italienischen Trägern man zum Teil auch durch den Aufenthalt einiger
derselben in Deutschland selbst bekannt wurde, etwas durchaus
Natürliches. Sie knüpft indes eben vor allem an die in Italien
gebildeten _Juristen_. Es wurde insbesondere die zum Teil mit
Juristen besetzte _Kanzlei_ zur Pflege- und Vermittlungsstätte der
neuen, wesentlich formalen Richtung. Auch in Italien pflegten ja
gerade in ihr die Humanisten die Eloquenz, den neuen klassischen
Stil. Ein italienischer Humanist, der bekannte Aeneas Sylvius, war
dann auch in Deutschland selbst in der kaiserlichen Kanzlei tätig
und von großem Einfluß auf manchen Deutschen. Die formale Seite hat
aber auch auf jenes geistlich-gelehrte Studium, das in der Theologie
gipfelte, gewirkt. Vielleicht im Zusammenhang mit einer stärkeren
Berücksichtigung der antiken Autoren schon seitens der älteren
Schulwissenschaft ist vor allem in den Niederlanden eine durchaus
religiös gerichtete, aber den klassischen Autoren zugewandte Bildung
erblüht, die auch den deutschen Nordwesten und Westen beeinflußte und
zugleich stark pädagogisch gerichtet war. Niederländischer und langer
italienischer Aufenthalt haben auf den trefflichen Rudolf Agricola
gewirkt, der neben gewissen abenteuerlichen Wanderaposteln der Mitte
des 15. Jahrhunderts, wie Petrus Luder, zuerst den Humanismus um seiner
selbst willen vertrat und ihm in Heidelberg außerhalb der Universität
eine Stätte gründete. Die Seele des neuen Lebens, das sich dort
entfaltete – daneben wären noch andere südwestliche kleinere weltliche
und geistliche Höfe zu nennen –, war der Kanzler Johannes v. Dalberg,
der spätere Freund Celtes’ und Reuchlins. Wichtig wurde dann vor allem
die seit etwa 1470 beginnende Eroberung einzelner Universitäten durch
die Humanisten, was zunächst nichts weiter besagte als Fürsorge für
den Unterricht in der neuen Eloquenz, besonders auch im Interesse der
Kanzleien. Die Pflege reinen Lateins erstreckte sich zugleich immer
auf die Dichtung – diese war noch wie früher ein Betätigungsfeld der
gelehrten Bildung –, bedeutete also überhaupt eine neue _literarische_
Richtung.
Aber es handelte sich doch mehr und mehr nicht nur um eine neue
Form, sondern um einen neuen, an der Antike genährten Geist, der
auch das Leben der jüngeren Humanisten »modern« gestaltete. Mit
dem jugendlichen Hochmut einer neuen, zukunftsfreudigen Richtung,
mit stolzer Verachtung des Alten, mit radikaler Kritik und großen
Tiraden ging diese jüngere Schule vor. Es kam etwa seit 1500 an
den Universitäten naturgemäß zu scharfen Kämpfen, zur Abwehr der
Eindringlinge, die im übrigen auch ihre ernsten Ziele hatten. Es
ging doch schon um die _Beseitigung_ des _bisherigen scholastischen
Bildungsideals_. Insbesondere handelte es sich jetzt um die
Neugestaltung der Artistenfakultäten (s. S. 147). Um 1520 hatte die
neue Strömung, gefördert von Fürsten und Städten und von der Jugend
begrüßt, in der Hauptsache über den verzopften Scholastizismus gesiegt.
Ein beachtenswertes Moment ist übrigens die Einfügung des Griechischen
in den Studienkreis. Früher als die Universitäten wurden zum Teil die
Lateinschulen humanistisch gefärbt. Im ganzen war es in Deutschland
eine _wesentlich gelehrte_, dabei stark formale und äußerliche
Bewegung, keine allgemeinere geistige Umwandlung, wenigstens nicht
zunächst. Der freiere naturwissenschaftliche Geist schon des 16., dann
namentlich des 17. Jahrhunderts, die verstandesmäßige Aufklärung,
die Ideale der Freiheit und Humanität, der schönen Bildung im 18.
Jahrhundert und die politischen Ideale dieses und des 19. Jahrhunderts
sind jedoch teilweise Folgeerscheinungen der Neubelebung der antiken
Kultur. Was aber die notwendige Herbeiführung einer _Verweltlichung_
betrifft, so hat der Humanismus die in ihm steckenden Keime dazu
vorerst nicht entwickeln können. Er sah wohl das moderne, in der
Antike ruhende Ideal des freien Menschentums, aber es lag ihm zu
fern. Er ist im 16. Jahrhundert zum Diener der Theologie geworden,
wie ihn ja auch die Kirche in seinen Anfängen nicht bekämpft hat. Die
Antike hat ferner einen neuen patriotischen, _nationalen_ Geist in
manchem Humanisten erweckt, wozu auch der Gegensatz zu den hochmütigen
italienischen Leuchten beitrug, aber im Grunde bewahrte der Humanismus
die Internationalität mittelalterlichen Geisteslebens, die auf das
gemeinsame Band der Kirche zurückgeht. Er hat den _Verstand_ von der
äußerlichen Übung seitens der Scholastik auf die Betrachtung der
Menschen und des Lebens gelenkt, und ein Mann wie Erasmus zeigt auch
den höheren Dingen gegenüber rationalistische Haltung (s. S. 155 f.).
Der Humanismus hat auch einen neuen _kritischen_ Geist entwickelt, der
aber zunächst auf die gelehrte Kritik und die Weckung geschichtlichen
Sinnes sich beschränkte, im übrigen ebenso von anderen Strömungen der
Zeit geweckt war. Er hat die Bildung durch tieferes Eindringen in
die Schätze der Antike stofflich erweitert und die Lebensauffassung
und die Moral, ohne sie auf neue Grundlagen zu stellen, gewandelt und
vertieft. Er hat endlich auch eine _individuellere_ Geisteshaltung
gefördert, aber zum Teil nur infolge seiner _bewußten_ Weltlichkeit
und der Wertschätzung eigener geistiger Kräfte. Wir haben ferner
bereits (S. 74) festgestellt, daß das Mittelalter schon lange vorher
solcher Haltung keineswegs bar ist. Gerade zu Ausgang desselben
wirkten überdies auch andere Strömungen und die Zeitverhältnisse in
der bezeichneten Richtung[11]. Zu einem schrankenlosen Individualismus
nach italienischem Muster sind im übrigen unter den Humanisten selbst
nur wenige radikale Köpfe gekommen. Aber unterschätzen darf man die
Wirkungen des Humanismus auch nicht. Die Persönlichkeit zum Ausdruck
zu bringen, ist sein Bestreben, sei es auch nur durch die äußeren
Mittel der Eloquenz. Der Stolz auf die feine Bildung hat zugleich etwas
Aristokratisches. Er wird aber später zu jenem volkstumsfeindlichen
Bildungshochmut. Durch Latinisierung und Gräzisierung der Namen fällt
man ganz aus dem Volkstum heraus. Es erfolgt eine Neubelebung der
lateinischen Schriftsprache, ein neues Zeitalter des lateinischen
Briefes setzt ein, der den deutschen freilich nicht mehr verdrängen
konnte.
Das feinere Schönheitsideal, das die Humanisten literarisch-stilistisch
pflegten, drang gegen den volkstümlichen Geist, der auch diese
neuen Kulturmenschen zum Teil noch unter die derbe Volksart beugte,
erst langsam durch: noch langsamer erobert dieses antik-südliche
Formempfinden die noch durchaus volkstümliche Kunst, der dann freilich
schließlich das Rückgrat gebrochen wurde. Das gehört nicht mehr in die
Geschichte des Mittelalters. Niemals aber wurde diese _künstlerische
Renaissance_ von unserem Volk wirklich innerlich erfaßt. Sie entsprach
dem äußerlichen Prunk, den die reichen Kaufherren und dann die wiederum
zu kulturellen Mittelpunkten sich aufschwingenden Höfe entfalteten.
Auch dieser _neue Fürstenstaat_, den das ausgehende Mittelalter
entstehen sah, gehört in seiner ausgebildeten, unvolkstümlichen
Art nicht mehr in das Mittelalter und ebensowenig die _völlige
Herabdrückung_ des Standes, der der älteste Born des Volkstums war,
_des Bauern_, der ja allerdings in der höfischen Zeit schon der
Gegenstand des ritterlichen Spottes gewesen und zu Ausgang des
Mittelalters ein solcher für den auf seine Zivilisation stolzen Städter
geworden war. Aber zu Ende des Mittelalters war er trotz allen Druckes
noch kraftvoll genug wie das niedere Volk überhaupt. Aus solchen
Kreisen stammte Luther.
Die bestimmende Macht des Mittelalters war die abendländische _Kirche_.
Mit der Erschütterung dieser überragenden Macht geht das Mittelalter
zu Ende. Hat die _Reformation_ diese entscheidende Bedeutung gehabt?
Insofern sie die Universalität dieser Kirche, ein wesentliches Moment
ihrer Herrschaft, zerstörte, gewiß. Diese Universalität war schon
durch die nationalstaatliche Machtentwicklung im Westen und Norden
Europas gefährdet, und die aufsteigende Entwicklung der deutschen
Landesherren hatte auch bereits gewisse Selbständigkeitsbestrebungen
in kirchlicher Hinsicht gezeitigt. Es war kein Zufall, daß die
Reformation mit den _Landesherren_ paktierte. Deren Macht verlieh
der großen Spaltung Dauer und Festigkeit. Der kräftigere Staat hat
dann auch in _der_ Richtung das eigentlich mittelalterliche, d.
h. kirchliche Zeitalter zu Grabe zu tragen geholfen, als er, wie
schon die Städte, die Macht, die die Kirche über das gesamte Leben
ausübte, ihre weltlich-politisch-kulturelle Wirksamkeit mehr und mehr
beschränkte. Das ausgehende Mittelalter war überhaupt auf dem Wege
zu einer _Säkularisation_ des Lebens. Aber die Reformation ist in
Wahrheit doch der Hemmschuh der weiteren Säkularisation gewesen, und
das _Mittelalter_ ist mit ihr im Grunde _nicht zu Ende_ gegangen.
Trotz der kirchlichen Herrschaft hatte es ja ein volkstümliches
weltliches Leben immer gegeben. Aber die bäuerlich-kriegerische
Laienkultur des frühen Mittelalters zunächst war doch in allen
höheren Beziehungen von der Kirche geleitet. Ein erstes Freimachen
bedeutete dann die ästhetisch-gesellschaftliche Kultur des Rittertums.
Wichtiger wurde die breitere Laienkultur des auf wirtschaftliche
Interessen gegründeten Bürgertums mit der Durchsetzung des modernen
Elements der Geldwirtschaft und der Zerstörung des Lehnswesens,
der bisherigen sozialen Hauptgrundlage. Besonders durch den Handel
und Verkehr war auch das Gebiet der weltlichen Interessen immer
vielseitiger geworden. Zu dem Krieger und dem Bauern hatten sich der
Handwerker und vor allem der Kaufmann mit seinem durchaus weltlichen
Gesichtskreis gesellt. Mehr noch als die Städte, die neuen Mittelpunkte
einer allseitigen Kulturpflege, war dann der territoriale Staat
infolge der durchgreifenderen Zusammenfassung äußerer Kräfte im
Gegensatz zu dem längst verfallenen feudalen Gesamtstaat fähig,
Träger höheren weltlichen Kulturlebens zu sein. Bereits hatten sich
auch die Anfänge eines neuen weltlichen Beamtenstandes entwickelt,
der höhere Kräfte aus Adel und Bürgertum zu nicht von der Kirche
bestimmten Aufgaben heranzog. Stadt- und Staatsverwaltung weckten ein
Gefühl der Verantwortlichkeit ohne kirchlichen Hintergrund; ein neuer
Gesichtspunkt war das allgemeine Wohl um seiner selbst willen. In der
Lebensauffassung hatte sich in der ritterlichen wie in der bürgerlichen
Kultur ein von der letzteren vergröbertes Ideal des Weltgenusses dem
kirchlich-asketischen Ideal nachdrücklich entgegengestellt.
Auch die _Kunst_ löste sich aus ihrer kirchlichen Bindung. Schon im
aristokratischen Kulturzeitalter war sie mehr und mehr in den Dienst
des Luxus der Herren getreten, und derjenige der reichen Städter
erweiterte noch diese weltlichen Aufgaben. Es wurde überhaupt die
städtische Entwicklung der Geldwirtschaft und der immer ausgebildeteren
technischen und gewerblichen Arbeit folgenreich, insbesondere für die
führende Baukunst. Schon in der romanischen Zeit war die Bedeutung
der Laien stärker geworden, je mehr die technischen Ansprüche
stiegen. Noch entscheidender war der Laienanteil bei der Gotik. Die
reiche Ausarbeitung der Bauten zeigt die stärkere Rolle der Technik.
Dehio weist treffend darauf hin, daß dieser Stil dreimal weniger
Material, aber zehnmal mehr Arbeit verlangt als der romanische. Die
meist namenlosen Meister der gotischen Bauten sind auf dem Boden
internationaler technischer Überlieferung erwachsen, auf dem Boden
vor allem des fortgeschrittenen städtischen Handwerks. Auf diesem
Boden erwuchsen auch die großen Maler und Bildhauer des ausgehenden
Mittelalters. Die Künstler waren durchaus Handwerker, daher die
Volkstümlichkeit ihrer Kunstübung, daher freilich auch eine gewisse
Bürgerlichkeit und Schulmäßigkeit, über die hinaus nur einzelne zu
höherer Freiheit, zu idealerem Schwung gelangten. Das bürgerliche
Leben selbst erweitert im übrigen die Aufgaben der Kunst, insbesondere
der Malerei (Porträtmalerei u. a.). – Noch wichtiger wurde die
_geistige_ Entwicklung. Seit dem 12. und 13. Jahrhundert war die
Laienbildung in immer weitere Kreise gedrungen. Es war freilich
nur die geistlich bestimmte Bildung, aber das Bildungsmonopol der
Geistlichen war gefallen, die Schranken zwischen Geistlichen und Laien
waren niedergebrochen. Mehr und mehr kamen in diese Bildung dann rein
weltliche Bestandteile, denen sich der Klerus selbst nicht versagte;
vor allem beobachteten wir die neue Bedeutung des Römischen Rechts.
Die für das ganze Mittelalter so wichtige Antike gewinnt überhaupt über
die kirchliche Zurechtstutzung hinaus Geltung, und an ihre Weltlichkeit
knüpfen sich zunächst durch den Humanismus trotz seines formalistischen
Charakters wenigstens die Ansätze zu einem neuen, freien, zum Teil
kaum noch an das Christentum gebundenen geistigen Lebensinhalt (s.
S. 151). Der geistige Aufschwung der Laien im Zusammenhang mit den
fortgeschritteneren Erfordernissen des Lebens äußert sich weiter in den
Anfängen eines weltlichen Gelehrtenstandes mit besonderen Berufszielen.
Und endlich hatte das Laientum auch auf das _religiöse_ Gebiet selbst
hinübergegriffen. Daß die religiöse Wahrheit nur in den Lehren der
Kirche beschlossen sei, war die charakteristische Auffassung des
Mittelalters. Dagegen hatten sich immer neue Sektenbildungen und
Ketzerbewegungen ständig erhoben: aber die Kirche blieb siegreich,
zumal sie seit der stärkeren Zunahme solcher Bewegungen (s. S. 129) zu
den scharfen Abwehrmaßregeln der Inquisition und der Ketzergerichte
gegriffen hatte. Die allgemeine Opposition des ausgehenden Mittelalters
gegen die Mißstände innerhalb der Kirche, vor allem gegen das geldliche
Aussaugungssystem der Kurie hatte mit einer Abwendung von der Kirche
selbst, die ja viel zu sehr mit dem ganzen Leben verknüpft war, nichts
zu tun. Der gewaltige Haß gegen die Pfaffen und ihre Sittenlosigkeit
namentlich ist eine rein soziale Erscheinung und hat seinen Grund in
der seit langem beklagten und von den kirchlichen Reformern selbst
immer wieder bekämpften Verweltlichung der Kirche, die wieder mit dem
neuen weltlich-politisch-juristischen System der Papstkirche und dem
gewaltigen Besitz der Kirche zusammenhängt. Die Streitigkeiten der
Städte mit den kirchlichen Behörden sind nur die Folge des Ernstes
der städtischen Verwaltung, des Aufsichts- und Regelungsrechts der
Städte wie des Grundsatzes der gleichen bürgerlichen Rechte und
Pflichten: deshalb suchten die Städte das Schulwesen, die Armen- und
Krankenfürsorge in die Hand zu bekommen, deshalb bekämpften sie den
gerichtlichen Sonderstand der Geistlichen und ihre Ansprüche auf
Freiheit von Abgaben und Ungeld. Sonst aber herrschte gerade in den
Städten eine übertriebene äußere Kirchlichkeit (s. S. 129 f.). Selbst
bei den Vertretern der neuen geistigen Bewegung, den Humanisten, ist
von wirklicher Kirchenfeindlichkeit trotz allen Spottes über den faulen
und dummen Klerus nicht die Rede, höchstens bei den späteren von einem
religiösen Indifferentismus. Ansätze zu einem gewissen Heidentum
sind freilich, wie gesagt, ebenso wie die Anfänge verstandesmäßiger
Aufklärung bei ihnen vorhanden. Aber Ketzer wollten sie nicht sein und
ja nicht mit der religiös aufgeregten Masse gehen. Mit Luthers erstem
Auftreten gegen den Papst waren sie einverstanden wie alle Welt, vor
allem auch mit seiner Wendung gegen die Klöster und die Askese. Bald
aber wurden sie in der Mehrheit Gegner der Bewegung: Luther dachte ja
vielfach unfreier, kirchlicher als die damaligen Päpste. Auf Befreiung
von einem _geistigen_ Bann zielte er durchaus nicht hin, sie selbst
freilich auch kaum.
Luther wieder knüpfte an den Humanismus nur in Verwertung der neuen
philologischen Kritik und Sprachkenntnis wie in dem Zurückgehen auf die
Quellen an. Sein Ziel war neben der allgemein geforderten Beseitigung
der Verdorbenheit und der äußeren Mißstände der Kirche ihre innere
Besserung, weil er ein Herz für die Kirche hatte. War er in jener
Beziehung der gewaltige Stimmführer des allgemeinen Hasses gegen die
römische Kurie, sah die gärende sozial-religiöse Massenbewegung der
Zeit in ihm den ersehnten Führer, so war er auch als Reformer nur der
Vollender längst vorhandener Strömungen. Abgesehen von dem allgemeinen
geistigen Unbehagen und der beginnenden Skepsis der Gebildeten,
herrschte doch auch im Gegensatz zu den abergläubischen Aufregungen
und Stimmungen der Masse, aber in einem gewissen Zusammenhang mit dem
beobachteten tieferen religiösen Bedürfnis derselben besonders in
Deutschland ein verständiger systematisch-reformerischer Geist auch
innerhalb der geistlichen Kreise, vor allem bei den Gelehrten der
Universitäten. Er richtete sich, nicht ohne den Einfluß nationaler
Abneigung, namentlich auch gegen die Kurie und bekundete sich in
einer starken reformerischen Literatur ebenso wie in den großen
Reformkonzilien des 15. Jahrhunderts. Selbst in der Kritik der Lehre
gefielen sich später einzelne Gelehrte, vor allem manche der Kurie
deshalb verdächtige Humanisten. In dieser Beziehung hatten radikalere
Geister aber längst tiefer gegriffen, Wicliff und vor allem Hus,
der völlig mit der römischen Kirche brach. Und eben an die Wurzeln
des Systems griff nun auch Luther: er mußte zum Abfall kommen. Aber
weiter war Luther außer von jenem allgemeinen religiösen Drang von
der echt deutschen, innerlichen religiösen Stimmung ergriffen, die
bereits die Mystiker im Gegensatz zur äußeren Kirche gepflegt hatten.
Die innerliche Versenkung in Gott unmittelbar, das unmittelbare
Verhältnis des Individuums zu Gott, ist das Wesentliche auch bei
Luther, der alles allein auf das Wort Gottes setzt, ohne menschliche,
priesterliche Autorität. Das germanische Persönlichkeitsgefühl, immer
(s. S. 74 f.) lebendig und stark, jetzt (s. S. 152) überhaupt mächtig
angeregt, dringt nun auch in die von der Kirche behütete christliche
Glaubenswelt. In der Einsetzung der Gemeinde als Trägerin der
christlichen Ordnung liegt gleichzeitig der Sieg des Laientums auch
innerhalb der Kirche.
Auf allen Gebieten war so die jahrhundertelange Auseinandersetzung
des Volkstums mit den fremden Kulturelementen zu einer gewissen
Entscheidung gekommen. Das Deutsche, Antiromanische der Reformation
liegt nicht in der Reformbewegung selbst, auch nicht im Gegensatz
zur Papstkirche – diese Strömung ist keineswegs auf Deutsche
oder Germanen beschränkt –, sondern in dem innerlichen und dem
selbständig-individuellen Charakter des Protestantismus, in dem Betonen
der Persönlichkeit. Aus diesem deutschen, echt volkstümlichen Kern der
Reformation entwickelte sich dann später der Gegensatz zum Romanismus
noch schärfer und bewußter. Schließlich ist es auch bezeichnend, daß
gerade die germanischen Völker überhaupt zum Abfall von der römischen
Kirche kamen. An sich war der Bruch mit der mittelalterlichen Kirche
die notwendige Folge der größeren geistigen Reife der Menschen. Daß
nun eben die Deutschen zu einer tieferen geistigen Religion, freilich
nur grundsätzlich, kamen, war eine erste für die Gesamtkultur wichtige
höhere Kulturtat. Grundsätzlich war von Luther, gegenüber der Askese,
auch das Recht der Welt festgestellt, waren Religion und Welt reinlich
geschieden, freilich sollte die letztere durchaus von christlichem
Geist erfüllt sein. Die tatsächliche Entwicklung war aber die, daß
die Geistigkeit arg verhüllt ward, daß die Innerlichkeit von einer
spitzfindig-dogmatischen äußerlichen Kirchlichkeit zurückgedrängt, daß
die individuelle Freiheit und die Weltlichkeit von den theologischen
Interessen und kirchlichem Ernst überwuchert, daß endlich die
Volkstümlichkeit auch seitens der neuen Kirche durch ihre gelehrte
Färbung wie durch ihren Bund mit dem neuen Staat bedrängt wurde.
Fußnote:
[11] Vgl. _Steinhausen_, Gesch. d. deutschen Kultur II², S. 194
f.
Register.
Abgaben 39, 42, 94 f., 135 f.
Abhängigkeitsverhältnisse 13, 16, 26 f., 33 f., 36, 39 ff., 43,
94 ff., 135 f.
Ackerbau 6, 12, 16, 24 f., 42, 44 f., 48, 97.
Adel 16, 25, 39 ff., 80 f., 91, 94, 106, 110, 112, 115 ff., 126,
128, 133 f., 138.
Ärzte 144 f., 147.
Ästhetische Kultur 78, 82, 86 ff., 105.
Äußerlichkeit 84 f., 89, 123, 129, 133 f., 145 f.
Alemannen 10, 18, 24 f., 40.
Antike 11, 13, 19, 34, 44, 52 ff., 63 f., 69, 72, 78, 142 f.,
149 ff., 155.
Arabische Einflüsse 78 f., 103, 144, 146, 149.
Arbeit 97 f., 105, 119, 123, 154.
Aristokratischer Geist 54, 87, 91 ff., 94, 102, 112, 114, 120, 128,
132.
Arme, Armut 31, 131, 134 ff., 155.
Askese 32 f., 56, 64 ff., 71, 90, 118, 131, 134, 156 f.
Ausbau des Landes 23, 40, 44, 110.
Backkunst 12, 52, 125.
Badewesen 87, 126 f.
Bäuerlich-ländliche Haltung 23 f., 45, 48 f., 57, 76, 91, 98, 123.
Bauer, bäuerliches Leben 16, 43, 76, 92, 94 ff., 104, 107, 113,
127 f., 135 f., 139, 152 f.
Bauernaufstände 136.
Baukunst 46, 52 ff., 59 f., 63, 78, 87 f., 99, 102 f., 121, 142,
154.
Bayern (Stamm) 17 f., 24 f., 40.
Beamtentum 13, 106, 116 f., 143, 154.
Befestigung 47 ff., 104.
Beleuchtung 51, 124.
Benehmen 82, 84, 87, 89, 122, 139.
Bettelorden 131, 133 f., 145.
Bier 12, 44, 52, 122, 125.
Bildung 14, 19, 24, 54 ff., 61 ff., 72, 78, 142 ff., 152;
siehe auch Frauenbildung, Laienbildung.
– geistliche 34, 54 ff., 61 ff., 84, 112, 144.
– gesellschaftliche 83 f.
Bischöfe 47, 54 ff., 62, 65 ff., 87, 91, 131.
Briefe, Briefverkehr 61, 63, 75, 121, 139, 152.
Brot 44, 52, 125.
Bruderschaften 38, 130, 137.
Buchdruck 142.
Buchmalerei 60, 63.
Bürgertum 47 f., 76, 80, 92, 94, 98 ff., 102, 104, 107, 113 ff.
Burg 47, 49 f., 85 f., 88, 128.
Byzantinische Einflüsse 78.
Christianisierung 10, 15 f., 19, 21, 25, 28 ff., 33, 69 f., 109.
Demokratischer Geist 115 f., 128, 142.
Derbheit 27, 90, 121 f., 139 f.
Deutsch (Volksbezeichnung) 21 f.
Deutsche Sprache s. Sprache, Schriftsprache.
Deutscher Orden 110, 117 f.
Deutsches Reich 3, 23 f., 57, 67 f., 107 ff.
Dialektik 61, 103.
Dichtung 7, 17, 25, 30, 34 f., 60 f., 82, 84 f., 87, 91, 93 f., 107,
111 f., 121, 139 f.
– lateinische 61, 63 f., 150.
Dorf 10, 47 f., 50.
Egoismus 69, 104, 106, 115, 118, 120.
Ehe 37, 83, 98.
Eigenart, nationale 7, 16 ff., 22, 25 ff., 34 ff., 53, 58, 66 f.,
69, 73, 75 f., 82, 89, 93, 108, 148, 157.
Einfachheit 45, 50 f., 97, 123 f.
Eloquenz 150, 152.
England 100 f., 105, 117.
Erblichkeit der Ämter 39, 42, 56, 106.
– der Güter 95 f.
– der Lehen 39, 42, 80.
Erziehung 22, 93.
Fahrende 34 f., 114, 128, 138.
Familie 5, 16, 37.
Farbenfreude 51, 86, 128.
Fasten 33, 44, 52.
Fastnachtsspiele 138 f., 141.
Feste 97, 125 ff., 130, 137 f.
Fischnahrung 52.
Fischzucht 44.
Fleischnahrung 52, 124.
Fluchtburgen 25, 49.
Formalismus 32, 119, 122.
Franken (Stamm) 10 ff., 21, 23 f., 39 f., 52, 81, 108 f.
– Herzogtum 24.
Frankreich 66, 82, 103 ff., 117, 123, 129, 149 f.
Französische Einflüsse 55, 73, 81 f., 88 f., 92 f., 103, 111, 127,
141, 149 f.
Frauen 5, 30, 33, 37, 82 ff., 86 f., 89, 122, 126, 133, 139, 147.
Frauenbildung 22, 55, 62, 82 f., 143.
Frauenhäuser 126 f.
Frauenraub 4, 37.
Freie 5, 16, 27, 38 ff., 42 f., 80 f., 98.
Friesen 4, 7, 9 f., 18, 21, 26, 46.
Fronden 40 f., 95.
Fürsten s. Landesherren.
Fußvolk 116.
Garten 44.
Gau 42.
Gebundenheit 27, 73 f.
Gefolgschaft 5, 38.
Gefühlsleben 32, 120 f., 132 f., 141; s. auch Gemütsleben.
Geistesleben 6 f., 34 ff., 54 ff., 61 ff., 78 f., 97 f., 103 f.,
118, 141 ff.
Geistliche 14 f., 22 f., 30, 33 ff., 37, 54 ff., 61 ff., 65 f., 70,
80, 83, 91, 102 f., 106 f., 111 f., 114 ff., 126, 128 ff.,
133 f., 143 ff., 147, 155 f.
– niedere 128, 130, 133 ff.
Geldwirtschaft 13, 94 f., 102, 117 f., 128, 134, 154.
Gelehrtenstand 155.
Gemüsebau 9, 12, 44 f.
Gemütsleben 28, 33, 35, 98.
Genossenschaftlicher Geist 27, 37 f., 80, 96, 119.
Genußsucht 85, 90, 118, 122 f., 126 ff., 131 f., 137, 139, 141.
Gerichtswesen 36, 42, 96, 106, 115, 148.
Germanen 3 ff., 69, 81.
Geselligkeit 83 f., 89, 92, 122, 127, 137 f.
Gesellschaftliche Kultur 72, 77, 79, 82 ff., 91, 122.
Gewalttätigkeit 27, 31, 77, 96, 139.
Gewerbe 6, 13, 18, 45 f., 98 f., 118.
Gewürz 8, 12, 46, 52, 78, 86, 100, 124 f.
Gilde 37 f., 100 f., 115.
Glasmalerei 88 f.
Glaubensleben, volkstümliches 28 ff., 97 f., 130, 134.
Gotik 88 f., 103, 108, 154.
Grafen 13 f., 36, 40, 42, 80.
Grausamkeit 5, 28.
Grobianismus 122, 139.
Grundbesitz 38 ff., 48, 76, 94.
Grundherrschaft 12, 25 f., 41 ff., 94 ff.
Haartracht 17, 25, 51, 86, 97.
Habgier 31, 77, 107, 114, 123, 136 f., 139.
Handel 8 ff., 12, 24, 26, 46 f., 72, 78 f., 98, 100 ff., 117 ff.,
125, 134 f., 149.
Handelspolitik 102, 120.
Handschriften 63.
Handwerker 45 f., 48, 99 f., 114 f., 118 ff., 127, 134, 137, 154.
Hansa 101 f., 107, 120.
Haus(bau) 6, 27, 50, 97, 124.
Hausrat 6, 12, 50 f., 86, 97, 124.
Hauswirtschaft 99.
Heerwesen 38 ff., 108, 115 ff.
Heidentum 25, 28 ff., 79.
Heilkunde 12, 63, 78, 144 ff., 147.
Heldensang 17, 34 f., 38, 82.
Herrenhof 40 f., 43, 49, 76.
Herrenklasse 16, 20, 22 f., 27, 36, 39, 43 f., 46, 48 ff., 87, 94,
111.
Hessen (Stamm) 25.
Höfische Kultur 73, 84, 91, 108, 128, 133.
Hof, fürstlicher 54, 84, 91, 116 f., 140.
Holzbau 6, 50, 53, 124.
Holzschnitt 141 f.
Holzschnitzerei 6, 52, 124.
Humanismus 72, 142, 148 ff., 155 f.
Humanität 31, 85, 151.
Humor 137 f., 140 f.
Hus, Hussiten 136, 156.
Idealismus 85.
Immunität 13, 42.
Individualismus 7, 27, 38, 73 ff., 89, 107, 152.
Innerlichkeit 7, 93, 132 f., 156 f.
Internationalität 71 ff., 81, 107 f., 151.
Italien 24, 28, 54 f., 63, 78, 100 f., 105, 117, 120, 123, 148 f.
Italienische Einflüsse 54 f., 124, 148 f.
Jagd 36, 82 ff., 93.
Juden 46, 101, 116, 132, 134 ff., 147.
Juristen 144, 147 f., 150.
Kaisertum 11, 14, 19, 55, 57, 72, 149.
Kanzlei 15, 61, 143, 147 f., 150.
Kapitalismus 131, 134 f.
Karl d. Gr. 16, 19 f., 23, 25, 31, 34 f., 38, 40, 44, 62 f.
Kaufleute 8, 46, 48, 92, 100 f., 110, 115 ff., 119 f., 131, 134 f.,
143, 153.
Ketzer 129, 131 f., 155.
Kirche 13 ff., 19 f., 28 ff., 40 f., 52, 54, 56 ff., 64 ff., 69 ff.,
79 f., 90 f., 103, 108, 119, 129 ff., 134, 136, 153 ff.