erwähnen. Sie haben solche Ausgleiche bei dem Funken des
Elektrophortellers und bei der Entladung einer Leidener Flasche schon
gesehen. Wir haben oben gesagt, daß die Elektrizität als ein Zustand
des Äthers aufzufassen ist, ein Zustand, der von bestimmten Punkten
eben jener oben schon erwähnten Elektronen ausgeht und sich mit diesen
im Raum bewegen kann. Wir haben bisher hauptsächlich Erscheinungen der
ruhenden Elektronen betrachtet; in dem Ausgleich der verschiedenen
Elektrizitäten erkennen wir aber bewegte Elektronen. Wie man sich
nun den Vorgang eines derartigen Ausgleiches vorstellen kann, möge
Ihnen aus folgender Analogie erhellen: Sie erblicken hier auf dieser
Tafel (Rudis Schwester erhob den Karton, dessen Zeichnung in Abb. 37
dargestellt ist) zwei Behälter, deren einer mit Wasser gefüllt ist;
hier unten ist ein Hahn, den wir uns vorerst geschlossen denken wollen.
Der gefüllte Behälter stellt einen positiv geladenen Leiter dar, der
leere einen solchen mit negativer Ladung; der ~geschlossene~ Hahn kommt
der isolierenden Substanz gleich, die die beiden Leiter noch trennt.
Öffne ich nun den Hahn, so fließt ein Teil des Wassers in den anderen
Behälter, bis es in beiden gleich hoch steht. Die analoge Erscheinung
bei entgegengesetzt elektrisch geladenen Körpern tritt ein, wenn wir
sie mit einem Draht verbinden, oder so nahe zusammenrücken, daß ein
Funke überspringt. Dabei ist aber eines noch zu beachten: bei dem
Beispiel mit den Wasserbehältern scheint der Ausgleich nur in der einen
Richtung und zwar in der des fließenden Wassers zu geschehen; wir
müssen uns deshalb die ursprüngliche ~Leere~ des Behälters _A_ auch als
ein bewegliches Medium vorstellen, das beim Öffnen des Hahns in _B_
hinüberfließt, also entgegen dem Wasserstrom. Ich will einmal annehmen,
_B_ sei mit zwei Raummengen Wasser, die hier mit zwei Pluszeichen
angegeben sind, gefüllt; diesen entsprechen zwei Raummengen ~Leere~
im Behälter _A_, die mit zwei Minuszeichen veranschaulicht seien.
Öffne ich nun den Hahn, so fließt die Hälfte der Wassermenge aus _B_
in _A_ hinüber; dadurch ist nun _A_ nur noch halb leer, _B_ dagegen
nur noch halb voll; in jedem Behälter ist also ein Raumteil Leere und
ein Raumteil Wasser. Die zweite Figur der Tafel zeigt Ihnen diesen
Zustand. Sie sehen hier in jedem Behälter je ein + und ein -; auf die
elektrischen Verhältnisse übertragen, heißt das so viel als daß der
Körper _A_ und der Körper _B_ nun unelektrisch sind.
[Sidenote: Der elektrische Strom.]
Wenn man von einem elektrischen Strome spricht, so versteht man
gewöhnlich nur den positiven Richtungsstrom darunter, das heißt in
unserem Beispiel nur den Fluß des Wassers aus dem gefüllten in den
leeren Behälter. Man darf aber dabei nie vergessen, daß ebenso, nur in
entgegengesetzter Richtung, der negative Strom fließt. Was in unserem
Beispiel die Röhre ist, durch die bei geöffnetem Hahn das Wasser
fließt, ist bei der Elektrizität eine leitende Verbindung, z. B. ein
Metalldraht. Also so wie durch die Röhre das Wasser, so fließt durch
den Draht, der zwei entgegengesetzt geladene Körper verbindet, ein
elektrischer Strom, oder genauer zwei Ströme, ein positiver und ein
diesem entgegengesetzter negativer.
[Sidenote: Erwärmung durch den elektrischen Strom.]
Daß in einem zwei verschieden geladene Körper verbindenden Draht
tatsächlich etwas vor sich geht, beweist neben vielem anderen der
Umstand, daß sich dieser Draht erwärmt. Die Erwärmung können wir
mit einem Apparat (Abb. 14) nachweisen. Ich habe hier in einem
geschlossenen Raum eine Drahtspirale, durch welche ich einen
elektrischen Strom leiten kann; wird nun durch diesen Strom der Draht
warm, so wird die Luft erwärmt, dehnt sich aus, drückt dadurch auf
die blaue Flüssigkeitssäule in der Glasröhre und wird sie um einige
Dezimeter herunterschieben. (Rudi machte den Versuch, indem er die
Entladung seiner größten Leidener Flasche durch die Drahtspirale des
Apparats gehen ließ.)
[Sidenote: Der Blitz.]
Ich will nun noch einiges über die allen bekannte elektrische
Erscheinung des Gewitters sagen. Der Blitz ist ein riesenhafter
elektrischer Funke, oft von mehreren Kilometern Länge. In seiner Natur
ist er von den Funken, die ich hier erzeugen kann, nicht verschieden;
auch er ist der Weg eines elektrischen Ausgleiches durch die Luft.
Die Lichterscheinung rührt von der kolossalen Erwärmung der Luft
und der Staubteilchen her, die dabei ins Glühen geraten. Woher die
Wolken, zwischen denen der Blitz überspringt, ihre elektrische Ladung
erhalten, kann heute noch niemand bestimmt sagen, es bestehen allerhand
Hypothesen hierüber, doch ist keine haltbar genug, um der Erwähnung
wert zu sein. Wir müssen uns mit einer allgemeinen Betrachtungsweise
zufrieden geben. Wenn wir eine isolierte Spitze oder besser eine Flamme
mit den Blättchen eines guten Elektroskopes (siehe Anhang) verbinden
und sie an einer langen Stange in die Luft hinaufhalten, während das
Gehäuse mit der Erde leitend verbunden ist, so erhalten wir einen
Ausschlag, dessen Größe von vielen Faktoren, z. B. Ort, Jahreszeit,
Feuchtigkeit, Temperatur, Abstand von der Erde usw. abhängig ist.
Diese Tatsache beweist, daß von den höheren Luftschichten nach der
Erde zu ein Potentialgefälle vorhanden ist, das man bei sehr großen
Schwankungen auf rund 100 Volt pro Meter veranschlagen kann; daraus
folgt, daß die ganze Erdoberfläche eine starke negativ-elektrische
Ladung besitzt. Dieses bei gutem Wetter ziemlich gleichmäßige
Spannungsgefälle erleidet bei Wolken- und Gewitterbildungen ganz
beträchtliche Störungen, die so stark werden können, daß zwischen
Wolken und Erde oder zwischen zwei Wolken Spannungsdifferenzen
auftreten, die in die Millionen Volt betragen. Die Folge dieser großen
Spannungen ist der Blitz. Sind die Spannungen nicht so stark, daß es
zum Funkenausgleich kommt, so findet eine allmähliche Ausstrahlung der
Elektrizität statt, was sich bei Nacht durch feine „Büschellichter“,
auch „St. Elmsfeuer“ genannt, zu erkennen gibt: An Blitzableitern,
Hausvorsprüngen, Schiffsmasten und ähnlichen hervorragenden
Gegenständen sieht man bläuliche Lichtbüschel, die den Glimmentladungen
unserer Elektrisiermaschinen gleichen. Endlich sei auf die ebenfalls
elektrische Erscheinung des „Nordlichtes“ besser „Polarlicht“ noch
hingewiesen; man sieht in polaren Zonen nachts eigenartige prächtige
Lichterscheinungen am Himmel, die in ihrer Häufigkeit und Intensität im
Zusammenhang zu stehen scheinen mit den Perioden der Sonnenflecke. Man
will sie mit den Erscheinungen, die wir später bei den Geißlerröhren
kennen lernen werden, in Zusammenhang bringen, doch sind gerade hier
die bekannten Tatsachen noch zu spärlich. Es fehlt uns eben für die
Elektrizität ein Sinn; wir können sie nicht sehen, nicht hören, nicht
schmecken usw. Das ist auch der Grund, warum es so lange dauerte, bis
es gelang, mehr in das Wesen der Elektrizität einzudringen, nur aus
ihren Wirkungen konnte man auf ihre Gesetze schließen. Dem ernsten
und unermüdlichen Forscherstudium ist es aber heute gelungen, den
Zusammenhang dieser bisher so geheimnisvollen Naturerscheinungen mit
den übrigen unseren Sinnen direkt zugänglichen und daher viel früher
erkannten zu finden. Noch nicht alle Fragen sind gelöst, aber der Weg
der Erkenntnis liegt offen vor uns.“
[Sidenote: Kritik des Vortrages.]
Sich verbeugend schlug Rudi sein Vortragskonzept, in das er nur selten
einen flüchtigen Blick geworfen hatte, zu, und während die Zuhörer
eifrig Beifall klatschten, verschwand er, gefolgt von seiner Schwester,
mit würdiger Miene, wie er gekommen. -- Unter den Zuhörern war auch
ein sachkundiger Onkel, der den Abend noch in der Familie verbrachte.
Diesen bat Rudi um eine ausführliche Kritik über den Vortrag, welche
etwa folgendermaßen lautete:
„Zuerst muß ich bemerken, daß der ganze Vortrag ein klein wenig zu
lang war; er hat zu vielerlei gebracht, und das hat sicher viele des
Aufpassens ungewohnte Zuhörer ermüdet. Du hättest manches weglassen
können, wie z. B. die ausführliche Beschreibung der Maßflasche; auch
hätten andere Abschnitte wie der über elektrische Verteilung kürzer
zusammengefaßt werden dürfen. Die Anordnung des Ganzen war gut, nur
hätte ich die Beschreibung der Reibungselektrisiermaschine früher
gebracht. Auch die Experimente waren gut ausgeführt bis auf die ersten
Versuche mit den Holundermarkkügelchen, die sich, da sei weiß waren,
von dem weißen Kleide der meist dahinterstehenden Käthe kaum abhoben;
ein schwarzer Karton, hinter den elektrischen Pendeln aufgestellt,
hätte diesen Übelstand beseitigt. Im übrigen kann ich,“ fuhr der Onkel
zu Käthe gewandt fort, „der kleinen Assistentin nur meine größte
Bewunderung und Anerkennung aussprechen. Ferner hätte ich an deiner
Stelle, wie schon gesagt, vieles kürzer gestaltet, dafür aber noch
eingehender über die Gewitterbildung gesprochen. Den Blitzableiter
und seine Wirkung hast du ganz vernachlässigt, und das hatte doch
sicher sehr viele der Zuhörer interessiert; das hättest du schon bei
der Erwähnung der Spitzenwirkung vorbringen können.“ „Ja,“ warf Rudi
ein, „den Blitzableiter habe ich im Vortrag nur vergessen, im Konzept
steht ein ganzer Abschnitt darüber.“ „Dann habe ich nichts weiter
auszusetzen; du hast laut und deutlich gesprochen, und das ist immer
viel wert.“ Nun sprachen die beiden noch über die verschiedensten
Experimente, und Rudis Onkel wußte noch ein wenig gekanntes, aber
leicht ausführbares und sehr interessantes Experiment: Die Benutzung
einer Influenzelektrisiermaschine als Motor.
[Sidenote: Die Influenzmaschine als Motor.]
Am sichersten gelingt der Versuch mit zwei Influenzmaschinen,
einer größeren und einer kleineren; man kann aber auch eine der
Influenzmaschinen durch eine gute Reibungselektrisiermaschine
ersetzen. Von der Maschine, die als Motor dienen soll, entfernt man
die Treibschnüre und verbindet die auseinandergeschobenen Elektroden
durch zwei Kupferdrähte mit den sich anfangs berührenden Elektroden
der größeren Influenzmaschine, die man nun in Gang setzt, wonach die
Elektroden so weit als möglich voneinander entfernt werden. Dadurch
erhalten die beiden Spitzenkämme der als Motor dienenden Maschine
entgegengesetzte Ladungen, z. B. der rechte positive, der linke
negative; so werden beide Scheiben auf der rechten Seite positiv und
auf der linken negativ elektrisch; sie stoßen also einander ab und
beginnen sich in entgegengesetzter Richtung zu drehen, wobei die
elektrischen Vorgänge genau so, nur in umgekehrter Reihenfolge, wie bei
der die Elektrizität erzeugenden Maschine eintreten. Es ist möglich,
daß dabei anfangs die beiden Scheiben derart einander das Gleichgewicht
halten, daß sie sich nicht von selbst zu drehen beginnen; es genügt
dann ein kleiner Anstoß der einen Scheibe. Hat man die Maschine kurz
vorher in Gang gesetzt, so läuft sie sicher von selbst an.
Es sei nun noch erwähnt, daß der Besitzer eines sogenannten
Elektrophorkastens die darin meist sehr zahlreich vorhandenen
elektrischen Spielzeuge in einem solchen Vortrage nur möglichst
kurz vorführen soll; sie unterhalten zwar die Zuschauer, haben aber
theoretisch zu wenig Bedeutung; es sind eben nur Spielzeuge, und wir
haben darum auch die Beschreibung ihrer Herstellung weggelassen.
[1] Siehe auch, was bei den Leidener Flaschen über die Glasfarbe
gesagt ist.
[Illustration]
Zweiter Vortrag.
Der galvanische Strom.
Da Rudis erster Vortrag allgemeine Anerkennung bei seinen Verwandten
und Bekannten gefunden hatte, ließ er nicht viel Zeit verstreichen,
bis er an die Vorbereitungen zu einem zweiten ging. Er wollte diesen
wissenschaftlicher gestalten als den ersten und darum nur Freunde und
solche Verwandte einladen, bei denen er mehr Vorkenntnisse voraussetzen
konnte. Für die Tanten und Cousinen wollte er dann außerdem noch einen
gemeinverständlichen Vortrag halten.
Da es zu weit führen würde, so sei diesmal nicht der ganze Vortrag
wörtlich wiedergegeben, sondern es sollen nur die ausgeführten
Experimente beschrieben werden. Auch setzte sich Rudi diesmal das, was
er sprechen wollte, nicht wörtlich auf, sondern legte sich nur eine
Übersicht zurecht, die er während des Vortrages auf dem Tisch liegen
hatte; damit er nicht wieder einen Teil vergesse, strich er jeweils den
behandelten Abschnitt in seiner Niederschrift, dem Konzept, durch.
Auch diesmal sollte Käthe wieder die Assistentin sein; sie half nicht
nur bei der Ausführung der Versuche, sondern sogar bei der Herstellung
der Apparate selbst.
[Sidenote: Geschichte der Entdeckung des galv. Stromes.]
In der Einleitung des Vortrages erwähnte Rudi, daß man während
langer Zeit keine andere Methode als die der Reibung und Influenz
zur Erzeugung von Elektrizität kannte, bis im Jahre 1789 Galvani,
Professor der Medizin in Bologna, eine ihm anfangs unerklärliche
Beobachtung machte: er hatte, um den Einfluß der Luftelektrizität auf
die Nerven zu untersuchen, an einem eisernen Geländer eine Anzahl an
einen Kupferdraht befestigte Froschschenkel aufgehängt. Sobald nun der
Wind diese hin und her blies und die unteren Enden der Schenkel das
Eisengeländer berührten, zuckten sie heftig zusammen. Galvani selbst
kam aber dem Wesen dieser Erscheinung nicht auf die Spur, und erst
Volta stellte fest, was für Bedingungen erfüllt sein müßten, damit
der Versuch gelänge. Erstens mußten irgend zwei verschiedene Metalle
vorhanden sein (bei Galvanis Versuch waren es Eisen und Kupfer), die
einander einerseits unmittelbar berühren, anderseits aber durch eine
salzige oder sauere Flüssigkeit verbunden sind (der im Salzwasser
gewaschene Froschschenkel). Der Froschschenkel selbst war für das
Gelingen des Versuches nur insofern nötig, als er einen an sich
unsichtbaren Vorgang anzeigte, indem er durch sein Zucken erkennen
ließ, daß irgend etwas in ihm vorginge.
[Illustration: Abb. 38. Darstellung des galvanischen Stromes.]
[Sidenote: Die Entstehung des galv. Stromes.]
Volta fand nun durch eine ganze Reihe von Versuchen folgendes: Werden
zwei verschiedene Metalle in eine angesäuerte Flüssigkeit gebracht
und außerhalb derselben durch einen Draht verbunden, so spielt sich
in dem dadurch gebildeten geschlossenen Kreis ein ganz bestimmter
Vorgang ab. Der Anzeiger dieses Vorganges war anfangs der zuckende
Froschschenkel, doch entdeckte man bald eine ganze Anzahl besserer
und zweckmäßigerer (sicherer) Mittel, um das Vorhandensein dieses
Zustandes nachzuweisen. Man fand die Ähnlichkeit dieser Erscheinungen
mit den bekannten elektrischen Vorgängen und ein sicheres, wenn
auch nicht sehr feines Erkennungsmittel war die Erwärmung, die alle
vom Strom durchflossenen Leiter zeigen. Hier wies Rudi auf den
entsprechenden Versuch in seinem letzten Vortrag hin, während Käthe
folgendes einfache Experiment ausführte: In einem Glasgefäß (_Gl_
in Abb. 38) hatte sie verdünnte Schwefelsäure (1 Teil Schwefelsäure
und 10 Teile Wasser. ~Man muß hierbei zuerst das Wasser eingießen,
und dann unter ständigem Umrühren mit einem Glasstabe langsam die
Schwefelsäure zugießen, da eine sehr starke Erwärmung eintritt~)[2].
In diese Flüssigkeit tauchte sie während des Vortrages eine Zink- und
eine Kupferplatte, die einander selbst nicht berühren durften; an jeder
Platte war ein etwa 30 _cm_ langer Kupferdraht angelötet. Zum Nachweis
der Erwärmung bei geschlossenem Kreis hängte sie an die Drahtenden
eine kleine 1 Volt-Glühlampe, die nun hell aufleuchtete, sobald die
Platten in die Flüssigkeit kamen. Auch mit dem in Abb. 14 dargestellten
Luftthermometer wies Rudi die Erwärmung des Drahtes nach und sprach
dann über die Vorgänge, die den elektrischen Strom erzeugten.
[Sidenote: Die elektromotorische Kraft.]
Wenn man irgend zwei verschiedene Metalle, z. B. Kupfer und Zink,
in eine angesäuerte Flüssigkeit taucht, so entsteht auf jedem der
beiden Metalle eine elektrische Spannung, das ist eine gewisse
elektrische Ladung, und zwar ist immer die eine der beiden Platten
positiv, die andere negativ elektrisch. Verbindet man nun die beiden
Platten mit einem Leiter, z. B. einem Kupferdraht, so gleichen sich
die verschiedenen Ladungen aus, doch es bilden sich sofort wieder
neue, so daß durch den Draht ein fortwährender Strom fließt. Dabei
bemerken wir, daß sich das Zink unter Wasserstoffbildung viel rascher
in der verdünnten Schwefelsäure auflöst als unter normalen Umständen,
ohne die Gegenwart eines anderen Metalles. Es spielt sich also auch
neben dem elektrischen ein chemischer Vorgang ab, und zwar ist der
chemische der primäre, der elektrische dagegen der sekundäre. Chemische
Vorgänge sind es, die den beiden Metallplatten ihre verschiedene Ladung
erteilen. Jedoch müssen auch noch andere Einflüsse dabei im Spiele
sein, denn man hat gefunden, daß es genügt, zwei verschiedene Metalle
ohne Feuchtigkeit miteinander in Berührung zu bringen, um auf ihnen
verschiedene Ladungen hervorzurufen; allein die Anschauungen über diese
Dinge sind noch nicht geklärt. Wir wollen nur daran festhalten, daß,
wenn irgend zwei verschiedene Metalle in eine angesäuerte Flüssigkeit
gebracht werden, auf ihnen entgegengesetzte Ladungen entstehen. Man
hat nun durch Versuche die Metalle so in einer Reihe angeordnet, daß
je ein vorhergehendes mit irgend einem nachfolgenden in eine saure
Flüssigkeit gebracht, immer positiv elektrisch wird, während das zweite
negative Ladung erhält. Dabei ist der Unterschied in der Stärke der
beiden Ladungen, die sogenannte ~Spannungsdifferenz~, umso größer,
je weiter die Stoffe in der genannten Reihe, der ~Spannungsreihe~,
auseinanderstehen. Je stärker die Spannungsdifferenz ist, umso stärker
wird auch der Strom sein, der den verbindenden Draht durchfließt. Der
Strom wird also von einer unbekannten, wahrscheinlich von chemischen
Vorgängen herrührenden Energie in Bewegung gesetzt und erhalten, und
man spricht deshalb von einer ~elektromotorischen Kraft~; je größer sie
ist, umso stärker ist auch der Strom, den sie in Bewegung setzen kann.
Soviel sprach Rudi etwa über die theoretischen Dinge und ging dann
dazu über, den Zuhörern die verschiedenen Arten von Stromquellen, bei
denen chemische Energie zur Erzeugung der Elektrizität verwendet wird,
vorzuführen.
[Sidenote: Herstellung verschiedener Elemente.]
Da es nicht nur von theoretischem, sondern auch von praktischem
Interesse ist, wie man mit einfachen Mitteln starke, ausgiebige
Stromquellen, sogenannte Elemente, sich herstellen kann, so sei an
dieser Stelle die Anfertigung einer größeren Anzahl der verschiedensten
Elemente beschrieben.
Das einfachste Element ist schon in der Abb. 38 dargestellt;
es gibt 1,1 bis 1,2 Volt; es ist ziemlich konstant, jedoch für
Demonstrationszwecke nur bei kurzer Benützung geeignet, da der sich
an der Zinkelektrode bildende Wasserstoff mit der Zeit lästig auf die
Atmungsorgane wirkt.
[Illustration: Abb. 39. Leclanché-Elemente.]
[Sidenote: Das Leclanché-Element.]
Ein sehr einfaches und leicht herzustellendes Element ist das von
Leclanché. Wir können uns die Bestandteile dazu kaufen. Abb. 39
zeigt zwei verschiedene Formen: Bei _A_ dient ein Hohlzylinder aus
Retortenkohle mit Braunstein gefüllt als positive Elektrode, bei _B_
steht dagegen ein Kohlenstab, in ein Gemisch von Kohle und Braunstein
eingebettet, in einem porösen Tonzylinder. Die einzelnen Bestandteile
der Elemente sind bei beiden: erstens ein Glasgefäß (_gl_). Hierzu
können gewöhnliche Einmachgläser verwendet werden; auch kann man von
hinreichend weiten Flaschen den oberen Teil samt dem Hals absprengen.
Dazu wird die Flasche vorsichtig über einer Flamme so stark als möglich
erwärmt (jedoch bei weitem nicht bis zum Glühen!) und dann entlang
der Stelle, an welcher der Sprung entstehen soll, mit einem nassen
Bindfaden umgeben, worauf der Hals abfällt. Um die dabei entstehenden
außerordentlich scharfen Ränder des Glases unschädlich zu machen,
versieht man sie mit einem Wulst von Siegellack, der aber sehr heiß auf
das vorgewärmte Glas aufgetragen werden muß, da er sonst schlecht hält.
Wir können uns auch vier- oder mehrkantige Gläser nach der auf Seite
78 u. ff. beschriebenen Weise herstellen. Zweitens ein Zinkzylinder
(_z_). Diesen biegen wir aus mindestens 1,5 _mm_ starkem Zinkblech
und versehen ihn mit drei Ansätzen, die auf dem Glasrande aufliegend
ihn tragen; außerdem wird an einem der Ansätze ein 30 _cm_ langer, 1
bis 2 _mm_ starker, unisolierter, zur Spirale gewundener Kupferdraht
angelötet und die Lotstelle mit Asphaltlack bestrichen. Drittens bei
_A_ aus einem hohlen Kohlenzylinder (_K_), der mit feingekörntem
Braunstein (_B_) gefüllt und unten mit einem Kork verschlossen ist;
oben in dem Kohlenzylinder ist eine Klemmschraube (_Kl_) befestigt.
Bei Abb. _B_ haben wir einen porösen Tonzylinder (_T_) in dem, wie
schon erwähnt, ein in einem gleichteiligen Gemisch von feingekörntem
Braunstein und feingekörnter Retortenkohle (Reststücke von
Bogenlampenkohlen) oder Koks (_Bk_) eingebettet ein Kohlenstab (_K_)
steht, der um einige Zentimeter den Tonzylinder überragt. An dem freien
Ende wird eine Klemme (_Kl_) angebracht. Die Braunsteinkohlefüllung
darf den Zylinder nicht ganz ausfüllen, sondern es sollen oben 2 bis 3
_cm_ freibleiben, welcher Raum dann mit Kolophonium (_Ko_) ausgegossen
wird. Beide Elemente werden bis einige Zentimeter vom oberen Rande mit
gesättigter Salmiaklösung gefüllt. Alle Kohlen und auch die Tonzylinder
müssen an ihren oberen Enden, soweit diese aus der Flüssigkeit
herausragen sollen, einige Minuten in kochendes Paraffin getaucht
werden. Ein mit entsprechenden Ausschnitten versehener Deckel aus einem
Stück in Paraffin gekochter, nicht zu schwacher Pappe verhindert das zu
rasche Verdunsten der Flüssigkeit.
[Illustration: Abb. 40. Holzstab für Anfertigung von Gipszylindern.]
[Sidenote: Anfertigung von Gipszylindern.]
Da wir bei den nachher zu beschreibenden Daniellschen und Bunsenschen
Elementen ebenfalls poröse Zylinder brauchen, so sei an dieser Stelle
die Herstellung solcher aus Gips beschrieben.
An Hand der folgenden fünf Abbildungen 40 bis 44 ist das Verfahren
leicht zu erklären. Wir richten uns einen etwa 30 _cm_ langen, 3 bis 4
_cm_ dicken, runden Holzstab (ein Stück Besenstiel) her und umwinden
ihn mit einer dünnen Schnur oder einem starken Leinenfaden, wie dies
aus Abb. 40 bei dem unten freien Ende des Holzstabes zu sehen ist. Um
diesen herum wickeln wir nun mehrere Lagen eines starken Papieres, bis
der Stab so dick geworden ist, als der Hohlraum des Zylinders weit sein
soll. Das Abrollen der Papierumhüllung verhindern wir durch Umwinden
mit einem dünnen gewöhnlichen Nähfaden. Abb. 40 zeigt diesen ersten
Bestandteil der Gußform. Nun brauchen wir zwei Gummiringe, die so
stark sein müssen, als die Wandungen des Zylinders dick werden sollen.
Diese Ringe können wir aus einem Gummischlauche herstellen, indem wir
Stücke von passender Länge über eine Kordel ziehen und die Enden mit
Gummilösung zusammenkleben. An einem Ringe werden, wie Abb. 41 zeigt,
an zwei Stellen Bindfäden befestigt. Bevor die Ringe auf den Stab
geschoben werden, wird dessen Papierbelag mit Fett (Schweineschmalz)
eingerieben. Die obere Fläche soll möglichst eben sein, etwa vorhandene
Spalten zwischen den einzelnen Papierlagen müssen mit Fett angestrichen
werden. Nun wird der eine Ring mit den Fäden auf das obere Ende des
Stabes geschoben; der andere von unten her so weit von diesem entfernt,
als die Tiefe des Zylinders betragen soll. Aus der Abb. 42 ist diese
Anordnung deutlich zu erkennen.
[Illustration: Abb. 41. Gummiring.]