört, wie die Frau des
Polizeipräsidenten zu ihrem Mann in der Loge gesagt habe, so ein
gräßlicher, unsympathischer Mensch sei ihr wahrhaftig noch nicht
vorgekommen; das sei ja geradezu abscheulich. »Am anderen Tage -- denken
Sie nur -- am andern Tage wurde das Stück verboten. Wegen unsittlicher
Tendenz. So was, nicht wahr?« Na, und was sich so die Liebesleute im
Theater erzählten . . .
Das müsse doch sehr interessant sein, meinte Herr Dr. Berger.
»Na, ich sage Ihnen. Da konnte der Herr nun Sachen erzählen. Besonders,
wissen Sie, aus der guten Gesellschaft. Was die sich alles zu sagen hatten;
das kann man beinah gar nicht wiedererzählen. Ich möchte Ihr Ohr wahrhaftig
nicht verletzen . . .«
»Aber bitte, bitte, das ist ja sicher sehr interessant«
»Interessant ist es schon. Ja, denken Sie nur, da war zum Beispiel einmal
ein Paar, eine junge, elegante Witwe und ein Offizier von der Garde. Eine
chike Sache sozusagen. Viele dachten sich ja wohl, daß die beiden ein
bißchen toll wären. Aber denken Sie nur. Da wurde Hamlet gegeben; plötzlich
sagt doch die junge Witwe mitten in der Totengräberszene dem Offizier ins
Ohr, sie wolle einmal auf einem Friedhof . . . im Mondschein . . . Ach, das
kann ich Ihnen ja gar nicht erzählen. Wie? Adieu, Herr Doktor, Adieu.«
Der Erforscher der Diphthonglaute macht noch ein paar hastige Schritte,
hinter uns her, geniert sich aber und bleibt ganz verwirrt stehen.
Huh, wie heiß es ihm doch geworden ist.
Na, den übrigen geht es ja nicht viel besser. Heute wollte er sogar eine
Wette mit mir abschließen, daß es ihm gelingen werde dem Schauspieler
Grunwald binnen einer Stunde siebzehn Zitate aus Shakespeare und Oskar
Blumenthal aus der Nase zu ziehen. Ich bin überzeugt, er tut es, trotzdem
ich ihm die Wette verweigert habe.
Und ohne daß der gute Herr Grunwald etwas ahnt, wird er sich von ihm
Komödie ohne Honorar und ohne Lorbeerkränze vorspielen lassen.
Gestern, während er in der Kajüte schlief, erzählte ich die Sache übrigens
den Damen.
Ich sagte, ich habe einmal einen Menschen gekannt, der sei so und so
gewesen und habe die Leute aufgezogen wie die Uhren. Ein englischer
Geistlicher in der Nähe von Liverpool.
Alle waren empört über so einen Menschen. Das sei ja furchtbar gemein. Ja,
gemein, sagten sie. Da müßte man ja immer fürchten, zum besten gehabt zu
werden. Ein Mensch sei doch keine Marionette, die man am Seil tanzen lassen
könne wie man wolle.
Ja, die Damen waren alle außerordentlich erregt über so etwas. Besonders,
da ich dummerweise den Versuch machte, den englischen Geistlichen zu
entschuldigen, indem ich sagte, vielleicht sei es ein Mensch gewesen, der
unter den Mechanischen im Leben sehr gelitten und sich auf diese Weise
hätte Luft machen wollen.
Das wollten die Damen aber nicht verstehen.
Am meisten griff das Gespräch wohl Frau Sturi an; sie bekam sogar ganz
hektische, rote Flecken auf den Backen und fiebrische, feuchtglänzende
Augen. Sie sah so sehr häßlich aus, aber irgend etwas zwang sie wohl zu
bleiben; denn obgleich sie mehrmals sagte, das könne man gar nicht mit
anhören, blieb sie doch, gerade als warte sie darauf, daß noch mehr kommen
solle.
Wenn ich übrigens die Augen recht im Kopfe habe, so ist da etwas zwischen
ihm und Frau Rosenborg, der dänischen Schauspielerin. Sobald sie ihn sieht,
wird sie geradezu schön, während sie sonst leicht ein bißchen alt und krank
aussieht. Aber dann hat sie plötzlich den Zauber einer jungen Frau, die
schön ist und es weiß, und beim Lachen zeigt sie die ganze Reihe ihrer
wundervollen, weißen Zähne. Dann blühen ihre Wangen. Sie hat rötliches
glänzendes Haar und einen geschmeidigen, leichten, graziösen Körper. Weiß
oder lila kleidet sie am besten, ein Lila, das nach dem Rosaroten hin geht.
Sie ist immer elegant gekleidet. Gestern aber, weil es regnet, hat sie ein
graues Lodenkape umgehängt und kommt damit auf Deck. Ich sitze gerade da
und denke, was nun aus der Gioconda werden soll. Dabei sehe ich, wie er
Frau Rosenborg eben bemerkt hat und auf sie zugeht. Und wirklich, sie
lächelt ihm auch schon entgegen und will gerade die Hand unter dem Kape
freimachen, um sie ihm entgegenzustrecken. Aber als er herangekommen ist,
sieht er sie nur wie flüchtig an und geht, die Hände auf dem Rücken, an ihr
vorüber.
Da bleibt sie ganz erstaunt stehen und ruft: »Nanu -- Sie kennen mich wohl
gar nicht, wie . . .?«
Und was sagt er? Indem er höflich die Mütze abzieht und sich verbeugt und
ihr die Hand küßt, sagt er: »Verzeihen Sie mir gnädige Frau -- ich dachte
gerade an Sie.«
Da geht es wie ein Leuchten über ihre Züge und sie sieht ihn mit einem
jener Blicke an, die uns Männer verrückt machen können. Ach, wie heiß es
doch sei; und sie wirft mit einem Ruck das Kape von den Schultern und nimmt
den Arm, den er ihr anbietet.
In Wahrheit ist es aber gar nicht heiß, sondern es ist kühl und regnet, und
sie hat ein leichtes Spitzenkleid an, das der Regen verdirbt.
* * * * *
Den 24. August. Es ist nicht zu begreifen, wie dieser Mensch so ruhig sein
kann. Weiß Gott, ich zittere mehr wie er. Ich komme an unsrer Kabine
vorbei, sehe die Tür offen und das Bild in dem grauen Packpapier ruhig an
die Wand gelehnt. Der Geheimagent braucht nur hineinzugehen und einen
Streifen abzureißen, dann kann er ihn auf der Stelle verhaften lassen. Aber
dabei sitzt er oben auf Deck bei den Damen, plaudert als ob nicht das
geringste geschehen wäre, als ob es weder Geheimagenten noch was an Bord
gebe. Nun, es braucht nicht jeder ein Feigling zu sein wie ich, der ich
beinah aufgeschrien hätte, als ich endlich die Apfelsine in der Hand hielt.
Aber seine Gelassenheit regt mich doch auf. Bis hierher kann man die Damen
zuweilen über seine verdammten Späße lachen hören. Es ist ja, als könne er
überhaupt kein ernstes Wort mehr sagen und sei jeder weicheren Empfindung
bar. Manchmal glaube ich, dieser Mensch spielt überhaupt mit uns allen, er
hält uns alle halbwegs für komische Figuren. Und sich selbst wohl gar auch.
Dabei haben die Damen ihn doch alle miteinander gern. Ernsthaft verlieben
würde sich wohl so leicht keine in ihn. Ihr Instinkt sagt ihnen, daß hier
nichts zu holen ist. Höchstens könnte Frau Rosenborg ihre wundervolle
Neugierde ein wenig gefährlich werden. Einige fürchten ihn ein bißchen,
denn es zeigt sich, daß er hinter ihren geheimsten Gedanken her ist. Sogar
Frau Rosenborg, die sicherlich die Überlegenste in dem ganzen Kreise ist,
hat, wenn sie darüber nachdenkt, oft ein Gefühl, als hätte er immer auf das
geantwortet, was sie gedacht hat, aber nicht auf das, was sie gesagt hat.
Arrogant, ein wenig arrogant finden ihn alle. Besonders Frau Sturi. Na, wie
er die aber auch hat abblitzen lassen. Das war schon vor zwei Tagen:
Er steht wie immer in dem gelben Paletot und der schottischen Mütze auf
Deck, hat die Arme auf dem Rücken gekreuzt und blickt ganz starr weit auf
das Meer hinaus. Auf einmal kommt Frau Sturi die Treppe herauf, sieht ihn
stehen und geht auf ihn zu.
»Sie warten wohl auf jemand,« sagt sie, denn es ist 12 Uhr und alle sitzen
schon beim Lunch.
Ja, er warte auf jemand. Aber dabei bleibt er, ohne sich umzublicken, die
Hände auf dem Rücken, stehen und fährt fort auf das Meer hinauszusehen.
Auf wen er denn warte, alle seien doch schon unten?
Da aber dreht er den Kopf zur Seite, sieht sie fast träumerisch und
lächelnd zugleich an und sagt: »Auf mich. Ich warte auf mich. Frau Sturi.
Auf mich!«
Frau Sturi erzählte die Sache nachmittags in dem kleinen grünen Teezimmer.
Sie war noch ganz empört. Ob das nicht eine maßlose Frechheit sei, eine
ganz maßlose Einbildung und Arroganz!
Ja, das fanden sie nun allerdings alle, wenn sie ihm auch nicht gerade so
böse sein konnten deswegen.
Nach einer Weile aber, während der alle schwiegen, sagte Fräulein Gabler
mit ein wenig schüchterner Stimme: eigentlich brauche das gar nicht
arrogant zu sein. Man könne sich doch auch etwas anderes dabei denken. Und
dabei sah sie sich etwas scheu unter den Damen um, ob jemand sie vielleicht
verstände.
Aber die Damen verstanden sie nicht und fanden, daß es eben nur arrogant
sei und nichts darüber.
»Nun, was man sich denn noch anderes dabei denken könne?« frug schließlich
Frau Sturi. Aber da wurde Fräulein Gabler verlegen. Sie versuchte sich zu
erklären, aber die Worte fehlten ihr und sie wurde sogar ein wenig rot.
Zum Glück nahm Frau Rosenborg sich ihrer an und gab dem Gespräch eine
andere Wendung.
* * * * *
Den 25. August. Zum Teufel auch, wie sehr sind unsere jungen Damen zu
beneiden! Eine Verbrechergeschichte an Bord, eine Seereise mit dem Diebe
der Gioconda! Es flüstert hier und es flüstert dort. Ich sehe ja, daß alle
es wissen.
Ha, das ist eine Situation für mich!
Da wird von den gleichgültigsten Dingen gesprochen; alle machen so
unschuldige Gesichterchen wie Liebende, die sich eben hinter einem Zaun
geküßt und geküßt haben, und denen nun noch die ganze hübsche Geschichte
der letzten fünf Minuten auf Haupt und Haar geschrieben steht. Haha, und
wenn sie an einem vorbei sind, da geht ein Getuschel, ein Getuschel los und
die junge Dame wird sogar noch ein bißchen rot, wenn sie eine gute
Kinderstube gehabt hat. Aber gar der junge Mann wie armselig-köstlich sieht
er aus mit seinem mutig-schlechten Gewissen und seiner geküßten kleinen
Sünde da an der Seite.
Ja, genau so ist es jetzt bei uns. Überall, in jedem Eckchen und jedem
Winkel sieht man so ein Pärchen stehen, das leise und ach, mit so
neugierig-klugen Augen miteinander tuschelt und flüstert und fragt, bis
irgendein Dritter vorbei kommt, von dem man »noch nicht weiß«, und der dann
nichts weiter zu hören bekommt, als ein unmerklich lauteres: »Ja, es soll
mich mal wundern, was daraus wird!« Oder das Meer hat plötzlich »eine so
prachtvolle Farbe, wie Smaragd, ja _wie_ Smaragd«. Und man sieht hinaus
aufs Meer mit Augen, die sich gar nicht satt sehen können, während die
Ohren doch nur dem abnehmenden Schall der vorübergehenden Schritte
lauschen. Schon dreimal habe ich heute gehört, daß das Meer »_wie_ Smaragd«
sei. Na, kann etwa nicht jeder an einem Gespräche darüber teilnehmen daß
das Meer wie Smaragd sei? Nur das »wie« müßte nicht so stark betont werden,
da merkt man ja wohl, daß es gar nicht so sehr auf das Meer ankommt.
Es ist wirklich famos, daß wir so viele junge Frauen an Bord haben. Was
bekommt man doch überall für ein prachtvoll verheucheltes Lächeln zu sehen,
wenn man irgendwo hinzutritt. Frau Rosenborg muß man sehen; wie prachtvoll
lügt sie; was sage ich, vom Kopf bis zu Fuß ist sie plötzlich eine einzige
glänzende Lüge. Hände, Haltung, die Lippen, die Mienen, alles an ihr lügt
plötzlich, verschweigt, vertuscht, lenkt ab, spielt die große Komödie der
Unbefangenheit! Sogar die Augen machen eine ganze Weile diese Komödie mit,
bis sie auf einmal aus der Rolle fallen und sagen: Gauner, du alter Schurk,
du -- weißt du es nun oder weißt du es nicht?
Ha, und wie famos frech lachen einem diese glänzenden Augen ins Gesicht!
Aber um Gottes willen nicht davon sprechen; kein Sterbenswörtchen . . .
Nein, das würde ja den ganzen Spaß auf einmal verderben!
Wie ein Lauffeuer hat sich die Geschichte über das ganze Schiff verbreitet.
Überall brennt und flackert die rote Neuigkeit; aber niemand weiß natürlich
von etwas! Gott bewahre!
Wem verdanken wir diese Neuigkeit? Fräulein Holm, dem reizenden Fräulein
Holm. Der Agent war ja gleich verschossen in sie über beide Ohren. Das will
nun ein Agent sein!