=1. Sein Leben.= Geboren auf der jonischen Insel Samos gegen 580
v. Chr., wurde er von Thales unterrichtet. Er kam später nach
Kroton (Unteritalien) und wurde der Wohltäter dieser Stadt. Er soll
in Metapont gegen 500 v. Chr. gestorben sein. Seine würdevolle
äußerliche Erscheinung, sein hoher sittlicher Ernst in Lehre und
Leben gewannen ihm die Herzen der Krotoniaten, der Griechen und
Nichtgriechen. Männer und Frauen verbündeten sich mit ihm zur Förderung
des religiös-sittlichen Lebens und zur Pflege dorischen Sinnes und
dorischer Sitte.
=2. Seine Schule.= Die pythagoreische Schule in Kroton hielt auf
Ehrerbietung gegen die Eltern, Achtung gegen Erwachsene, Liebe gegen
alle Mitbürger. Die körperliche Bildung, welche wie der Körper
vergänglich ist, war der geistigen Bildung, welche dauernden Wert
hat, entschieden untergeordnet. Pythagoras unterrichtete nach der
vortragenden Methode und wirkte in sittlicher und wissenschaftlicher
Hinsicht sehr segensreich für Großgriechenland.
Der Aufnahme in die Schule oder den Bund gingen 3 Jahre der Prüfung
und des Schweigens voraus. Die Prüflinge hießen Exoteriker. Nur die
Mitglieder des engeren Bundes, Esoteriker genannt, traten in näheren
Verkehr mit dem Meister und wurden in dessen Lehre eingeweiht.
=3. Seine Lehre.= Dieselbe ist in folgenden Sätzen enthalten:
~a~) Ein Gott ist der Urgrund des Seienden, die Welt sein Leib, die
erste Schöpfung das Feuer.
~b~) Die Weltkörper sind in steter Bewegung und bewirken eine
erhabene Harmonie, die „Harmonie der Sphären“.
~c~) Die menschliche Seele ist göttlicher Natur und unsterblich, wird
hier auf der Welt geläutert und veredelt, geht beim Tode zur weiteren
Läuterung erst in Tierkörper (Seelenwanderung) und kehrt dann in ihre
Heimat (den Himmel) zurück.
~d~) Alle Weisheit hat keinen anderen Zweck, als den menschlichen
Geist zur Vereinigung mit Gott zurückzuführen.
~e~) Die Übung der Tugend ist wichtiger als die wissenschaftliche
Ausbildung.
~f~) Die sittlich-veredelnde Erziehung wird erreicht durch die
Religion, die Musik und die Mathematik. (Vgl. Pythagor. Lehrsatz.)
=4. Beurteilung.= Zu rühmen ist:
~a~) Die außerordentliche +Mäßigkeit+ der Pythagoreer. Des Fleisches
und Weines enthielten sie sich gänzlich.
~b~) Das unausgesetzte Streben nach +Vervollkommnung+. Als
Hauptmittel der letzteren war vorgeschrieben die tägliche strenge
Selbstprüfung vor dem Schlafengehen. (In den „Goldenen Regeln“ des
Pythagoras heißt es: „Niemals möge der Schlaf auf die Augenlider dir
sinken, Ehe die Werke des Tags du zuvor noch dreimal gemustert.“)
~c~) Ihre enge Verbrüderung und unerschütterliche +Freundestreue+,
schön verherrlicht in Schillers Gedicht „Die Bürgschaft“.
~d~) Die hohe Achtung gegen ihren +Meister+. Aller Streit der
Meinungen verstummte bei dem Worte: „Er hat es gesagt.“
=4. Sokrates.= (469–399 v. Chr.)
=1. Sein Leben.= Sokrates, in Athen geboren, wurde Bildhauer wie
sein Vater. Er lebte in bedürfnisloser Einfachheit, verließ nie
seine Vaterstadt außer im peloponnesischen Kriege und nützte seinem
Vaterlande durch Lehre und Beispiel. Seine Lehrtätigkeit erreichte
entgegengesetzte Erfolge. Die große Menge verachtete ihn. Wenige
Auserwählte aber schenkten ihm das größte Maß menschlicher Liebe und
Bewunderung. Platon und Xenophon gehörten zu seinen Schülern. Als
70jähriger Greis traf ihn die dreifache Anklage, daß er 1. an die
Götter des Staates nicht glaube; 2. neue Götter einführe; 3. die Jugend
verderbe. Er wurde zum Giftbecher unschuldig verurteilt und betonte
trotzdem noch die Pflicht des Gehorsams gegen die Staatsgesetze. Seine
letzte Unterredung betraf die Unsterblichkeit der Seele. Sokrates war
„im Tode der Edelste, im Leben der Verständigste und Gerechteste von
allen“.
=2. Seine Lehre.= Wegen der Reinheit seiner Lehre wird Sokrates der
+Prophet des Heidentums+ genannt. Seine Grundsätze waren:
~a~) Es gibt nur +einen wahren Gott+, welcher der Urheber und
Erhalter der Weltordnung ist.
~b~) Die +Seele+ ist ein unkörperliches Wesen und +dauert+ nach ihrer
Trennung vom Leibe +fort+.
~c~) Der Mensch ist offenbarungsbedürftig und hat eine +innere
göttliche Stimme+, die ihm Rat und Warnung erteilt.
~d~) Die Tugend besteht im Wissen. Der Endzweck unserer Bestrebungen
ist Erkenntnis der Tugend, sittliches Wissen. Wohlverhalten führt zur
Glückseligkeit.
~e~) Die +Selbsterkenntnis+ ist die +erste Bedingung+ alles Wissens.
=3. Seine Methode.= Sokrates hatte kein besonderes Unterrichtslokal,
keine bestimmte Lehrzeit. Er suchte Männer und Jünglinge auf, um sich
mit ihnen über Lebenszweck und Beruf zu +unterhalten+ und sie des
Nichtwissens zu überführen. Die Lehrform des Sokrates war also die
des Zwiegesprächs oder Dialogs. An der sokratischen Methode ist eine
+negative+ und eine +positive+ Seite zu unterscheiden. Die negative
Seite (sokratische Ironie) bestand in dem (vielfach durch feinen
Spott und Hohn) hervorgelockten Geständnis des Nichtwissens und dem
so geweckten Verlangen nach wahrer Erkenntnis. Die positive Seite der
Sokratik bestand darin, daß durch geschickte Fragen der Schüler die zu
vermittelnde Wahrheit selbst fand. Durch die beiden Mittel: +Induktion+
(Herleitung eines Begriffs oder einer allgemeinen Wahrheit aus einer
Anzahl gleichartiger Einzeldinge oder Einzelfälle) und +Analogie+
(Vergleichung mit ähnlichen oder verwandten Fällen und Dingen)
erreichte Sokrates den Zweck: die +Definition+ (klare und bestimmte
Erkenntnis des Wesentlichen und Wahren an den Dingen).
Sokrates ist der Vater der entwickelnden oder findenden (heuristischen)
Methode.
~B.~ Die Römer.