Sammlung abenteuerlicher Geschichten Band 3:
Schwitzky / Das Geheimnis der Gioconda
Das
Geheimnis der Gioconda
Das Tagebuch des Diebes
Herausgegeben von
Ernst B. Schwitzky
Delphin-Verlag / München
Copyright 1914 by Delphin-Verlag / München
Vorwort
Die Papiere, die hier veröffentlicht werden, sind auf eine so eigentümliche
Weise in meinen Besitz gelangt, daß ich mich veranlaßt sehe, darüber
Rechenschaft abzulegen. Ich lernte zu Anfang des vergangenen Sommers, also
etwa dreiviertel Jahre nach dem Verschwinden der Gioconda aus dem Louvre,
in einem Kopenhagener Hotel einen Herrn kennen, der sich mir unter dem
japanisch klingenden Namen DACO-NOGI vorstellte. Dieser Herr, den ich, wie
die Dinge nun einmal liegen, für den Autor des hier veröffentlichten
Tagebuchs halten muß, besaß, ohne von mir irgendwie dazu aufgefordert
worden zu sein, die große Liebenswürdigkeit, während meines Aufenthalts in
Kopenhagen mein Fremdenführer zu sein und sich meiner in jeder erdenklichen
Weise anzunehmen. Er schien ein ganz besonderes Vergnügen daran zu finden,
mir die mannigfaltigen Schönheiten Kopenhagens, das er außerordentlich
liebte, zu zeigen und wenn ich in der kurzen Zeit von etwa zehn Tagen, so
ziemlich alles gesehen habe, was Kopenhagen Sehenswertes besitzt, so
verdanke ich das lediglich meinem Führer und seiner oft erstaunlichen
Ortskenntnis. Er war selbst kein Däne, sondern nach der Klangfarbe seiner
Sprache zu urteilen ein Deutscher, aus den rhein-mainischen Gegenden. Aus
den Gesprächen ging hervor, daß er seit Jahren auf Reisen war, China,
Japan, die Vereinigten Staaten, Südamerika, Indien genau kannte und sich
sowohl in den Küstenländern, wie im Innern Afrikas längere Zeit aufgehalten
hatte. Niemals jedoch konnte ich erfahren, zu welchem Zweck diese Reisen
unternommen worden waren, und obgleich Herr DACO-NOGI so gar nicht das
Aussehen eines Globetrotters hatte, sah ich mich zuletzt doch gezwungen,
anzunehmen, daß er lediglich zu seinem Vergnügen gereist war. Übrigens
sprach er außerordentlich selten von sich. Dagegen fiel es mir bald auf,
wie intensiv ihn das Leben anderer beschäftigte, gleichviel, ob es das
eines Kohlenträgers war, von dem wir im Vorübergehen zwei oder drei Worte
aufgefangen hatten, oder das eines Ministers, dessen Rede uns durch die
Zeitungen bekannt wurde. Es wird von Balzac erzählt, daß er oft in der
Lebhaftigkeit seiner Phantasie von den Gestalten seiner Einbildung wie von
lebenden Personen sprach und seine Freunde dadurch in Erstaunen setzte, daß
er ihnen von den Schicksalen der Eugenie Graudet und des Vater Goriot
erzählte, als handle es sich um Menschen, die jeden Augenblick selbst
eintreten und sprechen könnten. In ähnlicher Weise überraschte mich oft
Herr DACO-NOGI, wenn er plötzlich ohne jeden erkennbaren Anlaß aus dem
Leben von Personen erzählte, von denen er weder wußte, was sie waren, noch
wie sie hießen. Wie intensiv und außerordentlich diese Beschäftigung mit
dem Leben anderer war, davon überzeugte ich mich zuerst an mehreren
Bemerkungen, die er im Verlauf des Gesprächs über mich und meine
Verhältnisse machte. Mehrere Male überraschte er mich nämlich durch die
Kenntnis von Tatsachen aus meinem Leben, von denen ich bestimmt wußte, daß
ich sie ihm nicht mitgeteilt hatte. Das erstemal als er plötzlich von
meiner Schwester sprach, konnte ich noch glauben, es sei Zufall und ich maß
der Sache weiter keine Wichtigkeit bei. Aber noch am selben Tage gab er mir
ganz unvermutet einen Rat, der die Kenntnis höchst komplizierter
persönlicher und finanzieller Verhältnisse voraussetzte, deren Intimität
mich vor dem Eigenverdacht bewahrte, vielleicht davon gesprochen zu haben.
Zuerst stand ich vor einem Rätsel, das ich mir nicht im geringsten zu
erklären vermochte und ich betrachtete meinen neuen Bekannten mit einer
Mischung von Mißtrauen und leiser Furcht. Dann aber erhielt ich durch
einige Beispiele, die das Leben anderer Personen betrafen, den seltsamen
Beweis, daß dieser Mensch in einer geradezu ans Wunderbare grenzenden Art,
die Fähigkeit besaß, aus den unbestimmtesten Redewendungen und den
scheinbar unpersönlichsten Gesprächen auf Tatsachen und Geschehnisse
zurückzuschließen, die einem Menschen mit gewöhnlichem
Beobachtungsvermögen, schlechthin verborgen bleiben müssen. Mit dieser
ungewöhnlichen Fähigkeit erinnerte er mich an die sonderbare Gestalt des
Herrn Dupin in den Poeschen Novellen, denn Herr DACO-NOGI besaß in
Wirklichkeit das ans Fabelhafte grenzende Assoziationsvermögen jener
erdichteten Gestalt. Nur eine ungeheure Beweglichkeit der Phantasie, die
selbst die geringfügigsten Sinneseindrücke verarbeitete, kann es ihm
ermöglicht haben, zu so verblüffenden Feststellungen zu kommen, wie sie ihm
in meiner Gegenwart gelangen. Übrigens arbeitete dieses fast übernatürlich
zu nennende Assoziationsvermögen, wie die meisten ganz großen und
übernormalen Fähigkeiten im Menschen, beinahe ganz unbewußt in ihm und er
war sich in den allermeisten Fällen auch gar nicht klar darüber, irgend
etwas erraten zu haben, was zu erraten andern Menschen schlechthin
unmöglich gewesen wäre. Nach und nach nahm ich übrigens wahr, daß es
keineswegs eine einfache, übermäßig ausgebildete Assoziationsgabe war, die
meinem Bekannten so seltsame Ergebnisse lieferte. Wie sollte es auch durch
einfache Assoziationen möglich sein, Stimmungen, Gefühle und halbbewußte
Empfindungen von Menschen zu erraten, von denen er, wie gesagt, oft nicht
mehr als drei Worte gehört und die er nur ein einziges Mal gesehen hatte.
Es schien mir vielmehr eine Art künstlerischen Vermögens zu sein, das er
besaß und vielleicht gibt das Wort Einfühlung den allgemeinsten Begriff von
dem, was ich sagen will. Er vermochte sich auch durch den aller
geringfügigsten Anlaß etwa so in einen Menschen einzufühlen, wie es der
Betrachter oder Zuschauer eines Kunstwerkes tut, der damit die Absichten
und die Mittel des Künstlers errät. Und zwar war die Art der Einfühlung in
ein fremdes Leben so stark, daß sie ihn nicht nur vollkommen beherrschte,
sondern ihn auch vollkommen veränderte. Oft, während er sprach, wechselte
er seine ganze Haltung und seinen Gesichtsausdruck. Wie ein anderer Mensch
wohl seine Rede durch Gebärden mit den Händen oder bei lebhafteren
Temperamenten auch durch ein bewegliches Mienenspiel zu veranschaulichen
sucht, so zwang bei ihm der Gedanke oder das Gefühl, das er ausdrücken
wollte, den ganzen Körper in Dienst und veränderte alles an ihm. Nichts
aber stand sozusagen willenloser unter dieser Kraft der Einfühlung, wie
seine Stimme. Sie war gleichsam diejenige Saite, die die Schwankungen
seiner Empfindung am vollendetsten und differenziertesten wiedergab. Sie
war nicht nur von einer schier unglaublichen Modulationsfähigkeit, die die
leisesten, zartesten und härtesten Töne anklingen ließ, nein, sie vermochte
geradezu ihren ganzen Charakter zu verändern und oft, wenn ich, die Wirkung
dieser Stimme auf mich zu erproben, die Augen schloß, hätte ich meinen
können, plötzlich mit einem ganz anderen, fremden Menschen zu reden.
Am Tage meiner Abreise von Kopenhagen kam Herr DACO-NOGI vormittags auf
mein Zimmer, um sich von mir zu verabschieden. Er war im Mantel und Hut,
denn er stand selbst gerade im Begriff abzureisen. Unter dem Arm trug er
eine kleine Mappe aus dunkelgrünem Leder, die er bei seinem Eintritt auf
dem Garderobenständer ablegte. Wir unterhielten uns vielleicht zehn
Minuten; es lag mir mehrfach auf der Zunge zu fragen, wohin er reise, aber
aus dem Gefühl heraus, nicht neugierig erscheinen zu wollen, unterließ ich
die Frage. Einige Tage vorher hatte er übrigens davon gesprochen, demnächst
nach Canada gehen zu wollen. Nach zehn Minuten erschien der Hausdiener und
meldete das Automobil. Wir verabschiedeten uns kurz und herzlich. Dann,
nach einer Stunde etwa, bemerkte ich, daß mein Bekannter die Mappe auf dem
Garderobenständer hatte liegen lassen. Ich erkundigte mich bei dem Portier,
ob Herr DACO-NOGI eine Adresse hinterlassen habe. Es war nicht der Fall. In
der Hoffnung vielleicht aus dem Inhalt der Mappe die Adresse des Fremden
erfahren zu können, öffnete ich sie mit dem anhängenden Schlüssel. Was ich
fand, war nur eine große Anzahl dünner, zerknitterter Blätter, die mit
einer steilen kritzlichen Schrift bedeckt waren und eine Karte, die an mich
gerichtet war und nur die Worte enthielt: Bitte, betrachten Sie diese Mappe
und ihren Inhalt als Ihr Eigentum. -- Schon auf der Fahrt von Kopenhagen
nach Hamburg habe ich dieses seltsame Schriftstück, von dem ich beim
flüchtigen Durchblick bald erkannte, daß es sich auf den Diebstahl der
Gioconda bezog, zum erstenmal gelesen. Mein Entschluß, das Manuskript zu
veröffentlichen, war sofort gefaßt. Meine Arbeit dabei ist keine andere
gewesen als die einzelnen Blätter, die wirr durcheinander lagen, dem Sinne
nach zu ordnen und aneinander zu reihen. Ich habe mich nicht für berechtigt
gehalten, irgendwelche Zusätze oder auch nur irgendwelche Korrekturen in
dem Manuskript anzubringen. Dagegen schien es mir geboten, die Eigennamen
der Personen durch freigewählte zu ersetzen. Im übrigen ist das Tagebuch,
wie es hier vorliegt, ein wortgetreuer Abdruck des Originals. --
Vielleicht wird es noch interessieren zu wissen, daß der Name DACO-NOGI ein
Anagramm ist. Nur durch einen Zufall bin ich darauf geführt worden. Er
entsteht durch Buchstabenumstellung aus dem Namen: GIOCONDA.
Im Oktober 1912
Der Herausgeber
Das Tagebuch
Den 5. August 1911. Als ich gestern auf dem Gare de l'Est den Wiener
Schnellzug verließ, passierte mir etwas recht Seltsames und wenn man will,
Rätselhaftes. Vielleicht ist es auch etwas ganz Natürliches, Einfaches und
Erklärliches. Ich war kaum aus dem Zuge gestiegen, als meine Aufmerksamkeit
auf einen Reisenden gelenkt wurde, der eben offenbar auch ausgestiegen war
und den Perron hinuntereilte. Er war etwa fünfzig Schritte von mir
entfernt. Ich glaube, er fiel mir nur durch seinen eigentümlich hellgelben
Mantel und seinen hastigen Schritt auf, der etwas Unrhythmisches und
Konfuses hatte.
Warum lief ich diesem Herrn eigentlich sofort nach?
Ich habe seit gestern darüber nachgedacht und weiß es doch nicht. Aber
eigentlich, was ist denn so Unerklärliches daran? Warum soll ein Reisender
wie ich es bin, ein Mensch, der lediglich zu seinem Vergnügen, na --
Vergnügen? -- also ein Mensch, der nur reist, um zu reisen, der nichts zu
tun hat, gehen und kommen kann, wann und wie und wo er will -- warum sollte
er nicht plötzlich auf den Einfall kommen, auf dem Gare de l'Est in Paris
hinter einem Herrn mit einem hellgelben Mantel und einem unrhythmischen
Gang herzulaufen?
Wenn ich es allerdings recht bedenke, so scheint es mir doch wieder seltsam
oder zum mindesten auffällig. Denn ich liebe das Unrhythmische keineswegs.
Ich gehe ihm sonst aus dem Wege, wo ich kann. Ich setze mich weder in ein
Familienrestaurant noch in eine Elektrische. Warum also, warum ging ich
ausgerechnet hinter diesem scheußlich konfusen und verzwickten Schritt her?
Warum quälte ich mich mit sämtlichen Taktarten, diesen Schritt einzufangen?
Ja -- vielleicht hatte dieser Schritt doch etwas Rhythmisches, und ich rede
mir nur ein, daß er verworren war. Immerhin -- er war wie zwei übereinander
gepurzelte Takte und gar nicht zum aushalten.
Ich glaube, der Herr trug eine große schottische Mütze und in der Hand eine
rote Ledertasche. Aber das weiß ich nicht bestimmt. Denn ich war wie
hypnotisiert von dem Zwickzwack der Beine unter dem hellgelben Paletot und
hatte, so lange ich ihm folgte, für nichts anderes Auge und Aufmerksamkeit.
Und nun geben Sie mal acht, was geschah. Ich gehe stracksweg hinter dem
gelben Herrn da her, immer mit den Augen auf seinen Beinen. Und als er in
eine Droschke steigt, rufe ich den nächsten Kutscher und weise ihn an,
hinterher zu fahren. Es ist das schönste Wetter, ich kann meinen Freund --
denn so nenne ich ihn schon in heimlicher Wut -- da vorne gemächlich und
bequem in der Droschke sitzen sehen. Das heißt, eigentlich sehe ich nur ein
Stück von dem gelben Mantel und darüber die große schottische Mütze. Sein
Gefährt ist immer etwa 100 Schritte voraus. Endlich hält es in der Rue
Saint Honoré 41. Die Nummer fällt mir sonderbarerweise sofort auf, denn sie
gibt mein Alter an. Er steigt aus, der Wagen fährt weiter und er tritt ins
Haus.
Und nun habe ich eben in diesem Hause, im zweiten Stock, bei Frau Witwe
Labrouquet gestern ein Zimmer gemietet! --
So -- ja so, als sei ich besonders hierher nach Paris gekommen, um bei Frau
Witwe Labrouquet und ihrem lahmen Sohn zu wohnen!
Es ist einfach lächerlich!
* * * * *
Den 6. August. Ich verfalle wieder auf ein altes Mittel: alle quälenden
Unruhen und zermürbenden Gedanken, die ganze Vergangenheit, die sich hinter
mir auftürmt und auf mich herabzustürzen droht, die Unrast und
Unbeständigkeit, die mich von Ort zu Ort treibt, die mir nirgends Ruhe
läßt, meine Tage und Nächte durchtobt, dadurch zu bannen, indem ich
schreibe . . .
Wenn ich mir wieder etwas aus meinem Leben erzähle, wenn ich aus meinen
grauen und grünen Erinnerungen wieder kleine, zarte Gespinste hervorsuche,
Träume, Leidenschaften, Gebete, -- Begegnungen mit anderen und mir --
geflüsterte, ungehörte, verwehte Dinge herbeirufe . . . ach, vielleicht
werde ich dann noch einmal alles zurückdrängen können. Ich werde den
Mächten, die mich und alle verfolgen, entrinnen, wie ein Dieb. Ja, wie ein
Dieb, der sich geschickt in einem Kellergewölbe zu verbergen wußte, von dem
niemand weiß, wo er geblieben ist, und an dem die hastigen Polizisten
vorbeirennen, bis sie spät ihren Irrtum gewahr werden. Aber hallo! Jetzt
hat der Dieb zwischen seinen grauen Kellerwänden neue Kräfte gesammelt und
rasender als je fliegt er die langen Straßen hinab. Hinein in ein Haustor,
durch den Korridor in den Hof, einen Blitzableiter hinauf, auf das Dach des
allerhöchsten Hauses und ratsch -- weg ist er. Weg, als hätte ihn der
Himmel verschluckt.
Weiß Gott wie heiß mir wird, wenn ich an eine solche Diebsjagd denke!
Aber schön ist das, wundervoll. Das heißt natürlich, wenn man der Dieb ist.
So alles auf den Fersen zu haben, einer gegen zwanzig, gegen hundert, und
dann mit allen Anstrengungen des Geistes und Körpers arbeiten, arbeiten,
arbeiten, daß einem der Schweiß perlt. Alles gedoppelt: Gesicht, Gehör,
Geruch; spähen, jede Kleinigkeit berechnen, ausnützen und Sieger sein
zuletzt, Sieger!
Ach ja . . . . wenn es nur leichter wäre, Diebstähle zu begehen . . . .
Ich erinnere mich noch deutlich an die furchtbare Angst, die ich in Messina
ausstand, als ich mir einmal vorgenommen hatte, eine Apfelsine zu stehlen.
Ja -- ich wollte mir die Langweile damit vertreiben, mir zu zeigen, ob ich
Mut hätte. Mut, eine Apfelsine zu stehlen.
Gott, wie deutlich steht doch alles vor mir: da ist das kleine Hotel mit
der grünlich grauen Fassade und der schmierigen Tür. Da ist der Stall
nebenan und da ist der kleine deutsche Hausknecht mit den feuerroten Haaren
und den unwahrscheinlich großen Ohren, die immer -- offenbar von
Stiefelwichse -- ein wenig schwarz waren. Ja, ja -- dieser Hausknecht. Er
hatte übrigens trotzdem zarte Beziehungen zu der Köchin, die etwas bucklig
war, und man sagte mir, sie erwarte ein Kind. Mein Gott --! Und da ist der
schmutzige kleine Speisesaal mit den abgeschabten Tapeten und dem Kellner
Luigi.
Aber das gehört nicht zur Sache.
Ich langweilte mich scheußlich in diesem verfluchten Nest und aus lauter
Langerweile kam ich, wie gesagt, zuletzt auf den Gedanken: mir meinen Mut
zu beweisen! Haha, -- ich wollte eine Apfelsine stehlen. Das sollte mir
wahrhaftig ein Beweis für Mut sein!
Es war just um die Zeit der Ernte. Was für prachtvolle goldene Früchte gab
es doch da. Wenn sie wie goldene Kugeln geschichtet in den Körben lagen,
und die Sonne darauf schien, konnte man wirklich die Augen nicht weit genug
aufreißen, um all dies kostbare Licht in den Körper einzulassen. Ja, man
hätte sich am liebsten überall Augen in den Körper geschnitten, um all
diese Fruchtbarkeit aufsaugen zu können.
Am Montag hatte man vor meinen Augen einen dieser braunen, nackten Bengel,
die da überall umherlungern, dabei erwischt, als er gerade im Begriff
stand, sich mit sechs großen roten Orangen aus dem Staube zu machen. Weiß
Gott, beinahe wäre es ihm geglückt, diesem verflixten, kleinen Teufel. Was
er für Augen hatte! Aber er hatte die Rechnung eben ohne seine Hose
gemacht.
Ja, er trug nämlich als einziges Kleidungsstück eine graugrüne Hose auf dem
Leib, aus der unten die Beine wie braune Streichhölzer herauskamen. Und in
diese Hose hatte er die sechs Orangen vor dem Stand der Verkäuferin ganz
unbemerkt hineingestopft. Er hatte sie wahrhaftig alle schon drin. Aber
zuletzt bekam die Alte hinter dem Stand doch Wind von der Sache. Sie hatte
eine kolossale braune Hakennase im Gesicht und trug eine blaue Bluse.
Plötzlich stieß sie einen gellenden Schrei aus, fuchtelte mit den Armen in
der Luft rum und kam hinter dem Stand hervorgesprungen.
Das war eine Pracht zu sehen, wie die braunen Beine der Raubkatze über die
Straße flogen! Und die Alte schreiend mit geblähtem Rock hinter ihm her!
Mein Gott, ich stand und lachte aus vollem Halse.
Sie hätte ihn nicht bekommen, den Teufel, den kleinen. Aber an der Hose lag
es, die brachte ihn an den Galgen. Denn während ihm eine der Orangen im
Lauf aus dem Gurt sprang und rot durch den Staub der Straße rollte, sackten
sich die andern immer tiefer in das rechte Hosenbein und -- bums, da lag
er. Da hatte die Alte ihn aber auch schon am Kragen.
Donnerwetter, was das Tier aber auch für Raubfinger hatte; biegsam wie
Fischbein und fest wie Stahl.
Na ja -- so kam ich selbst auf den Gedanken, eine Apfelsine zu stehlen. Und
das gab mir Beschäftigung bis zum Schluß der Woche. Beschäftigung? Es war
ein Stück Arbeit, ein Stück ganz verzweifelte Arbeit. Ich bekam in diesen
Tagen ordentlich eine gute Meinung von den Dieben. Denn wenn ich nur die
Hand ausstrecken wollte, um die Orange von dem Stand der Verkäuferin zu
nehmen -- am ersten Tage probierte ich es dreimal -- dann zitterte ich am
ganzen Leibe und fühlte kaum mehr den Boden unter den Füßen.
Ich glaube, ich habe in diesen fünf Tagen im ganzen zwanzig Pfund Orangen
gekauft, nur um mir immer am Stand der Alten zu schaffen machen zu können.
Ich konnte das Zeug ja gar nicht aufessen. Ich schenkte es im Hotel dem
rothaarigen Hausknecht oder dem Oberkellner Luigi.
Am zweiten Tag lächelte mich die Alte schon immer von weitem an. Hole der
Teufel ihr Lachen, ich werde meine Apfelsine schon bekommen, dachte ich.
Aber ich ging wieder und trug nur das gekaufte Pfund nach Hause.
Dann wurde die Geschichte interessant, das Weib hatte offenbar meine
Absicht erraten, sie lächelte jetzt jedesmal recht spöttisch, wenn sie mich
kommen sah.
Ich nahm allen meinen Mut zusammen und versuchte eine günstige Gelegenheit
abzupassen. Aber wenn sich die Alte einmal wegkehrte, dann war es mir
beinahe, als seien mir die Hände mit einem unsichtbaren Strick an den Leib
gebunden.
Ich wurde wütend, zu Hause in meinem Zimmer nannte ich mich einen
erbärmlichen Feigling und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß er
umstürzte und die Platte zerbrach. Ich sagte mir, so kann es nicht
weitergehn. Ich setzte also den Freitag als Ruhetag an und schwor mir, die
Tat am Sonnabend zu vollbringen.
Ich hielt mein Wort. Allerdings das tat ich. Aber wie erbärmlich benahm ich
mich doch. Es war in der Mittagsstunde und die Alte hatte eben ihre Bude
verlassen, um an einem hundert Meter entfernten Brunnen Wasser zu holen.
Weit und breit war keine Menschenseele zu sehen. Und da also -- in diesem
Augenblick fand ich wirklich den Mut, meine Apfelsine zu stehlen. Pfui! Was
war ich für ein feiger Dieb. Und ich lief wahrhaftig noch davon als hätte
ich schon den Polizisten im Nacken. Pfui Teufel!
Übrigens hatte die Alte natürlich gar nichts bemerkt. Später sagte ich ihr
einmal, daß ich lange die Absicht gehabt hätte, ihr eine Orange zu stehlen.
Aber da lachte sie und wollte es nicht glauben; obgleich ich es beschwor,
bei Gott.
* * * * *
Den 7. August. Nun da wäre ich denn hier bei Frau Witwe Labrouquet,
geschiedenen Blissot und ihrem lahmen Sohn. Ob sich der Herr mit dem gelben
Mantel, der schottischen Mütze und den Zwickzwackbeinen noch einmal sehen
lassen wird?
Was dies übrigens für eine Wohnung ist. Drei Zimmer und Küche. Drei graue
Schachteln mit Löchern, die man Fenster nennt. Über die langweiligen gelben
Gardinen habe ich ein Paar alte Priestergewänder aus Tokio gehängt. Sie
sind aus Seide und ich mag es gern, wenn Licht durch Seide fällt. Es fühlt
sich dann ganz anders an.
Überhaupt habe ich heute den größten Teil des Tages damit zugebracht, das
Zimmer umzuräumen. Ich konnte schon in der letzten Nacht nicht schlafen und
hatte immer das Gefühl, es sei jemand im Zimmer. Der Schrank, das Bett, der
Spiegel, die Stühle, alles tat noch den Willen des Menschen, der hier vor
drei oder vier Tagen ausgezogen sein muß.
Ich kann noch ganz deutlich sehen wie er zum Beispiel da hinter dem Tisch
auf dem roten Plüschsofa gesessen hat. So -- die Hand so ans Kinn gestützt
und guckt da hinaus nach dem Schornstein auf dem gegenüberliegenden Dach.
Und immer rauchend. Mittelsorte. Es muß ein Kunstschriftsteller oder
Theaterkritiker gewesen sein; ein ganz gewöhnlicher, oberflächlicher und
uninteressanter Mensch. Aber trotzdem eine »anerkannte Feder« und ein
»gemütvoller Plauderer«. Auf alle Fälle ein Mensch, der sich zum Platzen
ernst nimmt. »Wie schrieb ich doch damals, als Ibsen mich besuchte . . .«
Ja, weiß Gott, man konnte es an den Möbeln sehen, wie langweilig und
bürgerlich und ernst dieser Mensch war. Ich mußte ja die ganze Bude auf den
Kopf stellen, um den Geist dieser »anerkannten Feder« los zu werden. Ja,
außer dem alten eisernen Ofen in der Ecke und dem Bild dahinter -- übrigens
ein eigentümliches Frauenporträt --, ist auch kein Ding mehr an derselben
Stelle geblieben.
Frau Witwe Labrouquet wird Augen machen!
Augen, wie die geschiedene Blissot an dem Tage, als es herauskam, daß es
mit dem Sparkassenbuch von 2500 Frank, im Vertrauen, auf welches Herr
Labrouquet ihr die Hand vor dem Altar gereicht hatte, nichts war.
Der arme Herr Labrouquet!
Er wußte ja nicht, daß bei einer Frau _immer_ etwas herauskommt. Es braucht
nicht gerade ein falscher Busen zu sein, aber vielleicht eine irrsinnige
Schwester; oder der Vater hat einmal im Zuchthaus gesessen oder sie hat
einmal binnen vier Wochen zwei Verlobungen aufgelöst. Bekommen. Ach, es ist
nicht immer etwas Wichtiges. Vielleicht verschweigt sie dem Bräutigam ja
nur einen hohlen Zahn oder daß sie einmal ein Kind hatte . . . aber heraus
kommt immer etwas. Und es ist wahrhaftig eine Herzensfreude, so einem
jungen, freundlichen Ehemann zu begegnen am Tage, da etwas raus gekommen
ist.
Männer können ja viel dümmere Gesichter machen als Frauen. Unfreiwillig
natürlich. Denn wenn eine Frau dumm sein will, ist sie auch darin Meister.
Nein, nein, ich habe diesmal kein Glück gehabt mit meiner Wohnung. Warum um
alles in der Welt mußte ich auch diesem gelben Mantel und dieser
schottischen Mütze nachlaufen? Trotzdem ich den ganzen Bau sozusagen auf
den Kopf gestellt habe, und kein Stück mehr am Platze ist, begegne ich noch
immer dem Gedankengerümpel dieser »anerkannten Feder« und dieses
»gemütvollen Plauderers«. Was für ein schales Zeug in so einem
Schreibergehirn nebeneinander liegt. Ein Anblick wie ein Trödelladen.
An diesem Tisch zu sitzen ist mir ganz unmöglich. Da muß er täglich
geschrieben haben, und wenn ich mich dorthin setze, fallen mir Dinge ein,
die direkt reif sind für den . . . . er-Anzeiger. Unterm Strich.
Ich sitze also am Boden und schreibe auf meinem Koffer. Auf meinem
kosmopolitischen Koffer . . . .
. . . Wenn ich noch an den kleinen verlassenen Palast der kleinen Soubrette
denke, den ich in Wien im Alser Bezirk bewohnte. Zufällig habe ich später
erfahren, daß sie wirklich in einem Tingeltangel in Hernals auftrat. Gerade
an dem Tage als ich einzog, war sie zum erstenmal aufgetreten. Vorher war
sie eine kleine Putzmacherin gewesen . . .
Nein, was lebte doch in diesem Zimmer -- es war nur zwei oder drei Meter
breit und vier lang -- für ein kunterbuntlustiger Soubrettengeist. Gleich
als ich unter der Tür stand und den Fuß noch nicht über die Schwelle
gesetzt hatte, mußte ich ganz laut diese närrische Strophe deklamieren:
»Ich liebe dich, mein Hunderl,
Ich bin verrückt nach dir . . . .«
Die Wirtin sah mich ganz verdutzt an. Aber ich sagte, ich sei eben im
Variété gewesen, habe die Strophe gehört und ob sie ihr nicht auch gefiele.
Und wo ich ging und lag und saß und stand, immer arbeitete der Geist dieser
kleinen, verrückten Person in mir fort.
Ich saß auf dem Stuhl und sagte: »Da kam ein kleines Mädchen auf ihn zu,
das hatte einen Hut auf, der war ziegelrot mit funkelnagelneu . .«
Ja, man beging die unglaublichsten Dinge in diesem Zimmer. Einmal erwischte
ich mich dabei, wie ich der Köchin gegenüber im Hause die Zunge
herausstreckte und ihr eine Nase schnitt. Oder ich tanzte plötzlich vor dem
Spiegel eine Kakewalk und hatte mir dazu den Kimono aus Yoshiwara
umgehängt. Und welche Träume hatte man in diesem Palast! Nun eben die
Träume einer ganz kleinen, verrückten Soubrette. Ein Graf sprach einen auf
der Straße an. Es war im Volksgarten, gerade vor dem Denkmal der Kaiserin.
Welch ein Duft von Beeten und Blumen. Und welch ein Sommerabend . . . Ach
. . . Einem solchen Grafen mußte man sich ja gleich in den Arm hängen. Da
war wirklich nichts dabei. Er hatte auch bei den Husaren gedient und war
Leutnant. Und Rosen hatte er in den Händen, rote Rosen. Er sagte, sie seien
für eine andere bestimmt, aber nun wolle er sie mir schenken. Denke nur.
Gleich am andern Tag wollte er einen Ausflug mit mir machen. Ich wollte
nicht, aber sein Wille war stärker. Auf der Sophienalpe küßte er mich zum
erstenmal. Ich hatte ein neues rosa Kleid an, das ausgeschnitten war
. . . . Ach und dann wurden wir so namenlos glücklich . . . Gott, wie lieb
ich ihn hatte, und wie gut er war. Er nannte mich immer Dodo, das gefiel
mir so gut, wenn er's sagte, und ich hatte es mir auch gewünscht. Aber dann
kam das Duell. Wegen mir. Ein Leutnant von den Deutschmeistern hatte
nämlich etwas über mich gesagt. . . Ach, wie ging es doch aus? Wurde mein
Graf getötet? Nein, ich weiß nicht . . . aber die Sonne ging so blutrot
über der Donau unter und die Nebel stiegen herauf. »Die weißen Abendfrauen
kamen über das Meer« . . . Das klingt hübsch, nicht wahr? Ich habe es von
einem wundervollen Dichter gehört. Er konnte überhaupt so schön schreiben,
daß man ganz traurig wurde und weinen mußte . . .
Ja, ich konnte sie ganz deutlich vor mir sehen, diese verrückte, kleine
Person. Schlank und biegsam war sie wie eine Gerte. Sie hatte nußbraune
Haare, einen rosigen Teint und die Nase war ein wenig eingedrückt. Das gab
ihrem Gesicht sozusagen etwas Bedenklich-Komisches. So oft man sie ansah,
mußte man leise den Mund verziehen. Aber dann platzte sie heraus und
glaubte, sie habe einen glänzenden Witz gemacht.
Nein, nein, wie deutlich ich dieses Kind doch vor mir sah!
Da war ein Läufer mit roten Streifen, der lief längelang durch das Zimmer.
Wenn sie sich an ihrem Grafen satt geträumt hatte und nicht mehr weiter
wußte, ging sie an den Schrank und holte ihr bestes Kleid, es war rosa, und
Lackschuhe heraus, mit breiten Seidenschleifen.
Es dauerte nicht lange, bis sie es an hatte. Sie guckte auch nur zweimal in
den Spiegel. Was man doch für ein Mädel war! Es war wirklich schad um
einen. Ja, ein bißchen schad war's schon.
Aber dann stellte sie sich ganz an das Ende des einen Streifens, raffte an
beiden Seiten den Rock hoch, daß die Füße in den schwarzen Strümpfen bis
zum Knöchel sichtbar waren und dann . . . dann balancierte sie auf dem
schmalen roten Streifen ganz vorsichtig durchs Zimmer . . . eins . . . zwei
. . . eins . . . zwei. Ganz vorsichtig und immer einen Fuß vor den andern
. . . . Um keinen Preis wollte sie von dem roten Strich abweichen, und sie
hielt den Atem an und sah ganz gespannt auf die schwarzen Schleifenschuhe.
Es war ihr bitter Ernst sozusagen. Denn wenn sie heftig ins Schwanken
geriet, dann mußte sie auflachen, als würde sie von jemandem -- wie
wahnsinnig gekitzelt. Fiel sie aber um, dann stieß sie sogar einen
richtigen Schrei aus, so daß Frau Vrany, die Wirtin, ganz erschrocken
hereingestürzt kam und sagte: »Aber Fräul'n, was hab'n S' denn? Möcht mer
doch grad mein'n, S'täten's schon am Spieß stecken. I hab mi ja am Tod
d'erschrocken.« Aber dann saß sie irgendwo am Boden, lachte als würde ein
Schlittengeschell wie rasend geschüttelt, wurde dann ganz ernsthaft und
sagte mit einer Miene, von der nur der liebe Gott wissen konnte, ob sie
echt oder falsch war: »I bin halt wieder runterg'fall'n, Frau Vrany; denken
S', nur drei Schritt noch von der Tür.« Und während sie das sagte, fuhr sie
einmal mit der Hand ganz schnell an ihrer stumpfen Nase vorbei, als gäbe es
da etwas abzuwischen. Aber das war natürlich gar nicht der Fall, denn als
Putzmacherin verkehrte sie ja schon seit einem halben Jahre mit den Damen
der besten Gesellschaft.
Daß es so ein tragisches Ende mit der Kleinen nehmen mußte! Ach, weiß Gott,
wenn sie auch eine Soubrette war, so war sie doch unschuldig wie eine
Apfelblüte. Da war Herr Werder, ein dicker rötlicher Clown an dem
Tingeltangel. Was denken Sie, was er eines Tages zu der Kleinen sagt?
»Nun, Fräulein,« sagt er eines Tages, »Sie werden ja jeden Tag dicker.
Jetzt können Sie schon bald die komische Alte spielen.«
Und was tut die Kleine? Sie geht nach Hause und stellt sich vor den Spiegel
und weint und weint und weint . . .
Zwei Tage später zogen sie sie aus der Donau.
Hole doch der Teufel diesen roten Clown.
* * * * *
. . . Ja, es war wirklich ein Erlebnis, in dem kleinen verlassenen Palast
dieser Soubrette zu wohnen! Ich habe mich selten so köstlich amüsiert,
obgleich ich doch häufig solchen Überbleibseln, oder soll ich sagen,
solchen Schatten begegnete. Diplomaten, Gelehrte, Bettler und Könige,
Diebe, Tapezierer und Fabrikanten, Bürgerfrauen, Dirnen, Heilige,
Marktweiber und Kupplerinnen, Trunkenbolde, Asketen, Schiffer, Matrosen,
Soldaten und amerikanische Milliardäre haben genau wie diese kleine
Soubrette Dodo mir ihren Schatten vermacht, und ich habe auf mancherlei
Weise nach ihrer Pfeife tanzen müssen, wenn es auch nicht immer so lustig
war und mit einem Kimono um die Schultern wie in dem kleinen Zimmer in der
Alserstraße.
Nein, weiß Gott, so lustig war es nicht immer. Was glaubt man denn, was
sich in der Brust vieler Menschen begibt?
Und doch, wenn ich es so recht bedenke, so war ich noch immer froh, wenn
sich auf diese Weise etwas in meinem Leben ereignete. Hatte ich dann nicht
wenigstens etwas, was mich ausfüllte, beschäftigte, was mich hinderte, die
ungeheure Leere zu entdecken, als die ich mir zuweilen selbst vorkam? Gibt
es denn etwas Entsetzlicheres als nichts zu sein? Lieber verkriecht man
sich noch hinter die Gebärden und Masken eines anderen. Und ist es nicht
besser, wenigstens noch etwas zu scheinen als ganz nichts zu sein, ein
wesenloser Schatten, ein Gespenst . . .?
Ja, ich war diesen Überbleibseln im Grunde genommen doch immer sehr dankbar
. . .
Na ja, ich sprach einmal mit einem Mediziner darüber: Es war ein berühmter
Arzt und ich lernte ihn auf dem Bahnhof einer kleinen russischen Stadt
kennen. Ich war gerade ganz ausgezeichneter Stimmung, denn ich war zwei
Stunden durch den Schnee über Land gegangen und der Himmel war so klar und
hell gewesen. Besonders ein Stern gerade vor mir, ach wie hatte der blau
gefunkelt. So rätselhaft zwinkernd kühl und blau, wie ja, . . . . seltsam
. . . . jetzt möchte ich fast glauben, er habe gelächelt wie das Frauenbild
da hinter dem eisernen Ofen an der Wand. Oder besser noch wie ihre Hände
da, hatte er gelächelt . . . Aber gleichviel; ich war in einer vorzüglichen
Stimmung und so erzählte ich denn dem Arzt die Geschichte von der
Soubrette. Aber ich erzählte es so, als sei es einem Freunde von mir
passiert, und ob das nicht sonderbar wäre.
Nein, das wäre nicht sonderbar, sagte der berühmte Arzt. Und dabei zog er
seine goldene Uhr heraus, klappte den Deckel auf und machte ein Gesicht,
als wolle er zu einem Patienten sagen: Ja, Sie haben noch zwölf Minuten zu
leben.
Nein, sonderbar sei das keineswegs; und dann nannte er auch irgendeinen
griechischen Namen, den ich nicht verstand. Das Wort erinnerte mich nur von
fern an Hippopotamos, und da erzählte ich ihm schnell die Geschichte von
einer Mumie, die ich mal in der Nähe von Gizeh gefunden hätte und die eine
auffallende Ähnlichkeit mit dem gegenwärtigen preußischen
Ministerpräsidenten gehabt habe.
Das sei allerdings sonderbar, sehr sonderbar, sagte der berühmte Arzt. Und
interessant sei es, ja außerordentlich interessant!
Wir schüttelten uns ganz herzlich die Hand, als wir uns trennten; wie gute
alte Freunde.
Die alte Mumie hatte uns entschieden einander erheblich näher gebracht.
* * * * *
Den 9. August. Nun bin ich wieder seit fünf Tagen in diesem alten Paris.
Hätte ich glauben sollen, daß diese Stadt noch einmal solchen Eindruck auf
mich machen würde? In spätestens vierzehn Tagen wollte ich nach dem Süden
gehen, in die Provence; aber wenn Paris fortfährt, mich mit seinem
berauschenden Zauber zu erfüllen, werde ich den ganzen Herbst und Winter
hindurch hier bleiben. Bis in den Frühling. Und wenn alles kommt, wie ich
es mir denke, wird nach all dem im Mai ein Landaufenthalt an den einsamen,
stillen masurischen Seen für mich das Richtige sein . . .
Aber Paris . . . Ist es ein Strom, eine Sonne, eine Nacht, Sturm,
Glockenbrausen . . .? Ach, alles ist es; Höchstes und Tiefstes. Auf dem
Lande trifft man keine zarteren Farben in den frühsten Tagen des Frühlings
. . . Und von welcher Mannigfaltigkeit diese Nächte.
Wie soll ich doch dieses seltsam berauschende Gefühl beschreiben, das mich
ergriffen hat, seit ich meinen Fuß auf das Pflaster dieser Stadt gesetzt
habe und in die Menge eingetaucht bin; das nun beständig und wie eine
unwiderstehliche Macht in mir aufwächst und fast meiner Herr wird. Ist es
mir nicht als wäre ich tief im Meer versunken? Fühle ich nicht das Lasten
ungeheurer weicher und starker Massen auf mir, ein Lasten wie von Seide und
dunklem Samt? Blaugrüne Wogen heben mich, wiegen mich. Ein Lichtstrom
rauscht beständig an meinen Augen vorüber, bald blendend in leuchtenden
Farben, bald gedämpft, in sterbenden Tönen; Nacht umfängt mich, und wieder
reißt es mich ins Gold des glühenden Gestirns. Ein ungeheures Brausen
umgibt mich; darin ein Auf und Ab von Tönen, hämmernde Akkorde, die von Not
aufschreien, dumpfe, die sich klagend ergeben. Aber hinter dem allen singt
und summt eine Melodie, die sich jetzt nähert, jetzt fern zurückweicht, die
niemals stirbt, aber die sterben möchte, die sich besinnt, sich
aufjauchzend zusammenrafft, wie mit Fäusten zupackt, Blöcke abwehrt,
beiseite wirft, und wie mit beständigem Schritt gefaßt ins Leben schreitet
. . . und wieder fern wird, sich senkt und verklingt und an schluchzenden
Gewässern sich hinwindet und fast verstummt.
Ja, das ist Paris . . . für mich. Ach, viel mehr ist es, -- es ist meine
Seele, meine Liebe, meine Leidenschaft . . . Ach, ich könnte ja glauben,
ich selbst bin es, ich selbst bin diese dunkle unergründliche Stadt . . .
* * * * *
Den 10. August. Ich will es nur gestehen: Das kleine Frauenporträt mit den
übereinander gelegten Händen und dem seltsamen Lächeln hinter dem eisernen
Ofen macht mir zu schaffen. Es erinnert mich an irgendwen, und ich quäle
mich, es herauszubekommen. Ich sehe es oft minutenlang an, oder drehe mich
ganz plötzlich weg, schließe die Augen und frage mich, wo ich dieses
Gesicht gesehen habe oder an wen es mich erinnert. Aber das Bild hält sein
Geheimnis fest. Ja, es ist mir zuweilen, als mache sich die Dame in dem
bräunlichen Rahmen noch obendrein lustig über mich.
Heute morgen kommt mir plötzlich der Gedanke, ich könnte ja Frau Labrouquet
fragen. Und wirklich, ich bin auch schon auf dem Weg zur Tür, als mir erst
einfällt, daß sie es ja gar nicht wissen kann. Wie soll um alles in der
Welt Frau Labrouquet wissen, an wen mich diese kleine Dame mit den
übereinandergelegten Händen erinnert? Werde ich es doch selbst kaum
herausbekommen. Schließlich ist es ja auch ganz gleichgültig. Vielleicht
erinnert sie mich an irgendeine Dame, die ich auf Trafalgar Square so und
so habe in den Omnibus steigen sehen, oder an die Bewegung einer jungen
Frau, die heimlich auf einem Mississippidampfer nach dem rotbraunen Hals
des Kapitäns blickte. Vielleicht bin ich ja auch nur einmal in einer Stadt
gewesen, die so aussah. Was liegt daran. Aber ich will gewiß nicht selig
sein, wenn es mir nicht einen Augenblick so war, als könnte Frau Labrouquet
meine Erinnerung auffrischen . . .
Da habe ich heute übrigens den Herrn in dem gelben Mantel und der
schottischen Mütze wieder getroffen.
Ich war wohl noch zehn Schritte vom Haus, als ich plötzlich seinen
verzwickten Schritt in die Türe hineinpurzeln sehe. War das nicht der Herr
in dem gelben Mantel? Richtig. Da sehe ich ihn vor mir die Treppe
hinaufgehen. Und was das Beste ist, wir sind Nachbarn. Als ich auf den
letzten Treppenabsatz komme, schließt er eben bei Frau Labrouquet die Tür
auf und tritt ein. Ich kann gerade sehen, wie das Zwickzwack seiner Beine
noch einmal übereinanderpurzelt und es gibt mir einen förmlichen Ruck, daß
ich fast über meine eigenen Beine stolpere.
* * * * *
Den 11. August. Na, ich wußte doch, daß es mit diesem Zimmer noch
irgendeine Bewandtnis haben würde . . . Ich hatte es doch von oben bis
unten umgekrempelt, daß kein Stück auf dem Platz geblieben war und die gute
Frau Labrouquet, Witwe, Augen gemacht hatte . . . nun, wie gesagt, Augen,
wie die geschiedene Blissot, als das mit dem Sparkassenbuch herauskam. Ja,
sie hatte schon selbst ganz fest an das Sparkassenbuch geglaubt und war
jetzt ganz empört und überrascht, daß es plötzlich nicht da sein sollte.
Ja so. Es hatte trotz alledem nicht seine Richtigkeit mit dieser Kabine von
einem Zimmer. Da brauchte man, weiß Gott, keine feine Nase zu haben. Der
Herr Kunstkritiker mit der ewigen Zigarre und der »anerkannten Feder« war
allerdings erledigt. Nein, für die Presse brauchte man jetzt nicht mehr zu
schreiben, und von Linienführung und Flächenwirkung und mimosenhafter
Zartheit und wie all diese Ausdrücke heißen, war auch keine Rede mehr.
Aber, aber . . . da war doch jemand, mit dem ich das Zimmer teilte, das war
doch so klar. Ich hatte doch immer so ein leises Gefühl an den Schultern,
ähnlich dem, wenn man ein wenig friert. Es konnte nicht lange dauern, bis
es herauskam. Nein, Gott sei Dank, heute nachmittag geschah es. Die
Gewißheit ist mir doch immer lieber als dieses ungeduldige Ist-es,
Ist-es-nicht.
Da hatte ich mich eben fertig zum Ausgehen gemacht. Ich halte die Mütze
noch in der Hand und lege gerade die Hand auf das kalte Metall des
Türdrückers. Plötzlich fühle ich ihn. Er steht da drüben vor dem Spiegel
und dreht mir den Rücken zu. Er beugt sich ein wenig seitwärts und fährt
mit dem hoch erhobenen rechten Arm in den Ärmel seines Überziehers hinein.
Und während ich lausche, höre ich ganz deutlich wie er ganz erschreckt
sagt: »Ob sie noch da ist? Mein Gott, wenn sie mich eines Tages verlassen
hätte . . .«
Aha, denke ich, jetzt soll ich eine Liebesgeschichte zu hören bekommen. Ein
kleines Drama wird sich abspielen. Immer sind es doch die Weiber . . .
Und während ich durch die schon abendlichen Straßen gehe, denke ich an die
Liebe. An die Liebe mit sechzehn, mit zwanzig, mit fünfundzwanzig, mit
dreißig und mit vierzig Jahren. Aber der mit sechzehn gebe ich den Vorzug.
Liebe mit sechzehn Jahren! Woher kamst du? Da ist plötzlich ein mattgrauer
Schimmer zwischen den abendlichen Straßen, ein weiches Zerfließen der
milchweißen Wolken um die frühe Sichel des Mondes und unser Auge steht voll
Tränen. Irgendein Schmerzlich-Süßes-Wehes zieht in unser Herz ein und füllt
es mit der Erinnerung alter Tage. Alle unsere Glieder sind von einer
wohligen Müdigkeit befallen, in der alle Gedanken hinrinnen und in der
jenes unruhig-ruhevolle Glück in uns einzieht, nach dem wir uns nach Jahren
noch sehnen, sehnen.
Liebe mit sechzehn Jahren liegt nachts auf frischen Wiesen unter Sternen
und läßt das Auge auf dem Mondlicht über jungen Buchen träumen.
Liebe mit sechzehn Jahren blickt den mondhellen Fluß hinunter und hört im
Rauschen der Wellen süßere Stimmen als Violinen und Harfen. Ein dunkler
Kahn zieht über silberne Fluten und der Glaube zieht ihm entgegen, und
hofft ein Glück, so weit und so unermeßlich wie ein Königreich in den
Märchen.
Ist es nicht schade, daß Liebe mit sechzehn Jahren so bald stirbt, daß mit
den Jahren diese Träume verschwinden und uns nicht mehr besuchen? Sieh
diesen blauen Blick, mit dem jene Sechzehnjährige dem Versinken der Sonne
im Meere folgt. Sie hat die Hände übereinandergelegt, kleine schmale
Kinderhände, wie zu einem Gebet an einen über den Wolken, sie hat das Haupt
ein wenig zurückgelehnt und zwei blonde Haarsträhnen weht ihr der Abendwind
leicht in die Stirn. Sieht nicht so das Glück aus?
Ja, was mich betrifft, ich gäbe alle Weisheit und alle gescheiten Einfälle,
ich gäbe Ansehen, Stellung, Amt, und besonders alles, was Bildung heißt,
alles, alles gäbe ich jetzt dahin für einen einzigen, dieser unsagbar süßen
Träume der Jugend. Ich weiß, wenn die Leute alt werden, lächeln sie über
diese schwärmerischen Ekstasen. Sie begreifen nicht, daß man stundenlang
auf einer taufeuchten Wiese unter Sternen liegen mag, um an ein Paar blaue
Augen und einen blonden Kopf zu denken und an nichts als dies. An Augen,
die vielleicht einer kleinen und sehr dummen Musikschülerin gehören, die
einen nie gesehen hat, und die für einen Lehrer mit einem schwarzen
Schnurrbart und seidenen Taschentüchern schwärmt.
Warum glauben wir Erwachsenen doch immer, es zeuge von Vernunft und
Reifsein, wenn man keine platonischen Fensterpromenaden mehr macht,
sondern, mit Verlaub zu sagen, sich recht bald, nachdem man die
Bekanntschaft einer jungen Dame gemacht hat, nach einer passenden
»Gelegenheit« umblickt?
Was mich betrifft, so bedaure ich wirklich sehr, nicht mehr so dumm sein zu
können, wie mit 16 Jahren; denn mit dieser Dummheit begann auch jenes
unnennbar grenzenlose Hoffen, jenes unermeßliche Ahnen von etwas Kommendem
zu entschwinden, das die Jugend so reich, so reich macht, daß selbst der
ungeheure Besitz eines Petroleum- oder Eisenbahnkönigs dagegen nur ein
totes, wertloses Nichts ist.
* * * * *
Den 12. August. Also, mein scheinbar so verrückter Einfall mir bei Frau
Labrouquet, geschiedenen Blissot, Rat zu holen über das verteufelte
Frauenzimmer da hinter dem eisernen Ofen war gar nicht so absurd! Wer weiß,
vielleicht hat man das kleine Fräulein Foujeu, spätere Blissot und noch
spätere Labrouquet, Witwe, als sie noch in die 57. Gemeindeschule ging,
doch einmal mit der Gioconda bekannt gemacht. Oder wer kann wissen, warum
es eines Tages dem kleinen Laufmädel Mimi Foujeu wünschenswert erschienen
ist, etwas von Raffael di Urbino und Lionardo da Vinci zu wissen.
Vielleicht ist sie zu diesem Zwecke doch zwei oder dreimal im Louvre
gewesen, obgleich sie die »alten Heiligen« immer recht schrecklich fand und
nachts von ihnen träumte.
Nein, das ist nun wahr; wenn sie etwas erreichen wollte und es sich in den
Kopf gesetzt hatte, dann war Fräulein Foujeu eine genau so energische
Person wie noch heute die gute Frau Labrouquet, Witwe, die doch nun bereits
seit zwei Stunden am Schlüsselloch steht, um endlich einmal festzustellen,
was es denn mit ihrem neuen Mieter für eine Bewandtnis habe. Ich muß mir,
weiß Gott, irgend etwas für sie ausdenken. Stellen Sie sich doch nur vor,
zwei Stunden mit gekrümmten Rücken dastehen und dabei noch beständig den
kühlen Luftzug, der durch das Schlüsselloch auf das Auge strömt . . . Das
beste ist, ich schieße meinen Revolver ab. Oder nein. Vielleicht küsse ich
einmal das Bild da hinter dem Ofen; das könnte sie ausgezeichnet durchs
Schlüsselloch beobachten. Ja, ja, das werde ich tun. Ich werde die Gioconda
küssen, als wäre sie meine Angebetete . . .
So . . . jetzt ist das kleine Fräulein Foujeu doch noch auf seine Kosten
gekommen . . .
Ja, man hätte mir die sieben Foltern androhen können, und ich wäre hier
nicht auf die Gioconda gekommen. Zufällig entdeckte ich heute das Bild im
Louvre.
Aber es ist mir auch gar nicht so unerklärlich, daß ich das Bild hier nicht
erkannt habe, trotzdem es eine recht gute Reproduktion ist. Wie um alles in
der Welt denkt man hier an eine Gioconda? In so einem Zimmer, das doch auch
schon zu galanten Zwecken benutzt wurde -- ja, weshalb eigentlich
»galanten«? Nein, das verstehe wer will. -- Wie ist man hier auf eine
Gioconda vorbereitet! Hier wünscht man eine »Susanne« zu sehen, oder die
nackten Göttinnen vor Herrn Paris oder wenn etwas Gemüt dabei sein soll,
ein »Allein«, ein »Endlich-Allein« oder noch besser ein »junges Glück« in
einem vergoldeten Rahmen.
Ja, »junges Glück«, das würde hierher passen, viel besser zum mindesten als
die Gioconda, auf die man, wie gesagt, nicht vorbereitet ist und deshalb
nicht erkennt. So ist es doch. Wenn ich, sagen wir, Herrn Roosevelt, ohne
davon in den Zeitungen gelesen zu haben, urplötzlich auf dem Rücken eines
Elefanten oder mit einem erbeuteten Gorilla auf der Schulter am Kongo
getroffen hätte, wie um alles in der Welt, hätte ich da den großen
Staatsmann, der er doch zu Hause sicherlich ist, erkennen sollen? Selbst
wenn ich, wie es ja leider nicht der Fall ist, sein bester Freund wäre?
Madonna Gioconda in ihrem bräunlichen Rahmen, der mich an alte Kontore
erinnert, lächelt unergründlich. Ich glaube, wenn man das Bild und die Frau
lange ansehen könnte, würde sie zu leben beginnen. Ich kann es so deutlich
fühlen, wie die Konturen ganz leise im Bilde erzittern würden. Und könnte
sie nicht die übereinandergeschlagenen Hände aufheben, um einen mit einer
Geste zu berühren, unter der man schaudern würde, wie unter dem Gedanken
einer mütterlichen Blutschande?
Es ist so seltsam mit diesen furchtbaren Händen. Man weiß nicht, werden sie
Himmlisches tun oder Tierisches. Und wenn Tierisches, werden sie nicht,
indem sie es tun, es auch heilig sprechen? Und müßte man nicht den Wunsch
haben, sie zu küssen, auch wenn sie Lasterhaftes getan hätten? Ich meine
das so, wenn sie an einem lebenden Weibe wären.
Eigentlich ist es ein furchtbares Bild. Ich werde es von jetzt ab nicht
mehr ansehen.
Aber was rede ich mir denn ein? Haben meine Bedenklichkeiten vor diesem
Bilde mit der Entdeckung, daß es die Gioconda des Lionardo ist, auch nur um
einen Deut abgenommen? Diese Ähnlichkeit war es also nicht? Also eine
andere? Aber welche, welche? Es ist mir doch als erinnerten mich diese Züge
. . .
Ach, an alle erinnern sie mich, an alle . . .
Mögen sie mich doch erinnern, an was und an wen sie wollen und meinethalben
an Frau Labrouquet, die geschiedene Blissot.
* * * * *
Den 13. August. Der gute Herr, da hinten vor dem Spiegel, der sich ein
wenig links beugt und mit erhobenem rechten Arm in das Ärmelloch fährt, ist
der vollendetste Narr, den ich je gesehen oder erlebt habe. Wann mag er nur
hier gewohnt haben? Ob es lange her ist?
Die Liebe hatte ihm in ganz erheblichem Maße den Kopf verdreht. O ja, in
sehr erheblichem Maße kann man sagen. Liebte er etwa ein Weib aus Fleisch
und Blut? Oder liebte er ein Weib aus Holz und Öl? Allewetter, dieser junge
Mann hatte Talent. Wissen Sie, in wen er verliebt war? So gehen Sie in die
Salle carée im Louvre und betrachten Sie dort das Frauenporträt von
Lionardo da Vinci! Ach, Sie müssen nicht glauben, daß es ein schlechter
Witz von mir ist. Wenn dieser Mensch nicht von dem glühendsten und
wahnsinnigen Wunsch gepeinigt wurde, Madonna Gioconda an sich zu reißen,
wie nur je eine Dame in einer verschwiegenen Ecke, so will ich nicht selig
sein. Aber ich möchte auch elf gegen zwei wetten, daß es keine Dame aus
Holz und Öl war, die dem armen Tropf so traurig das Oberste zu unterst
kehrte.
* * * * *