Doch nicht nur im Wasser ist reiches Leben, auch der Sand birgt es,

wie die vielen feinen Löcher andeuten, mit denen er gemustert ist.

Kleine, schwarze, glatte, halbflügelige Wühlkäfer sind es, die hier

wie Maulwürfe graben und den winzigen Fliegenlarven nachstellen, die

sich von den faulenden Stoffen nähren, mit denen der Sand durchtränkt

ist. Auch ein sonderbarer kleiner, glasheller Krebs, der Meerfloh,

lebt unter dem Sande. Wir brauchen nur ein wenig zu scharren, und eine

ganze Menge der merkwürdigen Tiere kriecht hervor, hüpft eilig weiter

und bohrt sich schnell wieder ein. Und heben wir hier den faulenden

Blasentang auf, so finden wir einen Verwandten von ihm, den bräunlichen

Strandfloh, der sich mit ängstlichen Sprüngen vor dem Sonnenlichte zu

retten sucht.

Winzige Uferkäfer, in schimmerndes Erz gekleidet, rennen über den

Sand, und bald hier, bald da blitzt es auf, um sofort wieder zu

erlöschen. Das ist der Meerstrandsandläufer, ein wunderschöner, grauer,

weißgebänderter Raubkäfer mit blaugrünem, glänzendem Unterleibe, den er

jedesmal zeigt, wenn er auffliegt, um Strandfliegen zu fangen, die zu

Tausenden hier umherschwirren. Er ist ein reines Sonnentier. Je heißer

die Sonne scheint, um so reger ist er. Bei trübem Wetter verliert er,

wie die Wasserjungfern, die Flugkraft, verbirgt sich im Gekräut und

wartet bessere Tage ab. Ganz sein Gegenteil ist ein Verwandter von ihm,

ein platter Laufkäfer von bleichgelber Farbe mit schwarzem Sattel, der

sich hier überall unter hohlliegenden Steinen findet, wo er den Tag

verbringt, um sich erst in der Nacht hervorzuwagen und auf schlafende

Strandfliegen zu jagen.

Wenn die Sonne noch einige Tage scheint, so verdunstet das Wasser auch

in diesem Tümpel, er trocknet aus, die Dorschbrut und die Garnelen

sterben ab und die anderen zarten Krebse, die Schnecken und Flohkrebse

verkriechen sich unter dem Tang und warten, bis der Sturm abermals die

Wellen bis hierher wirft und wiederum, während er totes und sterbendes

Getier am Strande aufhäuft, den Fluttümpel mit neuem Leben erfüllt.

Der Windbruch.

Mitten in der Wohld liegt eine weite, breite Lichtung.

Der Sturm hat sie geschaffen. In einer schwarzen Nacht kam er über das

Moor gebraust, und als ihm die Wohld im Wege stand, stürzte er sich

mitten in sie hinein, schmiß viele Hunderte von Fichten und Föhren

durcheinander und verschwand über der Geest.

Viele Wochen lang krachten die Äxte und kreischten die Sägen auf dem

Windbruche. Als dann der Frühling kam, wuchs der Holzweg, den die

Bauern von dem Hauptgestelle nach der Blöße geschlagen hatten, zu.

Zwischen den gewaltigen Wurfböden und um die tiefen Kuhlen, in denen

sie gestanden hatten, sproß allerlei Kraut und Gestrüpp, das bisher

vor dem Drucke der dichten Kronen nicht hatte aufkommen können, und so

manches Getier, dem es dort einst zu dumpf gewesen war, siedelte sich

an.

Ein heimlicher Ort ist diese Stelle, eine Welt für sich, fest

umschlossen von engverschränktem Gebüsch und dichtgedrängten Bäumen.

Üppig sind die Himbeeren aufgeschossen, und frisch wuchert süßer

Hornklee. Darum steht der beste Bock in der Jagd mit Vorliebe auf

dieser Stelle, sicher vor dem Jägersmann, denn rundumher liegt so viel

Geknick und steht so viel Gestrüpp, daß der sich nicht unangemeldet

heranpürschen kann.

Die Morgensonne fällt voll auf die Blöße. Die großen Blumen der

Schwertlilien in den Kölken leuchten wie goldene Flammen und die zarten

Blüten der Wasserfeder, die die dunklen Spiegel mit grünem Rasen

bedeckt, schauen ehrfurchtsvoll zu ihnen auf. Ein großer Schillebold

mit himmelblau geziertem Leibe schießt in edlem Fluge hin und her.

Jedesmal, wenn er eine Wendung macht, knistern seine goldbraunen Flügel.

Oben in den Kronen zirpen die Goldhähnchen. Ein Zaunkönig erhebt ein

großes Geschimpfe, denn es paßt ihm nicht, daß die Kreuzotter sich dem

Wurfboden nähert, in dessen Wurzelwerk er gebaut hat. Das Rotkehlchen,

das nicht weit davon brütet, und die Weidenmeise, die sich in einem

faulen Stumpfe ihr Nestloch gezimmert hat, helfen ihm dabei. Dann

raschelt es leise in der Dickung, unter dem Spillbaum, vor dem die

Schlange sich windet, zuckt ein feuerroter Blitz nach ihrem Kopfe,

und dann steht der Waldstorch da, die Otter im Schnabel. Sein blankes

Gefieder wirft rote und grüne Lichter von sich. Er sieht sich um,

schlägt seine Beute gegen die Erde und schleicht wieder zurück.

Heißer scheint die Sonne. Die Wasserwanzen schießen auf den

schwarzen Kölken hin und her und die Frösche, die auf dem hellgrünen

Vergißmeinnichtrasen sitzen, melden sich dann und wann. Plötzlich

verstummen sie. Ein Häher läßt sich an dem Wasserloche nieder, blickt

sich scheu um, trinkt und schwebt davon. Dumpf heult der Hohltäuber,

hell ruft der Schwarzspecht, und unaufhörlich erklingt das Geschmetter

der Finken und das Getriller der Meisen. Ein Pfauenauge spielt mit

seinem Weibchen, ein Zitronenfalter tänzelt um die Faulbaumbüsche, die

Luft blitzt von dem Geflitze der Schwebfliegen und ist erfüllt von

Hummelgesumme.

Auf dem dunklen Wasser wirbeln silbern blitzende Taumelkäfer lustig

umher. Jetzt fahren sie auseinander und tauchen hastig unter, denn ein

Schatten fiel über sie. Der Waldwasserläufer ist es, dieses seltsame

Urwaldschnepflein. Eilfertig trippelt der düstere Vogel, den lichten

Bürzel emporschnellend, an dem Tümpel entlang, hier im saftigen

Torfmoose herumstochernd, da ein Würmchen aus dem Wasser fischend und

dort eine Mücke von einem Halm schnappend, dabei fortwährend nickend

und wippend und gewandt über die Wasserfederpolster rennend.

Jetzt steht er mit schrillem Schrei auf und sofort ist sein Weibchen

bei ihm, das in dem vorjährigen Drosselneste in der Fichte brütet.

Laut rufend schießen die beiden sonderbaren Vögel über die Blöße

hin, ab und zu nach dem Raubwiesel hinunterstoßend, das zwischen dem

Gestrüpp hinschlüpft. Nun fängt auch der Zaunkönig an zu schimpfen,

das Rotkehlchen warnt, die Amsel zetert, die Braunelle entrüstet

sich, die Meisen lärmen, und das dauert so lange, bis der kleine

Räuber sich drückt und es still auf dem Windbruche wird. Die beiden

Waldwasserläufer aber bleiben noch eine ganze Weile wippend und nickend

auf zwei Wurfböden stehen und halten Wacht. Schließlich stiehlt sich

das Weibchen wieder zu seinem verborgenen Neste und das Männchen

trippelt von neuem an dem Pumpe entlang.

Der Kuckuck läutet. Die Tauben gurren. Vom hohen Himmel ruft der

Bussard. Leise bricht es in der Dickung. Unter dem Schneeballbusche

tritt der Bock heraus, äugt lange hin und her und äst sich dann

an Gras und Klee. Goldfinken locken, ein Buntspecht hämmert. Fern

fällt ein Büchsenschuß. Die Hummeln brummen, und die Fliegen summen,

das Sonnenlicht spielt auf den blanken Blättern des protzigen

Hülsenbusches, und hin und her schießt die große, herrlich gefärbte

Wasserjungfer über den Windbruch mitten in der wilden Wohld.

Der Bergteich.

Das Bergstädtchen ist heute ein einziger großer Blumengarten. Überall

recken sich die Rispen des weißen und blauen Flieders zwischen

dem hellgrünen Gesprieße der Tannen und dem tiefen Kupferrot der

Blutbuchen, über jeden Zaun fluten des Goldregens leuchtende Trauben,

die Roßkastanien sind überladen mit roten Kerzen, die Waldrebe

entfaltet ihre blauen Sterne, der Rotdorn bricht fast unter der

Fülle seiner Röschen, und die riesigen Knospen der Pfingstrosen sind

aufgesprungen und lassen ihre weißen und roten Blumenblätter leuchten.

Der Himmel, der zwei Tage grau und grämlich war, ist

vergißmeinnichtblau geworden, die Sonne, die zwei Tage lang hinter

Grauwolken steckte, scheint voll und heiß und lockte Bienen und

Fliegen. Der frische, reinliche Ostwind hat den faulen, schmutzigen

Westwind abgelöst, er schwenkt die blühenden Büsche und läßt die Falter

flattern.

Wo tief zwischen grünen Waldkuppen ein kühles Wasser liegt, dahin zieht

es alle Menschen an diesem glühenden Tag, über den Bergbach, dessen

wilde Wellen rauschend und brausend, blitzend und blendend über das

Wehr springen, den Wiesenpfad über den Berg hinan und hinein in den

schattigen Wald, wo von hoher Felsböschung der Ginster seiner goldenen

Blumen Fülle nicken läßt.

Am Teich sind alle Tische voll von frohem Volk. In der klaren

schönen Flut spiegelt sich der Buchen, Eichen, Fichten und Espen

verschiedenfarbiges Grün in wunderbarer Mischung; wo der Wind den

Wasserspiegel erreicht, kräuselt sich das Wasser blau und silbern. Von

den gelben Rudern spritzen leuchtende Perlen und hinter den Kielen

zittern silberne Streifen her.

Rund um den Teich führt ein abwechslungsreicher Weg durch warmes Licht

und kalten Schatten, über bunte Wiesen und durch grünen Wald. In den

sonnigen Buchten fahren die flinken Ellritzen hin und her, in den tiefen

Ecken steht die bunte Forelle. Silberne Wasserjungfern knistern über

die schwimmenden Blätter der Wasserhirse, stahlblaue Schwalben huschen

über die Flut.

Aus dem Schatten der Buchen, wo einer hohen Kuckucksblume große weiße

Blüten schimmern, tritt man auf eine sonnige Wiese, in der eine bunte

Blume die andre drängt; da surren langhörnige Käfer, da schwirren

glasflüglige Falter, da blitzt und funkelt es von allerlei sonnenfrohem

Kleingetier.

Weiterhin in der sumpfigen Schattenecke plätschert das

Wasserhühnchen herum, dicht über die schwarzgrüne Flut streicht ein

Strandläuferpärchen, mit den langen, schmalen, gebogenen Flügeln fast

das Wasser streifend, behäbig quarrt der Teichfrosch, lustig meckert

der Laubfrosch und langsam rudert ein Molch zwischen dem Kraut umher.

An einem Wieseneinschnitt, den ein kleines Wasser durchrieselt, ist

ein dichtes Beet schneeweißer Dolden. Da schlüpft der Zaunkönig unter

den grünen Schirmen der Pestwurz umher, und zwischen den überrieselten

Steinen fischt die Bergbachstelze nach Gewürm für ihre Kleinen.

Und dann tritt man in das Gedämmer der Fichten, aus deren Wipfeln das

dünne Gepiepe unsichtbarer Goldhähnchen ertönt, und wieder hinaus auf

die sonnige Talsperre, mit ihrer Doppelaussicht auf die tiefe Klamm

und die weite, grüne, von zwei Silberfäden durchzogene Wiese, und den

stillen, grünen, grünumkränzten Teich.

Hinter uns geht die Sonne unter, rote Glut über das dunkle Wasser

gießend. Die Drossel singt und der Kuckuck ruft, das Rotkehlchen

plaudert und die Frösche quaken, Eintagsfliegen tanzen über dem Wasser

in dichten Schwärmen, unbekümmert darum, ob ihr kurzes, auf Stunden

bemessenes Leben von den scharfen Zähnen der Fledermaus beendet wird,

die zwischen ihnen hin und her huscht, oder von dem Rachen der großen

Forellen, die platschend nach ihnen springen, große, goldene Ringe in

das tiefe Rot des Wassers malend.

Dann ruft die Eule, ein kühler Wind kommt über die Berge, der Teich

verliert den Rosenglanz und die Wälder um ihn ziehen ihr schwarzes

Nachtkleid an. Aber der Mond will nicht, daß dem hellen Tag eine dunkle

Nacht folgen soll. Groß und rund steigt er über den Berg und wirft eine

lange silberne Straße über das Wasser, eine Straße, auf der nur Wesen

gehen können, die ohne Leib sind. Aus den schwarzen Buchten tauchen

sie auf, aus den schwarzen Winkeln kommen sie hervor, weiße, wesenlose

Gestalten, aus dem Nichts entstehend, in das Nichts zerfließend, bis

sie vor dem hellen Mondlicht wieder fliehen in ihre schwarzen Buchten

und dunklen Winkel, die Nebelelfen.

Die lauten, frohen Menschen sind alle schon fort. Ganz still ist es

geworden am Teiche. Eines kleinen Vogels süßperlendes Nachtlied, der

Eule tiefer, runder Ruf, eines Fisches Platschen, der Espen Geflüster,

alles ist es, was noch laut ist in der Mondnachtstille.

Wir sind auch ganz still. Was sollen Worte hier, wo die Gedanken kaum

hineinzuflüstern wagen in die feierliche Stimmung von Wald und Wasser

und Mondenschein.

Die Marsch.

Langsam und behäbig fließt der Fluß durch die Marsch. Sein dunkles

Wasser glitzert silbern im Sonnenlicht und gibt verzerrte Bilder von

den goldenen Kuhblumen und den silbernen Weidenbüschen wieder, die sich

in ihm spiegeln.

Ein frischer Hauch bewegt lustig den duftigen, aus unzähligen lichten

Schaumkrautblüten gewebten Schleier, der sich über das grasgrüne Land

zieht. Zwischen ihnen tanzen zarte Falter hin, deren Schwingenspitzen

feurig wie die Morgensonne leuchten.

Hoch oben am bachblumenblauen Himmel spielen fröhlich die Schwalben und

kreisen, dunkel eben und jetzt hell aussehend, zwei große Weihen. Unten

am Ufer flirren und schwirren um die schimmernden Ellernbüsche zahllose

Frühlingsfliegen. Wenn sie sich dem Wasserspiegel nähern, springen

ihnen laut schnalzend blinkende Fische entgegen.

Zwei Krähen, blitzblank im Sonnenschein leuchtend, kommen angeflogen.

Mit schneidendem Rufe steht ein Kiebitz auf, holt sie ein, stürzt sich

auf sie hinab und umfuchtelt sie in regellosem Fluge. Ein zweiter

gesellt sich zu ihm, noch einer, ein vierter und immer mehr: wie eine

Schar von Gespenstern gaukelt es um die schwarzen Eierdiebe her.

Selbstzufrieden stümpert der schwarzköpfige Rohrammerhahn sein

dürftiges Liedchen von der Spitze eines dürren Reethalms. Aus

dem Weidicht kommt das Gezirpe der Rohrsänger, ein Gemisch von

Froschgequarre und Riedgeruschel. Ein Pieper flattert unbeholfen empor,

hölzern klappernd und fällt wie kraftlos in das Gras. Wehmütig piepst

die gelbe Bachstelze und fröhlich zwitschernd steigt das Weißkehlchen

auf.

In den Uferbuchten prahlen die Frösche; aus dem verworrenen Getöse

klingt hier und da und dort das breite Lachen eines alten Vorsängers

heraus. Wo einer der Störche, die würdevoll und gemessen, weithin

sichtbar, durch das Gras waten, sich naht, endet das Gequarre in einem

entsetzten Gepaddel und Geplantsche, bis der schwarzweißrote Schreck

weitergestelzt ist, und der Lärm erst schüchtern wieder beginnt, um

immer zuversichtlicher und unbekümmerter anzuschwellen.

Das breite, weite, grüne Land ist voll von kleinen Vogelstimmen, und

der Himmel darüber tönt von Lerchengetriller und Schwalbengezwitscher.

Dennoch steht eine große Ruhe über der grünen, mit silbernen und

goldenen Blüten besäten Marsch, eine Ruhe, die der klirrende Ruf der

leuchtenden Seeschwalben, der spitze Schrei des dunklen Rohrhuhns eher

verstärkt als zerstört, und auch das Jodeln der Wasserläufer und das

weithin hörbare Flöten eines Brachvogels geht in ihr schließlich doch

unter.

Hinter den Ellernbüschen kommt ein Flug schlanker Vögel angeschwenkt,

schlägt Bogen über Bogen, fällt ein, steht auf, läßt sich abermals

nieder, nimmt sich wiederum hoch, und verharrt schließlich auf einer

höheren Stelle, deren Graswuchs mager und dünn ist. Kampfläufer sind

es, schnurrige Gesellen. In anspruchsloses Graubraun sind die Weibchen

gekleidet; die Männchen jedoch prunken in schimmernden Rüstungen. Der

eine ist dunkelstahlblau an Nackenlatz und Brustschild, der da erzgrün,

dieser rostrot, jener weiß, und andere sind weiß- und gelbgefleckt,

hell und dunkel gemustert; aber keiner gleicht dem anderen völlig.

Stocksteif stehen sie da, die seltsamen Burschen, ungemein viel Würde

entwickelnd. Stochert einer einmal nach einem Würmchen im Rasen,

so besinnt er sich doch sofort, daß heute Mensurtag ist, und nimmt

schnell wieder Haltung an. Auf einmal stehen sich zwei gegenüber,

zittern vor Kampflust, sträuben die Kragen, nehmen Paukstellung an,

fahren aufeinander los, rennen sich die Schnäbel gegen Gesicht und

Brust, prallen zurück, sausen wieder zusammen und stehen plötzlich

mit heruntergelassenen Schilden da, als hätten sie nichts miteinander

vorgehabt.

Es ist ja auch nur Bestimmungsmensur, das Gefecht, nicht so schlimm

gemeint, wie es aussieht. Der dunkelerzgrüne und der hellkupferrote

Hahn treten jetzt an. Hei, wie sie aufeinander losfahren,

zurückweichen, Pause machen, hin und her trippeln, einen neuen Gang

beginnen, mitten darin abbrechen, wieder zusammenprallen, in die Höhe

hüpfen, stürmisch flattern, den Gegner mit Finten aus der Deckung

locken und ihm schnell einen Stich versetzen. Dann auf einmal ist der

Kampf zu Ende. Die Fechter stehen gleichgültig da, zupfen sich den

Paukwichs zurecht, rennen im Grase umher und suchen im Moose nach

Käfern.

Fort stiebt die ganze Gesellschaft, Paukanten sowohl wie Corona.

Im Zickzack schwenkt der Flug über die nassen, von goldenen Blumen

strahlenden Sinken, burrt quer über den Fluß, saust um die Weiden

herum und verschwindet in der Ferne, wo die beiden Reiher an dem

Ufer stehen. Der Rohrweih, der dort angeschaukelt kommt, hat sie

vertrieben. Wo sein Schatten hinfällt, schweigen die Frösche, verstummt

der Wiesenschmätzer, bricht der Rohrsänger sein Gezirpe ab. Aber eine

Seeschwalbe, wie ein silberner, rotbespitzter Pfeil herunterschießend,

vier Kiebitze und zwei Wasserläufer belästigen das braune Gespenst so

lange, bis es sich von dannen macht, und sofort fangen die Frösche

wieder zu quarren an, Schmätzer und Rohrsänger legen von frischem los,

und die Wasserhühner kommen kopfnickend aus dem Ried hervorgerudert.

Über der Kuhle, die ganz von den starren Blättern der Krebsschere

erfüllt ist, schweben stumm die Trauerseeschwalben hin und her, dann

und wann hinabschießend und eine Beute aufnehmend. In dem dichten

Wirrwarr von Rohr und Schilf führt eine Entenmutter ihre wolligen

Jungen. Mit schallendem Fluge streichen Stare herbei, fallen im Grase

ein, watscheln dort herum und suchen eifrig nach Futter. Über der

offenen Blänke flirrt es silbern und spritzt es, als regnete es dort;

der Barsch jagt Fischbrut, dicke Blasen steigen auf und zerplatzen

seufzend; der Aal wühlt im Schlamme. Trillernd schwirren zierliche

Uferläufer vorüber und drei Erpel, die das Segelboot aufstörte, stehen

mit Getöse auf und klatschen weiterhin in das Schilf.

Kühler weht es vom Abend her. Die Sonne versinkt. Nebel tauchen auf.

Der Heuschreckensänger läßt sein eintöniges Geschwirre erschallen,

die Frösche werden lauter. Schon unkt ein Dommelchen in seinem

Rohrverstecke, heiser ruft ein Reiher, stolz vor rosenrot glühenden

Wolken dahinrudernd, und mehr und mehr erklingt das Gemecker der

Himmelsziegen, die pfeilschnell dahinsausen.

Die Ferne versinkt in Nebel, und die Nähe geht im Dunst unter. Hart

schnarrt in strengen Pausen der Wachtelkönig, gellend pfeift die Ralle,

klagend ruft eine Mooreule. Noch einmal glüht die Sonne auf, ehe sie

Abschied nimmt. Das Blaukehlchen vermischt sein Lied mit dem Geruschel

des Rohres und dem Gekluckse der Wellen, bis das Plärren der Frösche

alle anderen Laute verschlingt und der Nebel alle Farben zudeckt.

Der Haselbusch.

Wo der Wildbach zwischen den zerborstenen, mit lustigen Farnen

geschmückten grauen Klippen aus dem Unterwalde herauspoltert, reckt

sich ein alter, krummgewachsener Haselbaum über dem krausen Verhaue von

Schlehen, Weißdorn, Rosen und Brombeeren. Auf seinem untersten Zweige,

der tot und trocken auf das quicklebendige Wasser hinabhängt, sitzt

der Eisvogel gern und lauert auf die Ellritzen, die in der flachen

Bucht spielen. Schüttelt ein Wind die Äste des Hasels, daß die Käfer

und Fliegen, die auf den Blättern sitzen, herabfallen, dann gehen die

Forellen, die in dem Kolke hinter der gischtumsprühten Klippe stehen,

danach hoch, oder die gelbbäuchige Bergbachstelze, die in der Felsritze

unter den Farnwedeln ihr Nest hat, schnappt sie fort, ehe sie in das

Wasser fallen, wenn nicht die weißbrüstige Bachamsel, die unter der

überhängenden Wand brütet, ihr zuvorkommt.

Den ganzen Tag ist in und um den alten Haselbaum ein lustiges Leben.

Bald flattert die Dorngrasmücke aus ihm heraus, zwitschert lustig und

schlüpft in den Bergholderbusch neben ihm hinein, bald turnen die

Meisen in ihm herum. Dann wartet der Dorndreher dort, bis er einen

Käfer eräugt, die Grünfinken oder die Stieglitze lassen sich auf ihm

nieder, ein Häher, der aus dem Bache trinken will, sieht sich von da

um, und gern treten die Rehe dort hin und her und äsen sich an all den

üppigen Kräutern unter ihm.

Abends aber, wenn die Krähen laut quarrend zu Berge fliegen und in

dem alten Steinbruche das Käuzchen quiekt, wird ein anderes Leben in

dem alten Busche wach. Da, wo der Schlehenbusch sich mit dem Hasel

verschlingt und der von der Waldrebe umsponnene Weißdorn sich zwischen

beide drängt, rispelt und krispelt es verstohlen. Ein winziger

Kobold, mit großen, nachtdunklen Äuglein und langem, gespreiztem

Schnurrbärtchen, wohlbepelzt und feingeschwänzt, klettert über den

mit goldenen Flechten besetzten Ast des Nußbaumes, putzt sich das

rosarote Schnäuzchen, zupft an dem rötlichen, in der Dämmerung schwarz

aussehenden Fellchen, knabbert ein Käferchen auf, fängt ein Möttchen,

speist ein Räupchen, dreht sich um, setzt sich auf die Keulchen,

lockt leise und wartet, bis ein, zwei, drei, vier noch kleinere

Gespensterchen hinter ihm herkrabbeln und sich zu ihm gesellen, vier

kleinwinzige Haselmäuschen, seine Jungen. Es leckt sie, säubert sie,

hilft ihnen über einen dicken Astknorren, weist ihnen die Knospe, in

der das Würmchen steckt, bringt ihnen bei, daß das braune Ding, das

da an der Rinde klebt, eine schmackhafte Schmetterlingspuppe ist,

nimmt ihnen die Angst vor dem heftig schnurrenden Eulenfalter, den es

gehascht hat, und die Furcht vor dem Maikäfer, der mit lautem Getöse

daherschnurrt und an einem Blatte hängen bleibt, von dem ihn die alte

Haselmaus herabreißt. Knipps knapps, ist der Nacken durchgebissen,

ritsch ratsch, sind die Flügel herunter, zwick zwack, die Beine davon,

und nun geht das Geknusper und Geknasper los. Das schmeckt lecker, das

bekommt gut, das ist besser als im Frühling die Knospen und jungen

Triebe und die mageren Würmchen und die alten, muffigen Schlehen und

Mehlfäßchen im alten Laube, oder die vorjährige dürre Motte und der

halblebendige Käfer oder der ankeimende Grassamen. Nun ist die fette,

die schöne Zeit da.

Wenn nur die Angst nicht wäre, die gräßliche Angst! Horch, was war das

da unten? Sollte das das Wiesel sein oder der Iltis und am Ende sogar

der Fuchs, der Gaudieb? Und was flog dort eben hin? Der Kauz oder nur

eine Fledermaus? Wie schön wäre es, könnte man jetzt beim Sternenlichte

auf den äußersten Ästen umherturnen oder am Boden zwischen den blanken

Efeublättern nach Käfern jagen! Aber da oben ist man vor der Eule nicht

sicher und da unten könnte einen das Wiesel haschen. Es ist schon

besser, in dem dichten Gewirr der Äste des Hasel, der Schlehen und des

Weißdorns zu bleiben, oder in den Ranken der Waldrebe umherzuklettern

oder zwischen den zackigen Wildrosenschößlingen, die das Wiesel scheut

und wo man vor der Eule sicher ist. Da wimmelt es ja überall von

Nachtfaltern, Käfern und Raupen. Ein dicker Schwärmer kommt angesaust.

Wupps, hat ihn die alte Haselmaus am Flunk erwischt. Er schnurrt und

burrt so gefährlich, daß die vier kleinen Haselmäuse entsetzt auf einen

Haufen zusammenkriechen. Doch die Mutter hat ihm schon einen Flügel

nach dem anderen abgeknipst, und wenn er auch noch heftig mit den

grünen Augen funkelt und wild den bunten Hinterleib bewegt, es hilft

ihm alles nichts, vier paar Rosenmäulchen fallen über ihn her und

bald ist nichts von ihm übrig, als die dicken Fühler und die dünnen

Beine, die in das Gras fallen. Dann schnurrt ein Bockkäfer daher, dem

es ebenso geht, und die große grüne Heuschrecke, die auf dem Aste

heranstelzt, muß ebenfalls daran glauben.

Aber dann gibt es ein Unglück. Die eine von den kleinen Haselmäusen hat

eine dicke fette Raupe gewittert und klettert in demselben Augenblicke

hinter ihr her, als ein jäher Windstoß den Zweig heftig anrührt. Sie

verliert den Halt, schlägt durch das Laubwerk, plumpst vor die Klippe,

wird von dem Strudel gefaßt und in den Kolk getrieben. Dreimal dreht

sie sich hilflos um sich selber, und noch einmal, dann aber steigt die

dreipfündige Forelle hoch und nimmt sie in die Tiefe mit.

Mein buntes Buch: Naturschilderungen · 第 3 / 8 段