Immer noch begleitet fertiger Torf, geringelt oder aufgemietet, den

Damm. Hinter dem allerletzten Hause, neben dem hohe Sonnenblumen

eine fremde Farbe in das Land bringen, hört er dann auf. Noch einige

Kleewiesen grünen, eine Roggenstoppel schimmert goldig, reifender

Buchweizen schiebt sich bis an den Weg, durchsetzt mit den hohen,

rosenroten Blütenrispen des Weidenröschens, und dann ist hier nichts

als Moorhalm und Moorhalm und Moorhalm, dichtstehend, als habe

Menschenhand ihn gesät.

Braune Lieschgrasfalter tanzen über den Weg, Trauermäntel spielen um

die Stämme der Birken, Libellen flirren dahin, Sandkäfer blitzen auf.

Stumm flattert ein bräunlicher Vogel von dem alten Wurzelknorren davon;

der Steinschmätzer ist es, silbern leuchtet sein Schwanzgrund. Über

dem alten Abstiche rüttelt der Turmfalk, auf eine Maus lauernd. In der

Ferne schaukelt eine helle Weihe langsam dahin.

Die braunen Moorhalme machen der rosenroten Heide Platz. Stärker wird

das Geläute der Bienen. Überall flattern winzige blaue und ab und zu

auch ein goldroter Falter. Rundherum geigen die Grillen, zirpen die

Moormännchen. Dann und wann flattert ein weißer Schmetterling dahin.

Der Schrei einer dahinstreichenden Krähe sticht hart ab von den vielen

kleinen, zu einer großen eintönigen Weise verbundenen Stimmen.

Zur Linken, wo der Handweiser steht, führt ein Querdamm. Hinter ihm

ist die ganze Fläche von einem einzigen, grellleuchtenden Rosenschein

erfüllt. So rot blüht die Heide nicht, und so hoch bollwerkt sie

nicht. Weidenröschen sind es, Millionen, die das Moor bedecken und in

Zauberfarben hüllen. Es sieht aus als wäre das Morgenrot auf den Boden

gefallen und dort liegengeblieben. Ein einziges himbeerrotes Blumenbeet

ist die weite Fläche.

Denn da war im vorigen Jahre der große Brand, der von Pfingsten bis in

den Winter hinein währte. Dreihundert Morgen Moor verkohlten bis auf

den Sandgrund. Alle Arbeit war vergebens; es währte weiter, brannte

noch unter dem ersten Schnee langsam fort. Die Menschen konnten nur

dafür sorgen, daß das Feuer den Damm nicht übersprang; dann wäre bei

der Trockenheit das gesamte Moor ausgebrannt, und aus wäre es gewesen

mit der blühenden Torfindustrie in der ganzen Gegend.

Endlich erstickten Regen, Schnee und Frost den Brand, der ein halbes

Jahr gewütet hatte. Auf die schwarze Torfkohle und die gelbe Asche

flogen, vom Winde getrieben, die wolligen Samen des Weidenröschens von

allen Seiten, klebten dort fest und warteten, bis es Frühling wurde.

Dann keimten sie und bedeckten den schwarzen, gelbgefleckten Brandplan

mit frischem Grün. Als es dann Sommer war, sprossen daraus lange

Rispen, ganz mit rosigen Knospen bedeckt. Die sprangen dann auf und da,

wo es im Jahre vorher rot flackerte und weiß qualmte und dann schwarz

starrte, blüht und glüht und leuchtet es nun von morgenrotfarbigen

Blumen.

Wunderschön sieht das aus, doch der Bauer, der uns begegnet, blickt mit

bösen Augen danach hin. Milliarden von weißflockigen Samenkörnchen wird

der Herbstwind über das Moor führen und da abladen, wo später Hafer

und Buchweizen wachsen soll; das wird ein schlimmes Dreschen werden,

wenn sich die Samenwolle in das Getriebe der Maschinen setzt und ihr

Staub die Lungen der Menschen erfüllt, daß sie vor Atemnot bei der

Arbeit umfallen. Schon hat hier und da eine Staude die roten Blumen

in weiße Flocken verwandelt, dort hinten sieht eine ganze Fläche aus,

als läge Schnee darauf, und bald wird das ganze weite, breite, rosige

Blumengefilde ein weißes Feld sein, und hinterher wird ringsherum das

Moor silbern schimmern von den verwehten Samenfederchen.

Noch aber blüht es in rosiger Pracht über der schwarzen, von

Algenanflug und Jungmoos seltsam und unheimlich gefärbten Fläche.

Gespenstig starrt dort ein hoher, verkohlter Baumstrunk in die Luft,

von dem der Raubwürger Umschau hält und mit klirrendem Warnruf

weiterstreicht, wie wir ihm uns nähern. Das aber, was da schwarz

und steif wie ein verbrannter Stamm das große rosige Blumenbeet

überschneidet, ist der Schäfer, der da, auf seinen Stab gelehnt, steht

und strickt. Neben ihm liegt sein gelber Hund und die Schnucken weiden

die junge Heide ab, die zwischen den verkohlten Stengeln ausgeschlagen

ist.

Schlimm hat das Feuer gewütet. Der Damm ist bestreut mit armdicken,

verkohlten Knüppeln, den Resten der in langer Arbeit hergestellten

Befestigung der Moorstraße. Daneben steht ein verkohlter Stuken

bei dem andern. Bis auf den Sand, auf dem der von dem Torfmoose

begrabene Wald stand, ist der Torf ausgebrannt, so daß die Sümpfe nach

jahrhundertelanger Verborgenheit wieder zutage traten. Drei Jahrzehnte

wird es dauern, ehe hier wieder abbaufähiger Torf gewachsen ist.

Der zarte grüne Anflug, der den schwarzen Grus und die gelbe Asche

überzieht, ist der Anfang dazu. In einigen Jahren werden hier zwischen

den Binsen und dem Wollgrase die hellen Torfmoospolster schwellen, nach

unten absterben, nach oben weiterwachsen, und langsam zu einem einzigen

großen, nassen Kissen zusammenquellen.

Hier in den alten Abstichen wächst der Torf schon wieder. In dem

einen schwimmen, von den goldgelben Lippenblüten des Wasserschlauchs

überragt, dichte Torfmoosballen. Der andere daneben ist ganz ausgefüllt

von den saftiggrünen Blättern und den breiten weißen Löffelblumen des

Schweineohrs. Was vermodert und zu Boden sinkt, wird erst Schlamm und

dann Torf, und darauf wächst das Torfmoos, bis es den Rand des Kolkes

erreicht hat, über ihn hinausquillt und immer höher wächst, die Binsen

und das Risch an seinen Ufern überwuchert und höher und weiter wächst,

und sich mit den benachbarten Torfmoospolstern vereinigt. Wo man jetzt

trockenen Fußes geht, da wird es dann feucht und unwegsam, und je höher

das Moor wächst, um so nasser und tiefer wird es werden. Da, wo jetzt

das goldrot in der Sonne leuchtende Reh durch die rosenroten Blumen

zieht, wird der Brachvogel stelzen und die Heerschnepfe brüten, und wo

sich jetzt in dem Brandgrus das Birkwild badet, wird die Ente einfallen

und im Mai wird dort, wo heute eine rote Rispe neben der anderen steht,

das Wollgras das Moor mit dichten weißen Flocken bedecken, daß es wie

überschneit aussieht.

Dann, nach Jahrzehnten, wird der Torf wieder reif sein, und die Bauern

werden ihn stechen, ringeln, in Mieten häufen und, wenn es dürr genug

ist, einfahren, wenn nicht, wie im letzten Sommer, wieder Feuer

auskommt und alles hier eine rote Glut unter dem Boden und ein weißer

Rauch über ihm ist, denn ein brennend fortgeworfenes Streichholz genügt

schon, um das trockene Gras zum Brennen und das Moor zum Glimmen zu

bringen. Unter dem Heidkraut glüht der Brand dann in aller Heimlichkeit

weiter, frißt und frißt und wächst und wächst, bis er so groß ist,

daß an kein Löschen mehr zu denken ist und dem Menschen nichts mehr

übrigbleibt als dafür zu sorgen, daß es nicht das meilenbreite Moor

verzehrt.

Die Strahlen der Abendsonne fallen auf das große Blumenbeet; herrlicher

als zuvor prangt es, und glüht und leuchtet und verschwimmt, als

wolle es sich von dem Boden losreißen, gen Himmel steigen und als

Abendröte mit den Wolken verschmelzen. Und dabei ist es ein rosenrotes

Leichentuch, das die Stätte bedeckt, wo die Birkhenne auf dem

Nest verbrannte und das Rehkitz in die unterirdische Glut fiel und

verkohlte, und um das herum die Bauern standen mit schwarzen, von

Schweiß mit Striemen durchzogenen Gesichtern und rußigen Händen, mit

bitteren Mienen in den Rauch starrten, aufseufzten und dann wieder

darangingen, dem Brande zu wehren, damit er nicht weiterfräße und über

das Jahr, soweit man sehen kann, alles ein einziges, wunderbares,

rosenrotes Leichentuch sei.

Der Quellbrink.

Oben auf dem Kopfe des Heidberges herrschen Magerkeit und Dürre.

Zwei alte, hohe, krummgewachsene Föhren stehen dort, ein halbes Dutzend

schiefer Birken und eine Menge spitzer oder krauser, alter und junger

Machandeln.

Wo nicht der gelbe, an buntem Geschiebe überreiche Sand zutage tritt,

bedeckt der Schafschwingel mit bläulichgrünen Borsten den Boden oder

andere büschelige Gräser, brechdürres silbergraues Renntiermoos und

sparsam blühendes, von den Schnucken niedriggehaltenes Heidkraut.

Selbst wenn es tagelang geregnet hat und der Wind streicht hinterher

nur einige Stunden über den Heidberg, sieht es da so dürr und so

trocken aus wie vordem. Doch die kräftigen Eichen, die beiden mächtigen

Buchen und die stattlichen Fichten, die den an der Flanke des Hügels

gelegenen alten Schafkoben beschützen, beweisen, daß der Berg nicht so

wasserarm ist, wie es den Anschein hat, und einige hundert Schritte

davon sieht es schon anders aus.

Da ist die Heide kniehoch und mit Doppheide gemischt, und zwischen den

runden Bülten zeigen sich kleinere und größere, nackte, schmierige

Flächen schwarzbraunen Moorbodens. Stellenweise macht die Heide

dem Wollgrase und dem Moorhalme Platz, ist immer mehr mit Torfmoos

durchflochten, wird immer nasser, bis sie schließlich hinter den hohen

Wacholdern, krummen Birken und krüppelhaften Föhren zu einem einzigen

großen Quellbrinke wird, auf dem es überall quillt und träufelt und

rieselt und fließt von dem klarsten Wasser.

Hier steht eine alte, windschiefe Eiche mit wunderlich gebogenem

Gezweige. Unter ihren seltsam gestalteten knorrigen, dicht mit den

Wedeln des Engelsüß bedeckten Tagwurzeln trieft und tröpfelt es

unablässig und bildet einen schmalen Wasserfaden, der sich hier mit

einem anderen vereinigt, der zwischen einem hohen, ulkig geformten

Machandel und einer putzigen, krummen Fichte hervorkommt, und der bei

der alten, dicken, wie eine riesige Harfe aussehenden Hängebirke zwei

andere aufnimmt und mit ihnen zusammen einen kleinen, tief in das

Torfmoos eingeschnittenen, vielfach gekrümmten Wasserlauf bildet, der

in einem Quellbecken mit schöngeschwungener Borde endigt.

So klein dieser Tümpel ist, so reizend ist er. An dem einen Ufer faßt

ihn hellgrünes, an dem anderen goldgelbes, blutrot gemustertes Torfmoos

ein. Seine Ränder sind ganz dicht mit den lichtgrünen spitzen Blättern

des Beinheils besäumt, das mit grünlichgelben, kupferrot angelaufenen

Fruchtrispen geschmückt ist. Die Einschnitte des Beckens, die von den

eindringenden Wasserfäden gebildet sind, füllen die purpurnen, silbern

glitzernden Blattbüschel des großen Sonnentaues aus. Auf dem weißen

Sande, der den Boden des Beckens bildet und in dem es an einigen

Stellen fortwährend quillt und wühlt, schlängeln sich wie große Würmer

die schwarzgrünen oder rostroten Ranken des Quellmooses.

In der Mitte des Quellkumpes hat sich aus dem Stumpfe einer alten

Eiche eine hohe, runde, aus blutrotem, am Rande goldgrünem und gelbem

Torfmoose gewachsene Insel gebildet, in deren Mitte ein hoher, spitzer

Fubusch wächst, dessen harte, dornige Blätter das Sonnenlicht in

silbernen Blitzen zurückgeben. Das Torfmooskissen unter ihm ist von der

Moosbeere durchflochten, aus deren zierlichem Laube die roten Beeren

hervorfunkeln. Hohe, bleiche Simsen mit silberigen Blüten heben sich

von dem starren Blattwerke des stolzen Strauches wirksam ab und ein

großer Fliegenpilz lodert davor, wie eine glühende Flamme.

Alte Machandeln umgeben im Kreise die Quelle, als hüteten sie ein

Geheimnis. Einige davon bestehen aus einem einzigen Stamme, der in

einem spitzen Wipfel oder in eine runde Krone ausläuft, andere sind aus

vielen, auf gespenstige Weise verreckten Stämmen gebildet, oder auf

putzige Art verbogen und in ulkiger Weise gestaltet. Zwischen ihnen

wuchert das Torfmoos in fußhohen, nassen Polstern, von der Doppheide

überragt, die dort, wo es trockener ist, der Sandheide Platz machen

muß, die sich hier zu drei Fuß hohen Sträuchern entwickelt hat, um

deren reiche Blütenfülle es von Bienen summt und brummt, zwischen denen

hier und da ein zierlicher blauer Falter flattert.

Aus der Quelle quält sich ein schmales Wässerchen unter dem Mooskissen

her, bekommt von allen Seiten Zulauf und bildet bald darauf wieder ein

Becken, in dessen Sandgrunde es heftig wogt und wirbelt und dessen

bleichgelbe und blutrot gesprenkelte Moosufer von zwei herrlichen

großen Königsfarnen beschattet werden, zwischen denen sich ein

putzwunderlich gewachsener Schneeballstrauch mit rot angelaufenen

Blättern und scharlachfarbigen Beeren hervorwindet, und unter ihm ein

Faulbaumbusch, ganz und gar mit schwarzen blanken Früchten behangen.

Vor dem Abflusse dieses Beckens wuchert die zierliche Krötenbinse

und bildet ein kleines, tief blutrotes Beet auf dem nassen Sande,

und mitten zwischen ihr sitzt ein knallgrüner Laubfrosch und meckert

lustig, während über dem Tümpel eine große, himmelblaue Wasserjungfer

auf und ab schießt und bei jeder Wendung mit den goldbraunen Flügeln

laut knistert.

Unter diesem Becken steigt der Boden an, so daß das Wasser seitabwärts

sich seinen Weg suchen muß. Nach der einen Seite müht es sich durch

ein verworrenes Machandeldickicht hin, um, sobald die Büsche ihm

Raum lassen, einen winzigen Teich mit steilen Mooswänden zu bilden,

der noch von vier Seiten Zufluß bekommt. Zwischen den beiden oberen

Rinnsalen liegt ein mächtiger Findelstein aus weißlichem Granit,

hinter dem sich ein alter, vielverästelter Rosenbusch hervorreckt,

der so dicht mit dicken scharlachroten Früchten bedeckt ist, daß das

Blattwerk dazwischen fast verschwindet, und unter dem Steine sprießen

die hellgrünen Wedel eines zierlichen Farns aus dem blutroten fußhohen

Moospolster hervor, auf dem ein grellgestreifter Moorfrosch hockt, der

ab und zu die rote Zunge nach einer Mücke oder Fliege vorschnellt,

blitzschnell sich dabei umdrehend. Da diese Quelle in der vollen

Sonne liegt, flirrt und flattert es von vielen goldenen und roten

Schillebolden über ihrem Spiegel, der rundherum unter dem Moose von den

schirmförmigen runden Blättern des Wassernabels umschlossen wird.

Der andere Wasserlauf, der aus dem oberen Becken hervortritt und sich

dann im tiefen Moose verläuft, hat einstmals auch einen offenen Pump

gebildet; da er aber ganz von Weidengebüsch umschlossen ist, so wuchs

einmal das Moos so üppig, daß es ihn bis auf ein tiefes Wasserloch

zudeckte, und dann siedelte sich das Schweineohr in ihm an und wucherte

so stark, daß es ihn ganz ausfüllte, so daß nichts mehr von ihm zu

sehen ist, sondern er gänzlich verschwunden ist unter dem hohen und

dichten Gewirre von dicken, fleischigen Stengeln, breiten, saftigen

Blättern und großen, weißen Blüten, von denen manche schon zu dicken

Fruchtkolben geworden sind, deren feuerrote Giftfarbe seltsam von dem

Untergrunde absticht. In diesem feuchten, kühlen Grunde lagert sich das

Birkwild gern, wenn es gar zu heiß ist, und äst sich an den Früchten

der Moosbeere, die die nassen Polster unter den Weidenbüschen dicht

berankt hat.

Rund um das Buschwerk ist der Boden mit fußhohem Moose, Wollgras und

Farnkraut bedeckt, und ist selbst im heißesten Sommer immer naß. Dann

hebt er sich zu einer dicht mit Machandeln bestockten, heidwüchsigen

Sandwelle, aus deren anderer Seite ein halbes Dutzend Wässerchen

herausquellen, die ein weites, offenes und tiefes Becken bilden, das

von der Höhe her noch drei Zuflüsse bekommt. Die Ufer dieses Pumpes

sind stellenweise recht steil und tief eingeschnitten. Auf den moosigen

Landzungen recken stolze Farnen ihre Wedeltrichter und in den oberen

Buchten wuchern Beinheil und Sonnentau, in den unteren ein hellgrünes

Laichkraut, das sich mühsam aus dem angespülten Sande hervorarbeiten

muß. Am Kopfe des Beckens steht eine junge, krumme, von einem alten

Gaisblattbusche halb erdrosselte Eiche, die eine Unmenge wachsgelb und

hellrot gemusterter Blumenbüschel trägt, zwischen denen die Beeren wie

Rubine funkeln. In dem Gewirre des Busches hat der Hänfling sein Nest,

der auf dem Gipfel des hohen, spitzen Machandels, der gegenüber der

Eiche auf der anderen Seite der Quelle steht, lustig schwatzt, aber nun

dem Raubwürger Platz machen muß, der von da aus auf eine Maus lauert.

Die Abflüsse dieses Beckens rinnen um drei schlanke Birken her, bilden

zwischen einem halben Hundert alter Machandeln ein kleines Moor, das

von der Sandheide rosenrot gefärbt und von den dürren Blüten der

Doppheide rostrot gesprenkelt ist, und treten dann wieder in allerlei

von Porstbüschen, Weiden und Brombeeren umwucherten und vom Torfmoose

halb erstickten Tümpeln heraus, deren Wässer sich unter der Erde

sammeln und bei einer vom Blitze der halben Krone beraubten kernfaulen

Eiche einen kleinen, drei Fuß tiefen Teich entstehen lassen, bei dem

sieben hohe spitze Machandeln Wache halten, und in dem ein krummer

Ebereschenbaum seine roten Früchte spiegelt. Der weiße Grund des

Pumpes ist in fortwährender Bewegung; bald hier, bald da öffnet er

sich und ein silberner Strudel quillt daraus hervor und bewegt die

langen, rosenroten Wasserwurzeln der Ellernstockausschläge, die die

Ufer umgeben, hin und her. Allerlei schöne Blumen blühen hier, blaue

Enzianen und Knaulen, gelber Weiderich und Hahnenfuß, weiße Dolden und

Spierstauden und hohe Sumpfdisteln, um deren rote Köpfe die Hummeln

brummen und weiße und rostrote Falter flattern, und auf die vielerlei

Fliegen, die hier surren, macht die schlanke Waldeidechse Jagd, die

sich auf dem Goldmoospolster an dem Fuße der Eiche sonnt.

Noch eine ganze Anzahl von quelligen Tümpeln, Wasserlöchern und Kuhlen

sind über den Quellbrink zerstreut, dem eigenartigsten Fleckchen

Land, das es hier weit und breit gibt, und das dem, der es oft

besucht, jedesmal neue Überraschungen bietet. Denn hier schlüpft die

Schlingnatter, lauert der Eisvogel, zwitschert die Wasserspitzmaus;

der Hase scharrt sich sein Lager unter dem Machandel und der Bock

birgt sich im Weidicht; gern pirscht der Fuchs hier, das Raubwiesel

stellt den jungen Wiesenpiepern und die Otter den Mäusen nach, Sperber,

Habicht, Lerchenfalk suchen hier nach Raub, auch die Kornweihe und die

Eule, und wenn nachts das Rotwild aus dem Forst tritt und zu Felde

zieht, tränkt es sich gern an den klaren Quellen, und in aller Frühe

schleicht der Waldstorch dort umher, der heimliche Vogel aus der wilden

Wohld da hinter dem Bruche.

Immer ist es schön hier und reich an allerlei Leben, sowohl im

Vorfrühling, wenn der Porst aufbricht und die Moormännchen zirpen,

späterhin, wenn das Wollgras weiße Wimpelchen wehen läßt und die

Heidlerche singt, zur Heuezeit, wenn die Doppheide anfängt zu blühen

und das Beinheil mit goldenen, rotgezierten Sternchen bedeckt ist,

die betäubend nach Honig riechen, im Erntemond, wenn die Immen um

die blühenden Heidbüsche summen, und noch später, wenn die Birken

wie goldene Springbrunnen im Winde wallen und die Krammetsvögel

scharenweise auf den Machandelbüschen einfallen.

Sogar wintertags, wenn der Schnee auf der Heide liegt und Rauhreif die

Bäume und Sträucher eingesponnen hat, lohnt es sich, den Quellbrink zu

besuchen, dessen viele Wässerchen auch um diese Zeit nicht erstarren,

sondern zwischen Eis und Schnee aus dem Boden quellen und sich sammeln

und schließlich zu dem Bächlein werden, daß sich dort unten durch die

Wiesen hinschlängelt.

Die Durchfahrt.

An drei Stellen wird das Flüßchen, das durch das Wiesenland zwischen

dem Dorfe und dem Forste hinflutet, von Fahrwegen geschnitten, auf

denen die Bauern das Heu von den Wiesen, das Holz aus dem Walde und den

Torf von dem Moore abfahren.

Die beiden ersten Straßen gehen mit Brücken über das Wasser. Die

dritte, die am weitesten von dem Dorfe entfernt ist und nicht so viel

benutzt wird wie die beiden anderen, hat keine Brücke, sondern nur

eine Durchfahrt. Damit die Fußgänger sich nicht nasse Füße zu holen

brauchen, ist unterhalb der Strömung zu beiden Seiten das Ufer hoch

aufgeschüttet und zwischen vier starken Pfählen eine lange, dicke

Eichenbohle befestigt, die an der einen Seite mit einem einfachen

Geländer versehen ist. Drei dicke Pfähle, einer immer einen halben

Fuß höher als der andere, die dort eingerammt sind, wo der schmale

Fußsteig sich aus dem Rasen den Anwurf hinaufwindet, bilden eine

kunstlose Treppe. Auf der einen Seite des Steges hat sich Weidengebüsch

angesiedelt, auf der anderen erhebt sich eine vom Winde zerzauste Eiche

über dem Ellernstockausschlag zu ihren Füßen.

Obgleich sowohl das Brückchen als auch der Baum und die Büsche an und

für sich in keiner Weise bedeutend sind, fallen sie in dem weiten,

flachen Wiesengelände doch sehr auf und wirken viel größer, als sie in

Wirklichkeit sind, zumal der Bach an dieser Stelle viermal so breit als

in seinem übrigen Laufe ist und in regnerischen Zeiten beiderseits weit

in den Weg hineinreicht. Da zudem in und bei dem Buschwerk die Blumen

und das Schilf vor der Sense geschützt sind, der Mist der Pferde und

Kühe, die hier die Wagen durchziehen, allerlei kleines Getier anlockt,

auch die Fischbrut sich an den seichten Stellen sonnt und die Strömung

totes und lebendiges Gewürm und auch wohl abgestandene Fische und

verendete Mäuse anspült, so geht es bei der Durchfahrt immer lebhaft zu.

Abends, wenn die letzten Wagen durchgefahren sind, steht der Reiher

gern vor dem Stege und lauert auf Fische. Späterhin streicht der

Waldkauz vorbei und sieht zu, ob er nicht einen Häsling oder einen

anderen Fisch greifen kann, der sich zu nahe an die Oberfläche wagt.

Allnächtlich fallen die Wildenten dort ein und suchen Gewürm, und der

Uferläufer kommt mit lautem Getriller angeschwebt, trippelt an dem

Rande des Wassers umher und fischt nach den winzigen Krebstierchen,

die in ganzen Wolken in dem Seichtwasser auftauchen, bis ein leises

Plantschen ihn davontreibt, das von dem Otter herrührt, der auf der

Jagd dort auftaucht und eine Weile auf dem Sande ausruht, ehe er wieder

in den Bach gleitet.

Ist es dann Tag geworden, so kommen die Gabelweihen, die hinten

im Walde horsten, angeschaukelt, denn sie finden ab und zu einen

abgestandenen Fisch hier, und bevor die ersten Wagen erscheinen, fußt

der Bussard auf dem Tritte und lauert auf die Wühlmäuse, die am Ufer

hin und her huschen. Tag für Tag saust der Sperber um die Büsche

herum, um zu versuchen, ob es ihm nicht gelingt, eine Bachstelze,

einen Schmätzer oder einen Ammer zu fangen; meistens muß er aber leer

abziehen, weil die Schwalben, die über der Furt ganz besonders gern

jagen, ihn früh genug melden und mit schrillem Geschrei von dannen

treiben. Genau so machen sie es mit dem Lerchenfalken, der sich

ebenfalls ab und zu hier sehen läßt. Rüttelt aber der Turmfalke, der

großen, grünen Heuschrecken wegen, die in dem Gesträuche zirpen, dort,

so bleibt er unbelästigt von den wachsamen Vögeln, denn sie wissen, er

tut ihnen nichts.

Am meisten machen sich die Krähen bei der Durchfahrt zu schaffen.

Entweder gehen sie in der Wiese umher und fangen Grashüpfer und Käfer,

oder sie waten in das niedrige Wasser hinein und sehen zu, was es dort

für ihre Schnäbel gibt, oder sitzen eine neben der anderen auf dem

Geländer, glätten ihr Gefieder und geben scharf acht, ob sich nicht

etwas Verdächtiges nähert. Kommt ein Bauer an, oder ein Gespann, so

fliegen sie stumm ein Endchen weiter und kehren bald zurück. Läßt sich

aber der Förster sehen, so erheben sie einen gewaltigen Lärm, streichen

zum Waldrande, fußen dort auf den Bäumen und warten, bis der Grünrock

verschwunden ist. Läßt es sich der Habicht einmal einfallen, bei der

Furt zu jagen, so fallen sie mit gellendem Geplärre über ihn her und

treiben ihn von dannen. Um den Bussard und um die Kornweihe, die hier

jeden Tag vorbeigaukelt, kümmern sie sich aber kein bißchen.

Mein buntes Buch: Naturschilderungen · 第 6 / 8 段