Ein Drittel des Teiches ist von Schilf, Kalmus, Schwertlilie, Rohr und

Pumpkeule erfüllt, die ein undurchdringliches Dickicht bilden. Vor

ihnen bedecken Mummeln und Nixenblumen den Wasserspiegel, desgleichen

Laichkraut, Schwimmknöterich und Froschbiß. An einer Stelle erheben

sich in Menge die harten, zackigen Blätterbündel der Krebsschere,

dunkel gegen den lichten Teppich von Wasserlinsen abstechend.

Allerlei Vogelvolk, das dort reichliche Nahrung findet, bewohnt

das Röhricht. Jahr für Jahr bringt ein Stockentenpaar seine Jungen

hier aus. Auch die Wasserralle brütet hier, dann noch je ein paar

Teichhühner und Zwergtaucher. Ein Rohrammerpaar lebt dort ebenfalls,

und vier Arten von den kleinen Rohrsängern, darunter der sonderbare

Schwirrl, der wie eine Heuschrecke schwirrt, und ein Pärchen des

Drosselrohrsängers, der mit hartem, scharfem, herrischem Rufe alle

anderen Stimmen übertönt, sogar das gellende Gemecker der Laubfrösche

und das breite Geplärr der Wasserfrösche.

Wenn es Abend wird und die Unken anfangen zu läuten, dann erschallt

aus dem Geröhr ein ganz seltsamer Ton. Er ist nicht leise und ist auch

nicht laut, und wenn es eben scheint, er käme aus dem Wasser, so klingt

es gleich darauf, als ob er aus der Luft ertöne. Ein ganz tiefer,

dunkler, unirdischer Laut ist es, unheimlich zugleich und gemütlich

dabei, drohend und zärtlich gleicherweise, ein verhaltenes, gedämpftes,

halblautes »Uh«, das in streng abgemessenen Pausen hörbar ist.

Von den Pappeln meldet das Käuzchen den Abend an; im Weidicht singt

das Blaukehlchen; lauter kiksen die Teichhühner, stärker plärren

die Frösche und im Röhricht schnattern und pantschen die Enten. Da

ratschelt es im Schilfe, ein sonderbarer Vogel stiehlt sich hervor

und schleicht am Rande des Röhrichts schnell und sicher über die

Seerosenblätter. Ganz schmal und glatt ist er, und tief gebückt hält er

sich. Ab und zu schnellt sich der Hals lang aus den Schultern heraus,

und der lange, scharfe, spitze Schnabel schnappt irgend eine Beute aus

der Luft oder aus dem Wasser.

Der dumpfe Ton in der Mitte des Dickichts kommt näher und wiederholt

sich häufiger. Es rispelt und krispelt in den harten Halmen, und

plötzlich schwebt ein Vogel, dem gleichend, der jetzt in dem Schilfe

verschwindet, herbei, und taucht ebenfalls dort unter, wo der andere

sich verkroch. Dann gibt es ein lautes Rauschen und Rascheln, wilder,

öfter ertönt das dunkle »Uh, uh, uh« und jetzt zickzacken die beiden

Zwergrohrdommeln über den Teich hin, vorne die Henne, dahinter der

Hahn. Mit lautlosem eulenhaftem Fluge schweben sie dahin, jetzt

geradeaus und langsam, nun nach rechts und links sich wendend und

hastiger rudernd, und dann verschwinden sie mit Geraschel in den

Pumpkeulen, um drüben wieder zum Vorschein zu kommen und bald über dem

Teiche, bald über der Wiese ihr geisterhaftes Gaukelspiel fortzusetzen,

bis sie dessen müde sind und der Hunger sie antreibt, sich mit allerlei

Larven, Pferdeegeln, Schnecken und Kaulquappen die Kröpfe zu füllen,

und dann, faul und müde, angeklammert an einem Rohrhalm, zu schlafen.

Da hocken sie zwischen den gelben Blättern und sind in ihrer fahlen

Farbe fast unsichtbar. Weckt sie ein verdächtiges Geräusch, so machen

sie sich ganz lang und dünn und richten die Schnäbel steif in die

Höhe, und erst, wenn bei der Suche auf Jungenten der Hund ihnen ganz

nahe kommt, schlüpfen sie von Stengel zu Stengel und verbergen sich

im dichtesten Röhricht, und es muß schon sehr schlimm kommen, lassen

sie sich zum Auffliegen bewegen. Denn als reiner Nachtvogel scheut

der Zwergreiher den Flug bei Tage. So spielt sich sein Leben in aller

Heimlichkeit ab, und nicht oft kommt es vor, daß der Jäger ihn zu

Gesicht bekommt und, verblüfft über den ihm unbekannten Vogel, ihn

erlegt und dann nicht weiß, was er aus dem winzigen Reiherchen mit dem

Eulengefieder machen soll. Steht er gar an dem Teiche auf streichende

Enten an und vernimmt den dumpfen Ruf der Zwergdommel, so sieht er sich

die Augen nach dem Tiere aus, das sich so sonderbar verkündet, ohne

sich blicken zu lassen, rät auf dieses und das und bleibt so klug, wie

zuvor.

Weil der Teich so weit entlegen ist, so kommt der Jäger selten zu

ihm, und die Dommelchen fühlen sich so sicher, daß sie schon am

Spätnachmittage fischen gehen, zumal wenn sie Junge haben. Da, wo

das Röhricht am allerdichtesten ist, steht das wirre, unordentliche

Nest auf einer breiten, hohen Riedgrasbülte, gegen den Himmel durch

darüber geknickte Stengel gut vor den scharfen Blicken der Rohrweihe

verborgen, die fast jeden Tag vorübergaukelt. Merkwürdige Geschöpfe

sind die jungen Dommelchen, halb wie Igel, halb wie junge Krokodile

aussehend mit den stacheligen Speilen und dem breiten, kurzen

Schnabel. Immer haben sie Hunger, fortwährend gieren sie, und die

Alten können gar nicht genug Pferdeegel, Kaulquappen, Jungfrösche,

Wasserjungferlarven, Schnecken und Gewürm herbeischaffen und ihnen

in die Kröpfe hineinwürgen. Das reichliche Futter setzt aber auch

gut an. Die Kleinen bekommen jeden Tag dickere Bäuche und längere

Schnäbel, die schimmelartigen Daunen fallen aus, die Speile platzen

und lassen die Federn hervorbrechen, und bald verlassen die Jungen das

Nest und klettern den Eltern entgegen, wenn die mit vollen Kröpfen

herangeschlüpft kommen.

Schließlich naht der Abend heran, an dem die junge Brut sich darauf

besinnt, daß sie nicht nur Zehen zum Klettern, sondern auch Schwingen

zum Fliegen haben, und es beginnt erst ein unbeholfenes Geflatter und

Getaumel, bis von Nacht zu Nacht der Flug der Jungen sicherer und

länger wird und sie es den Alten gleichtun. Dann aber verlassen sie

alle den Teich und ziehen erst zusammen unstet von einem Röhricht zum

anderen, um sich schließlich zu teilen und jeder für sich erst langsam,

dann eiliger, Nacht für Nacht dem Süden zuzurücken, um dort, entweder

in den Schilfbrüchen Südeuropas, oder gar in den Sümpfen Afrikas, den

Winter zu verbringen.

Im Frühling aber treibt es sie wieder zurück und aus dem Rohrdickichte

des Feldteiches ertönt dann auf das neue ihr dumpfer Ruf, den keiner

kennt und den niemand zu deuten weiß.

Der Bergwald.

Zwei Gesichter hat der Berg. Ernst ist sein Südabhang. Kein Ort

unterbricht die grüne Gleichförmigkeit seines steilen Hanges. So

unnahbar sieht er aus, daß keine der bunten Ortschaften im Auetale es

wagte, sich ihm zu nähern: sein ernstes Gesicht jagte sie nach den

Weserbergen hin.

Ein ganz anderes Antlitz hat der Berg nach Norden hin; da ist nichts

von Unnahbarkeit, von abweisender Schroffheit zu spüren. In langsamen

Absätzen steigt er zu Tal und so kletterten die Ansiedlungen hoch an

ihm empor, trieben ihre Häuser, Äcker und Felder in seinen Wald und

brachten viele Farben in seine grüne Gleichförmigkeit, rote Dächer und

weiße Rauchwolken, aus kühn emporstrebenden Schloten hervorquellend,

einer regen Industrie fröhliche Banner.

Außer diesen beiden großen Gegensätzen zeigt der Berg aber noch viele

anderer Art. Hier, wo die düstere Fichte herrscht, ähnelt er dem

Oberharze; nebenan, wo die Buche das große Wort führt, gleicht er den

Weserbergen, und weiterhin, da wo Buche und Eiche sich mengen und ein

Bach rieselt, erinnert er an die Bergwälder Thüringens. Dann aber

wieder tritt die Kiefer auf heidwüchsigen Flächen auf, und wer die

Beschaffenheit des Bodens nicht beachtet und die Steine übersieht,

der könnte meinen, er sei in einem der hochgelegenen Geestwälder der

Lüneburger Heide, vorzüglich im Vorherbste, wenn der Honigbaum blüht.

Aber auch um die jetzige Zeit kann man sich dort in die Heide träumen,

weil gerade so wie dort das düstere Gezweig der Kiefern goldene

Schossen treibt und über den heidwüchsigen Rodungen die Birke ihr

grünes Blättergeflatter bewegt, während rundumher der Baumpieper

schmettert, im Dickicht Haubenmeisen zwitschern und kollern, der

Laubvogel sein wehmütiges Lied flötet und von der blauen Höhe eine

Heidlerche süß singt. Ganz so wie in der fernen Heide blitzen goldgrüne

Käfer über die sonnigen Schneisen, tanzen die krausen Schatten der

Kiefern auf der weißen Fahrstraße, schweben düstere Falter über das

spitze Gras.

Der Eindruck bleibt auch noch im raumen Stangenorte, dessen Boden bunt

ist von den hellgrünen Bickbeerensträuchern und dem rostroten Dürrlaube

des Adlerfarns. In allen Kronen piepsen unsichtbare Goldhähnchen,

überall leuchten die roten Mordwespen, der Wind erfüllt den Wald mit

dem behäbigen Gebrumme, wie es nur die Kiefer kann, und die Sonne

entlockt ihm den eigenen Duft von Kien und Juchten, den nur der

Heidwald ausströmt.

Dann, auf einmal, ist etwas da, was nicht in den Heidwald gehört.

Ein großer, rostroter Falter fegt mit wildem Zickzackfluge über

das leuchtende Bickbeergrün, hastet zwischen den rotschimmernden

Stämmen hindurch, saust über das schattige Gestell, taumelt an den

Birken vorbei und verschwindet dort, wo das lachende Laub einer Buche

auftaucht. Denn das ist sein, des Hammerschmieds, Baum; mit den Kiefern

und Birken will der seltsame Schmetterling nichts zu tun haben, der auf

den Flügeln in blauen Feldern vier weiße Halbkreuze trägt. Die Buche

ist sein Baum und wo sie herrscht, da ist seine Heimat. Ihr strebt er

zu.

Jäh bricht der Kiefernwald ab und macht dem Buchenwalde Platz. Hier

und da hat sich noch eine Kiefer vorgewagt, einige Birken ringen sich

zum Lichte, eine Eiche schafft sich mit rücksichtslosen Ästen Raum,

aber weiterhin herrscht der grüne Schatten, den nur die Buche gibt,

der keiner Blume, es sei denn, daß sie sich von Moder nährt, das Leben

gönnt, der alles grüne Leben am Boden in muffigem Fallaube erstickt.

Verschwunden sind die frohen Käfer und die lustigen Schmetterlinge,

verhallt sind des Piepers und der Goldhähnchen Lieder; eines einzelnen

Finken Schlag klingt verloren in der Stille und ein Häherruf

unterbricht auf einen Augenblick das schwere Schweigen.

Hart neben dem Buchenwalde erhebt sich wie eine schwarze Mauer das

Fichtenaltholz, kalt und tot wie ein Gefängnis. Lautlos treten die Füße

über die weichen, braunen Matten des Bodens. Hier und da ist ein heller

Fleck, als fiele aus einem Dachfenster ein karges Licht, und läßt ein

Büschlein Schattengrases, einen Bickbeerenhorst, eines Farnes frohes

Blattwerk weithin wirken. Oder es fällt von obenher ein Vogelruf in

das kalte Schweigen oder ein langer blauer Sonnenstrahl überschneidet

schräg die düsteren Stämme, bemalt sie mit Gold, macht aus dem toten

Zweigwerk ein silbernes Netz und aus dem Bock, der langsam dahinzieht,

ein fabelhaftes Wesen von lodernder Glut.

Dort aber, wo das Bächlein sich abhastet, um aus dem Bergwalddunkel in

das lachende Land zu kommen, springen die Hainbuchen hinzu und stellen

sich rechts und links daneben, damit es sich vor den ernsten Fichten

nicht allzusehr grusele. Sie spreizen ihre Zweige weit von sich, damit

der Mönch und Zaunkönig etwas Sonne haschen können und nicht ganz ihre

kecken Lieder verlernen, und auf daß dort auch allerlei gutes Kraut

wachsen könne, damit Has und Reh bei Tage Äsung finden.

Hinter dem Bache, wo die Talwand steil emporstrebt, ist ein wilder

Kampf zwischen allen Bäumen, die es im Berge gibt. Da zanken sich Buche

und Kiefer um den besten Platz, und während sie streiten, schleicht

sich die Birke zwischen sie, und auch die Lärche findet sich ein, bis

dann wieder die Eiche hinzutritt und die anderen beiseite schiebt. Und

während sich die großen Herren balgen, hat es das kleine Volk gut,

und so sprießt Pfeifengras und Adlerfarn, Bickbeere und Eberesche,

Heidecker und Siebenstern, weil die uneinigen Bäume ihnen nicht, wie im

geschlossenen Bestande, alles Licht und jedes bißchen Luft wegnehmen.

Darum gefällt es der Amsel dort auch so ausnehmend und der Graudrossel

nicht minder, Mönch und Zaunkönig und Fink sagt es dort ganz besonders

zu und die drei Vettern, der schwirrende Laubvogel des Buchenwaldes,

der Weidenlaubvogel aus dem Birkengebüsch und des Kiefernwaldes

Fitis finden sich hier zusammen und veranstalten einen ergötzlichen

Gesangswettstreit; aber die Finken übertönen sie, des Rotkehlchens

silberhelles Lied kommt auch noch voll zur Geltung, von der Blöße her

mischt sich die Braunelle ein, der Pieper macht sich kräftig bemerkbar

und das Geplauder des Grauhänflings bringt neues Leben hinzu.

Oben auf der Rodung ist eine andere Welt. Die Sonne liegt auf der

weiten, ringsum von dunklen Fichten eingefaßten Blöße und es ist still

und verlassen dort. Aus himmelhoher Luft kommt eines Seglers spitziger

Ruf, irgendwo lockt traurig ein Vogel, ein weißer Schmetterling

flattert, wie verängstet, über die Ödnis, und der grüne Buchenhorst

sieht aus, als hätte sich Bäumchen an Bäumchen gedrückt, aus Furcht

vor der Einsamkeit, die von allen Seiten auf sie eindringt. Unheimlich

klingt vom fernen Tann des Taubers dumpfer Ruf.

Doch hinter der blanken Blöße, wo ein Hohlweg den Boden zerschneidet,

an dessen Abhängen Farne winken, Silberweiden schimmern und der

Bergholder mit lichten Dolden prahlt, oder dort, wo ein Eichenhain mit

lustiggrünenden Ästen sich lichtet, und hier, wo die Buchen so weit

stehen, daß die Sonne über den Boden Macht hat, oder dort, wo der alte

Steinbruch gähnt, und weiterhin, wo fleißige Hände im neuen Bruche

schaffen und unfern davon der Wald vor dem Abhange zurückprallt und von

grasiger, hellgeblümter Halde der Blick hinunter in das Tal und hinüber

zu den Bergketten reicht, da ist trotz aller Bergwaldheimlichkeit

Leben, und trotz des Lebens Waldheimlichkeit.

Wenn auch Maschinenwerk knarrt und klappert oder froher Wanderer

Stimmen von der Wirtschaft herschallen, ein Viertelstündchen weiter

ist wieder die Einsamkeit zu finden mit Wipfelrauschen, Bussardruf

und Vogellied, wo nur die reihenweise Gliederung des Waldes, die

Wegeführung und die Wagenspur von Menschen und Menschenwerk reden und

den Wanderer nicht zu jenem bedrückenden Gefühle der Verlassenheit

kommen lassen, das ihn beschleicht, schweift er im pfadlosen Moore oder

in der ungeteilten Heide. Er weiß, daß der Weg ihn zu Menschen bringt,

ihn zum Abhange des Berges führt, dorthin, wo sich Ort an Ort reiht, an

den Südhang oder dahin, wo tief im Tale der Aue die Straße von Dorf zu

Dorf geht.

Und so wird der Berg jedem gerecht, der ihn aufsucht. Der menschenmüde

Waldfahrer kann stundenlang schweifen ohne gestört zu werden, und der

frohe Wanderer kann sich des stillen Waldes freuen, während vom Hange

her rote Dächer ihn grüßen und vom Tale aus der Pfiff der Dampfpfeife

und das Rollen der Räder ihm meldet, daß ein kurzer Weg ihm wieder

Gesellschaft bringe.

Der Eisenbahndamm.

Als häßlicher gelber Wall zog sich anfangs der neue Bahndamm durch das

Wiesenland vor der Stadt. Es dauerte aber gar nicht lange, so begrünte

er sich, und als der Frühling kam, sah er längst nicht mehr so kahl und

so nackt aus.

Der Boden, aus dem er aufgebaut war, und der teils aus den großen

Ausschachtungen neben ihm gewonnen, teils von weither angefahren

war, enthielt eine Unmenge von Samenkörnern, auch Wurzelstöcke und

Knollen, und die keimten oder trieben aus. Die Vögel, die gern auf

den Leitungsdrähten sitzen, bringen in ihrem Kote allerlei unverdaute

Sämereien dahin, und aus den mit Getreide, Wolle, Häuten und Kohlen

beladenen Güterwagen fiel manches Körnlein heraus, wie denn auch der

Wind allerlei leichtes Gesäme antrieb.

Kaum ist der März in das Land gekommen, so überziehen sich die kahlen

Stellen mit den zierlichen Blütchen des winzigen Hungerblümchens

und des Zwergsteinbrechs, das Marienblümchen erhebt seine weißen,

der Huflattich seine gelben Sterne. Schießt das Gras höher, ist der

Huflattich greis geworden, so strahlen überall die goldenen Sonnen des

Löwenzahnes, und Taubnesseln mit roten und weißen Blütenquirlen bilden

weithin sichtbare bunte Flecken an den Abhängen. Darüber hinaus ragt

der Hahnenfuß, an den Abflüssen wuchert das Schaumkraut und neben ihm

später auch hellrote Kuckucksnelke, bräunlicher Ampfer, blauer Beinwell

sowie massenhaft die Wucherblume, ganz und gar mit großen weißen

Strahlblumen bedeckt.

Ist eine Blumenart abgeblüht, so tritt eine andere an ihre Stelle,

um den Bahndamm zu schmücken, bis er im Sommer wie ein künstlich

angelegtes Blumenbeet aussieht. Labkräuter verhüllen ganze Flächen

mit weißen und gelben Blütenschleiern, die Hauhechel schmückt sich

rosenrot, bis zur Manneshöhe reckt sich weißer und gelber Steinklee,

die wilde Reseda bildet ganze Bestände, blau schimmert der rauhe

Natterwurz, und die stolze Nachtkerze, eine echte Eisenbahnpflanze,

die aus Amerika kam, wie der unscheinbare, aber in Unzahl auftretende

Kuhschwanz, sucht mit ihren großen, hellgelben Blumen die heimische

Königskerze um ihr Ansehen zu bringen.

Dann sind Stellen da, ganz rosenrot von Weidenröschen, blau von

Kornblumen und Rittersporn, feuerrot von Feldmohn, weiß von

Hundskamille und strahlend gelb von Färberkamille. Rote Flockblumen

und weiße Schafgarben bringen wieder andere Töne in die Farbenpracht,

die Rasen des blühenden Quendels oder die goldgelb besternten Polster

der Fetthenne. Darüber nicken hohe Gräser, erheben stolze Disteln ihre

purpurnen Köpfe, reckt protzig der Rainfarn seine flammenden Dolden

und der Riesenampfer seine mächtigen braunen Rispen über all dem

unscheinbaren Gekräut und Graswerk, das den Boden überzieht: Melde und

Knöterich, Gundermann und Hirtentäschel, Schachtelhalm und Wegerich

und allerlei Kleearten, wilden und zahmen, und den Moosrosen, die alle

feuchten Stellen überziehen.

Die vielerlei Pflanzen bieten allerlei kleinem Getier Nahrung und

Obdach. Es krimmelt und wimmelt am Boden von Käfern, Ameisen, Spinnen,

Heuhüpfern und Wanzen; es summt und brummt von Fliegen, Bienen, Wespen

und Hummeln um die bunten Blumen. Und es flittert und flattert von

Füchsen, Pfauenaugen, Schwalbenschwänzen, Weißlingen, und dazwischen

huschen blitzschnell die glühäugigen, mit prachtvollen Metallflecken

geschmückten Eulenfalter umher, oder ein Karpfenrögelchen saust

reißenden Fluges dahin. Wenn aber ein Zug über die Geleise donnert,

flattern Tausende von kleinen, bleichen Motten aus dem Grase heraus,

werden von dem Luftzuge mitgerissen und hin und her gewirbelt und

fallen schließlich wieder in das Gekräut zurück, wo Raubkäfer und

Laufspinnen über sie herfallen oder einer der Vögel sie aufschnappt,

die sich dort aufhalten.

Nicht wenige Vögel sind es, die dort ständig wohnen, denn da der

Bahndamm mit einer Hecke und einem Drahtgitter umsäumt ist, so haben

sie Ruhe vor den Menschen. Der erste Vogel, der sich ansiedelte, als

Schwellen und Schienen lagen, die Blockstellen gebaut waren und die

Arbeiter abzogen, war die Haubenlerche. Erst war es ein Pärchen; jetzt

sind es viele, die sich die Strecke geteilt haben. Ehe die Bahn gebaut

wurde, kam die Haubenlerche in dem Wiesenlande nur da vor, wo die

Landstraße es berührte. Sie will trockenen, festen Boden haben, und so

kam ihr die Bahnanlage wie gewünscht. Sie lebt fast nur auf dem Damm.

Den ganzen Tag rennt sie zwischen den Geleisen umher und sucht nach

Körnern und Gewürm. Ihr Nest hat sie in die Lücke unter einer Schwelle

zwischen struppige Meldebüsche gebaut, und sie bleibt ruhig auf den

Eiern sitzen, wenn ein Zug über ihr hinwegrattert. Selbst im Winter

bleibt sie dem Bahndamm treu.

Das tut der Rotschwanz nicht, obgleich er sich ganz an die Bahn gewöhnt

hat, dieser Klippenvogel aus dem Süden. Er hat sein Nest in der oberen

Blockstelle über dem Ausguck des Wärters, der gut Freund mit ihm ist

und an regnerischen Tagen, wenn die Fliegen sich verkriechen, die Bäume

in dem Gärtchen schüttelt, um den Rotschwänzen das Leben leichter zu

machen. Sofort sind die Vögelchen da, umflattern, ohne sich vor dem

Manne zu scheuen, die Zweige und haschen die Kerfe, die herausfliegen.

Auf der untern Blockstelle hat ein weißes Bachstelzenpaar Wohnung

gefunden, das sich mit dem Wärter ebensogut steht und ruhig seine

Jungen füttert, wenn er am Fenster steht und sein Gesicht dicht bei dem

Neste hat. Ab und zu kommen die Rotschwänze oder die Bachstelzen, die

weiter an der Strecke brüten, zu Besuch, und dann gibt es ein heftiges

Gekrätsche und wildes Gejage, bis die Eindringlinge abziehen, denn

jedes Paar duldet keinen seiner Art in seinem Gebiete.

Wenn aber die gelbe Kuhstelze, die unten an dem Damme brütet und meist

auf der Wiese lebt, sich auf dem Geleise zeigt, so kümmern sich die

Bachstelzen um sie ebensowenig wie um die Goldammer, die ihr Nest

unter dem Brombeerbusche hat und sich auch auf das Geleise traut und

nach Körnchen sucht. Auch die Dorngrasmücke und der Hänfling, die

in der Hecke wohnen, bleiben unbehelligt, desgleichen der Grünfink

und die Grauammer, die irgendwo in der Nähe ihre Nester haben und

sich gern auf den Leitungsdrähten niederlassen. Hier ruhen sich mit

Vorliebe auch Spatzen, Schwalben und Stare aus und häufig auch der

schmucke Steinschmätzer. Auch der ist erst hier eingezogen, als

die Bahn angelegt wurde, denn so sehr sein Vetter, der niedliche

Wiesenschmätzer, die Wiese liebt, so zieht er den kahlen Boden vor.

Während sein Weibchen in der Steinritze über der Landstraßenüberführung

auf den Eiern sitzt, rennt er hurtig und viel knicksend über die

Schwellen, und wenn er recht guter Laune ist, steigt er seltsam

flatternd in die Luft und schwatzt im Fliegen auf sonderbare Art.

Wenn von all den bunten Blüten am Bahndamme nur noch einzelne

Flockblumen und der Rainfarn blühen, wenn die Schwalben sich auf den

Leitungsdrähten zur Reise sammeln, dann zieht der Steinschmätzer

fort, die Bachstelze folgt ihm und schließlich verschwindet auch der

Rotschwanz, und von all den Vögeln, die in der schönen Zeit auf dem

Bahndamme lebten, bleibt nur die Haubenlerche zurück, trippelt zwischen

den Geleisen umher und ruft ab und zu wehmütig. Aber Tag für Tag kommen

Scharen von Ammern, Hänflingen, Grünfinken, Stieglitzen und Spatzen

angeschwirrt und lassen sich dort nieder, denn den ganzen Winter über

bieten ihnen der Damm und seine Abhänge reiche Nahrung durch die

Samen der Unkräuter und die vielen Körner, die aus den Güterwagen

herausfallen, und die Abfälle, die die Reisenden aus den Fenstern

werfen.

Und wenn eine dicke Schneedecke die Felder und Wiesen verhüllt, so

fristet der Bahndamm manchem Vögelchen, das sonst Not leiden würde, das

Leben und hilft ihm über die schwere Zeit hinfort.

Das Brandmoor.

Hohe alte Birken begleiten die feste Straße, die durch das Dorf führt;

ihre dünnen, lang herabhängenden Zweige pendeln im lauen Winde langsam

hin und her.

Nördlich des Doppeldorfes endet die feste Straße, hören die alten

Birken auf. Der Knüppeldamm beginnt; jüngere Birken mit krausen Kronen

besäumen ihn. Die Torfschuppen, die Häuser, die Gemüsegärten, die

Kleewiesen bleiben zurück; das Moor allein herrscht noch. Weit und

breit liegt es da, zur linken Hand von Wald begrenzt, rechter Hand von

der hohen Geest umschlossen.

Gewaltige Torfmieten, hier von hellbraunem Neutorf, dort von dunklem

Alttorf gebildet, erheben sich rechts und links von dem mit graubraunem

Staub bedeckten Damm, den ein schmaler Strich blühenden Heidkrauts

einfaßt. Hier und da starren Haufen von ausgegrabenem Wurzelwerk, Reste

eines alten Waldes, der vor Jahrhunderten von dem Torfmoose aufgesaugt

wurde. In den abgebauten Abstichen wuchern Binsen und Rischbülten;

zwischen ihnen stockt junger Birkenaufwuchs.

Es ist stiller im Moore geworden. Die Hunderte von fremden Arbeitern,

die noch vor kurzem hier schafften, sind in ihre Heimat gezogen.

Nur dort und da sieht man noch die weißen Hemdsmaugen und die hellen

Fluckerhüte einheimischer Torfarbeiter aufleuchten. Die Bienen läuten,

die Moormännchen zirpen, die Hänflinge schwatzen, die Heuschrecken

geigen, und zwitschernd schießen die Schwalben in lockeren Verbänden

über den weiten, breiten, von den blühenden Moorhalmen bräunlich

gefärbten Plan.

Mein buntes Buch: Naturschilderungen · 第 5 / 8 段