Für diesen Versuch sind zwei ~möglichst gleiche~ Leidener Flaschen

nötig. Rudi hatte dazu zwei zylindrische Gläser verwendet (siehe Seite

46 u. f.), die 30 _cm_ hoch waren und nahe 15 _cm_ im Durchmesser

hatten. (Je kleiner die Flaschen sind, umso schwerer gelingt der

Versuch!) Jede der Flaschen erhielt einen um ihren äußeren Belag

gelegten Blechstreifen (_B_ in Abb. 198 und 199), an dem bei der einen

Flasche (Abb. 198) ein gerader, etwa 2 _mm_ starker und 30 _cm_ langer

Draht (_D₂_) angelötet war; bei der anderen Flasche war ein ebensolcher

Draht (_D_) in der aus Abb. 199 ersichtlichen Form gebogen, an seinem

Ende mit einer Kugel versehen und durch den Träger _T_ gestützt,

der aus Glas, Hartgummi oder Vulkanfiber hergestellt war, auf dem

Flaschenrand aufsaß und mit Schellackkitt (s. S. 5 u. 79) angekittet

war. Dem Knopf der ersten Leidener Flasche gegenüber war, wie Abb.

198 zeigt, ebenfalls ein Metallknopf befestigt, an dem der Draht _D₁_

angelötet war, _D₁_ stand zu _D₂_ parallel. _D₁_ wurde von dem Rähmchen

_R_ gehalten, das aus Hartgummi oder Vulkanfiber hergestellt war. Aus

2 bis 3 _mm_ dicken Fiber- oder Ebonitplatten sägte er sich dazu zwei

gleiche Rähmchen, versah sie an den in Abb. 198 mit _x_ bezeichneten

Stellen mit Kerben, in denen die Stange _S_ und der Draht _D₁_ knapp

Platz fanden. _S_ und _D₁_ wurden dann in der aus der Abbildung

ersichtlichen Weise zwischen den beiden Rähmchen, indem diese mit

Schrauben zusammengezogen wurden, eingeklemmt. Ferner wurden _D₁_ und

_D₂_ durch einen verschiebbaren Draht _V_ miteinander verbunden.

[Illustration:

Abb. 198. Abb. 199.

Leidener Flaschen für Resonanzversuche.]

Man kann auch _D₁_ direkt an den Knopf der Stange _S_ anlöten. Dann muß

man aber noch eine besondere Funkenstrecke dadurch herstellen, daß man

einen Streifen Stanniol so über den Rand der Flasche legt, daß er den

inneren Belag berührt, von dem äußeren aber einige Millimeter entfernt

bleibt. Die Resonanzentladung geht dann zwischen dem Streifen und dem

äußeren Flaschenbelag über.

Diese beiden Flaschen stellte Rudi in einem Abstande von etwa 50 _cm_

so auf, ~daß die Ebenen der beiden Schließungskreise einander parallel

waren~. Der Bügel _V_ war fast bis an das Ende der Drähte _D₁_ und _D₂_

geschoben. Die Flasche, die Abb. 199 darstellt -- sie heiße fernerhin

_A_, die andere _B_ --, ließ er durch Käthe mit seiner Influenzmaschine

laden, so daß in kurzen Intervallen bei _F′_ Funken überschlugen. Dann

verschob er mit einem Glasstab den Bügel _V_ der Flasche _B_ langsam

nach innen; kaum hatte _V_ einen bestimmten Punkt erreicht, als auch

bei _F_ an der Flasche _B_ Funken übersprungen, obgleich diese mit

keiner Elektrizitätsquelle verbunden war. Wurde das Laden der Flasche

_A_ unterbrochen, so hörten auch die Funken bei _B_ auf. Traten bei _A_

die Funken wieder auf, so traten sie auch bei _B_ auf, aber nur, wenn

der Bügel _V_ sich an einer ganz bestimmten Stelle befand; wurde er

verschoben, so blieben die Funken aus.

Nachdem Rudi diese Erscheinung einige Male möglichst demonstrativ

vorgeführt hatte, begann er die Erklärung:

„Bei dem Versuch mit den Stimmgabeln haben Sie gesehen oder vielmehr

gehört, daß, wenn beide Gabeln auf den gleichen Ton abgestimmt waren,

auch beide erklangen, selbst wenn nur die eine angeschlagen wurde. Die

Gleichheit der Tonhöhe, das heißt der Schwingungszahl in der Sekunde

bei beiden Gabeln war dabei notwendig, denn wenn sie auf verschiedene

Töne abgestimmt waren, gelang der Versuch nicht.

Ganz ähnlich verhielten sich die Dinge bei den Leidener Flaschen. Was

bei der Stimmgabel der Ton ist, ist hier der Funke; dem verstellbaren

Gleitschuh dort entspricht hier der Drahtbügel, den ich hin und her

schieben kann.

Wenn ich die eine der gleichgestimmten Gabeln anschlage, so geraten

ihre elastischen Zinken in Schwingungen; diese Schwingungen erschüttern

die Luft, und es entstehen Luftwellen, die sich mit einer gewissen

Geschwindigkeit von der Stimmgabel wegbewegen. Wenn man sich von

diesem Vorgang ein Bild machen will, so denke man an die Wellenkreise,

die ein in ein ruhiges Wasser geworfener Stein verbreitet. Diese

Luftwellen schlagen nun in einem ganz bestimmten Takt, der eben dem

betreffenden Ton eigen ist, an die andere Stimmgabel; da diese aber

fähig ist, in dem gleichen Takt zu schwingen -- sie ist ja auf die

gleiche Tonhöhe abgestimmt --, so muß sie den rhythmisch anschlagenden

Luftwellen nachgeben, das heißt sie gerät selbst in Schwingungen.

Ganz ähnlich verhält es sich bei den Leidener Flaschen. Entladet

sich eine solche Flasche durch einen Funken, so geraten dabei die

leitenden Teile in einen Zustand, den man nicht näher definieren kann,

der aber dem Äther in ganz ähnlicher Weise wie die Stimmgabel der

Luft rhythmische Stöße erteilt, so daß er von einer Wellenbewegung

durchzittert wird. Treffen diese Wellen, die in einem ganz bestimmten

Takt aufeinander folgen, an das Leitungssystem der anderen Flasche,

so gerät dieses ebenfalls in jenen Zustand -- was sich durch das

Auftreten von Funken äußert --, wenn es auf die gleiche Schwingungszahl

abgestimmt ist (siehe auch die Kritik am Ende des Vortrages). Die

Schwingungszahl eines derartigen Systemes hängt ab von Form und Größe

der Flaschen und des Drahtkreises, durch den die Entladung vor sich

geht.

[Illustration: Abb. 200. Resonanzpendel.]

Diesen Vorgang bezeichnet man in der Akustik wie in der

Elektrizitätslehre als ~Resonanz~; ebenso finden wir in der Optik

ähnliche Erscheinungen, und auch in der Mechanik gibt es eine Resonanz,

wie ich Ihnen mit diesem Apparat zeigen will.“

Hier stellte Käthe in den Vordergrund des Experimentiertisches einen

Apparat, dessen Konstruktion aus Abb. 200 und der nun folgenden

Beschreibung Rudis für den Leser hinreichend klar hervorgehen wird.

„Hier wird eine Messingstange von den beiden Holzträgern so

gehalten, daß sie sich leicht um ihre Längsachse drehen kann.

Über diese Messingstange sind zwei Rohrstückchen geschoben, die

ebenfalls beweglich sind. An jedem der Röhrchen ist ein dicker Draht

angelötet, an dem sich eine runde Scheibe aus Bleiblech herauf- und

herunterschieben läßt. Ich habe hier also zwei Pendel, deren Länge ich

beliebig verändern kann.

Nun ist es ein bekanntes Gesetz aus der Mechanik, daß ein Pendel

umso rascher schwingt, je kürzer es ist und umgekehrt, wie bei der

Stimmgabel. Ich will jetzt das eine Pendel ziemlich lang, das andere

möglichst kurz machen -- Käthe schob die eine der Bleiplatten ganz nach

oben, die andere ganz herunter, ~hielt die Messingstange in der Mitte

fest~ und versetzte beide Pendel in Schwingung --. Sie sehen, das lange

Pendel braucht viel mehr Zeit, um einmal hin und her zu gehen, als

das kurze. Jetzt sind beide Pendel in Ruhe; ich stoße das kürzere an;

es schwingt allein, obgleich die gemeinsame Achse infolge der Reibung

dieses Röhrchens sich ebenfalls bewegt und man meinen sollte, daß diese

Bewegung auch dem langen Pendel mitgeteilt würde. Jetzt will ich einmal

das kurze zur Ruhe bringen und das lange in Schwingungen versetzen:

auch das ist nicht im stande, seinem Nachbar seine Bewegung mitzuteilen.

Nun will ich sie aber einmal beide ~gleich~ lang machen und das eine

anstoßen: Sie sehen, schon nach drei, vier Schwingungen beginnt der

Nachbar mitzuschwingen -- und jetzt pendeln sogar beide gleich stark.

Näher kann ich hier auf diese mechanischen Erscheinungen nicht

eingehen. Das letzte Beispiel möge nur zur Versinnlichung der

elektrischen Resonanz dienen.“

[Sidenote: Interferenz.]

Die zweite hierher gehörige elektrische Erscheinung, die ebenfalls ihr

Gegenstück bei der Akustik hat, ist die ~Interferenz~.

Die Experimente, die die akustische Interferenz nachweisen, sind

nicht gut für viele Zuhörer vorzuführen. Rudi beschränkte sich deshalb

darauf, die Tatsachen an zwei schematischen Zeichnungen zu erklären.

[Illustration: Abb. 201. Interferenz zweier Wellenzüge.]

Denken wir uns einen Schallwellenzug schematisch durch eine wirkliche

Wellenlinie aufgezeichnet (_A_ in Abb. 201); gleichzeitig sei ein

zweiter Wellenzug dargestellt (_B_), der um eine halbe Wellenlänge

gegen den ersten verschoben ist. Wir sehen, daß die Resultierende

aus beiden Linien gleich Null ist, das heißt die beiden Töne müssen

einander auch in der Wirklichkeit, wenn sie so zusammenfallen,

aufheben, sie müssen verstummen.

Diese Tatsache wird mit dem ~Interferenzrohr~ nachgewiesen, dessen

Einrichtung aus Abb. 202 hervorgeht. Wir sehen hier ein Rohrsystem, das

bei _c_ seinen Eingang hat, sich bei α in den oberen festen Gang _A_

und den unteren veränderbaren _B_ teilt, sich bei β wieder vereinigt

und bei _d_ ausläuft.

[Illustration: Abb. 202. Interferenzrohr.]

Erzeuge ich bei _c_ einen Ton, so entstehen Luftwellen, die sich durch

_A_ und _B_ fortpflanzen und bei _d_ ausströmen; man wird also bei _d_

den Ton hören -- oder nicht hören, je nachdem sich die Länge des Weges

_A_ zu der des Weges _B_ verhält. Höre ich bei _d_, während der Ton bei

_c_ andauert, und verändere gleichzeitig die Länge des Weges _B_ durch

Zusammenschieben oder Auseinanderziehen der Röhren bei _x_, so werde

ich wahrnehmen, daß der Ton bald verstummt, bald wieder ertönt. Das

rührt daher, daß bei einem gewissen Verhältnis der Weglänge _A_ zu der

Weglänge _B_ die sich bei β vereinigenden Schallwellen so treffen, wie

es in Abb. 201 gezeichnet ist: Ein Wellenberg und ein Wellental treffen

gerade zusammen und heben einander auf, die Tonstärke ist gleich Null.

Dies kann bei verschiedenen Längen von _B_ der Fall sein; dann ist

die Strecke, um die ich _B_ verlängern oder verkürzen muß, um den Ton

gerade zweimal zum Verstummen zu bringen, ein unmittelbares Maß für die

Gänge der betreffenden Schallwelle.

Eine ganz ähnliche Erscheinung können wir bei den elektrischen Wellen

nachweisen. Die Apparate, die zu diesen Versuchen nötig sind, können

wir uns leicht selbst herstellen.

[Illustration: Abb. 203. Blechkasten für den Funkeninduktor.]

Zuerst müssen wir uns einen Blechkasten fertigen, in dem der

Funkeninduktor samt der ihn treibenden Akkumulatorenbatterie

untergebracht werden kann. Der Blechkasten muß einen Deckel haben,

dessen Ränder weit übergreifen und fest anliegen. Ferner muß an ihm

vor der Stelle, von der die elektrischen Wellen ausgehen, ein offenes

Ansatzrohr _A_ (Abb. 203) befestigt sein, das einen quadratischen

Querschnitt mit etwa 4 _cm_ Seitenlänge und eine Länge von etwa 5

_cm_ hat. Vorteilhaft ist es, wenn man die Apparate in dem Deckel

zusammenstellt und dann den Kasten umgekehrt darüberstülpt. An dem

Blechkasten muß auch außerdem noch eine Öffnung sein, durch die man zu

der Kontaktvorrichtung für den primären Strom gelangen kann, um die

Tätigkeit des Funkeninduktors hervorrufen oder abstellen zu können.

Diese Öffnung muß aber durch eine Schiebeklappe gut verschließbar sein.

Der zweite Apparat, der ebenfalls noch in dem Kasten Platz finden muß,

ist der Sender oder Radiator, von dem die elektrischen Wellen erzeugt

werden. Dieser Radiator wird ähnlich hergestellt wie der auf Seite 252

beschriebene und in Abb. 207 dargestellte[10], nur unter Verwendung

von etwas kleineren Kugeln (etwa 3 _cm_ Durchmesser). Wie der Radiator

so über dem Funkeninduktor anzubringen ist, daß er möglichst wenig

Platz in Anspruch nimmt, überlasse ich der Phantasie des Lesers. Nur

darauf sei noch hingewiesen, daß die Wände des Kastens überall von den

Klemmen des Funkeninduktors genügenden Abstand haben müssen, da die

Entladung sonst statt durch den Radiator durch das Blech vor sich geht.

Wir kommen jetzt zur Herstellung des Interferenzrohres. Wer im

Bearbeiten von Blech bewandert ist, verfertigt sich diesen Apparat ganz

aus dünnem Weißblech; wer sich das jedoch nicht zutraut, macht ihn aus

Pappe, die innen und außen vollkommen mit starkem Stanniol überzogen

wird. Das Rohr, dessen Schnitt Abb. 204 zeigt, hat einen quadratischen

Querschnitt mit 4 bis 5 _cm_ Seitenlänge. Der Teil _B_ ist, wie schon

aus der Abbildung erhellt, so eingerichtet, daß er, ähnlich wie eine

Posaune, ausgezogen oder eingeschoben werden kann. Dabei müssen die

äußeren Rohrwände sich möglichst genau den inneren anlegen. Zur

Verminderung der Reibung öle man die in Betracht kommenden Teile ein.

Bei α und β setze man gemäß Abb. 204 je zwei Spiegel ein, die aus

Stanniol mit Unterlage von Pappe angefertigt werden. Sie dienen zur

Reflexion der Wellen.

[Illustration: Abb. 204. Interferenzrohr.]

Nun wollen wir sehen, wie Rudi die Experimente mit diesen Apparaten

ausführte.

Auf einer hinreichend hohen Unterlage stellte Rudi den Blechkasten

mit den eingeschlossenen Apparaten derart auf, daß das Ansatzrohr

nach rechts zeigte; über letzteres schob er den Ansatz _c_ des

Interferenzrohres, dessen feste Hälfte _A_ auf dem Boden des Tisches

aufstand. Ungefähr 30 _cm_ von der Öffnung _d_ entfernt, aber genau in

gleicher Höhe vor derselben, stellte er den oben beschriebenen Fritter

auf, in den für diesen Versuch möglichst wenig Feilspäne einzufüllen

sind und den er so mit einer elektrischen Glocke zusammengestellt

hatte, wie aus Abb. 205 hervorgeht. An den Klöppel der Klingel hatte er

einen starken Draht _a_ angelötet, der so gebogen war, daß er, wenn die

Glocke in Tätigkeit gesetzt wurde, an den Fuß des Fritters schlagend

diesen erschütterte. Das Glockenbrett war durch eine Schraube fest mit

dem Fritterbrett verbunden. Wie er zur Vorführung der Experimente die

Apparate mit einem Element in leitende Verbindung brachte, erhellt aus

Abb. 205.

[Illustration: Abb. 205. Fritter mit Glocke und Schüttelvorrichtung.]

Sobald nun Rudi den Funkeninduktor in Bewegung setzte, begann die

Glocke zu ertönen, da der Fritter von elektrischen Wellen getroffen

wurde und deshalb dem vom Elemente kommenden Strome keinen Widerstand

mehr entgegensetzte. Die Glocke ertönte aber nur so lange, als

der Funkeninduktor in Tätigkeit war; denn die Leitungsfähigkeit

des Fritters wurde durch das Anschlagen des Drahtes _a_ mit jedem

Hammerschlage der Glocke aufgehoben, um, so lange als er von

elektrischen Wellen getroffen wurde, sofort wieder hergestellt zu

werden. Blieben die Wellen aus, so blieb auch die Leitungsfähigkeit des

Fritters aus, und die Glocke mußte verstummen.

Diesen Vorgang erläuterte Rudi ziemlich eingehend, da er für die

praktische Anwendung der drahtlosen Telegraphie sehr wichtig ist.

Jetzt erst führte Rudi den eigentlichen Interferenzversuch aus. Er

setzte den Funkeninduktor in Tätigkeit, so daß die Glocke ertönte; dann

zog er den Teil _B_ des Interferenzrohres langsam aus; der Glockenton

wurde schwächer und hörte plötzlich ganz auf, weil jetzt der Weg _B_

um eine halbe Wellenlänge länger war als der Weg _A_ und deshalb die

Wellen bei β in der schon oben angegebenen Weise einander trafen und

aufhoben.

Die Stelle des einen Schenkels des Interferenzrohres, die der Rand

des Auszugrohres bezeichnete, als die Glocke aufhörte zu klingeln,

markierte Rudi durch Ankleben eines gummierten Papierstreifchens.

Darauf zog er das Rohr langsam weiter aus; die Glocke begann wieder

zu tönen und verstummte wieder. Sobald als die Glocke wieder ruhig

geworden war, zog Rudi das Rohr nicht mehr weiter aus, sondern beließ

es an der Stelle und maß darauf die Strecke von der Papiermarke bis zum

Rand des Rohres _B_. Es zeigte sich, daß die gemessene Strecke etwa 3

_cm_ lang war; daraus ergibt sich also eine Wellenlänge von 6 _cm_.

[Sidenote: Reflexion und Brechung.]

Für die nächsten Versuche stellte Rudi die Apparate in dem Blechkasten

ohne Unterlage auf den Tisch. Statt des Interferenzrohres steckte er

ein etwa 15 _cm_ langes und 4 _cm_ weites, gerades Rohr auf den Ansatz

des Blechkastens. Wenn nun in dem Radiator Funken übersprangen, so kam

aus dem Rohr ein gerades Bündel von elektrischen Wellen heraus. Rudi

konnte mit dem mit der Glocke verbundenen Fritter genau die Stellen

des Raumes bestimmen, welche von elektrischen Wellen durchsetzt waren.

Er stellte den Fritter 1 _m_ von der Rohrmündung entfernt so auf,

daß die Glocke ertönte, und schob dann zwischen die beiden Apparate

zuerst ein großes Brett, dann einen Pappendeckel; die Gegenstände

müssen groß sein, da sich die verhältnismäßig langen Wellen ähnlich den

Schallwellen leicht um sie herumbeugen; die Glocke tönte unverändert

weiter; als er aber eine Blechscheibe dazwischenstellte, schwieg die

Klingel. Die Blechscheibe war den Wellen also ein Hindernis, das

sie nicht überwinden konnten, während sie durch eine Glasscheibe,

durch eine Tortenplatte aus Steingut oder Porzellan, durch Hartgummi

hindurchgingen. Es zeigte sich also, daß die Metalle, also die

Stoffe, die im allgemeinen als Leiter der Elektrizität bekannt sind,

die elektrischen Wellen aufhalten, während die Isolatoren ihnen den

Durchtritt gestatten.

Der nächste Versuch bestand darin, daß Rudi den Fritter ganz aus dem

Bereiche des elektrischen Wellenstrahles herausrückte, so daß die

Glocke verstummte. Dann hielt er eine ebene Blechscheibe so in die

Richtung des Wellenstrahles, daß dieser, in einem bestimmten Winkel

auffallend unter dem gleichen Winkel nach der anderen deren Seite

zurückgeworfen (reflektiert), den Fritter traf, was das Ertönen der

Glocke anzeigte. Abb. 206 zeigt im Aufriß die Aufstellung der Apparate

und den Gang des Wellenstrahles.

[Illustration: Abb. 206. Schema zum Reflexionsversuch.]

Ein weiterer Versuch zeigte die Brechbarkeit der elektrischen Wellen

beim Durchgang durch verschieden dichte Medien. Wie eine Konvexlinse

die Lichtstrahlen, die parallel die Linse treffen, so bricht, daß sie

sich hinter der Linse in einem Punkt vereinigen, so kann man auch die

elektrischen Wellenstrahlen in einer Konvexlinse sammeln.

Rudi stellte den Fritter so weit von dem Blechkasten entfernt auf --

aber genau in der Richtung des Ansatzrohres --, daß die Glocke eben

nicht mehr ertönte. Dann hielt er vor den Fritter einen mit Petroleum

gefüllten Glaskolben -- eine Kochflasche von 1 bis 1½ Liter Inhalt

--, und die Glocke ertönte laut. Die in jener Entfernung schon sehr

zerstreuten Strahlen wurden in der Kochflasche gesammelt und hinter

ihr gerade im Fritter in einem Punkte vereinigt. Die geeignetste

Entfernung der Flasche vom Fritter stellte Rudi schon vor dem Vortrage

durch Probieren fest.

„Durch diese Versuche,“ sprach Rudi weiter, „und noch manche andere,

die ich hier nicht vorführen kann, hat man die große Ähnlichkeit der

elektrischen Wellen mit den Lichtwellen nachgewiesen, und man darf

als bewiesen annehmen, daß sowohl dem Licht wie auch der Elektrizität

dasselbe Medium, der an sich freilich noch hypothetische Äther, zur

Fortbewegung dient. Der Äther erfüllt den ganzen Raum. Wir können in

ihm sich rasch fortpflanzende Schwingungen erzeugen und haben auch

die Möglichkeit, das Vorhandensein solcher Schwingungen nachzuweisen.

Damit ist theoretisch das Problem der drahtlosen Telegraphie gelöst.

In der Praxis aber gestalten sich die Verhältnisse doch sehr viel

umständlicher. Sie haben schon bei dem letzten Versuche gesehen,

daß mit wachsender Entfernung die Wirkung der elektrischen Wellen

auf den Fritter abnimmt und schließlich aufhört. Man hat deshalb

zuerst versucht, die elektrischen Wellen ähnlich wie das Licht in

einem Scheinwerfer, in einem Parabolspiegel zu erzeugen und ebenso

mit einem Parabolspiegel, in dessen Brennlinie sich der Fritter

befand, aufzufangen. Ich könnte Ihnen diese Parabolspiegelversuche

hier vorführen; doch da sie eigentlich nichts Neues zeigen, so nehme

ich davon Abstand. Wichtiger ist es, daß man die Fernwirkung der

elektrischen Wellen dadurch sehr wesentlich verstärken kann, daß man

mit den die Wellen erzeugenden und empfangenden Teilen der Apparate

lang ausgestreckte und frei endende Drähte verbindet.“

Bevor wir die nun folgenden Ausführungen Rudis anhören, wollen wir

sehen, wie er sich die verschiedenen für die Experimente nötigen

Apparate hergerichtet hatte.

[Sidenote: Der Sender.]

Der Sender wurde schon erwähnt, aber noch nicht genau beschrieben. Er

ist in Abb. 207 gezeichnet. Zwei Metallkugeln _A_ und _A′_ von 5 bis 6

_cm_ Durchmesser (über die Herstellung der Metallkugeln siehe Seite 7)

werden gut angewärmt und ganz mit einem Überzug von rotem Siegellack,

dem, um ihm die Sprödigkeit zu nehmen, einige Tropfen Leinöl zugefügt

sind, überzogen. Ein dicker Schellacküberzug (siehe Seite 5) tut

die gleichen Dienste. Bei jeder Kugel wird dann an zwei einander

gegenüberliegenden Stellen eine 0,5 bis 1 _cm_ große Stelle von dem

Überzug befreit.

[Illustration: Abb. 207. Der Sender.]

Die Befestigung der Metallkugeln in einem Holzgestell ist hinreichend

deutlich aus der Abbildung zu erkennen: Auf dem Grundbrett _G_ sind

zwei mit runden Ausschnitten versehene Trägerbrettchen _T_ befestigt

und durch die Querleiste _Q_ fest miteinander verbunden. Auf den

Trägern sitzen, durch Vulkanfiberklötzchen vom Holze isoliert, die

beiden Klemmen _K₁_, welche mit _A_, und _K₂_, welche mit _A′_

metallisch verbunden ist. Bevor wir jedoch diese Verbindung herstellen

und die Entfernung von _T_ und _T′_ bestimmen, werden die beiden

Kugeln durch den Ring _H_ fest miteinander verbunden. Der Ring, der so

weit und breit sein muß, daß, wie aus der Abbildung ersichtlich, die

daraufgesteckten Kugeln mit je einer vom Siegellack befreiten Stelle

etwa 1 bis 5 _mm_ -- je nach der Stärke der Stromquelle -- voneinander

entfernt sind, wird aus in Paraffin gekochter Pappe zusammengeklebt und

wie die Kugeln mit einer Siegellack- oder Schellackschicht innen und

außen überzogen. An einer Stelle _L_ ist zum Einfüllen von Petroleum

die Öffnung _L_ gelassen, die mit dem Pfropfen _P_ verschlossen werden

kann. _U_ ist eine Umhüllung (nicht notwendig) um _A_ und _A′_, ebenso

hergestellt wie der Ring _H_, die die Kugeln aber nicht berührt und mit

einem Loch _L′_ versehen ist, das nach dem Einfüllen des Öles in den

Ring _H_ nach unten gedreht wird. Die beiden Kugeln werden mit dem

Ringe dadurch dauernd verbunden, daß die beiden Berührungsfugen mit

heißem Siegellack (bei Verwendung von Schellack mit Schellackkitt Seite

5) ausgegossen werden. Jetzt wird das Kugelpaar in die Ausschnitte der

beiden Träger eingeklemmt. Es schauen jetzt die äußeren beiden vom

Siegellack befreiten Stellen über die Träger heraus; diesen blanken

Stellen gegenüber stehen die kleinen Kügelchen _B_ und _B′_, die an

den in _S_ verschiebbaren Stangen _R_ und _R′_ angelötet sind. Die

Säulen _S_ sind aus Glas herzustellen und mit Holzköpfen zu versehen,

über welche (siehe die links stehende Sonderzeichnung in Abb. 207)

je ein Blechstreifchen _M_ gebogen wird, auf dem eine Klemme _K_

angelötet ist. Die Säulenköpfe mit dem Blechstreifen _M_ sind derartig

durchbohrt, daß die Stangen _R_ in der Bohrung unter Reibung an _M_ hin

und her geschoben werden können.

[Illustration: Abb. 208. Bifilare Wickelung.]

[Sidenote: Der Empfänger.]

Um den Empfänger möglichst empfindlich zu machen, müssen wir in die

schon oben beschriebene Zusammenstellung von Glocke und Fritter ein

Relais (siehe Seite 121) einschalten. Ferner müssen wir das Entstehen

der Unterbrechungsfunken an der elektrischen Klingel verhindern, da

von diesen Funken der Fritter in unerwünschter Weise beeinflußt werden

kann. Im allgemeinen wird es genügen, das Werk der Glocke mit einer

Metallkapsel zu überdecken. Ist der Fritter jedoch sehr empfindlich,

so müssen die beiden Teile der Unterbrechungsstelle des Wagnerschen

Hammers durch einen Widerstand von 500 bis 1000 Ohm -- durch Versuche

genauer zu ermitteln -- verbunden werden. Verwenden wir für diesen

Widerstand einen entsprechend langen und dünnen Nickelindraht, so ist

es vorteilhaft, ihn ~bifilar~ auf eine Spule zu wickeln. Eine bifilare

Wickelung stellt man folgendermaßen her: Man biegt den Draht in der

Mitte seiner ganzen Länge um und wickelt ihn dann doppelt, so wie

aus Abb. 208 hervorgeht, auf eine Spule auf. Solche Spulen besitzen

keine Selbstinduktion. Man kann auch Graphitstäbe aus Bleistiften als

Widerstand benutzen.

Elektrotechnisches Experimentierbuch: Eine Anleitung zur Ausführung elektrotechnischer Experimente unter Verwendung einfachster, meist selbst herzustellender Hilfsmittel · 第 18 / 24 段