Der Fasan.
Die Hochzeit fand am Tage der Sommersonnenwende statt; sie wurde bei
Garberding gefeiert.
Die beiden alten Leute hatten sich erst ein bißchen verjagt, als Lüder
mit Holde vorgefahren kam, denn sie meinten, sie würde sich nicht in
die bäuerische Art schicken.
Nach einer Stunde aber waren sie schon anderer Ansicht; sie fanden bald
heraus, daß das Mädchen das ländliche Hauswesen gut kannte, denn sie
war auf dem Dorfe groß geworden und hatte auch späterhin viel auf dem
Lande gelebt.
»Weißt du was,« sagte Garberding, der ordentlich auflebte, seitdem sie
auf dem Hofe war, am dritten Tage, »was ich dir vorschlagen möchte? Du
hast nach keinem Menschen was zu fragen; bringe alles, was du hast, zu
uns, bis ihr freit. Das ist für Volkmann gut und für dich auch, denn
von unserer Mutter lernst du dann, wie es hier zugeht. Jedes Land hat
seine Eigenheiten, und wo einer wohnt, da muß er sich nach dem andern
richten. Du lernst dann auch so nach und nach die Leute hier kennen,
besser noch, als wenn du erst da hinten auf dem Hilgenhofe bist. Platz
ist eine Masse für dich da, und du kannst es dir einrichten, wie du es
gewohnt bist.«
»Mit tausend Freuden nehme ich das an, Vatter Garberding,« sagte das
Mädchen, »ich hatte das gleich gewünscht. Vor Oktober wollte ich ja
sowieso keine Stelle wieder annehmen, sondern bei einer Freundin
bleiben, die mich schon lange eingeladen hat. Daraus kann nun nichts
werden, denn es ist mir zu wichtig, zu lernen, wie man sich hier zu den
Leuten stellen muß. Ich war erst auf einem Gute in Westfalen, wo die
Frau kränklich war; da war ganz leicht mit den Diensten umzugehen, wenn
sie auch etwas dickköpfig waren; nur freundlich mußte man sein, nicht
befehlen, sondern anordnen. Dann, als das Gut verkauft wurde, ging ich
nach dem Posenschen; da war es ganz anders: mit Freundlichkeit kam
man mit dem Volke da nicht aus; da mußte man kurz sein und den Herrn
zeigen, sonst blieb die Arbeit liegen.«
Sie reiste ab und kam nach ein paar Tagen wieder. »So,« rief sie, »nun
kann die Nähersche kommen; ich habe mir alles besorgt, wie es sich
für eine richtige Bauersfrau gehört. Aber ich sage euch, Augen haben
sie gemacht beim Kaufmann! Beinahe so, wie in der Stadt, denn bei
Frau Freimut klingelte es den ganzen Tag und dann ging es los: Liebes
Fräulein, haben Sie sich das auch überlegt? Sie mit Ihrer Bildung und
ein gewöhnlicher Bauer. Das tut nicht gut.«
Wie Volkmann im vorigen Sommer, so war sie jetzt morgens die erste, die
aus dem Bette sprang, und wenn Frau Garberding in die Küche kam, war
der Kaffee schon fertig. »Mädchen,« sagte die alte Frau, »du bist unser
Besuch und arbeitest wie eine Magd?«
Holde hielt ihr die Hände vor das Gesicht: »Sieht man es ihnen an?
So laß mir mein Vergnügen; wenn ich nicht überall zufasse, lerne ich
nichts.«
Sie ging mit auf die Weide und melkte zur Verwunderung der Mägde, als
wenn sie nie etwas anderes getan hätte, sie half im weißen Fluckerhut,
roten Leibchen und blauen Rock beim Heumachen, sie hackte das Gemüse im
Garten und wandte die Wäsche auf der Bleiche und abends saß sie mit dem
Strickstrumpfe in der Hand mit Lüder und dem Bauern vor der Türe, denn
Lüder kam jedweden Abend.
»Junge,« sagte der alte Bauer zu ihm, »Junge, du kannst lachen. So 'ne
Frau wie die!«
Ob Volkmann wollte oder nicht, die Hochzeit wurde bei Garberding
gefeiert. »Wir haben nicht Kind und Kegel und wollen auch unser
Vergnügen haben,« meinte Frau Garberding.
Es war keine große Hochzeit, denn es war in der Heuezeit und die
Brautleute hatten keinen Anhang im Dorfe, und außer Freimut und
seiner Frau waren keine Fremden eingeladen, aber es war eine lustige
Hochzeit, darüber waren alle einer Meinung, und noch wochenlang nachher
gnickerte mancher sauertöpfische Bauer vor sich hin, wenn er an die
Rede dachte, die der lange Rechtsanwalt gehalten hatte. So eine Rede
hatte noch keiner gehört, denn was er von Bauernart und Bauernstolz
und Bauernarbeit sagte, das ging den Leuten glatt herunter.
»Mein Lieber,« stöhnte der Anwalt einige Zeit später, »mit meiner Rede
auf deiner Hochzeit habe ich mir schön was an die Hacken gehängt!
Ich habe schon sowieso genug zu tun, und nun kommt mir noch euer
ganzes Kirchspiel mit seinen Prozessen. Wenn das so fortgeht, muß ich
wahrhaftig die Jagd zur nebenamtlichen Beschäftigung machen.«
Er kam jetzt meist mit seiner Frau. »Weißt du,« sagte sie eines Tages
zu Holde, »das, was man Flitterwochen nennt, das hast du nicht kennen
gelernt. Na, ich ja auch nicht. Ganze acht Tage waren wir im Harz,
da hatte Jochen es satt, das heißt, das Gasthausleben. Und wer weiß,
wozu es gut ist. Ich habe eine Freundin, die leistete sich ein ganzes
Flittervierteljahr, denn sie hatte es dazu. Na, die haben auf Vorrat
geküßt, denn jetzt ist er das ebenso leid wie sie. Ihr Bauern seid
darin vernünftiger. Weißt du, was Jochen neulich sagte? Wenn es ein
Junge wird, und das will ich hoffen, dann soll er nicht auf dem Asphalt
hinter dem dreckigen Groschen herlaufen; Bauer soll er werden.«
Als Freimut ankam, legte er seiner Frau die Hände auf die Schultern und
sagte: »Rate einmal, was du heute geworden bist?«
Sie sah ihn verwundert an und er lachte: »Anbauersfrau! Ich habe
Garberding das dumme Stück Abland, wie er immer sagt, da zwischen
Bruch und Haide abgekauft. Wie stehe ich jetzt da? Nun wird da eine
Häuslingswohnung hingebaut und da verleben wir hinfüro die Zeit, in
der ich keine Männerreden vor Gericht zu schmettern und zu Hause keine
Akten durchzuwurzeln habe.
Die Sache ist nämlich die: solange ich lebe und eine Knarre schleppen
kann, behalte ich Garberdings und Lüders Jagd und die andere
hoffentlich auch noch. Nun wird erst höchst eigenhändig der Busch
gerodet und ein Obstgarten angelegt und Forellen- und Karpfenteiche
gebuddelt und so nach und nach wird das dann deine Sommerfrische, und
dann habe ich doch immer einen vernünftigen Grund, zur Jagd zu gehen,
und Oldwig kann zu Hause Aktenstaub schlucken.
Im April geht die Bauerei los, und die Grundsteinlegung wird
schauderhaft festlich mit Flaschenbier und selbstgeschlachteten
Würsten gefeiert. Und auf meine Namenskarte lasse ich jetzt drucken:
Jochen Freimut, Anbauer, Jagdidiot und im Nebenamt Rechtsverdreher.«
Es wurde auch eine sehr lustige Feier, aber der Hilgenbauer war nur
eine Stunde dabei und seine Frau gar nicht, denn sie hatte ihm am
Morgen dieses Tages Zwillinge geschenkt, einen Jungen und ein Mädchen.
»Hochgeöhrte Anwesende, geliebte Festgenossen, werte Gäste,«
hatte Freimut seine Rede angefangen, »der augenblickliche Tag ist
bedeutungsvoll für uns. Zum ersten, weil wir hier den Grundstein zu
dem Hause legen, in dem hoffentlich einst mein ältester und vorläufig
einziger Sohn Lüder etwas Vernünftigeres treiben wird als sein die
Natur mit Pulverdampf erfüllender Vater; zum zweiten besteht die
Familie Volkmann seit fünf Uhr dreißig Minuten heute früh aus vier
Köpfen, sintemal und alldieweil der Adebar zweimal geflogen kam,
wie das, wie man bei Ramakers gesehen hat, dort das übliche zu sein
scheint. Gehet hin und tuet desgleichen, so daß man nach zehntausend
Jahren noch singen kann, Musik!!: Deutschland, Deutschland über alles!«
Als Freimut hinterher zum Hilgenhofe ging, denn er mußte den Abend
noch abreisen, fand er Garberdings da. Die alten Leute waren selig,
und besonders die Bäuerin lachte und weinte durcheinander und sagte in
einem fort: »Jetzt bin ich doch noch Großmutter geworden!«
Und sie wurde die Großmutter, und es verging kaum ein Tag, daß der
Garberdingsche Wagen nicht angefahren kam, und war das Wetter schön, so
konnte man darauf rechnen, daß auch Garberding mitkam, denn der Bauer
mußte sich sehr vorsehen.
»Mit mir ist nicht mehr viel Staat zu machen,« sagte er zu Volkmann,
»wenn ich den Winter noch überstehe, so ist es ein Wunder. Es schadet
auch nichts; ich kann mit meinem Leben zufrieden sein; fünfundsechzig
bin ich, das ist ein schönes Ende.
Und nun will ich dir was sagen, mein Junge: sieh mal, Kinder haben wir
beide nicht, Trina und ich, und was wir an Verwandtschaft haben, das
ist so weitläufiger Art, daß wir da nichts von wissen, und wir beide
sind ja auch noch verwandt miteinander. Deswegen habe ich das mit
unserer Mutter so abgemacht: du sollst meinen ganzen Hof haben mit
allem, was drum und dran ist, und das bare Geld, das nicht ganz wenig
ist, kann bis auf einiges, das ich anderer Weise verwenden will, die
Verwandtschaft kriegen.
Ich bin noch nicht fertig; hör zu; der Tormannshof, auf den ich
geheiratet habe, hat ein großes Stück von dem Hilgenhofe zu sich
herübergezogen, denn als dein Großvater starb und hinterher der Anerbe,
verkaufte dein Oheim, weil er doch in der Stadt sein Geschäft hatte,
dreihundert Morgen an meinen Schwiegervater, während dein anderer Ohm,
der Professor, das andere bekam. Unsere Mutter und ich sind beide in
demselben Augenblick auf diesen Gedanken gekommen.«
Der Hilgenbauer hatte einen ganz roten Kopf bekommen. »Ich kann das
so ohne weiteres nicht annehmen, Garberding,« versetzte er, »ein
solches Geschenk. Einmal wird mir das Mißgunst schaffen im Dorfe, und
dann, ob Ihr mit Eurer Verwandtschaft auch noch so weit auseinander
seid, Verwandtschaft bleibt Verwandtschaft. Bedenke, sie könnte mir
Erbschleicherei vorwerfen.
Und schließlich, meine politischen Ansichten stehen dem auch entgegen.
Ich hätte dann weit über tausend Morgen, und das ist zu viel.
Großgrundbesitzer haben wir mehr als genug, was uns fehlt, das sind
Bauern. Ein Musterwirt von Gutsbesitzer ist nicht so viel wert für die
Erhaltung der deutschen Volkskraft als zehn Kleinbauern, die nach der
alten Art wirtschaften. Er kann zehn Kinder haben meinetwegen, dann
haben aber die zehn Bauern hundert.
Wenn du mir etwas Land schenken willst von unserem alten Besitz, so
danke ich dir herzlichst im Namen meines Jungen; aber alles kann ich
nicht annehmen.«
Acht Tage später kam der Großknecht vom Garberdingschen Hofe
angeritten; der Bauer war in der Nacht gestorben. Ganz sanft war er
hinübergegangen. Die Bäuerin war sehr gefaßt: »Es ist hart für mich,«
seufzte sie, »aber ich sah es ja kommen. Zu guter Letzt sagte er noch:
›Mutter, nun bist du doch nicht allein, wo du die Kinder hast.‹ Und das
ist auch mein Trost.«
Sie gab den Hof in Pacht und zog auf den Hilgenhof. »Verzieh mir die
Kinder nicht so, Großmutter,« mußte Frau Volkmann jeden Tag wohl
dreimal sagen, denn den ganzen Tag war Frau Garberding mit den Kleinen
zu Gange, und als nach zwei Jahren noch ein Junge da war, da war sie
ganz glücklich.
»Wenn das unser Vater noch erlebt hätte,« rief sie, lachte listig in
sich hinein und fuhr, sobald Holde sich wieder helfen konnte, zur Stadt.
Fünf Jahre lebte sie noch auf dem Hofe, bis ihr an einem Maiabend die
Luft wegblieb. »Die Kinder,« stöhnte sie, und man brachte sie zu ihr.
Sie strich jedem über den Kopf und lächelte müde. Noch einmal hob sie
den Kopf: »In der Beilade!« Um ihren Mund stand ein verschmitztes
Lächeln, ehe sie verschied.
Als nach dem Begräbnis Frau Volkmann die Beilade der Toten
aufschloß, fand sie oben auf dem Sonntagszeuge einen Brief, dessen
Aufschrift lautete: An Lüder Volkmann; er enthielt eine Abschrift
der Erbverschreibung, wonach Katharina Hermine Magdalene Garberding
vormalige Tormann nach dem Willen ihres Mannes ihren gesamten Besitz
und was dazugehörig war an Lüder Volkmann vermachte. »Doch,« so hieß es
am Schlusse, »soll er nicht gehalten sein, alles zu behalten, vielmehr
darf er mit Ausnahme der dreihundert Morgen, die vordem beim Hilgenhofe
waren, darüber frei verfügen.«
Frau Volkmann wurde blaß, als sie das Schriftstück las. »Lieber
Lüder,« sagte sie, »das geht doch nicht. Wer weiß, ob nicht unter den
Verwandten von unserer Großmutter Leute sind, die es sehr nötig haben.«
Ihr Mann nahm sie in den Arm: »Das freut mich, Holde, daß du auch
so denkst; genau dasselbe habe ich zu Garberding gesagt, als er mir
kundgab, daß er uns seinen Hof hinterlassen wolle. Wir wollen uns nach
der Verwandtschaft umsehen; vielleicht ist einer darunter, der auf den
Hof paßt.«
Als es im Dorfe bekannt wurde, daß der Vorsteher den ganzen
Tormannschen Hof geerbt habe, gab es erst ein großes Gerede, aber als
es sich herumsprach, daß Volkmann nur die dreihundert Morgen behalten
wolle, das andere aber bis auf ein Stück, das der Rechtsanwalt Freimut
zukaufen wollte, an einen aus der Garberdingschen Verwandtschaft
hingeben wolle, da war das Gerede noch größer, und hatten etliche Leute
erst angedeutet, daß Volkmann es schlau angefangen habe, um das Erbe
zu bekommen, so taten dieselben Männer jetzt so, als wenn er nicht alle
fünf Sinne beieinander habe.
Er aber kümmerte sich weder um die feindlichen noch um die mitleidigen
Blicke und beauftragte Freimut, Erkundigungen über die Verwandtschaft
einzuziehen.
Über ein Jahr ging darauf hin; schließlich fand der Anwalt heraus, daß
am Rhein eine Fuhrmannswitwe Tormann lebte, deren ältester Sohn ein
tüchtiger Bauernknecht sein sollte.
Sobald er konnte, reiste Freimut hin, und als er wiederkam, meinte
er: »Das ist der richtige; ein Kerl wie ein Baum, Augen wie ein Kind,
Fäuste wie ein Hausknecht und ein Herz wie ungemünztes Gold. Die Leute
können eben leben; es sind noch zwei Mädchen da, eine von vierzehn und
eine von siebzehn Jahren, ganz prächtige Mädels, und die Mutter ist
auch so. Ich habe natürlich nicht gesagt, um was es sich handelt, ich
sagte nur, daß sie von dem baren Gelde geerbt hätten; wieviel es wäre,
wüßte ich nicht. Da sagte der älteste, Hermann heißt er: ›So viel ist
es wohl nicht, daß wir uns ein paar Morgen Land kaufen könnten; hier
ist billig etwas zu kriegen.‹ Den Mann nimm, Lüder. So, und wo ist der
Bock, den du mir währenddem ausmachen wolltest?«
Volkmann meinte, das ließe sich wohl hören, es sei nur fraglich, ob
ein Rheinländer sich bei ihnen eingewöhnen werde. Als er nachher
mit Freimut durch das Bruch ging, um ihm zu zeigen, wo der Bock
stand, traten sie ein beflogenes Gesperre Fasanen heraus, und da
sagte Freimut: »Siehst du, du meintest zuerst, die Fasanen würden
verstreichen; dieses hier aber ist das sechste Gesperre, das wir jetzt
haben. Meinst du noch, daß Hermann Tormann sich hier nicht hineinfinden
wird?«
Er behielt recht; Hermann Tormann kam angereist, als ihm geschrieben
wurde, er solle unter Umständen den Hof haben, doch müsse er erst
ein Jahr Knecht auf dem Hilgenhofe sein, was er ganz richtig fand.
Er war allerhand anders gewöhnt, aber er fand sich schnell in die
landesübliche Weise, und da er freundlich und von sinniger Art war,
stellte er sich gut mit den jungen Leuten aus dem Orte, mit denen er
aber nicht viel zusammenkam, da er von sich aus keine Wirtschaften
besuchte.
Als das Jahr um war, rief der Bauer ihn in die Dönze. »Du bist mir ein
guter Knecht gewesen, Hermann,« sagte er, »dein Jahr ist um und hier
ist der Lohn, den du noch zu bekommen hast. Morgen fährst du nach Hause
und holst deine Mutter und deine Schwestern; unterdessen trete ich dir
den Tormannschen Hof ab, das heißt nicht ganz. Du weißt, die Koppeln im
Rodewischen sind so abgelegen, daß sie immer verpachtet werden mußten;
die will ich Ramaker als Anbauerstelle geben. Er hat die Jahre so viel
für mich getan, daß ich das mit Geld gar nicht gutmachen kann. Und
jetzt, Tormannsbur, hier ist der Stock vom alten Garberding, den er
immer trug und den ihm sein Schwiegervater gab; der ist jetzt dein, und
das Zeichen darin, das ist jetzt deine Hausmarke. Und nun reise gut und
grüße deine Mutter und die Schwestern.«
Es dauerte einen Monat, ehe Tormann zurückkam, denn, wie er schrieb,
mußte seine Mutter erst ihr Häuschen mit dem bißchen Land und den
Hausrat zu Geld machen, ohne es zu verschleudern. Es war so, wie
Freimut gesagt hatte; die Frau und ihre Töchter gefielen Volkmann von
Anbeginn; sie machten keine großen Worte, aber man sah es ihnen an den
Augen an, wie glücklich sie waren.
Am allerseligsten aber waren Ramakers. Der Häusling sagte gar nichts,
als ihm der Bauer den Besitzschein für die Anbauerstelle übergab; er
wurde weiß um die Nase und setzte sich auf den Hackklotz. Aber als er
sich etwas erholt hatte, war sein erstes, daß er fragte: »Wo willst du
jetzt aber einen neuen Häusling herkriegen?«
Seine Frau saß auf der Deele auf der Eimerbank und lachte und weinte
durcheinander. »Denn,« sagte sie, »mit Lustigkeit alleine komme ich
darüber nicht weg.«
Die Lerche.
Seitdem Frau Holde auf dem Hilgenhofe war, hatte sich der Bauer in
der schlechten Jahreszeit wieder an seine Arbeit gemacht und seine
Quintärfauna von Deutschland in einer wissenschaftlichen Zeitung
erscheinen lassen.
Die Arbeit machte großes Aufsehen, und in dem führenden Fachblatte
wurde sie die wichtigste zoo-geographische Arbeit aus der deutschen
Fauna genannt, die in den letzten fünfzig Jahren erschienen wäre.
Neben der Beschäftigung mit dieser Arbeit hatte der Bauer den Stoff für
eine andere gesammelt, in der er die Veränderungen darstellen wollte,
die die höhere Tierwelt des Gaues von den ältesten Zeiten bis auf seine
Tage erfahren hatte, doch kam er davon ab, als er die Einzelheiten aus
der Literatur, die ihm der naturwissenschaftliche Verein zu Bremen
beschaffte, und aus allerlei Akten zusammensuchte, und aus den alten
Leuten in der Gegend herausfragte, und auf einen anderen Gedanken.
Der Name seines Hofes und die Tatsache, daß die gewaltige Eiche, die
mit den dreihundert anderen dort stand, nicht unter die Axt gekommen
war, hatten ihn auf die Vermutung gebracht, daß es mit dem Hilgenhofe
eine besondere Bewandtnis haben müsse.
Als er Thöde Volkmanns Bücher durchsuchte, fand er darunter einen
mühsam zusammengebrachten Stammbaum der Hilgenbauern, der zwar einige
kahle Stellen aufwies, aber weit zurückreichte, und in demselben
Hefte eine Menge Aufzeichnungen über die Geschichte des Hofes und der
Besitzer, sowie in einem Fache des Schrankes alle Literatur, in denen
der Hilgenhof und Reethagen vorkamen.
Der Hilgenbauer fühlte sich mit seinem Hofe so sehr verwachsen, daß
er selbst schon allerlei über ihn und seine Besitzer zusammengetragen
hatte; er forschte weiter nach, wo er irgendwelche Urkunden, Akten und
Aufzeichnungen vermutete und trug alles in das grüne Heft seines Ohms
ein; dann zog er daraus den Stammbaum und trug ihn in einen starken
Band mit Lederdeckel ein, den er eigens zu diesem Zwecke gekauft hatte
und der das Hausbuch der Hilgenbauern werden sollte und davor in
knapper Fassung die Geschichte des Hilgenhofes und seiner Besitzer, und
die Bäuerin, die sehr gut zeichnete und malte, fügte Bilder von dem
Hause, dem alten Wahrbaume, dem Hilgenberge, dem Grasgarten und dem
Fleet hinzu und ihre, ihres Mannes und der Kinder Abbildungen.
Lüder hatte schon auf der Lateinschule sehr viel gelesen und auf der
Hochschule und später noch mehr; jetzt las er nur ganz selten noch und
eigentlich nur solche Bücher, die sich mit der Geschichte der Heimat
und ihrem Volke beschäftigten, schöne Literatur dagegen gar nicht.
Dadurch kam er ganz zu sich selbst und lenkte seine Gestaltungskraft,
die fortwährend in ihm arbeitete und die in den letzten Jahren ganz
von der Arbeit für den Hof mit Beschlag belegt war, nicht ab, sondern
speicherte einen großen Vorrat davon in sich auf.
Als ihm nun beim Holzabfahren in der Wohld ein Stamm den rechten Fuß
so schwer gequetscht hatte, daß der Arzt ihm für lange Wochen Liegen
verordnete, fühlte er sich sehr unbequem, denn mit dem Lesen von
Büchern konnte er seiner Unruhe nicht Herr werden.
»Schreibe deine Gaufauna fertig,« riet ihm seine Frau, und sie
beschaffte ihm ein Pult, das an das Bett geschraubt wurde. Er begann
zu schreiben, aber während er bei der Einleitung war, in der er das
Land schilderte, wie es zu den Zeiten ausgesehen haben mochte, als noch
Urochs, Bär, Adler und Uhu dort lebten, traten, je weiter er kam, immer
mehr die Menschen vor ihn, während das Getier zurückwich.
Er klagte seiner Frau sein Leid, aber sie sagte ihm: »Die Hauptsache
ist, daß du dir die Zeit vertreibst. Die Tiere laufen dir nicht fort,
und wenn sich die Menschen vordrängen, so werden sie wohl ihre Ursache
dazu haben. Das, was du bis jetzt geschrieben hast, ist sehr schön.«
So tat er, was er mußte, ließ den Hilgenhof entstehen, schilderte
die Schicksale der Leute, die darauf saßen, und als er in kurzen
Zügen die alte Zeit dargestellt hatte, langte er bei Helmold Hilgen
an, der während des Dreißigjahreskrieges lebte und dessen zweiter
Sohn Hennecke, der herzoglicher Amtsschreiber war, ein Heft mit
Aufzeichnungen über das, was ihm sein Vater erzählt hatte, hinterließ.
Dadurch bekam Lüder Boden unter die Füße, so daß er weiterkommen konnte
bis zu Henning Volkmann, der auf den Hilgenhof heiratete und zur Zeit
des ersten Napoleon lebte. Das war ein ausnehmend gescheiter Mann; er
hatte ein Tagebuch über alle wichtigen Geschehnisse auf dem Hofe und im
Kirchspiele geführt und immer die großen Zeitereignisse dabei bemerkt,
soweit sie Einfluß auf den Hof hatten, auch seine eigenen Gedanken
dabei nicht vergessen, die er sich darüber gemacht hatte.
Da nun ein Schillscher Offizier, der lange mit einer schweren Wunde auf
dem Hilgenhofe lag, sowohl den Bauern als die Bäuerin und die Kinder
als Schattenrisse in das Heft hineingezeichnet hatte, auch auf zehn
Seiten in trefflicher Weise das Leben auf dem Hofe beschrieben hatte,
so hatte Lüder diesen seinen Ahnen sichtbar vor Augen und konnte nicht
eher von ihm fortkommen, als bis er in zehn Schreibheften das ganze
Leben dieses ausgezeichneten Bauern, der ein Mehrer des Hofes und
fünfzig Jahre lang Bauernvogt war, beschrieben hatte.
In vier weiteren Heften schloß sich der Niedergang des Hofes an, bis
im fünfzehnten und letzten Hefte die beiden letzten Volkmanns, der
weltflüchtige Gelehrte Thöde und Lüder, der Landstreicher, den Beschluß
bildeten.
Es war Ende Februar, als der Bauer mit der Geschichte des Hofes zu
Rande war. Sein Fuß hatte sich sehr gebessert, zumal er sich während
des Schreibens ruhig verhalten hatte, denn je mehr er schrieb, um so
ruhiger wurde es in ihm.
Er gab die fünfzehn Hefte der Bäuerin; sie las sie trotz der engen
Schrift in einem Zuge durch, faßte seinen Kopf mit beiden Händen,
gab ihm einen Kuß und sagte: »Das kannst du mir schenken, es ist
wundervoll.« Er nickte, und als sie weiter fragte: »Darf ich damit
machen, was ich will?« nickte er wieder und sagte: »Gewiß, Holde, was
du willst!«
Da die Sonne warm schien, hatte er Lust, nach draußen zu gehen, denn
bis dahin war er nur im Hause auf und ab gegangen. Die Bäuerin gab ihm
den Arm und führte ihn in den Garten, wo in der Alpenanlage, die Thöde
Volkmann angelegt hatte, allerlei frühe Blumen blühten, und von da bis
zum Ende des Grasgartens, weil dort die Vormittagssonne am wärmsten war.
Als sie auf die Saat sahen, die vortrefflich durch den Winter gekommen
war, flog aus dem dichten Grün die erste Lerche hoch, stieg auf und
sang. »Ich habe es gut getroffen, Holde,« sagte der Bauer, »gleich
beim ersten Schritte vor das Haus singt mir die Lerche zu.« Seine Frau
nickte lächelnd; sie hatte ihre eigenen Gedanken.
In der Folge, als Lüder wieder mehr draußen war, um nach den Knechten
zu sehen, denn er hatte jetzt drei Knechte außer dem neuen Häusling
Lüdeke, mit dem er es gut getroffen hatte, saß die Bäuerin jeden Tag
und schrieb die Geschichte des Hilgenhofes sauber ab, und wenn ihr Mann
sie dabei antraf und sie fragte, warum sie sich soviel Mühe gäbe, dann
sagte sie lächelnd: »Du hast gesagt, ich kann damit machen, was ich
will.«
Wenn aber Freimut zur Jagd da war und sich auf dem Hofe sehen ließ,
dann hatte sie immer Wichtiges mit ihm zu reden; manchmal steckte er
ihr auch einen Brief zu, und als Lüder das einmal bemerkte, lächelte
seine Frau ganz so, wie damals Mutter Garberding gelächelt hatte, als
sie sich zur Kreisstadt fahren ließ, um ihre Erbverschreibung aufsetzen
zu lassen.
»Es ist ein gesegnetes Jahr,« meinte der Bauer, als sie die Deele zum
Erntebier rüsteten.
Die Frau stimmte ihm mit den Augen zu, aber sie dachte nicht an die
Ernte, die auf dem Felde gewachsen war, und nicht an die Gartenfrüchte
und an die Obstbäume, die sich alle tief bückten, noch weniger.
Zuzeiten fragte Lüder sie, was sie habe, denn wenn sie auch immer
heiteren Sinnes war, in ihren Augen war seit einiger Zeit ein ganz
eigenes Leuchten, und noch nie hatte sie soviel gesungen und gelacht,
wie zu dieser Zeit, und war sie früher schon schön, so wurde sie es
jetzt noch viel mehr, trotzdem sie von früh bis spät mit dem Haushalte
zu tun hatte und außerdem noch auf die Kinder, deren es mit der Zeit
vier geworden waren, zu achten hatte.
So kam der Weihnachtsabend heran. Lüder saß in der großen Wohnstube in
dem Anbau, in dem jetzt die Familie lebte, da das alte Haus zu klein
geworden war, und hatte das jüngste Kind auf dem Schoße, während die
anderen mit gemachter Ruhe die Bilder in einem Tierbuche besahen. Die
Geschenke für seine Frau hatte er der Großmagd gegeben.
Um sieben Uhr kam die Bäuerin herein; sie hatte, wie die anderen
auch, ihr bestes Zeug an, und in ihren Augen war eine heimliche
Ausgelassenheit, so daß ihr Töchterchen sagte: »Mutter, du siehst heute
wirklich zu schön aus!«
Bald darauf läutete es; die Bäuerin faßte ihren Mann an die Hand und
führte ihn auf die Deele, wo der Lichterbaum brannte; um ihn herum
standen das Gesinde und der Häusling mit seiner Familie.
Nachdem die Kinder mit klaren Stimmen das Weihnachtslied gesungen
hatten, wurden erst Lüdekens beschert, dann das Gesinde, worauf
schließlich die Kinder zu ihren Gaben gewiesen wurden; zuletzt führte
Lüder seine Frau dahin, wo seine Geschenke lagen, alltägliche Dinge,
die ihr fehlten und die er sich im Verlaufe des Jahres gemerkt
hatte, und einiges, das nicht so notwendig war und von liebevoller
Aufmerksamkeit Zeugnis gab.
»Du, lieber Lüder,« sagte die Bäuerin, nachdem das Gesinde mit seinen
Geschenken in die Leutestube gegangen war, »du bekommst wie gewöhnlich
das wenigste; da sind zwölf Paar Strümpfe, sechs für den Sommer und
sechs aus Schnuckenwolle für wintertags, und zwei Kisten Räucherwerk
und natürlich einen Weihnachtskuß, weil du bis auf die Dummheit mit
dem gequetschten Fuß dich das ganze Jahr gut betragen hast. Gern hätte
ich dir noch ein besseres Angebinde verehrt, aber du hast ja so wenig
Bedürfnisse, daß man nie weiß, was man dir schenken soll. Unter den
Strümpfen liegt noch eine Kleinigkeit, die dir vielleicht Freude macht.«
Neugierig packte er die Strümpfe fort und fand darunter ein Heft einer
vornehmen Zeitschrift liegen, auf dessen aufgeschlagener Seite eine
Stelle blau bezeichnet war. Er las und wurde ganz rot im Gesicht, denn
da stand:
»Im Verlage des Deutschen Vereins für ländliche Wohlfahrt- und
Heimatpflege ist ein Buch erschienen, das in der Weihnachtsliteratur
dasteht wie eine Eiche im Felde. Es heißt »Der hohe Hof« und behandelt
die Geschichte einer bäuerlichen Familie der Lüneburger Haide. Sein
Verfasser nennt sich Lüder Volkmann; wir wissen nicht, wer das ist,
aber wir wissen, daß er ein großer Künstler ist. Seine Sprache ist
rein und klar, wie die Luft in der Haide; da stäubt kein überflüssiges
Wort, da fliegt kein falscher Ausdruck. Sein Satzbau ist von jener
Natürlichkeit, die so schwer zu treffen ist, und seine Bilder sind
ungesucht und neu. Das Buch wird demnächst ausführlicher besprochen;
für heute sagen wir nur: es ist ein köstliches Werk.«
Als Lüder aufsah, warf sich Holde an seine Brust. »Ich habe nur die
Namen etwas geändert; alles andere blieb, wie es war. Du sagtest, ich
könnte damit anfangen, was ich wollte, da habe ich es drucken lassen.«
Sie schlug die weißleinene Decke zurück, und zwei Bücher kamen zum
Vorschein, das eine in kostbarer, das andere in einfacher Ausstattung.
»Das, Lüder, ist die Volksausgabe. Dein Buch muß in recht viele Hände
kommen, darum ist gleich eine ganz billige Ausgabe herausgegeben.
Inhaltlich sind beide Ausgaben gleich, nur kostet dieses Buch zwei,
jenes sechs Mark.