Witwe wie Frau Labrouquet zuweilen für Tragödien abspielen.
Da sollte man nun glauben, die großen Ereignisse fänden alle vor einem
Parkett von Zuschauern und unter dem Mikroskop der öffentlichen Meinung
statt. Aber nein. Hier hinter einem Tisch mit einer roten Decke, hinter
zwei verstaubten Gardinen und sozusagen hinter einem eisernen Ofen, ist der
Schauplatz der ernstesten Vorgänge. Die Kopie nach der Gioconda ist
offenbar ein Erbstück des armseligen Schattens, der mir seine Aufwartung
macht. Er hatte sich nichts Geringeres in den Kopf gesetzt als das Original
aus dem Louvre zu stehlen.
Der arme Tropf! Wahrscheinlich verwechselte er es mit seiner Angebeteten.
Er stellte sich eine heimliche Entführung im Automobil vor, und dann wollte
er es -- -- ja, wie war es gleich? Ich habe es wieder vergessen. Ich
glaube, er wollte es hinter einen Spiegel nageln, oder als Rücken in einen
Schrank einlassen. Ich weiß es nicht mehr genau.
* * * * *
Den 15. August. Bei allen approbierten Heiligen! Jetzt ist es heraus. Ich
habe mich gröblich getäuscht. Der Gelbe ist es! Der Gelbe hat den sauberen
Plan aus der Westentasche seines Gemüts geboren. Die Sache wird also ernst,
haha! Er wird die Gioconda stehlen! . . .
Ja, aber wie -- wie weiß ich es denn? Was kümmern mich auf einmal meine
Nachbarn, bis jetzt waren es doch immer nur meine Vorgänger? Unsinn. Was
zerbreche ich mir darüber den Kopf. Als ob mich die Sache aufregte. Die
Gioconda stehlen! Nun, ebenso gut könnte er sich ja in den Kopf setzen, den
Eiffelturm vom Champs de Mars wegzuschleppen oder das Ministerium mit Herrn
Delcassé.
Sich auszumalen, daß es eines Tages in den Zeitungen hieße: Die Gioconda
gestohlen! Man braucht sich doch nur das vorzustellen, um einzusehen wie
verrückt dieser Plan ist.
Die Gioconda gestohlen! Das wäre wahrhaftig ein Spaß. Das käme mir beinahe
vor als wollte einer alle Frauen auf einmal aus der Welt schleppen.
Ja, so käme es mir wahrhaftig vor. Er soll es nur versuchen, er soll es nur
versuchen . . .
Ich schäme mich fast, es mir selbst zu gestehen, aber wahr ist es: ich kann
ihn begreifen, in seinem seltsamen Wahnsinn und ich glaube, daß es vielen
so geht. Ich habe mich schon beobachtet, daß ich vor dem Bilde stehe und zu
mir selbst sage: Ich liebe dich, Gioconda. Ich könnte es wahrhaftig
flüstern wie man ein lange zurückgehaltenes Liebesbekenntnis für sich
flüstert. Aber ich habe ja meine gute Vernunft, die mir sagt, es ist ein
Bild. Gott sei gepriesen für diese Vernunft!
Der arme Kerl tut mir leid; was wird er sich alles anrichten. Pfui Teufel
. . . und dabei ist er ein Grundehrlicher . . . Man muß wirklich Gott
danken, daß man nicht so von Sinnen ist wie er.
Denn das ist er. Was hat er sich nun obendrein für einen Unsinn in den Kopf
gesetzt. Jetzt will er wissen, daß der Kunsthändler Duval in der Rue de
Rome einen Dolch aus rötlichem Stahl besitzt.
Nun, ich weiß nicht, ob es rötlichen Stahl gibt, und vielleicht besitzt
Herr Duval ja auch einen solchen Dolch. Aber wie um alles in der Welt kann
es ein Dolch aus rötlichem Stahl sein mit der Aufschrift: Tibi Gioconda?
Und nicht genug, er kapriziert sich darauf, daß der Dolch aus den
toledanischen Werkstätten und eine Arbeit aus dem 14. Jahrhundert sei.
Nun, wir werden ja sehen. Dieser Mensch ist ein vollkommen Irrsinniger oder
ich will nicht selig sein.
* * * * *
Den 16. August. Wie der Mensch sich selbst belügen kann! Ich glaube, es
gibt sogar Menschen, die lügen sich ihre ganze Existenz vor. Also da
versuche ich mir nun einzureden, daß mich die Sache mit dem Diebstahl
nichts angeht, daß sie mich nicht im mindesten aufregt und daß ich ihr so
gleichgültig zuschaue wie ein langjähriger Abonnent dem 21. Tode der Maria
Stuart. Und dabei hat mich doch sofort eine unerklärliche, heiße Angst
befallen, die mir fast die Kehle schnürte und mich die ganze Nacht durch
Paris trieb.
Und wie ich es auch anstellte, welchen Weg ich einschlug, nach Norden,
Osten, Westen, Süden, immer stand ich zuletzt vor dem Portal des
Louvre-Museums, gerade als müßte ich achtgeben, daß niemand die Gioconda
fortschleppt. Nun, aber ebensogut könnte ja auch einer mit der Venus von
Milo am Arm die Rue de Rivoli hinuntergehen.
Jetzt denke ich doch schon erheblich ruhiger über den Fall. Wie töricht ist
es doch auch, sich über das Unmögliche aufzuregen.
Ich sollte mir lieber Gedanken darüber machen, wie die Liebe ihm so den
Kopf zerstücken und zerflicken konnte.
Daß es aber auch kaum einen Mann gibt, dem nicht der Knüppel Weib zwischen
die Beine fällt. So oder so. Der eine bleibt an einem Dienstmädchen hängen
oder an einer Gouvernante und der andere stolpert sozusagen über die
Idealität des Weibes.
Ja, was dies betrifft, so sind schon mehr Männer als man glaubt daran
zugrunde gegangen.
Aber, wer zum Teufel, heißt sie denn auch beim Weibe die Erfüllung der zehn
Gebote suchen. »Du sollst nicht lügen.« Nun, bei allen Aufrechten, ich habe
weder jemals ein Weib gesehen, das nicht lügt, noch wünsche ich es je zu
sehen. Ein Weib, das nicht lügt, ist uninteressant, und ein Weib, das die
Wahrheit sagt, langweilig. »Du sollst nicht lügen.« Das ist wie alle
Du-sollst eine Bequemlichkeitsvorschrift. Die Faulheit hat sie gemacht.
Diejenigen haben sie aufgestellt, die zu dumm waren und fühlten, daß sie
echt und unecht nicht von sich aus unterscheiden konnten. Da gaben sie
jedem Ding erst seinen umständlichen Stempel: Dies ist Gummiarabikum und
dies ist Nitroglyzerin. Wer nun einem Nitroglyzerin unter die Nase hält und
sagt, es sei Gummiarabikum, der ist »unsittlich«. Wie lächerlich ist das
doch.
Mögen die Männer immerhin sittlich sein. Die Frauen sind mir zu gut dazu.
Wer will denn einen abgerichteten Star im Käfig haben? Und ist es -- ja bei
Gott -- gibt es eine größere Freude, als einer Frau hinter etwas zu kommen!
Hinter ihre Schliche oder womöglich hinter ihr -- Bewußtsein!
Wenn man von den Frauen die Erfüllung der zehn Gebote verlangt, nimmt man
ihnen dann nicht alle Hintergründe? Sehen Sie nur diese Gioconda! Haha, der
alte da Vinci ist mein Freund! Er glaubte und liebte wie kein anderer die
Hintergründe des Weibes, diese unergründlichen Hinter- und Abgründe, durch
die man hinauf- und hinabstürzt ins Herz der Natur und zuweilen in das
Grauen der Welt. Kann man es etwa ansehen dieses Bild, bis zu Ende ansehen?
Nun, den will ich sehen, dem dabei nicht schwindlig wird. Es ist wahrhaftig
kein besonderes Vergnügen ins Nichts, ins Ewig-Leere, ins Unbegrenzte
hinunterzugondeln. Einen Halt muß der Mensch doch haben, einen Glauben; und
sei es auch nur Halt und Glauben an einem Laternenpfahl.
Mich wundert es nicht, wenn es auch größeren Geistern vor dem Rätsel Weib
schwindlig wird. Nun, natürlich größeren Geistern. Kleine werden ja nie
schwindlig, sie gehen immer sicher und schwindelfrei auf dem Bürgersteig
der öffentlichen Sittlichkeit. Mit einem »du sollst« rechts und einem »du
sollst nicht« links, legen sie ihren Lebensweg anständig und honett zurück
und legen sich sogar gut abgebürstet ins Grab, wo sie mitsamt ihrer
Sittlichkeit verwesen.
Aber die andern! Ja, ich sah manchen auf dem Weg nach seiner Heimat selbst
in diesem elektrisch beleuchteten Jahrhundert Irrfahrten machen, die hinter
denen des Odysseus nicht zurückstanden, und ein neuer Homer, mein' ich,
brauchte nicht unter die Arbeitslosen zu gehen. Aber Odysseus hatte doch
schließlich und endlich zu Hause eine Penelope, die treu war. Oder? Oder
sollte das nur -- ein Märchen sein? Ein Märchen, mit dem der große Dichter
sein großes griechisches Kind einwiegte und in Schlummer sang? Wollte er
auch zum Glauben an Treue verführen? Mußte er auch einmal hinter alle
Hintergründe eine letzte Kulisse schieben, weil ihm sonst schwindelte?
Nein, nein, ich halte es lieber mit meinem alten Lionardo!
O du Prophet des Unglaubens! . . .
Aber ganz leicht muß es doch nicht sein, so ganz ohne die Rechenmaschine
»Gut und Böse« auszukommen. Ich selbst darf mich allerdings nicht beklagen.
Ich habe einen so wetterfesten Humor mitbekommen, daß ich gegen alle
regnerischen Überraschungen der Frauen gefeit bin. Ich habe noch ein
Gelächter im Zwerchfell, wo andere schon nach Mord und Selbstmord schielen.
Einmal bekam ich einen Brief, indem sie mir schrieb, sie wolle mir bis ans
Ende der Welt folgen. Und das war keine Lüge. Hätte ich geschrieben:
»Komm«, sie wäre gekommen. Aber trotzdem stand in einem Nachsatz: »P. S.
Ich habe hier übrigens einen Rechtsanwalt wieder getroffen, den ich im
letzten Winter auf einem Ball kennen lernte.«
Na -- es war so klar; sie betrog mich. Aber ich war ganz begeistert über
diese Mitteilung. Ich hätte gar nicht hinfahren brauchen, um mich zu
überzeugen. Es war mir geradezu, als ob in dem Brief stünde: Liebster, ich
betrüge Dich, herzlichen Gruß Deine Dich treu und ewig liebende Margarethe.
Ach, ich kann ja gar nicht sagen, wie begeistert ich war!
Aber ich fuhr natürlich doch hin, ging auf den Herrn Rechtsanwalt, als er
an ihrer Seite daher kam, zu und schlug ihm eins, zwei den Hut vom Kopf.
Trotz meiner Begeisterung.
Ja, so ist man.
Und die Sache nahm noch ein viel fröhlicheres Ende. Denn trotzdem sie mich
brutal genannt hatte, kam sie doch am Abend zu mir ins Hotel und hatte ihr
bestes Kleid angezogen. Nun, da wußte ich ja Bescheid. Aber in dem Hotel
konnte ich nicht bleiben. Wir mußten umziehen. Denn dort hätte uns ja
niemand geglaubt, daß wir ein legitimes Recht auf ein Zimmer mit zwei
Betten hätten. Das wollte sie nämlich diesen Abend unbedingt.
Wenn man sagt: Selbst in der vornehmsten Dame steckt eine kleine Göre, die
noch gern einmal eine Nase schneidet und die Zunge herausstreckt, -- so
glaubt alle Welt, man wolle sich über die Frauen lustig machen.
Eine Dame sagte einmal ganz empört darauf zu mir: »Vielleicht auch in der
Königin von England?« »Warum nicht?« sagte ich, »ich will nicht hoffen, daß
die Engländer von einer Gouvernante regiert werden.« Darauf drehte sie mir
den Rücken zu und ging stracks davon. Das tat sie aber nur, weil sie so
prachtvolle Schultern hatte. Ja, prachtvolle Schultern und einen
geschmeidigen, freien Gang. Ich mußte ihr ganz berauscht nachblicken. Und
sie fühlte auch wohl, daß sie Eindruck auf mich gemacht hatte, denn sie
blickte sich nicht ein einziges Mal um.
Später wurden wir übrigens noch gute Freunde und sie war furchtbar verliebt
in mich. Und dann sagte sie mir auch einmal, daß ich ganz recht hätte mit
der kleinen Göre, die noch eine Nase schneidet, aber damals hätte sie es
furchtbar geärgert. Es sei auch arrogant, so etwas zu sagen, aber jetzt, wo
sie mich hätte, wäre ihr auch das egal. Ach, sie war ein reizendes
Geschöpf, so klug und falsch wie kaum eine.
Ich verlor sie übrigens zuletzt durch eine Dummheit. Ich küßte nämlich
eines Tages halb aus Langerweile, halb aus Torheit in ihrer Gegenwart eine
Kopie der Venus von Giorgone, die bei mir an der Wand hing. Das sei die
größte Beleidigung, die man einer Frau antun könne! Und das sagte sie mit
dem erbittertsten Gesicht von der Welt. Als ich ihr aber vom Fenster
nachsehe, bemerke ich, daß drüben ein Wagen für sie hält, in dem bereits
ein Herr sitzt, der auf sie wartet.
Zwei Tage marterte ich mich mit dem Gedanken, was sie wohl gemacht hätte,
wenn ich nicht auf den dummen Einfall gekommen wäre, das Bild zu küssen!
Denn da hatte sie nun recht: schlimmer kann man eine Frau ja gar nicht
beleidigen.
Ja, aus ganzem Herzen unterschreibe ich, was Herr Tackeray sagt:
»Unparteiische, logische und streng gerechte Frauen! Gott bewahre uns
davor! Wenn die Frauen diese Eigenschaften hätten, würde die Menschheit
vergehen, und die Erde würde zu einer Wüste.«
Penelope ist doch weiß Gott kein Ideal! Odysseus wird es noch oft beklagt
haben, nicht bei der rätselhaften Zauberin Circe geblieben zu sein. Aber
wahrscheinlich wollte es die Weltanschauung der Griechen so, daß der Mann
bei dem treuen Weibe enden muß, daß er nach allen Irrfahrten die Treue in
der Heimat und die Heimat in der Treue findet.
Ja, ja die Griechen . . . .
* * * * *
(Anmerkung des Herausgebers: Es dürfte den Leser interessieren zu wissen,
daß das folgende Stück im Manuskript mit wesentlich veränderten
Schriftzügen geschrieben ist. Der Zusammenhang dieses Absatzes mit dem
Voranstehenden ist zwar nicht recht deutlich, aber ich glaubte, ihn
trotzdem mitabdrucken zu müssen. Vielleicht findet dieser oder jener doch
einen inneren Faden, der von dem übrigen Inhalt zu diesen Sätzen
hinüberleitet.)
* * * * *
. . . Und dann eines Tages litt es mich nicht mehr. Ich wollte gehen und es
ihr sagen.
Ich war stundenlang durch die Wälder gegangen und hatte an jedem Baum
gesagt: Ich liebe dich. Sie war ganz in meinen Gedanken. Es war, als flösse
ihr Wesen mit meinem Blut schimmernd in meinen Adern. Auch nicht die
geringste Regung eines Gefühls gehörte nicht ihr, war nicht sie.
Ach, ihr Menschen von heute, könnt euch solche Liebe nicht denken, ihr
glaubt ja nur an Liebe, die nachläuft, die sich erklärt, die heiratet. Für
den Florentiner und seine Liebe zur Simonetta habt ihr doch nur ein
Lächeln.
Aber als er dort an der Brücke stand und Beatrice unter den Frauen
vorüberging, da war es, als sei alles Glück, aller Rausch und Seligkeit
dieser Welt in dieses eine gewaltige, glühende Herz gegossen. Der Schein,
der aus jenen Augen brach, schuf an ihr die Schönheit der Frauen kommender
Jahrhunderte . . .
Wenn sie durch die Straßen schreitet oder ihre Schönheit in Sälen zeigt,
wenn die Menschen sich nach ihr umwenden, ist mir, als bewunderten alle
mein Werk. Ich habe sie gelehrt, sich so zu tragen mit diesem königlichen
Anstand, ich habe sie ihren stolzen Gang, das Neigen ihres Hauptes, das
Heben ihrer Hände gelehrt . . . .
Ich liebe dich!
Du bist mir wie ein Gebet in der Kirche. Seit ich dich kenne, bin ich
wieder fromm wie ein Knabe. Es gibt einen Gott, es gibt eine
Unsterblichkeit, es gibt Ewigkeit. Es gibt wieder alles, was es als Kind
gab: Geborgensein, Ruhe, Stille. Meine Liebe hüllt mich wie in eine
duftende goldene Wolke. Ich bin wie verwandelt.
Ich liebe dich.
Ich will nicht vor dir niederknien und dir keinen Thron errichten. Für den
Himmel bist du mir zu gut. Ich will dich wie du bist, mit allen deinen
Menschentugenden und Menschenfehlern, mit deinen rätselhaften Schönheiten
und deinen schönen Rätseln.
Ich liebe dich.
* * * * *
Den 18. August. Dieser vertrackte Kerl! Er macht mir weiß Gott zu schaffen.
Sie werden sehen, daß er mit der Gioconda ernst macht. Er bestimmt sich
obendrein Zeit und Ort und Stunde und führt den Diebstahl aus, wie es ihm
paßt.
Ich habe es doch heute gesehen. Kam nicht alles, wie er es vorausgesagt
hatte? Wort für Wort? Von dem rötlichen Stahl angefangen bis zu dieser
mysteriösen Inschrift: Tibi Gioconda?
Von halb fünf ab hielt ich mich bereit. Ich wollte doch sehen, was es denn
mit dem Dolch für eine Bewandtnis hätte. Genau zur festgesetzten Zeit --
meine Uhr zeigte 13 Minuten bis fünf -- stand er auf, nahm seine Mütze und
ging. Ich ließ ihn keinen Augenblick aus den Augen und folgte ihm
unbemerkt. Immer sah ich seinen gelben Mantel auf der Straße zwischen den
Passanten auftauchen. Es war leicht, ihn im Auge zu behalten. Übrigens
konnte man am Schritt sehen, wie sicher er seiner Sache war. Er ging gar
nicht aufgeregt, sondern ganz ruhig und zielstracks geradaus.
Fünf Minuten nach fünf legt er die Hand auf den Drücker der Ladentüre und
tritt ein. Herr Duval steht sechs Schritte von ihm entfernt und betrachtet
eben eine Wedgewood-Schüssel. Er grüßt, geht auf den Kunsthändler zu und
sagt: »Sie besitzen einen Toledaner Dolch. Aus rötlichem Stahl. Eine Arbeit
aus dem 14. Jahrhundert. Nicht wahr?«
Der kleine graue Mann rückt an seiner goldenen Brille, sieht ihn etwas
verdutzt an und sagt: »Nein, mein Herr, einen solchen Dolch habe ich nicht;
aber vielleicht ist Ihnen mit einer anderen, einer italienischen Arbeit
gedient? Ich habe . . .«
»Nun, erinnern Sie sich nur. Der Dolch trägt die Aufschrift: Tibi
Gioconda.«
»Aber, wenn ich Ihnen doch sage . . .«
»Ich versichere Sie, Herr Duval . . .«
»Ha, ha, Sie versichern mich! Sehr gut, sehr gut. Nein ich versichere
Ihnen, mein Herr, ich versichere Ihnen . . .«
»Herr Duval, Herr Duval«, schreit plötzlich aus der hintersten Ladenecke
eine Stimme: »Wir haben sie . . . Wir haben sie . . .«
Herr Duval entschuldigt sich plötzlich und rennt zwischen all seinen
Möbeln, Leuchtern und Spiegeln nach dem hinteren Ende des Ladens: »Wen
denn? Wen habt ihr denn?« ruft er.
»Die Truhe, Herr Duval . . . Sehen Sie nur, da stand sie, hinter dem
Louis-seize. Mein Gott, ist sie dreckig, voller Staub!«
Herr Duval ist keiner von jenen modernen Verkäufern, die immer nur Geschäft
sind und wie Automaten aussehen. Sein Geschäft ist sozusagen ein
Appartement seiner Wohnung, ein Teil seiner Familie. Wer in sein Geschäft
kommt, der kommt in seine Familie und nimmt an deren Leiden und Freuden
teil.
Herr Duval kommt also mit einer halbgroßen, ganz verstaubten Truhe, die ihm
ein Lehrling mit schwarzen Haaren und einem Sommersprossen besäten Gesicht
tragen hilft, wieder nach vorne und beginnt gleich zu erklären:
»Endlich also, endlich haben wir ihn, den Ausreißer. Denken Sie nur, mein
Herr, vier volle Wochen versteckt sie sich hinter einem
Louis-seize-Spiegel. Ich dachte schon, jemand hätte sie gestohlen. Diesen
Bengel da hatte ich weiß Gott in Verdacht. Ich hatte mich schon an die
Polizei gewendet. Wo sollte sie denn geblieben sein? Nun, jetzt haben wir
sie! Ja, ja. Interessieren Sie sich für Renaissancestickereien? Geben Sie
acht; hier haben wir nämlich einen der kostbarsten Erzbischofsmäntel, die
je angefertigt wurden. Ach, Sie werden staunen, mein Herr, welch eine
kostbare Arbeit, welch' eine Arbeit!«
Und während er das sagt, hat Herr Duval die Truhe sorgfältig von allem
Staub gereinigt und entnimmt ihr jetzt vorsichtig und fast mit einer
gewissen Andacht einen großen kostbar gestickten Erzbischofsmantel aus
schwerem Goldbrokat.
»Sehen Sie, das ist eine Arbeit! Und wie erhalten, was? Als käme er eben
aus den zarten Fingern der Goldstickerinnen. Sehen Sie nur, sehen Sie. Die
Farben sind ein wenig geblaßt. Aber das gibt dem Golde einen intimen, ich
möchte sagen, herbstlichen Reiz, nicht wahr? Ja, einen herbstlichen Reiz,
das kann man wohl sagen. Oder erinnert es Sie mehr an unseren Pariser
Frühling?
Ach, Sie können ihn ja so nicht sehen. Georges, stelle dich einmal
hierher.«
Und er hängt dem sommersprossigen Jungen den Erzbischofsmantel so über
seinen kurz geschorenen Kopf, daß von dem Bengel überhaupt nichts mehr zu
sehen ist. Aber der Mantel schleift noch am Boden.
»Oder haben Sie Lust, sich einmal selbst als Erzbischof zu sehen? Haha, Sie
werden sich gut darin ausnehmen mit Ihrer Habichtsnase. Entschuldigen Sie.
Sehen Sie so -- so. Und nun betrachten Sie sich einmal im Spiegel. Ich sage
es ja, nur die Mütze fehlt. Sie sind ein geborener Erzbischof, mein Herr.
Schnell, Georges, unsere Mütze und den Bischofsstab . . .«
Plötzlich aber schlägt der als Erzbischof Verkleidete den Mantel, der innen
mit brennend roter Seide gefüttert ist, zurück und hält dem Kunsthändler
einen langen Dolch aus rötlichem Stahl entgegen.
»Sehen Sie, Sie besitzen ihn doch, Herr Duval.«
»Mein Gott, mein Gott, was ist das, was ist das! Wie kommen Sie zu dem
Dolch? Wie . . .?«
»Ich fand ihn eben hier in der Innentasche des Mantels.«
Der kleine Kunsthändler tritt unwillkürlich um einen Schritt zurück, sieht
den als Erzbischof vor ihm Stehenden befremdet an und sagt ganz kleinlaut
und erschreckt:
»Aber mein Herr, ich versichere Sie, ich wußte nichts, ich wußte in der Tat
nicht das geringste von diesem Dolch. Ich kann es beschwören. Ich sehe ihn
zum erstenmal in meinem Leben. Lassen Sie einmal sehen, lassen Sie sehen.
Bei der Jungfrau, es ist eine toledanische Arbeit. Eine wundervolle
toledanische Arbeit aus dem 14. Jahrhundert. Genau wie Sie es sagten. Aber
das ist doch das Seltsamste, was ich erlebt habe. Wie wußten Sie, mein
Herr? Ach, Sie haben ihn selbst mitgebracht? Aber nein, wie werden Sie denn
Ihren eigenen Dolch kaufen wollen. Und hier ist ja auch die Aufschrift:
Tibi Gioconda. Ganz deutlich. Mein Gott, genau wie Sie es sagten!«
»Ich biete Ihnen 150 Frcs. für den Dolch«, sagt der unheimliche Mensch, der
noch immer im Ornat vor dem erschreckten Kunsthändler steht. »Wollen Sie
ihn dafür geben?«
Sie werden einig und gleich darauf verläßt der Gelbe den Laden. Herr Duval
aber steht noch in der Türe, sieht ihm nach und sagt immer wie zu sich
selbst und in seinen grauen Bart hinein: Das verstehe ich nicht, nein, das
ist seltsam, das verstehe ich nicht . . .
Um 5 Uhr 17 Minuten waren wir wieder zu Hause, gerade eine halbe Stunde
waren wir fort gewesen.
* * * * *
Den 19. August. Was soll nun noch unmöglich sein. Er wird die Gioconda und
mit ihr alle Rätselhaftigkeit in seinen Besitz bringen, genau zu der
Stunde, zu der er es bestimmt hat. Und trotz allen Einwendungen der
Vernunft wird es in allen Zeitungen und auf den Straßen ausgerufen werden:
die Gioconda gestohlen!
Eine unerklärliche, heiße Angst hat mich befallen. Er aber ist ruhig wie
ein Stein. Und mit welch bewunderungswürdigem Instinkt er den Zeitpunkt des
Diebstahls ausgesucht hat. Es ist als hätte er den Blick in die Zukunft.
Woher weiß er, daß bei der Ablösung der Wachen diesmal ein Irrtum
vorkommen, daß der eine Wächter abgerufen wird, und so der Saal sechs
Minuten lang ohne Aufsicht bleibt?
Ich frage mich ja vergeblich, woher ich dies alles weiß!
Oft fühle ich mich mit ihm verwandt, so als flösse dasselbe Blut in unseren
Adern. Und doch wieder bin ich ihm fremd. Nicht so fremd und auf jene Art
wie einem irgendein beliebiger Mensch fremd ist, dem man irgendwo begegnet,
der einen um Auskunft bittet oder nach einer Straße frägt, sondern wie
einem der Bruder fremd ist. Oder wohl gar wie die Mutter, so unheimlich
fremd. Das läßt sich nicht beschreiben. Aber alle diejenigen kennen es, die
vielleicht als Kind gesehen haben, wie ein Mann einen begehrenden Blick
über die Gestalt der Mutter gehen ließ, und wie die Mutter diesen Blick
leise und ohne es zu wissen, zurückgab. Ach, wie kann da ein Knabenherz in
seiner Einsamkeit erschrecken und auffahren. Und wie fremd kann da eine
Mutter werden. Fremder als Gott, den man noch nie gesehen hat, der aber
doch immer so ist, wie man ihn glaubt. Eine begehrte Mutter aber ist so
fremd und schaudervoll rätselhaft wie die dunklen Augen eines Hundes, der
sich herrenlos auf den Straßen herumtreibt und der einen des Abends
plötzlich aus der Dämmerung anstarrt wie das Nichts, so niederschmetternd
und überwältigend.
Ich selber bin bei guten Sinnen und weiß, daß die Rätselhaftigkeit, das
Grauen, das mich aus diesem schrecklichen Bilde anblickt, Geburt meines
Hirns, meiner Augen ist. Ich weiß, daß sie ohne mich tot ist, tot in ihrem
Rahmen und Holz und Farbe. Aber er, der armselige Unsinnige! Ist er blind?
Er glaubt, sie lebt. Er glaubt, daß er all ihre Rätselhaftigkeit an sich
bringen muß zu ewigem Besitz oder vielleicht sogar zu ewiger Zerstörung. Er
fühlt ein Leben in diesen verräterischen Augen, diesen furchtbaren Lippen,
diesen entsetzlichen, grauenhaften Händen. Und das Leben dieses Bildes
peitscht und zerfleischt ihn, bringt ihn außer sich und treibt ihn umher.
Es bleibt ihm nur das eine: sich selbst zerfleischen oder -- sie besitzen.
Besitzen wie ein Weib aus Fleisch und Blut, das man Brust an Brust an sich
reißen, pressen und umschlingen kann.
* * * * *
Den 20. August. Gott sei uns gnädig! Diese Nacht noch und alles ist
vorüber. Er wird alle Rätselhaftigkeit der Gioconda an sich bringen und
alles wird seine toten, sicheren, gleichgültigen Gleise gehen.
O, warum sitze ich hier und lege die Hände in den Schoß und stelle mich
nicht vor die Tat und ihn? Warum halte ich dem Mörder den Arm nicht fest,
ehe er zustößt? Denn Mord ist dies doch, nicht wahr? Ach viel mehr! Ist es
nicht, als reckte jemand die Hand aus, das Heiligtum der Welt zu schänden?
Als risse jemand die Sonne vom strahlenden Tag, um einen unförmigen
Lehmklumpen dafür aufzuhängen? O Gott . . .