Und nun gib mir einen Kuß, damit ich weiß, daß du mir nicht böse bist.«

Sie lehnte sich an ihn und sah mit Augen zu ihm auf, die vor Glück und

Stolz feucht glänzten.

Ihr Mann küßte sie auf die Stirne: »Du!« sagte er und weiter nichts.

Der Brachvogel.

Am Altjahrsabend dröhnte die Stimme Freimuts über die Deele: »Mann,«

trompetete er, »die Welt ist deines Ruhmes voll, und was das beste ist,

sie schimpfen sogar schon über dich in den Zeitungen, die an pikante

Gerichte, wie Rollmops mit Vanillesauce gewöhnt sind. Mann, ich werde

von jetzt ab Sie zu dir sagen und dich nur noch in der dritten Person

anreden.

Haben Euer Gnaden das schon gelesen?«, er holte eine Zeitung aus

der Tasche, »und das und das und das? Lasse dich schleunsamst

photographieren und schaffe dir einen Mann an, oder besser deren

drei, die gerade solche Haarfarbe haben wie du, und lege dir einen

Schreibknecht bei, denn ich sage dir, wenn die Haide blüht, wird die

Wallfahrerei zum Hilgenhofe losgehen und dann kannst du Widmungen

schreiben, dein Kunterfei an flötende und hold lächelnde Mägdeleins

verschenken und deine Locken wirst du sänftlich los!

Nun ergreif dein Glas; sobald die Glocke das neue Jahr ansagt, wollen

wir auf das nächste Buch trinken, von dem ich hoffe, daß darin ein

gewisser Jochen Freimut eine große Rolle spielt, und auf deine liebe

Frau, denn ohne die wäre aus dir nichts Vernünftiges geworden.«

Lüder lachte: »Das stimmt,« sagte er und nickte seiner Frau zu.

In diesem Winter stellte er seine große naturwissenschaftliche Arbeit

fertig, in der er erzählte, wie sich im Laufe von Jahrhunderten je

nach der Art der Pflanzenwelt und der Kultur die wilde Tierwelt

zusammensetzte, von der Zeit an, als noch mongoloide Fischer und Jäger

dort hausten, bis die blonden Weidebauern sie von dannen trieben, die

Fichten und Fuhren zurückdrängten und die Eiche begünstigten, wodurch

eine ganz andere Tierwelt aufkam. Dann wurde aus dem Weide- ein

Ackerbauer und wieder änderte sich die Tierwelt; die Lüneburger Saline

und der schreckliche Krieg nahmen die alten Eichen fort und abermals

traten Fichten und Fuhren und mit ihnen andere Tiere vorn hin; die

Vorderlader, die Eisenbahn, die Vergrößerung des Landstraßennetzes,

die Ablösung der Waldhutung in den Staatsforsten, die zunehmende

Entwässerung und Urbarmachung gaben der Zusammensetzung der Fauna

wieder ein anderes Gesicht, und so zeigte er in seiner klaren, ruhigen

Schreibart, warum Blauracke und Wiedehopf verschwinden mußten und

weshalb Haubenlerche und Grauammer in die Haide einwanderten, und als

das Buch erschien, fand es überall Lob.

Vielerlei Leute suchten den Hilgenbauer auf, Forscher und Künstler,

aber nur wenige kamen an ihn heran. Die Bäuerin hatte helle Augen,

und wenn sie erkannte, daß nur Neugier oder Geschäftsmacherei einen

Menschen auf den Hof trieben, dann blieb ihr Mann damit verschont, denn

obzwar er jetzt wußte, daß er mehr war als nur ein Bauer, so wollte er

im Grunde nichts als ein Bauer sein.

Nur in der stillen Zeit, wenn das Feld und die Wiese eingeschlafen

waren, nahm er die Feder in die Hand, aber auch nur dann, wenn die

viele Kraft, die in ihm war, Frucht angesetzt hatte.

Da er nicht dem Ruhme nachlief und nicht hinter dem Gelde her war,

mähte er seine Gedanken nicht, bevor ihr Jakobstag da war, und trieb

keinen Raubbau mit seiner Seele. So wurde jedes Buch, das er schrieb,

reif und nahrhaft.

An dem Tage, als sein ältester Sohn aus der Dorfschule kam, hatte er

ihn gefragt, was er werden wolle, denn der Junge hatte nebenbei bei dem

Pastor Unterricht in den alten Sprachen, in Geschichte und Erdkunde

bekommen. »Ich will die Lateinschule besuchen,« hatte der Junge gesagt,

»bis ich damit zu Ende bin.«

Lüder dünkte das sonderbar, denn Dettmer hatte viel Freude an der

Landwirtschaft, und so fragte er: »Willst du denn studieren?« Da hatte

der Junge ihn groß angesehen: »Studieren? Wo ich doch Hoferbe bin!

Aber ich will überall mitreden können, denn der Pastor sagt, was einer

lernt, ist gleich, wenn er nur etwas lernt; wer gut Latein kann, der

wird auch seinen Hof gut im Stande halten.«

Am andern Tage fuhr der Bauer mit seiner Frau nach Hülsingen; sie aßen

in demselben Kruge, wo sie an dem Tage gewesen waren, als die Schlange

sie zusammengeführt hatte.

Der Haidbrink, auf dem Lüder, der Landstreicher, damals gelegen hatte,

als er auf Ramaker wartete, war fast noch so, wie an jenem Tage, nur

daß die Haide höher war und die Zweige der Birke bis auf die Erde

hingen. Der Ortolan sang nicht, denn er war noch nicht wieder da, aber

auf dem Brombeerbusche unten an dem Brinke saß der Goldammer und sang

sein friedliches Lied, und über dem Postbruche kreiste der Brachvogel

und rief laut.

Holde ging zu dem Machangelbusche, bei dem sie Lüder zuerst gesehen

hatte; sie wollte sich einen Zweig zum Andenken mitnehmen. Der Bauer

sah dorthin, wo der Brachvogel sich mit abnehmendem Rufe niederließ.

Die Füße fest auf der Heimaterde, aber die Gedanken darüber; so soll es

sein, dachte er. Und dann sah er dorthin, wo vor dem dunklen Busche das

blonde Haar der Bäuerin in der Sonne leuchtete, und er dachte daran,

was er gewesen war, ehe er sie gesehen hatte, und was er jetzt war.

Er dachte an seine Verfehlung und die Strafe, die dafür über ihn

gekommen war und daß er ohne beide sich wohl niemals auf sich selber

besonnen hätte, sondern mit der Zeit abgestanden und schal geworden

wäre, wie so mancher treffliche Mann in dem Wirrwarr der großen Stadt.

Seine Frau kam den Hügel hinauf, hing sich in seinen Arm und sagte,

indem sie den Geruch des Machangelzweiges einatmete, den sie in der

Hand hielt: »Man sagt, Kreuzottern seien böse Tiere; die mich damals

gebissen hat, war gut; Ramaker hätte sie nicht totschlagen sollen.«

»Ja, Holde,« pflichtete ihr Mann ihr bei, indem er sie an sich zog,

»das ist wohl so, es sieht manches wie ein Unglück aus und nachher wird

es uns zum Segen!«

Dahinten in der Haide: Roman · 第 9 / 10 题