3. Seine Anstalt.

~a~) +Äußere Einrichtung und Schulzucht.+ Die Lateinschule Trotzendorfs

war sechsstufig, alle Zöglinge wohnten im Internate, nur junge Leute

lutherischen Bekenntnisses wurden aufgenommen. Ziel der Schule war,

die Knaben zum Studium der Theologie und Medizin, der Philosophie und

Jurisprudenz vorzubereiten. Anfangs war Trotzendorf der einzige Lehrer

in seiner Schule; in den oberen Klassen gab er den Unterricht allein,

für die jüngeren Schüler bildete er sich aus den älteren Helfer heran.

Auf diese Weise bereitete er manchen jungen Mann zum Schulamte vor und

versorgte viele Anstalten Schlesiens mit tüchtigen Lehrern. Später

wurde er durch mehrere Lehrer in der Schularbeit unterstützt, aber das

Helfersystem behielt er dennoch bei.

Auch für die Aufrechthaltung von Zucht und Ordnung in seiner Anstalt

zog er die ältesten und würdigsten Schüler heran. Die „Ökonomen“

sorgten für rechtzeitiges Aufstehen und Zubettegehen sowie für

Reinhaltung der Stuben und Kleider; die „Ephoren“ für Ordnung bei

Tische; die „Quästoren“ für pünktlichen Besuch der Unterrichtsstunden

und das häusliche Studium. Der „Senat“, der aus 12 Senatoren und

1 Konsul bestand, stellte die Gerichtsbehörde dar und hatte bei

vorkommenden Vergehungen Recht zu sprechen. Trotzendorf war bei

den Gerichtsverhandlungen zugegen und wußte ihnen einen ernsten,

feierlichen Charakter zu geben. Der angeklagte Schüler mußte sich in

lateinischer Rede verteidigen; sprach er gut Latein, so konnte er

wohl auf Milderung der Strafe rechnen. Die üblichen Strafen waren:

Rute, Fidel, Karzer und Entlassung. Alle Schüler, vom Fürstensohne

bis zum Bauernkinde, wurden gleichmäßig bestraft. In den ‚Gesetzen

der Goldberger Schule‘ heißt es: „Wer Schüler wird, spielt nicht

mehr den Adligen. Die, welche sich solcher Strafen schämen, weil sie

adliger Herkunft oder schon älter, mögen darauf bedacht sein, recht

zu tun, um nicht in eine solche Strafe zu verfallen, oder mögen

unsere Schule verlassen und eine solche Freiheit anderwärts suchen.“

Das vom Schülersenat verhängte Strafurteil wurde von Trotzendorf,

dem beständigen Diktator, unnachsichtlich ausgeführt. Trotzendorf

verfolgte mit dieser eigenartigen Einrichtung („Schulrepublik“) den

Zweck, die Schüler frühzeitig an Ordnung, Gehorsam und Achtung vor

Gesetz und Obrigkeit zu gewöhnen. „Diejenigen,“ sagt er, „werden den

Gesetzen gemäß regieren, die als Knaben gelernt haben, den Gesetzen zu

gehorchen.“

~b~) =Unterricht.= Unter den verschiedenen Unterrichtsgegenständen

stellte Trotzendorf die +Religion+ am höchsten. „Der reißt,“ sagt

er, „die Sonne vom Himmel, der nimmt dem Jahre den Frühling, welcher

die Katechese aus der Schule verbannt;“ und an einer anderen Stelle:

„Nehmt mir die Katechese, und ich habe meine allerhöchste Entlassung.“

Nächstdem legte er das größte Gewicht auf den Unterricht in der

+lateinischen Sprache+. Latein war die Sprache des Unterrichts und

des Umgangs; nie durften die Schüler, weder unter sich noch mit ihren

Lehrern, in deutscher Sprache reden.[2] Neben dem Latein fanden

auch Griechisch und Hebräisch als Sprachen des Neuen und Alten

Testaments aufmerksame Pflege. Auch in der Mathematik, Musik und in

den Anfangsgründen der Philosophie wurde unterrichtet. Dagegen waren

Natur- und Weltkunde, deutsche Sprache und Literatur in dem Lehrplan

der Goldberger Schule nicht enthalten, gymnastische Übungen wurden nur

nebenher betrieben, Baden und Eislaufen waren direkt verboten.

Trotzendorf unterrichtete mit Vorliebe in der Form des +Zwiegesprächs+,

während die meisten Lehrer damals nur vortrugen und diktierten.

Durch fleißigen Gebrauch der +Frage+ sowie durch häufige Verwendung

treffender Beispiele wußte er seinen Unterricht so fesselnd zu

gestalten, daß seine Schüler mit wirklicher Lust in die Schule gingen

und sich seines anregenden Unterrichts noch im Alter mit großer Freude

erinnerten. Für den grammatischen Unterricht lautete sein oberster

Grundsatz: „Regeln wenig und kurz, Beispiele klar und praktisch, Übung

lange und oft.“ Von jedem Schüler forderte er deutliches und fertiges

Lesen, eine gleichförmige und gefällige Handschrift, eine laute und

reine Sprache.

=2. Ratichius= (1571–1635).

1. Wolfgang Ratke, gnt. +Ratichius+, geboren zu Wilster im

Holsteinschen, studierte in Hamburg und Rostock und erteilte später

aus Dürftigkeit Unterricht, wodurch er auf eine eigentümliche

Lehrweise kam.

Bei der Krönung des Kaisers Matthias legte er dem Reichstage zu

Frankfurt a. M. +1612+ eine +Denkschrift+ vor über ~a~) +leichte+

Erlernung fremder Sprachen, ~b~) Einrichtung einer Schule für +alle+

Künste und Wissenschaften, ~c~) Einführung einer einheitlichen

Sprache, Regierung und Religion. In dieser Denkschrift bezeichnet

Ratichius als naturwidrig die bisherige Praxis der Lateinschulen,

welche mit Latein begannen, und als allein naturgemäß die

voraufgehende +Aneignung der Muttersprache+.

Später (1616) gewann Ratichius den Fürsten Ludwig von Anhalt-Köthen

für seine Pläne und wurde Direktor einer neuen sechsklassigen

Probeschule, in welcher die drei unteren Klassen +nur Deutsch+

lernten, und erst die drei oberen +Latein+ und Griechisch betrieben.

Wegen ungenügender Erfolge wurde Ratich indes bald abgesetzt und zur

Strafe für seine Großtuerei sogar eingesperrt. Später hatte er auf

Empfehlung seiner Schülerin Anna Sophia von Rudolstadt eine Audienz

bei dem berühmten schwedischen Kanzler Oxenstjerna, der über ihn das

richtige Urteil fällte, „daß er die Gebrechen der Schule nicht übel

aufdecke, aber seine Heilmittel seien nicht hinreichend“. 1635 starb

Ratich zu Erfurt am Schlage.

Ratichius, „der Charlatan unter den Pädagogen“, ist doch nicht ohne

Verdienste. Das größte Verdienst hat er sich unstreitig um unsere

+deutsche Sprache+ erworben. Er erhob sie zur Unterrichtssprache und

zum Unterrichtsgegenstande der deutschen Schule, während bis dahin

Lehrer und Schüler sich nur der lateinischen Sprache beim Unterrichte

bedienten und nur das Latein als Unterrichtsgegenstand kannten.

Hiermit war ein dreifacher Vorteil gewonnen: 1. der Schüler konnte

nun ganz auf die +Sache+ achten, er wurde nicht mehr durch die fremde

Sprache an dem Verständnis der Sache gehindert; 2. +jedermann+ konnte

sich nunmehr Kenntnisse erwerben, auch dem Bürger und Landmann war

der Weg zur Bildung gebahnt; 3. die deutsche Sprachlehre trat in die

Reihe der +Wissenschaften+ ein.

Grundzüge der Geschichte der Pädagogik · 第 83 / 110 题