Volkmann lachte: »Bist du Justizrat geworden?«

Der Anwalt schnaubte: »Sehe ich denn schon so bresthaft aus?« Er hielt

ihm seine linke Hand vor die Augen, die so groß war, daß ein junges

Mädchen ihn einst bat: »Ach bitte, Herr Referendar, halten Sie doch

Ihre Hand vor die Tür, es zieht so.«

Der Anwalt lachte: »Ja, die Liebe, sie hat mich zur Strecke gebracht,

mich, den letzten der Mannen von Niefelheim, der die alte gute Sitte

hochhielt und als dreimal destillierter Junggeselle einsam hinter

dem Biertopf saß, wenn die anderen den Hausschlüssel nicht bekommen

konnten. Nun barst auch diese letzte Säule, verödet ist die Stätte, wo

das schöne Lied von den Brummelbeeren so oft erklang, denn jedweden

Abend mache ich jetzt bei meiner Braut hübsch.

Hier ist sie.« Er zog ein Bild aus der Tasche. »Hildegard heißt sie,

hat ein Haus mit einem Garten drum herum und auch sonst noch Vorzüge

mannigfacher Art, vor allem den, daß sie beinahe so lang wie Schreiber

Diese ist.

Mensch, nun mußt du auch noch heiraten, und ein Mädel, das auch

von deinem Kaliber ist, und dann können wir singen: Deutschland,

Deutschland über alles, über alles in der Welt!

Bis Montag habe ich Urlaub, denn meine Hilde ist nach ihrer Tante

gefahren, und ich will jetzt einige Hasen erschlagen.«

Als er von Ramaker hörte, daß sein Freund Vorsteher geworden war,

schlug er auf den Tisch, daß es knallte, küßte Lüder ab und schrie:

»Bei meinem Barte! Die Bauern hier sind noch klüger, als ich dachte.

Donnerhagel noch einmal, werde ich aber mit dir protzen; mein

Duzfreund, der Vorsteher!

Denn, mein Lieber, wenn du dich auch sträubst, wie ein Borgfarken, zu

meiner Hochzeit mußt du kommen. Es werden nur tüchtige Kerle und schöne

Frauen und Mädchen eingeladen, und die Kirche soll voll von Maibäumen

sein, daß es darin aussieht wie in der Lüneburger Haide, wenn die

Dullerchen singen. Und meine zukünftige Hausehre hat dir schon eine

Tischnachbarin ausgesucht, die schönste, die es auf der Welt geben soll

von allen, was seine Haare in Flechten trägt.

So, und nun wollen wir los; mir kribbelt es im Drückefinger und ich

will morgen Hasenpfeffer so essen, wie es sich gehört, und nicht

solchen labberigen Bratenabfall, den sie einem in den lackierten

Herbergen als das auftischen.« Und er sang mit seinem Bierbasse: »Auf

und an, spannt den Hahn, lustig ist der Jägersmann!«

Die Wintermonate sprangen Volkmann unter den Fingern fort, soviel

Arbeit brachte ihm das Vorsteheramt. Die Arbeit machte ihm aber Freude,

denn er lernte viel dabei und konnte allerlei Gutes wirken.

Ohne daß sie es merkten, brachte er den Bauern Verständnis für die

Schönheiten der Landschaft bei, rettete den alten Wahrbaum vor dem

Dorfe, der der Straßenverbreiterung weichen sollte, ließ die beiden

Steingräber in der Haide, die zu Brückensteinen zerschossen werden

sollten, für ewige Zeit schützen und verhinderte es, daß allerlei

überflüssige Vereine sich bildeten und das dörfliche Leben städtisch

machten.

Da die Vorarbeiten für die Bruchentwässerung in Angriff genommen

wurden und eine Nachverkopplung notwendig wurde, die viel Lauferei und

Schreibarbeit mit sich brachte, so war es mit einem Male mitten im

Frühling, und es war ihm, als er die erste Lerche über der grünen Saat

hörte, als wäre sie den Tag zuvor erst fortgezogen.

An einem Aprilabend, als er aus dem Bruche kam und an dem Ellernbusche

vorbeiging, der zu beiden Seiten der Beeke lag, hörte er einen fremden

Ton und sofort sagte er sich: »Das ist ja eine Nachtigall.«

Er blieb stehen und wartete, bis sie weiterschlug, und dann mußte er

lachen, denn an seine naturgeschichtliche Arbeit hatte er den ganzen

Winter nicht denken können und an vieles andere auch nicht.

Ganz selten einmal, wenn er im Schummern am Herdfeuer saß und rauchend

in die roten Flammen sah, hatte er an das große, schöne Mädchen mit

der hellen, reinen Stimme gedacht, und nur so, wie man an einen Traum

denkt, den man nicht vergessen kann und nicht vergessen will.

Nun aber, als er abends allein bei dem Feuer saß und an den einen

Laut dachte, der aus dem Ellernbusche kam, war es ihm, als hätte er

tags zuvor erst ihre Stimme an seiner Schulter gefühlt, und als der

Spinnstuhl sich meldete, bedünkte es ihm, als hätte die Allerschönste

dort eben gesessen und müsse im Augenblicke wieder hereinkommen, ihn

anlächeln und ihre Stimme ihm entgegenflattern lassen.

Als er dann in der Dönze saß und noch einige Zahlen aus seinem

Taschenbuche eintrug, da schrieb er, fast ohne zu wissen, was er

tat, ein Dutzend Zeilen auf einen leeren Streifen Papier, und dann

schüttelte er den Kopf über sich selber, denn seit seiner Burschenzeit

hatte er kein Gedicht mehr geschrieben.

Er las es durch und nickte zustimmend, als hätte jemand anders es

geschrieben, das Liedchen, das in zwölf Zeilen die Empfindung

ausdrückt, die ein Mensch hat, der tief im braunen Bruche einen

einzigen verlorenen Nachtigallenlaut vernimmt.

Er las es noch einmal, lächelte und dachte, daß es wirklich gar kein

schlechtes Gedicht wäre, und als er im Bette lag, war es ihm, als sei

es nicht die Nachtigall gewesen, sondern eine andere Stimme, die ihn

gezwungen hatte, stehenzubleiben.

Freimut hatte seine Hochzeit auf den ersten Mai, »den Tag der

Odinsfreite,« wie er schrieb, angesetzt und dabei bemerkt: Frack

brauchst du nicht; wir kommen alle im Gevatterrock, dieweil wir nicht

den Ehrgeiz haben, wie Kellner auszusehen. Einen Polterabend kann ich

mir nicht leisten; ich habe an dem Tage eine Verteidigung.

So packte Volkmann den Kirchenrock und den hohen Hut in den Reisekorb,

den Freimut dagelassen hatte, und fuhr los. Seine Gabe, eine sehr

schöne alte Beilade mit reicher Schnitzerei, die er hatte zurechtmachen

lassen, hatte er durch den Baumeister schon in das Heim der Brautleute

schicken lassen.

Als er in der großen Stadt war, suchte er sich ein ruhiges Gasthaus,

ging dann durch die Straßen, kaufte sich Handschuhe und leichte Schuhe

und ließ sie nach dem Gasthofe schicken. Dann setzte er sich an der

Hauptstraße in ein Kaffeehaus, um hinter der Efeuwand her das bunte

Leben zu betrachten.

Alle Leute blickten auf, als der bäuerlich angezogene lange, schöne

Mann mit dem braunen, bartlosen Gesichte zwischen den Marmortischen

einherging. Die Männer lächelten spöttisch, die Frauen aber reckten

sich die Hälse nach ihm aus und mehr als eine flüsterte: »Wie

interessant; ein Bauer mit Schmissen!«

Als er sich gesetzt hatte und dem Kellner winkte, dachte er so bei

sich: Was für unverschämte Augen die Frauensleute hier doch machen!

denn er hatte sich schon ganz an die dörfliche Art gewöhnt.

Er fand, daß er an dem städtischen Leben gar keinen Anteil mehr hatte;

so manches Gesicht kannte er noch von früher her, sah fein angezogene

Leute, die damals einfach gingen, und andere, denen es nicht so gut zu

gehen schien wie vordem.

Der Lärm, die Rastlosigkeit, die Reklame, der abscheuliche Gegensatz

zwischen Protzerei und Elend, alles das widerte ihn an, und als der

Kellner einen vor Nervenschwäche am ganzen Leibe fliegenden Mann, der

Ansichtspostkarten feilbot, hinausweisen wollte, stand der Bauer auf,

kaufte drei Karten und gab dem armen Menschen ein Zweimarkstück.

Grade war er dabei, die Aufschriften abzufassen, denn er wollte die

Karten an Garberding, Ramaker und Nordhoffs Lieschen schicken, da fuhr

er in die Höhe, denn eine Stimme, die er nur einmal und nicht wieder in

seinem Leben gehört hatte, erklang jenseits der Efeuwand.

Der Bleistift fiel ihm aus den Fingern, er sprang auf und trat auf die

Straße, sah aber nur noch den Lohnwagen im Gewühl verschwinden.

Wie vor den Kopf geschlagen fiel er auf den Stuhl, trank einen Schluck

von dem Bier, bezahlte und ging, ohne seine Postkarten mitzunehmen.

Er wanderte von der Hauptstraße nach den Anlagen und von da wieder in

das Gewühl, ohne etwas zu sehen, ohne daran zu denken, daß er noch

essen und sich umziehen müsse.

Mit knapper Not kam er in seinen Kirchenrock, ließ sich einen Wagen

kommen und drängte sich durch den Kreis der Zuschauer in dem

Augenblick in die Kirche, als die Orgel losjubelte und das Brautpaar

zum Altare schritt.

Er sah nichts, er hörte nichts, denn alle seine Sinne waren bei seinem

Erlebnisse an jenem Vormittage im April, als der Ortolan in der

Hängebirke sang und die Luft nach Post und Juchten roch.

Die Kirche war voll von Juchtenduft, denn sie war mit grünen Maibäumen

ausgeziert, und der Geruch der Heimathaide legte sich so eng um den

Mann, daß er den Altar und den Priester und das Brautpaar wie ein Bild

sah, das ihn kein bißchen anging, und die Traurede hörte sich für ihn

nur an, wie das Rauschen von Laub im Winde.

Dann aber machte sein Herz einen Satz, seine Augen wurden groß und er

tat einen Schritt voran, besann sich aber und sah nur, indem ihm das

Blut umschichtig zum Kopfe und zum Herzen schoß, dahin, wo die stand,

deren Stimme er an jenem Apriltage und heute jenseits der Efeuwand

vernommen hatte.

Er kannte sie auf den ersten Blick, trotzdem ihr Gesicht und ihre

Gestalt etwas voller waren als damals, und obgleich sie ihm in dem

ausgeschnittenen Kleide und den bloßen Armen ein wenig fremd vorkam.

Er fühlte viel Glück in sich, und ein jähes Durstgefühl machte seine

Lippen trocken, dann aber ging ihm ein Stich durch das Herz; sie war

schon lange eines anderen Frau. Er trat auf dem Läufer leise näher,

um die Gesichter der Männer zu sehen und zu erraten, wer es wohl sein

könnte, der zu ihr gehörte.

Die Traurede war nur kurz, ihm aber deuchte sie, kein Ende zu haben,

und als das Brautpaar an ihm vorüberging, der junge Ehemann ihm

zunickte und die junge Frau ihn anlächelte, starrte er sie an, als wenn

er sie nicht kenne.

Dann aber kam der Baumeister auf ihn zu, nahm ihn beim Arm und,

indem er sagte: »Kommt her, ich muß Euch Eurer Tischdame vorstellen,

Ihr Bummler, der Ihr seid«, führte er ihn zu jener, der er dereinst

dahinten in der Haide Beistand leistete.

Es waren nur zehn Schritte, die der Bauer zu machen hatte, aber er war

todmüde und elend vor Aufregung, als er sie hinter sich hatte, und

erst, als Schönewolf gesagt hatte: »Ihr Tischherr, Fräulein Rotermund,

der Vorsteher Volkmann, genannt Hilgenbur aus Reethagen«, da bekam er

wieder Kraft und sah sie an.

Als sie mit glührotem Gesicht ihren Arm unter seinen schob und er sie

zum Wagen führte, kam er sich vor, als machte er selber heute Hochzeit.

Die Haidlerche.

Auf dem Hilgenhofe gab es einen großen Aufstand an diesem Abend, denn

um acht Uhr kam der Briefträger angeradelt und brachte eine dringende

Depesche für Ramaker.

Der drehte das Papier unschlüssig in der Hand um, denn er hatte noch

nie eine Depesche gesehen, und schließlich mußte der Briefträger es

aufmachen und vorlesen, was darin stand, und der Häusling, die Frau und

die Magd standen da, hielten die Hände im Schoß zusammen und machten

Gesichter, als ginge es auf Leben und Sterben.

Aber es stand bloß darin: »Ich bleibe noch drei Tage hier. Sagt

Garberding Bescheid und haltet euch munter. Volkmann.« Da atmeten sie

alle auf.

Um drei Uhr nachts war der Bauer in seinen Gasthof gekommen; als es

fünf war, lag er noch wach. Er stand auf, zog sich an, ließ sich von

der Magd, die das Gastzimmer aufwusch, Frühstück geben und schenkte ihr

einen blanken Taler, so daß sie ihm ganz verdutzt nachsah, denn sein

Benehmen war nicht so, als ob er Unrechtes mit ihr im Sinne habe.

Volkmann ging durch die Straßen, in deren Vorgärten die Tulpen unter

den blühenden Bäumen in allen Farben leuchteten und über deren Dächern

die Mauersegler vor Wähligkeit schrien, denn es war ein prachtvoller

Morgen und der Himmel war hoch und hell.

Hoch und hell sah es auch in dem Bauern aus, als er leichten Schrittes

dahinging, und manches niedliche Dienstmädchen, das mit dem Korbe zum

Bäcker wippte, machte ihm runde Augen, denn er sah aus, als ob er die

ganze Welt in den Arm nehmen wollte.

Das hätte er auch am liebsten getan, denn zuviel Glück war in ihm. Er

ging in den Stadtwald, in dem das Sonnenlicht mit dem Nebel spielte und

der voll von Vogelliedern war, und suchte in dem Teil, wo die hohen

Fuhren ragten, eine Bank auf, die ganz versteckt an einem Graben lag.

Dort war früher sein Lieblingsplatz gewesen, wenn er, abgespannt von

der Arbeit bei der Zeitung und dem Parteikampfe, Erholung gesucht

hatte, und wo er an dem Morgen des Tages saß, in dessen Verlaufe ihm

das Genick gebrochen wurde.

Vor ihm öffnete sich der Wald zu einer Lichtung, die bunt von vielerlei

Blumen war und von wo Efeuranken, silbern in der Sonne blitzend, an den

roten Fuhrenstämmen emporkrochen.

Volkmann zog seine Uhr heraus und seufzte; es war erst sieben und vor

zehn Uhr konnte er doch nicht gut dahin gehen, wohin es ihn zog. Er

nahm den Hut ab und zog die Jacke aus, so heiß war ihm, nicht aber vom

schnellen Gehen und von der Sonne, sondern vor Seligkeit.

Wie war das eigentlich alles gekommen? Er saß im Wagen und sie ihm

gegenüber; sie hielt seine braune Hand in ihren weißen Händen und es

war, als wenn viele, viele kleine rosige Kinderhände ihn streichelten,

als sie sagte: »So habe ich doch noch Gelegenheit, Ihnen meinen Dank

für das zu sagen, was Sie an mir taten.«

Er hatte gestottert, wie ein Schuljunge, als er abwehrte: »Das ist

doch nicht der Rede wert!« Aber sie war rot geworden, hatte reizend

gelächelt und gesagt: »Sie wissen ja gar nicht, was ich meine,« und

als er sie verwundert fragte, was das sei, da war sie rot geworden

bis auf die Brust und hatte mit niedergeschlagenen Augen geflüstert:

»Vielleicht später.«

Seine Tischnachbarin zur Linken war von ihrem Herrn so in Anspruch

genommen, daß Lüder sich um sie nicht zu kümmern brauchte, und es

dauerte gar nicht lange, da stieß die junge Frau Freimut ihren Mann

an und sagte: »Sieh die beiden an; ich glaube, die kennen sich schon

lange. Herr Gott, gäbe das ein schönes Paar!«, worauf ihr Mann

erwiderte: »Dann würde ich nicht bedauern, an diesem Feste teilgenommen

zu haben,« und dann rief er »Au!«, denn seine Frau hatte ihn auf den

Fuß getreten und »Ekel!« gesagt.

Lüder und Holde aber vergaßen Essen und Trinken, und mehr als einmal

stand der Oberkellner mit seinem Gehilfen achselzuckend hinter dem

Paare und sah hilfeflehend zu Freimut hin, bis der über den Tisch

rief: »Volkmann, magst du keine Forellen? Es sind Haidjerinnen aus

Bienenbüttel!«

Und Volkmann sah verwirrt um sich, nahm, vergaß zu essen und sprach

oder hörte zu, denn viele Abschnitte ihrer Lebensbücher lasen sie

zusammen, und als Pastor Wunderlich eine so lustige Rede auf die

Schwiegermütter im allgemeinen und die in diesem Falle vorzüglich in

Betracht kommenden hielt, daß aller Augen an seinem Munde hingen, da

drückten Lüder und Holde sich unter dem Tische die Hände und sie schob

ihm ihren Ring an den kleinen Finger der linken Hand.

Ein goldener Schein flammte über die Lichtung hin; der Pirol war es.

Er sah mit seinen rubinroten Augen nach dem Bauern, schwang sich

empor und ließ aus der Krone der Fuhre einen goldenen Jubelruf zu dem

Manne herabklingen, verstummte und jauchzte aus der Ferne weiter,

während rund umher Fink und Meise, Amsel und Drossel und alle die

anderen vielen Vögel ihre Lieder ineinanderflochten und die gelben

Zitronenfalter so lustig über die hellen Blumen tanzten, wie Lüders

Erinnerungen über dem Abend, der hinter ihm lag.

»Ich bin der allerglücklichste Mensch auf der Welt,« sagte er vor sich

hin. »Wäre ich wohl so glücklich, wenn ich nicht so lange Jahre im

Schatten gegangen wäre?« dachte er. »Sicher nicht. Ich wäre bei dem

unruhigen Leben in der großen Stadt verflacht, hätte mein Herz nach und

nach verzettelt und wäre schließlich ein Geldjäger und Bierphilister

geworden.

Den Staub, den ich auf der Seele hatte, habe ich mit Unglück und

Einsamkeit abgewaschen, und nun stehe ich rein da, wenn auch nicht vor

der Welt, so doch vor ihr, die mir von Anbeginn bestimmt war, und darf

ihren roten Mund küssen, soviel ich lustig bin.«

Ein Zaunkönig setzte sich drei Schritte vor ihm auf eine moosige Wurzel

am Grabenbord, machte ihm einen Diener und sang ihm sein lautestes Lied

vor.

Lüder lächelte; er hätte auch singen mögen, so laut singen, daß der

ganze Wald schallte, und ein Gebet wäre das Lied, das zum Himmel

steigen müßte.

Nun war er nicht mehr allein auf dem Hilgenhofe; ein Kamerad würde bei

ihm sein, der im Hause das Leit in der Hand hielt, wenn er hinter dem

Pfluge ging, und der abends, wenn die Arbeit getan war, dafür Sorge

trug, daß seine Seele nicht auf die Erde fiel und am Boden kleben

blieb, wie die bunte Motte, die vor seinen Füßen lag.

Alles, alles hatte er ihr gesagt, als er gestern neben ihr saß. Das

Wichtigste hatte ihr schon Freimut gesagt. Er hatte ihr von der kleinen

Margerit mit dem großen Herzen erzählt und von der Frau, in die er

sich als froher Bursche verliebte und der sie, Holde Rotermund, so

sehr ähnlich sähe. Und da hatte sie gefragt: »Wie hieß sie?«, und als

er sagte: »Frau Professor Rödiger,« da sagte sie leise: »Es war meine

älteste Schwester; sie starb vor vier Jahren.«

Und als er ihr erzählte, daß er dann den schlechten Abklatsch der

Toten, Frau Mehls, zu lieben vermeint hatte, und daß er, als ihr Mann

sie los sein wollte, nachdem er sie abscheulich behandelt und dadurch

dem Hausfreund in die Arme getrieben hatte, in der Scheidungsklage

unter Eid bestritt, Umgang mit ihr gehabt zu haben.

»Sie stehen für mich fleckenlos da,« hatte Holde gesagt; »verweigerten

Sie den Eid, so war die Frau gerichtet, und da Sie sie zu lieben

glaubten, blieb Ihnen nichts anderes übrig.«

Da hatte er solchen Mut bekommen, daß er, als der Geistliche die

Schwiegermütter als lichte Engel abmalte, ihr gestand, daß er seit

dem Tage, da er ihre Stimme vernahm, kein Weib mehr habe schön

finden können, und sie flüsterte ihm zu, daß auch ihr seine Stimme

nachgeklungen wäre, wo sie auch war. Und da hatten sich ihre Hände

unter dem Tische Treue gelobt.

Er sah nach der Uhr; es war noch immer viel zu früh. Da hatte er noch

Zeit, zum Gasthof zurückzugehen; er wollte Garberdings schreiben, daß

er eine Braut gefunden habe.

Im Hausflur sagte ihm die Magd, es sei ein großes Paket für ihn

abgegeben worden, sie habe es auf sein Zimmer gelegt. Dabei sah sie

ihn so an, daß er dachte: »Hier hast du mit deinem Taler ein kleines

Unglück angerichtet.«

Als er den großen Karton aufmachte, sah er zu oberst auf der Verpackung

einen Brief liegen; die Aufschrift war von Freimut; er schrieb:

»Noch einmal, liebster Lüder, unseren herzlichsten Glückwunsch! In

Anbetracht der veränderten Umstände nehme ich an, daß du für deinen

hiesigen Aufenthalt die Rustikalität ein wenig ablegen mußt. Sintemalen

und alldieweil ich mir nun denke, daß es dir ebenso gehen wird wie

mir, indem ich niemals einen fertigen Anzug bekommen kann, denn die

Nummer Enak ist heutigen Tages aus der Mode gekommen, gestatte ich

mir kurzhändig und ergebenst, dir die anbeiige Kluft zu verehren, die

für eine elegantere Gestalt mehr geeignet ist als für die mirige. Er

hängt schon seit einem Jahre im Schranke. Verzehre ihn in Gesundheit,

desgleichen die Anlagen. In vier Wochen will ich auf der Osterwiese den

Bock schießen; stelle ihn solange kalt. Frau Rechtsanwalt Freimut kommt

mit nach dem Hilgenberge. Handschlag! Jochen.«

Volkmann packte aus und schüttelte den Kopf: Alles war da, wie es sich

für einen Stadtmenschen gehört, ein voller Anzug, drei Hemden, Kragen,

Halsbinden, Manschettenknöpfe und sogar farbige Strümpfe.

Der liebe Kerl! Volkmann war ganz gerührt, denn so wie er ging, ganz

bäuerlich, paßte er allerdings schlecht neben Holde auf den Asphalt,

und einen Anzug, der ihm saß, fand er in dem ganzen Nest nicht, das

konnte er sich denken.

Er zog sich schnell um, fand, daß er trotz des bartlosen

Bauerngesichtes vortrefflich aussah, und ging barhaupt die Treppe

hinunter, denn ein Hutgeschäft war nebenan.

In der Gastzimmertür stand die Magd und sperrte die Augen weit auf; der

Mann war ihr rätselhaft: als Bauer kam er und als Graf ging er. Denn

so sah er aus bis auf den Schwarzdornstock mit dem sonderbaren gelben

Zeichen darin, das ihr, als sie das Bett machte, schon aufgefallen war.

Auch der Kellner in dem Kaffeehause, in dem der Bauer tags vorher

eingekehrt war, riß die Augen sperrangelweit auf, holte die

Ansichtskarten heraus, die Volkmann hatte liegen lassen und sagte, als

er am Tresen die Bestellung ausführte: »Mir ist schon viel passiert,

aber so wat noch nich, Fräulein Frida; der Herr da mit den drei

Durchziehern kam gestern als Bauer an und heute sieht er aus wie ein

richtigjehender Jraf. Haben Sie Wörter?«

An einem Tische saß ein Ehepaar, das auch am Tage vorher dagewesen war.

Er, ein dürftiges Männlein von einfacher Eleganz, las im Börsenkourier

die Kurse, und sie, ein überüppiges, protzig gekleidetes Weib, sah

sich die Männer an.

»Siegfried,« sagte sie, »sieh mal, der Bauer von gestern, der mit

den Schmissen, du weißt doch, elegant ist er heute, sag' ich dir!«

Siegfried knurrte: »Nu, wenn schon! Mathildenhall sind schon wieder

gefallen. Der verfluchte Kali!«

Als Volkmann an der Tür des Hauses, in dem Frau Konsistorialrat Freimut

wohnte, klingelte, lächelte das alte Dienstmädchen etwas schelmisch.

»Herr Volkmann?« Er nickte. »Ich wünsche auch viel Glück! Sie möchten

im Garten hinter dem Hause doch ein wenig warten!«

Er ging um das Haus herum und sah in der Laube einen Tisch gedeckt.

Dann hörte er hinter den Büschen eine Harke im Kiese kratzen, und

als er seine Augen dahin brachte, sah er einen blauen Rock, um den

eine weiße Schürze wehte, darunter Holzpantoffeln und darüber blaue

Wollstrümpfe mit weißen Hacken, ein rotes Leibchen, kurze weiße

Hemdsärmel und einen geblümten Helgoländer. So gingen die Mädchen in

der Haide zum Heuen.

Die Sache kam ihm verdächtig vor; er ging näher und da drehte sich die

Haidjerin um, juchte leise auf, warf die Harke fort, nahm ihn um den

Hals und rief:

»Nun hat man sich angezogen, um neben seinen Jungen hinzupassen und

da kommt er als Stadtjapper an! Ist das rücksichtsvoll? Ist das

zartfühlend? Ist das nett?«

Sie sah an sich herunter. »Seh' ich nicht fein aus?« Er lachte

glücklich. »Ja, heute morgen um halb acht habe ich schon zu Frau

Schönewolf geschickt und mir die Sachen holen lassen; sie hat sie

zu einem Maskenfeste getragen. Nun komm aber in die Laube. Unsere

Gardemama schläft noch; sie hat einen kleinen Brummer von gestern.

Wie haben Sie denn geschlafen, mein Herr und Gebieter? Gar nicht? Ich

prachtvoll, nämlich auch nicht; ich habe immer an einen Vagelbunden von

Gemeindevorsteher denken müssen.

Auf deinem Schoß soll ich sitzen? Ja, schickt sich das auch? Und

wo haben wir uns denn von fünf bis jetzt herumgetrieben? Und ich

sitze hier seit sieben Uhr und hungere mir Kringel unter die schönen

blauen Augen. Aber jetzt hört der Unsinn auf; jetzt wird anständig

gefrühstückt. Keine Faulheit vorgeschützt, das gibt es nicht.«

Lüder ließ sie aber so bald nicht los, bis sie ernst machte. Dann

aß er und hörte zu, wie ihre Stimme um ihn war, und ihr fröhliches

Kinderlachen, und ließ sich nötigen, denn das verstand sie, wie eine

Bäuerin. »Na, dann hiervon wenigstens noch ein bißchen; die Wurst ist

ganz frisch. Oder vielleicht Schinken? Aber ein paar Radieschen doch

noch? Wie wäre es mit etwas Kräuterkäse? Oder ist dir Rahmkäse lieber?

Von der Knackwurst hast du noch gar nichts genommen! Und der Lachs ist

großartig. Ach, Bengel, wenn du gar nichts ißt, dann macht das ganze

Verloben keinen Spaß.« Und sie saß wieder auf seinem Schoße und ließ

sich küssen.

»Weißt du,« flüsterte sie, »eigentlich darf ich es gar nicht sagen,

denn es ist zu unpassend: ich habe sehr oft gedacht, wie es wohl wäre,

wenn du mich küssen würdest. Und nun sprich, daß ich deine Stimme

höre, die ich nicht wieder vergessen konnte, und um derentwillen ich

einen Gutsbesitzer, Witwer mit zwei Kindern, aber sonst noch ganz gut

erhalten, samt seinem Rittergute habe abfahren lassen. Und daß ein

königlich preußischer Regierungsrat acht Tage lang an Weltschmerz

bettlägerig war, daran hat dieser Bauer hier auch schuld.

Junge, ist das eine merkwürdige Geschichte mit uns: ich denke an dich

und du an mich die ganzen drei Jahre; er fährt Mist und pflügt, und ich

hacke vor Elend Kartoffeln und füttere das Federvieh, und so richtet

sich der eine nach dem anderen und kein einer weiß etwas davon.

So, hier hast du eine Zigarre; ich ziehe mich um und dann gehen wir zum

Promenadenkonzert. Hast du mir auch einen Veilchenstrauß mitgebracht?

Ohne Veilchenstrauß geht hier keine anständige Braut zum ersten Male

mit ihrem Bräutigam über die Straße.«

Sie klapperte mit ihren Holzpantoffeln den Steinweg hinunter, und

Lüder sah ihr nach, bis sie hinter dem dunklen Eibenbusch verschwand.

Dann sah er seine Schuhe an, seinen Anzug, seinen Hut und schüttelte

den Kopf, denn er meinte immer noch, daß er träumte. Er fütterte die

Buchfinken mit Krümchen, streute den Goldfischen zerriebene Brotrinde

in das Becken und ging schließlich ungeduldig auf und ab, bis ihm ein

langer Aktenumschlag vor die Füße flog, auf dem zu lesen war: »An

den Herrn Gemeindevorsteher Volkmann, genannt Hilgenbur zu Hilgenhof

bei Reethagen dahinten in der Haide,« und in der linken Ecke stand

»Kußpflichtige Dienstsache«, und in dem Briefe »Im Rosengarten will ich

deiner warten, im grünen Klee, im weißen Schnee.« Da ging er um das

Haus und sah sie ganz in weiß auf dem Rasen zwischen den Rosenstöcken

stehen.

Er gab ihr den Arm und ging mit ihr erst in einen Blumenladen, denn auf

ihren Veilchenstrauß bestand sie, und dann am Promenadenkonzert vorbei

zum Walde; und alle Leute sahen ihnen nach, ihm die Frauen und ihr die

Männer.

Aber sie sahen von den Menschen nichts und von der Musik hörten sie

auch nicht viel, denn Lüder sagte: »Weißt du, Holde, wie mir zu Sinne

ist? Als gingen wir über die Haide und alle Haidlerchen sängen.«

Dahinten in der Haide: Roman · 第 7 / 10 题