Gemäuer, und schon so lange wie der alte Pfarrer hier lebt, kennt er
die beiden Kröten. Wahrscheinlich sind es nicht immer dieselben, denn
im Herbst schnobert der Iltis hier oft umher und sammelt Frösche und
Kröten für die karge Zeit. Aber immer wieder sind die beiden Löcher
von alten, dicken Kröten, hier von einer Erdkröte, da von einer
Wechselkröte, besetzt, und das wird wohl so lange dauern, wie die
Kirchhofsmauer besteht.
Die Moorwiese.
Dort, wo die Heide zum Moore geworden ist, liegt ein großes Stück
Wiesenland.
In schwerer Arbeit hat der Bauer die Heide abgeplaggt, Rieselgräben
gezogen, eine Quelle des Söbenbores hineingeleitet, dem Boden Kalk
zugeführt und so die Wiese geschaffen, die ihm seinen Schweiß und seine
Mühe reichlich lohnt.
Dieses grüne Stück Land zwischen Moor und Heide ist eine eigene Welt
für sich. Süße Gräser gedeihen auf ihr und fetter Klee, zierliches
Schaumkraut, kecker Hahnenfuß, gebrechliche Kuckucksnelken und
schwanker Sauerampfer, auch das vornehme Knabenkraut und das stolze
Wohlverleih, und an ihren Rändern die anmutige Spierstaude sowie die
leuchtende Wasserlilie.
Die reichlichere Nahrung brachte ein stärkeres Tierleben hervor, als
nebenan in Heide und Moor. In dem dichten Grase wimmelt es von allerlei
Raupen, Käfern, Heuschrecken und anderem Gewürm, und überall kriechen
die Bernsteinschnecken umher, flattern Motten, schwirren Graseulen,
taumeln Buttervögel, und die großen und kleinen Schillebolde, die,
sobald die Sonne scheint, hier unaufhörlich hin und her flirren, machen
reiche Beute.
Ein gutes Leben haben auch die Moor- und Grasfrösche dort, desgleichen
die Spitzmäuse; ihnen nach schleicht die Kreuzotter, die sich an heißen
Tagen hier gern im kühlen Grase birgt, und der Dorndreher, der in der
Hecke sein Nest hat, findet auf der Wiese Futter genug für seine immer
hungrige Brut. Gern wurmt da auch die Heerschnepfe, und mit Vorliebe
stelzt der Brachvogel dort umher und liest unter bedächtigem Kopfnicken
allerlei kleines Getier auf, wobei ihm ein Kiebitzpaar Gesellschaft
leistet, und an tauschweren Abenden läßt der Wachtelkönig aus dem
langen Grase sein Geschnarre erschallen.
Immer ist hier etwas los. Eben rüttelte der Raubwürger über der Wiese,
nach einer Zwergmaus spähend; darauf ließen sich zwei Krähen nieder und
suchten Heuschrecken; dann kam der Sperber vorbeigeschwenkt, zog aber
mit leeren Griffen ab, weil sich die Dorngrasmücke noch rechtzeitig in
das Gestrüpp fallen ließ, und hinterher kommt ein Kornweihenmännchen
angeschaukelt und suchte die Wiese Fuß um Fuß ab, bis sie niederstößt
und mit irgend einer Beute abzieht. Jetzt läßt sich ein Feldhuhnpaar
dort nieder; der Hahn treibt die Henne eifrig und schwirrt mit ihr
in das Moor hinein. Und dann flimmert und funkelt es herrlich; ein
Fasanenhahn ist aus dem Gebüsche hervorgetreten und läßt sein Gefieder
in der Sonne leuchten.
Ihm gegenüber, am Ende der Wiese, hoppelt ein Hase aus der Heide und
mümmelt eifrig das Gras ab. Kaum ist er verschwunden, so schiebt sich
ein Rehbock halb aus den Birken, sichert ein Weilchen und tritt ganz
heraus, unter fortwährendem Verhoffen das Gras abäsend. Jetzt wirft er
auf und äugt scharf dahin, von wo der Storch angeschritten kommt. Es
paßt ihm nicht, daß ihn der Langhals stört, und halb aus Scherz, halb
im Ernst zieht er, die Läufe im spanischen Tritt setzend, ihm entgegen
und macht drohende Forkelbewegungen mit dem Haupte, bis er seinen Zweck
erreicht hat, der Storch sich aufnimmt und abstreicht, während der Bock
sich langsam an der Hecke herunteräst und dann wieder dem Moore zuzieht.
Eine Weile ist es leer auf der Wiese, nur, daß die Dorngrasmücke ab und
zu über ihr herumzwitschert und Ammern und Finken angeflogen kommen,
um sich an den Staugräben zu tränken. Die Schillebolde schwirren hin
und her, ein Zitronenfalter taumelt vorbei, Weißlinge tanzen auf und
ab, eintönig schwirrt die Laubheuschrecke. Dann läßt sich ein fast ganz
weißer Wespenbussard mitten in der Wiese nieder, schreitet bedächtig im
Grase umher und füllt sich den Kropf, um dann dem Forste zuzuschweben,
wo er seinen Horst hat. Plötzlich ist eine weiße Bachstelze da, lockt,
springt nach Fliegen und flieht eilig, weil das Raubwiesel angehüpft
kommt, hastig durch das Gras schlüpft und mit einer halbwüchsigen
Wühlratte zwischen den Zähnen dem Gebüsche zueilt.
So geht es den ganzen Tag, und naht der Abend heran, verschwinden
die Wasserjungfern, hört das Faltergeflatter auf, erstirbt das
Bienengesumme und das Hummelgebrumm, dann wird ein anderes Leben laut.
Der Heuschreckensänger läßt sein eintöniges Geschwirre ertönen, das
Rotkehlchen singt sein Abendlied. Fledermäuse zickzacken hin und
her und die Nachtschwalbe jagt mit ihnen um die Wette. Wird es noch
dunkler, so stellt sich auch die Mooreule ein und geht auf Mäusefang,
Enten fallen ein und gründeln in den Rieselgräben, um mit lautem
Angstgequarre von dannen zu poltern, wenn der Fuchs sie zu beschleichen
versucht, heftig angeschmält von dem Altreh, das mit seinen beiden
Kitzen auf die Äsung getreten ist.
Ganz duster ist es nun geworden. Im hohen Grase schnauft und schmatzt
der Igel, der Iltis geht auf die Froschjagd und flüchtet, wie der
Dachs heranschleicht und nach Untermast sticht, bis auch ihn ein
dumpfes Dröhnen vergrämt. Ein Rottier ist es, das mit seinen Kälbern
herangezogen kommt, und sich bis zum Morgen in der Wiese äst, deren
Gras reifer und süßer ist als im Forste und auf dem Moore. Ehe aber der
Nebel aus dem Grase weicht, ist das Rotwild schon wieder verschwunden
und außer zwei Hasen ist dort nur noch der Rehbock zu sehen, der aber
auch bald abzieht.
Noch ein Weilchen jagt die Mooreule an den Staugräben entlang, die
Heerschnepfe lockt, der Heuschreckensänger schwirrt: dann verliert sich
der Nebel und die Tiere des Tages treiben wieder ihr lustiges Leben auf
der Wiese zwischen Heide und Moor.
Die Schlucht.
Unter der Steilwand des Berges erhebt sich ein Dutzend Klippen in dem
Buchenaufschlag, und darunter liegt ein großer Erlensumpf, in dem sich
das Regenwasser, das von den Felsen hierhin geleitet wird, fängt, um
in einer Reihe von dünnen Wasserfäden wieder zum Vorscheine zu kommen,
die sich allmählich zusammenfinden und ein Bächlein bilden. Im Laufe
der Zeit hat es sich ein tiefes Bett in den Berg gegraben, den Erdboden
bis auf den felsigen Grund fortgewaschen, und so rinnt es nun in einer
engen Schlucht mit steilen Wänden zu Tale, meist flach und dünn, dann
und wann aber breite flache Tümpel oder tiefe Löcher bildend, je
nachdem die Rinne sich verbreitert oder Felszacken sie einengen.
Da aus der Schlucht immer eine feuchte Luft heraussteigt, sind ihre
Ränder dicht mit Farnen bestanden, hohem Straußfarn und Wurmfarn,
deren verwelkte Wedel jetzt wie braune Fächer herabhängen, starrem
Rippenfarn, dessen Laub auch im Winter grün bleibt, und Tüpfelfarn,
der ganze Rasen zwischen den Wurzeln der alten Eichen bildet,
die die Schlucht begleiten. Aus den Spalten ihrer feuchten Wände
kommen dichte Büschel winziger Felsenfarne hervor, die helles und
dunkles, gefiedertes und gelapptes Laub tragen, und mit Efeuranken,
Lebermoosgeflechten und Laubmoospolstern die Felswände fast ganz
bedecken.
Im Sommer kommt die Sonne wegen der dichtschattenden Eichen und Buchen
nur an ganz wenigen Stellen bis an die Schlucht heran; jetzt aber,
da die Wipfel kahl sind, kann sie sie nur da nicht erreichen, wo die
Fichten sich ganz eng um sie zusammendrängen. Hier, wo die Steilwände
auseinandergehen und der Wasserfaden ein breites Becken mit flachen
Ufern gebildet hat, fällt das Mittagslicht der Wintersonne voll auf das
Wässerchen. Die Schneeflocken an seinen Rändern leuchten nur so und die
Eiszapfen an den freien Wurzeln blitzen und funkeln um die Wette mit
den Blättern des Efeus und des Haselwurzes.
So warm scheint die Sonne, daß die Schneeflöhe auf den Schneeflecken
lustig hin und her hüpfen und der Gletschergast, das seltsame,
flügellose, dunkelerzgrüne Wespchen, munter zwischen den Fruchtschirmen
des Brunnenmooses auf und ab springt. Eine kleine Gehäuseschnecke ist
unter der Wirkung der Sonnenwärme aus der Froststarre erwacht; sie
kriecht langsam vorwärts und weidet den Algenüberzug des Gesteins
ab. Da kommt unter einem faulen Farnwedel ein winziges, fast nacktes
Schneckchen, das auf dem Hinterleibe einen lächerlich kleinen flachen
Deckel trägt, hervorgekrochen. Es streckt seine Taster in die Luft,
bewegt sie hin und her und schleicht dann stracks auf das andere
Schneckchen zu, das, sobald es sich berührt fühlt, sich schleunig
in sein Häuschen zurückzieht. Doch das nützt ihm wenig, denn die
Daudebardie legt sich darüber, raspelt mit ihrer scharfgezähnten Zunge
das Häuschen durch und frißt das Schneckchen bei lebendigem Leibe auf.
In den Sonnenstrahlen, die durch die Wipfel der Fichten fallen, blitzt
und funkelt es unaufhörlich auf und ab. Ein Schwarm von Wintermücken
ist es, die hier ihren Hochzeitstanz aufführen. Den Sommer über haben
sie als Larven in dem faulen Laube am Grunde der Schlucht gelebt, haben
sich im Spätherbste zu Mücken entwickelt und schwärmen nun fröhlich
umher. Sie locken den Zaunkönig an, der eben noch in dem dichten
Waldrebengeflechte, das die lichthungrigen Dornbüsche weiter unten an
der Schlucht umspinnt, fürchterlich lärmte, weil es ihm nicht paßte,
daß die Waldmaus da umhersprang und ihm die Spinnen und Käfer fortfing,
die er als sein ausschließliches Eigentum betrachtet. Nun schlüpft er
in der Schlucht von Wurzel zu Wurzel und hascht alle Augenblicke eine
der Mücken. In den Dornbüschen turnt ein Sumpfmeisenpärchen umher und
pickt die Spannereier von der Rinde fort, und sobald es verschwunden
ist, erscheinen mit vergnügtem Gepiepe zwei Blaumeisen und halten
Nachsuche.
Dann ertönt ein leises Ticken, ein Rotkehlchen aus dem Norden, das den
Winter hierzulande warm genug findet und nicht weiter gewandert ist,
kommt angeschnurrt, macht einen Bückling, fängt eine Mücke, trinkt aus
dem Tümpel, sucht nach Gewürm und Schneckchen im Moose und schnurrt
von dannen. Einige Buch- und Bergfinken fallen ein, tränken sich und
stieben wieder ab. Eine Amsel fliegt herbei, wirft mit dem Schnabel
geräuschvoll das Vorjahrslaub durcheinander, erbeutet Regenwürmer
und Schnakenmaden und streicht mit gellendem Gezeter davon, weil der
Fuchs aus der Fichtendickung heranschleicht. Er besucht die Schlucht
gern, denn allerlei Mäuse wohnen in ihr, und ab und zu erwischt er
dort auch eine Forelle, die sich von Tümpel zu Tümpel geworfen hat,
um in dem sauerstoffreichen Wasser abzulaichen. Damit tut sie den
vielen Salamanderlarven, die auf dem Grunde der Kölke leben, einen
Gefallen, denn die frisch ausgeschlüpften Forellen sind ihnen ein
bequemes Futter. Sie selber aber fallen zum Teil dem Eisvogel zur
Beute, der ab und zu einen Ausflug in die Schlucht macht, während
die Köcherfliegenlarven, die in Menge auf dem Grunde der Pfützen
umherkriechen, der Wasseramsel über die schlechte Zeit hinweghelfen
müssen, wenn der Bach, in den das Bächlein rinnt, durch Regengüsse oder
Schneeschmelze getrübt ist.
Wenn im Vorfrühjahr die Sonne schon mehr Macht hat, blühen die
Haselbüsche auf, die an den Flanken der Schlucht wachsen; über die
ganze Rinne hin leuchtet es von den goldenen Troddelchen und die
bemoosten Felswände werden gelb überpudert. Es dauert dann auch nicht
lange, und die vielen Seidelbaststräucher in den Steinspalten bedecken
sich mit rosenroten Blüten, die blauen Sterne der Leberblümchen
erscheinen im Laube, erst wenige weiße Buschwindröschen, zu denen jeden
Tag mehr kommen, und schließlich auch die gelben, die Goldsternchen des
Scharfkrautes, rosig aufblühende und dann blau werdende Lungenblumen,
die zierlichen Simsen, die unheimliche Schuppenwurz, der bunte
Lerchensporn, das winzige Moschusblümchen, und über sie hin schwirrt
und flirrt es von Motten und Fliegen, und im Laube rispelt und krispelt
es von Käfern aller Art, und lustig flattern die Zitronenfalter
zwischen dem Gebüsche umher.
Um diese Zeit kommen auch die Fadenmolche aus ihren Winterlagern
hervorgekrochen, fressen heißhungrig, bis sie fett und dick sind,
vertauschen ihre mißfarbigen Kleider mit bunten Hochzeitsgewändern und
bevölkern die flache, mit faulen Blättern gefüllte Wasserrinne, bis
das Laichgeschäft vorüber ist. Ihnen folgen die Salamander, die zu
Hunderten hier zusammenkommen und in den tieferen Wasserlöchern ihre
Brut absetzen, um sich dann wieder über den ganzen Wald zu verteilen.
Dann aber ist auch die hohe Zeit für die Schlucht vorbei. Die
Vorfrühlingsblumen verwelken, das Laub der Buchen und Eichen
verschränkt sich und schattet so sehr, daß nur noch die Farne, die
braune Vogelnestwurz, der leichenfarbige Fichtenspargel, Pilze und
wenige Schattenpflanzen hier gedeihen und von den Tieren Schnecken und
solches Gewürm, das mit halbem Lichte zufrieden ist und die feuchte
Kühle liebt, und das zum Teil erst dann zu vollem Leben erwacht und
sich aus den modrigen Spalten und dem vom Fallaube verhüllten Schotter
nach oben zieht, wenn Schnee das Land bedeckt und Eiszapfen aus dem
Moose heraushängen.
Die Heide.
Im Spätherbst, als das rosenrote Seidenkleid der Heide immer mehr
verschoß, wurden die Stadtleute ihr untreu.
Wochenlang waren sie bei ihr zu Gast gewesen, waren auf und ab gezogen
in ihrem Bereiche, hatten ganze Arme voller rosiger Heidsträuße
mitgenommen, hatten auf das überschwenglichste von ihr geschwärmt und
waren dann fortgeblieben.
Sie wußten nicht, wie schön die Heide spät im Herbst ist, wenn ihr
bräunliches Kleid mit silbernen Perlchen bestickt ist, wenn die
Moorhalmbüschel wie helle Flammen leuchten, die Brunkelstauden feuerrot
glühen und die Hängebirken wie goldene Springbrunnen auf die dunklen
Jungföhren herabrieseln.
Die Leute meinen, tot und leer und farblos sei es dann dort. Sie
wissen nichts von den knallroten Pilzen, die im seidengrünen Moose
prahlen, von den blanken Beeren an den bunten Brombeerbüschen, von den
goldgelben Faulbaumsträuchern und den glühroten Espen vor den düsteren
Fichten, von den mit purpurnem Riedgrase besäumten, blau blitzenden
Torfgruben und von dem lustigen Leben, das zwitschernd und trillernd,
pfeifend und kreischend über alle die bunte Pracht hinwegzieht.
Sie ahnen es auch nicht, wie herrlich die Heide selbst dann noch ist,
wenn die Birken ihren goldenen Schmuck verlieren und die Eichen ihr
bronzenes Laub fahren lassen müssen. Viel farbiger als der Buchenwald
ist wintertags die Heide, sei es, daß der Schnee sie verhüllt, von
dem dann die ernsten Föhren, die unheimlichen Wacholder und die
silberstämmigen, dunkelästigen Birken sich feierlich abheben, oder daß
Rauhreif ihr ein zartes Spitzenkleid schenkt, das die Farben der Bäume
und Büsche weicher und feiner macht, und das in der Sonne wunderbar
glimmert und schimmert. Sogar dann, wenn der Nordweststurm seine
zornigsten Lieder singt und die Sonne blutrot in gespenstigen Wolken
hinter den blauen Wäldern untertaucht, hat die Heide Schönheiten, die
andere Landschaften nicht darbieten. Aber nicht viele Menschen wissen
das.
Und jetzt, da die Zeit herankommt, daß die Heide sich zum
Frühlingsfeste rüstet, nun sie ihr fröhlichstes Kleid anlegt, da bleibt
sie allein für sich, denn die Menschen in der Stadt haben keine Kunde
davon, wie lieblich sie ist in ihrer Bräutlichkeit. Wie ein stilles,
halb verlegenes, halb schalkhaftes Lächeln in einem schönen, ernsten
Frauengesicht ist das Aufwachen des Frühlings im Heidlande, langsam
bereitet es sich vor, fast unmerklich tritt es in Erscheinung durch
schüchtern sprießende Gräser, verschämt hervorbrechende Blättchen,
zaghaft sich öffnende Blüten, bis nach und nach die Büsche und Bäume
sich voll begrünen und jede Wiese ein einziges Blumenbeet ist.
Über der wilden Wohld, die geheimnisvoll und dunkel hinter den Wiesen
bollwerkt, kreisen die Kolkraben und rufen laut. Da recken die Erlen
am Forellenbach ihre Troddeln und schütten Goldstaub auf die Wellen.
In den hohen Föhren jagt der Schwarzspecht mit gellendem Jauchzen sein
Weibchen von Stamm zu Stamm. Da werden die Bommelchen am Haselbusch
lang und länger, bis sie wie Gold in der Sonne leuchten. Der Tauber
ruckst auf dem Hornzacken der alten Eiche. Da öffnen die Kuhblumen am
Graben ihre stolzen Blüten. Vor Tau und Tag schlägt der Birkhahn im
Bruche die Trommel, der Kranich trompetet, die Heerschnepfe meckert,
und nun platzen an den kahlen Porstbüschen die braunen Kätzchen auf,
das ganze weite Bruch umzieht sich mit einem goldrot glühenden Geloder,
und auf den angrünenden Wiesen entzünden die Weidenbüsche helle
Freudenfeuer.
Jetzt rühren sich auch die Birken. Sie schmücken sich mit smaragdgrünen
Blättchen und behängen sich mit langen Troddeln, und in wenigen Tagen
geht ein betäubender Juchtenduft vor dem lauen Winde her, gemischt mit
dem strengen Geruch des blühenden Porstes. Auch die Föhren und Fichten
färben sich freudiger, die Erlen brechen auf und schließlich lassen
sich sogar die Eichen rühren und umgeben ihre knorrigen Zweige mit
goldenen Flittern. Nun beginnt ein Jubeln, Singen und Pfeifen, das von
Tag zu Tag stärker wird. In den Wäldern schlagen die Finken, pfeifen
die Stare, flöten die Drosseln, Laubvogel und Rotkehlchen singen ihre
süßen Weisen, die Meisen läuten, die Pieper schmettern, der Grünspecht
kichert, der Buntspecht trommelt, die Weihen werfen sich laut keckernd
aus der Luft, die Kiebitze rufen und taumeln toll vor Lebenslust
umher, und unter den lichten Wolken am hohen Himmel zieht der Bussard
jauchzend seine schönen Kreise.
Auch in dem Dörfchen, das unter den hohen Heidbergen fast ganz
versteckt zwischen seinen Hofeichen liegt, ist der Frühling
eingekehrt. Von jedem Giebel pfeifen die Stare, in allen blühenden
Bäumen schmettern die Finken, in den Fliederbüschen schwatzen die
Sperlinge, auf der Gasse jagen sich zwitschernd die Bachstelzen, und
am Mühlenkolke singt die Nachtigall. Über dem Dorf aber auf der hohen
Geest, wo der Wind am schärfsten weht, wird es nun erst Frühling.
Einzelne Birken sind ganz kahl, andre wollen sich just begrünen, und
nur ganz wenige schaukeln schon ihre Blütenkätzchen. Aber immer mehr
Heidlerchen hängen in der Luft und dudeln ihre lieben Lieder hinab,
von Tag zu Tag färbt sich das Heidkraut frischer, schmücken sich die
mürrischen Wacholderbüsche mit mehr jungen Trieben, verjüngt sich das
Torfmoos im Quellsumpf und umzieht sich sein Abfluß mit silbernen
Wollgrasschäfchen und goldgelben Milzkrautblüten, und hin und her
fliegen die Hänflinge, lustig zwitschernd.
Endlich flötet der Pfingstvogel in den hohen Birken bei dem alten
Schafstall, in der Wiese stelzt der Storch umher, grüne Käfer fliegen
blitzend und schimmernd über den gelben Sandweg, die Morgenrotfalter
taumeln über die Wiesen, die vom Schaumkraut weiß überhaucht sind, an
den Föhren und Fichten springen gelb und rot die Blütenzapfen auf und
sprießen neue Triebe, und ganz und gar hat sich nun der Frühling die
Heide erobert von den kahlen Höhen an bis tief in das Moor hinein, wo
an den Torfgruben die Rosmarinheide ihre rosenroten Glöckchen entfaltet
und auf den Gräbern silbernglänzendes Gras flutet. Das ganze Land ist
verjüngt, überall ist frisches, junges Laub und buntes Geblüm, darüber
hin zieht ein kräftiger Duft, und kein Fleck ist da, wo nicht ein
Vogellied erschallt von der Frühe an, wenn die Birkhähne blasen und
trommeln, bis zur Abendzeit, wenn die Nachtschwalbe mit gellendem Pfiff
dahinschwebt und laut die Fittiche zusammenknallt.
Dann ist die Heide lustiger als zu einer andern Zeit, so voll von
Leben, so bunt von Blumen, so reich an Farben, daß auch ihre ernsten
Menschen fröhlicher werden müssen. Rauscht doch das Birkenlaub so
schelmisch im Wind, summen doch selbst die brummigen Föhren zufriedener
als je, flattert es allerorts weiß und bunt von flinken Faltern und
ist die von Kienduft durchtränkte Luft erfüllt von Lerchengetriller
und Piepergeschmetter, daß der Mensch helläugig werden muß, auch wenn
er bei sengender Sonnenglut im Moor in schwerer Mühe den Torf gewinnen
muß; denn ohne daß er es weiß, machen die leise zitternden weißen
Wollgrasflocken, die silbern blitzenden Birkenstämme und die goldenen
Blüten an den Ginsterbüschen sein Herz leicht und heiter.
Von all der Pracht aber wissen die Menschen in der Stadt nichts;
sonst würden sie nicht in überfüllten Anlagen und lärmdurchtönten
Wirtschaftsgärten Erholung suchen, die dort nicht zu finden ist,
sondern ihren Sonntag in der Heide verbringen, in der lachenden,
lustigen, liederreichen Heide.
Der Fluttümpel.
Einen ganzen Tag und eine volle Nacht schlugen die Wogen über den
Strand. Ein jedes Mal, wenn sie ankamen, luden sie totes und lebendes
Getier, Steine und Tang ab, nahmen dafür aber große Mengen Sand mit, so
daß den ganzen Strand entlang eine Reihe von Tümpeln entstand.
Die meisten von ihnen waren so flach, daß sie die Sonne heute in
wenigen Stunden austrocknete. Der eine aber hier hinter der Barre von
Feuersteinknollen, Seegras und Miesmuscheln, die die Wogen anhäuften,
hat den Sonnenstrahlen widerstanden, denn er ist anderthalb Fuß tief,
zwanzig Schritte lang und zehn breit.
Ein Meer in kleinem Maßstab ist dieser Flutkolk. An mehreren Stellen
liegen Feuersteine, die dicht mit ledrigem Blasentang bewachsen sind,
dessen Laub bis an den Spiegel reicht. Auf anderen Steinen, die das
Wasser hier hinschleuderte, wuchern zarte Tange von hellgrüner Farbe,
auf anderen wieder zierliche Algen, braun, rot und grün gefärbt. Der
Boden des Tümpels besteht aus klarem Sande und den Schalen von Muscheln
und Schneckengehäusen.
Die See hat so viele Dorsche, Knurrhähne und Butts auf den Strand
geworfen, daß die Möwen und Krähen überreichlichen Fraß finden, und so
kümmern sie sich nicht um das Getier, das in dem Kolke lebt, und auch
die Brandenten, die bei hohem Seegange gern in ihm herumschnattern,
gründeln heute, wo das Meer still wie ein Spiegel daliegt, in der
Seegraswiese im Seichtwasser, in dem es von Fischbrut, Schnecken und
Garnelen wimmelt. So haben die Tierchen in dem Tümpel vorläufig Ruhe.
Hurtig schießen die jungen Dorsche durch das Wasser und jagen auf
winzige Krebschen. Sobald aber unser Schatten auf den Wasserspiegel
fällt, huschen sie unter die Steine oder verbergen sich zwischen
dem Blasentang, und die Garnelen fahren von dannen und graben sich
blitzschnell in den Kies ein. Eine durchsichtige Qualle schwimmt
langsam an der Oberfläche. Jetzt schließt sie sich über einem halbtoten
jungen Dorsch und sinkt mit ihm zu Boden, um ihn aufzusaugen, und dicht
neben ihr kriecht ein Seestern und sucht nach lebenden Miesmuscheln.
Zwischen dem zarten hellgrünen Tange bewegt sich etwas, das wie
ein abgerissenes Seegrasblatt aussieht. Es ist eine Seenadel. Ganz
langsam bewegt sich der grasgrüne, stricknadeldünne Fisch dahin.
Weiterhin zwischen dem Blasentang schwimmt ein bräunlicher, größerer,
und allmählich entdecken wir ein ganzes Dutzend der seltsamen Fische
zwischen den roten, braunen und grünen Algenbüschen. Auch einige
fadendünne Jungaale schlängeln sich am Rande des Tümpels dahin und
suchen einen Ausweg, denn das Brackwasser ist ihnen leid und es drängt
sie nach dem Flusse. Sogar eine winzige Scholle ist hier gefangen. Sie
hat sich bis auf die Augen eingewühlt und ist kaum sichtbar.
Da wir ganz stillliegen, zeigt sich immer mehr Leben. Flohkrebse
schießen zwischen den Algen hin und her, die Dorsche necken sich und
die Garnelen wagen sich wieder hervor. Hier vor uns tauchen zwei
winzige schwarze Punkte auf, und da und dort ebenfalls. Es sind die
Augen eines kaum zollangen, schlanken Krebses, der durchsichtig wie
Glas ist, so daß wir ihn nur an den Augen und an dem bräunlichen
Darminhalt erkennen. In Menge sind diese Tiere hier in dem Tümpel; aber
jetzt, wo der Schatten einer vorüberfliegenden Möwe auf das Wasser
fiel, sind sie sämtlich verschwunden, und trotz aller Mühe finden wir
keinen von ihnen wieder, bis auf einmal die schwarzen Augen wieder
auftauchen und sie uns verraten.