Christoph von +Schmid+, † 1854 als +Domkapitular+ zu +Augsburg+,
ist der fruchtbarste und bis jetzt +unübertroffene+ Vertreter der
+Jugendliteratur+. Seine „Erzählungen für die Jugend“ drangen in die
entferntesten Dörfer und sind noch heute eine beliebte Lektüre für
jung und alt, und zwar bei allen Konfessionen. Wer kennt nicht den
„Verfasser der Ostereier“?
Über seine +Jugendschriftstellerei+ sagt er: „Ich ging zu den Kindern
selbst in die Schule und lernte von ihnen. Gewöhnlich erzählte ich
eine Geschichte den Kindern oder las sie ihnen vor und ließ sie dann
dieselbe aus dem Gedächtnisse nachschreiben. Daraus ersah ich, was
die Kinder am meisten angesprochen hatte und was nicht. Ich arbeitete
dann die Erzählung um, indem ich mehr Handlung und kürzere Gespräche
darin vorbrachte. So lernte ich von den Kindern und war immer darauf
bedacht, ihre Sprache zu reden. Für Kinder kann nicht zu oft ein
Punkt kommen. Ein gut gewähltes Eigenschaftswort macht eine längere
Schilderung unnötig.“
Sehr schön äußert er sich über die +biblischen Erzählungen+: „Unter
allen Geschichten sind die biblischen die vortrefflichsten. Da lebt
alles, alles steht vor Augen, der Schauplatz der Geschichte ist immer
bestimmt. Man ist überall in der wirklichen Welt, hat Berg und Tal,
Baum, Felsen, Quellen und Gebirge um sich; jetzt ist es Morgen, jetzt
Abend, jetzt heißer Mittag: bald ist es Erntezeit, bald Schafschur,
bald Weinlese.“
Dem kindlich frommen Verfasser der „Ostereier“ wurde +vorgeworfen+,
daß er 1. rationalistischen Tendenzen huldige, und 2. in seinen
Geschichten den katholischen Bräuchen und Lehren nicht genug Rechnung
trage. Beide Vorwürfe sind unbegründet.
B. Hervorragende protestantische Pädagogen.
=1. Niemeyer= (1754–1828).
1. Der Urenkel Franckes war August Hermann +Niemeyer+, +Professor+
der evang. Theologie, Inspektor des königl. +Pädagogiums+ und
Mitdirektor des Waisenhauses zu +Halle+. Er errichtete selbst ein
pädagogisches Seminar an der Universität Halle. Von Pestalozzis
Geist befruchtet, suchte er die Grundsätze Rousseaus, Basedows
und Pestalozzis zu sichten, das Wahre vom Falschen zu trennen und
ein logisches Gebäude der Erziehungs- und Unterrichtswissenschaft
aufzubauen.
2. Seine pädagogischen Anschauungen legte er nieder in dem
dreibändigen Werke: „+Grundsätze der Erziehung und des Unterrichts+“
(1796), woran er 30 Jahre arbeitete, und welches noch jetzt eine
Zierde der pädagogischen Literatur ist. Als +Prinzip+ der Erziehung
stellt Niemeyer die +harmonische Ausbildung+ aller menschlichen
Anlagen und Kräfte auf. In religiöser Beziehung neigte er zu den
+Philanthropen+, doch bewahrte ihn der Ernst und die Tiefe seines
Gemüts vor Angriffen auf das positive Christentum.
+Niemeyers+ „+Grundsätze+“ faßten zum +erstenmal+ die Pädagogik in
ein +abgerundetes System+ zusammen und enthalten zugleich einen der
frühesten Versuche einer +Geschichte der Pädagogik+.
=2. Schwarz= (1766–1837).
Friedr. Heinr. Christian +Schwarz+ aus Gießen war protestantischer
Theologie und +Professor+ an der Hochschule in +Heidelberg+.
Er leitete das dortige pädagogische Seminar und wurde später
+Kirchenrat+.
Sein Hauptwerk ist die „+Erziehungslehre+“, welche nicht so
systematisch, aber gemütvoller als Niemeyers Pädagogik gehalten ist.
Er betrachtet als Ziel der Erziehung: die Heranbildung des Menschen
zur +Gottähnlichkeit+. In religiöser Beziehung steht er ganz auf
+positiv-gläubigem Standpunkte+.
=3. Denzel= (1773–1838).
Bernhard Gottlieb +Denzel+ aus Stuttgart war ebenfalls
protestantischer Theologe und wurde 1811 von der württembergischen
Regierung als „Inspektor“ des neuen Seminars nach +Eßlingen+
berufen. Auf kurze Zeit unterbrach er seine Seminartätigkeit und
+reorganisierte+ das +Volksschulwesen+ in +Nassau+, kehrte aber
darauf in seine Stellung nach Eßlingen zurück, wo er mit Lust und
Liebe bis an sein Ende wirkte.
Denzel steht als +Praktiker der Volksschule+ besonders nahe. Den
+Anschauungsunterricht+ erhob er zum +Stammunterricht+ für alle
übrigen Unterrichtszweige und traf bezüglich des Stoffes hierin
eine richtigere und angemessenere Disposition als Pestalozzi, indem
er vom +Schulzimmer+ und der +Schule+ ausging. Für den +ersten
Zahlenunterricht+ benutzt er eine zehnsprossige Skala, die nach ihm
benannte „+Denzelsche Leiter+“. Als Schriftsteller erwarb er sich
einen Namen durch die beiden Werke: „Einleitung in die Erziehungs-
und Unterrichtslehre“ und „Die Volksschule, ein methodologischer
Lehrkursus“.
=4. Harnisch= (1787–1864).
=1. Leben.= Christian Wilhelm +Harnisch+ aus Wilsnack im Rgbz.
Potsdam studierte zuerst evangelische Theologie, entschied sich dann
für das Lehrfach und kam an das +Plamannsche Institut+ zu +Berlin+,
um die Pestalozzische Methode kennen zu lernen. Hier wurde er
bekannt mit Fichte, Schleiermacher und Jahn und nahm tätigen Anteil
an den Bestrebungen für Erweckung der vaterländischen Gesinnung vor
den Freiheitskriegen. Er zeigte ein so ungewöhnliches +Geschick+ im
+Unterrichten+, daß er zum Lehrer der Prinzessin +Charlotte+ von
+Preußen+, nachmaligen +Kaiserin+ von +Rußland+, berufen wurde.
1812 wurde Harnisch erster Lehrer am Seminar in +Weißenfels+. Hier
wirkte er 20 Jahre, zuletzt als +Direktor+, ungemein erfolgreich.
Das Seminar in Weißenfels blühete und wuchs unter Harnisch zu einem
+Musterseminar+. Die tüchtigen Seminarlehrer +Hentschel+, +Stubba+,
+Lüben+ und +Prange+, von Harnisch herangezogen, förderten das
Gedeihen und den Ruf der Anstalt. „Um in einem stillen Kirchlein
neben dem Altar sitzen und den Frieden verkünden zu können,“ legte
Harnisch 1842 die Seminardirektion nieder und nahm die +Landpfarre+
zu Elbei im +Magdeburgischen+ an. Eine schwere Krankheit nötigte
ihn 1861, in den Ruhestand zu treten; drei Jahre darauf starb er zu
Berlin, nahezu 77 Jahre alt.
=2. Schriften.= Die bemerkenswertesten sind:
~a~) „Der Schulrat an der Oder.“ Eine Zeitschrift, herausgegeben in
Gemeinschaft mit den beiden Katholiken Krüger und Rendschmidt.
~b~) „+Handbuch für das deutsche Schulwesen.+“ Sein bedeutendstes Werk.
~c~) „Die wichtigsten neueren Land- und Seereisen.“ Hierdurch hat er
auf dem Gebiete der Jugendschriften anregend gewirkt.
~d~) „Mein Lebensmorgen,“ Selbstbiographie bis zum 35. Lebensjahre.
(Nach seinem Tode erschienen.)
=3. Pädagogische Wirksamkeit.=
~a~) Er fordert nachdrücklich eine Erziehung auf dem Boden des
+positiven+ Christentums.
„Im vollen Sinne des Wortes gibt es keine andere Erziehung als
eine christliche.“ „Die christliche Erziehung bedarf gleich jeder
anderen des Verstandes, der Vernunft, des Willens und aller Anlagen
und Kräfte; aber ihr Grundwesen ist nicht Verstand, sondern innige
+Liebe+ und demütiger Glaube.“ „Der christliche Erzieher weiß, daß
nur durch Gottes Gnade sein Zögling gedeiht und nicht durch seine
Kraft. Alle Erziehung, die sich auf ihre eigenen, besonderen Kräfte
und Künste stützt, die wähnt, durch Klugheit und Geschick alles
auszurichten, das ist keine christliche. Der christliche Erzieher
achtet alle Kunst und alles Geschick; doch die größte Kunst ist ihm
die, bei keinem Zöglinge die +Liebe+ aufzugeben, die alles erträgt,
alles glaubt, alles hofft, alles duldet.“ Für seine Zöglinge stellt
er als goldenes ABC auf: „~a~) +Sei+ ein Christ! ~b~) Besitze die
gehörigen +Kenntnisse+ des Christentums! ~c~) Habe die gehörige
+Lehrfertigkeit+!“
~b~) Über die +Stellung+ und Beaufsichtigung der Schulen sagt er:
„Die Schule kann drei Mütter haben, nämlich das +Haus+, die
+Kirche+ und den +Staat+. Jede dieser drei Gewalten hat das Recht,
Schulen zu gründen; jede hat aber das Recht nur in ihrem Kreise.
Jede Gewalt kann von der anderen verlangen, daß sie wenigstens das
nicht beeinträchtige, was das Ihre ist; stehen aber die Gewalten im
rechten Verhältnisse zueinander, so werden sie sich wechselweise in
der Erreichung ihres Zweckes unterstützen.“
~c~) Einer +Trennung+ der Kinder nach dem höheren und niedrigen Stande
tritt Harnisch entgegen.
„Es ist höchst wichtig, daß in den Volksschulen Kinder von +armen+
und +reichen+ Eltern +gemischt+ sind; sonst erzeugt schon das
Schulleben einen unglücklichen Kastengeist.“ Vgl. +Comenius+, Gr.
Unt. 12. Kap. und +Pestalozzi+, Wie Gertr. 1. Brief.
~d~) Er dringt auf eine bessere Ausbildung der +Methode+ für die
einzelnen Unterrichtsfächer.
Er behandelte nach Pestalozzis Grundsätzen methodisch den Unterricht
im Deutschen, im Rechnen, in der Raumlehre, in den Realien
(„Weltkunde“) und im Turnen.
~e~) Er ist der erste, welcher die Wichtigkeit der +Gesundheitspflege+
in den Seminarien betonte.
Er sagte: „Ich will meinem Vaterlande helfen +feste Männer+
erziehen.“ -- +Botanisieren+, Gartenarbeiten, Baden, +Schwimmen+,
+Schlittschuhlaufen+ und +Turnübungen+ zielten darauf hin, den
Zögling gesund und kräftig zu erhalten. Auch die Lehrer wies er auf
die Sorge für ihre Gesundheit nachdrücklich hin und gab ihnen in der
Schrift „Frisches und Firnes“ dafür treffliche Ratschläge.
=5. Stephani= (1761–1850).
1. Der Predigerssohn Heinrich +Stephani+ aus Gmünd in +Oberfranken+
studierte protest. Theologie, war 10 Jahre Hofmeister und wurde dann
bayrischer Schulrat, zunächst in +Augsburg+, darauf in Eichstätt,
endlich in +Ansbach+. Wegen seiner irreligiösen, allem positiven
+Christentum feindlichen+ Richtung erfolgte seine Absetzung. Er
starb zu Gorkau in Schlesien.