Das Käuzchen vom Steinbruche ruft lauter und schwebt an dem Haselbusche

vorüber. Der Nebel wird dicker, die Luft kühlt sich ab. Die Haselmäuse

haben sich sattgefressen und sind müde von dem Umherklettern. Die Alte

geht voran, ihre drei Kinder folgen ihr. Da, wo am Grunde der Klippe

der Hasel mit den Schlehen und dem Weißdorn sich ineinander verfilzt

und Gras und Kraut und altes Laub die Lücken füllen, wo sie den

Winter verschlafen hat, da hat sie auch ihren Sommerschlupf und dort

verschwindet sie mit ihren Jungen, um erst wieder wach zu werden, wenn

die Abendsonne den Haselbusch nicht mehr bescheint.

Das Bergmoor.

Menschengesichter gibt es, hinter deren düsteren Augen und

verschlossenen Lippen wir ein böses Geheimnis ahnen; wir gehen ihnen

aus dem Wege.

Und wieder gibt es Menschengesichter, ernst aber mit Güte in den Augen,

mit Lippen, die nicht oft und nicht viel reden, mit Geheimnissen, die

aber keinen Hauch von Grausen ausströmen; an solchen Menschen nehmen

wir Anteil.

So ist der Brocken. Er hat seine Geheimnisse, aber sie sind nicht

schrecklicher Art. Es sind Geheimnisse, wie einsame Menschen von viel

Gemüt und gutem Humor sie in sich hegen, Leute, wie Arnold Böcklin

und Wilhelm Busch es waren, die der gemeinen Menge als schrullenhafte

Sonderlinge gelten.

Wer kennt ihn von den zweimalhunderttausend Leutchen, die alljährlich

zu Fuß oder mit dem Wagen oder auf der Eisenbahn auf seinen Gipfel

klettern? Nicht Hundert davon sehen mehr von ihm, als die gelben

Granitwege zwischen sturmzerfetzten Fichten, als die Aussicht in das

bunte Land, als die weißgedeckte Tafel im Unterkunftshause mit ihren

Flaschenkübeln.

Auf gebahnten Wegen geht es hinauf, man ißt und trinkt, bewundert die

Aussicht oder schimpft, ist sie nicht da, schreibt Ansichtskarten, und

dann geht man auf sicheren Steigen hinab in dem stolzen Gefühle, den

Brocken kennen gelernt zu haben. Man hat ihn kennen gelernt, wie einen

großen Mann, den man im Gehrock und hohem Hute aufsuchte und mit dem

man zehn Minuten sprechen durfte.

Und das ist gerade das Reizvolle an dem seltsamen Berge, daß ihn so

viele Menschen besuchen, daß aber nur ganz wenige ihn kennen. Ist

Pfingsten helles, warmes Wetter, dann kann es sein, daß dort oben

zweimal tausend Menschen Mittag essen, daß alle Zuwege bunt von bunten

Hüten und hellen Kleidern und laut von Gelächter und Gesang sind; wer

aber bescheid weiß, der tritt vom bezeichneten Pfade und ist dann

allein, hört und sieht nichts mehr von dem Volke der Ausflügler,

braucht keinen Singsang und kein Gejodel mehr auszustehen und sich

nicht über Papier, Kartons, Stanniol, Eierschalen und Flaschenscherben

zu ärgern, mit denen die Wegeränder verschandelt sind. Frau Einsamkeit

sieht ihn mit großen, guten Augen an, hängt sich an seinen Arm und

weist ihm die Geheimnisse des Berges, seine großen und kostbaren

Schätze, seine kleinen und feinen Sächelchen, an denen er seine Freude

hat.

Seitdem die Bahn bis zu seiner Spitze geht, hat er viele von seinen

Schätzen beiseite geschafft, denn zu arg wütete das unholde Volk

dagegen. Jetzt grasen die Leute die ganze Kuppe ab, hungrig auf

Brockenmyrte, wie sie die zierlich begrünten Ranken der Krähenbeere

tauften. Aber sieh dich hier im Moore einmal um! Du gehst nur auf

Brockenmyrte, ganze Rasen bildet sie und darüber nicken, rosig und

weiß, wie die Gesichter von Elfenkinderchen, die lieblichen Blüten der

Rosmarinheide unter den silberweißen Wimpeln des Wollgrases. Nebenan,

wo das Torfmoor verdächtig naß aussieht, rankt die zierliche Moosbeere

und läßt auf haarfeinen Stielchen ihre entzückenden Blümchen, winzige

Abbilder der Türkenbundlilie, erzittern, und daneben steht ein üppiger

Strauch der Zwergbirke. Ist es ein Andenken, das der Berg sich aus

jener Zeit bewahrte, wo das Inlandeis bis tief nach Norddeutschland

hineinreichte und schlitzäugige, schwarzhaarige Jäger dem Mammut

Fallgruben bauten und den Moschusochsen vor den Hunden erlegten? Oder

haben reisende Vögel aus dem Nordlande die Samen hierher verschleppt?

Unter der Kleintierwelt des Berges ist allerlei zu finden, was sonst

nur in den Mooren des hohen Nordens oder vor den Gletschern der

Hochalpen lebt, ein blankes Käferchen, ein grauer Falter, eine Spinne

oder eine Milbe.

Jetzt, wo die Sonne gegen die wilde Trümmerhalde scheint, die das

Moor umsäumt, lebt das kleine Leben auf. Da surrt und burrt es

tausendfältig um die rötlichgrünen Kugelblüten der Heidelbeeren vor

Bienen und Wespen, Fliegen und Hummeln, die Blöcke wimmeln von plumpen

Rüsselkäfern, schlanken Schnellkäfern. Auf dem tiefen Tümpel, in dem

sich die Äste der Zwergweide ihr goldgrünes Laub spiegeln, huschen

Wasserwanzen hin, und am Rande ist ein Gewimmel eben ausgeschlüpfter

Larven des Grasfrosches, eine willkommene Beute für die Bergmolche,

deren himmelblaue Seiten und feuerrote Bäuche jedesmal aufleuchten,

wenn die schlanken Tiere Luft schöpfen. Auf den von Flechten und Moosen

buntgesprenkelten grauen Granitblöcken sonnt sich die Waldeidechse und

zwischen den Heidelbeersträuchern jagen sich liebestolle Spitzmäuse.

Heute wacht der Berg; gestern schlief er, hatte sich die Nebelkappe

über den Kopf gezogen und schnarchte, daß die verwetterten Fichten

hin und her schwankten. Kein Käfer kroch, keine Biene flog und kein

Vogel sang. Aber heute früh, als der Nebel zerriß und die Sonne den

Berg so lange streichelte, bis er ein vergnügtes Gesicht machte,

da meldeten sich die Fichtenmeisen überall, der Fink schlug, die

Braunelle zwitscherte, Graudrossel und Schnarre flöteten, der Laubvogel

sang, und da erhob sich auch der Wiesenpieper, stieg ungeschickt

in die Luft und klapperte seinen hölzernen Singsang, und über die

Trümmerhalde stieg der Steinschmätzer und quirlte mit viel Geflatter

sein Schalksnarrenlied heraus. Dann, auf einmal, wimmelte die Luft von

Mauerseglern. Sie brüten dort unten in den Städten und lassen sich

hier nicht sehen, wenn der Berg sein Nebelkleid trägt; sobald aber die

Sonne auf seine Glatze scheint, sind sie da, kreischen hungrig und

erschrecken die Brockenfahrer, die vom Turme in das leuchtende Land

sehen, mit schallendem Schwingenschlage. Sobald aber der Wind kälter

pfeift, sind sie verschwunden, wie fortgezaubert.

Denn der Berg hat seine Launen; er lacht gern, aber er hat doch dicht

am Wasser gebaut. Außerdem ist er ein Freund von Späßen. Hier ist doch

Mai, leuchtender, lachender Mai mit hellgrünen Tannensprossen, jungem

Ebereschenlaub, bienenumschwärmtem Heidelbeergekräut, blütenüberdecktem

Sauerkleerasen, Falterflug, Käfergeschwirre und Vogelgesang. Dicht

daneben ist Winter. Da liegt der Schnee hart und fest zwischen dem

wilden Getrümmer, rührt sich noch keine Fichte, haben die Heidelbeeren

noch dünne Zweige, fliegt kein Falter, kriecht kein Käfer, und hurtig

hüpft der Gletschergast im nassen Moose umher. Daneben aber, wer möchte

es glauben, ist Sommer, reichlicher Frühsommer. Die Heidelbeeren sind

abgeblüht, der Sauerklee steht in Frucht, die Fichten haben lange

Triebe. Noch etwas weiter hin, und der Vorfrühling winkt mit den

allerersten Grasspitzchen, winzigen Knöspchen an den Fichtenzweigen und

eben sich erschließenden Heidelbeerblüten.

Ach ja, es ist ein sonderbarer Geselle, der Berg. Die Wege und die

Bahn hat er sich gefallen lassen müssen und das Gasthaus und die

Wetterbeobachtungsstelle; mehr gewährt er aber nicht. Hier starren,

von Heidelbeergebüsch, Moos und Farn halb versteckt, gewaltige

Mauern, kunstvoll gefugt, und leicht denkt sich der Wanderer eine

Raubritterburg in früheren Zeiten hierhin. Aber dem ist nicht so

gewesen. Die Räuber, die hier wohnten, hatten vier Beine und hießen

Bär, Luchs und Wildkatze, und bis auf die letzte, die unten am Berge

noch ihr heimliches Leben führt, sind sie verschwunden, der eine seit

zweihundert, der andere seit hundert Jahren, und jenes Gemäuer ist

der Rest von Torfarbeiterhäusern und Torfköhlereien. Die Arbeit war

zwecklos; der Berg litt es nicht, daß man seine Moore ausbeutete; er

wartete, bis die Torfhaufen aufgetürmt waren, und dann weichte er sie

so ein, bis sie umfielen. Da gab man es auf.

Auch seine Fichten will er so haben, wie es ihm paßt. Und es paßt

ihm nicht, stehen sie in Reihe und Glied, wie die da unten im Forst.

Hier und da läßt er sie ja wachsen, aber gar zu keck dürfen sie nicht

werden, denn dann ruft er den Wind. Der kommt mit Schnee und Rauhreif,

und davon packt er den Bäumen so viel auf, bis sie auf die Knie fallen,

und wenn er seinen bösen Tag hat, dann wirft er sie durcheinander, wie

Kraut und Rüben, und trampelt mit seinen Nagelschuhen darauf umher, daß

sie tausendweise ihr Leben lassen müssen. Und dann kommt das tückische

Torfmoos an, reckt sich, streckt sich, quillt und schwillt, überspinnt

die toten Stämme, zernagt sie und frißt sie endlich ganz auf, und da,

wo einst Fichte bei Fichte stand, in der die Meisen pfiffen, läßt der

Wiesenpieper über kahlen Moorflächen sein ödes Gesinge erschallen, der

Birkhahn führt im Frühling seinen Minnetanz dort auf und im Frühherbste

schreit hier der edle Hirsch.

Wer aber sieht den Birkhahn tanzen und springen und schaut zu, wenn der

Platzhirsch dem Nebenbuhler heiser röhrend entgegenzieht? Wer kennt

den einsamen Hasen, der zwischen den Trümmern der Granitkuppe wohnt,

die unterirdische Gewalten einst sprengten und deren Reste bis nach

Wernigerode und Ilsenburg rollten? Nur wer am Pflanzenwuchse erkennen

kann, wo er den Fuß hinsetzen darf, ohne im Torfschlamm zu versinken,

sieht das Reh das junge Gras äsen und belauscht den Urhahn, der sich

im feinen Steingeröll badet, während die Henne im Heidelbeerbuschwerk

ihre Brut den Käferfang lehrt. Er hat seine Nücken und Tücken, der

Berg. Lose aufeinander geschichtet ist das wilde Trümmerwerk, und hier

ist die Torfdecke fest und sicher; daneben reichen drei Bergstöcke

nicht aus, den weichen Schlamm abzuloten. Und darum wird der große Troß

der Brockenfahrer niemals das geheime Leben des Brockens kennen lernen,

sondern sich an den sicheren Wegen genügen lassen und an der Aussicht

und der trefflichen Küche dort oben, und nichts wissen von den geheimen

Schönheiten seiner verschwiegenen Moore.

Der Bach.

Die Klippe ist dem Bache ein Ärgernis; seit ewigen Zeiten versperrt sie

ihm den Weg.

Wenn seine Wellen, die weiter oben und unten meistenteils gemütlich

plaudernd dahinrieseln, bei ihr anlangen, so bekommen sie jedesmal

einen Wutanfall.

Dumpfe Verwünschungen murmeln sie und wilde Flüche sprudeln sie heraus,

sie schäumen vor Zorn und geifern vor Grimm, und wie Zähneknirschen

klingt das Knirren und Knarren des Gerölles, das sie mit sich führen.

Aber oben auf der Klippe inmitten des spritzenden Gischtes sitzt

Knickschen und singt sein Lied, singt sein Lied trotz Eis und Schnee,

singt ein Stück Frühling in den Winter hinein, ein bißchen Frohsinn

durch das Wellengegrolle, ein wenig Liebe über dem Haß zwischen Wasser

und Fels.

Keck sitzt es da, die blütenweiße Brust der Sonne zugekehrt, und

schwatzt und plaudert halblaut sein schnurriges Liedchen vor sich

hin, macht einen Knicks, schnellt das Stummelschwänzchen auf und ab

und zwitschert weiter, als wenn keine Eiszacken an den Tagwurzeln der

Fichten blitzten und die Jungbuchen keine Schneebälle trügen.

Die Vormittagssonne steht hell am blauen Himmel und bescheint die

verschneiten Fichten an der Steilwand, vor der die roten und gelben

Kreuzschnäbel, die dort jetzt brüten, mit lauten Lockrufen auf und ab

fliegen. Ab und zu rasselt ein Samenzapfen, den sie abbissen, durch

das Gezweig und reißt den Schnee herunter, der polternd zu Boden

fällt. Die Wasseramsel kümmert sich nicht darum. Aber nun beginnt die

kleine Meise, die in den Waldrebenranken umherturnt, heiser zu zetern.

Blitzschnell dreht Knickschen sich um sich selbst, schnarrt trocken und

schwingt sich nach dem anderen Ufer, denn zwischen den Brombeerstauden

schnüffelt, nur einen Fuß von ihm entfernt, das Hermelin umher, und dem

ist nicht zu trauen.

Fortwährend schnarrend sitzt die Wasseramsel auf einem angetriebenen

Aste, der sich in einer Felsspalte verfangen hat, und macht dem weißen

Wiesel einen höhnischen Diener nach dem andern, bis dieses, durch das

Zetern der Meisen und das Schimpfen des Zaunkönigs verärgert, unter den

Wurzeln verschwindet. Da schnurrt Knickschen wieder auf seine Klippe,

bleibt dort einen Augenblick sitzen, späht dann unter sich und stürzt

sich kopfüber in das tiefe, grüne Stillwasser zwischen den schäumenden

Strudeln. Mit drei Flügelschlägen schwimmt es dem Flohkrebschen nach,

das es erblickte, faßt es, taucht mit ihm vor einem halbüberspülten

Steine am Ufer auf und schluckt es hinab.

Sofort ist es wieder in dem strudelnden Seichtwasser zwischen den

abgerollten Steinen, rennt hurtig dahin, fischt hier eine Mückenlarve,

da einen Wasserkäfer, dort ein Müschelchen, watet bis an die Brust in

das ruhige Wasser, stochert mit dem Schnabel zwischen den rötlichen

Flutwurzeln der Ellern umher, wo es allerlei kleines Getier erwischt,

Köcherfliegenlarven, Wassermilben, Schnecken, schwimmt, wo das Wasser

tiefer wird, darin umher, wie eine Ente gründelnd, taucht dann gänzlich

unter, rennt auf dem Grunde hin, stöbert dort ein Weilchen umher,

erscheint trocken und sauber, als sei das Wasser nicht naß, und so

fröhlich, als sei es auch gar nicht kalt, wieder auf einem Steine und

singt los, als wären die Ufer voller Blüten und als sprängen an den

Büschen die neuen Blätter aus den Knospen.

Den Eisvogel, der wie ein lebendiger Edelstein dahinfunkelt und mit

scharfem Schrei das verworrene Gerausche des Baches durchschneidet,

würdigt der seltsame Vogel kaum eines Blickes, und auch die beiden

gelbbrüstigen Bergbachstelzen aus Nordland, denen der Winter hier mild

genug erscheint, und die lustig von Stein zu Stein trippeln, regen sie

nicht auf; aber nun schnurrt sie mit kurzen Flügelschlägen bachabwärts

und fährt auf eine ihrer Art los, die sich in ihr Gebiet gewagt hat.

Bis zu der Mühle treibt sie sie hin, und darüber hinweg, und erst da, wo

der Bach breit und behäbig zwischen den Pappeln dahinplätschert, läßt

sie ab, nimmt auf einem Blocke Platz und glättet ihr Gefieder, das bei

der Balgerei ein wenig in Unordnung kam.

Doch der Tag ist kurz, die Kälte zehrt und die Nahrung ist sparsamer

als zur sommerlichen Zeit. Sie erhebt wieder ihr Gefieder, durchfliegt,

ohne sich zu besinnen, die brausenden Wassermassen, die über das Wehr

stürzen, liest von dem nassen, moosigen Gebälke die Schnecken und

Larven ab, stürzt sich in den Kolk, rennt auf dessen Grund umher, sitzt

plötzlich wieder zwischen den schäumenden Wellen auf einem angespülten

Holzblocke, fliegt zu den Pappeln hin, huscht unter den hohlgewaschenen

Wurzeln hin und her, bis des Müllers Katze, die dort angeschlichen

kommt, sie vertreibt, und so nimmt sie sich wieder auf und kehrt zu

ihrem Lieblingsplatze, der Klippe im Bache zurück, unter der der

Strudel all das Gewürm zusammentreibt, das die Wellen auf ihrem Laufe

mit sich rissen.

Da treibt sie ihr munteres Wesen den ganzen Tag über, jetzt über

die Uferklippen trippelnd, nun in dem niedrigen Wasser watend, auf

dem Grunde des Baches einherrennend oder wie ein Fisch seine Flut

durchschwimmend, stumm auf einem Stein sitzend, schieben sich die

Wolken vor die Sonne, lustig singend, wird der Himmel wieder heiter.

Doch wenn es Abend wird, wenn die Mäuse im Fallaube pfeifen und das

Käuzchen in den Weiden ruft, dann fliegt Knickschen nach der Mühle hin,

stürzt sich in die tosenden Wassermassen, die über das Wehr hinfallen,

und birgt sich dort, sicher vor Wiesel und Iltis, in einem Balkenwinkel.

Dort wird sie, wenn die Finken wieder schlagen und die Drosseln

pfeifen, und sie sich gepaart hat, auch ihr weiches, warmes, rundes

Nest bauen, ihre schneeweißen Eier legen, sie ausbrüten und ihre Brut

aufziehen, damit ihr Geschlecht nicht aussterbe, daß sie wintertags,

wenn es stille an dem Bache ist, den Menschen mit ihren lustigen

Liedern erfreue, unbekümmert darum, daß es rohe Tröpfe darunter gibt,

die dem lieben Vogel mit Pulver und Blei nachstellen, weil irgend ein

törichter Bücherschreiber ihr nachgesagt hat, daß sie ein böser Feind

der Forellenbrut sei.

Zwar ist das nicht an dem, und wenn es so wäre, reichlich machte durch

fröhliches Singen und lustiges Benehmen die paar Fischchen Knickschen

wieder wett, des Bergbaches reizendster Schmuck.

Der Überhälter.

Nicht weit von dem Waldrande, eingeschlossen von Dickungen und

Stangenörtern, steht ein alter Eichbaum.

Mit knorrigen Wurzeln, die wie ein Haufen von Schlangen

übereinanderkriechen, hält er sich in der Erde fest. Sein

hochschäftiger Stamm trägt eine lange, breite, aber gut verheilte Narbe

von der Wunde, die ihm der Blitz schlug, der auch einige der Äste in

der krausen Krone tötete, die nun als kahle Hornzacken starr gegen den

Himmel stehen.

Einst standen viele solcher Eichen hier; dieses ist die letzte. Sie

stand schon, als der Adler hier noch horstete, als der Uhu hier noch

jagte, als der Wolf noch aus dem Walde brach und die Schafe riß, als

die Wildkatze nächtlicherweile das Unterholz verließ, um auf Raub

auszugehen. Hunderte und Hunderte von alten Eichen und knorrigen

Hagebuchen standen an Stelle der Fichten- und Rotbuchenörter und

boten in ihren Höhlungen Kauz und Hohltaube, Blauracke und Wiedehopf

Brutgelegenheiten die Menge. Unter den Eichen stockten Schlehen,

Weißdorne und Stachelbeerbüsche und bildeten dichtes Gehege für die

Schnepfe, die in dem Dung der Kühe und Schweine, die hier zur Weide

getrieben wurden, reiche Nahrung fand.

Es kam eine andere, holzhungerige Zeit. Alle die alten Eichen

fielen unter Axt und Säge. Als die Hohltaube, die Blauracke und der

Wiedehopf wiederkehrten, fanden sie keine Bruthöhlen mehr und verzogen

anderswohin; der Kauz aber paßte sich der neuen Zeit an und bequemte

sich dazu, in einem alten Krähenneste zu brüten. Der Waldschnepfe

gefiel es dort auch nicht mehr, denn die Dornbüsche wurden ausgerodet,

das Vieh ging nicht mehr auf Weide in den Wald, und so blieb auch sie

fort.

So war es eine Zeitlang öde und still da. Dann bedeckten sich die

Kahlschläge mit Fichten- und Buchenjugenden, es wurden allmählich

Stangenörter daraus, und die wuchsen, bis sie zu Altholz wurden, und

ein neues Leben webte im Walde. Vielfältig war es zwar, doch nicht

so bunt und so reich, wie ehedem. Der Buchfinken und Amseln wurden

so viele, wie es einst Dompfaffen und Singdrosseln gab. Statt der

Hohltaube rückte die Ringeltaube ein, Krähen ersetzten die Dohlen, die

Häher die Racke, der Star den Wiedehopf, der Fasan die Schnepfe.

Auch die letzte alte Eiche, die stehen geblieben war als Wahrbaum für

die Landmesser, bekam andere Gäste. Die Zeiten, daß der Adler von ihrem

Wipfel aus Umschau hielt und der Uhu in ihrem Geäste den Igel kröpfte,

waren schon lange vorbei, desgleichen die Tage, da der Waldstorch

sich in ihr einschwang und der Wanderfalk in ihr horstete; sogar der

Gabelweih, der einst so gern auf ihren Hornzacken fußte, und der

Kolkrabe, der von da aus Wache hielt, blieben mit der Zeit aus, denn

die neue Zeit litt nicht mehr, daß sie am Leben blieben.

Immer aber ist sie noch von allen Bäumen im ganzen Forste der, der

die meisten Freunde hat, ganz gleich, ob sie in vollem Laube steht

oder ihre nackten Äste wie wunderliche Runen gegen Himmel reckt. Der

Falke aus Nordland, der vorüberreist, rastet auf ihr, die Krähen aus

dem Osten fallen auf ihr ein, wenn sie über das Land ziehen, die Stare

pfeifen auf ihren Hornzacken, wenn der Frühling kommt, und wiederum,

ehe der Herbst hereinbricht. Sie sucht sich der Schwarzspecht, will

er sich ein Weibchen ertrommeln, und der Grünspecht, läßt er sein

Werbegejauchze erschallen, in ihrem Geäste halten die Häher Schule

ab und auf ihrer Spitze sitzt an schönen, windstillen Mittagen der

Pfingstvogel und singt so zart und fein, wie eine Grasmücke.

Alles Geflügel, das in dem Forste sein Unterkommen hat, besucht den

alten Baum einmal. Lebt auch das Rotkehlchen im unteren Holze, im

Vorfrühlinge schwingt es sich ganz oben in den Überhälter und läßt

von da sein silberhelles Lied in die Dämmerung hinunterrieseln. Die

Dorngrasmücke, die im Gestrüppe wohnt, und sogar der Zaunkönig, der

sonst nur am Boden haust, bekommen auch dann und wann den Einfall, in

das krause Geäst zu flattern und von da herab ihre frischen Weisen

erklingen zu lassen, und die Amsel sucht sich nicht minder als die

Singdrossel den höchsten Ast, singt sie dem einschlafenden Tage das

Schlummerlied.

Es vergeht nicht eine Stunde zur Sommerszeit, daß der alte Baum nicht

neuen Besuch erhält. War es eben der Trauerfliegenschnäpper, der lustig

in ihm sang, so ist es jetzt der Gartenrotschwanz. Eben jubelte

der Mönch dort, nun trillert das Müllerchen da. Vorhin rutschte der

Baumläufer an dem Stamm entlang; jetzt klettert die Spechtmeise dort

umher. Fuhr gestern der Habicht aus dem Laube und schlug die Krähe,

so schießt heute der Sperber dort hervor und greift die Amsel. Vor

einem Weilchen schmetterte der Schwirrlaubvogel, wo hinterher der

Weidenzeisig rief, und ihm folgte der Fitis. Der Hänfling löst den

Stieglitz, diesen der Buchfink ab. Dem Goldammer folgt der Feldspatz,

und dann sitzt der Kuckuck da, ruft laut und fliegt immer noch rufend

in den Stangenort, und wo er saß, läßt sich der Täuber nieder und

ruckst. Dann klopft der Buntspecht an einem toten Aste herum, die

Kohlmeise kommt und pickt nach Käferlarven, die Blaumeise folgt ihr,

und ihr die Sumpfmeise, und schließlich fällt ein Kernbeißer ein,

rastet einen Augenblick und fliegt weiter. So geht es den ganzen Tag,

und auch bei der Nacht bekommt die Eiche bald von dem Waldkauz, bald

von der Ohreule Besuch.

Auch an anderem Leben mangelt es ihr nicht. Tagsüber turnen die

Eichkatzen gern in ihr hin und her, und alle paar Nächte erklimmt sie

der Marder. Unter ihrem Wurzelwerk wohnt die Waldmaus, und deshalb

stöbert das Hermelin dort gern herum. Die Waldeidechsen sonnen sich

gern auf den Wurzelknorren, und eine dicke Kröte hat dort ihren

Unterschlupf, denn an Nahrung gebricht es ihr hier nie. Zwar an den

stolzen Heldenbock, dessen Larven den Stamm kreuz und quer durchlöchert

haben, und gar an den wehrhaften Schröter, der so gern an dem gegorenen

Saft, der aus dem Rindenrisse quillt, leckt, wagt sie sich nicht, auch

nicht an die Trauermäntel und Admirale, die um den Stamm flattern,

und noch weniger an die Hornissen und Wespen, die dort ebenfalls

umherfliegen, aber die blauen und grauen Schmeißfliegen und das viele

andere kleine Volk, das hier schwirrt und flirrt und krimmelt und

wimmelt, ist ihr verfallen, sobald es in den Bereich ihrer Klappzunge

gerät.

Immer und immer lebt es um den alten Baum. In seinen Rindenritzen

birgt sich das Ordensband, an seinem Stamme haften die grünen Wickler,

klettern die Puppenräuber, huschen die Mordwespen, und wintertags, wenn

die Dämmerung früh in den Wald fällt, ist um seinen Stamm ein wildes

Geflatter von bleichen Frostspannermännchen, die auf der Weiberjagd

sind. Kommt dann der Morgen, so rücken die Meisen heran, geführt von

einem Buntspechte, gefolgt von Goldhähnchen und Baumläufern, und sorgen

dafür, daß das Geschmeiß sich nicht so sehr vermehre, daß es im Mai dem

Baume alle jungen Blätter nimmt.

Viele tausend Eichen stehen in dem Forst, keine aber ist so alt und

so ehrwürdig wie der Überhälter. Doch sein Kern ist rotfaul, sein

Stammholz von Larven durchwühlt. Die große Ameise zernagt ihn und Pilze

fressen an seinem Marke. Noch einige Jahre oder Jahrzehnte wird er sich

halten, mit knorrigen Wurzeln die Erde packen und starre Hornzacken gen

Himmel recken. Aber eines Jahres wird der Blitz ihn fällen oder der

Sturm ihn zerbrechen, den alten Überhälter, dessen Astrunen so schön

von den Tagen sprachen, da noch der Adler hier hauste und der Uhu des

Nachts seinen Waidruf erschallen ließ.

Der Feldteich.

Mitten im Felde liegt ein mäßig großer Teich. Eine doppelte Reihe

alter, hohler, krummer Kopfweiden faßt ihn auf der einen Seite ein,

drei mächtige Schwarzpappeln halten gegenüber Wacht.

Mein buntes Buch: Naturschilderungen · 第 4 / 8 段