Aurelie auf ihrem Bette, biß in die Kissen, strampelte mit den Beinen,
daß die Lackspitzen an ihren Schuhen Sprünge kriegten, sauste dann
auf die Deele, schmiß einen Teller auseinander, gab der Katze, die
entsetzt unter dem Brennholze hervorschoß, einen Tritt, warf sich in
den Spinnstuhl, heulte ihre feine Hemdenspitze naß, und dann ermannte
sie sich, ging an den Schrank und trank drei Schnäpse.
Als Lembkes zurückkehrten, saß sie in einem ehrbaren Kleide und in
biederen Strümpfen vor der Tür und strickte, wie es sich für eine gute
Haushälterin gehört.
Neben sich hatte sie das Gesangbuch liegen.
Der Kuckuck.
Es war außer Aurelie Grimpe noch jemand auf dem Hofe, oder vielmehr, es
waren zwei, die mit Lüder Volkmann nicht zufrieden waren, nämlich der
Pächter Lembke und seine Ehefrau.
Lembke stammte aus der Lüchower Gegend; er war ein Mann mit
zerknittertem Gesicht und einem Benehmen wie eine Birke bei Sturmwind;
seine Frau blühte wie eine Pfingstrose, und wo sie ging, da stand das
Gras so bald nicht wieder auf.
Es war dem Pächter schlecht zu Passe gekommen, als Volkmann plötzlich
da war wie der Habicht zwischen den Hühnern, aber als er ihn reden
hörte, die Schmisse sah und bemerkte, wie der Rechtsanwalt und der
Baumeister sich zu ihm stellten, da meinte Lembke zu seiner Frau:
»Kaline, ich glaube, wir brauchen keine Bange nicht zu haben, brauchen
wir nicht, daß es anders werden tut; das ist ein studierter Herr, ist
er, wenn er jetzt auch man wie ein Pracher aussehen tut. Der wird sich
die Hände nicht schwarz machen, wird er nicht. Wenn er das Pachtgeld
hat, wird er in die Stadt fahren und es verwichsen, wird er, und wenn
er keins hat, wird er hier bleiben und auf die Jagd gehen, wird er.
Und so wird er mit der Zeit mehr Geld brauchen, wird er, als der Hof
abwirft, glaube ich, und wir werden ihm etwas vorschießen, werden wir,
oder Land abkaufen, und so bei kleinem wird der Hof unser werden, wird
er.«
Karoline hatte genickt und von der krummbeinigen Gestalt ihres Mannes
zu dem Bauern hingesehen, der lang und schlank über den Hof ging.
Lembkes merkten aber bald, daß Volkmann nicht daran dachte, sich selber
das Wasser abzugraben; zwar ging er anfangs viel mit dem Gewehre los,
aber als das Geld vom Gerichte kam, fuhr er damit nicht in die Stadt,
sondern gab das meiste dem Vorsteher, der es auf die Kreissparkasse
brachte.
Auch feine Kleider kaufte er sich nicht und weder gute Zigarren noch
dergleichen; er trug sich wie die Bauern und Knechte, rauchte seine
Pfeife und Sonntags wohl einmal eine Zigarre von Nordhoff, der ein ganz
gutes Kraut führte, das ihm der Baumeister besorgt hatte; im Essen und
Trinken war er nicht anders als der gemeine Mann, obzwar er dreist mehr
dafür anlegen konnte, wenn er gewollt hätte.
Nach vier Wochen sagte Lembke zu seiner Frau: »Wenn das so beibleibt,
Kaline, dann wird der Hof nicht unser, wird er nicht!«
Als der Bauer dann anfing, das Strohdach zu flicken und den neuen Zaun
hinstellte und das Immenschauer baute und den Heuboden zurecht machte,
da ließ Lembke die Ohren immer mehr hängen, und als Volkmann hier den
Graben und dort den Weg ausbesserte, die Fischteiche austiefte und
alles in die Reihe brachte, was nicht ganz eben war, da sah Lembke
immer scheeläugiger, achtete auf alles, was nicht ganz in der Ordnung
war, und machte es schnell selber zurecht, damit der Bauer sich das
Arbeiten nicht noch mehr angewöhnen solle.
Die Folge davon war, daß der Hof wie abgeleckt aussah, so daß der
Vorsteher, der ab und zu kam, die Augenbrauen hochnahm und sagte: »Bei
mir sieht es doch auch ordentlich aus, Hilgenbur, aber bei dir, das ist
ja, als wenn jedweden Tag Wochenabend ist.«
»Kaline,« sagte eines Abends Jochen Lembke, als er im Bette lag,
»Kaline, was ich dir sagen will, sage ich dir, wie fangen wir es an?
Gestern hat er mir beis Torfriegeln geholfen, hat er, und dann sagte
er, beis Heumachen will er auch helfen, will er. Und ich sage dir,
Kaline, sage ich, er hat das Kleemähen raus, hat er, und wenn die Ernte
hin ist, dann kann er mähen als wie ich, kann er. Wo er das man gelernt
hat, das Umgehen mit die Axt und die Säge, als wie ein gelernter
Zimmermann kann er es, Kaline, kann er.«
Aber Frau Lembke sagte: »Drähn nicht so viel, ich will schlafen!« und
damit drehte sie sich um und dachte daran, wie glatt es ausgesehen
hatte, als der Bauer den Vormittag in Hemd und Hose Holz klein gemacht
hatte und sein Haar in der Sonne aussah wie eitel Gold. Jochens Haar
sah aus wie altes Dachstroh.
Aber wenn sie ihren Jochen auch nur genommen hatte, weil es klapperte
und klingelte, wenn er sich auf die Tasche schlug, deswegen blieb er
doch ihr Mann, und wenn sie ihm auch nicht so nachsah wie dem Bauern,
so gehörte sie dennoch zu ihm.
Sie hatte es längst gemerkt, daß Aurelie Grimpe dem Bauern Blumen und
Buntpapier auf den Weg warf, daß ihm aber so wenig daran lag, als wenn
es Häcksel gewesen wäre, und daß er der Haushälterin nicht mehr, als
nötig war, Rede und Antwort stand und dabei meistens anderswohin sah.
Dagegen, wenn er mit ihr selber sprach, sah er ihr voll in die Augen,
stand auch gern bei ihr, wenn sie beim Melken war oder das Federvieh
fütterte, und es kam ihr manchesmal so vor, als wenn er hinter ihr
hersah, vorzüglich, wenn sie in bloßen Armen war oder die Röcke
aufgesteckt hatte. Und so machte sie sich einen Plan zurecht, bei dem
sowohl sie selber wie Jochen auf seine Kosten kommen sollte.
Den ganzen nächsten Tag dachte sie darüber nach, und da es sich gerade
traf, daß der Bauer die Türe vor ihr aufmachte, als sie in jeder Hand
eine Satte Dickmilch hatte und der Zug die Türe zuschmiß, so erblickte
sie darin eine Liebeserklärung deutlichster Art; als er ihr zudem
hinterher beim Futteraufschütten half und ihr das Wasserholen abnahm,
da stand es bei ihr fest, daß ihr Plan nicht uneben war.
»Jochen,« sagte sie, als sie abends im Bette lag, »Jochen, hör' zu;
ich glaube, ich weiß, wie wir ihn herumkriegen. Es ist doch gegen die
Natur, daß so ein Kerl, wie er, keine Frau und auch sonst nichts hat,
denn was die Grimpesche ist, und wenn sie ihm auch noch so viel mit
ihren Locken und weißen Schürzen unter die Augen geht, so macht er sich
noch nicht einmal so viel aus ihr wie aus unserer Mutter.
Nun hör' zu, Jochen, und versteh' mich auch recht: auf mich hat er ein
Auge, an mir sieht er nicht vorbei, wenn er zu mir redet, und ich kann
es ohne Hoffärtigkeit sagen, er sieht manches liebe Mal hinter mir her,
wenn ich bei ihm vorbei muß. Und denn: alle Augenblicke geht er mir
zur Hand, im Garten oder beim Vieh; gestern hat er die Türe vor mir
aufgemacht und mir Wasser getragen.«
Sie hielt einen Augenblick an und spann dann weiter: »Jochen, nun mein
ich, du verstehst doch, wie ich es meine? Ich kann ja so tun, als wenn
mir auch was an ihm gelegen ist, bis er mich mal anfaßt oder sowas. Und
dann können wir uns das besprechen, daß du und die Grimpesche beide
nicht da seid, das heißt, du mußt doch da sein, bloß so, daß er dich
nicht spitz kriegt, und zusehen, was er anfängt; na, und wenn er dann
an mich heran will, dann kannst du ja von ungefähr dazukommen, und denn
haben wir ihn da, wo er hin soll.
Ich glaube, Jochen, auf eine andere Art geht es nicht; er geht darauf
aus, uns hier rauszuschmeißen, sonst würde er nicht wie ein Knecht
arbeiten; im Weedergrund hat er ja wohl einen ganzen Morgen abgeplaggt,
weil er da Fuhren anpflanzen will, und für umsonst hat er nicht ein
neues Stück im Meinsbruche eingehachelt. Also, Jochen, was sagst du
dazu?«
Jochen richtete sich im Bette auf, sah seine Frau an, nickte dreimal
mit dem Kopfe und sagte: »Kaline, ich sage dir, sage ich, das ist ein
Plan, ist er, das hast du großartig ausklamüsert, hast du, und ich
glaube wahrhaftig, glaube ich, auf die Art kommen wir doch noch dahin,
wo wir hin wollen, kommen wir.«
Dann drehte er sich um, und seine Frau dachte: »Wenn es glückt, haben
wir beide etwas davon.«
Es glückte aber nicht, so langsam und bedächtig Frau Lembke auch
vorging, indem sie, wenn sie mit dem Bauern allein war, mit ihren
runden Schultern oder ihren breiten Hüften an ihn herankam, wenn es
sich unauffällig machen ließ; Volkmann stellte sich an wie ein Kind und
wollte mit Gewalt nichts merken.
Wenn Jochen abends fragte: »Kaline, wo weit bist du mit ihm, bist du?«
Dann sagte sie: »Jochen, jedes Werk muß seine Zeit haben; laß mich man
machen!« Aber ihr war es selbst verwunderlich, daß der Bauer sich wie
ein Stock anstellte.
Sie stopfte ihm seine Strümpfe mit Wolle, die sie aus ihren eigenen
Strümpfen gerewwelt hatte, sie nötigte ihm eine Frühbirne in den Mund,
die sie seit drei Tagen in der Kleidertasche getragen, drei Nächte
unter ihrem Kopfkissen gehabt und drei Tage in ihre Schürze gewickelt
hatte, aber auch das wollte nicht einschlagen.
Als sie aber anfing, wenn er mit ihr sprach und lustig wurde,
vertraulich zu ihm zu werden, ihn auf den Arm oder auf das Bein zu
schlagen, da hatte sie ganz ausgespielt, denn von da ab ging er um sie
genau so herum wie um die andere, und wenn er zu ihr sprechen mußte,
sah er nach der Wand oder aus dem Fenster.
Als Jochen sie eines Abends wieder fragte: »Kaline, wo weit bist du nun
mit ihm, bist du?« Da schnauzte sie ihn an, daß er auf den Gedanken
kam, mit ihr und dem Bauern stehe die Sache nicht so, wie es ihm passen
könne, denn es war ihm schon lange verdächtig, daß Volkmann jetzt ganz
anders zu ihr war, was er für Verstellung hielt.
Alle Augenblicke, wenn er im Stalle oder auf dem Felde zu tun hatte,
kam er in das Haus geschossen, weil er bald dieses, bald jenes
vergessen hatte, und als er eines Mittags sah, daß seine Frau bei dem
Bauern stand, machte er ihr hinterher eine große Schande.
Ganz unglücklich wurde ihm aber zu Sinne, als der Bauer ihn eines Tages
in den Garten rief und sagte, indem er auf einen Stachelbeerbusch
hinwies: »Hast du schon so etwas gesehen, Lembke? Da hat eine Grasmücke
ihr Nest gebaut und nun sitzt ein junger Kuckuck darin und hat die
kleinen Grasmücken herausgeschmissen, so daß sie elend haben umkommen
müssen. Ja, man soll sehen, wen man bei sich aufnimmt.«
Lembke hatte ihn mit einem halben Auge angesehen und war dann an seine
Arbeit gegangen, abends im Bette aber sagte er zu seiner Frau: »Ich
sage dir, Kaline, sage ich, er hat was gemerkt, hat er.«
Die Bachstelze.
Es war Aurelie Grimpe nicht verborgen geblieben, daß Karoline Lembke um
den Bauern herumschlich wie der Fuchs um den Hühnerstall.
Sie war sehr falsch darüber, und während es bisher immer »liebe Frau
Lembke« hier und »liebe Frau Lembke« da geheißen hatte, hielt sie die
Nase jetzt so hoch wie der Hund in den Nesseln und ging mit einem
Gesicht wie sauer Bier an ihr vorbei.
Da nun bei Frau Lembke in der letzten Zeit die Wolken tief hingen, so
sah es im Hause nach Regen aus, und eines Vormittags, als die beiden
Frauen allein zu Hause waren, ging das Wetter nieder.
Als das Gewitter auf der Höhe war, wurde die Obertüre aufgestoßen und
der Bauer sah hinein. Er sagte gar nichts, aber nach dem Mittag sagte
er Lembke, er solle den Kastenwagen anspannen. Dann legte er Frau
Grimpe ihren Lohn für den nächsten Monat auf den Tisch und sagte ihr,
sie könne gehen, und zwar sofort.
Er ging in das Bruch, und als er am Abend wiederkam, war sie fort.
Frau Lembke wollte ihm erzählen, wie sie sich angestellt habe, aber er
winkte ab.
Nachdem er gemerkt hatte, wie wenig es Lembke passe, daß er ihm bei der
Feldarbeit und beim Heumachen half, hatte er entweder für sich Haide
oder Moor zu Land gemacht oder er hatte Peter Suput bei der Arbeit
geholfen, der bei Garberdings Häusling war.
Frau Suput segnete den Tag, an dem Volkmann gekommen war, denn nun
konnte sie sich besser der Kinder annehmen und brauchte sich nicht so
sehr abzuhetzen.
So standen sich beide Teile gut, denn Suput kannte die Arbeit aus dem
Grunde und hatte einen anschlägigen Kopf, so daß bei wichtigen Sachen
der Vorsteher meist fragte: »Peter, was meinst du dazu?«
Da nun der Hilgenbauer sich für keine Arbeit zu gut hielt und Suput bei
allem half, so kam er in alles, was zu Hof- und Feldarbeit gehört, gut
hinein, und mehr als einmal sagte ihm der Vorsteher: Ȇbers Jahr, wenn
Lembke aufhört, kannst du das Leit selber in die Hand nehmen.«
Während der Erntezeit aß Volkmann meist bei Garberdings, und da ihm
Lembkes von Tag zu Tag weniger gefielen, so saß er späterhin, als
die schlimmste Arbeit vorbei war, abends meist bei Suput, mit dem er
sich gut unterhalten konnte, denn der Häusling ging immer nach seinem
eigenen Kopfe und trat sich überall Richtewege.
Manchesmal glückte ihm das und Volkmann wunderte sich oft, wie
selbständig der Mann über politische Dinge urteilte; hier und da lief
Suput aber auch ins Moor und mußte einen großen Umweg machen, bis er
wieder auf einen festen Weg kam.
Er kannte seine Bibel so gut wie der Pastor oder, wie er meinte, noch
besser, und da darin nur von einem Sabbat, aber von keinem Sonntag die
Rede war, so verlangte er von dem Pastor, er solle den Sonnabend zum
Ruhetage machen. Das konnte und wollte der nicht und da erklärte ihm
der Häusling: »Dann werde ich mich an das Wort halten, Herr Pastor,«
zog am Sonnabend sein Kirchenzeug an und setzte sich mit der Bibel
hinter das Haus, und am Sonntag ging er hin und haute Haide.
Auch sonst hatte er seine Eigenheiten; wenn er zu Pferde war oder
fuhr, grüßte er keinen Menschen, mochte es sein, wer es wolle, zuerst;
an seinem ganzen Zeuge war kein Knopfloch und kein Knopf, sondern
nur Haken und Ösen, und er konnte es nicht leiden, wenn man Blumen
abschnitt und auf den Tisch stellte.
Er hatte zwei Feldzüge mitgemacht, war dreizehnmal im Feuer gewesen und
besaß das eiserne Kreuz, trug es aber niemals, weil er nicht hoffärtig
erscheinen wollte. Er hatte einen Bruder, der in Amerika eine gute
Farm besaß, und der hatte so lange gequält, bis er auch nach drüben
ging; nach einem Jahre aber war er wieder da. »Es konnte mir da nicht
gefallen,« sagte er; das war aber auch alles.
Mit diesem Manne unterhielt sich Volkmann liebendgern, anfangs über
Bodenbestellung und Viehzucht, dann über Politik und Religion, und
durch vernünftiges Vorstellen brachte er es dahin, daß Suput zum
Pastor ging und sagte: »Herr Pastor, ich will es jetzt wieder nach der
gebräuchlichen Art machen; ich glaube, ich hatte mich verbiestert.«
Das war dem Geistlichen sehr lieb, denn der Häusling war einer der
tüchtigsten Männer in der Gemeinde, und der Vorsteher war es erst recht
zufrieden, denn in der hillen Zeit war es ihm oft sehr störend gewesen,
wenn sein Lehnsmann am Sonnabend ausgeblieben war.
Suput hatte bei dem Zusammenarbeiten mit Volkmann herausgefunden, daß
dieser jedes Getier und alle Kräuter mit Namen zu nennen wußte, und
da er von klein auf an draußen gearbeitet und auf alles ein achtsames
Auge gehabt hatte, so kam er Volkmann fortwährend mit Fragen, die dazu
beitrugen, daß die Unterhaltung zwischen ihnen nicht abriß.
So sagte er ihm eines Tages: »Als Engelke sich vor dem Moore hier
anbaute als junger Kerl, da war hier bloß Haide. Da gab es Dullerchen
und nach dem Moore zu Moormännchen, und in der großen Sandkuhle
Lochschwalben. Nachher, als das Haus eben fertig war, bauten gleich
Schwalben, und mit der Zeit kamen auch Spatzen, und als hier Land
unter den Pflug kam oder zu Wiesen gemacht wurde, da war mit eins auch
die Singlerche da, alles Vögel, die man auf Ödland doch nicht antrifft.
Nun bedünkt mich, daß alle diese Vögel, und noch andere, als wie der
Storch und der Kiebitz und der gelbe Wippsteert, daß sie alle früher
hier nicht waren und erst zugereist sind, nachdem die alten Deutschen,
wie es in den Büchern zu lesen ist, hier an die Herrschaft kamen und
Viehzucht und Feldwirtschaft hier einführten, denn anders kann ich mir
das nicht erklären. Aber das ist bloß so meine dumme Meinung, weil ich
davon doch keinen rechten Verstand habe.«
Volkmann mußte lächeln, als der Mann so redete. Ihm, dem Fachzoologen,
war diese Tatsache, daß die deutsche Tierwelt aus zwei ziemlich scharf
getrennten Schichten, der des Urlandes und der des Baulandes und der
Siedelung, bestehe, wohl aufgefallen, aber nachgedacht hatte er darüber
noch nicht weiter.
Nun saß dieser Häusling da, Peter Suput, rauchte seinen Rippenkanaster
und stellte eine Theorie auf, die, wenn sie irgendein Gelehrter
gefunden hätte, wohl Veranlassung gewesen wäre, daß dieser wer weiß wie
hoch gesprungen wäre, die Theorie von der Quintärfauna; und das hätte
ein dickes Buch mit vielen Karten und Tafeln und einen großen Aufstand
in der Zoogeographie gegeben.
Aber Peter Suput hatte noch etwas anderes: »Diesen Sommer hat bei der
Mühle ein Vogel gebaut, aus dem ich mir nicht klug werden kann. Er
sieht aus wie ein Wippsteert, ist aber unten gelb. Es ist aber nicht
der, der auf den Wiesen im Grase brütet und dem Vieh das Ungeziefer
absucht, sondern er benimmt sich ganz so wie der weiße Wippsteert, und
was der Hahn ist, der ist schwarz am Halse und das Nest stand unter dem
hohlen Ufer.«
Der Hilgenbauer war neugierig, ging mit dem Häusling nach der Mühle und
stellte fest, daß der Vogel die Bergbachstelze war, die er sonst nur im
Berglande gefunden hatte. Aber als er daraufhin die Augen aufmachte,
fand er, daß der Vogel weit und breit bei Mühlen und Stauwehren
brütete, und er schüttelte bei sich den Kopf über Peter Suput und seine
Beobachtungen.
Durch den Häusling erfuhr er auch, daß der Schulmeister Owerhaide
für solche Dinge ein Auge habe und allerlei Sachen sammele, die er
den Kindern zeigte, Steine, Baumfrüchte, Schlangen in Spiritus und
dergleichen.
Der Lehrer bekam einen roten Kopf, als Volkmann ihn bei Gelegenheit
bat, ihm die Sammlung zu zeigen, weil er, wie er sagte, davon auf dem
Seminare so gut wie nichts gelernt hätte, und so war es auch, denn
er hatte Korn und Kaff durcheinander gesammelt und die Hälfte falsch
bestimmt.
Um so froher war er, als Volkmann Flachs und Hede auseinanderbrachte,
jedem Dinge seinen wahren Namen gab und die richtige Reihenfolge
herstellte.
Drei Dinge aber nahm er heraus: eine alte Münze, deren Ränder wie
Messing glänzten, eine grüne Schwertklinge und ein schwarzes Steinbeil,
die alle beim Torfmachen gefunden und dem vorigen Lehrer gebracht
waren, und sagte:
»Diese drei sind zu schade für eine Dorfsammlung; sie gehören in ein
großes Museum. Schicken Sie sie versichert an das Bremer Museum und
bieten Sie sie zum Ankauf an. Sie bekommen dann sicher soviel, daß Sie
einen Sammlungsschrank für die Schule und einige gute Bücher anschaffen
können.«
Da der Lehrer und der Schulvorstand damit einverstanden waren, wurde
die Sache so gemacht, und es kam auch einige Zeit darauf die Antwort,
daß die Sachen angekommen wären; das Nähere sollte mündlich abgemacht
werden.
Vierzehn Tage später kam ein Herr mit greisem Bart und jungen Augen
angefahren, sah sich die Sammlungen an und machte dem Schulvorstande
folgenden Vorschlag:
Die Schule bekommt zwei Sammlungsschränke, Präparatengläser, gestopfte
Tiere, eine kleine Heimatbücherei, Nachbildungen der drei Gegenstände
und tausend Mark bar.
Der Schulvorstand fiel beinahe um, als er das vernahm, und der
Schulmeister stieg mächtig in Achtung, und Volkmann, von dem man wußte,
daß er zu dem Angebot geraten hatte, erst recht.
Als er abends mit dem Bremer Museumsleiter bei dem Lehrer saß, erzählte
er von den Beobachtungen Peter Suputs, und der Professor sagte: »Sie
sind ja Zoologe; schreiben Sie uns doch darüber. Viel zahlen wir grade
nicht, aber immerhin etwas.«
Es gab einen großen Aufstand, als die Schränke ankamen, denn sie
waren so groß, daß sie in der Schule keinen Platz hatten; und da
die Schulbehörde nichts dawider hatte, so wurde auf Vorschlag des
Schulmeisters, dem Volkmann das eingeblasen hatte, ein eigener Anbau
dafür gemacht, der ganz in der alten Art gehalten wurde und in der
Mitte durchgeteilt war, so daß in dem einen Zimmer die Schränke mit
den Tieren und Steinen und Heidentöpfen und Büchern untergebracht
wurden; das andere wurde ganz wie eine alte Dönze gehalten, und es
dauerte keine acht Tage, da wußte der Lehrer nicht, wo er mit dem
Urväterhausrat, der ihm zugebracht wurde, bleiben sollte, denn jedes
Gemeindeglied wollte mit einem Stück darin vertreten sein.
Das Dorf war sehr stolz auf sein Museum, zumal von weit und breit
Männer kamen, die es sich ansahen und photographierten und die
Bilder in »Niedersachsen« herausbrachten, und Lehrer Owerhaide wurde
ein vielgenannter Mann, denn der Hilgenbauer hatte ihm das Wort
abgenommen, daß von ihm selber nicht die Rede sein sollte.
Er kümmerte sich auch weiter nicht darum, da er dabei war, die Jagd mit
einem Netz von Pürschsteigen und mit Hochständen zu versehen; er machte
das ganz heimlich, um den Rechtsanwalt und den Baumeister damit zu
überraschen, wenn die Jagd auf den Rehbock aufging.
Die Winterkrähe.
Damit hatte es aber noch lange Zeit, denn mittlerweile war es Dezember
geworden. Es war ein harter Winter und der Bauer mußte mit dem
Steigemachen in der Wohld und durch die Dickungen aufhören, denn die
Tage waren zu kurz und die Wege zu weit.
Auf dem Felde und im Hofe gab es nichts zu tun, Lembkes ging er aus dem
Wege, Suput war den ganzen Tag beim Vorsteher, weil der Knecht beim
Holzabfahren Unglück gehabt hatte und mit einem Gipsverband liegen
mußte, der Schulmeister hatte sich eine Frau genommen und saß vor dem
Honigtopfe, Freimut kam ganz selten, da er mehr zu tun hatte, als ihm
lieb war, und der Baumeister reiste in Ägypten umher.
So war Volkmann meist allein, und wenn er auch ab und zu losging,
um für den Anwalt einen Küchenhasen zu schießen oder einen Marder
auszutreten und an der Beeke die Enten zu beschleichen, er hatte doch
mehr freie Zeit, als ihm gut war. Er packte die Bücherkisten des alten
Volkmann aus und stellte die Bücher wieder auf, aber zum Lesen hatte er
wenig Lust.
Wie die grauen Winterkrähen mit den schwarzen Flügeln, die aus dem
Osten kamen, sich längs der Landstraßen in der Haide umhertrieben und
über den Dächern des Dorfes quarrten, so flogen aus den entlegenen
Gegenden seiner Erinnerung, in die die gute Jahreszeit kaum anders als
im Traume gekommen war, die grauen Gedanken herbei und schlugen mit
ihren schwarzen Flügeln um ihn her.
Stundenlang konnte er dann, wie er es von drüben gewohnt war, mit dem
Kopfe auf der Hand auf dem Bette liegen, rauchen und in den Beilegeofen
sehen, der seine Dönze erwärmte. Als er im Blockhause lag, waren
Lebleu, der alte Indianer, und Quivive, der Schweißhund, bei ihm
gewesen.
Gesprochen hatte Lebleu wenig, wenn er, den Kopf mit den spärlichen
Kinnhaaren auf den Knien, dasaß, rauchte und in das offene Feuer sah,
während draußen die Uhus schrien und die Wölfe vor Hunger heulten, bis
Quivive zur Türe hinausfuhr und sie fortbrachte; aber er hatte doch ein
Herz neben sich gehabt, das an ihm hing.
Denn der Alte liebte ihn, liebte ihn mehr als sein Weib und seine
vierzehn Söhne, die als Holzhauer, Flößer und Fallensteller sich und
die Ihren durchbrachten, denn er, den die Händler und Wirte siebenzig
Jahre um den Ertrag seiner Jagdbeute betrogen hatten, hatte in Volkmann
zum ersten Male einen weißen Mann gesehen, der Halbpart mit ihm machte.
Er war hungrig und müde in das Blockhaus gekommen, hatte sich, ohne
ein Wort zu sagen, neben das Feuer gekauert, hatte seine kalten Hände
gewärmt und kein Auge auf das Wildpret geworfen, das in dem Kessel
schmorte. Als aber der Trapper die Hirschkeule in zwei Teile schnitt
und die eine Holzschüssel Lebleu hinschob, ihm Schiffszwieback hinlegte
und Tee eingoß, da hatte der alte Mann gegessen, bis nichts mehr da war.
Dann setzte ihm Volkmann den hohlen Baumknorren hin, in dem er seinen
Tabak aufhegte, und der Indianer nahm und rauchte und blies den Rauch
durch die Nase. Endlich sah er seinen Gastgeber an, zeigte auf das
kleine scharfe Beil, das er beim Eintreten aus dem Strick genommen
hatte, mit dem er die alte Soldatenhose auf seinen dürren Lenden
festhielt, und sagte:
»Ich armes Indianer, du reiches Allemand. Ich wissen Bär, du nicht. Ich
Baum abhauen, du Bär schießen. Jetzt Lebleu schlafen.« Damit hatte er
sich in ein paar alte Decken gewickelt.
Am anderen Morgen hatte er gegessen, als hätte er drei Tage nichts
gehabt; dann waren sie mit dem Schlitten nach einem Bruche gegangen,
bis der Indianer vor einem hohlen Ahorn stehenblieb, den Stamm ansah
und sprach: »Ich Beil, du Gewehr, da Bär!«
Dann hatte er Schlag um Schlag getan, daß jedesmal ein breiter Span in
den Schnee sprang, bis der Baum fiel, der Baribal seinen Kopf aus dem
Loche steckte und Lüder ihm die Kugel antrug.
Von den vielen Dollarscheinen, die der Wirt des Holzfällerlagers für
die Haut und einen Teil des Wildprets zahlte, gab der Trapper die
Hälfte dem Indianer. Der sah ihn erst fassungslos an, steckte dann das
Geld in seinen Tabaksbeutel und sagte: »Du gutes Freund; armes Indianer
jetzt reiches Mann.«
Dann verschwand er und als er nach acht Tagen wiederkam, hatte er
ein Mädchen bei sich, das ein Gesicht hatte, so freundlich, wie der
Indianersommer, und dessen schwarze, mit Glasperlen durchflochtene
Zöpfe ihm bis in die Kniekehlen hingen, und er hatte gesagt: »Altes
Indianer schlechtes Gesellschaft für junges Mann; junges Weib besser.
Altes Indianer jetzt Biber suchen und Skunks.« Und er war in dem
Schneegeriesel untergetaucht.
Margerit aber hatte das Feuer geschürt, Schnee zum Tee geschmolzen,
Wildpret in Scheiben geschnitten und abwechselnd mit Speckfladen auf
einen Stab gezogen, die Holzteller abgewaschen, die Messer geputzt,
Brot hingelegt, und dann hatte sie sich vor das Feuer gekauert und
den Bratspieß so lange über der Glut gewendet, bis Fleischschnitte
um Fleischschnitte sich krümmte, und jede, die gar war, streifte sie
herunter und legte sie dem Trapper vor. Als er ihr sagte, sie solle
auch essen, sah sie ihn groß an und bediente ihn weiter.
Erst, als er gesättigt war, und sie ihm die Pfeife gestopft und einen
glühenden Zweig gereicht hatte, kauerte sie sich mit dem Gesichte
gegen die dunkle Ecke des Blockhauses, aß lautlos den Rest von Braten
und Brot und trank ohne einen Laut eine Tasse Tee durch das Stückchen
Kandis, das sie zwischen den Lippen hielt.
Anderthalb Jahre war sie die Gefährtin des einsamen Mannes mit der
verregneten Vergangenheit und der ausgewinterten Zukunft gewesen; wie
sein Schatten war sie.
Wenn die schwarzen Gedanken um seine Stirne flogen und er auf den
Hirschdecken lag und rauchend vor sich hinbrütete, dann kauerte sie bei
ihrer Näharbeit und sah durch ihre langen Augenwimpern mitleidig auf
ihn; flog aber das schwarze Geflügel von dannen, pfiff er ein Lied und
nahm das Schnitzmesser her, und sah er sie dann an, dann färbten sich
ihre Backen rot und ihre Augen waren voll von demutsvoller Zärtlichkeit.
Wenn er sie auf seine Knie zog, dann bebte sie, und wenn er morgens
erwachte und sich den Nachtschlaf fortgähnte, dann stand sie schon
neben dem Block, auf dem die Waschbütte mit dem stubenwarmen Wasser
stand, hatte den aufgetrennten Brotsack in der Hand, der ihm als
Handtuch diente, und auf dem Feuer kochte die Wildsuppe. Wenn er ihr
dann lächelnd zunickte und sie heranwinkte, dann glühte ihr Gesicht und
der Kuß, der seine Stirne streifte, war wie der Hauch des Südwindes,
der im Mai über das blumige Ufer kam.
»Margerit, meine kleine Margerit!« dachte er und sah auf die
Ofenplatte, in der das springende Pferd schwarz auf glührotem Grunde
stand. »Ich war dein Glück und du bist mein Trost gewesen.«
Eines Tages im Mai, als der Waldboden bunt wurde, war ein Handelsjude
mit seinem Planwagen angefahren gekommen und hatte allerlei Tand
feilgeboten; Lüder hatte Stoff zu zwei Kleidern für das Mädchen
gekauft, blitzende Ohrringe und eine funkelnde Brosche, bunte
Glasperlenschnüre für ihr Haar und allerlei Schürzen und Tücher, eines
immer greller als das andere.
Margerit hatte durcheinander gelacht und geweint und ihm die Hände
küssen wollen, wie man es sie als Kind in der Schule gelehrt hatte. Er
aber hatte sich aus dem Kasten des Händlers noch zwei silberne Ringe
herausgesucht, an denen keine Steine waren, einen weiten und einen
engen, und war mit ihr und Quivive nach dem Lager gegangen, wo, wie der
Jude erzählt hatte, ein Wanderprediger das bißchen Halbchristentum der
indianischen Holzfäller auffrischte.
Margerit hatte erst gar nicht begriffen, was es heißen sollte, daß sie
in dem kleinen Zelte vor dem Mann mit dem schwarzen Rocke und den hohen
Stiefeln neben Lüder hinknien sollte, aber als der fremde Mann sie
fragte, ob sie des Trappers Lüder Volkmann christliches Eheweib werden
wollte, da hatte sie ein Gesicht gemacht, als spräche die Stimme des
großen Geistes zu ihr und hatte am ganzen Leibe gezittert, als sie den
Ring an den Finger bekam.
Als ihre Brüder und die anderen Holzfäller, die Lüder zu einem
Festmahle geladen hatte, sie mit einem »Vive 'sjö, vive m'dame«
begrüßten, ein altes indianisches Hochzeitslied herausgurgelten und
weiße Waldblumen vor ihre Füße warfen, hatte sie die Augen nicht
aufgeschlagen und geweint, daß ihr die Tränen über das Gesicht liefen,
bis Lüder sie oben an den Tisch führte, wo für sie und den Prediger ein
weißes Tischtuch aufgelegt war; da endlich hatte sie aufgesehen und
ihre rechte Hand neben seine gelegt, mit der linken Hand über beide
Ringe gestrichen und ihren Kopf auf einen Augenblick an seine Schulter
gelegt.
Da hatte plötzlich auch Lebleu dagestanden, zitternd vor Erregung,
Lüder die Hand gegeben, sich unten an den Tisch gesetzt und so gern
er sich auch sonst voll und toll trank, keinen Schnaps angerührt, ehe
Lüder und Margerit aufbrachen; dann aber hatte er sich so voll gesogen,
daß er drei Tage schlief.
Ein und ein halbes Jahr war Margerit Lüders Frau gewesen; in der
ganzen Zeit hatte sie ihm nicht ein einziges Mal eine Minute Verdruß
bereitet, keinmal hatte er sich ihrer zu schämen brauchen, trotzdem sie
die Tochter eines trunksüchtigen Fallenstellers war und ihre Brüder
arme Holzarbeiter waren, denn das Stammeshäuptlingsblut, das sie von
ihrer Mutter her hatte, war stark in ihr geblieben, und seitdem sie des
deutschen Mannes Ehefrau geworden war, zeigte sie vor der Welt eine
Würde, als hätte sie nie Waldbeeren in den Lagern feilgeboten.
Eines Tages war ein ganzer Trupp englischer Lachsangler vor dem
Blockhause erschienen, die Herren in karrierten Anzügen und ihre Damen
mit seidenen Schleiern an den Panamas, um sich den deutschen Trapper
anzusehen, der mit einem indianischen Weibe verheiratet war. Margerit
hatte sie mit Tee, Gebäck und Honig bewirtet und mit so liebenswürdigem
Hochmute darüber hinweggesehen, daß die Engländerinnen mit Lüder, der
frisch rasiert war und eine reine Bluse anhatte, recht unverschämt
liebäugelten, sehr zum Ärger der Männer, daß Volkmann sich das Lachen
kaum verbeißen konnte.
Die Engländer hatten ihn und sie eingeladen, sie in ihrem Zeltlager am
Flußeinlaufe der Seebucht zu besuchen, doch hatte er abgelehnt, worüber
Margerit sehr froh war.
Eine Lungenentzündung hatte sie ihm genommen, sie und das Kind, das sie
erwartete.
Er hatte so manches Mal, wenn er die Sohlen durch den Staub der
Landstraße schleppte, gedacht, daß das das beste für sie beide war,
nun aber war er anderer Meinung.
Sie, die Frau, die in ihm alles sah, was es auf der Welt für sie
gab, die nichts wollte, als daß es ihm schmeckte und er sie dafür
anlächelte, die im Blockhause seine demütige Magd war, die erst aß,
wenn er satt war, sie war das Weib für ihn, den verlorenen Mann.
Das Mädchen mit dem goldenen Haare und der Stimme, wie Rotkehlchensang
im frühtaufrischen Walde, deren rotes Blut unter seinem Messer auf
ihren weißen Fuß geperlt war, was war sie ihm anders, denn ein heller
Traum in dunkler Nacht, der vor dem scharfen Tageslichte dahinschwand,
wie der Tau auf der Flur.
Schwarze Fittiche schlugen gegen seine Stirne, und laut quarrten die
Winterkrähen.
Die Meise.
Es war wie ein Gewitterregen nach dürren Wochen für den Bauern, als
Ende Januar eines Vormittags Freimut auf dem Hilgenhofe auftauchte,
zwei große Koffer abladen ließ und lostrompetete:
»Sintemalen und alldieweil Aurelie Grimpe geborene Sziembowska,
geschiedene Juckenack und entlaufene Grimpe durch Abwesenheit glänzt,
ist ja für mich wohl auf vierzehn Tage Platz. Jetzt ist die Zeit, wo
die Betze rennt, jetzt wird auf den Fuchs gepirscht und die wilde Aante
beschlichen. Mann, ich bringe den Vorfrühling mit. Hört, kaum bin ich
da, so singt die Speckmeise schon im saueren Appelbaum!
Und Mehls ist auf der Strecke. Ha la lit! Da ligget dat Schinneaas
in'n Graben! Zwei und ein halbes Jährchen wegen qualifizierter
Qualifiziertheiten in idealer Konkurrenz mit höherer Gemeinerei.
Was gibt es zu Mittag? Weiße Bohnen mit 'nen Schinkenknochen mit was
daran? Gestern habe ich mich durch acht Gänge durchgehungert und mein
Trost waren meine Nachbarinnen, die aufgebrochen jede ihre zwei Zentner
wogen.«
Er legte Volkmann die Hände auf die Schultern, sah ihn an, schüttelte
den Kopf und sprach: »Stark abgekommen seit dem Spätherbst! Zu
eintönige Äsung! Zu regelmäßig gelebt! Ist keine Sache für unsereins,
nur für das Stallvieh, die Philister; wir kriegen die Mauke, geht es
uns andauernd gut.
Schönewolf läßt grüßen; elende Jagd im Pharaonenlande: Schakale nennen
sie's, räudige Dorffixe sind es; Nilkrokodile gibt es bloß im Berliner
Zoologischen Garten lebendig, da unten nur als Mumjen. Hyänen nur im
Kellnerfrack; alles Schwindel bis auf das, was Cheops und seine blassen
Nachkommen mimten.
Aber, Mann, Ihr gefallt mir mies; seht ebenso bleich- wie süchtig aus.
Ja, man soll heiraten; ich tät's auch gern, bin bloß noch zu rüstig.
Und dann, wer weiß, ob nicht das dicke Ende nachgehinkt kommt. Meine
liebe Frau Mutter sagt immer: ›Jochimchen, sieh doch bloß zu, daß du
von der Straße kommst!‹ Ist nicht so einfach, wie es aussieht; ist man
erst aus dem Schneider, dann sieht man nicht bloß auf die Hübschigkeit.
Und dann hab' ich so viel zu tun! Weiß der Deuwel, warum die Menschen
sich nicht vertragen können, daß ich gar keine Zeit habe, mich zu
verschießen. Hurra, da kommt die Suppe; Mutter, meinen großen Löffel!«
So redete er, indem er Aurelies Dönze mit dem Inhalte seiner Koffer
verschönte. »Dieses hier wollen wir alles austrinken«, sagte er und
zeigte auf eine stattliche Reihe blankhäuptiger Flaschen, »und hiervon
nehme ich nichts wieder mit,« und er wies auf die Zigarrenkisten und
Konservenbüchsen.
»Und mein Jagdzeug bleibt alles hier; was noch bei Vatter Nordhoff ist,
das bringen wir heute abend mit. Mann, so tut doch endlich einmal das
Geäse auf! Sagt nichts und grient, wie ein Honigkuchenpferd! Jawollja,
Frau Lembke, wir sind da!«
Er setzte sich an den Tisch, schlug eine Klinge wie ein Drescher und
stöhnte, als er aufhörte, indem er seinen Barbarossabart strich: »Ein
Segen, daß ich hier nicht immer esse, Frau Lembke, ich paßte sonst in
keinen Sarg mehr,« und er schlug sie zwischen die Blätter, daß alles an
ihr wabbelte und Jochen Lembke ein Gesicht machte, wie ein Hund vor der
Terpentinflasche.
Aber als Volkmann sagte: »Wir wollen nach dem Kronsbruche, denn da
stecken seit drei Wochen Sauen,« da juchzte der Anwalt los, daß Hund
und Katz machten, daß sie aus dem Hause kamen, und im Handumdrehen
hatte er das weiße Zeug übergezogen und storchte los.
Am dritten Tage schoß er einen überlaufenden Frischling und vier
Tage hinterher eine grobe Sau, zwischendurch ein Dutzend Enten, eine
Wildgans und drei Füchse, und da er die schlimmsten Prozesse hinter
sich hatte und mit einem jungen Anwalt zusammenarbeitete, so blieb er
drei Wochen, ließ den Bauern keine Stunde aus den Fingern und als er
abfuhr, rief er:
»So, nun seht Ihr doch wieder wie ein deutscher Mann und nicht wie eine
anämische höhere Tochter aus, und wenn ich zur Balz und zur Murke
wiederkomme, wünsche ich keinen Rückfall zu erleben, ansonsten ich Euch
alle Verzierungen abdrehe.«
Seine Kur hatte angeschlagen, oder die längeren Tage hatten schuld, daß
Lüder das Krächzen der Winterkrähen nicht mehr hörte; jeden Tag schlug
die Speckmeise im Garten, die Stare schickten ihre Vorboten, an der
Südwand des Hauses hatte der Haselbusch geflaggt und an der Beeke die
Eller; es wehte eine andere Luft über dem Bauern, und wenn über seine
helle Laune auch einmal dunkles Gewölk zog und Schlackerschnee auf
seine Saaten fiel, im ganzen war er gut zuwege und lag nicht mehr halbe
Tage da, rauchte und sah auf die Ofenplatte.
Er arbeitete sich in die höhere Tierwelt wieder hinein und schrieb
sich aus dem Gedächtnisse alles Getier auf, das er über Sommer bei
Wege angetroffen hatte; als der März kam, der Wald lebendig und die
Büsche laut wurden, da hatte er genug anzumerken, so daß er, als die
Feldbestellung wieder anfing und er bei Garberding mithalf, was es nur
gab, einen zolldicken Stoß Papier mit Beobachtungen gefüllt hatte.
Kam er müde nach Hause, so trug er auf lose Zettel ein, was er hier und
da gesehen und aus alten Leuten herausgefragt hatte über Vögel, die
seitdem verschwunden oder selten geworden waren.
So war er nie müßig und eines Tages waren die Winterkrähen nicht nur
von der Straße, sondern auch aus seiner Erinnerung verschwunden. Es
machte ihm Freude, daß die Pflugschar ihm immer mehr zu willen wurde,
er streute den Kunstdünger fast so ebenmäßig wie Suput, der ihm oftmals
sagte: »Noch ein Jahr, dann kann ich dir nichts mehr lernen.«
Um diese Zeit reiste ein Berliner in der Gegend umher, der großartig
auftrat und so viel Bier und Wein ausgab, als jeder trinken wollte; er
hieß Ludwig Neumann und war Bohrunternehmer.
Von Hause aus war er Ingenieur, hatte Glück im Kauf und Verkauf von
Kuxen gehabt und eine Gesellschaft zusammengebracht, die Öl und Kali in
der Haide suchte.
Aus allerlei Anzeichen hatte er geschlossen, daß bei Reethagen
Aussichten vorhanden wären, daß man fündig würde; so steckte er sich
hinter einzelne Leute und die bearbeiteten andere und die wieder
noch welche, so daß er fast von zwei Dritteln der Gemeindemitglieder
Vorverträge in den Händen hatte.
Er kam auch auf den Hilgenhof, trat sehr bescheiden auf, versprach
goldene Berge, richtete aber vorläufig bei dem Bauern nichts aus, weil
der den Vorvertrag nicht unterschrieb. Volkmann ging vielmehr sofort zu
dem Vorsteher, bei dem der Berliner noch nicht gewesen war, weil ihm
gesagt wurde, das wäre ein ganz altmodischer Mann und nicht anders für
das Unternehmen zu haben, als wenn ihm das Feuer von drei Seiten käme.
»Hm,« brummte Garberding, »soll die Schweinerei hier auch losgehen?
Wenn hier erst Bohrtürme stehen, dann haben wir das Leit aus der Hand
gegeben. Zu leben haben wir alle, und die nichts haben, die stehen sich
dann noch schlechter, dieweil das Werk doch bloß lauter Pollacken,
Krabatten und anderes Tatternvolk heranzieht.«
Als der Unternehmer abgereist war, berief der Vorsteher eine allgemeine
Gemeindeversammlung, zu der jeder seinen Vorvertrag mitbrachte, und
da stellte es sich heraus, daß die Verträge sehr verschieden waren,
je nachdem das Land lag und auch insofern, als Neumann mit einem
hellen Manne oder mit einem zu tun hatte, der sich in die Sache nicht
hineinfinden konnte.
Das ärgerte diejenigen, die dabei nicht so gut gefahren waren, ganz
gewaltig; als der Berliner nun wieder ankam, merkte er bald, daß jetzt
der Wind von Mitternacht wehte.
Nun hatte er den Krüger Fürbotter in Schedensen, dem ein kleines
Anwesen in Reethagen gehörte, ganz auf seiner Seite, zum ersten, weil
er dort viel verzehrte und oft über Nacht blieb, dann aber auch, weil
der Krüger sich für seine Wirtschaft viel Gewinn aus dem Unternehmen
versprach.
Dieser Mann hatte es ihm hinterbracht, daß der Hilgenbauer es war,
der es herausbekommen hatte, daß die Verträge so ungleich waren.
Deshalb hing sich Neumann nun an Volkmann und suchte ihn zu sich
herüberzuholen; als er damit kein Glück hatte, ging er daran, ihm die
Wurzeln abzugraben.
Er wohnte nämlich in Hannover, wo er sein Hauptquartier hatte, bei
Aurelie Grimpe, die sich mit Abvermieten durchschlug, und die hatte ihm
über die Leute in Reethagen manchen nützlichen Wink gegeben und auch
über den Hilgenbauer, dessen Vorleben sie mittlerweile in Erfahrung
gebracht hatte.
Volkmann merkte nach und nach, daß ihn einzelne, dann immer mehr Leute
von der Seite ansahen, glaubte aber, da er seine Anforstungen im Kopfe
hatte, das seien nur die Bauern, die wegen des Bohrvertrages anderer
Meinung waren als der Vorsteher und er; so gab er darauf nichts.
Mit der Zeit wurde es aber doch auffällig, und schließlich rückte
Nordhoff damit heraus, was im Dorfe erzählt würde.
Der Hilgenbauer war von dem Tage an, da er das Erbe antrat, darauf
gefaßt gewesen, daß sein Unglück sich wieder zu ihm hinfinden werde,
aber es biß ihm doch in das Herz, daß Leute, denen er vielfach gefällig
gewesen, ihm aus dem Wege gingen oder die Zähne nicht auseinander
bekamen, wenn sie an ihm vorbeigingen.
Sogar Suput und seine Frau waren anders als vordem, denn als er sich
dazu erbot, dem Häusling wieder Arbeit abzunehmen, wußte der immer
einen Ausweg zu finden.
Lüder hatte es im Sinne behalten, daß er sich an den Vorsteher wenden
sollte, wenn es soweit kam, aber den wollte er darum nicht angehen,
weil es Garberding nicht gut ging, indem er eine schwere Erkältung
nicht loswerden konnte.
So tat er, als sei ihm alles gleich, ging an jedem, der nicht so war
wie früher, ohne Gruß vorbei, plaggte Haide ab, warf im Bruche Gräben
aus und sagte sich, daß die Leute schon zu Vernunft kommen würden,
zumal mehrere unter ihnen waren, die auch kein reines Hemd anhatten.
Um diese Zeit kam Lembke ihm etliche Male von hintenherum mit einer
Verlängerung der Pacht, doch schlug der Bauer darauf nicht zu, und
nun hängte erst Lembke und dann andere Besitzer den Jagdpächtern
Wildschadenklagen an den Hals, und was früher keinmal vorgekommen
war, Jagdstörungen und Vergrämen des Wildes, das begab sich von da ab
fortwährend.
Da aber die Jagd groß genug war, so ließen sich die Pächter in der
abgelegensten Ecke eine Jagdbude bauen. Eines Tages brannte sie ab und
acht Morgen Haide und Fuhren mit ihr, und obzwar es augenscheinlich
war, daß böswillige Brandstiftung vorlag, setzte Fürbotter es doch
durch, daß die Gemeinde Schedensen, zu der das ausgebrannte Stück
Haidland gehörte, gegen Schönewolf und Freimut auf Schadenersatz
klagte, wobei allerdings nichts anderes herauskam, als daß die
Gemeindekasse ein gutes Stück Geld dabei zusetzte.
Da nun der Baumeister und der Rechtsanwalt, so überlegte Fürbotter,
durch ihren Verkehr mit Volkmann diesem immer noch bei vielen Leuten
von Nutzen waren, so mußte ihnen die Jagd auf andere Weise verekelt
werden.
Im Kruge zu Schedensen, der an der Landstraße lag, kehrte allerlei Volk
ein und da der Berliner gesagt hatte: »Der Kerl muß von dem Hilgenberg
herunter, und wenn es tausend Mark kostet,« so stand bald kein Hochsitz
mehr, alle guten Wechsel waren verstänkert, alle Dickungen lagen voll
von Zeitungspapier, und schließlich verlangte erst Schedensen, dann
Breeden und schließlich auch Reethagen, da Garberding in Andreasberg
war, weil seine Lunge nicht so wollte, wie sie sollte, und die
Kalipartei auf diese Art die Hand am Henkel hatte, die Jagdpächter
sollten den Wildstand auf ein Zehntel verringern, widrigenfalls sie
nicht darauf rechnen könnten, daß sie die Jagden wieder bekämen.
Volkmann tat es in der Seele weh, daß die beiden Männer seinetwegen
soviel Mißgunst ausstehen mußten, und er erklärte eines Abends, er
wolle wieder in die Welt.
Aber da ging Freimut in die Luft: »Das fehlte noch gerade! Nun erst
recht nicht! Und wenn ich die Büchse für immer an den Nagel hängen
soll; so bin ich nun doch nicht gebaut, daß ich vor dieser Berliner
Quadratschnauze und diesem Pottekel von Fürbotter über den Zaun gehe.
Ihr habt mir ja einmal erzählt, wie Euer Freund Lebleu es mit den
Stinktieren machte. Skunk gut, wenn Mann zu Skunk gut. So sagte er,
ging hin, verrammelte den Bau mit Schnee, goß warmes Wasser darauf und
ließ es überfrieren, und am anderen Tage fiel es keinem Skunk mehr ein,
sich übel zu benehmen; tot waren sie alle. Stinktiere muß man sachte
behandeln, damit sie erst gar nicht dazu kommen, sich penetrant zu
benehmen.
Laßt mich nur machen. Wenn Euch in der nächsten Woche ein kleiner
Mann, der einen roten Bart und ein Schmetterlingsnetz hat, über die
Kleewiese läuft, so schnauzt ihn vor allen Leuten so grob wie möglich
an, denn das ist unser Bureauvorsteher, Herr Meisel, der früher
Kriminalschutzmannsanwärter war, aber hinausflog, weil er einmal in
Gedanken eine seltene Motte fing, unterdessen ihm ein ganz gemeiner
Taschendieb unter dem Hute fortflog. Er sollte sowieso Urlaub haben;
nun kann er das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden.«
Der Plan war nicht schlecht; Meisel kam, lief Volkmann durch die
Kleewiese; wurde angeschnauzt, rannte nach Schedensen zu Fürbotter, bei
dem er wohnte, schimpfte Mord und Brand über den groben Kerl auf dem
Hilgenberge, machte die Bekanntschaft von Neumann und Lembke und von
jedem, der auf Volkmann nicht gut zu sprechen war, gab fleißig Runden
aus, schwatzte so viel Unsinn, daß ihn Fürbotters Gäste für dümmer
als eine Kuh hielten und sich vor ihm kein bißchen in acht nahmen,
steckte der Magd ab und zu einen Groschen in die Hand und reiste mit
dem Versprechen, bald von sich hören zu lassen, ab.
Acht Tage später fuhr Freimut bei Fürbotter vor, ging in das
Vereinszimmer, bestellte sich Rehbraten und Rotwein, aß und trank und
bat den Wirt, mitzuhalten, und dann sagte er ihm: »Herr Meisel ist mein
Bureauvorsteher; bitte, behalten Sie gehorsamst Platz! und Sie sind ein
großer Schweinehund. Laufen Sie bitte nicht fort! Ich habe noch mehr in
der Tüte.
Sie haben veranlaßt, daß gewisse Leute, die Namen habe ich alle im
Taschenbuche, die Hochsitze abgerissen haben; Sie werden auch wissen,
wer das Jagdhaus angesteckt hat. Nein? Na, vielleicht hilft der
Staatsanwalt Ihrem Gedächtnis nach.
Sie haben ferner durch Ihre Leute uns bei Ausübung der Jagd gestört;
in drei Fällen kann ich den Nachweis führen, macht Summa Summarum
hundertachtzig Mark. Sie haben gesagt, ich sei ein Säufer, und
Garberding halte es mit seiner Magd, und haben von dem Baumeister
erzählt, er habe übergejagt, und außerdem haben Sie seit Jahren
gewilderte Rehe gekauft, und das ist Hehlerei und darauf steht
Zuchthaus!
Und wenn Sie nun nicht herumgehen und alles wieder in die Reihe
bringen, erstens die Rederei über Volkmann und das mit der Jagd, dann
ziehen Sie bitte gleich fünf Groschen mehr ab, damit Sie sich einen
Strick kaufen können, denn so wahr ich Joachim Freimut heiße und in
Kolberg an der Persante geboren bin, ich werde dafür sorgen, daß Sie
auf einige Jahre auf Staatskosten in Celle verpflegt werden.
So, und nun bringen Sie mir ein Glas Bier mit, aber ein großes, denn
nach solcher schönen Rede wird man durstig. Der Wein war übrigens gut
und der Rehbraten auch; ich glaube, das kommt daher, weil er in meiner
Jagd gewachsen ist.«
Genau so wie bei Fürbotter, ging Freimut mit Lembke und noch einigen
anderen Leuten um; nach einigen Tagen wehte der Wind anders in den drei
Dörfern.
Als der Anwalt abfuhr, trank er bei Fürbotter ein Glas Bier, gab ihm
die Hand und sagte: »Halten Sie sich munter; auf Wiedersehen!«
Der Markwart.
Nachdem die Kalipartei es wieder für angemessen hielt, dem Hilgenbauern
Gruß und Handschlag zu bieten, tat dieser, als wäre nichts vorgefallen,
hielt sich aber von diesen Leuten zurück, soweit es eben ging.
Zu Herzen hatte er sich nur das Benehmen des Ehepaares Suput genommen,
und wenn der Häusling auch versuchte, wieder an ihn heranzukommen,
Volkmann ließ ihn höchstens über die Halbtüre reden.
Das war für Suput besonders ärgerlich, weil Lüder für die nächste Zeit
Herr über ihn war. Der ging alle paar Tage bei Frau Garberding vor,
teils um zu fragen, wie es dem Vorsteher gehe, anderseits, weil er sich
gern mit ihr etwas erzählte, denn sie war wie eine Mutter zu ihm.
Als er ihr klagte, daß er manchmal nicht genug zu tun hätte, weil
Lembke ihn aus guten Gründen nicht an die Arbeit heranließ, meinte sie
mehr aus Scherz denn im Ernst: »Ja, mein Jung', dann kannst du ja hier
so lange den Bauern spielen, bis Garberding wieder da ist; mir wird
das zuviel, wo ich so schlecht auf den Füßen bin, und es geht allerlei
verkehrt, wenn man nicht überall selbst dabei ist.«
Er schlug sofort ein, ließ noch am selben Tage seine und Ramakers
Sachen holen, denn Frau Garberding räumte ihm die Gastdönze ein und
stellte den Knecht für den Sommer an, weil sehr viel zu tun war. Nun
gab es eine fröhliche Zeit für ihn. Er stand als erster auf dem Hofe
auf, sah überall nach dem Rechten, verteilte die Arbeit, faßte mit an,
wo es nötig war, und lernte in dieser Zeit mehr als bisher.
Suput ging mit scheuen Augen an ihm vorbei und machte sich wegen seiner
Schlechtigkeit allerhand Vorwürfe.
Die Erntezeit war für den Hilgenbauer ein Fest; er war von früh bis
spät im Gange, arbeitete wie im Stundenlohn, aber je mehr er schanzte,
um so heller wurden seine Augen, um so leichter sein Gang.
Ramaker sah ihm oft bewundernd nach und sagte zu Suput: »Es ist
gerade, als wenn das, was anderen Leuten die Knochen krumm macht, ihn
aufrichtet.« Suput nickte nur, denn vor Ramaker hatte er Angst.
In der Zeit, als über den Hilgenbauer im Kruge einmal dreckig geredet
wurde, hatte Ramaker ihm auf dem Heimwege gesagt: »Du bist auch so'n
Ducknackscher; die halbe Arbeit hat er für dich getan, und jetzt
sitzest du da und sagst nichts dagegen, was die andern reden. Mit dem
Munde bist du ja mehr als fromm, aber das macht es nicht allein. Und
für solche Leute bedanke ich mich schönstens.«
Aber nicht allein die Arbeit machte den Hilgenbauer frisch und
fröhlich, sondern zumeist der Umstand, daß er sich zu einer Frau
aussprechen konnte, der er zugetan war.
So lächerlich die riesige Frau mit dem gewaltigen Leibe und dem
winzigen Haarknoten auch auf den ersten Blick wirkte, zumal, wenn sie
mit ihrer dünnen Kinderstimme anfing zu sprechen, sie hatte ein Herz
von Gold und Verstand für dreie.
Nichts machte ihr mehr Vergnügen, als aufzutischen; ihre größte Freude
war, wenn sie irgendwo helfen konnte, und bei jedem Wochenbette und in
jedem Krankenzimmer war sie anzutreffen.
Mut hatte sie wie ein Mann. Damals, als das Gerede über Volkmann im
Kirchspiele umging, hatten nach der Kirche in der Wirtschaft mehrere
Bauernfrauen auf ihre Männer gewartet, die wegen des Moorkanals noch
eine Besprechung hatten, und da war es über Volkmann hergegangen.
Mit einem Male hatte Frau Garberding gesagt: »Es war bislang hier nicht
Landesbrauch, gleich nach der Kirche seinem Nächsten gegen den Rock zu
spucken. Und was den Hilgenbauer anbetrifft: hätte der Herr mir Kinder
beschert und es wäre eine mannbare Deern dabei, und der Hilgenbauer
würde sie zur Frau verlangen, Garberding und ich würden mit Freuden
unser Jawort dazugeben.
Ich weiß ganz genau, was es mit ihm für ein Bewenden gehabt hat, aber
deswegen freue ich mich doch jedes einzige Mal, wenn er bei uns kommt.«
Als man in sie drang, sie solle erzählen, was sie wisse, sagte sie:
»Das tu' ich nicht; deswegen hat Garberding mich das nicht wissen
lassen.«
Da Volkmann irgendeine Entschädigung für seine Hilfe ablehnen würde,
wie sie annahm, strickte sie ihm Strümpfe, ließ ihm Hemden und
Unterzeug machen, woran es ihm fehlte, und er nahm das dankend an, denn
es war ihm, als käme es von seiner Mutter.
Wenn sie beide allein waren, erzählte er ihr von seinem Leben in den
kanadischen Wäldern und sie weinte still vor sich hin, als sie die
Geschichte von der kleinen Margerit vernahm.
Als dann eines Abends Lüder ihr sein Herz ganz ausschüttete und ihr
haarklein erzählte, warum er keinen heilen Namen mehr habe, wuchs er
ihr vollends in das Herz, und ihr war, als wenn es ihr eigener Sohn
wäre.
Da er in Kleidung und Gebaren ganz zum Bauern geworden war, sah sie
sich im Kirchspiele nach einer Frau für ihn um und ließ sich bald auf
diesen, bald auf jenen Hof fahren, setzte es durch, daß Lüder sie dabei
begleitete und freute sich, wenn sie bemerkte, daß manches wohlhabende
Bauernmädchen auf ihn mit Wohlgefallen sah.
Als sie aber einmal ganz von weitem die Rede darauf brachte, daß es
an der Zeit wäre, daß er sich eine Frau nähme, und er nicht darauf
zuschlug, nahm sie vorläufig davon Abstand.
Zu Jakobi hörte Volkmanns Pachtzeit auf, und nun zogen Volkmann und
Ramaker wieder auf den Hilgenhof; anfangs führte eine Witfrau mit ihrer
fünfzehnjährigen Tochter ihm den Haushalt.
Im Januar kam Ramaker nach langem Drucksen damit zutage, daß er ein
Mädchen an der Hand habe, eine Kätnertochter aus Breeden, und wenn der
Bauer nichts dawider habe und ihn dann noch behalten wollte, so möchten
sie wohl bald heiraten.
Lüder paßte das sehr gut, besonders, als er das Mädchen kennengelernt
hatte, denn Frau Könnecke war mürrischer Art und nicht gewöhnt, abseits
vom Dorfe zu leben.
So richtete denn Volkmann das Häuslingshaus her, in dem bislang die
alten Lembkes gewohnt hatten, Frau Garberding steuerte aus ihrem
Wäscheschrank Ramaker aus, und Ende Februar konnte gefreit werden.
Die junge Frau war freundlich und fleißig und nahm es mit Freuden
an, daß sie das Wohnhaus mit in Ordnung hielt und dort gleich für
alle kochte und der Einfachheit wegen aßen die drei Leute da meist
miteinander. Auch abends blieben sie oft zusammen, falls Volkmann nicht
Frau Garberding besuchte, und er las dann seinen Leuten aus irgendeinem
guten Buche vor, bis es Schlafenszeit war.
So verging der Winter in Ruhe und Frieden und der Bauer hörte keinmal
mehr das Fuchteln der schwarzen Flügel vor seiner Stirn, zumal er in
seiner freien Zeit an einer naturwissenschaftlichen Arbeit schrieb und
nebenher die Geschichte der alten Bauerngeschlechter von Reethagen,
Breeden und Schedensen zusammensuchte.
An einem schönen Sonntag vormittag im April saß der Bauer mit einem
Buche in der Hainbuchenlaube und sah dem Eichelhäher zu, der zwischen
dem Holze und dem Grasgarten hin und her flog, weil er im Garten
Hühnerfedern suchte; er hatte den Vogel gern, der im Walde zwar das
Wild vor dem Jäger warnte, dafür diesem aber auch den Fuchs und den
Bock meldete und dem die Bauern deshalb den Namen Markwart gegeben
hatten. Er ergötzte sich an dem bunten Narren, der mit gesträubter
Holle auf dem Rasen umherhüpfte und sich fortwährend scheu umsah, als
wären ihm die Federn nicht gegönnt.
Plötzlich duckte er sich, kreischte auf und strich ab. Schritte kamen
über den Steinweg, die Pforte klinkte auf, und als der Bauer aufsah,
kam der Vorsteher mit freudigem Gesichte auf ihn zu und streckte ihm
beide Hände entgegen:
»Du sollst auch vielmals bedankt sein, Lüder,« rief er und schüttelte
Volkmann die Hände, »für den vielen Beistand, den du mir geleistet
hast. Das muß ich sagen: es ist alles so in der Reihe, als wenn ich
selber da war. Suput sagte: »Ja, der, der ist jetzt ein ganzer Bauer.«
Na, und Suput macht schon allerlei Ansprüche.
Na, und dir geht es gut, das sehe ich, und mir auch, wenn ich auch
wohl niemals wieder der Kerl von früher werde. Jetzt heißt es Schritt
fahren, wenn ich über den Berg kommen soll. Mein seliger Vater hat es
auch an der Lunge gehabt, und hat mit vierzig von uns fort müssen.
So, und wenn du kein besseres Mittag hast, dann möchtest du zu uns
kommen; ich habe aus Hannover einen ganz gefährlichen Kalbsbraten
mitgebracht, und Trina sagt, den kriegen wir allein nicht auf.
Hier hast du übrigens auch alles gut im Stande; nun fehlt bloß noch
eine glatte Frau und denn ist alles richtig.«
Lüder nahm mit Dank an, und dann gingen sie langsam durch die Haide.
Als sie an dem Graben waren, der die Grenze zwischen der Hilgenhofer
Haide und der des Vorstehers war, blieb Garberding stehen, sah Volkmann
an und sagte: »Weißt du, was heute für ein Tag ist? Vor zwei Jahren
standen wir zum ersten Male hier.«
Als er weiterging, setzte er hinzu: »Du hast mir damals gleich gefallen
und meiner Trina auch. Junge, wenn die nicht auf die sechzig ginge, ich
könnte es wahrhaftig mit dem Übelnehmen kriegen: sie redet von nichts
weiter, als von dir; ich bin jetzt man Handpferd geworden.«
Er sah sich in der Haide um: »Ja, es ist doch man einmal schön hier bei
uns. Da oben auf dem Harze, ich weiß nicht, schön ist es da ja wohl,
und auch die Leute können mir ganz gut gefallen, und gesund ist es da
auch für die Lunge, aber leben möchte ich da nicht. Man stößt mit den
Augen meist überall gegen die Berge und denn redet mir das Volk auch
zuviel. Und die Unruhe, die Unruhe! Selbst im Winter ist da alles voll
von Stadtleuten, die vor Langerweile mit Kinderschlitten die Berge
herunterrutschen oder sich mit den unklugen Schneeschuhen abmarachen,
als wenn sie dafür bezahlt werden. Da ist es hier doch besser. Wie
schön der Post riecht und das Birkenlaub! Der Doktor meinte, ich sollte
noch dableiben, aber ich sagte ihm: Dann werde ich wieder krank.«
Er blieb wieder stehen und atmete mühsam: »Nun erzähl du; gehen und
sprechen zusammen kann ich nicht mehr.«
Volkmann teilte ihm alles Wichtige mit, auch über das Kesseltreiben,
das man gegen ihn veranstaltet hatte, und auf welche Weise Freimut sich
dabei benommen hatte. Der Vorsteher lachte im Halse; einen Teil hatte
er von seiner Frau schon vernommen, und er freute sich, daß Volkmann so
gut dabei abgeschnitten hatte.
Nach dem Mittag ließ Garberding sich den Liegestuhl, den er sich
mitgebracht hatte, in den Garten stellen und sagte: »Da liegt man nun
zugedeckt, als wie ein Wiegenkind, und sieht ein Loch in den Himmel.
So, nun schmök mir was vor; ich habe es mir abgewöhnen müssen; es geht
auch so.
Jetzt wollen wir einmal die alte Bohrgeschichte besprechen. Der
Mann, Neumann heißt er ja wohl, läßt nicht locker und hat hier einen
Vorvertrag geschickt, der für die politische und für die Realgemeinde
gültig sein soll, damit ich ihn in der Gemeindeversammlung vorlegen
kann. Ich habe ihn zehnmal und mehr durchgelesen, und ich glaube, so
ganz uneben ist er gerade nicht. Hier ist er!«
Volkmann las die dreißig Abschnitte des Vertrages durch, fand aber
bald mehrere Stellen, die für die Gemeinde gefährlich werden konnten,
und deshalb schlug er vor, die Landwirtschaftskammer in Hannover solle
über den Vertrag erst ein Gutachten abgeben. Nach acht Tagen kam der
Vertrag zurück und ein anderer dabei, der auf den von der Kammer
entworfenen Mustervertrag zugeschnitten war, und mit dem sich die
Gemeindeversammlung zufrieden erklärte.
Der Berliner machte ein Gesicht, wie der Hund zu dem Zaunigel, als ihm
gesagt wurde: So oder überhaupt nicht! reiste ab, um den Vorvertrag
seiner Gesellschaft vorzulegen, und nach vierzehn Tagen fand die
Versammlung statt, in der die Annahme erfolgen sollte.
Der Wind hatte drei Tage von Morgen geweht, und die Luft war voller
Staub; das war günstig für Neumann, denn so wurde von Anfang an scharf
getrunken. Er hatte seine Getreuen schon die Tage vorher aufgesucht und
die hatten die anderen bearbeitet.
Als der Vorsteher und der Hilgenbauer in den Krug kamen, war der Saal
blau von Tabaksdampf und viele Köpfe waren rot. Neumann schmiß einen
kalten Blick nach den beiden Männern, stürzte dann auf sie zu, lächelte
süß, drückte ihnen die Hände und sprudelte los: »Wir müssen noch ein
Augenblickchen warten, es sind noch nicht alle da.«
Garberding sah nach der Uhr: »In zehn Minuten fange ich an; auf drei
Uhr ist angesetzt. Danke,« fuhr er fort, als ihm der Ingenieur ein
Glas Wein hinstellen wollte, »ich bin um diese Zeit Kaffee gewöhnt und
Alkohol darf ich überhaupt nicht mehr.«
Auch Volkmann bestellte sich Kaffee, und die großen Bauern riefen einer
nach dem anderen: »Nordhoff, mir auch,« und sie setzten hinzu: »Es geht
um Tausende und da ist es besser, man bleibt bei Verstand.« Schließlich
trank alles Kaffee, und Neumann sah grün im Gesichte aus.
»Bevor ich den Vertrag verlesen lasse, frage ich an, ob jemand vorher
einen Antrag zu stellen hat?« rief der Vorsteher.
Volkmann stand auf: »Ich beantrage zweimalige Lesung; in der zweiten
Lesung Einzelabstimmung über jeden Abschnitt.« Der Berliner lächelte
gezwungen, als der Antrag gegen drei Stimmen durchging.
»Hat noch jemand einen Antrag?«
Wieder stand Volkmann auf. »Ich beantrage, daß die Versammlung
beschließen möge, daß die Bohrungen nicht in der Feldmark und auf den
alten Wiesen, sondern nur in der Haide unter dem Dorfe, im Bruche und
im Moore stattfinden sollen.«
Die Bohrgarde murrte, aber Volkmann fuhr fort: »Ich war letzte Woche in
Wietze-Steinförde; da sieht es bunt aus; der Bauer hat da gar nichts
mehr zu sagen; vor dem Wohnhause hat er den Fallmeißel und dahinter
die Sonde. Ich will gegen den Wert der Bohrungen im allgemeinen nichts
sagen, aber Segen bringen sie uns nicht. Zu leben hat jeder von uns
hier, und Geld, das einem so zufällt und nicht erworben wird, das
bleibt nicht.
Wo ist der Ölheimer geblieben? Vor die Hunde ist er gegangen mitsamt
seinem Gelde. Was ist aus der Familie Janke geworden? Der Alte ist über
dem vielen Gelde verrückt geworden, und der Junge hat sich scheiden
lassen von seiner Frau und lebt mit so einem Weibsstück.
Ihr sollt sehen, steht hier erst alles voller Bohrtürme, dann müßt ihr
tanzen, wie die Gesellschaft flötjet!
Und ob eure Frauen und Töchter dann noch alleine über die Landstraße
gehen können, das ist sehr die Frage. Es ist jetzt schon schlimm genug
in der Haide; Messerstechereien sind jetzt an der Tagesordnung, und
Raubanfälle und Einbrüche auch.
Hier,« er holte eine Zeitung heraus und ließ sie rund gehen, »das
ist der dritte Lustmord in zwei Jahren bei uns! Früher wußte man von
solchen Greueltaten hier nichts; aber seitdem Pollacken und Kroaten
und Italiener hier herumlaufen, ist kein Frauensmensch seines Lebens
mehr sicher.
Und deswegen haben der Vorsteher und ich es uns vorgenommen: Wir beide
schließen nicht ab.«
Ehe er sich noch gesetzt hatte, sprang Neumann auf und wollte
lospoltern, doch der Vorsteher winkte ab: »Herr Neumann, Ihre Ansicht
kommt hier nicht in Frage. Wir wollen jetzt die Abschnitte verlesen.
Ihr seid es wohl zufrieden, daß Volkmann das tut; mir ist das viele
Reden nicht gut.«
Neumann biß sich auf die Lippen; er hatte geglaubt, daß man ihm das
Vorlesen überlassen werde. Die Abschnitte eins, zwei und drei waren
verlesen, als Volkmann aber den vierten verlesen hatte, bat er um
das Wort: »In dem Vorvertrage steht, daß jeder Besitzer für jeden
angebrochenen Morgen entschädigt wird; hier aber ist zu lesen: für
jeden Morgen.«
Neumann wurde blaß, denn die Bauern stießen sich an und sahen kalt
zu ihm hin. Volkmann fuhr fort: »Der Unterschied ist sehr wichtig,
denn nach der neuen Schreibart sind wir die Dummen, indem wir, wenn
ein Bohrloch oder sonst etwas nicht so viel Platz einnimmt, daß es
einen Morgen ausmacht, wir keinen blanken Pfennig bekommen. Und solche
Sachen stehen mehr in dem neuen Vertrage, trotzdem Herr Neumann sagte,
seine Gesellschaft habe nur hier und da die Schreibweise ein bißchen
verfeinert.
Kurz und gut: wir sollen hier über den Löffel balbiert werden, denn wir
sind ja man bloß dumme Haidbauern und das da in Berlin sind vornehme
Herren. Sehr vornehme Herren sind es, denn sie wollen ja nur unser
Bestes, nämlich unser Geld.«
Ein Hohngelächter schallte durch den Saal und sogar Nordhoff meckerte
laut los.
»Ist richtig!« »So ist es!« »Das ist die Wahrheit!« »Schwindel!«
»Betrügerei!« so schrie es, und selbst die Neumannsche Leibwache
stimmte mit in das Hohngelächter und das Entrüstungsgepolter ein.
Der Berliner, der vor Aufregung zu hastig getrunken hatte, sprang auf
und kreischte: »Ist das eine Art und Weise von 'ner Sache! Einen hier
erst herlotsen und dann zum Narren halten? Und wer ist denn der Herr,
der Sie um die schöne Entschädigung bringen will? Ist es ein Bauer,
ist es einer von Ihnen? Fragen Sie im Celler Zuchthause an, wer es ist!«
Weiter kam er nicht. Alle Bauern bis auf den Vorsteher und Volkmann
sprangen auf und es war ein Gebrüll, daß Frau Nordhoff in der Küche
schrie: »Herr im hohen Himmel, das gibt Mallör!«
Nordhoff schloß schnell die kleine Tür auf und als der Agent noch reden
wollte, schob er ihn ziemlich unsachte hinaus.
»I so 'n Lümmel,« sagte der Vollmeier Röpke; »so 'n Lümmel! Nordhoff,
nun aber schnell Bier. Es ist man ein Segen, daß der Klabautermann sich
dünne gemacht hat, denn mir fing die Hand schon an zu jucken.«
Als jeder Bier hatte, rief der lange junge Mann: »Unser Freund
Volkmann, der uns vor schwerem Schaden bewahrt hat, er soll leben vivat
hoch und abermals hoch und zum dritten Male hoch.«
Während alle mit dem Hilgenbauer anstießen, hub der Schneider Fricke,
der kein Freibier vertragen konnte, mit seinem verschossenen Tenor zu
singen an: »Er lebe hoch, hoch, hoch!« denn er war Mitbegründer des
Gesangvereins Reethagen.
Die Nachtigall.
Weiter in der Umgegend hatte der Agent mehr Glück gehabt. Von
Schedensen und Breeden aus konnte man die schwarzen Bohrtürme in den
grünen Feldern sehen.
Wenn die Bauern aus den Nachbardörfern nach der Kirche erzählten,
welche Einnahmen sie jetzt schon aus den Bohrverträgen hätten,
dann kauten die Bauern von Schedensen und Breeden taub und manche
Reethagener auch; aber der Berliner hatte von Reethagen ein so
schlechtes Bild gemacht, daß sich dort kein Agent mehr sehen ließ.
Eines Tages hieß es im Weißen Rosse: »Nordhoff, hast du all gehört?
Fürbotter hat sich aufgehängt; er hat sich in Bohrkuxen verspekuliert.«
So war es auch und er war nicht der einzige, der sich bei den Papieren
einen Bruch gehoben hatte.
Hier schlug ein Bauer lang hin, da kippte ein Ziegeleibesitzer um, dort
lag ein Kaufmann auf der Nase; alle hatte das Bohrfieber umgeworfen.
Sie hatten Kuxe gekauft, wenn eine Gesellschaft fündig geworden war und
hinterher kamen die Zubußen.
Hier hatte bei der Anwendung des Gefrierverfahrens der Magnesiumzement
sich entmischt und der Schwemmsand sprengte die Tubbings des Schachtes;
da war man auf hundertfünfzig Meter niedergegangen, erlebte einen
Wassereinbruch und der Schacht ersoff rettungslos; da kam es gar nicht
zum Abteufen, denn auf sechzig Meter trieb der Sand und knickte die
Mannesmannstahlrohre wie Stroh.
An einer anderen Stelle hatten sich ölige Schichten auf den Moorgräben
gezeigt; eine Gesellschaft riß alles Land, das sie kriegen konnte, zu
hohen Preisen an sich und bezahlte zum Teil mit Kuxen, worüber die
Verkäufer sehr froh waren. Dann kam ein Geologe von der Königlichen
Landesanstalt und stellte fest, daß das kein Öl, sondern humussaures
Eisenoxyd war. Da nun schon eine Straße gebaut und ein Schienengeleise
gelegt, Dampfmaschinen hingebracht, Bohrtürme und Schuppen gebaut
waren, so mußten die Kuxeninhaber nachzahlen, daß ihnen die Augen
bluteten.
Aber die Krankheit ließ trotzdem nicht nach, denn kaum stieß man
weiterhin auf Kali, so stürzte sich alles, was etwas bar Geld liegen
hatte, auf die Kuxe, wie die Bremsen auf die Heugespanne, und als es
sich herausstellte, daß dort kein abbaufähiges Lager, sondern nur eine
Linse stand, da hatte mancher Mann alles verloren, was er in zwanzig
Jahren zusammengebracht hatte.
Dazu kam noch, daß es überall dort, wo gebohrt oder gar gefördert
wurde, immer ungemütlicher ward.
Die fremden Arbeiter, die gut verdienten, saßen in den Wirtschaften
vornan und es verging keine Woche, ohne daß es eine böse Schlägerei
zwischen ihnen und den jungen Leuten aus dem Dorfe gab; dem Wirt in
Hülsingen wurde das halbe Haus zerschlagen, in Kronshagen wurde einem
Anbauernsohne ein Auge ausgestochen, in Altmühlen kam es zu einer
wahren Völkerschlacht, wobei es acht Schwerverwundete und einen Toten
gab, und bei Schütthusen wurde die Frau des Schneiders Mögebier
ermordet und beraubt im Busche gefunden.
Bald hier, bald da wurde eingebrochen, Vieh verschwand von der Weide,
Wäsche von der Bleiche, überall wurde gewildert, die Brandstiftungen
nahmen kein Ende, denn die Landstraßen waren lebendig voll von
verdächtigem Volke, und wer nicht gab, der hatte den Schaden.
So dankten die Reethagener es ihrem Schöpfer, daß der Hilgenbauer sie
vor dem Abschlusse bewahrt hatte, denn bei ihnen war noch ein ruhiges
Leben möglich.
Da nun Volkmann bis auf die Schmisse in seinem Gesichte ganz so wie
ein richtiger Bauer war, auch ursprünglich aus der Gegend stammte
und jedem gefällig war mit Rat und Abfassen von Schriftsätzen an die
Behörden, und die Leute, denen daran lag, ihn in den Graben zu werfen,
verschwunden waren, so stand er im Herbste anders da, als das Jahr
vorher, und er hätte überall anklopfen können, wo eine Tochter war.
Der Vorsteher und seine Frau ließen es an Anspielungen nicht fehlen,
und er selbst sah ein, daß er nicht länger ledig bleiben dürfe; aber
wenn er auch hier und da eine Bauerntochter antraf, die ihm ganz gut
gefiel, sowie sie den Mund auftat, sah er einen Graben zwischen sich
und ihr, denn dann fiel ihm die Stimme ein, die an jenem Vormittag
im April an seiner Schulter gefragt hatte: »Ich bin Ihnen wohl recht
schwer?«
Nicht, daß er mit Hoffnung an das schöne Mädchen, das wohl längst
Frau und Mutter war, dachte, aber sie war ihm der Maßstab, den er
überall anlegte, wo er mit einem Mädchen zusammenkam, die auf den
Hilgenhof gepaßt hätte. Da er nun schwer arbeitete, dem Vorsteher alle
Schreibereien abnahm und alle weiten Wege, so daß er abends meist schon
einschlief, ehe er beide Beine unter der Decke hatte, so kam es ihm
wenig in den Sinn, daß er ein einsamer Mann war.
Hatte er das Bedürfnis, mit einem Frauenzimmer zu reden, so ging
er in das Häuslingshaus und freute sich an der fixen Frau Ramaker,
die Zwillinge zu versorgen hatte und doch mit der vielen Arbeit zu
Gange kam, oder er saß bei Garberdings und schnackte mit der Bäuerin
oder er blieb eine Stunde im Kruge und erzählte sich etwas mit den
Frauensleuten, denn Nordhoff ging nur in die Gaststube, wenn er mußte.
Mit dem Vorsteher wurde es wieder schlechter, als es auf den Winter
zuging, und so entbot er die sechs Vollmeier zu sich, sagte ihnen, er
könne nicht mehr länger Vorsteher sein und fragte sie, wer der Gemeinde
wohl am besten anstehe.
»Am besten wäre Volkmann,« meinte Röpke, »wenn die Regierung nur keine
Bedenken hat.«
Der Vorsteher schüttelte den Kopf: »Das hat sie nicht; was ihm
zugestoßen ist, gilt mehr als ein Unglück, als eine, ja, na, als etwas,
das nicht ehrenhaft ist. Ich habe mit dem Landrate lang und breit
darüber gesprochen. Und meine Meinung ist: einen besseren Vorsteher
kriegen wir nicht; er steht gut da, hat mehr gelernt, als wir alle
zusammen, reibt es aber keinem unter die Nase, er schickt sich ganz in
unsere Art, ist gefällig, wie nur einer, und er hat die Gemeinde vor
großem Schaden bewahrt. Und da ihr ja alle meiner Meinung seid, ist
es das beste, ihr beredet euch mit den anderen, damit er einstimmig
gewählt wird, denn ohne das, glaube ich, nimmt er nicht an.«
Der Plan lief nach Wunsch aus; Garberding legte sein Amt nieder, und
der Hilgenbauer wurde einstimmig zu seinem Nachfolger gewählt. Volkmann
wurde erst blaß und dann rot, als er gewählt wurde, und er wußte erst
nicht, ob er annehmen sollte. Da stand Garberding auf und sprach:
»Ich weiß, warum unser Freund sich bedenkt, und viele, ja wohl die
meisten von uns, werden es auch wissen. Es steht mancher Mann hoch in
Ansehen, dessen Hand ich nicht in meiner haben will, und mancher Mann
gilt nicht für ehrenhaft vor der Welt, zu dem ich mich liebendgern
an den Tisch setze. Was bedarf es noch vieler Worte? Wir haben unser
eigenes Recht, das älter ist als die Gesetze, die in den Büchern stehen
und manches Mal gar nicht auf unsere Art passen. Unser erstes Gesetz
heißt die Gemeinde, das ist das Haupt; alles andere liegt weit weg.
Und wenn ich, der ich meinen Freund durch und durch kenne, keinen
lieber, als ihn, hier sehe, wo ich jetzt bin, und wenn der Herr Landrat
ebenfalls der Ansicht ist, daß wir keinen besseren Vorsteher kriegen,
so kannst du,« und damit drehte er sich nach Volkmann und gab ihm die
Hand, »meinen Glückwunsch getrost annehmen.«
Als Vorsteher Volkmann aus der Versammlung nach Hause ging, mußte
er immer an den Tag denken, an dem er auf dem Haidberge lag und dem
Ortolan zuhörte, der in der Birke saß und sang.
Ein Landstreicher war er damals gewesen, ein heimatloser Mann, den
jeder Gendarm stellen und nach seinen Papieren fragen durfte; jetzt
hatte ihm die ganze Bauernschaft eine Ehre angetan, die er, der Bauern
kannte, nach ihrem vollen Werte einschätzen konnte.
Als er auf den Hof trat, ging ihm Ramaker entgegen; die Augen des
Häuslings glänzten, und er stotterte vor Aufregung, als er dem Bauern
Glück wünschte, denn als er in der Haide Plaggen haute, war der
Briefträger mit dem Rade den Pattweg heruntergekommen und hatte ihm
zugerufen: »Den Bauern haben sie zum Vorsteher gemacht!«
Auch Frau Ramaker lachte über ihr ganzes rundes Gesicht, gab ihm die
Hand, sagte: »Viel Glück auch!« und warf hinterher: »Wie sagt man denn
jetzt: Bauer oder Herr Vorsteher?«, und als Volkmann antwortete: »Es
bleibt alles so, wie es ist,« schüttelte sie den Kopf, daß ihr eine
Flechte losging, und indem sie die feststeckte, rief sie: »Das will ich
nicht hoffen, denn jetzt muß hier eine Frau her! Was ist denn das für
ein Werk! Ein lediger Vorsteher? Das habe ich meinen Tag noch nicht
erlebt. Und mir wird es mit der Arbeit zuviel: einen Mann, zwei kleine
Kinder, das Vieh und zwei Haushaltungen, das halte ich nicht lange mehr
aus.«
Am anderen Tage kam Freimut angefahren: »Mann,« schrie er über den Hof,
daß die Schruthähne an zu kullern fingen, »siehst du mir nichts an?«