„Ich habe hier an diesen beiden Gestellen je ein Holundermarkkügelchen

an einem Faden aufgehängt. Ich reibe diesen Hartgummistab mit einem

Katzenfell, und Sie sehen, wenn ich ihn hier in die Nähe bringe,

so wird das Holundermarkkügelchen sehr rasch angezogen, doch kaum

hängt es am Stab, so wird es heftig abgestoßen und weicht nunmehr

ständig dem Stab aus. Ich will nun das gleiche Experiment mit

diesem zweiten Holundermarkkügelchen anstellen: es wird ebenfalls

angezogen, doch springt dieses nicht ab; es bleibt vielmehr fest

hängen; ich reiße es los, es wird wieder angezogen. Was mag nun den

Unterschied in diesen beiden Erscheinungen hervorrufen? Dies erste

Kügelchen wird immer noch abgestoßen, das zweite angezogen. Wenn Sie

genauer zusehen, so bemerken Sie, daß das erste Kügelchen hier an

einem seidenen, das zweite an einem leinenen Faden aufgehängt ist.

Es muß also zwischen Seide und Leinen ein ganz besonderer mit der

Elektrizität zusammenhängender Unterschied bestehen. Sehen wir zu,

daß wir noch mehr Stoffe nach dieser Art voneinander unterscheiden

können. Ich will einmal das Kügelchen mit den Fingern berühren; nun

wird es von dem frischgeriebenen Hartgummistab wieder angezogen, doch

alsbald wieder abgestoßen. Berühre ich es mit diesem Glasstab, der

nun nicht mehr elektrisch ist (Käthe hatte ihn unterdessen, um ihn zu

entelektrisieren, mehrmals durch eine zu diesem Zwecke aufgestellte

Weingeistflamme gezogen), so verliert es seine Eigenschaft, von dem

Hartgummistab abgestoßen zu werden, nicht; berühre ich es dagegen

mit dieser Messingröhre, so fällt es wieder in seinen ursprünglichen

Zustand zurück und wird wieder erst von dem Ebonitstab angezogen. Ich

wiederhole nun dieses Experiment mit Gummi, Eisen, Holz, Schwefel,

Seide, Leinen, Porzellan, Kupfer. Diejenigen Stoffe, bei deren

Berührung das Holundermarkkügelchen seinen Zustand nicht ändert, will

ich hier (rechts), die anderen hier (links) hinlegen. (Er führte die

Versuche aus.) Sie sehen nun, hier (rechts) liegt der Gummischlauch,

diese Schwefelstange, das Seidentuch und der Porzellanteller, hier auf

dieser Seite (links) ist es dies Messer, der Holzstab, das Leinentuch

und der Kupferdraht. Wir können also hier die verschiedenen Stoffe

in zwei Gruppen trennen: in solche, die den elektrischen Zustand des

Holundermarkkügelchens ableiten, und in solche, die ohne Einfluß auf

ihn sind. Die Stoffe, die diesen elektrischen Zustand abzuleiten

vermögen, nennen wir kurz Leiter, die anderen nennen wir Nichtleiter

oder Isolatoren. Es wären also Glas, Siegellack, Seide, Porzellan,

Gummi, Schwefel Nichtleiter oder Isolatoren, dagegen Leinen, der

menschliche Körper, Holz, die verschiedenen Metalle Leiter der

Elektrizität zu nennen. Daraus erklärt sich nun auch, warum sich

das Holundermarkkügelchen am Leinenfaden anders verhält wie das am

Seidenfaden. (Kaum hatte Rudi das letzte Experiment beendet, als seine

kleine Assistentin das Holundermarkkügelchen mit dem ~Leinenfaden~

entfernte und dafür ein solches an einem ~Seidenfaden~ an dem Gestell

aufhängte.) Ich habe nun hier zwei Holundermarkkügelchen, beide an

Seidenfäden, also isoliert aufgehängt. Ich will nun jedes einzeln mit

diesem geriebenen Glasstab berühren; Sie sehen das gleiche Schauspiel

wie vorhin, und nun werden beide von dem Glasstab abgestoßen; ich

rücke nun die beiden Gestelle zusammen, so daß unter normalen

Verhältnissen die Kügelchen einander berühren müßten, aber sie stoßen

nun einander ab; ich berühre sie mit der Hand, und jetzt hängen sie

ganz friedlich dicht nebeneinander. Jetzt will ich das eine wieder

mit dem geriebenen Glasstab berühren (nachdem er die Gestelle wieder

auseinandergerückt hatte), das andere aber mit diesem Ebonitstab

und nun die Gestelle vorsichtig wieder einander nähern: Sie sehen,

die Kügelchen ziehen einander an, jetzt sind sie beisammen und nun

fallen sie wieder auseinander und reagieren auch aus allernächster

Nähe nicht aufeinander. Es muß also zwischen der Elektrizität des

Glases und des Ebonits ein Unterschied bestehen. Ich will nun einmal

den gleichen Versuch mit Ebonit und Siegellack machen. (Das Reiben

der Stäbe besorgte stets Käthe mit großem Eifer.) Nun verhalten sich

die Kügelchen so wie vorhin, als ich beide mit dem Glasstab berührte;

also ist zwischen der Elektrizität des Siegellacks und des Ebonits

kein Unterschied. Ferner ersehen wir aus diesen Versuchen, daß, wenn

beide Kügelchen mit der gleichen Elektrizität ‚geladen‘ sind -- um

diesen Ausdruck jetzt schon zu gebrauchen -- sie einander abstoßen,

dagegen anziehen, wenn sie verschiedene Elektrizitäten tragen. Sie

sehen daraus, meine Herren und Damen, daß das Sprichwort: ‚Gleich

und gleich gesellt sich gern‘ hier nicht gilt. Über die eigentliche

Natur der elektrischen Erscheinungen war man lange Zeit nicht ins

klare gekommen. Hypothesen kamen und gingen, und früher wurde ein

heftiger und leidenschaftlicher Kampf um die einzelnen Erklärungen

geführt. Es ist heute nicht meine Aufgabe, Ihnen die geschichtliche

Entwicklung darzutun, ich will nur versuchen, Ihnen ein Bild, oder

richtiger gesagt: Bilder der Vorgänge zu entwerfen, Bilder, die

Ihnen verständlich sein können und die sich an die Tatsachen so nahe

anlehnen, daß sie für Sie als Erklärungen der Erscheinungen gelten

können.“

[Illustration: Abb. 34. Vorgang der Anziehung und Abstoßung.]

„Man weiß heute, daß die elektrischen Erscheinungen eng verknüpft

sind mit den magnetischen, daß sie als Zustände des hypothetischen

Aethers aufzufassen und qualitativ mit Licht und Wärme identisch

sind. So kam es auch, daß die Erkenntnis der elektrischen Vorgänge

fast alle bis dahin noch vorhandenen Rätsel der Lichterscheinungen

gelöst hat. Wird ein Körper gerieben, so werden durch diese Reibung

die den Molekülen beigeordneten, die elektrischen Werte tragenden

sogenannten ~Elektronen~, die vorher willkürlich durcheinander lagen,

in eine bestimmte Ordnung und Stellung zueinander gebracht; dadurch

wird nicht nur der geriebene, sondern auch der reibende Körper in

den eigentümlichen elektrischen Zustand versetzt. Daß auch der

reibende Körper elektrisch wird, sehen Sie hier: Ich fasse diesen

amalgamierten Lederlappen, um ihn von meiner Hand zu isolieren, mit

dem Seidentuche an und reibe damit den Glasstab, mit welchem ich das

eine Holundermarkkügelchen berühre; mit diesem Reibzeug berühre ich

das andere Holundermarkkügelchen, und nun sehen Sie, daß die beiden

einander anziehen, also entgegengesetzt oder, wie man zusagen pflegt,

ungleichnamig geladen sind. Man kann sich die Elektrizitäten als zwei

verschiedene Stoffe denken, die alle Körper erfüllen und die für

gewöhnlich nicht zur Geltung kommen, da, wenn von beiden gleichviel

vorhanden ist, sie einander binden. Durch Reibung aber werden beide

getrennt; der eine bleibt auf dem reibenden, der andere auf dem

geriebenen Körper. Diejenige Elektrizität, die der Glasstab beim Reiben

annimmt, bezeichnen wir mit diesem Zeichen (hier machte Rudi auf eine

an der Türe hinter seinem Tisch angebrachte Tafel mit Kreide ein

+-Zeichen) und nennen sie positive Elektrizität; die andere, welche der

Siegellack- oder Hartgummistab annimmt, wird mit diesem Zeichen (−)

versehen und heißt negative Elektrizität. Den Vorgang der Anziehung

und Abstoßung soll Ihnen diese Zeichnung hier veranschaulichen (Käthe

hielt einen großen, mit weißem Papier überzogenen Pappendeckel

in die Höhe, auf welchen Rudi die obenstehende Abb. 34 in großem

Maßstabe aufgezeichnet hatte.) Sie sehen hier, dies stellt eine

Holundermarkkugel dar; die positiven und negativen Elektrizitäten

sind regellos verteilt. Bringe ich nun diesen positiv elektrischen

Glasstab in die Nähe, so werden die negativen Elektrizitätsteilchen

der Kugel auf die dem Stab zugekehrte, die positiven dagegen auf

die entgegengesetzte Seite wandern; da nun die ungleichnamigen

Elektrizitäten einander näher sind als die gleichnamigen, so wird die

Holundermarkkugel angezogen. Doch da nun bei der Berührung ein Teil

der positiven Elektrizität vom Glasstab auf die Kugel, von dieser aber

ein Teil der negativen Elektrizität auf den Glasstab übergeht, so wird

auf der Kugel bald ein Überschuß von positiver Elektrizität sein,

und deshalb wird nun das Kügelchen abgestoßen. Anders verhält sich

die Sache, wenn ich das Holundermarkkügelchen an einem ~Leinenfaden~

aufhänge, es also in leitende Verbindung mit der Erde bringe: dann

flieht die abgestoßene Elektrizität nicht nur auf die andere Seite des

Kügelchens, sondern nimmt ihren Weg durch den leitenden Faden hindurch

bis in die Erde, und es bleibt nur die angezogene Elektrizität zurück;

deshalb wird auch das am Leinenfaden aufgehängte Kügelchen nicht

abgestoßen, wie das am Seidenfaden befestigte.“

[Illustration: Abb. 35. Darstellung der Verteilung der Elektrizitäten.]

[Sidenote: Elektrische Verteilung.]

„Um diese Vorgänge gewissermaßen dem Auge sichtbar zu machen, dient

dieser einfache Apparat hier: ein auf einer isolierten Glassäule

ruhendes und mit Kugelenden versehenes Messingrohr; hier nahe den

beiden Enden habe ich je zwei Holunderkügelchen an ~leinenen~ Fäden

aufgehängt. Bringe ich nun diesen stark geriebenen Ebonitstab in die

Nähe des einen Endes dieses Konduktors, so sehen Sie, daß die Kügelchen

beider Paare einander abstoßen. Die Erklärung dieser Erscheinung

gibt Ihnen diese Tafel hier (Käthe nahm die zweite Tafel hoch, auf

der das in Abb. 35 dargestellte Schema zu sehen war): Dieser negativ

geladene Ebonitstab zieht die positiven Elektrizitätsteilchen auf die

ihm zugekehrte Seite des Konduktors und treibt alle anderen nach dem

entgegengesetzten Ende; daher werden die beiden Kügelchen eines jeden

Paares gleichnamig geladen und stoßen einander deshalb ab. Entferne ich

nun den Stab wieder, so sinken sie zusammen.

Ich kann die Verteilung der Elektrizitäten auch noch anders nachweisen.

Ich entferne zu diesem Zwecke die Kügelchen. Hier habe ich an einem

Seidenfaden eine kleine Messingkugel aufgehängt; bringe ich sie

mit einem elektrisch geladenen Körper in Berührung, so nimmt sie

dessen Elektrizität an, wie vorhin jenes Holundermarkkügelchen. Ich

will nun an diesem Gestell hier das elektrische Pendel, wie man die

Einrichtung auch nennt, mit positiver Elektrizität laden, indem ich

es mit dem geriebenen Glasstabe berühre. Bringe ich nun wieder wie

vorhin den Ebonitstab in die Nähe des Konduktors und berühre mit diesem

Messingkügelchen, das durch den Seidenfaden von meiner Hand isoliert

ist, das dem Ebonitstab zugewandte Ende dieses Leiters, so muß es

dessen Elektrizität annehmen; welcher Natur diese ist, können wir an

dem elektrischen Pendel sehen; es ist positiv geladen und wird von

dem Messingkügelchen abgestoßen, also enthält letzteres auch positive

Elektrizität, welche ich ihm durch Berühren mit der Hand entziehe. Ich

mache nun den gleichen Versuch, berühre das dem Ebonitstab abgewandte

Ende des Konduktors, und Sie sehen, daß das Holundermarkpendel von dem

Messingkügelchen angezogen wird. Wir haben also wirklich auf diesem

Konduktor die beiden Elektrizitäten getrennt.

Ich bringe nun an dem Konduktor die beiden elektrischen Pendel wieder

an. Wenn ich den Ebonitstab in die Nähe bringe, so divergieren sie,

wenn ich ihn entferne, so fallen sie wieder zusammen. Wenn ich aber

diesen Konduktor, während der Hartgummistab in der Nähe ist, einen

Augenblick mit dem Finger berühre und dann den Stab entferne, so

divergieren nun beide Pendel, obgleich ich den elektrischen Stab

weit entfernt halte. Die Erklärung des Vorganges ist sehr einfach:

Berühre ich den Konduktor, dessen Elektrizitäten durch die Nähe

des elektrischen Stabes verteilt sind, mit der Hand, so wird die

abgestoßene negative Elektrizität zur Erde abgeleitet, während seine

positive, durch die negative des Ebonits gebunden, allein zurückbleibt;

entferne ich nun zuerst die Hand, dann den Stab, so bleibt der Rest

positiver Elektrizität auf dem ganzen Leiter verteilt zurück, wie die

Pendel zeigen; daß nun an beiden Enden wirklich gleiche Elektrizitäten

sind, können wir wieder mit dem Messingkügelchen nachweisen (hier

führte Rudi den oben genannten Versuch nochmals aus). Dadurch sind

wir also in stand gesetzt, einem isolierten Körper eine elektrische

Ladung zu geben. Man sagt, z. B., dieser Messingkonduktor sei positiv

geladen. Bringe ich in die Nähe eines solchen geladenen Körpers einen

ungeladenen, mit der Erde in leitender Verbindung stehenden, z. B.

meinen Finger, so sehen Sie, daß ein kleiner Funke überspringt. (Damit

dieser Funke besser gesehen werde, beschattete Käthe mit einem großen

schwarzen Karton den Konduktor und die Hand ihres Bruders.) Was ist

nun dieser Funken, woher kommt er und wann tritt er auf? Die positive

Elektrizität des Konduktors zieht die negative Elektrizität meines

Körpers an; es sammelt sich also in meiner Fingerspitze eine gewisse

Menge negativer Elektrizität an; je mehr ich den Finger dem Konduktor

nähere, desto stärker naturgemäß wirken die beiden Elektrizitäten

aufeinander und schließlich so stark, daß sie den Widerstand, den der

Luftzwischenraum ihnen entgegensetzt, überwinden und sich durch die

Luft hindurch vereinigen.

[Sidenote: Das Elektroskop.]

Hier habe ich nun noch einen einfachen Apparat, der dazu dient,

geringere Mengen von Elektrizität nachzuweisen: Er besteht aus einer

Glasflasche, durch deren Kork ein Messingstäbchen geht, das hier unten

zwei Plättchen aus ganz dünnem Metall trägt. Bringe ich in die Nähe

dieser Kugel einen elektrischen Körper, so tritt, wie vorhin bei dem

Konduktor, elektrische Verteilung ein, weshalb die beiden Plättchen, da

sie gleichnamig geladen sind, divergieren.

[Sidenote: Das Elektrophor.]

Die Tatsachen der elektrischen Verteilung hat man benutzt, um einen

einfachen Apparat zur Erzeugung von Elektrizität zu konstruieren. Es

ist das Elektrophor. Sie sehen hier eine Scheibe aus Schellack; ich

lege sie auf ein Blatt Stanniol und reibe sie mit einem Fuchsschwanz

ab, wodurch sie elektrisch wird. Lege ich nun einen Metalldeckel hier

darauf, so wird in ihm die Elektrizität so verteilt, daß die positive

auf der Unterseite, von der negativen des Kuchens gebunden, die

negative auf der Oberseite sich befindet; berühre ich den Deckel mit

der Hand, so leite ich dadurch die abgestoßene negative Elektrizität

ab und es bleibt nur noch positive zurück. Hebe ich die Metallscheibe

jetzt an dem isolierenden Glasgriff empor, so kann ich ihr, wie vorhin

bei dem Konduktor, mit dem Finger einen Funken entlocken.

[Sidenote: Oberflächenverteilung und Spitzenwirkung.]

Aus all diesen Experimenten geht also, um dies nochmals zu betonen,

deutlich hervor, daß die gleichnamigen Elektrizitäten einander

abstoßen, sich so weit voneinander entfernen, als sie nur können, und

daß die ungleichnamigen einander anziehen und binden. Wenn wir dies

bedenken, dann müssen wir zur Annahme kommen, daß z. B. bei einer

elektrisch geladenen Kugel sich die größte Menge der Elektrizität auf

der Oberfläche ansammeln muß, da ja die einzelnen elektrischen Teilchen

einander fliehen, soweit sie nur können; oder daß bei einem mit Ecken

und Spitzen versehenen Körper sich die Elektrizität besonders in diesen

anhäuft. Dies ist auch in der Tat der Fall, wie wir mit dieser Kugel

beweisen können: Ich will sie einmal mittels des Elektrophors mit

positiver Elektrizität laden und ebenso dieses Holundermarkkügelchen.

Sie sehen, das Holundermark wird abgestoßen; nun umgebe ich die Kugel

mit diesen beiden Halbkugeln (Abb. 4), entferne sie wieder, und Sie

sehen, diese stoßen das Holundermarkkügelchen ab, während nun die Kugel

unelektrisch geworden ist.

[Sidenote: Das elektrische Flugrad.]

Daß sich die Elektrizität besonders stark in Spitzen anhäuft und

infolge davon auch leicht aus diesen in die Luft ausströmt, beweist

das sogenannte elektrische Flugrad. Ich habe hier ein Rädchen mit

umgebogenen Spitzen; ich setze es auf eine Nadel, welche ich durch

ein Kettchen mit dieser Maschine, die ich nachher noch erklären

werde, verbinde; durch die Drehung der Scheibe dieser Maschine wird

Elektrizität erzeugt, die sich nun in den Nadelspitzen ansammelt,

und schließlich so stark aus ihnen ausstrahlt, daß sich infolge des

Rückstoßes das Rädchen dreht. Nehme ich das Rädchen ab, halte diese

einzelne Nadelspitze gegen die Flamme der Kerze hier und lasse die

Maschine drehen, so sieht es aus, als ob von dieser Spitze ein Wind

ausginge; dies ist auch in der Tat der Fall, und die Erscheinung rührt

daher, daß infolge der starken Ansammlung der Elektrizität in der

Spitze die benachbarten Luftteilchen ebenfalls elektrisch werden, und

da sie nun die gleiche Elektrizität enthalten wie die Spitze, so werden

sie von dieser abgestoßen, was dann die Winderscheinung, elektrischer

Wind genannt, verursacht.

[Sidenote: Kondensatoren.]

Aus den eben vorgeführten Experimenten ist ersichtlich, daß es nicht

gerade so ganz einfach sein wird, auf einem Leiter eine größere Menge

von Elektrizität anzusammeln; denn sobald sie eine gewisse Dichte

erreicht hat, so fängt sie an, einfach in die Luft auszuströmen.

Um dies zu verhindern, hat man, ich möchte sagen, eine kleine List

angewendet:

[Sidenote: Franklinsche Tafel.]

Ich habe hier eine Glastafel, auf beiden Seiten mit Stanniol überzogen;

lade ich mit dem Elektrophor die eine Seite mit positiver Elektrizität,

so wirkt diese verteilend auf die Elektrizitäten des anderen Belages:

die negative wird angezogen, die positive abgestoßen. Berühre ich

nun diesen Belag mit dem Finger, so leite ich die freie, abgestoßene

Elektrizität fort; nun ist hier nur noch negative und auf der anderen

Seite positive Elektrizität; da beide einander anziehen und sich

deshalb binden, so kann ich nun noch mehr positive Elektrizität

zuführen. Der gleiche Vorgang wird sich wiederholen, und ich kann ein

drittes Mal laden u. s. f. bis zu einer gewissen Grenze, die wir später

kennen lernen werden. Erwähnt sei noch, daß es nicht einerlei ist,

welcher Stoff sich zwischen den beiden Leitern befindet. Stelle ich

zwei Metallplatten, die den Stanniolblättern dieser Tafel entsprächen,

mit geringem Abstand einander gegenüber, so daß nur Luft dazwischen

ist, so kann ich keine so starke Ladung erzeugen, als wenn ich z. B.

eine isolierende Flüssigkeit (Petroleum) oder einen festen Körper

dazwischen bringe. Die ~Kapazität~, d. i. Aufnahmefähigkeit für

Elektrizitätsmengen, ist also nicht nur von der Größe des Leiters,

sondern auch von der Natur der isolierenden Substanz abhängig. Man

hat nun bestimmt, wievielmal größer die Kapazität der gleichen

Metallplatten bei gleichem Abstand wird, wenn man statt Luft andere

Isolatoren verwendet; die Zahlen, die sich dabei für die verschiedenen

Stoffe ergeben haben, nennt man deren ~Dielektrizitätskonstanten~

bezogen auf Luft = 1. Wir werden nachher eine Methode kennen lernen,

die uns erlaubt, die Kapazität eines Kondensators zu messen. Habe ich

zwei Metallplatten, die auf Glasfüßen isoliert nur 5 _mm_ voneinander

entfernt stehen, so kann ich, sofern nur Luft zwischen den Platten ist,

auf der einen Platte, während die andere zur Erde abgeleitet ist, eine

gewisse Elektrizitätsmenge aufladen; bringe ich z. B. Glas dazwischen,

so kann mehr Elektrizität in die Platte dringen. Ich führe den Versuch

nicht aus, weil er mich zu lange aufhielte.

[Sidenote: Leidener Flasche.]

Nichts anderes als eine veränderte Form dieser Tafel, die auch die

Franklinsche Tafel genannt wird, ist die Kleistsche oder Leidener

Flasche. Sie sehen eine solche hier. Will ich sie laden, so stelle

ich sie so auf, daß der äußere Stanniolbelag in leitender Verbindung

mit der Erde steht, damit die freie Elektrizität abströmen kann. Ich

kann die Leidener Flasche dadurch laden, daß ich möglichst oft aus

dem geladenen Elektrophorteller ein Fünkchen in den Messingknopf der

Flasche, der durch diese Stange mit dem inneren Belag in Berührung

steht, überspringen lasse. (Während Rudi so sprach, führte Käthe den

Versuch aus.) Nachdem nun etwa fünfzig kleine Fünkchen in die Flasche

übergegangen sind, will ich das Laden unterbrechen und den gebogenen

Draht, den ich an diesem isolierenden Griffe anfasse, mit dem einen

Ende an den äußeren Belag anlegen und das andere der Kugel nähern

(ein heller klatschender Funke sprang über). Nun haben die beiden

Elektrizitäten, die sich durch das Laden auf den Belägen angesammelt

haben, durch den mittels des Entladers verkürzten Luftzwischenraum

hindurch einander ausgeglichen, wodurch die Flasche unelektrisch, das

heißt entladen worden ist.

[Illustration: Abb. 36. Messen der Kapazität.]

[Sidenote: Die Massflasche.]

Die Mengen der Elektrizität, die sich in einer solchen Flasche

ansammeln lassen, sind nicht unbegrenzt, sondern hängen von der Größe

der Stanniolbeläge und von dem Dielektrikum ab; je mehr Elektrizität

ein Kondensator, wie solche Sammelvorrichtungen auch genannt werden, zu

fassen vermag, desto größer ist seine Kapazität, und wir können diese

Kapazität eines Kondensators messen, indem wir die eines anderen als

Maß benutzen. Einen solchen Maßstab sehen Sie hier; er ist im Grunde

nichts anderes, als eine gewöhnliche Leidener Flasche. Ich kann z. B.

messen, wievielmal so groß die Kapazität dieser großen Flasche ist als

die einer kleineren. Ich stelle den Kondensator, dessen Kapazität ich

messen will, ~isoliert~ auf. (Käthe, welche unterdessen die Apparate

zusammengestellt und verbunden hatte, verwendete zur isolierenden

Aufstellung der großen Flasche den Elektrophorkuchen, den sie noch

mit einem vierfach zusammengelegten Seidentuche bedeckte. Dann

stellte sie den Karton mit dem in Abb. 36 dargestellten Schema auf.)

Ich verbinde den äußeren Belag der zu messenden mit dem inneren der

messenden Flasche und den inneren der ersteren mit dem Konduktor der

Elektrisiermaschine. Setze ich nun diese in Bewegung, so wird die große

Flasche geladen; die dabei frei werdende Elektrizität auf dem äußeren

Belag der großen Flasche wird hier aber nicht zur Erde abgeleitet,

sondern dazu benutzt, die Maßflasche zu laden. Stelle ich nun diese

beiden Kugeln (_a_ _a_ in Abb. 36) auf einen bestimmten Abstand, so

wird sich die Maßflasche, sobald sie eine gewisse Ladung erhalten hat,

durch den geringen Zwischenraum hindurch entladen, um gleich wieder

von der immer noch frei werdenden Elektrizität des äußeren Belages neu

geladen zu werden, bis ein zweiter Funke überspringt. Dieser Vorgang

wiederholt sich so lange, bis auf der großen Flasche keine freie

Elektrizität mehr auftritt, das heißt bis sie ganz geladen ist. Ich

lasse nun die Maschine in Bewegung setzen und zähle die überspringenden

Funken: eins -- zwei -- drei -- vier -- fünf -- sechs -- -- nun kommt

keiner mehr. Die hier frei werdende Elektrizität hat also ausgereicht,

die kleine Flasche sechsmal zu laden. Ich will nun statt dieser

eine größere Flasche benutzen. (Rudi schaltete jetzt seine größte

Leidener Flasche ein und wiederholte den Versuch, wobei zwölf Funken

übersprangen.) Hier sind nun zwölf Funken übergesprungen, also gerade

nochmal so viel wie bei der kleineren Flasche; die Kapazität dieser ist

also nur halb so groß, als die der großen. Der besprochene Apparat wird

nach seinem Erfinder die Lanesche Maßflasche genannt.

[Sidenote: Die Reibungselektrisiermaschine.]

Ich will nun noch die Maschine, die ich heute schon mehrmals gebraucht

habe, und ihre Wirkungsweise erklären. Sie erinnern sich ja noch, daß

der Glasstab, mit dem amalgamierten Lederlappen gerieben, elektrisch

wurde. Hier bei dieser Maschine wird eine Glasscheibe dadurch,

daß man sie zwischen zwei anliegenden, amalgamierten Lederkissen

dreht, elektrisch; unweit des Reibzeuges ist die Scheibe von zwei

mit vielen Spitzen versehenen Brettchen umfaßt; die Spitzen, die

aus Stecknadeln hergestellt sind, stehen in metallischer Verbindung

mit der Messingkugel. Erinnern Sie sich nun an die Erscheinungen

der elektrischen Verteilung, so werden Sie leicht einsehen, daß von

der positiv geladenen Glasscheibe die positive Elektrizität in die

Kugel abgestoßen, die negative aber in die Spitzen angezogen wird.

Die Folge davon ist, daß die negative Elektrizität, von den Spitzen

auf die Glasscheibe ausströmend, diese unelektrisch macht, auf dem

Konduktor dagegen sich freie positive Elektrizität zeigt. Aber nicht

nur dies tritt ein, sondern man kann geradezu sagen, daß die positiven

Elektrizitätsteilchen der Glasscheibe, da sie einander gegenseitig

abstoßen, einander selbst in die Spitzen hineinjagen, oder, wie man

sich fälschlicherweise auszudrücken pflegt, von diesen ausgesaugt

werden; daher auch der Name Saugspitzen.

[Sidenote: Die Influenzelektrisiermaschine.]

Eine zweite Maschine, die ebenfalls zur Erzeugung von Elektrizität

dient, sehen Sie hier vor sich; es ist die sogenannte Wimshurstsche

Maschine. Sie ist auf dem Prinzip der Influenz -- daher auch

Influenzelektrisiermaschine genannt -- konstruiert. Elektrische

Influenz ist im allgemeinen nicht verschieden von der schon eingehend

besprochenen elektrischen Verteilung. Hier sind zwei Ebonitscheiben,

die in entgegengesetzter Richtung gedreht werden; diese aufgeklebten

Stanniolsektoren wirken gegenseitig etwa so, wie bei den Versuchen

über elektrische Verteilung der Hartgummistab und der Konduktor. Die

Ableitung der freien Elektrizität, die dort durch Berühren mit der Hand

hergestellt wurde, besorgen hier die Ausgleicher; nur werden dabei die

freien Elektrizitäten der Sektoren, die jeweils von diesen Pinselchen

berührt werden, nicht zur Erde abgeleitet, sondern sie gleichen

einander aus; daher der Name Ausgleicher. Durch diese Wechselwirkungen

wird erreicht, daß die Stanniolsektoren der beiden Glasscheiben

gerade dann ~gleiche~ Ladung haben, wenn sie einander zwischen den

Spitzenkämmen gegenüberstehen. Da jedoch die beiden Elektrizitäten

einander abstoßen, so treiben sie einander in die Spitzen, und durch

die Elektrodenstangen, die zu Anfang zusammenstoßen müssen, findet ein

Ausgleich der beiden Elektrizitäten statt. Entferne ich nun die Kugeln

etwas voneinander, so geht ein kontinuierlicher Funkenstrom über.

[Illustration: Abb. 37. Darstellung des Ausgleiches der Elektrizitäten.]

[Sidenote: Ausgleich der verschiedenen Elektrizitäten.]

Elektrotechnisches Experimentierbuch: Eine Anleitung zur Ausführung elektrotechnischer Experimente unter Verwendung einfachster, meist selbst herzustellender Hilfsmittel · 第 3 / 24 段