Allerlei Vögel tränken sich an dieser bequemen Stelle, Spatzen, Finken,

Hänflinge, Grünlinge, Ammer, die wilden Tauben und manchmal auch der

Häher. Auf der Eiche nimmt die Elster, die im Dorfe brütet, gern Platz,

und zu Zeiten auch der Raubwürger, der in dem alten Birnbaume im

Felde sein Nest hat, denn er findet dort immer reichliche Beute, weil

die dicken Bremsen gern über der Furt in der Luft stehen und auf die

Gespanne warten. Haben sie sich dumm und faul gesogen, so setzen sie

sich an das Geländer und sind leicht zu erwischen. Obgleich der Würger

selbst ein Räuber ist und gern eine Maus oder einen Jungvogel faßt, so

kann er es nicht leiden, wenn andere Räuber ihm in die Quere kommen. Er

warnt vor dem Habicht und dem Sperber, sobald er sie gewahrt, und stößt

auf sie, kommen sie näher, und wenn eine Dorfkatze an die Durchfahrt

kommt, um einen Fisch zu erbeuten, so belästigt er sie so lange, bis

sie wieder davonschleicht. Ebenso macht er es, wenn das Großwiesel,

das in dem hohlen Ufer wohnt, sich blicken läßt, um zu dem Neste des

Sumpfrohrsängers oder der Zwergmaus, die in dem Weidenstrauche stehen,

zu gelangen.

Ab und zu sucht der Storch auch die Ufer der Furt ab, teils der

Ukleis wegen, die an den Ausbuchtungen laichen und dann ganz dumm und

unvorsichtig sind, oder der großen, grünen Frösche halber, die dort auf

Fliegen, Bremsen und besonders auf die blauen, grünen, gelben, braunen

und roten Wasserjungfern lauern, die massenhaft um die Schilfhorste

flattern oder kreuz und quer über den Wasserspiegel flirren. Sobald

sich aber die Ringelnatter blicken läßt, plumpsen die Frösche eilig in

das Wasser und verbergen sich im dichtesten Gekräute, doch erwischt die

Schlange dann und wann einen von ihnen, macht aber auch auf die Fische

Jagd. Hat sie einen erbeutet, so schlängelt sie sich mit hochgehaltenem

Kopfe, den Fisch im Maule, durch das Wasser nach dem Ufer, wo sie

ihren Raub hinunterwürgt. Unter den mit blauen und weißen Glöckchen

geschmückten Beinwellstauden sonnt sie sich dann auf dem warmen Sande.

Wenn sich aber ein Wagen oder ein Mensch naht, so schlüpft sie in das

lange Gras.

Der schönste von allen Besuchern der Durchfahrt ist der Eisvogel, der

fast jeden Tag auf der Bohle oder dem Geländer sitzt und auf Beute

wartet. Streicht er den Bach aufwärts seinem Neste zu, das er an der

steilen Wand des Mühlenkolkes unter den alten Ellern hat, dann sieht

es aus, als flöge ein großer Kolibri dahin, so blitzt und funkelt das

Gefieder des kleinen Fischers. Der lustigste Vogel aber, der an der

Furt sein Wesen treibt, ist die Bergbachstelze, die ebenfalls bei der

Mühle brütet. Sie hat sich erst vor einigen Jahren hier angesiedelt,

und wenn sie auch fast so aussieht wie die Kuhstelze, so ist sie

doch viel fröhlicher als diese und dient dem Plätzchen ebenso zum

Schmucke, wie die weiße Bachstelze, die sich gleichfalls hier jeden Tag

einstellt, hurtig auf dem Stege umhertrippelt und nach Fliegen springt.

Im Spätherbste und Winter, wenn die Wiesen unter Wasser stehen und der

Wagenverkehr bei der Durchfahrt bis zum Vorfrühling aufhört, schweben

oft durchreisende Möwen dort hin und her und suchen nach Futter, und

mancherlei nordische Enten und Taucher lassen sich da nieder, weil sie

von da aus weiten Blick haben und deshalb vor dem Jäger sicher sind.

Nur wenn starker Frost die Wasserfläche zum Zufrieren bringt, ist es

still und öde da, und einzig und allein die Krähen sitzen trübselig auf

dem Geländer oder hacken an einem eingefrorenen Fische auf dem Eise

herum.

Kommt aber der Frühling in das Land, taut das Eis, schmilzt der Schnee,

läuft das Wasser ab, sprießt das Gras und blühen die gelben Kuhblumen

an dem Flüßchen, dann beginnt bei der Durchfahrt wieder das bunte,

lustige Leben.

Die Böschung.

Quer durch die Heide zieht sich der Kanal, der die Wasser des Moores

dem Flusse zuführt.

Er ist so tief in das Gelände eingelassen, daß seine Böschungen

hoch und steil sind. Deshalb ist es dort meist überwindig und darum

herrscht selbst dann, wenn die Luft rauh über das übrige Land geht,

noch allerlei Leben, zumal der Rand der Böschung mit Föhren, Birken,

Eichen und allerlei Gebüsch bedeckt ist und ihre Flanken an den meisten

Stellen ausgedehntes Sandrohrgestrüpp trägt.

Neulich, als es zum ersten Male über Nacht hart gefroren hatte, das

Heidkraut von Reif starrte und das meiste von den Faltern, Fliegen,

Bienen und Käfern, das tags zuvor noch lustig sein kleines Leben

geführt hatte, tot dalag oder sich verborgen hielt, sah es an der

Böschung gar nicht danach aus, als ob der Winter sich schon angemeldet

habe.

Die Birken waren zwar binnen zwölf Stunden gelb geworden, die

Eichenblätter hatten sich auf einmal gebräunt und die Espen hatten

kohlschwarzes Laub bekommen. Die Silberrispen des Sandhalmes

schimmerten aber noch in alter Pracht, die Moorhalmbüsche leuchteten

wie goldenes Glas, an den Brombeeren waren nur wenige fahle Blätter

zu sehen und hier und da fristete noch eine Blume das Leben, hier die

rubinrote Karthäusernelke, da das goldene Mauseohr, dort die blaue

Knaule und daneben die weiße Sumpfschafgarbe.

Als die Sonne dann den Reif abgetaut hatte und den Boden anwärmte,

schwirrte und flirrte es da, wie zur sommerlichen Zeit. Mordwespen

suchten Raupen und Spinnen, um sie mit ihren Giftstacheln zu lähmen

und in ihre Bruthöhlen zu schleppen. Spinnen huschten zwischen den

borstigen Grasbüscheln über den feinen, weißen Sand, hier schlich ein

Rüsselkäfer, da rannte ein Sandläufer, Schlammfliegen sonnten sich

auf den Föhrenwurzeln, Bienen und Hummeln naschten an den letzten

Blumen, große dicke Raupen in samtenen, mit Gold verbrämten Pelzen

krochen langsam über das silbergraue Renntiermoos, dickköpfige Grillen

wagten sich aus ihren Löchern hervor, kleine Heuschrecken zirpten zum

letzten Male, viele Sandfüchse flatterten an den nackten Stellen,

ein Zitronenfalter taumelte an den Büschen entlang. Köcherhafte

und Florfliegen rafften sich zu einem kurzen Fluge auf und sogar

Wasserjungfern schwirrten hin und her. Auch auf dem Ameisenhaufen

krimmelte und wimmelte es noch, ein Eidechschen lag breit und

behaglich in der Sonne, ein junges Kreuzkrötchen kroch hurtig über die

Moospolster und jagte auf Mücken, und ein Grasfrosch schnappte nach

Schmeißfliegen.

Alles dieses kleine feine Leben nahm aber nach und nach ein Ende,

als Nacht für Nacht der Frost über die Heide fuhr und als dann der

schwere kalte Regenguß kam, da war es ganz aus damit. Was sich nicht

zu bergen wußte, wie die Käfer, Eulenfalter, Florfliegen und Ameisen,

das brachte die Kälte um oder tötete der Regen. Gegen Mittag, wenn die

Sonne heiß gegen die Böschung scheint, schwirrt wohl noch einmal eine

Fliege, kriecht ein Käferchen dahin, und die Wintermücken spielen dann

in hellen Haufen über dem Sande und steigen auf und ab; all das andere

kleine Getier wird aber erst wieder sichtbar, wenn der Winter aus ist

und die Frühlingssonne die Böschung bescheint. Dagegen mangelt es dort

nie an anderem Getier. Vor allem sind es die Vögel, die die Büsche

mit Leben erfüllen. Ein Meisentrupp nach dem andern, meist von einem

Spechte geführt und von Goldhähnchen begleitet, rispelt und krispelt in

den Föhren, Birken und Eichen umher, Dompfaffen suchen das Gebüsch nach

Beeren und Knospen ab, Krammetsvögel halten dort Rast, und so ist es da

fast nie still und leer.

Geht die Sonne zur Rüste, ziehen die Krähen laut quarrend unter dem

goldenen Himmel ihrem Schlafwalde zu, fallen die Goldammern in die

Eichenbüsche ein und rascheln lange in dem dürren Laube, ehe sie die

Augen zumachen, fällt die Amsel zeternd in die Schlehdornen, dann

tritt ein heimliches Leben an die Stelle des offenbaren. Aus ihren

Bauen schlüpfen die Kaninchen heraus, sichern lange an dem Eingange

der Fahrten und rücken zu Felde. Ihnen nach folgt der Hase, der sich

den Tag über in dem Sandrohre geborgen hielt. Dann erscheint die Eule

und streicht die Böschung auf und ab, der vielen Mäuse wegen, denen

die Sandrohrkörner reiche Nahrung bieten. Enten kommen angeklingelt,

fallen am Ufer ein und schnattern es nach Fraß ab. Feldhühner rennen

den Fußsteig entlang und huschen bei der Brücke über den Fahrweg.

Gern treten die Rehe dort herum, um die Brombeeren zu verbeißen. Das

Hermelin sucht die Kaninchenbaue ab und würgt, was es greifen kann,

desgleichen der Iltis, der unter der Brücke wohnt, und der Fuchs, der

in den Heidbergen sein Gebäude hat, schleicht allnächtlich hier umher,

weil er jedesmal gute Beute macht, und alle paar Tage spürt sich der

Otter auf dem Sandwege, und die Reste von Döbel und Hecht zeigen an,

daß er nicht umsonst gefischt hat.

Wenn die Sonne dann wieder über den Berg kommt, wenn der Nebel von dem

Kanale weicht, die Goldammern ihre Schlummerbüsche verlassen und zu

Felde fallen, geht das laute Leben wieder los. Dann lacht der grüne

Specht, der einen Stollen in den Ameisenhaufen getrieben hat und sich

darin vollfrißt, der Häher kreischt, der Zaunkönig schmettert sein

Liedchen, Hänflinge, Grünfinken und Stieglitzen machen halt, wenn sie

hier vorbeigestrichen kommen, die Elster nimmt für einen Augenblick

Platz, ehe sie nach der Abdeckerei fliegt, der Bussard lauert, ob er

nicht das Wiesel betölpeln kann, das unter dem Durchlasse haust, und

allerlei Meisenvolk tummelt sich im Buschwerke.

So geht es in der rauhen Zeit tagein, tagaus. Ist aber der Winter

zu Ende, werden die silbernen Kätzchen an den Weiden zu goldenen

Flämmchen, entfalten die Kohmolken am Ufer ihre großen gelben Blumen,

wandern die Pieper aus Nordland auf der Rückreise am Kanal entlang

ihrer Heimat zu, dann wacht auch das kleine und feine Leben wieder

auf und es blitzt und flitzt und schwirrt und flirrt und flittert und

flattert und summt und brummt von früh bis spät an der Böschung.

Die Kiesgrube.

Mitten in der Feldmark, weithin sich bemerkbar machend, ist ein heller

Fleck. Das ist die große Kiesgrube, aus der das Städtchen seinen

Bausand gewinnt.

Jetzt, zur späten Zeit im Jahre, herrscht nicht die bunte Pracht

in ihr, wie an sommerlichen Tagen. Hier und da hat sich noch

eine goldgelbe Rainfarnblüte vor dem Nachtfroste gerettet, eine

schneeweiße Schafgarbe, eine himmelblaue Glockenblume, eine blutrote

Karthäusernelke.

Dennoch aber fehlt es der Grube nicht an Farben. Über der gelben

Steilwand, die von den Bruthöhlen der Uferschwalben wie ein Sieb

durchlocht ist, prahlen die Schlehen mit hellblauen und die

Weißdornbüsche mit feuerroten Beeren, und die junge Birke unter der

Wand ist über und über mit goldenen Flittern behängt. Die Brombeeren

vor ihr leuchten scharlachfarbig, die hohen Beifußstauden sind

blutigrot, stumpfgrün starren die hohen Binsen und wie Rubinen strahlen

die Blättchen des Zwergampfers.

Auch an anderem Leben mangelt es nicht. Eben rüttelte der Turmfalke

über der Stelle, wo eine Waldmaus aus dem bunten Steinhaufen rutschte

und über die goldigschimmernden Moospolster hinweghüpfte. Er stieß

herunter und strich mit der Maus in den Griffen ab. Dann schnurrte ein

Flug von Feldspatzen heran, fiel in den Schlehdornen ein, lärmte ein

Weilchen und stob feldeinwärts. Jetzt hüpfen ein paar Grünfinken unter

den Klettenstauden umher und suchen nach Grassamen, auf der Spitze der

Birke sitzt ein Hänfling und lockt halb lustig, halb wehmütig, und an

den weißwolligen Schöpfen der hohen Haferdistel hängen zwei knallbunte

Stieglitze, zwitschern fröhlich und picken die Samenkörner heraus.

Plötzlich fliegen sie ab, denn in den hohen, brauntrockenen Brennesseln

hinter dem Haufen kopfgroßer Steinknollen raschelte es. Ein plattes

Köpfchen mit schwarzen Augen taucht auf, verschwindet, ist wieder

da, und nun sitzt oben auf dem Steinhaufen ein Wieselchen, schlüpft

durch die fahle Mausegerste, kommt unter den Kletten zum Vorschein

und verschwindet zwischen dem braunen Gestrüpp der Flockblumen, wohin

das Geschrille der Spitzmäuse es lockt. Ein Goldammerhahn kommt

angeschnurrt, läßt sich auf einem Pfahle nieder, lockt, wippt mit dem

Schwanze, sträubt die Holle und burrt weiter. Dann ist auf einmal eine

Haubenlerche da, die hurtig auf dem Sande umherrennt, ein Spinnchen

fängt, einige Körnchen aufliest und mit weichem Geflöte von dannen

fliegt, so daß der Sperber, der hinter der Birke hergeschwenkt kommt,

mit leeren Fängen abziehen muß.

Dünne Vogelstimmen kommen näher; vier Pieper aus Nordland lassen sich

vor den grauwolligen Mausekleebüscheln nieder, trippeln hin und her,

putzen sich ihr Gefieder, lesen Körnchen auf, tränken sich an der

Regenpfütze und wandern weiter nach Süden. Über der Steilwand erscheint

ein hellgefärbter Bussard, rüttelt eine Weile über der Stelle, wo er

zwischen den braunen Johanniskrautstengeln eine Bewegung erspähte,

und streicht dann fort, weil er das, was sich da rührte, als die

Löffel des Hasen erkannte, der dort im Lager sitzt, und er weiß, daß

er nicht stark genug ist, um den zu bezwingen. Über die silbernen

Gänsefingerkrautblätter humpelt steifbeinig ein frostlahmer brauner

Frosch; er will sich einen Unterschlupf suchen, wo er die harte Zeit

verschlafen kann. Dasselbe hat eine winzige Kreuzkröte vor, die den

dürren Ochsenzungenstauden zukriecht.

Laut schwatzend braust ein Flug Stadtsperlinge über die Grube hin.

Dann läßt sich eine Nebelkrähe in ihr nieder, schreitet würdevoll

auf und ab und sucht so lange, bis sie eine Käserinde findet,

die die Sandfuhrleute fortwarfen, und mit der sie abfliegt. Ein

Dompfaffenpärchen nimmt auf den Schlehen Platz, lockt zärtlich,

verbeißt einige Knospen und strebt dem nahen Friedhof zu. Vor der

Steilwand flattert ein alter Hausrotschwanz umher, schlüpft in eine der

Uferschwalbenhöhlen, kommt wieder heraus, rüttelt vor einem anderen

Loche, fängt dort eine Schnake weg, rennt an der Sandkante entlang,

fliegt nach den Brombeeren, zerpflückt die letzte reife Beere, trippelt

über die seidigschimmernden Moospolster, hascht eine Spinne und eine

Fliege, und fort ist er.

Die Sonne ist hinter dem Hügelkopfe untergegangen; ihr Abglanz färbt

den weißen Sand wärmer und die bunten Kiesel darauf glühen und

sprühen. Dann verliert sich das Leuchten am Himmel; die Luft wird

grauer. Bleiche Eulenfalter flattern dahin; von der Steilwand ruft

das Käuzchen. Quarrend fliegen die Krähen vorüber. Der Hase erhebt

sich aus seiner Sasse, putzt sich das Fell, hoppelt unter dem Abhange

entlang, sichert eine Weile und rückt dann zu Felde. Die Haubenlerchen

sind wieder da, locken und schlüpfen zum Schlafe in das Gekräut. Unter

den Kletten zwitschern die Spitzmäuse, in den Brombeeren rascheln die

Waldmäuse. Es burrt laut und ein Feldhuhnpaar fällt in der Grube ein,

rennt über den Fahrweg und verschwindet in dem fahlen Gestrüpp. Jetzt

lockt der Hahn und stiebt mit seiner Henne wieder ab; eine stromernde

Katze trieb ihn fort.

Immer trüber wird es. Nach einer Stunde ist es Abend. Dann jagt die

Schleiereule, die im Kirchturme wohnt, hier auf Mäuse, der Iltis

stöbert hier umher und ganz gewiß läßt sich auf seinem Wege nach

dem Seeufer, wo er die Enten beschleichen will, auch der Fuchs es

einfallen, der Kiesgrube einen kurzen Besuch abzustatten, um zuzusehen,

ob er nicht einen Hasen oder ein Feldhuhn erwischen könne, oder sei es

auch nur eine Maus, denn daran mangelt es hier nicht, weil das viele

Gekräut den Mäusen durch seine Samenkörner reiche Nahrung bietet und

die Grube trocken und warm gelegen ist, so daß sich es wintertags dort

leben läßt.

So fehlt es selbst dann, wenn der Schnee festliegt, der Kiesgrube

nicht an lustigem Leben, denn Tag für Tag stellen sich die Grünfinken,

Stieglitze, Goldammern und Feldspatzen in ihr ein und suchen

Sämereien. Am schönsten und lustigsten aber ist es zur Sommerszeit,

wenn die Uferschwalben vor ihren Bruthöhlen auf und ab fliegen,

der Steinschmätzer über das Geröll rennt, die Hänflinge schwatzen

und die Grasmücke plaudert, und über dem bunten Gewirr von Distel,

Färberkamille, Rittersporn, Löwenmaul, Johanniskraut, Minze,

Klatschmohn und Fetthenne die Falter flattern und die Bienen summen.

Dann ist das Sandloch unter dem Hügelkopfe so voll von Blumen, so laut

und lebhaft von allerlei Getier, daß der, wer alles das schildern

wollte, ein ganzes Buch darüber schreiben müßte.

Die Dornhecke.

Es gab einmal eine Zeit, da sah die Feldmark so bunt und kraus aus, wie

eine Federzeichnung von Albrecht Dürer.

Jeder Grabenbord hatte sein Dorngestrüpp, jede Böschung ihr Gestrüpp,

alle Teiche und Tümpel waren von Weiden und Erlen eingefaßt, und an

Wildbirnbäumen, Kopfweiden und Pappeln war kein Mangel.

Dann kam die Verkoppelung und aus war es mit der ganzen Herrlichkeit.

Die Büsche und Bäume fielen überall unter der Axt, selbst da, wo sie

niemand im Wege standen und keinen Schatten auf den Acker oder in

die Wiese warfen. Kahl und langweilig wurde das Gelände und arm an

Vogelsang und Falterflug, und alle die schönen bunten Blumen, die in

dem Gebüsche wuchsen, verschwanden.

Eine einzige Hecke ist in der ganzen weiten, breiten Feldmark noch

übriggeblieben. An der Wetterseite des Hohlweges zieht sie sich entlang

und schützt ihn vor Erdrutsch und Schneeverwehung. Die Schlehe und

der Weißdorn bilden mit Kreuzdorn und Heckenrose ein dichtes Gewirre,

dessen Grund von Brombeeren, Himbeeren und Stachelbeeren besäumt wird,

und dazwischen verschränken sich Nesseln, Disteln, Kletten und andere

Stauden zu einem engen Verhau.

Wie ein mürrisches braunblaues Bollwerk steht jetzt die Hecke im

überschneiten Felde. Man sieht es ihr nicht an, wie schön sie im

Vorfrühling ist, wenn die Schlehen sich mit weißen Blüten bedecken,

oder später, wenn der Weißdorn seine schimmernden, starkduftenden

Dolden entfaltet, oder hinterher, brechen an den Rosenbüschen die

reizenden Knospen auf. Aber auch wenn die Büsche selber nicht mehr

blühen, bleibt es bis in den Herbst hinein noch bunt von blauen

Glocken, roten Lichtnelken, weißem Labkraut und gelber Goldrute; wenn

diese verwelken, schmücken sich die Zweige mit scharlachrotem und

goldgelbem Laube, und fällt das ab, so funkeln, blitzen und leuchten

die schwarzen, blauen und roten Beeren am kahlen Gezweige.

Mit dieser Pracht ist es nun auch fast zu Ende. Die Brombeeren sind

abgefallen bis auf einige, die nicht mehr zur Reife kamen und nun

verdorrt an den Stielen zwischen den eingeschrumpften Blättern hängen.

Die Rosen haben zwar noch viele von den Hagebutten, doch sind sie von

dem Nachtfroste verschrumpft und leuchten nicht mehr so herrlich, wie

im Spätherbste, und auch die Mehlfäßchen an dem Weißdorne verloren

ihr prächtiges Aussehen und fangen an, sich zu bräunen. Einzig und

allein die Schlehen haben noch die meisten ihrer blaubereiften Früchte

bewahrt, doch werden es von Tag zu Tag weniger, da Sturm und Regen sie

nach und nach von den Zweigen reißen und zu Boden werfen. Dennoch ist

die Hecke immer noch schön. Sie war es eben, wo sie als braunblaues

Bollwerk von dem Schnee abstach, und ist es jetzt erst recht, denn

die Sonne ist durchgekommen, und das verworrene Gezweige blitzt und

schimmert und leuchtet, als bestände es aus Erz.

Auch fehlt es nicht an allerlei Leben. Zwar die Grasmücken und

Braunellen, die sommertags hier umherschlüpfen und fleißig singen,

sind verzogen, die Falter starben ab oder sitzen in Todesstarre in

ihren Winterverstecken, wie auch der Laubfrosch, der in der schönen

Zeit hier so oft lustig meckert, in seiner Erdhöhle die bitteren Tage

verschläft, und die Eidechse, die im Sommersonnenscheine hin und her

huscht, desgleichen tut; aber alle Augenblicke schwirrt oder burrt es

heran, denn alles kleine Vogelvolk, das über die Feldmark dahinfliegt,

macht hier gern Rast. Feld- und Haussperlinge fallen in ganzen Flügen

ein, Buchfinken und Grünlinge, Stieglitze und Hänflinge, desgleichen

die Goldammern und die plumpen Grauammern, die mit trockenem Geklapper

fortfliegen, wenn ein Mensch den Weg entlangkommt.

Ab und zu stellt sich auch anderer Besuch ein. Da sind die

wunderschönen Dompfaffen, die hier immer haltmachen, wenn sie den Wald

mit den Obstgärten des Dorfes vertauschen wollen, oder die Kramtsvögel,

die von den höchsten Zweigen der Schlehdornbüsche Umschau halten, ehe

sie zu Felde fallen. Dann und wann nimmt hier auch der Raubwürger aus

Nordland Platz oder eine der Elstern, die in den hohen Pappeln des

Gutes ihr Dornennest haben, oder einige Meisen suchen ein Weilchen in

dem Gezweige nach Raupeneiern und wandern dann lustig lockend dem

Walde oder dem Dorfe zu, und manchmal stöbert auch ein Eichelhäher da

herum und tut sich an den Beeren gütlich, oder eine Krähe lauert am

Boden auf eine Maus.

Die wohnen auch um diese Zeit in der Hecke, sowohl die braunen

Waldmäuse wie die schön schwarzgestreiften Brandmäuse und auch die

zierlichen Zwergmäuschen, denn sie finden im Laube allerlei Körner und

Samen und dazu noch die abgefallenen dürren Beeren sowie manchen Käfer

und allerlei anderes kleine Getier, das in dem trockenen Laube den

Winter verschläft. Auch Feld- und Rötelmäuse gibt es dort sowie die

dicke Wühlmaus, und deswegen läßt sich das Wiesel und das Hermelin oft

da blicken, um auf sie zu jagen.

Die Sonne ist wieder fortgegangen, der Himmel wird grau, ein Wind macht

sich auf und es beginnt zu dämmern. Da kommt es mit lauten Locktönen

herangeflattert. Die Goldammern sind es. Sie fallen auf den Zweigen

ein, sträuben die gelben Schöpfchen, zucken mit den Schwänzen, zanken

und zergen sich ein wenig und schlüpfen dann tief in das Gebüsch

hinein, wo sie noch ein Weilchen herumrascheln, um dann einzuschlafen.

Unter ihnen her schlüpft das Hermelin und wittert nach ihnen empor,

traut sich aber wegen der scharfen Dornen nicht hinauf und huscht

deshalb nach der Strohdieme, um dort auf die Mausejagd zu gehen. Es

beginnt verloren zu schneien. Allmählich fallen die Flocken dichter,

bedecken die Saat und den Sturzacker und bleiben in den Zweigen der

Hecke und auf dem Dürrlaube der Brombeeren hängen, alles verhüllend,

was darunter schläft und atmet.

Morgen früh aber, wenn die Sonne kommt, beginnt es da wieder zu leben.

Die Ammern erwachen, putzen ihr Gefieder und fliegen zu Felde. Die

Spatzen kommen an und die Finken, die im Walde geschlafen haben, und

so vergeht keine Stunde, daß auf der Dornhecke nicht irgend welches

fröhliche Leben ist, während ringsum im Felde alles weiß und tot ist.

Der Fichtenwald.

Die Morgensonne steigt rund und rot über die verschneiten Kuppen; der

Bergwald erwacht.

Lärmend fliegen die Krähen zu Tale, Häher flattern kreischend von

Baum zu Baum, Goldfinken flöten im Unterholze, Zeisige zwitschern

dahin, überall ertönt das Geklingel der Meise und das Gewisper der

Goldhähnchen, zwischendurch auch das schneidende Gezeter der Amsel, die

den zu seinem Bau schleichenden Fuchs erspäht hat.

Die Frostnebel weichen von der Bergwand, goldig erglänzen die

Schneehänge, rosig färben sich die bereiften Fichten, silbern blitzt

unter der Felswand der Wildbach. Da leidet es den Zaunkönig nicht, der

im Ufergebüsche umherschlüpft; keck schmettert er sein Liedchen, und

auch die Wasseramsel, die mitten im Bache auf einem gischtumrauschten

Blocke sitzt, singt fröhlich die Sonne an.

Auf einmal singt es lustig hier aus dem Wipfel, und da und dort, hüben

und drüben, nah und fern, laute und leise Locktöne erschallen, helle

und tiefe, spitze und runde, und von Fichte zu Fichte fliegen rote und

grünlichgelbe Vögel, hängen sich an die Äste, klettern an den Zweigen

umher, schlüpfen dahinter, tauchen wieder auf, machen sich an den

schimmernden Zapfen zu schaffen, zerklauben die größeren, kneifen die

kleineren ab, sind emsig beim Fressen, putzen dazwischen ihr Gefieder,

schnäbeln sich ein bißchen, zanken sich ein wenig und haben sich, als

wäre es Mai.

Kreuzschnäbel sind es, die seltsamen Vögel, die hier zwischen Eis und

Schnee ihre Brut aufziehen. Über hundert Paare haben sich die Wand hier

als Brutstätte gewählt. Unstet waren sie in kleineren Trupps seit dem

Frühsommer umhergestrichen, hatten bald oben in den Bergen, bald unten

im Lande gelebt, bis um die Weihnachtszeit ein Flug die reichtragenden

Fichten an dem sonnigen Abhange entdeckte und sich dort ansiedelte.

Andere Rotten, die vorüberstrichen, fanden sich dazu, und wenn es auch

anfangs ein großes Gezanke um die Weibchen und ein bitteres Gezerre um

die Neststände gab, mit der Zeit vertrug man sich hierum und darum.

Mein buntes Buch: Naturschilderungen · 第 7 / 8 段